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Am Ende der Straße

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Alice Oz Vessalius Raven (Gilbert Nightray) Xerxes Break
17.03.2013
29.05.2013
5
24.967
 
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17.03.2013 6.294
 
„Darin besteht die Liebe: Dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und miteinander reden.“
[Rainer Maria Rilke]











„Also kennt ihr euch von früher?“, fragte Oz neugierig.

Gilbert nickte.

„Ja. Ich hab in der zehnten Klasse die Schule gewechselt und wurde zuerst immer von allen geärgert. Auch Break war da keine Ausnahme.“ Er stockte kurz und ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er sich an die ersten Tage auf seiner neuen Schule erinnerte. Das ist damals wirklich die Hölle gewesen...

Er, als unsicherer, pickliger Junge mit Brille und einer Vorliebe für Literatur der amerikanischen Moderne, neu in einer Klasse voller sensationslüsterner, überlegener Teenager. Klar, dass er sofort als neues Opfer galt. Vor allem, nach dem Break, der Klassenclown, offensichtliches Interesse daran gezeigt hatte, ihn zu ärgern. Oh, wie hatte er ihn gehasst...

„Wie seid ihr dann Freunde geworden?“

Wieder musste Gilbert schmunzeln, weil das Video in seinem Kopf genau in dem Moment auf das Ereignis sprang, das ihn damals unzertrennlich an Break gebunden hatte, als Oz seine Frage stellte.

„Man sieht es mir vielleicht nicht an“, kicherte er amüsiert, „aber ich war schon immer ein ziemliches Ass in Kampfsport.“

„Eh?!“, keuchte Oz neben ihm überrascht und Gilbert konnte spüren, wie er von oben bis unten gemustert wurde. „Das sieht man dir wirklich nicht an!“, spottete der Kleine mit einem unglaublich breiten Grinsen im Gesicht.

Gespielt verärgert wandte Gilbert seinen Blick von der Straße ab und funkelte stattdessen seinen Beifahrer wütend an. „Hey!“, knurrte er empört, wusste aber, dass es nicht sehr überzeugend wirkte. Oz streckte ihm nur die Zunge raus und kicherte belustigt.

Mit einem resignierten Kopfschütteln gab Gilbert das Wortgefecht auf, noch bevor es begonnen hatte, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Fahren..

Die Straße flog unter den Reifen des Impala vorbei und der Highway lag vor ihnen wie eine endlos lange Schlange aus Teer und Farbe. Über ihnen brannte die Sonne so heiß, dass die Luft flimmerte und der strahlend blaue Himmel zu einer klebrigen Masse verzerrt wurde.

Sie fuhren schon seit gut zwei Stunden wieder, nachdem sie sich in einer Kleinstadt etwas abseits des Highways ein ordentliches Frühstück gegönnt hatten, und Gilbert plante keine Übernachtung vor Los Angeles mehr ein. Allerdings konnte man nie wissen, und er ertappte sich des öfteren dabei, wie er absichtlich etwas langsamer fuhr, als er es normalerweise getan hätte, nur, weil er eigentlich gar nicht wollte, dass sie an ein Ziel kamen.

Und dass ihre gemeinsame Zeit endete.

Aber diese Gedanken waren unrealistisch und irrational, und Gilbert verdrängte sie in die hinterste Ecke seines Kopfes.

Seit dem Aufstehen hatten er und Oz nur das Nötigste miteinander gesprochen, beide vollkommen erschöpft vom Vortag und den langen, ernsten Gesprächen. Aber als sie dann ohne ein Frühstück los gefahren sind, blühte Oz wieder auf, so als könnte er erst jetzt richtig realisieren, dass Gilbert ihn immer noch mit nahm.

Zuerst hatten sie nur wieder über ihre üblichen Themen geredet (Gilbert fand es erstaunlich, dass Oz tatsächlich jede Folge Scrubs fast auswendig rezitieren konnte), aber jetzt hatte Oz endlich die von Gilbert mit fliegenden Nerven erwartete Frage gestellt. Nämlich, wie genau die Sache mit seinem besten Freund und der Liebeserklärung abgelaufen ist.

Gilbert hatte diese Frage gleichzeitig herbeigesehnt und sie ganz weit in die Zukunft gewünscht. Wie einen Schultest, den man lieber hinter sich haben möchte oder so lange es ging vor sich herschieben wollte. Gilbert konnte sich schon zu seiner Schulzeit noch nie entscheiden...

Aber als Oz die Frage gestellt hatte, da war er nur ganz kurz zusammen gezuckt, musste sich nur ein Mal mit der Zunge über die trockenen Lippen fahren und nur mit einem leisen Räuspern das unangenehme Kratzen aus seinem Hals scheuchen, bevor er damit begonnen hatte, dass er und Break schon seit ihrer Jugend sowas wie beste Freunde waren.

Seit einem gewissen Vorfall in der zehnten Klasse...

„Break hat eine kleine Schwester, Sharon. Sie ging damals auf dieselbe Schule wie wir, war aber ein paar Klassen unter uns. Eines Tages habe ich auf dem Heimweg zufällig beobachtet, wie sie von zwei Typen bedroht wurde.“

Er stoppte kurz, als er sich wie von selbst an das Bild erinnerte, das Sharon damals abgegeben hatte. Sie, als kleines, verängstigtes Mädchen, an eine Mauer gepresst, und vor ihr diese zwei Schränke von Teenagern, die sich einen Spaß daraus machten, ihr an den Haaren zu ziehen und ihr immer näher zu kommen.

In dem Moment hatte Gilbert einfach rot gesehen.

Er hatte ausgeblendet, dass er selbst nicht der Mutigste war, dass er selbst knapp einen Kopf kleiner war als diese Möchtegern-Gangster, er hatte sogar vergessen, dass er gerade eben erst vom Karate-Training kam und noch vollkommen k.o. war und dass Gewalt nicht die Lösung für einen Konflikt sein sollte.

Aber im Nachhinein ist er wirklich stolz auf sich, in diesem Moment nicht gezögert zu haben.

„Ich will ja nicht angeben, aber meine Rettungsaktion war schon ziemlich cool.“

Er musste ein lautes Lachen unterdrücken, als er bemerkte, dass Oz ihn mit offenem Mund und einer ungläubigen Grimasse anstarrte.

„Krass“, brachte der Kleine nur heraus und mit einem Mal trat ein bewundernder Glanz in seine Augen. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so cool bist!“, schwärmte er mit einem fast schon anbetenden Unterton in der Stimme.

Gilbert unterdrückte ein verletztes Schmollen und verdrehte stattdessen nur die Augen. Mittlerweile hatte er sich an Oz' kleine Neckereien gewöhnt und wusste, dass sie nur mit einem Augenzwinkern aufzunehmen waren.

Oz neben ihm wurde plötzlich ganz unruhig, hibbelig zappelte er auf dem Sitz hin und her.

„Jetzt sag schon, wie ging es weiter? War Break dir daraufhin so dankbar, dass er dich zu seinem neuen besten Freund gekrönt hat?“

Einen Moment lang konnte Gilbert ihn nur anstarren.

Krampfhaft versuchte er zu erahnen, was wohl gerade in Oz vorging. Was ihn dazu bewegte, sich so für die Geschichte eines Fremden zu interessieren, sich so ehrlich dafür zu interessieren. Was Oz hier von ihm verlangte, das war, dass Gilbert sich ihm öffnete. Dabei war genau dieses sich öffnen Gilberts größtes Problem.

Er konnte es nicht. Nicht so gut, wie er es eigentlich können sollte. Stattdessen hatte er die Angewohnheit, jeder Konfrontation mit sich selbst aus dem Weg zu gehen. Vor seinen eigenen Gefühlen davon zu laufen. Seine momentane Situation war der beste Beweis dafür...

Als er den Blick wieder auf die Straße richtete, die sich einer mit Lineal gezogenen Geraden gleich vor ihm aufzeichnete, kam ihm der Gedanke, dass er vielleicht jetzt, hier, die Chance hatte, statt auszuweichen, geradewegs nach vorne zu gehen.

Auf der Straße zu bleiben, anstatt einen Schleichweg zu nehmen.

„Nein“, antwortete er. „Nein, danach waren wir nicht sofort beste Freunde.“

Er ignorierte Oz' fragenden Blick und drückte ein wenig stärker auf das Gaspedal, wie, um seinen Entschluss zu untermauern. Vorsichtige wählte er seine nächsten Worte aus.

„Es war Sharon, die mir von da an folgte wie ein kleiner Hundewelpe, dem man etwas zu essen gegeben hatte, als er am Verhungern war.“ Ein kleines Schmunzeln zuckte um seine Mundwinkel, als er sich daran zurück erinnerte, wie enervierend das kleine Mädchen damals gewesen ist, als sie ihm ständig hinterher dackelte und ihm hinter jeder Ecke aufzulauern schien.

„Das hat Break mir anfangs ziemlich übel genommen und die 'Angriffe' wurden schlimmer, aber irgendwie musste sie ihn davon überzeugt haben, dass ich kein schlechter Mensch war, denn von da an fand ich jeden Morgen auf meinem Platz im Klassenzimmer einen Zitronenbonbon liegen.“

Dieses Mal musste Gilbert breit grinsen, weil er sich an das missmutige Gesicht seines Freundes erinnerte, als er sich nach ein paar Wochen dafür bei Break bedankt hatte.

„Und seitdem“, schloss Gilbert seine Erzählung, „waren wir einfach irgendwie Freunde.“

Er ließ aus, dass es noch das ein oder andere Mal zu heftigen Auseinandersetzungen inklusive einer Schlägerei (die zu Gilberts Missfallen auch noch unentschieden aus ging) kam, bevor sie soweit waren, sich als 'Freunde' zu bezeichnen, immerhin hatte er auch seinen Stolz.

„Nach der Highschool sind wir auf dasselbe College gewechselt und in eine gemeinsame Wohnung gezogen, einfach, weil es bequemer war und wir uns beide in der fremden Stadt einsam gefühlt hatten. Das ist jetzt...ungefähr fünf Jahre her.“

„Break ist seit der zehnten Klasse immer einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben gewesen. Vielleicht sogar der Wichtigste. Es war nicht so, als hätten sich all die negativen Gefühle einfach in Luft aufgelöst, wenn er da war, aber es wurde alles einfach irgendwie erträglicher. Ein bisschen weniger schlimm. Mit ihm war ich ein bisschen weniger einsam“, schloss er mit dem verzweifelten Versuch, sein Verhältnis zu Break so gut es ging in Worte zu fassen.

Danach schwieg er.

Das war viel. Das war mehr, als er sonst von sich erzählte. Das war mehr, als er sonst überhaupt redete. Aber es fühlte sich gut an. Es war angenehm, seiner Zunge freien Lauf lassen zu können, einfach all die Dinge aussprechen zu dürfen, die man sonst mit Gewalt zurück halten musste, weil sie zu schwer wogen.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er jemals jemandem außer Break von seiner Einsamkeit erzählt hatte. Von dem Gefühl, das so kalt war wie der Seattle-Regen im Herbst.

„Und Break wusste, dass du...?“, sagte Oz beschämt und ein sanfter Rotschimmer zierte seine Wangen.

Gilbert lächelte sanft.

„Was? Dass ich schwul bin?“ Gespielt beleidigt boxte er seinem Beifahrer gegen den Oberarm. „Ich bin vierundzwanzig, denkst du ernsthaft, ich hatte noch nie eine Beziehung?“

Verlegen nuschelte Oz etwas von „das hätte ich echt nicht von dir erwartet...“ und Gilbert quittierte belustigt, dass er den Jungen zum ersten Mal so wirklich und echt aus der Fassung gebracht hatte.

„U-und Break ist a-auch...?“, stotterte Oz nach ein paar Momenten, und nestelte verlegen an der roten Krawatte herum, die wohl so eine Art Markenzeichen sein sollte.

Den Schmerz ignorierend, den diese Frage in seine Brust trieb, nickte Gilbert langsam.

„Ja, Break hatte auch schon den ein oder anderen Partner“, presste er mühsam hervor, die Lippen zu einem schmalen Strich verzogen.

Er nutzte Oz' offensichtliche Verlegenheit und die Tatsache, dass sein Begleiter über das eben Gehörte nachdenken wollte, um sich selbst in seinen Gedanken zu verlieren.

Die Einsamkeit, die tief in seinem Inneren nistete, war eins der schlimmsten Gefühle, die Gilbert kannte. Sie war kalt und grau, und erstickte jegliche Farben um ihn herum. Sie kam, wann immer sie wollte, küsste ihm mit ihrem kalten Atem das Herz, und sie verließ ihn nie wirklich, hinterließ jedes Mal eine Bitterkeit in seinen Gedanken, die er nur mühsam wieder verscheuchen konnte.

Aber das Gefühl, das noch viel schlimmer war, als die Einsamkeit, das war die Eifersucht.

Er hatte kein Recht, auf Breaks ehemalige oder zukünftige Partner eifersüchtig zu sein. Es war ganz allein Breaks Entscheidung, wem er sein Herz schenken wollte, wem er seine Gedanken widmete und wen er in sein Leben hinein ließ.

Nur manchmal...manchmal tauchte in Gilbert die Frage auf, ob er denn nicht genügte?

Ob es denn nicht reichte, wenn Break ihm sein Herz schenkte, wenn er ihm seine Gedanken widmete und wenn er nur ihn in seinem Leben hatte.

Gilbert hasste sich für diesen Wunsch, hasste sich dafür, eifersüchtig und besitzergreifend zu sein. Aber am meisten hasste er sich für seinen Egoismus.

Wer war er schon, dass er urteilen konnte, wen Break in seinem Leben brauchte?



„Wie lange bist du schon in ihn verliebt?“

Erschrocken zuckte Gilbert zusammen, als ihn Oz' Frage mit grausamer Wucht aus seinen Gedanken riss.

„Ich meine“, fügte Oz hinzu, immer noch sichtlich verlegen, „wenn du vorher schon Partner hattest, wirst du wohl kaum vom ersten Moment an in ihn verliebt gewesen sein, oder?“

Gilbert schluckte.

Er konnte schon spüren, wie ihm vor Scham die Hitze in die Wangen stieg und ganz sicher waren seine Wangen schon jetzt knall rot. Genau das war der Grund, warum er es immer vermieden hatte, über Gefühle und derlei Zeug zu reden. Er war einfach nicht dafür geschaffen, ruhig und sachlich dabei zu bleiben. Stattdessen wurde er zu einem offenen Buch für alle anderen.

„Se-seit zwei Jahren, ungefähr“, stammelte er nervös vor sich hin und kaute auf seiner Unterlippe. Nur, um sich abzulenken, kontrollierte er sowohl die Seiten- als auch den Rückspiegel und merkte erst jetzt, dass er sich während dem gesamten Gespräch mit Oz insgesamt nur sehr wenig auf das Autofahren konzentriert hatte.

Kalter Schweiß legte sich wie ein dünner Ölfilm auf seine Haut, sein Herz setzte für zwei Schläge aus, nur, um danach noch schneller und kräftiger zu schlagen. Gleichzeitig überrollte ihn aber auch eine Welle der Erleichterung.

Trotzdem nahm er sich vor, von jetzt an aufmerksamer zu sein und mehr auf die Straße zu achten. Vielleicht würde ihm ein wenig mehr Distanz von ihrem Gespräch auch gut tun.

„Das ist eine lange Zeit“, bemerkte Oz, der anscheinend nichts von Gilberts kleiner Panikattacke mitgekriegt hatte. „Kein Wunder, dass du es ihm irgendwann gesagt hast...“

Nachdenklich starrte Gilbert auf die Straße, seine Hände verkrampften sich automatisch um das kühle Lenkrad, als er seine nächsten Worte vorsichtig stapelte, um ja nichts durcheinander zu bringen.

„Naja...so wirklich gesagt habe ich es ihm eigentlich gar nicht“, sagt er leise und ein ekelhaftes Gefühl von Demütigung rann wie ätzende Säure seine Kehle hinunter, brannte ein Loch in seine Lungen und machte jeden Atemzug unerträglich.

Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie Oz überrascht den Kopf hob und schon zu einem fragenden „Hä?“ ansetzen wollte, aber Gilbert kam ihm zuvor.

„Er hat mitgekriegt, wie ich es zu seiner Schwester gesagt habe“, knirschte er, mit vor Wut bebender Stimme.

Wut auf sich selbst und auf seine eigene Dummheit. Was musste er auch unbedingt Sharon sein großes Geheimnis anvertrauen? Was musste er es überhaupt jemandem anvertrauen? Hätte er nicht einfach weiter so leben können wie die letzten zwei Jahre auch?

Nein, flüsterte eine zarte Stimme in seinem Kopf, nein, hättest du nicht, weil du schwach bist. Schwach und dumm und unglaublich unfähig.

„Verstehe“, sagte Oz bedrückt, echtes Mitgefühl stand ihm ins Gesicht geschrieben, „Und er hat dich abblitzen lassen.“

Aufgebracht schüttelte Gilbert den Kopf.

„Nein!“ Stöhnend krallte er die Hände so fest in das Lenkrad, dass seine Finger unter der Last seiner Muskeln knirschten.

„Ich hab...ich hab nicht mal abgewartet, was er zu sagen gehabt hätte“, krächzte er verzweifelt, und dann brach alles einfach aus ihm heraus.

„Ich bin aufgestanden, an ihm vorbei und aus der verdammten Wohnung raus, aus der verdammten Stadt raus, einfach nur raus! Nur aus mir selbst konnte ich natürlich nicht raus!“ … Dabei war es gerade das, was er am meisten gewollt hatte.

Schwer atmend ließ er sich in das weiche Polster seines Sitzes sinken und lockerte langsam den Griff um das Lenkrad. Dann schüttelte er ungläubig den Kopf.

„Ich bin wirklich ein Idiot“, grinste er schon fast und konnte nur mit Mühe ein hysterisches Kichern unterdrücken. „Einfach wegzulaufen und nicht mal abwarten, was er vielleicht geantwortet hätte...“

Ein paar Augenblicke lang herrschte absolute Stille im Auto. Gilbert konnte seinen eigenen, unrhythmischen Atem hören, Oz' gleichmäßiges Luftholen, das monotone Rattern der Reifen auf der unebenen Straße und das Blasen des Fahrtwindes. Dann fing Oz plötzlich an zu kichern.

Immer lauter und unbeherrschter, bis aus dem vorsichtigen Lächeln ein lautes Lachen wurde.

„Entschuldige, aber...das ist...das ist einfach...so typisch du!“, japste er und wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln.

Gekränkt verzog Gilbert die Mundwinkel. Er erzählte hier gerade die ganze Tragödie seines Lebens und was machte sein Zuhörer? Analysierte ihn dabei. War er wirklich so leicht zu durchschauen?

„Nein, das ist es nicht“, gluckste Oz, als Gilbert die letzte Frage laut stellte. „Es ist eigentlich genau das Gegenteil.“

Verwirrt hob Gilbert eine Augenbraue. „Hä?“

„Naja, du tust immer genau das Gegenteil von dem, was ich eigentlich erwartet hatte“, erklärte sich Oz. „Normalerweise habe ich eine ziemlich gute Menschenkenntnis, aber bei dir...da versage ich regelmäßig aufs Neue.“

Wieder entstand eine Gesprächspause. Aber es war eine der angenehmen Sorte, bei der beide in ihren eigenen Gedanken versanken und es nur eine Frage der Zeit war, bis die nächste Frage kommen würde, die nach einer Antwort verlangte, und das Gespräch erneut in vollem Gang wäre.

Wie eigentlich fast immer war es Oz, der das Schweigen brach.

„Bereust du, dass du gegangen bist?“

Da war sie. Die Frage, auf die Gilbert gewartet hatte, die er sich selbst in jeder freien Minute gestellt hatte, und die so unglaublich anders klang, als sie von jemand anderem ausgesprochen wurde.

Wie lange hatte er gestern Vormittag darüber nachgedacht? Bevor er mit einer Autopanne hilflos am Straßenrand gestanden war. Und gestern Abend...wie lange war er wach gelegen und hatte sich diese Frage gestellt...immer und immer wieder, bis ihm die Worte wie ausgeleierter Kaugummi vor kamen, zu oft lautlos gewispert, um noch festen Inhalt zu haben, um noch eine Bedeutung zu haben.

Bereute er, dass er gegangen ist?

Sollte er es bereuen?

Ja, ja, vermutlich sollte er es bereuen. Vermutlich würde es von Stärke zeugen, von einer Veränderung in ihm, einer Art von Kraft, die doch eigentlich da sein müsste und ihn dazu bewegen sollte, umzukehren, sich vor Break zu stellen und die Worte, die er zu Sharon gesagt hatte, noch einmal zu wiederholen.

Sie dem richtigen Menschen zu sagen.

Aber er tat es nicht.

Wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, sich ganz offen all die Gefühle eingestand, die in seinem Inneren wirbelten wie ein bunter Vogelschwarm, dann erkannte er vieles.

Er erkannte, dass er angefangen hatte, Oz als 'Freund' einzustufen, obwohl das vollkommen irrational war, weil er ihn doch erst seit wenigen Stunden wirklich kannte.
Er erkannte, dass er Gefallen am Autofahren gefunden hatte, und das, wo er doch seit dem Erwerb seines Führerscheins immer eine fast krankhafte Angst in seinem Inneren gespürt hatte.
Er erkannte, wie sehr er Break eigentlich liebte, wie sehr er ihn brauchte und wie sehr er ihn vermisste.

Und er erkannte, dass er nichts von alledem bereute, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert war. Und dass ihn das unglaublich schwach machte.

Langsam schüttelte er den Kopf, ein vorsichtiges Lächeln umspielte seine Lippen und er spürte, wie gleichzeitig mit der Antwort auf Oz' Frage ein Hebel in ihm umgelegt wurde und er begriff, dass er sich tatsächlich verändert hatte, dass er vielleicht immer noch schwach war und immer noch die falschen Gefühle mit sich herum trug, aber dass er jetzt endlich dazu in der Lage war, sich diese Schwäche auch einzugestehen. Und dass das die eigentliche Veränderung ausmachte.

„Nein, nein, ich bereue es nicht.“ Aber ich werde es irgendwann tun.



oOo



„Hey...! Oz..Oz!“

Sanft rüttelte Gilbert an der Schulter des kleinen Jungen, der zusammengekauert auf dem Beifahrersitz schlief. Ein friedliches Lächeln umspielte seine Lippen und die blonden Strähnen fielen ihm wirr ins Gesicht.

Mit einem dösigen „Was'n los?“, öffnete er langsam die Augen und gähnte herzhaft. Dann zuckte er instinktiv vor Gilberts ausgestreckter Hand zurück, lehnte sich im nächsten Moment aber schon erschöpft gegen die warme Handfläche.

„Warum weckst du mich?“, murmelte er immer noch verschlafen und rieb sich über die Augen. „Und warum fahren wir nicht mehr?!“ Ein Anflug von Panik hatte sich in seine Stimme geschlichen und Gilbert musste sich bemühen, um nicht laut los zu lachen. Es verhielt sich wirklich niedlich...

„Ich bin ziemlich erschöpft“, sagte er ruhig und schnallte sich gleichzeitig ab. „Und weil wir sowieso erst spät abends in L.A. sein werden, dachte ich, wäre eine kleine Pause nicht schlecht.“

Langsam nickte Oz verstehend und blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht, das durch die Scheibe der Beifahrertür fiel. Dann tat er es Gilbert gleich und löste den Gurt, der ihm ohnehin unbequem in die Schulter geschnitten hatte.

Neugierig richtete er sich auf und schaute aus dem Fenster, gespannt darauf, welche Szenerie ihn erwarten würde.

Der schwarze Impala stand auf einem weiten Parkplatz, weit und breit war kein anderes Auto zu sehen und auch sonst gab es nicht viel. In großer Entfernung konnte Oz noch einen schmalen Streifen Straße erkennen, ansonsten war um ihn herum nur weite Graslandschaft und ein paar vereinzelte Bäume.

Noch während er sich fragte, was ein so großer Parkplatz mitten im Nirgendwo sollte, stieg Gilbert neben ihm aus und knallte die Tür zu. Ohne eine Sekunde zu zögern öffnete auch Oz seine Tür und sprang aus dem Wagen.

Genüsslich streckte er sich und atmete tief die frische Sommerluft ein, die in seinen Lungen kitzelte und viel köstlicher schmeckte, als die klimatisierte Luft im Auto. Ein leichter Wind strich ihm über die Haut und er fröstelte leicht wegen des Temperaturumschwungs. Im Wagen war es angenehm kühl gewesen, hier draußen jedoch knallte die Sonne auf seine Haut und trieb ihm augenblicklich den Schweiß aus den Poren.

Er rieb sich einmal über die Augen und drehte sich dann um, als er Gilberts Schritte hörte, die zum Kofferraum des Autos gingen. Gleich darauf hörte er ein metallenes Klicken und wusste, dass Gilbert die Klappe geöffnet hatte, um etwas zu holen.

Und dann sah Oz die große Mauer, die am Ende des Parkplatzes stand und ganz offensichtlich der Grund dafür war, warum hier überhaupt ein Parkplatz war.

Elgin Ave Cemetary stand auf einem alten, verrosteten Schild, das über einem schweren Eisentor befestigt war.

Überrascht drehte sich Oz zu Gilbert, der sich gerade seinen Hut aufsetzte und den Kofferraum wieder schloss.

„Was machen wir auf einem Friedhof?!“, platzte es aus ihm heraus und er starrte seinen großen Freund überrascht an.

Der zuckte nur mit den Schultern und begann, auf das Tor zuzulaufen.

„Wie gesagt, ich bin müde, also machen wir eine Pause. Und weil ich Friedhöfe mag und es viel lustiger finde, mir alte Gräber anzusehen, als stumpfsinnig auf einem Parkplatz im Kreis zu laufen, dachte ich, so ein kleiner Abstecher wäre eine nette Abwechslung.“

Ein wenig verunsichert legte Gilbert den Kopf schief und sah Oz abwartend an, als würde er auf Zustimmung oder Ablehnung warten.

Oz musste ein Kichern unterdrücken, weil Gilbert in diesem Moment einfach nur unglaublich niedlich aussah. Ein wenig hilflos, ein wenig unsicher, und so, als würde er seine ganze Zukunft von Oz' nächsten Worten abhängig machen wollen. Vielleicht interpretierte Oz aber auch einfach zu viel in einen schräg gelegten Kopf und hochgezogene Augenbrauen …

„Okay, dann lass uns gehen!“, rief er überschwänglich und hängte sich an Gilberts Arm.

Er mochte das Gefühl, von jemandem gestützt zu werden, wenn auch nur durch einen angewinkelten Ellenbogen. Es war der Körperkontakt an sich, der ausreichte, um ihm das Gefühl zu geben, nicht unerwünscht zu sein. Angenommen zu werden. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal jemandem außer Alice körperlich so nah gekommen war.

Und obwohl er spürte, dass Gilbert kurz zusammen zuckte, als sie sich berührten, ließ Oz seinen Arm nicht los, weil er wusste, dass auch er diese Stütze irgendwie gebrauchen konnte.

Ihre Schritte knirschten auf dem Schotterweg, viel zu laut für die schwere Stille, die über dem Friedhof lag und jeden Atemzug in das Tosen eines Sturms verwandelte. Sie schwiegen, redeten nicht über das, was sie innerlich beschäftigte, was sie aufwühlte, während sie die Reihen aus Gräbern abschritten, hin und wieder im Vorübergehen die unbekannten Namen entziffert, die in die altmodischen Steinblöcke eingraviert waren.

Es waren die Namen von Menschen, die nicht mehr wiederkommen würden.

Die ihre Chance im Leben vielleicht genutzt hatten, vielleicht aber auch nicht.

Die mit Reue im Herzen gestorben waren oder mit Frieden auf den Lippen.

All die vielen Geschichten, die sie vielleicht zu erzählen gehabt hätten, auch sie waren mit ihnen vergraben, würden nie wieder ans Tageslicht kommen, nie wieder von aufgesprungenen Lippen fließen und von neugierigen Ohren gehört werden.

Es war traurig und bedrückend, voller süßlicher Melancholie.

Aber als Oz und Gilbert ihre Runde drehten und schließlich wieder am Tor ankamen, an ihrem Ausgangspunkt, und vor dem ersten und letzten Grabstein stehen blieben, fühlten sie sich ein Stück weiser. Ein Stück reifer und ein Stück älter. Als hätten sie im Gehen all die Geschichten mit ihren Füßen aufgesogen, sie in ihren Körper aufgenommen und dort eingespeichert.

„Weißt du, was ich glaube?“, sagte Gilbert leise, während seine Augen über die Inschrift des Grabs streiften. „Ich glaube, dass jeder Mensch seinen Platz auf dieser Welt hat. Und wenn er stirbt, hinterlässt er eine Lücke, die nicht mehr zu füllen ist...besonders in den Herzen der Menschen.“

Langsam nickte Oz, rückte vorsichtig noch ein wenig näher an Gilbert und kuschelte sich in den aufgewärmten Stoff des fremden Hemdes. „Das hört sich toll an“, hauchte er leise, ließ die Worte auf seinen Lippen schmelzen und lächelte voller Zärtlichkeit vor sich hin.

Sie standen noch eine Weile so da, aneinander gelehnt, um nicht umzufallen, und genossen es, ihren Platz auf der Welt zu kennen.



oOo



„>>Straßen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen!

„Das ist einfach!“ Siegessicher grinste Gilbert in den Seitenspiegel. „Das ist aus >>Zurück in die Zukunft

Oz neben ihm stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Krass, du bist wirklich gut“, lobte er und ließ sich ein wenig tiefer in den Beifahrersitz sinken. Eine nachdenkliche Falte legte sich auf seine Stirn, als er in seinem Gedächtnis nach dem nächsten Filmzitat kramte, das er Gilbert stellen konnte.

Ihre Pause lag schon zwei Stunden zurück und langsam versank die Sonne hinter dem Horizont. Die Straße schien immer länger zu werden unter den Reifen des Impala und Los Angeles rückte in Oz' Gedanken immer weiter in die Ferne, fast schien es ihm unmöglich, dass sie jemals ankommen würden. Aber die Straßenschilder belehrten ihn regelmäßig eines Besseren, indem sie ihren ganz eigenen Countdown benutzten, um ihm zu zeigen, wann seine Reise zu Ende war.

Aus Langeweile hatte er Gilbert zu einem kleinen Wettkampf aufgefordert. Er würde die verschiedensten Filme zitieren und Gilbert sollte sie erraten.

Ganz so, wie Oz es vermutet hatte, war das nicht das geringste Problem für seinen Fahrer. Bis jetzt hatte er jeden Film fast auf Anhieb gewusst und sichtlich Gefallen an dem kleinen Spiel gefunden, denn er war mit einer solchen Begeisterung bei der Sache, dass es Oz so vorkam, als wäre Gilbert zum ersten Mal wirklich in seinem Element.

„Okay, dann jetzt etwas Schwereres! >>Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann!

Gilbert zögerte, einen winzigen Augenblick bloß, so lange wie er brauchte, um alle drei Spiegel zu überprüfen, dann grinste er wieder. „>>Der Pate

Fast schon ein wenig verärgert verzog Oz die Lippen zu einer grimmigen Schnute. So langsam störte es ihn gewaltig, dass sein neuer bester Freund so geschickt in diesem Spiel war. Dann kam ihm ein wirklich fieser Gedanke und das nächste Zitat ließ er sich förmlich auf der Zunge zergehen, weil er wusste, dass Gilbert im Leben nicht darauf kommen würde. Das war kein Film, den sich jemand wie Gilbert ansehen würde!

„>>Das Herz einer Frau ist wie ein tiefer Ozean voller Geheimnisse

„>>Titanic<<“, kam es sofort von Gilbert und Oz drehte sich überrascht zu ihm. Ungläubig hob er eine Augenbraue und bemerkte zu seiner Belustigung, dass Gilbert knallrot anlief.

„Ernsthaft?“, kicherte er spöttisch. „Du hast Titanic gesehen? Ausgerechnet du?! Und ich dachte, du wärst keiner dieser Klischee-Schwulen!“ Er bog sich förmlich vor Lachen und musste sich den Bauch halten, um überhaupt noch richtig atmen zu können.

„S-so war das nicht!“, verteidigte sich Gilbert sofort. Aber bevor er sich noch weiter rechtfertigen konnte, unterbrach ihn Oz prustend.

„Dann war es Break, der dich gezwungen hat, den Film anzusehen? Und du konntest einfach nicht 'nein' sagen, he?“

Genervt rollte Gilbert mit den Augen, die Röte in seinem Gesicht blieb aber und versicherte Oz, dass sein Gegenüber immer noch nervös war.

So erbärmlich bin ich jetzt auch wieder nicht!“, empörte sich Gilbert, musste sich aber im selben Moment noch auf die Lippe beißen, um seine nächsten Gedanken nicht auszusprechen. Doch, eigentlich hört sich das ziemlich nach mir an...

„Es war Sharon, die Break und mich dazu gezwungen hat, mit ihr diesen Film zu sehen.“ Gekränkt schüttelte er den Kopf. „Also wirklich, dass du mir zutraust, sowas freiwillig anzusehen...!“ Ein Schauer lief ihm über den Rücken und er zitterte leicht, als er sich daran zurück erinnerte, wie genau Sharon sie beide dazu gebracht hatte, mit ihr diesen vollkommen untypischen Film anzusehen...

Überrascht stutze Gilbert, dann schlich sich ein hinterhältiges Grinsen auf sein Gesicht.

„Aber sag mal, Oz...“, säuselte er zuckersüß, „Woher kennst du denn diesen Film?“

Lässig winkte Oz die Frage ab. „Ich hab eine Freundin, da gehört sowas dazu“, sagte er selbstsicher und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Ein glückliches Lächeln legte sich auf seine Lippen.

„>>Nicht jeder Schatz besteht aus Gold und Silber, weißt du?

Selbstgefällig schmunzelte Gilbert in sich hinein.

… „>>Fluch der Karibik



oOo



Müde unterdrückte Gilbert ein Gähnen und blinzelte angestrengt die Müdigkeit aus seinen Augenwinkeln. Mittlerweile war es dunkel außerhalb des Impala, das einzige Licht ging von den Scheinwerfern aus. Wie kleine Flammen verbrannten sie das Tuch der Finsternis, das über der Straße und dem Horizont lag.

Eigentlich hatte Gilbert so etwas wie einen klaren Sternenhimmel erwartet, aber es stimmte wohl, was man sagte. Die Städte vertrieben das Funkeln am Firnament und tauchten alles in indigofarbene Tinte.

Zaghaft drehte sich Gilbert zu Oz, der mit dem Kopf an die Fensterscheibe gelehnt da saß und sein Spiegelbild musterte.

Irgendwann in den letzten zwanzig Minuten hatte er ihr Spiel aufgegeben, weil er wohl eingesehen hatte, dass Gilbert nicht zu schlagen war, wenn es um Filme ging.

Immer noch musste er ein Kichern unterdrücken, wenn er daran dachte, dass er tatsächlich jeden Film gewusst hatte. Da waren die langen Fernseh-Abende mit Break doch noch zu etwas gut gewesen...

Leise seufzte Gilbert, als er sich an die vielen Stunden zurück erinnerte, die er zusammen mit seinem besten Freund auf ihrem Sofa verbracht hatte, eingehüllt in eine warme Decke, mit genügend Chips, Schokolade und Bonbons, um einen ganzen Monat davon leben zu können, und vor allem mit Break.

Es waren schöne Erinnerungen. Klar, sie hatten ihre schwierigen Momente, wenn sie sich so heftig zofften, dass die Nachbarn besorgt klingelten und fragten, ob alles in Ordnung sei. Sie konnten sich auch Uneins darüber sein, welchen Film sie sehen wollten oder ob Charakter A zu den Guten oder zu den Bösen gehörte. Oder ob Charakter B verständnisvoll handelte und trotzdem ein Idiot war. Sie waren sich häufig nicht einig, ob ein Ende jetzt gepasst hatte, ob es zu kitschig war oder zu offen oder zu pessimistisch.

Er und Break, sie hatten einen unterschiedlichen Geschmack, eine unterschiedliche Einstellung und einen unterschiedlichen Humor. Aber genau das war es, was diese Abende so toll machte. Die langen Diskussionen darüber, die Möglichkeit, die eigene Perspektive ein wenig zu verändern und auf gewisse Dinge mit einen anderen Blick zu erhaschen.

Sie ergänzten sich. Und ohne Break fühlte sich Gilbert irgendwie unvollständig. Wie ein Mond, der keine Erde hatte, um die er kreisen konnte.

Vielleicht, dachte Gilbert, ist das ja der Grund, warum ich Oz nicht allein lassen wollte...vielleicht habe ich nur jemanden gebraucht, um den ich selbst kreisen konnte...

Ein leises und deprimiertes Seufzen kam über seine Lippen, bevor er seinen Blick wieder von Oz abwandte und zurück auf die erleuchtete Straße richtete. Wie ein Tunnel aus Licht erstreckte sich der schmale Strahl der Scheinwerfer, während um sie herum nur bodenlose Finsternis herrschte. Fast stimmte dieser Anblick Gilbert wieder etwas optimistischer...

Er hob den Kopf, starrte nicht nur mehr auf die Straße direkt vor sich, sondern wagte es zum ersten Mal, seit die Sonne untergegangen war und ihn mit der Nacht allein ließ, bis ganz nach hinten zum Horizont zu sehen.

Und dann sah er Los Angeles.

Wie ein Lichtermeer ergossen sich die unzähligen Punkte zu einem großen Muster zusammen, als wollten sie den Sternenhimmel imitieren, der sich in ihnen zu spiegeln schien, obwohl er nicht zu sehen war.

Etwas in Gilbert erwachte bei diesem Anblick zum Leben. Ein Gefühl von vollkommener Ruhe. Die Melancholie des Augenblicks gravierte sich in sein Herz ein, aber sie nahm ihm nicht den Atem, wie sie es sonst tat, sondern es war ihm, als öffnete sie ihm die Käfigtür und erlaubte es seinem wahren Selbst nach langer Zeit endlich wieder nach draußen zu gehen.

Und erst jetzt wurde ihm klar, wie viel von sich selbst er die letzten zwei Jahre wegschließen musste, sorgfältig verwahrt in den Tiefen seines Herzens, für niemanden mehr zugänglich, weder für Break, noch für Sharon, noch für ihn selbst.

Er wollte weinen, aber stattdessen lächelte er still vor sich hin und stupste Oz zaghaft an.

Erschrocken hob sein Beifahrer den Kopf.

Anstatt etwas zu sagen, deutete Gilbert nur aus der Frontscheibe und sah zu, wie Oz verwirrt seinem Finger folgte und schließlich erstaunt den Mund zu einem leisen Oh öffnete.

In den grünen Augen konnte Gilbert die Sterne der Stadt sehen.

Wie kleine Glühwürmchen, die durch den Wald tanzten, reflektierten sich die leuchtenden Pünktchen in Oz' Blick und irgendwie hoffte Gilbert, dass sich auch in seinen eigenen Augen der Zauber des Moments widerspiegelte.



oOo



Erschöpft ließ sich Gilbert auf das weiche Doppelbett sinken und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Blinzelnd kämpfte er gegen das penetrante Licht der kleinen Nachttischlampe an, das ungewohnt gegen seine an die Dunkelheit der Welt außerhalb des Hotelzimmers gewöhnten Augen drückte. Noch klebte der Geschmack seiner letzten Zigarette, die er eben auf dem kleinen Balkon mit Aussicht auf Los Angeles geraucht hatte, in seinem Hals und füllte seine Lungen.

Ein wenig zögerlich kroch er schließlich unter die warme Decke und spürte fast augenblicklich die Nähe von Oz' Körper, der auf der anderen Seite des Bettes lag. Ihm lag ein leichter Fluch auf den Lippen, den er gerade noch rechtzeitig runter schlucken konnte, als er spürte, wie die elende Hitze in seinen Wangen brannte, und er beeilte sich, die Nachttischlampe auszuschalten und somit den letzten Rest Licht aus dem Zimmer zu verbannen.

Es war ihr Pech, dass sie genau das Hotel gewählt hatten, in dem nur noch ein Doppelzimmer dieser Art frei gewesen war, sodass sie jetzt in einem Ehebett schlafen mussten. Aber sie waren zu müde gewesen, um zu einem anderen zu fahren, und deshalb waren sie geblieben. Jetzt aber wünschte sich Gilbert durchaus, dass sie vielleicht wenigstens zu einem weiteren Hotel gegangen wären...

„Ist es okay, dass wir nicht gleich zu Alice gefahren sind?“, fragte er in die Stille hinein, die Stimme nicht mehr als ein schwaches Hauchen.

Er konnte spüren, wie Oz neben ihm seine Position ein wenig veränderte und langsam ausatmete.

„Ja...ich habe ihr eine SMS geschrieben, dass ich sie gleich morgen früh treffen will...heute wäre es schon zu spät gewesen...“ Der Schlaf sprach aus Oz' Worten und Gilbert wusste, dass sein kleiner Freund hinübergeglitten war in die Welt aus Träumen und Illusionen.

Verlegen drehte er sich auf den Bauch und verbarg sein Gesicht in dem kühlen Kissen. Oz' gleichmäßiger Atem und das leise Ticken einer Uhr waren die einzigen Geräusche und Gilbert spürte, wie auch er, trotz der unangenehmen Situation, vor Erschöpfung einzuschlafen begann.

Der Zigarettenrauch, der immer an ihm haftete, stieg ihm in die Nase, und für einen winzigen, ganz kurzen schläfrigen Wimpernschlag konnte er sich vorstellen, er läge in seiner eigenen Wohnung, in seinem eigenen Bett, in seiner eigenen Stadt.

Es war der Moment zwischen Wachen und Schlafen, in dem Gilbert zum ersten Mal anfing, zu bereuen.

Denn er vermisste Seattle. Vermisste diese Stadt, die ihm erst gezeigt hatte, was Einsamkeit wirklich bedeutete und die trotz allem zu soetwas wie einem Zuhause für ihn geworden ist. Deren Straßen er kannte, deren Cafés er besuchte und in deren Restaurants er manchmal mit Break zusammen aß, wenn sie beide zu faul zum Kochen waren.

Er vermisste den Regen, der unaufhörlich vom Himmel zu fallen schien und trotzdem immer einen anderen Rhythmus hatte. Der so leise sein konnte, wie Tautropfen auf den ersten Blättern der Bäume im Frühjahr. Und gleichzeitig so heftig wie ein Splitterhagel. Der einmal vollkommen unerwartet anfing und einen überraschte, während man einen Spaziergang machen wollte. Oder der sich Tage vorher schon durch graue Wolken ankündigte, die sich am Himmel zu stauen schienen.

Er vermisste seine Wohnung, diese paar Wände, die ein Rückzugsort für ihn waren, etwas Sicheres, von dem er wusste, dass es auf ihn warten würde, wenn er nach einem anstrengenden Tag nach hause gehen wollte. Und auch, wenn die Einsamkeit an manchen Tagen in jeder Ecke zu sitzen schien, war diese Wohnung doch der einzige Ort, an dem er sie ignorieren konnte.

Aber am meisten...am meisten vermisste er Break. Er vermisste es, aufzuwachen und den Duft von frisch gemachten Kaffee zu riechen, von dem jeden Morgen eine Tasse neben seinem Bett stand. Er vermisste es, am Frühstückstisch mit ekelhaft süßen Kuchen vollgestopft zu werden. Er vermisste es, in jeder Schublade eine Packung Bonbons zu finden, wenn er nach einem Blatt Papier oder Briefmarken oder Besteck suchte. Er vermisste sogar die ständigen Sticheleien, die gemeinen Kommentare und das ewige Gezanke.

Er vermisste es, Break um sich herum zu haben, die Gegenwart des anderen körperlich spüren zu können, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um die blasse Haut zu fühlen. Er vermisste den Geruch nach Süßem, der Break zu umgeben schien, wie eine Wolke aus zu dick aufgetragenem Parfüm.

Er vermisste Break. Fühlte sich plötzlich einsamer als je zuvor. Und sein Herz blutete vor Reue, als er einschlief.



oOo



Gilbert sollte am nächsten Morgen von dem Geschmack nach Zitronenbonbons auf der Zunge geweckt werden.



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Neues Kapitel, yippie!
Und es ist leider überhaupt nicht so geworden, wie ich gehofft hatte *seufz*
Aber irgendwie hatte ich auch keine Lust mehr, da ewig dran rum zu basteln und
es so nur noch schlimmer zu machen T____T
Deshalb warte ich jetzt einfach auf Ktirik und überarbeite es dann =D
Well then, bis zum nächsten Mal ;)
Jolly Roger ~
P.S. Ich mag Cliffhanger :P
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