Ein Tag am Strand

von Sulime
KurzgeschichteHumor, Familie / P6
Boromir Denethor II. Faramir
15.03.2013
15.03.2013
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Die Geschichte wurde für das Projekt Das Alter schlägt zu von Roheryn und DeepSilence geschrieben.
Den Ort und die Stichworte, die ich gewählt habe, findet ihr im Anschluss.

Disclaimer: Nicht einmal der kleinste Kieselstein in dieser Geschichte gehört mir. Das ist alles Eigentum von J.R.R. Tolkien und Erben. Deswegen leihe ich mir das Ganze nur aus, um meinen Spaß zu haben. Geld verdienen will ich damit keins.


Ein Tag am Strand

Eigentlich hatte es ein ganz normaler Strandausflug werden sollen. Nichts Besonderes, ein kleiner Spaziergang am Meeresufer, vielleicht den Kindern erlauben, ihre Füße für einen Moment ins Wasser zu halten, vorausgesetzt, die Wellen waren nicht zu stark.
    Definitiv nicht geplant war gewesen, dass sich die Jungen bei der ersten Sichtung des Strandes in ihren besten Kleidern, die sie für den Besuch bei ihren Großeltern angezogen hatten, in den Dreck warfen und mit Feuereifer begannen, eine klebrige Miniversion von Minas Tirith zu bauen. Bevor ihr Vater irgendetwas dagegen einwenden konnte, waren die Kinder bereits dabei, eine Verbindung zwischen dem Wasser und der Stadt zu bauen, die sie „Anduin“ tauften. Mithilfe eines von seinem Onkel ausgeborgten Eimers schleppte Boromir ganze Wagenladungen von nassem Sand in Richtung der wachsenden Festung, wo sein jüngerer Bruder diese mit größter Hingabe in mehrere Stadtmauern umwandelte.
    Überhaupt war das ganze Imrahils Schuld. Denethor konnte Urlaube nicht ausstehen. Völlig unnötiger Aufwand, bei dem man sich Krankheiten oder Magenverstimmungen zuziehen konnte, um bei der Rückkehr dann von der liegengebliebenen Arbeit nahezu erschlagen zu werden. Nein, es war Imrahils Idee gewesen, dass sein Schwager ihn zusammen mit seinen kleinen Söhnen besuchte. Wäre der Anlass nicht so ernst gewesen, hätte Denethor bestimmt nicht zugesagt, aber der einzige verbliebene Großvater seiner Kinder war bereits sehr schwach und wollte seine Enkel unbedingt noch einmal sehen. Außerdem sei das Seeklima doch so gesund, hatte Imrahil hinzugefügt, und den Jungen würde es sicher guttun, mal aus der Stadt herauszukommen.
    Ha, guttun, von wegen. Denethor konnte schon sehen, wie sich die beiden beim Spielen in diesem feuchtkalten Sand eine Lungenentzündung zuzogen. Ihre Mutter war schließlich auch krank geworden und die hatte das Haus nur selten verlassen…
    „Vater!“ Boromirs Stimme störte ihn in seinen Gedanken. Der Zwölfjährige winkte ihm zu. „Willst du nicht mitbauen?“
    „Nein, danke“, kam die knappe Entgegnung. „Und es wäre mir auch lieber, wenn ihr nicht bauen würdet!“
    Er erhielt keine  Antwort, hätte aber schwören können, dass er Boromir leise „Spielverderber“ murmeln hörte, was Faramir zu einem erschrockenen nach Luft schnappen hinriss.
    Vielleicht hatte Imrahil ja doch recht. Die Luft in Dol Amroth sollte ja wirklich gut sein und auch wenn es heute bewölkt war, die Temperaturen waren immer noch hoch, fast ein wenig zu hoch für die dunklen Kleider, die Denethor stets trug. Und Finduilas hatte ihre Heimat geliebt. Ihr zuliebe hatte er ihre Hochzeitsreise nach Dol Amroth verlegt. Komisch, damals war es ihm hier gar nicht so karg und unfreundlich vorgekommen. Vielleicht hatte sich das Klima inzwischen verändert, man wusste ja nie, was für Auswirkungen diese neue Bedrohung in Mordor haben konnte. Immerhin hieß es, dass Sauron das Wetter beeinflussen konnte. Überhaupt, ein Grund mehr, warum er jetzt in Minas Tirith sein sollte, statt seine Söhne beim Bau von Sandburgen zu beaufsichtigen! Der Krieg nahm sich ja auch keine Auszeit. Wer wusste schon, was ihm entging, während er hier bei seinem Schwiegervater Ferien machte? In diesem Augenblick konnte Gandalf hinter seinem Rücken sein Unwesen in Minas Tirith treiben, Orks mochten Ithilien durchstreifen, die Haradrim an den Grenzen Unheil stiften… Vielleicht hätte er den Palantir mitnehmen sollen, das war ihm schon vorher in den Sinn gekommen. Aber nein, das wäre niemals gut gegangen. Der Stein hätte entdeckt werden oder, noch schlimmer, Schaden nehmen können. Besser er blieb zuhause und in Sicherheit. Trotzdem gefiel es Denethor nicht, auf sein bevorzugtes Mittel zur Informationsbeschaffung zu verzichten. Und dann war da ja auch noch Sauron persönlich, dem er bereits mehrmals im Palantír gegenübergetreten war. Was, wenn sein Feind so herausfand, dass er sich weit im Südwesten befand und Gondor angriff?
    Ein lautes Heulen riss ihn abermals aus den Gedanken. Es kam von Faramir. Schlagartig war alles vergessen. Der Junge saß nicht mehr bei der Sandburg! Denethor sprang auf, bereit, seinen Sohn den Wellen Dol Amroths zu entreißen.
    Doch Faramir befand sich immer noch auf dem Festland, wenn auch gefährlich nahe beim Wasser. Dafür stand Boromir knietief im Meer und stocherte mit einem Stock darin herum. Eru, wenn man nur einen Moment nicht hinsah!
    „Was soll das werden?“, donnerte Denethor und kam auf sie zu. Die Kinder zuckten zusammen. Boromir sah ihn schuldbewusst an.
    „Mein Eimer“, schniefte Faramir und deutete auf die Stelle, wo Boromir stand, denn Stock noch immer in der Hand. „Ich wollte Wasser schöpfen und dann ist er mir reingefallen.“
    „Kein Grund zum Weinen“, sagte Denethor unwirsch. „Und schon gar keiner“, fügte er wütend an Boromir gewandt hinzu, „um sein Leben zu riskieren! Du kommst jetzt sofort aus dem Wasser!“
    „Aber Vater“, protestierte der Junge, „ich war doch nur bis zu den Knien drin!“
    „Und das war töricht genug!“, gab Denethor zurück. „Als ob der Eimer bei diesen Wellen noch in Ufernähe wäre. Wenn ich noch einmal einen von Euch auch nur mit einem Zeh im Wasser sehe, gehen wir auf der Stelle nach Hause! Haben wir uns verstanden?“
    „Ja, Vater“, kam es trotzig von Boromir und schniefend von Faramir. Mit langen Gesichtern gingen die Kinder zurück zu ihrer Sandburg, Faramir immer noch leise schluchzend. Denethor entdeckte einen großen Stein nicht weit von ihnen entfernt, auf dem er sich niederlassen konnte. Hier schien ihm jedoch die Sonne, die wieder hinter den Wolken aufgetaucht war, unfreundlich ins Gesicht. Er schirmte die dunklen Augen mit der Hand ab und ärgerte sich ein weiteres Mal über Imrahil, der ihn zu diesem Spaziergang überredet hatte.
    Irgendwo auf dem Boden glitzerte es. Mangels einer anderen Beschäftigung stand Denethor auf, um zu überprüfen, was es war, ließ seine Söhne dabei jedoch nicht aus den Augen.
    Als er die Stelle erreicht hatte, bückte er sich und hob den glitzernden Gegenstand auf. Es war eine Spiegelscherbe! Und eine ziemlich große noch dazu.
    Denethor war fassungslos. Hier hatte er seine Söhne barfuß spielen lassen! Es war wirklich unglaublich. Sobald sie wieder zurück waren, würde er seinem Schwager, der mittlerweile die Hauptgeschicke in Dol Amroth lenkte, einen Vortrag darüber halten, wie seine Strände in Schuss gehalten wurden.
    Misstrauisch betrachtete er die Scherbe. Darin sah er lediglich sein eigenes Spiegelbild. Strenge, tiefliegende Augen, helle Haut, die selbst in der Sonne nicht dunkler wurde und… Er ließ die Scherbe fallen. Hastig sah er zu seinen Söhnen herüber. Zum Glück hatte das keiner mitbekommen. Schnell hob er das zerbrochene Stück wieder auf. Tatsächlich. Das durfte doch nicht wahr sein! Inmitten seines vollen, dunklen Haares – ein Erbe seiner Mutter – glitzerte es silbern. Immer noch fassungslos schleuderte Denethor die Scherbe in Richtung der Felsen und ließ sich auf den Stein zurücksinken.
    Er war erst sechzig. Das war kein Alter für einen Erben númenorischen Hochadels wie er einer war! Mardil Voronwe, der erste regierende Truchsess, war hundertzwanzig Jahre alt geworden, doppelt so alt wie Denethor jetzt war. Gut, danach war es langsam bergab gegangen. Aber er hatte sicher noch  dreißig oder vierzig Jahre vor sich! Ob er sich auf die freute oder nicht, war natürlich eine andere Sache.
    Endlich begriff er die andauernden Mahnungen seines Vaters, sich mit dem Heiraten zu beeilen.  Die hatte er damals, jung und eigensinnig, immer abgetan. Und jetzt saß er hier mit zwei Kindern, die seine Enkel sein könnten und stellte fest, dass sein Haar allmählich grau wurde.
    Nun, wahrscheinlich sollte es ihn nicht wundern. Er hatte ein Land zu regieren und das auch nicht erst seit gestern. Der andauernde Konflikt mit Sauron kostete ihn eine Menge Kraft, mehr als er sich gerne eingestehen wollte. Und die Jungen waren auch nicht gerade pflegeleicht. Aber dennoch verstörte es ihn. Er hatte einfach nicht damit gerechnet.
    Und er brauchte seine Kräfte! Seine Feinde würde es nicht kümmern, ob er in die Jahre kam. Seine Verbündeten auch nicht. Die Anforderungen würden zunehmen und er musste ihnen mit aller Härte und Entschlossenheit begegnen. Er konnte es sich einfach nicht erlauben, ein tattriger Greis zu werden.
    Schon wieder ein Schrei. Und wieder Faramir. Warum musste der Junge nur ständig in Tränen ausbrechen?
    Denethor erhob sich pflichtbewusst, um nach seinem Sohn zu sehen. Die Ablenkung kam ihm ganz gelegen.
    Faramir kniete im Matsch neben dem, was vor ein paar Momenten noch wie Minas Tirith ausgesehen hatte. Anscheinend hatte er es bei dem krönenden Abschluss – dem weißen Turm Echtelions – mit dem Wasser etwas zu gut gemeint. Die braune, schlammige Masse war jedenfalls nicht fest genug, um sich zu irgendetwas verarbeiten zu lassen und lief nun ungehindert die unteren Ringe hinab, die anders als richtige Stadtmauern von ihr mitgespült wurden.
    Statt mit seinem Bruder zu schimpfen, weil dieser die Sandburg zerstört hatte, legte Boromir tröstend einen Arm um den Jüngeren und redete beruhigend auf ihn ein.
    „Lass mich, es ist meine Schuld“, sagte der Kleine trotzig und heulte weiter.
    „Ach was“, widersprach Boromir. „Ich hätte auch besser aufpassen sollen.“ Faramir beachtete ihn nicht. Die Miene seines älteren Bruders wurde hilfloser. „Komm schon, Fari, es ist doch nur eine Sandburg gewesen.“
    „Aber ich hab sie kaputt gemacht“, heulte Faramir. „Alles, was ich anfasse, mache ich kaputt.“
    „Hat Vater dir das eingeredet?“, murmelte Boromir.
    In diesem Moment tauchte Denethor auf, ignorierte die zerlaufene Sandfestung und stellte seinen Sohn auf die Füße. Zufrieden bemerkte er, dass das Gewicht des Siebenjährigen ihm immer noch genauso wenig Mühe bereitete wie früher.
    Vorsichtig klopfte er den Schmutz von den Sachen seines weinenden Sohnes – mit mäßigem Erfolg. Faramir schluchzte nur noch mehr und wollte sich gar nicht mehr beruhigen. Was hätte Finduilas jetzt getan?, fragte sich Denethor. Er wusste keine Antwort. Stattdessen hob er den kleinen Jungen kurzerhand hoch, wie er es getan hatte, wenn Faramir als Kleinkind nicht hatte schlafen können und schaukelte ihn leicht hin und her.
    „Schsch“, machte er beruhigend, zog ein Taschentuch hervor und versuchte erfolglos, Faramirs Gesicht von Dreck und Tränen zu reinigen.  „Das ist doch kein Grund zum Weinen.“ Er steckte das Taschentuch wieder ein.
   „Und was ist dann ein Grund dafür?“, fragte Faramir kläglich und drückte sein immer noch schmutziges Gesicht gegen den Hals seines Vaters.
    Festzustellen, dass die Kräfte einen verlassen, die man so sehr bräuchte, dachte Denethor. Laut sagte er: „Sieh mal, Sandburgen bleiben sowieso nie mehr als einen Tag. Dann kommt die Flucht und nimmt sie mit sich.“
    Das war nicht das, was Faramir hatte hören wollen. Er schluchzte nur noch mehr. Boromir verdrehte die Augen.
    „Und überhaupt“, fügte Denethor schnell hinzu, „sind Sandburgen doch langweilig. Es gibt viel interessantere Spiele.“
    Das veranlasste Faramir dazu aufzublicken. „Wirklich?“, fragte er mit tränenfeuchten Augen.
    Verdammt. Da hatte er sich ja was eingehandelt.
    Denethor war als Kind nie am Meer gewesen. Bei den seltenen Gelegenheiten, da sein Vater seinem einzigen Sohn und Erben erlaubt hatte, mit seiner Amme die Stadt zu verlassen, war er nicht weiter als zum Pelennor, ganz selten auch zum Ufer des Anduin gekommen. Eru, war das lange her. War er wirklich schon so alt?
    „Was für Spiele, Vater?“, wollte Faramir wissen. Die Neugier hatte ihn glatt vergessen lassen zu weinen.
    Denethor setzte ihn entschlossen auf dem Boden ab. „Na, dann pass mal auf.“
    Er entledigte sich seiner Stiefel, krempelte die Ärmel hoch und überquerte gefolgt von seinen Söhnen den Strand, bis er zu einer Stelle kam, wo das Wasser eine kleine, flache Bucht bildete, an der die Wellen fast nicht zu sehen war. Dabei bemerkte er nicht, dass Boromir ihn mit einem entgeisterten Blick ansah, der deutlich die mentale Stabilität seines Vaters in Frage stellte.
    Kiesel gab es hier nicht so viele wie am Anduin, aber er fand einen schönen, glatt geschliffenen Stein. Mit einer geübten Bewegung wog er dessen Gewicht kurz ab, holte dann aus und ließ ihn über das Wasser springen. Viermal tauchte er ein, bevor er versank.
    Zufrieden drehte Denethor sich um. Er hatte nichts verlernt.
    Seine Söhne blickten ihn skeptisch an.
    „Das ist lahm“, kommentierte Boromir.
    „Wie bitte?!“ Denethors Stimme klang ungläubig. „Darin haben wir früher ganze Meisterschaften ausgetragen! Euer Onkel Imrahil war nichts gegen mich. Nur eurer Mutter musste ich mich immer geschlagen geben.“
    „Mama hat so was gemacht?“, wollte Faramir immer noch zweifelnd wissen.
    „Natürlich“, antwortete Denethor und war erstaunt über sich selbst. Wann hatte er das letzte Mal mit den Kindern über Finduilas gesprochen?
    Faramir schien eine Entscheidung getroffen zu haben. Zielstrebig ging er auf das Wasser zu, ergriff einen anderen Stein, zielte und – sah zu, wie der Stein sofort auf Grund ging.
    „Das ist ja gar nicht so leicht, wie es aussieht“, staunte er und Denethor konnte einen gewissen Stolz nicht unterdrücken.
    „Ich bringe es dir bei“, versprach er.
    Den Rest des Tages verbrachten sie damit, unzählige Steine in der Bucht zu versenken. Boromir bewies keine ruhige Hand und war oft zu ungeduldig, aber Faramir stellte sich als echtes Talent heraus. Er quengelte nicht mehr, sondern war mit Eifer dabei, seine Fähigkeiten immer mehr zu verbessern.
    Denethor betrachtete seine Söhne mit Wohlwollen. Sie schienen viel mehr Spaß zu haben als vorhin beim Bau der Sandburg. An dem Spiel konnte es nicht liegen, besonders spannend war es wirklich nicht. Lag es an ihm?
    Er schüttelte lächelnd den Kopf, während die Jungen sich darüber stritten, wessen Stein nun weiter gehüpft war.
    Sein Vater war im Unrecht gewesen, als er ihm geraten hatte, früh zu heiraten. Denn graue Haare hin oder her - Denethor hatte etwas, das ihn jung hielt.






Ort: Strand
Stichworte: Eimer, Taschentuch, Kieselstein

Hoffentlich ist niemandem aufgefallen, dass ich das hier an Denethors Todestag hochgeladen habe. ^^ Er wird es mir verzeihen… hoffe ich.
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