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Mein letzter Brief

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
12.03.2013
05.01.2014
7
3.253
 
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12.03.2013 480
 
Liebe Gwen,

ich weiß nicht, warum ich schreibe, obwohl ich doch weiß, dass du meine Briefe nie lesen wirst. Vielleicht tue ich es für mich. Vielleicht auch nicht. Vielleicht werde ich irgendwann damit aufhören. Vielleicht auch nicht. Vielleicht schreibe ich diesen Brief nicht zu Ende. Oder vielleicht doch.

Erinnerst du dich noch an diesen einen Gewittertag letzten Sommer? Wir saßen stumm am Fenster, jede von uns eine Tasse Tee in der Hand und beobachteten, wie die hellen, weiß leuchtenden Blitze über den von schwarzen Wolken verdunkelten Himmel zuckten.
Der Donner grollte, das Gewitter war direkt über uns und leise, beruhigend trommelte der Regen an die Fensterscheibe.
"Was magst du lieber?", wolltest du plötzlich wissen. Ich sah dich fragend an und du erklärtest mir: "Die Blitze oder die Wolken, die sie erleuchten? Weiß oder Schwarz?" Du hattest diesen nachdenklichen Ausdruck in den Augen. Jeder andere hätte deine Frage für belangenlos gehalten, doch ich sah, wie ernst du es meintest. Deine Augen sagten es mir. Du meintest es so ernst, als hinge von meiner Antwort die Zukunft dieser Welt ab. Nach einer Weile antwortete ich dir: "Die Blitze. Sie faszinieren mich, sie sind wie ein Licht im Dunkel." Du nicktest und schautest weiter aus dem Fenster.

Nun habe ich verstanden, warum diese Frage so ernst ist. Obwohl es nicht die Frage direkt ist, sie ist eher ein Beispiel. Die Antwort, der Sinn dahinter ist wichtig.
Wie gerne ich dich doch fragen würde: "Gwen, weißt du noch das Sommergewitter? Die weißen Blitze am schwarzen Himmel? Glaubst du es gibt überhaupt schwarz und weiß? Oder vielleicht nur grau?"
Oder vielleicht würde ich auch fragen: "Warum glauben viele das Schwarz die 'schlechte' und Weiß die 'gute' Farbe ist? Kann man Schwarz und Weiß überhaupt miteinander vergleichen?"
Wie sehr ich mir doch wünsche, du könntest darauf antworten. Was würdest du mir sagen, Gwen, was?
Ist es dort, wo du nun bist schwarz oder weiß? Gibt es dort das Schwarz und das Weiß? Gibt es auch bunt? Und grau, was ist mit grau?

Macht es einen Unterschied, ob ich beim Schach die schwarzen oder die weißen Figuren nehme? Und warum trägt man bei Beerdigungen schwarz und nicht weiß, schließlich ist doch schwarz die Farbe der Nacht und WEISS die Farbe des Todes? Kannst du nicht diese Frage am besten beantworten? Kannst du sie überhaupt beantworten? Gwen? Ist der Tod weiß? Oder bunt, schließlich spricht er auch alle Sprachen...

Ich weiß nicht was der Sinn dieses Briefes ist. Ich weiß nicht, warum ich mit schwarzer Tinte auf weißes Papier schreibe und nicht anders herum oder mit ganz anderen Farben. Ich weiß nur, dass du nie mehr meine Fragen beantworten wirst.

Bei jedem Sommergewitter werde ich an dich denken!
Deine Naja

P.S.: Ich denke ich entscheide mich für grau. Glaubst du das geht?
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