Sterben für Anfänger

KurzgeschichteAbenteuer, Parodie / P16
Bombur Fili Kili Smaug Thorin Eichenschild
13.03.2013
03.05.2013
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: „Sterben ist keine Kleinigkeit, also hoffe ich, dass du diese Beförderung zu schätzen weißt.“ Das ist freundlich für: „Wehe, du baust wieder Mist, Skuld!“ Nicht, dass sie das je getan hätte. Das war nun wirklich das falsche Wort für ihre ganz spezielle Art, Aufgaben pünktlich zu erledigen. Aber was soll schon schlimmes passieren, wenn man in Mittelerdes größtes Bestattungsinstitut versetzt wird, wo die Kunden sowieso schon alle tot sind?

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Sterben für Anfänger


~~~ ~~~ ~~~


Part I – Zwei Zwerge



„Sterben ist keine Kleinigkeit, also hoffe ich, dass du diese Beförderung zu schätzen weißt, meine Liebe.“


Selbstverständlich wusste Skuld sie zu schätzen. Hauptsache, sie kam endlich aus ihrer alten Abteilung heraus. Dafür zu sorgen, dass alle Bäume rechtzeitig ihre Blätter verloren und frische bekamen, war nämlich eine nervenaufreibende Aufgabe. Besonders, wenn man sich obendrein noch mit Ents herumschlagen musste. Die trieben sie regelmäßig zur Weißglut – obwohl die Zeit im Grunde genommen kein großes Problem für eine Maia darstellte. Im Grunde genommen… Aber nicht, wenn ein Fristende näher rückte! Der Stress war jedes Mal kaum zum Aushalten, doch nun – endlich! – sollte sie befördert werden, und sie würde nicht in irgendeine Abteilung kommen, sondern in die wahrscheinlich wichtigste:

Die Vorhalle des Todes!

Der Ort, an den die Verstorbenen oder Schwerverwundeten kamen und an dem sich entschied, ob sie wirklich tot waren oder noch ein wenig weiterleben durften.

Erst vor zweiunddreißig Jahren war die Halle komplett renoviert worden und erstrahlte seitdem in makellosem Weiß. Und an den Schaltern für die eintreffenden Personen musste man nicht länger mit Feder und Tinte hantieren, nein, es gab flache Bretter mit Knöpfen, in die man Buchstaben geritzt hatte und auf die man nur noch drücken musste, wenn man den Namen der zu bedienenden Person schreiben wollte, um zu erfahren, wohin sie geschickt werden sollte. Es klang alles zu schön um wahr zu sein – doch nichtsdestotrotz heute war ihr erster Arbeitstag und sie stand etwas verloren in der großen Halle.
Erstaunlicherweise hatte sich über Nacht keine Warteschlange gebildet oder ihre neuen Kollegen hatten alle Neuankömmlinge bereits abgefertigt. Es war immerhin schon halb neun, aber man hatte ihr mitgeteilt, nicht früher zu kommen.

Neugierig sah sie sich um, behielt die Finger aber bei sich. Man sollte ja wenigstens versuchen, nicht gleich am ersten Tag negativ aufzufallen, weil man über alle Maßen motiviert war. Das kam nicht so gut an. Erst recht nicht, wenn man unter der Hand bereits mehrfach ermahnt worden war.

„Skuld?“

Sie riss sich vom Anblick der hohen Decke los. „Ja?“

„Dann komm mal her.“ Eine Maia in silbergrauer Robe stand hinter den Schaltern und winkte sie näher heran. „Da ganz auf der linken Seite ist eine Tür in der Absperrung.“

Sie beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Offenbar erwartete man sie bereits. Die Tür besaß weder Schloss noch Klinke, sodass man sie nur aufstoßen musste, um auf die andere Seite zu gelangen.

„Wunderbar, wirklich ganz wunderbar. Ich bin Verdandi.“, stellte die Frau sich vor. „Urd hat schon mal Tee aufgesetzt. Heute soll nicht so viel los sein, hat die Vorhersagenabteilung gemeldet.“

„Aha.“ Das klang ja eigentlich nicht so schlecht, trotzdem war ihr nicht ganz wohl dabei. Sie wollte nicht unbedingt eng mit dieser Abteilung zusammenarbeiten, denn die hatte keinen besonders guten Ruf. Die Leute dort waren immer und ohne Unterbrechung gestresst und man passte besser gut auf seinen Kopf auf, wenn man hingeschickt wurde oder – was sehr viel schlimmer war – selbst hingehen musste, um etwas Wichtiges in Erfahrung zu bringen, was man keinem anderen aufbürden konnte. In besagter Abteilung flogen bisweilen nämlich Dinge durch die Luft, die dort absolut nichts zu suchen hatten, Tintenfässer – voll und geöffnet, versteht sich – zum Beispiel. Oder Brieföffner. Und als sie das letzte Mal dort gewesen war, hatte ein brennender Papierkorb für Furore gesorgt – und ihre Arbeitsrobe angesengt.

Verdandi klopfte ihr auf die Schulter. „Die sind gar nicht so schlimm, wie alle immer sagen. Ehrlich! Bei uns sind sie ganz zahm.“ Und flüsternd fügte sie hinzu: „Du musst sie nur glauben machen, eigentlich gar nicht auf sie angewiesen zu sein.“

„Das funktioniert?“, wollte sie skeptisch wissen. In ihren Ohren klang das ein klein wenig zu einfach. Die Leute in der Vorhersagenabteilung waren immerhin alles, nur nicht freundlich oder besonders hilfsbereit, dafür allerdings spitze darin, jemanden von A nach B zu schicken und dann weiter nach D, obwohl das, was er brauchte, sich eigentlich bei C befand. Nur musste man das in der Regel selbst herausfinden.

„Klar.“, erwiderte Verdandi im Brustton der Überzeugung, nahm sie bei der Hand und zog sie – vermutlich in Richtung Teeküche – hinter sich her. „Die haben da alle Angst, dass man sie strafversetzt oder die Abteilung auflöst, weil’s so chaotisch zugeht. Wisst ihr das in der Flora etwa nicht?“

„Nee.“ Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie das wüssten, würden sie doch nicht so einen Aufstand betreiben, um da nicht hingehen zu müssen!

„Naja, dann weißt du’s jetzt.“ Verdandi zuckte mit den Schultern und brüllte dann: „Hey, Urd, wir sind gleich da! Was macht der Tee?“

„Gibt keinen!“, schallte es prompt zurück – und Verdandi blieb so ruckartig stehen, dass sie ihr in die Hacken trat und hastig eine Entschuldigung murmelte. Aber ihre neue Kollegin schien das nicht zu bemerken.

„Wieso gibt’s keinen Tee?!“

„Weil der alle ist!“

Verdandi seufzte theatralisch: „Na, dein erster Tag fängt ja gut an, Skuld. Kein Tee… Wo gibt’s denn sowas?“

Sie rang sich ein verlegenes Lächeln ab. Irgendwie hatte sie sich das hier auch anders vorgestellt. Weniger wirr und so. Nach der Standpauke, die Namo ihr gehalten hatte, war sie felsenfest davon ausgegangen, hier herrsche Zucht und Ordnung, aber das hier sprach bisher überhaupt nicht dafür.

„Mach dir nichts draus.“ Verdandi setzte sich wieder in Bewegung. „Urd kann auch super gut Kaffee kochen.“

Unter super gut verstand Skuld so ziemlich alles, nur nicht das, was sich in der Tasse vor ihr auf dem Tisch befand. Ja, die Flüssigkeit war heiß und schwarz, aber da hörte die Ähnlichkeit zu gutem Kaffee auch schon auf. Urds Gebräu war so stark, dass sie befürchtete, der Löffel, mit dem sie die sechs Stück Würfelzucker und den großzügigen Schluck Kaffeesahne untergerührt hatte, würde sich demnächst in Wohlgefallen auflösen.

Als sie eine Weile schweigend dagesessen und sich nur mit ihrem Kaffee beschäftigt hatten, räusperte Urd sich vernehmlich. „Gehe ich recht in der Annahme, dass dir noch niemand gesagt hat, wie das hier läuft?“

„Naja, also, ich weiß, dass ich die eintreffenden Seelen nach ihrem Namen fragen und den dann ins System eingeben muss.“, räumte sie verlegen ein. Ihr war ja von Anfang an klar gewesen, dass es nicht so leicht sein konnte, wie man ihr hatte weismachen wollen.

„Ja, ja.“ Urd nickte, Verdandi nippte an ihrem Kaffee. „So weit, so gut. Das ist das Grundprinzip. Sterben ist nämlich eigentlich eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, meine liebe Skuld, und wir müssen aufpassen wie Schießhunde, damit da keine Fehler passieren. Die würden nämlich die ganze Zukunft durcheinanderbringen, bevor sie korrigiert werden können – falls das dann überhaupt noch möglich ist.“

„Wieso sollte das denn nicht mehr möglich sein?“ Wo war da bitte das Problem? Wenn jemand sterben sollte, konnten die doch einfach jemanden aus der „Mädchen-für-alles“-Abteilung schicken, der die Sache vom Tisch räumte. Dafür waren die schließlich da.

„Na, stell dir vor, jemand soll eigentlich sterben, weil er tödlich verwundet wurde, und du schickst ihn aber durch die falsche Tür, dann erlebt sein Körper quasi eine Wunderheilung, über die alle tratschen werden. So jemanden kannst du nicht einfach zack tot umkippen lassen, wenn dir der Fehler nach ein oder zwei Jahren auffällt. Verdandi ist das mal mit – wie hieß der Kerl doch gleich? – passiert.“

„Maedhros.“, half die namentlich Erwähnte nach.

„Ja, genau. Dieser rothaarige Sturkopf, ältester Sohn von Feanor und so, schon ein paar Jahrhunderte her. Der hätte eigentlich an einer Blutvergiftung eingehen sollen, nachdem sein Cousin Fingon ihm die Hand am Gelenk abgeschnitten hat, um ihn vom Thangorodrim loszukriegen. Tja, und als uns aufgefallen ist, dass der Kerl immer noch lebt, konnten wir ihn eben nicht mehr killen lassen, weil er die Königswürde an Fingolfin abgegeben hatte und ohne seine Präsenz alles völlig aus dem Ruder gelaufen wäre. Dumm gelaufen, wenn man bedenkt, dass Maglor König hätte werden sollen.“

„Der zweitälteste von Feanors Söhnen.“, warf Verdandi ein. „Das hätte im Ersten Zeitalter alles ganz anders laufen sollen… Oh, und du willst dir gar  nicht vorstellen, wie schrecklich die hundertfünfzig Jahre Strafdienst drüben im Verteilungscenter für tote Orks waren. Schauderhaft! Ich war ja so froh, als ich wieder herkommen durfte. Ehrlich, sei bloß froh, dass dieses stinkende Gesindel eine eigene Vorhalle hat.“

„Anders könnten wir hier auch gar nicht arbeiten. Die Orks haben sich ständig mit allen anderen Rassen in die Haare gekriegt. Nicht mal Elben und Zwerge sind so schlimm, wenn sie aufeinandertreffen.“ Urd schüttelte den Kopf und bot ihr erneut Kaffee an. Skuld lehnte dankend ab. Sie hatte bereits Magenschmerzen. Doch Urd ließ nicht locker:

„Du wirst es brauchen, glaub mir. Der ist gut für die Nerven und du gewöhnst dich besser früher als später dran. In ein paar Wochen werden die sich am Erebor die Köpfe einschlagen und vorher kommt noch ein Drache durch und, und, und. Sagen die zumindest in der Vorhersagenabteilung.“

Verdandi nickte eifrig. „Das wird was richtig großes, fünf Heere! So einen Ansturm hatten wir seit dem Letzten Bündnis nicht mehr – das war so schlimm, wir haben drei Aushilfskräfte gekriegt. Der Krieg zwischen den Zwergen und Orks zählt nicht. Tote aus nur zwei Rassen, Kinderkram. Das haben wir mit links gemacht.“

Skuld spürte, wie ihre Augenbrauen eine Reise – vorläufig ohne Wiederkehr – gen Haaransatz antraten.

„Wir dachten, wir stellen dich für die Zwerge ab. Wenn man denen Met und Essen verspricht, tun die fast alles freiwillig.“, fuhr Verdandi grinsend fort.

Sie schluckte schwer. Zwerge… Waren das nicht diese laufenden haarigen Meter?

Urd schenkte ihr Kaffee nach. „Wer mit Ents klarkommt, schafft auch Zwerge. Die können sogar schnell sprechen, wenn man sie lässt. Du setzt dich einfach an den Schalter, fragst nach ihren Namen, gibst sie ein und schickst sie dann den entsprechenden Gang runter. Wenn sie zögern oder misstrauisch werden, erzähl ihnen das Blaue vom Himmel runter. Sobald sie merken, dass du sie angelogen hast, ist es eh zu spät. Und die, die später noch mal richtig sterben, können sich gar nicht dran erinnern, vorher schon mal hier gewesen zu sein.“

„Die Sache hat nur einen Haken.“, meldete Verdandi sich wieder zu Wort. „Du musst auch aussehen wie - Oh, krass! Guck mal, Urd, Skulds Augenbrauen kollidieren gleich mit ihren Haaren!“

Und ihr Kopf mit der Tischplatte. Die wollten sie fertigmachen, ganz eindeutig! Das konnte doch nicht wahr sein! Sie war erst eine Stunde hier und mit den Nerven bereits am Ende. Jetzt war auch klar, warum sie diese Stelle gekriegt hatte: Niemand, der eine Wahl hatte, blieb freiwillig mit diesen zwei Bekloppten hier!

„Nimm’s nicht so schwer, Skuld.“ Verdandi tätschelte ihren Hinterkopf. „Du bist dann eben nur einen halben Meter kürzer, doppelt so breit und hast einen Bart. Und wir haben dir schon Kissen auf den Stuhl gelegt, damit du was sehen kannst, und eine Trittleiter haben wir auch hingestellt. Außerdem musst du nur so aussehen, wenn du Kunden bedienst. Ich laufe ja auch nicht ständig in Menschen- oder Hobbitgestalt rum. Da stolper ich immer über die riesigen Füße.“

„Wir lachen dich doch auch nicht aus, Skuld. Aber die Zwerge sind nun mal am unproblematischsten und du willst dir doch nicht gleich an deinem ersten Tag hier einen Schnitzer erlauben.“

Sie schüttelte erst den Kopf, hob ihn dann wieder. Nein, das wollte sie tatsächlich nicht. Zwerge waren immer noch besser als Orks. Mit denen hatte sie im Nordwesten von Fangorn – in Abteilungskreisen nannte man diese Ecke auch gern mal Mordwesten – hin und wieder zu tun gehabt und das waren keine angenehmen Erfahrungen gewesen. Nach dem ersten Zusammentreffen hatte sie eine Kurzhaarfrisur gehabt und bedenklich nackte Beine.

„Na siehst du. Es wird alles gut. Wir haben auch schon eine vierte Arbeitskraft beantragt. Sobald die kommt, bist du die Zwerge wieder los. Dann kommst du zu den Hobbits. Die sind nicht ganz so haarig, dafür aber ziemlich neugier- “

Schrilles Piepen erfüllte den Raum. Drei Mal, dann war es wieder ruhig und Urd warf einen Blick auf den Bildschirm hinter sich.

„Das war für dich, Skuld. Dein erster Zwerg ist grad eingetroffen. Dann mal ab mit dir – und keine Sorge, der sieht so aus, als müsste er nun endgültig die Radieschen von unten betrachten.“

Sie ließ einen Stoßseufzer hören, stand auf, nahm noch einen sehr großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse, ganz so, als müsse sie sich Mut antrinken, und machte sich auf den Weg.

„Ey, und vergiss den Bart nicht, Skuld, der ist wichtig!“, hörte sie Verdandi noch brüllen, bevor sie die Tür zur Halle öffnete. Doch wie könnte sie diesen Gesichtsteppich überhaupt vergessen? Solche Dinge bekam man regelrecht eingebläut, wenn man das Gestaltwechseln erlernte – wofür nun beileibe nicht jeder Maiar geeignet war.

Sie musste einen sehr hübschen weiblichen Zwerg abgeben, stellte sie mit einem Anflug von Röte in den Wangen fest, als sie auf den Stuhl geklettert war, wofür sie die bereitgestellte Trittleiter benötigt hatte. Der Neuankömmling musterte sie jedenfalls mit einem nicht negativ zu bewertenden Interesse, während er näherkam. Dabei sah er selbst eher wie eine Backpflaume mit Krückstock und Haaren aus. Irgendwie sehr runzlig und vertrocknet.

Skuld schluckte schwer, ihr Mund fühlte sich auf einmal viel zu trocken an. Ein Glas Wasser käme jetzt gerade recht… Aber wie die berüchtigten Löcher im Boden, die nie auftauchten, wenn man sie brauchte, verhielt sich auch das Wasserglas. Sie räusperte sich kurz und fasste sich dann ein Herz.

„Guten Tag. Mein Name ist Skuld, Ódins Tochter. Zu Euren Diensten.“

Der alte verhutzelte Zwerg sah sie an, neigte schließlich sein weißes – und auf den zweiten Blick überraschend kahles – Haupt. „Eyvindur, Eysteinns Sohn. Zu Euren Diensten.“

„Wie wunderbar, dass Ihr der Einladung folgen konntet.“, lächelte sie, versuchte charmant zu wirken, während sie den Namen eintippte und sich bemühte, gleichzeitig den Zwerg und den Bildschirm im Auge zu behalten. Gar nicht so einfach… Doch diesem Umstand hatte man offenbar Rechnung getragen, denn nur wenige Sekunden später leuchtete in großen roten Lettern das Wort TOT auf, gefolgt von der entsprechenden Anweisung, die TOR 1 lautete.

„Einladung…“, murmelte der Zwerg verwundert, „Ich kann mich nicht erinnern… hm…“

„Doch, doch“, beeilte sie sich, ihm zu versichern, „Ihr steht eindeutig auf der Gästeliste und ich nehme an, die anderen warten bereits auf Euch.“

„Warten… hm… Es gibt also ein Fest?“

Eru! Drückte sie sich irgendwie missverständlich aus oder gab es bei Zwergen keine Gästelisten?!

„Ja, ein Fest, ein großes Fest, soweit ich weiß.“

Eyvindur nickte so eifrig, dass nicht nur sein spärlicher Bart wackelte, sondern er selbst gleich mit. „Ich muss Euch aber bitten, mir den Weg zu zeigen, junge Dame.“

„Sehr gern.“ Skuld lächelte noch immer, hatte aber mittlerweile das Gefühl, ihr Zahnfleisch bekäme einen Frostschaden. Das war wirklich abartig! „Es geht gleich hier entlang, durch die rote Tür und dann die Treppe nach unten. Ihr könnt es gar nicht verfehlen.“ Sie wies auf die Tür zu ihrer rechten.

„Habt vielen Dank.“ Der alte Zwerg verbeugte sich ein weiteres Mal und verschwand dann schlurfenden Schrittes durch die Tür. Erst als diese ins Schloss gefallen war, sank Skuld mit einem theatralischen Ächzen auf ihrem Stuhl zurück.

„War’s so schlimm?“

Sie fuhr zusammen und hoch, doch es war bloß Verdandi, die auf dem Stuhl am benachbarten Menschenschalter saß und sie beobachtete.

„Ich weiß nicht.“, murmelte sie wahrheitsgemäß. „Er hat sich ja nicht großartig quergestellt.“

„Warum auch? Wenn du ihm gleich ein Fest versprichst, hat er keinen Grund dazu. Sich hemmungslos zu betrinken ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung bei Zwergen.“ Sie zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

„Aha.“

„Du hast’s noch nicht ausprobiert, oder?“

„Nein. Wann denn auch?“ Sie hatte immer genug zu tun gehabt. Da war für derlei Eskapaden keine Zeit gewesen.

„Macht nichts.“ Verdandi winkte lässig ab. „Die Vorhersagenabteilung hat gerade noch einen kurzfristigen Gast angekündigt. Urd meint, wir können ihn auch zu uns nach hinten einladen und mal wieder so richtig schön bechern. Das dürfte ihm besser gefallen, als die ganze nächste Zeit allein darauf zu warten, wieder zurück zu dürfen.“

Sie runzelte die Stirn. „Was ist ihm denn passiert?“

„Ist in den verzauberten Fluss im Düsterwald gefallen.“ Verdandi zuckte mit den Schultern. „Wird eine Weile tief und fest schlafen und ein paar Erinnerungslücken haben, wenn er wieder aufwacht, aber das war’s auch schon. Ist alles halb so wild. Ich denke aber, er soll ruhig ein paar schöne neue Erinnerungen kriegen, wenn er die alten schon verliert.“

„Und an was hast du da gedacht?“

„Na, an Met und Essen natürlich! Macht einen Zwerg doch immer glücklich, wenn keine Edelmetalle in der Nähe - Oh, da kommt er schon!“

Aus dem Augenwinkel sah sie gerade noch, wie ihre Kollegin ebenfalls die Gestalt einer bärtigen Zwergenfrau annahm, aber dann nahm der angekündigte Neuzugang ihre Aufmerksamkeit voll und ganz in Beschlag.

Sie hatte in den letzten Jahrhunderten ja schon einiges gesehen, doch ein so außergewöhnlich fetter Zwerg war ihr nie zuvor untergekommen. Und der dicke rostrote Zopf, der ihm wie ein Knoblauchkranz über der Brust hing, machte es nicht besser. Allerdings bewegte er sich für sein Aussehen außerordentlich schnell oder war es bloß der Hunger, der ihn antrieb? Skuld schauderte und rutschte auf dem Stuhl ein paar Zentimeter zurück.

„Guten Tag. Mein Name ist Skuld, Ódins Tochter.“, begann sie wieder. „Zu Euren Diensten.“

Der Zwerg legte den Kopf schief – und hatte prompt Ähnlichkeit mit einem gut gefüllten Gänsebraten. „Bombur, Lofars Sohn. Zu Euren.“

Neben ihr hüpfte Verdandi von ihrem Stuhl und öffnete die Durchgangstür in der Absperrung. „Wenn Ihr mir bitte folgen wollt. Das Essen ist bereits angerichtet.“, brüllte sie mit erschreckender Begeisterung durch die Halle. Für den Zwerg schienen es jedoch genau die richtigen Worte gewesen zu sein, denn plötzlich hatte er nur noch Augen für ihre ebenfalls übermäßig runde Kollegin.

Ihr blieb gar keine andere Wahl als den beiden zu folgen. Die Teeküche hatte sich in der Zwischenzeit – zweifellos mit Urds Hilfe – in eine gemütliche Stube verwandelt, deren Tisch sich unter allerhand Fleischgerichten und riesigen Methumpen bog.
Verdandi prostete dem fetten Zwerg bereits fröhlich zu und stürzte einen Teil ihres Mets in einem Zug hinunter. Verwirrt wandte Skuld sich an Urd, die sich noch an der großen und verdächtig nach einem Bildschirm aussehenden Schrankwand zu schaffen machte.

„Ähm… du, was… ich meine, ist das -“

„Ja, klar, alles kein Problem. Und es ist viel lustiger, wenn wir ihn hier haben und er ein paar Anekdoten beisteuert.“ Ihr Grinsen war geradezu teuflisch.

„Anekdoten?“ Beisteuern? Wozu beisteuern? Hatte sie irgendwas verpasst?

„Na, zu den anderen Mitgliedern seiner Reisegruppe natürlich.“, erklärte Urd mit allergrößter Selbstverständlichkeit. „Hast du nicht mitgekriegt, dass der Zwergenkönig Thorin II Eichenschild mit zwölf anderen Zwergen, einem Hobbit und Olórin* aufgebrochen ist, um Smaug zu erschlagen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Was kriegt ihr in den anderen Abteilungen überhaupt mit?!“ Es sah ganz so aus, als wolle sie die Hände vors Gesicht schlagen, doch sie tat es nicht. „Pass auf, Skuld, der Zwerg säuft sich jetzt das Hirn weg, währenddessen gucken wir uns an, was seine Gefährten so im Wald mit seinem schlafenden Körper anstellen und lassen ihn ein bisschen was über sie erzählen. Das wird lustig!“

„Aber -“

„Nein, kein aber. Wir machen’s uns jetzt richtig nett.“

Und im nächsten Moment hatte Urd ihr schon einen Methumpen in die Hand gedrückt.



*ein Name Gandalfs
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