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Am Ende der Straße

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Alice Oz Vessalius Raven (Gilbert Nightray) Xerxes Break
17.03.2013
29.05.2013
5
24.967
 
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15 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
17.03.2013 4.607
 
Huhu!
So, weil das hier das lezte (offizielle) Kapitel ist, gibt es ein kleines Vorwort :)
Also, erst mal: das hier ist nicht das Ende - der FF. Und wer jetzt ganz gut aufgepasst hat, hat bemerkt, dass die Story nicht auf "fertiggestellt" wurde...Es gibt nämlich demnächst noch ein kleines "Outtakes"-Kapitel, mit Deleted Scenes, Trivia, und so. Ich poste das nur noch nicht gleich, weil ich die Dramatik hier nicht runinieren will *gg*
Und dann: ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Favo-Einträgen und Reviewern ♥ das hat mich während dem Schreiben wirklich motiviert und ich kann ganz ehrlich sagen, dass mir schon lange keine FF mehr so leicht von der Hand ging wie diese hier!
Zum Ende sage ich jetzt nichts, das steht für sich und ich bin sogar relativ zufrieden damit. Vor allem, weil ich ja die Outtakes kenne xDD
So, das war's. Für's erste ;)
Und ich bin seit genau 1 Stunde und 35 Minuten 18. Yay. Ich bin alt T____T
Noch eine schöne Woche, lasst euch nicht unterkriegen von Montag, der nächste Freitag kommt bestimmt ;) ;) ;) ;) :)
lg, Jolly Roger ~

P.S. Hört euch unbedingt das Lied an, es ist unglaublich berührend ♥ (aber hört euch die Glee-Version an, die ist besser als das Original ^^







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„Like a comet pulled from orbit
As it passes a sun.

Like a stream that meets a boulder
Halfway through the wood.
Who can say if I've been changed for the better?
But because I knew you,
I have been changed for good.“


[Wicked: For Good.]













Der Geschmack nach Zitronenbonbons auf seiner Zunge weckte Gilbert am nächsten Morgen.

Sein erster Gedanke war, dass Oz ihn ärgern wollte. Sein zweiter, dass er das ganz und gar nicht lustig fand. Dann stieg ihm der Duft von frisch gemachtem Kaffee in die Nase, der irgendwo ganz in der Nähe stehen musste. Und der süßliche-schwere Geruch nach Himbeeren.

Mit einem leisen Stöhnen drehte sich Gilbert auf die Seite und blinzelte überrascht, als das dunkle Schwarz hinter seinen geschlossenen Lidern plötzlich zu einem leuchtenden Rot wurde.

Noch verwirrter wurde er, als er spürte, wie ein fremder Atem über seine Wange strich und an seinen Wimpern entlang kitzelte. Vor Schreck verschluckte er den Bonbon in seinem Mund und riss hustend die Augen auf. In seinem dösigen, halb wachen, halb schlafenden Zustand brauchte er drei Lidschläge, um die Situation zu erfassen.

Er war in einem Hotelzimmer in Los Angeles.

Die andere Seite des Doppelbettes war leer.

Auf dem Nachttisch stand ein Pappbecher mit dampfendem Kaffee.

Er hatte soeben einen Zitronenbonbon verschluckt.

Vor ihm kniete jemand so nah, dass er nur den hochgestellten Kragen eines weißen Hemdes erkennen konnte.

Dieser Jemand hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn.



„Das ist nicht lustig, Oz...“, fauchte Gilbert sofort, seine Stimme nicht mehr als ein schwaches Zittern. Unter der Decke ballte sich seine linke Hand zur Faust, während sein Herz so schmerzhaft brannte, dass er für einen Moment dachte, er hätte es in kochendes Wasser getaucht. Übelkeit füllte seinen Bauch aus.

Es tat weh.

So von Oz vorgeführt zu werden.

Aber noch viel quälender waren die Gedanken an Break, die ihn sofort durchflutetet hatten, als er den Kaffee gerochen hatte. Konnte Oz denn nicht verstehen, dass dieses kleine Morgenritual mit Break ein wichtiger Teil seines Lebens war?

Und dann machte es klick. So laut, dass Gilbert sich sicher war, dass man das Geräusch der ineinander greifenden Zahnräder in seinem Kopf akustisch wahrnehmen konnte.

Das mit dem Kaffee...hatte er Oz nie erzählt.

Der nächste Atemzug blieb Gilbert im Hals stecken. Mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung richtete er sich auf und setzte zu einem Satz an, einem Wort, irgendetwas, das er hätte sagen können, aber genau wie der Atem blieben auch die Laute in seiner Kehle hängen und ließen ihn einfach im Stich.

Mit offenem Mund starrte er in das Gesicht seines besten Freunde. Erwiderte den Blick, der ihn bis ins Mark traf und konnte spürten, wie sich unter diesem stechenden Gefühl jedes Häarchen auf seinem Körper aufstellte. Wie er selbst unter dem angriffslustigen Funkeln in der roten Iris zu schmelzen begann.

„Guten Morgen, Gilbert“, zirpte Break mit überschwänglicher Freude in der Stimme. Langsam stemmte er sich hoch und baute sich vor Gilbert auf, die Hände in die Hüften gestemmt und breit grinsend. Wie immer fielen ihm die weißen Strähnen über das linke Auge und Gilbert musste sich beherrschen, um in seinem immer noch vernebelten Zustand nicht eine Hand zu heben und seinem Freund die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Dass er es nicht tat, lag vermutlich sowieso nur daran, dass er immer noch viel zu geschockt war, um zu begreifen, was gerade vor sich ging...

„Dieser Oz“, Break betonte den Namen missmutig und Gilbert war sich nicht sicher, ob er sich die Eifersucht hinter den zwei Buchstaben nur einbildete, „ist vor einer halben Stunde gegangen...das heißt, wir sind ganz alleine...“ Ein unsicheres Lächeln huschte über Breaks Lippen. „Aber trink doch erst mal deinen Kaffee!“ Auffordernd hielt er ihm den Becher hin.

Zögernd nahm Gilbert das heiße Koffein entgegen und nippte vorsichtig an der dunklen Flüssigkeit. Der Kaffee schwappte in seinen Mund und der bittere Geschmack löste endlich die Worte, die seinen Hals versperrt hatten.

„Break...“, hauchte er zittrig, und stellte den Becher wieder zur Seite. Dann reagierte er schließlich so, wie er immer reagierte, wenn er mit der Gesamtsituation überfordert war...aggressiv.

Was zur Hölle tust du hier?! Ich meine, nicht, dass ich mich nicht freuen würde, dich zu sehen,aber...Das Hotelzimmer was doch a-abgesperrt und ü-überhaupt! Wir sind hier in L-los Angeles! “, sprudelte es aus ihm heraus, die Worte kamen schneller, als er sie denken konnte.

Er stockte, als er sah, wie sein Freund bei seinen harschen Worten anfing zu schmollen.

„Also wirklich, Gilbert...es ist doch offensichtlich, was ich hier tue...“, knirschte Break und griff ein weiteres Mal nach etwas, das auf dem Nachttisch lag, von Gilbert bis jetzt jedoch ungesehen geblieben war.

Schwungvoll warf Break ihm das dicke Buch zu. Zu langsam, um es zu fangen, zuckte Gilbert nur kurz zusammen, als es in seinem Schoß landete. Mit zusammengekniffenen Augen entzifferte er den Titel und musste unbewusst lächeln. Behutsam fuhr er mit den Fingern seiner rechten Hand, die, die sich nicht immer noch in die Decken krallten, über den abgegriffenen Einband von Edgar Allan Poe's gesammelten Werken. Das einzige Buch, ohne das er fast nie die Wohnung verließ. Das allererste Geburtstagsgeschenk, das er je von Break bekommen hatte.

Wie hatte er es nur vergessen können?

„Du Dummerchen bist doch tatsächlich so schnell geflohen“, diesmal war sich Gilbert sicher; die Wut hinter den Buchstaben war fast schon greifbar für ihn, „dass du deinen wertvollsten Schatz einfach vergessen hast.“ Spott triefte nur so aus den Worten und Gilbert fragte sich beunruhigt, wie sehr genau er Break mit seiner Aktion verärgert haben musste...

Betreten senkte Gilbert den Kopf und schluckte heftig.

„Wie hast du mich gefunden?“, fragte er leise und wich Breaks mürrischem Blick aus.

Sein Freund schnaubte nur und machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ich hab so meine Quellen....“, war seine mysteriöse Antwort, und damit schien die Sache für in erledigt zu sein, denn er entfernte sich von Gilbert und dem Doppelbett, und stellte sich stattdessen vor das große Fenster, durch das die kläglichen Sonnenstrahlen des Morgens fielen.

Das helle Licht reflektierte sich in seinen Haaren und malte feine Linien aus hellem Himmelblau in die sonst so glühenden Augen. Es machte Break wunderschön.

Und in diesem Moment liebte Gilbert ihn so sehr, dass es vollkommen ausreichte, ihn nur anzusehen und zu wissen, dass er hier war. Dass Break über 1000 Meilen gegangen war, um mit atemberaubender Präsenz durch die Tür zu fallen.

Und er wollte mit ihm reden. Wirklich. Unbedingt wollte Gilbert endlich mit ihm über alles reden. So. sehr.

Aber dann fiel ihm etwas anderes ein.

Denn mit der erneuten Erkenntnis, dass er Break liebte, kam endlich sein Verstand zurück von da, wo er seit dem Aufwachen noch Urlaub gemacht hatte.

Wo genau war Oz?

Wollte er sich nicht mit Alice treffen? Auf der Vincent-Thomas-Bridge? Um halb elf?

Nervös schaute Gilbert auf seine Armbanduhr und sprang dann mit einem leichten Fluch auf den Lippen aus dem Bett. Es war schon fast elf! Hektisch schlüpfte er in seine Hose und zog sich schnell ein frisches Hemd aus der Tasche. Er ignorierte Breaks verständnislosen Blick, als er sich seinen Hut schnappte und schon zur Zimmertür rennen wollte. Ein Fehler, denn bevor er die Klinke auch nur berühren konnte, stand Break plötzlich hinter ihm und drückte mit einer Hand gegen die Tür.

„Du willst nicht ernsthaft schon wieder abhauen, oder?!“, schmollte er und kam Gilberts Gesicht dabei so nahe, dass die Worte schwer über dessen Haut krochen.

Gilbert schluckte erneut, und versuchte vergebens, sein hämmerndes Herz zu beruhigen.

„T-tut mir leid“, stammelte er hilflos, „aber ich muss Oz finden! Und mich verabschieden und -“

Weiter kam er nicht, weil Break schon zwei Schritte rückwärts gegangen war und somit die Tür freigab. Sein Gesichtsausdruck ließ sich in keinster Weise deuten, aber Gilbert nahm sich vor, später genauer darüber nachzudenken. Im Moment war er viel zu sehr gefangen in der grauenhaften Vorstellung, er könnte sich nicht von Oz verabschieden.

Erleichtert öffnete er die Tür und war schon halb über der Schwelle, als er von Break noch einmal am Arm zurück gehalten wurde.

„Gilbert...“, sagte er leise und unglaublich zärtlich, „...ich habe dich vermisst.“

Einen wunderschön ewigen Augenblick lang konnte Gilbert ihn nur ansehen und die Worte in sich aufsaugen. Dann erschlug ihn die Zeit, die unnachgiebig in der Form eines kleinen Sekundenzeigers weiter voran schritt.

„Ich dich auch...“, flüsterte er. Dann räusperte er sich und sagte fester, sicherer: „Wir reden später!“

Und schon war er zur Tür raus und rannte den langen Gang zu den Treppen hinunter. Einen schmunzelnden Break im Türrahmen hinter sich lassend.



oOo



Als er keuchend und verzweifelt nach Atem ringend an der Vincent-Thomas-Bridge ankam, konnte er Oz schon von Weitem sehen. Er lehnte lässig am Geländer und umarmte gerade ein Mädchen mit langen, braunen Haaren.

Gilbert schaffte es gerade noch, sich hinter ein parkendes Auto zu ducken, als Oz ganz kurz den Kopf drehte und in seine Richtung sah.

Kopfschüttelnd und über sich selbst schmunzelnd musste er ein hysterisches Lachen unterdrücken, weil das hier so unglaublich lächerlich war. Er war tatsächlich zu feige, zu Oz zu gehen. Und das, nachdem er einen rekordverdächtigen Sprint hingelegt hatte und innerhalb von zehn Minuten durch ein Wirrwarr an Straßen gerannt war, für das man normalerweise vermutlich gut eine halbe Stunde gebraucht hatte.

Und während der ganzen Strecke war ihm nicht einmal der Gedanke gekommen, der jetzt mit der Wucht eines Tornados über ihn hinweg fegte: Vielleicht wollte Oz sich ja gar nicht von ihm verabschieden. Er hätte ihn ja wecken können, bevor er ging, oder wenigstens eine Nachricht hinterlassen. Hatte er aber nicht. Also wollte er ja vielleicht gar keine zu Tränen rührende, tief schmalzige Abschiedsszene, wie Gilbert selbst sie in den Filmen immer hasste, sondern einfach still und leise das Band zwischen ihnen trennen.

Was blieb Gilbert anderes übrig, als diesen Wunsch zu akzeptieren? Auch, wenn es ihm das Herz brach, weil er gerne noch ein letztes Mal mit Oz geredet hätte.

Langsam wieder zu Atem kommend wartete er noch eine Weile hinter dem Auto, ein silberner Skoda Fabia, und linste nach guten zehn Minuten hinter der Motorhaube hervor. Oz war weg, ebenso das Mädchen, das Gilbert als Alice identifizierte. Traurig lächelnd stand er auf und klopfte sich den Staub von der Hose.

Langsam ging über die Brücke und blieb an der Stelle stehen, an der Oz gestanden hatte. Mit einem leisen Seufzen verschränkte er die Arme auf dem Geländer und lehnte sich leicht nach vorne. Der kühle Wind verfing sich in seinen ungekämmten Haaren und trocknete langsam den Schweiß auf seiner Haut. Unter ihm schlängelte sich der Fluss dem Horizont entgegen und erinnerte ihn an den Highway, über den er gestern noch gefahren war.

Er hatte gerade Break stehen lassen, um sich von einem Jungen zu verabschieden, der sich nicht verabschieden wollte. Das toppte so ziemlich alles, was er an Erbärmlichkeit in den letzten Jahren erreicht hatte...



„Haha, ich dachte schon, dass du dich nicht traust, rüber zu kommen!“

Erschrocken zuckte Gilbert zusammen, und drehte sich nach der vertrauten Stimme um. Tatsächlich...da stand Oz, neben ihm an das Geländer gelehnt und in den blauen Himmel starrend. Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen des kleinen Jungen.

„I-ich wollte...“, setzte Gilbert an, unterbrach sich aber selbst, weil er wie immer keine Erklärung für sein irrationales Verhalten hatte. Zumindest keine, die er erklären wollte oder konnte.

Oz kicherte nur, als hätte er Gilberts Gedanken erraten. „Ich hab deinen Hut hinter einem Auto verschwinden sehen, da war mir klar, dass du nicht auftauchen würdest, so lange du Alice und mich da stehen siehst.“

Mit einer schwungvollen Bewegung drehte er sich um und folgte mit seinen Augen jetzt ebenfalls dem Fluss. „Du hattest sicher genauso viel Angst vor diesem Moment wie ich, oder?“, fragte er leise und mit ehrlichem Bedauern in der Stimme.

Gilbert widerstand dem Drang, zu schlucken, und nickte stattdessen nur leicht. Mehr Worte waren eigentlich überflüssig, und obwohl er vorhin noch das Gefühl hatte, Oz eine Menge sagen zu müssen, verschwanden all die schönen Sätze nach und nach aus seinem Kopf und machten einer alles umfassenden Leere platz, die sich wie ein Vakuum anfühlte.

Er hatte wirklich keine Ahnung, was man jemandem zum Abschied sagte, den man erst seit knapp drei Tagen kannte und in seinem Leben vermutlich nie mehr wieder sehen würde. Klar, es machte Gilbert traurig, daran zu denken, Oz zu verlieren, aber gleichzeitig wusste er auch, dass dieser Schmerz ein Verfallsdatum hatte, so wie Radioaktivität eine Halbwertszeit besaß.

„Danke“, sagte er schließlich bloß, sprach damit das einzige Wort aus, das er an Oz richten wollte. Natürlich könnte er noch mehr dazu sagen...

Danke, dass du meinen Reifen gewechselt hast. Danke, dass du mich begleitet hast. Danke, dass du mir einen Teil von dir anvertraut hast. Danke, dass du dir meine Geschichte angehört hast. Danke, dass du mich nie verurteilt hast. Danke, dass du mich zum Lachen gebracht hast. Danke, dass du mir meinen Platz auf dieser Welt verdeutlicht hast.

Aber er tat es nicht, weil Oz das alles auch so wusste. Es sind die Begegnungen mit Menschen, die uns verändern, dessen war sich Gilbert immer sicher, also dankte er Oz dafür, dass er ihn verändert hatte.

„Dito“, war alles, was Oz darauf zu sagen hatte und auch das war genug. Manche Situationen brauchten keine großen Worte, um viel auszudrücken. Ein paar Silben reichten manchmal völlig aus.

„Mann, das ist echt schwer...“, seufzte Oz nach einer Weile des Schweigens und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Gilbert zuckte nur mit den Schultern.

„Diese Szenen habe ich in den Filmen schon immer gehasst...“, sagte er frustriert und krallte seine linke Hand in seinen rechten Ärmel. Er spürte Oz' grübelnden Blick auf sich ruhen und konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie der Kleine schließlich grinste.

Unsere Schicksale waren verflochten, aber niemals eins.“, sagte er mit einem unverkennbar schwülstigen Ton in der Stimme.

Gilbert lachte leise. Das passte perfekt...

„Fluch der Karibik 3.“

Langsam nahm er sich mit der rechten Hand den Hut vom Kopf und strich Oz mit der linken durch die Haare. Dann drückte er ihm den Fedora auf die Frisur.

„Vergiss mich nicht, ja?“

Mit einem verlegenen Rotschimmer auf den Wangen zog sich Oz den geschenkten Hut tiefer in die Stirn und nickte. „Dito“, sagte er zum zweiten Mal und wischte sich unauffällig über die Augen.

Gilbert sagte nichts zu der verräterischen Geste, weil auch er ein unangenehmes Brennen spürte, das gegen seine Lider drückte und dem er auf keinen Fall nachgeben wollte.

„Und jetzt geh, Alice wartet sicher schon auf dich...“

Mit dem Kopf deutete er leicht in die andere Richtung, wo er sich sicher war, eben einen braunen Haarschopf hinter einem der Autos vor blitzen gesehen zu haben. Die Ironie der Situation war ihm durchaus bewusst.

Oz nickte wissend. Aber dann zögerte er doch.

„Was wirst du jetzt machen?“, fragte er neugierig.

Unschlüssig zuckte Gilbert mit den Schultern.

„Ich bin schwul und in L.A., ich geh jetzt erst mal shoppen“, scherzte er mit dem kümmerlichen Versuch eines Lächelns auf den Lippen.

„Gil!“, rief Oz empört und boxte ihn in die Seite.

„Okay, okay,“, machte Gilbert und hob beschwichtigend die Arme. „Ich gehe zurück und rede mit Break. Zufrieden?“ Zerknirscht rieb er sich die schmerzende Stelle.

Oz nickte. „Braver Diener.“

Dann drehte er sich immer noch grinsend um und ließ das Geländer los. Rückwärts gehend entfernte er sich immer weiter von Gilbert, die Hände hinter dem Rücken ineinander geschlungen, den schwarzen Hut auf dem Kopf und das breiteste und traurigste Lächeln im Gesicht, das Gilbert jemals gesehen hatte.

„Mach's gut...vermassle nicht wieder alles, und steh endlich zu dem, der du bist. Du bist nämlich der beste Mensch, den ich kenne“, ratterte er runter, als hätte er ein Referat in der Schule auswendig gelernt. Und bevor Gilbert die Möglichkeit hatte, etwas zu erwidern, drehte Oz sich um und rannte, über die Schulter winkend, los.

Eine Zeit lang sah Gilbert ihm nach, sah zu, wie er zwischen ein paar Autos verschwand und nur noch ein Junge unter vielen wurde, die irgendwo in Los Angeles lebten. So wie auch Gilbert nur noch einer von vielen war, die auf einer Brücke standen und jemanden vermissten.

Seufzend lehnte er sich wieder gegen das Geländer und starrte Löcher in die Luft.





„Nanana, was für eine Szene!“, kicherte plötzlich eine vertraute Stimme neben ihm, aber diesmal zuckte Gilbert nicht zusammen, weil er Breaks Anwesenheit schon gespürt hatte. Liebe war schon eine tolle Sache...

„Heulst du?“, fragte sein bester Freund, und es schwang nicht ein Funke Mitleid oder Mitgefühl in seiner Stimme mit. Nur distanzierte, teilnahmslose Neugierde.

Energisch schüttelte Gilbert den Kopf und wischte sich über die brennenden Augen.

Er hörte Breaks leises Kichern neben sich und freute sich darüber, dass sein Freund der gleiche geblieben war. Und dass sich zwischen ihnen anscheinend nicht wirklich etwas geändert hatte.

Er dachte über das nach, was Oz ihm gesagt hatte...'vermassle nicht wieder alles'...und schluckte.

Was ihm während der letzten drei Tage klar geworden ist, in denen er auf der Flucht vor Break und seinen eigenen Gefühlen war, ist, dass er ihn brauchte.

Er brauchte Break wie ein ausgetrocknetes Flussbett das klare Wasser brauchte, das die rissige Erde wieder in samtenen Grund verwandeln konnte.

„Break“, setzte er an und ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen wie einen Sahnebonbon, „was ich zu Sharon gesagt habe...vergiss es einfach, okay? Ich will nicht, dass sich zwischen uns etwas ändert und...ich will dich nicht verlieren.“

Langsam atmete er aus, wollte so sein zitterndes Herz dazu bringen, wieder im richtigen Takt zu schlagen, und es gelang ihm auch fast. Bis Break sich an seine Schultern lehnte und die Augen schloss.

„Ach Gil...“, seufzte er merkwürdig resigniert und lächelte eines dieser Lächeln, bei denen Gilberts Knie anfingen zu zittern und ihm jedes Mal schwindelig wurde. „Das ist so typisch du...immer denkst du, das Beste wäre, wenn deine eigenen Wünsche nicht erfüllt werden...“

Verständnislos drehte Gilbert seinen Kopf leicht zur Seite und zählte in Gedanken Breaks Haare, die sich über seine Schulter fächerten. „Ich weiß nicht, was du -“ … meinst, wollte er noch sagen, aber Break unterbrach ihn mit einem genervten Schnauben.

„Du solltest zur Abwechslung einfach mal abwarten, was die Menschen antworten wollen würden, wenn du ihnen Gelegenheit dazu geben würdest...“

Der Vorwurf hinter diesen Worten war so deutlich, dass Gilbert keine Mühe hatte, sie zu den Worten zu übersetzen, die Break vermutlich eigentlich sagen wollte.

Anstatt einfach weg zu rennen, hättest du auch da bleiben können und mit mir über alles reden. Das hätte uns beiden eine hohe Benzinrechnung erspart und vermutlich auch die Umwelt geschont.

„Tut mir leid...“, entschuldigte er sich niedergeschlagen und kam sich wieder wie der Junge vor, der von den Lehrern für sein schlechtes Verhalten getadelt wurde.

Break stöhnte, jetzt sichtlich verärgert, aber gleichzeitig lächelte er amüsiert.

„Du hörst mir immer noch nicht richtig zu“, zirpte er, „Wenn du geblieben wärst, hätte es uns beiden eine Meeeeeenge Leid erspart...Ich will auch gar nicht wissen, wie lange vorher du uns schon so unnötig gequält hast...manchmal wäre es wirklich besser, du wärst ein klein wenig egoistischer.“

Und da endlich begriff Gilbert, was Break meinte. Und er begriff, warum sein bester Freund mehr als 1000 Meilen gekommen war, um mit ihm zu reden. Aber er erlaubte sich nicht, eine Sekunde zu lange in dieser Sicherheit zu wiegen. Wenn er wirklich an das glauben wollte, was sein Verstand sich da eben zusammen gereimt hatte, dann musste er über seinen eigenen Schatten springen, etwas riskieren, und fragen.

„Heißt das...ja?“

Er sagte es so leise, dass er zuerst dachte, Break hätte seine Frage überhört, aber nach ein paar Sekunden, die Gilbert wie die Ewigkeit vor kamen, spürte er, wie eine zierliche Hand in seine eigene schlüpfte und sich ihre Finger instinktiv ineinander verschränkten.

„Ja...“, hauchte Break zaghaft und rückte noch ein Stück näher an Gilbert heran. Ja, ich liebe dich auch, du Idiot.



oOo




„Wie langweilig, die küssen sich ja gar nicht!“, beschwerte sich Alice und verschränkte die Arme.

Oz neben ihr kicherte leise. „Das liegt bestimmt daran, dass Gil vieeeel zu schüchtern ist, um sowas in der Öffentlichkeit zu tun.“

Irritiert zuckte Alice mit den Schultern, dann drehte sich weg von der Szenerie, die sie aus sicherer Entfernung hinter einer Hausecke beobachtet hatten.

Oz war unglaublich stolz auf seinen großen Freund, weil es wirklich so aussah, als hätte er es endlich geschafft, die Dinge mit Break in Ordnung zu bringen. Mit einem leichten Schauer erinnerte er sich an das Gespräch, das er selbst mit dem Mann hatte, während Gilbert noch geschlafen hatte...

Und war wirklich froh, dass es ihr kleines Geheimnis geblieben war.

„Lass und endlich essen gehen“, schlug Alice vor und riss ihn aus seinen Gedanken. „Dann kannst du mir noch den Rest erzählen.“

Oz nickte zustimmend und drehte sich ebenfalls um. Allerdings zögerte er noch kurz und sah ein letztes Mal über seine Schultern. Alice bemerkte seinen Blick und hob irritiert eine Augenbraue.

„Bist du dir wirklich sicher, dass du dir nicht seine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse geben lassen willst?“, fragte sie ihn. „Noch können wir -“

„Nein“, unterbrach Oz sofort und zwang sich gleichzeitig selbst, standhaft zu bleiben. Als es ihm gelang, lächelte er. „Manchen Menschen sollte man nur einmal im Leben begegnen.“

Gleichgültig zuckte seine Freundin mit den Schultern, und damit war das Thema für sie erledigt. Eine Eigenschaft an ihr, die Oz wirklich schätzte; sie akzeptierte seine Entscheidungen.

„Irgendwie...hast du dich verändert“, sagte Alice und legte nachdenklich ihren Kopf schief, während sie ihn von oben bis unten genau musterte.

Oz spürte, wie er unter ihrem Blick rot wurde.

„Wirklich?“, hakte er etwas unsicher nach. „Ist das schlimm?“

Prustend schüttelte Alice den Kopf. „Nein, du Dummkopf, es gefällt mir!“ Dann griff sie nach seiner Hand und zog ihn mit sich in Richtung McDonalds.

Während er hinter Alice her stolperte, betrachtete Oz sie. Die Art und Weise, wir ihr die Haare ins Gesicht fielen und ihre Augen in der Morgensonne leuchteten.

Und er bemerkte, dass ihre bloße Anwesenheit einfach alles irgendwie besser machte.



oOo




Während Gilbert nach hause fuhr, richtung Seattle, der Regenstadt, seiner Wohnung und seiner Zukunft mit Break, konnte er nicht verhindern, dass sich sein Blick immer wieder von der Straße löste und stattdessen zu dem schlafenden Mann glitt, der auf dem Beifahrersitz saß.

Der Anblick hatte keine Ähnlichkeit mit dem Bild des blonden Jungen, das er vor weniger als vierundzwanzig Stunden noch vor Augen gehabt hätte, hätte er den Kopf gedreht. Und obwohl der Abschied immer noch schwer in seinen Gliedern lag, fühlte sich Gilbert stärker und mutiger als je zuvor.

Leise summend schaltete er den Radio ein und drehte lauter, als er das alte Lied von den Proclaimers fand, das in letzter Zeit irgendwie rauf und runter gespielt wurde.

Beschwingt sang er den Text leise vor sich hin und dachte dabei an sein eigenes Leben und an den Mann, der dieses Lied hatte wahr werden lassen.

Eine alte Konversation von vor vierundzwanzig Stunden tauchte plötzlich in seinen Gedanken auf und er schmunzelte, als er sich daran erinnerte.

Oz hatte mit so vielen Dingen recht behalten...vielleicht ja auch mit diesem?









oOo













In zehn Jahren würde Gilbert mit einem platten Reifen erneut auf einer einsamen Landstraße zwischen Seattle und Los Angeles stehen. Sein Mantel würde auf der Rückbank seines schwarzen Impala liegen und er hätte sich die Ärmel seines weißen Hemdes nach oben gekrempelt. Ganz plötzlich würde er sich an eine Reise erinnern, die einen Teil seines Lebens verändert hatte.

Während er sich hin knien und den Reifen wechseln würde, würde er das seltsam-vertraute Gefühl eines Déjà-Vus in sich aufsteigen fühlen und für einen kurzen Moment hätte er die Hoffnung, hinter ihm könnte auf einmal ein kleiner Junge mit Rucksack stehen. Im selben Moment würde er sich albern vorkommen, weil sowas natürlich nur in Filmen passierte.

Nach getaner Arbeit würde er sich an sein Auto lehnen und sich entspannt eine Zigarette anzünden. Einer plötzlichen Neugierde folgend würde er sein Smartphone zücken, wie jedes Mal bei dem Anblick seines Hintergrundfotos ungewollt schmunzeln, und dann den Namen Oz Vessalius googeln. Er würde eine Hochzeitsanzeige mit einer gewissen Alice Baskerville finden und sich freuen, dass anscheinend nicht nur in Filmen zwei Menschen für einander bestimmt waren.

Ihm würde ganz warm in der Brust werden, sobald er sieht, welchen Hut Oz auf dem Hochzeitsfoto trägt.

Einer weiteren Empfindung folgend würde er die einzige Nummer wählen, die er seit mehr als zehn Jahren auswendig konnte, und mit klopfendem Herzen darauf warten, dass abgenommen werden würde.

In Gedanken würde er dabei schon das anstehende Gespräch durchspielen.

„Huhu, Zitronenbonbon...“

Wie oft hatte er ihm schon gesagt, dass er keine Süßigkeit war?

„...Was verschafft mir die Ehre einer deiner seltenen Anrufe?“

War das ein leichter Vorwurf in seiner Stimme?

„Nichts besonderes. Ich wollte dir nur 'Ich liebe dich' sagen.“

Gut, dass man die Schamesröte auf seinem Gesicht nicht durch das Telefon erkennen konnte.

„Awww....wirst du etwa gerade rot, Himbeertörtchen?“

Er kannte ihn einfach zu gut...

Und? Ich warte...“

„Ich liebe dich, Break.“

Ich liebe dich auch, Gilbert.“

Während er sich den Ablauf dieses Gesprächs ausmalen würde, würde Gilbert auffallen, wie blau der Himmel war und wie angenehm warm die Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Das Lächeln auf seinen Lippen würde breiter werden und er würde die Zigarette ausdrücken, damit der Rauch nicht sein Blickfeld vernebeln konnte.

Er würde dankbar dafür sein, in der Lage zu sein, einen Reifen selbstständig wechseln zu können und wissen, dass er das alles einem kleinen Jungen mit Rucksack zu verdanken hatte.

Er würde mit jedem Tuten in der Leitung nervöser werden und wenn er das vertraute Knacken hören würde, würde sein Herz für einen Schlag stehen bleiben. Das Bild auf seinem Handy würde ihm in den Kopf schießen, das, auf dem er Break beim Pfannkuchenmachen erwischt hatte, mit Mehl auf der Nase. Der alte Song von den Proclaimers würde in seinen Gedanken auftauchen und ihn dazu zwingen, leise die Melodie zu summen.

Und er würde wissen, dass auch sie beide für einander bestimmt waren, wie in den Filmen.

„Huhu, Zitronenbonbon...“



oOo




„Hey, Gilbert...weißt du, was der größte Unterschied zwischen einem Film und dem wahren Leben ist? … Filme hören nach dem Happy End auf, das Leben geht weiter.“

Und das hier war erst der Anfang...
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