Unter dem Apfelbaum

von Thainwyn
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
Grima Schlangenzunge Théoden
19.03.2013
19.03.2013
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Disclaimer: Alles in dieser Geschichte gehört Tolkien und seinen Erben, und die Charaktere leihe ich mir nur aus und gebe sie nachher wieder zurück. Ich habe nicht die Absicht, Geld mit dieser Geschichte zu verdienen; sie dient einzig und allein dem Vergnügen.


Hier mein Beitrag zum Projekt: Das Alter schlägt zu! von Roheryn und DeepSilence.

Charakter: Théoden

Ort: Wiese

Stichwörter: Apfelbaum, Haarspange, Schwert



A/N: Spielt ca. im Jahre 3014; Théodwyn ist seit 12 Jahren tot und Théodens körperliches Gebrechen macht sich langsam bemerkbar, welches ihn nachher an den Thron binden wird...
Hm, und es ist doch ernster geworden, als ich dachte.





Unter dem Apfelbaum







Der Wind strich über die weite Grasebenen Rohans. Das Donnern von Hufen ließ auf einmal den Boden erzittern, und eine Taube flog, aufgeschreckt aus ihrem Mittagsschlaf, aus dem hohen Gras auf.
Eine Schar Reiter ritt über die grüne Wiese, und das weiße Pferd auf grünem Grund rannte mit ihnen und bauschte sich im Wind. Es waren des Königs Männer, die über die Felder ritten.
Sie kamen von Aldburg, welches sich hinter ihnen auf seinem Hügel erhob. Ein hoher Zaun, gefertigt aus roh behauenen Baumstämmen, schützte die Stadt vor Angriffen.
Die Reiter durchquerten einen Bach, der sich durch das Land schlängelte, und schließlich hielten sie an. Vor ihnen stand ein Apfelbaum, unter dessen schattigen Zweigen ein grüner Hügel lag, bedeckt mit kleinen, weißen Blumen. Ein grauer Stein, beschrieben in der Sprache Gondors und der Mark, stand vor ihm und zeigte an, wer unter dem schönen Antlitz der Simbelmynë ruhte.

In den Augen des Königs lag Schmerz, als er auf das Grab blickte.
Er saß ab, mühseliger als sonst, wie es manchem schien, und ging schweren Schrittes auf das Grab zu, an dem er sich niederkniete. Eine schwielige Hand strich sanft über die Oberfläche des Steines.
„Théodwyn...“
Seine Männer wandten die Blicke ab, als der König das Gesicht in der Hand vergrub.



Seine Tränen waren versiegt, und stumm starrte er nun auf den Grabstein mit seiner Inschrift. „Théodwyn, Thengels Tochter“, stand dort eingemeißelt, dazu ihr Geburtsjahr und das Datum ihres Todes. Der Stein war schlicht gehalten, doch Théoden hatte es so gewollt. Théodwyn hätte es so gewollt, da war er sich sicher. Seine Schwester war nicht unbedingt mit dem ruhigsten Gemüt gesegnet gewesen, doch mit Pracht hatte sie sich noch nie umgeben.
Dies sollte auch in ihrem Tode so sein.

Ein Schatten fiel auf ihn, doch er blickte noch immer auf die Inschrift des Grabsteines. „Hier ruht meine Schwester“, sagte er leise, „hier, unter dem Apfelbaum nahe ihrer Heimat. Théodwyn liebte Äpfel; oft sagte sie, dass sie irgendwann einen eigenen Apfelbaum haben wolle, als wir noch Kinder waren. Sie wünschte sich, in der Nähe von Aldburg begraben zu werden und außerhalb der Stadt. Sie hat schon immer die Freiheit geliebt, und doch hielten ihre Lieben sie stets zurück. Nun ist sie tatsächlich frei, zu gehen, wohin sie will, und doch spüre ich, dass ihr Geist hier verweilen wird. Sie liebt dieses Land zu sehr, um es zu verlassen.“
Er blickte zu dem Mann in dem dunklen Gewand auf, der neben ihn getreten war, doch dieser betrachtete das Grab unverwandt aus seinen blassen Augen heraus.

„Weshalb habt Ihr mich mitgenommen, mein König?“

Théoden runzelte die Stirn. „Was willst du mit diesen Worten sagen?“ fragte er sanft.
Der Mann blickte für einen Moment zur Seite, als wäre es ihm unangenehm, seinem König in die Augen zu sehen. „Ich gehöre nicht zur Königsfamilie“, sagte er. „Und die letzten Jahre habt Ihr immer Euren Sohn mit Euch genommen und mich in Edoras zurückgelassen, um Eure Hallen zu bis zu Eurer Rückkehr bewachen. Weshalb nehmt Ihr mich nun mit; mich, der ich doch nur Euer Ratgeber bin?“

Théoden seufzte schwer und antwortete nicht, während ihm der Wind sein Haar in das Gesicht blies. Etwas Silbernes glänzte zwischen dem Gold auf, und er fing es auf und hielt es hoch.
Ein graues Haar.
Er konnte nicht sagen, dass er es nicht erwartet hätte, doch erschrak er bei dem Anblick. Er hatte gedacht, dass dies noch auf sich warten lassen würde.
Die Antwort jedenfalls konnte nun nicht länger warten. „Ich werde alt, Gríma“, sagte er leise und seufzte. „Das Reiten wird mir immer mühseliger, ganz zu Schweigen vom Auf – oder Absitzen. Ich weiß, dass meine Wachen es bemerkt haben, selbst, wenn sie so tun, als hätten sie es nicht. Ich ermüde schneller als früher, und mein Schwert verstaubt langsam in seiner Truhe, da ich nicht einmal mehr das Verlangen hab, es anzusehen.“
„Die Trauer, mein Herr“, sagte der Mann leise, während der Wind sein dunkles Gewand bauschte. „Die Trauer zermürbt Menschen schneller.“
„Wohl wahr“, antwortete Théoden und senkte den Blick wieder auf das Grab. „Dies habe ich bei meiner Schwester gesehen. Und doch... ich möchte meinem Sohn diesen Anblick ersparen. Es schmerzt ihn schon, dass er seine Mutter bei der Geburt verlor und sein Vater darüber trauerte, und dass der Tod Théodwyns noch mehr Anlass zur Trauer ist. Deshalb habe ich dich mitgenommen. Du kennst mich; vor dir brauche ich mich nicht zu verstecken. Dir kann ich offen zeigen, was ich bin: Ein Mann, der aufgrund der Trauer vor seiner Zeit gealtert ist. Siehe! mein Haar ergraut bereits.“ Und er zupfte die Strähne von seiner Schläfe und hielt sie ihm hin.

Der Ratgeber betrachtete ohne ein Wort das silberne Haar, welches zwischen den Fingern des Königs hing, bis dieser es losließ und es vom Wind davongetragen wurde.
„Du sagst nichts“, bemerkte der König leise.
„Mein König hat mir nicht befohlen, zu reden.“
Théoden runzelte die Stirn. „Und was würdest du sagen, wenn ich dir befehle, zu sprechen? Würdest du sagen, du sähest es nicht? Fragen, was dort zwischen meinen Fingern gewesen wäre? Leugnen, dass es ein graues Haar war?“
Der Ratgeber wandte den Blick ab. „Das wäre eine Lüge, mein Herr“, sagte er leise.
Der König seufzte und ließ die Hand sinken. „Und doch ist es das, was die Meisten zu mir sagen würden“, murmelte er. „Sie würden mich belügen, in dem Glauben, dass sie mich dadurch gutmütig stimmten.“ Er blickte auf. „Sprich, mein Ratgeber, und sei ehrlich: Sage mir, was du siehst.“
Der Mann runzelte die Stirn und wich einen halben Schritt zurück. „Mein Herr, ich denke nicht, dass ich...“
„Sprich!“ Théodens Stimme war streng, und seine grauen Augen waren hart. „Dies ist keine Bitte, Gríma. Du hast den Befehlen deines Königs zu folgen.“
Der Ratgeber seufzte, sich augenscheinlich unwohl fühlend, doch dann glitt der Blick der blassen Augen zu ihm und musterte ihn scharf und ohne Mitleid.
Théoden wartete.

„Ich sehe einen alten Mann, der vor dem Grab seiner Schwester kniet“, sprach der Ratgeber schließlich, und seine Stimme war klar und scharf. „Sein Gesicht ist zerfurcht von Trauer, und seine Hände beben. Seine Glieder werden schwach, und es bereitet ihm mehr Mühe, sich zu erheben, als er sich eingestehen will. Und er fürchtet sich davor. Er fürchtet sich, seinem Sohn so gegenüber treten zu müssen; fürchtet sich, sein Alter seinem Sohn und Erben zu zeigen.“
Der Ratgeber schwieg, die blassen Augen noch auf ihn gerichtet, und Théoden schloss die Augen und senkte den Kopf. Ein gequältes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Wahr, wohl wahr“, flüsterte er. „Schmerzhaft wahre Worte, die du sprichst. Und doch, war ich es nicht, der dir den Befehl gab, ebendiese Worte ehrlich auszusprechen? Menschen hungern nach der Wahrheit, wissen jedoch selten ihren meist bitteren Geschmack zu schätzen. Und doch tue ich dies. Ich danke dir, dass du ehrlich zu mir warst, mein Ratgeber.“
Dieser neigte den Kopf. „Ich tue nur, was mein König mir befiehlt, mein Herr.“

Théoden lachte auf einmal auf. „Wusstest du, dass meine Schwester ebendiese Worte oft sagte?“, fragte er und blickte zum Apfelbaum empor. „Sie war scharfzüngig, und sie sprach meist ohne Aufforderung. Sie hätte mir ebenfalls vorgehalten, dass ich ein alter Mann sei und mich gefragt, ob ich mit meinem grauen Haar ebenfalls meine Kraft verloren hätte.“ Er seufzte. „Dies erinnert mich daran, dass ich noch eine Haarspange von ihr habe. Ich wollte sie Éowyn geben, wenn sie das rechte Alter erreicht. Möglicherweise zu ihrer Hochzeit, denn ich beginne zu überlegen, ob es nicht besser wäre, langsam einen Gemahl für meine Schwestertochter zu finden. Sie ist nun immerhin 19 Jahre alt.“
Ein leichtes Zucken des Mundwinkels verriet den Ratgeber, ansonsten stand er still. „Wie der König befiehlt.“
Théoden betrachtete ihn scharf. „Ich sehe dir an, du bist nicht mit mir einer Meinung. Sprich. Du weißt, dass ich deinen Rat schätze.“
Dieser zögerte einen Moment, ehe er sprach. „Eure Nichte ist... wild, stolz. Unbändig. Ein wildes Fohlen zäumt man nicht auf, ehe es nicht bereit für das Zaumzeug ist. Zu früh aufgezäumt ist es nicht stark genug; es wird eher zerbrechen, als dass es gehorcht. Wartet, rate ich Euch.“
Théoden lächelte schwach. „Ein wildes Fohlen, sagst du“, meinte er und lachte leise. „Und es stimmt. Wenn man ihr sagt, was sie tun soll, so versucht sie meist das Gegenteil, oder so war es zumindest, als ihre Mutter noch lebte. Sie ist ernster geworden, obgleich sie immer noch mit der gleichen Hingabe das Schwert schwingt. Ich glaube, es war ihr liebstes Geschenk, welches sie zu ihrem fünfzehnten Namenstag bekommen hat. Ihr Wesen hat sie von ihrer Mutter, obgleich ihre Schönheit von ihrer Großmutter herrührt.“ Er lächelte, dann sah er zu dem Ratgeber auf und nickte ihm zu. „Doch ich werde deinen Rat beherzigen, denn ich vertraue deinem Urteil. Ich werde warten.“

Der König erhob sich, doch während er dies tat, taumelte er. Der Arm seines Ratgebers schnellte vor und stützte ihn, und dankbar lächelte der König. „Hab Dank, Gríma“, sagte er, während er sich aufrichtete und zurück zu seinem weißen Pferd Schneemähne ging. Die Wachen bemerkten ihren König und machten sich ebenfalls bereit zum Aufbruch.
Théoden saß auf, und der Ratgeber schloss auf seinem dunkelgrauen Pferd zu ihm auf. Kurz verzog er das Gesicht vor Schmerz, doch da spürte er eine ruhige Hand auf seinem Arm. Er schloss für einen Moment die Augen und seufzte. „Was würde ich nur ohne dich tun?“

Und der Ratgeber lächelte leise.



ENDE
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