Vater und Sohn

von roseta
KurzgeschichteDrama, Familie / P12
08.03.2013
08.03.2013
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Vorbemerkung: Diese Story habe ich schon vor einigen Jahren geschrieben. Da dieses Fandom, ohnehin sehr klein, auf geheimnisvolle Weise immer kleiner wird, stelle ich sie ein in der Hoffnung, dass sie das Fandom ein wenig beleben kann. Aber eine deutliche Warnung ist angebracht:
Die Geschichte ist schrecklich sentimental.


Vater und Sohn – Alternativer Schluss zu Teil 7/8

1.
„Los, töte mich! Du ahnst ja nicht, wie lange ich auf diesen Augenblick gewartet habe.” Tarabas, das Schwert Darkens in den Händen, starrte in das Gesicht des am Boden liegenden Mannes, das als einzige Gefühlsregung ein zynisches Lächeln zeigte.
Er hasste dieses Lächeln, er hasste dieses Gesicht, das ihn stets nur verhöhnt hatte. Dieser Mann hatte ihm die schrecklichsten Stunden seines Lebens bereitet und ihn dabei immerzu verspottet. Jetzt hatte Tarabas ihn am Boden - aber hatte er ihn auch besiegt? Er hob das Schwert mit beiden Händen ...

„Nein, Tarabas, nein, tu es nicht! Er ist doch dein Vater!” 
Fantaghirò. Mit überraschend festem Griff hielt sie seinen Arm gepackt und hinderte ihn daran, das Schwert fallen zu lassen. Er wollte sie abschütteln; da fühlte er sich auch von der anderen Seite erfasst. "Sie hat Recht, Tarabas”,  sagte eine ruhige Männerstimme. “Daraus kann nichts Gutes erwachsen.”

Romualdo alias Fidor, natürlich. Auch er war inzwischen auf dem Kampfplatz erschienen. Und sie hatten beide selbstverständlich Recht. Der Kampf durfte nicht auf diese Weise entschieden werden - aber irgendwie musste er entschieden werden, und zwar in den nächsten Minuten. Die sinkende Sonne blendete Tarabas’ Augen und erinnerte ihn daran, wie knapp die Zeit war. Und wie verfahren die Situation. Wenn er den Feind nicht tötete, bevor die Sonne unterging, könnten dessen böse Zauber nicht mehr gelöst werden. Seine beiden Freunde würden alles verlieren, ihr Schloss, ihr Reich, ihre Familie, und Romualdo auch seine Gestalt ... und beide ihre Liebe, denn Romualdo würde es nicht ertragen können, so entstellt an Fantaghiròs Seite zu leben. Das Böse würde siegen ... 
Aber wenn er seinen Vater jetzt erstach, würde das Böse auch siegen.

Wie ein Blitz durchzuckte ihn ein plötzlicher Gedanke: nur seinetwegen war dieser Kampf ausgebrochen. Das Böse in Darkens Gestalt kämpfte allein um ihn, Tarabas; es wollte ihn nicht aus den Klauen lassen, alle Wege, die er einschlagen konnte, führten nur in diese Richtung. 
Aber wenn er seinen Weg jetzt und hier beendete ... 
Es blieb ihm keine Zeit, darüber nachzudenken, und er wusste, er könnte es niemals tun, wenn er darüber nachdachte. Er musste es jetzt tun, in dieser Minute.


Darkens schreckliches Zauberschwert klirrte zu Boden und Sekunden später fiel auch Tarabas, fiel neben seinen Vater, dessen Hohnlächeln einem Ausdruck plötzlichen Entsetzens wich. Undeutlich hörte er den Schreckensschrei seiner Freunde, die erst begriffen, was er getan hatte, als sie den Dolch aus seiner Brust ragen sahen. Er nahm noch wahr, dass Darken sich aufrichtete, sich über ihn beugte, auf seinem Gesicht namenlosen Schmerz. “Vater”, flüsterte er mit letzter Kraft. “Es war ... der einzige Ausweg ... für uns beide. Verzeihe mir ... ich ... verzeihe dir auch.” Seine Augen schlossen sich.

Darken!” Das war die Stimme der tapferen Prinzessin, aber sie hörte sich jetzt ganz verändert an - voller Macht und Autorität, als käme sie aus den Weiten des abendlichen Himmels. „Darken, rette dein Kind!”Und Darken gehorchte dieser Stimme.

Er zog den Dolch aus Tarabas’ Brust und legte seine rechte Hand auf die furchtbare Wunde, die Linke auf die bleiche Stirn des Verletzten. Dann begann er Zauberworte zu flüstern, die Worte der Macht, mit denen er immer so souverän, ja leichtfertig umgegangen war - und spürte mit Entsetzen, dass sie in ihrer Wirkung schwächer waren, langsamer, vielleicht zu langsam ... 
Hatte ihn der Schock, die Angst seiner Kräfte beraubt oder sie so geschwächt, dass er nicht mehr imstande war, das Leben seines Sohnes zu retten? Oder verließ ihn seine Magie einfach deswegen, weil er im Begriff war, etwas Gutes zu tun?

Am Rande nahm er wahr, dass auch Fantaghirò und Romualdo-Fidor bei dem Verletzten knieten; Fantaghirò hielt seinen Kopf in ihrem Schoß, Romualdo umklammerte seine Hand. Mit einem Gefühl, das er nicht deuten konnte - war es Neid?! -, erkannte Darken, dass die beiden Liebenden ihren eigenen, bitteren Kummer gänzlich vergessen hatten in der Sorge um ihren bedrohten Freund. Und zugleich kam ihm der Gedanke, dass, wenn er seine Zauberkraft jetzt völlig verlor, niemand Romualdo würde von seiner Entstellung befreien können ...
Er handelte wie Minuten zuvor Tarabas - ohne nachzudenken. Er streckte die Hand aus und berührte Fidors abstoßendes Gesicht. Unbewegt sah er zu, wie dieser sich wieder in den schönen Romualdo verwandelte ... aber mit Überraschung nahm er wahr, dass dieser Zauber ihn nicht seine letzte Kraft gekostet, sondern ihn im Gegenteil gestärkt hatte. Mit neuer Zuversicht legte er die Hand wieder auf Tarabas’ Wunde und begann von neuem mit der Zauberformel.

Endlich bemerkte er, dass der Verletzte ruhiger atmete. Die Wunde hatte sich geschlossen, das schöne Gesicht war das eines Schlafenden. 
“Ich hoffe, ich habe es geschafft.” Darkens Stimme klang brüchig. “Wir können es erst wissen, wenn er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht.”

Als er aufsah, schaute er immer noch in die untergehende Sonne. Das Ganze hatte nur Minuten gedauert ... oder die Zeit war stehengeblieben. 
“Fantaghirò.” Darken richtete sich mühsam auf, ergriff sein unbeachtet daliegendes Zauberschwert und reichte es mit dem Griff voran der Prinzessin, die immer noch wie versteinert zu Häupten von Tarabas kniete.
“Fantaghirò ... meine Königin. Der Kampf ist zu Ende, ich bin besiegt. Nehmt meine Kapitulation an; ich bin Euer Gefangener. Ich ergebe mich Euch auf Gnade und Ungnade.”

Fantaghirò schaute ihm ins Gesicht und sah für einen Moment in ihm die hinreißenden Züge und die strahlenden Augen von Tarabas.
„Der Kampf ist zu Ende. Und wer hat gesiegt?”
“Die Liebe”, antwortete Darken ohne Zögern.

2.
“Fantaghirò! Romualdo!” 
Die Stimmen ihrer Schwestern! Fantaghirò sah sich um und glaubte aus einem Traum zu erwachen. Sie befand sich mitten im Innenhof ihres Schlosses, und die beiden Schwestern liefen mit wehenden Röcken auf sie zu, zogen sie hoch und umarmten sie lachend und schluchzend. 
“Ach, du ahnst ja nicht, was hier geschehen ist! Wir waren eingeschlossen von einer undurchdringlichen Wand, hinter der sich seltsame Dinge abspielten ... es war wie bei einer Belagerung, wir konnten nur wenige Meter über die Schlossmauern hinausgelangen ... und Romualdo war plötzlich verschwunden ... Was ist mit dir passiert, Romualdo?”

Auch Romualdo umarmte seine beiden Schwägerinnen freundschaftlich. “Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Wir werden euch alles ganz genau berichten. Für jetzt nur soviel: Der böse Zauber ist geschwunden, wir sind alle wieder frei. Aber es gilt jetzt Naheliegendes zu bedenken. Dieser Ritter hier ist ein Freund von uns, er wurde im Kampf verwundet. Bitte lasst ihn hineintragen und in eine Kammer bringen.”


Katharina warf einen Blick auf Tarabas, der in Darkens Armen am Boden lag, und sagte: “Ach du lieber Himmel!”, ein Ausruf, der sowohl dem Gesundheitszustand als auch der eindrucksvollen äußeren Erscheinung des Fremden galt. Aber sie besann sich schnell auf ihre Würde und ihre Rolle als Familienälteste, rief die Dienerschaft und gab Anweisung, den Verletzten in eines der Gästezimmer zu tragen. Darken, der seine Umgebung überhaupt nicht wahrzunehmen schien, folgte ihnen in das Innere des Gebäudes.

“Wer ist der andere Ritter?”, fragte Katharina. “Warum redet er kein Wort?”

“Das musst du ihm nachsehen, Schwester. Er ist der Vater des Verletzten und in großer Sorge um ihn.”

Fantaghirò gab keine weiteren Erklärungen, hauptsächlich deswegen, weil sie nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Sie verschob alles auf später. Erst einmal waren andere Dinge zu erledigen: Boten wurden zu Ivaldo und Cataldo ins Nachbar-Königreich gesandt; auch Angelika wurde benachrichtigt. 
Die Bewohner des Schlosses wurden begrüßt, vom Schlossverwalter bis zum Küchenjungen, und Romualdo übernahm es, ihnen die nötigsten Erklärungen zu geben, während Fantaghirò zu ihrer Ziehtochter Smeralda eilte.

Nach der herzlichen Begrüßung sagte sie: “Smeralda, Tarabas ist auch hier. Er ist sehr krank und nicht bei Bewusstsein. Vielleicht solltest du nach ihm sehen.”

“Tarabas? Er ist krank?” Das kleine Mädchen wurde ganz blass vor Schreck, sie hing sehr an dem Zauberer, seit er sie und Fantaghirò auf jenem Ritt begleitet hatte, der ihn seinem Schicksal entgegentrug.

Darken hörte ihren leichten Schritt auf dem Flur und staunte nicht wenig, als die Tür stürmisch geöffnet wurde und ein kleines blondes Mädchen herein wirbelte, “Tarabas! Tarabas!” rief und dann erschreckt stehenblieb beim Anblick des Bewusstlosen, der keine Reaktion zeigte. 
Im Nu füllten sich ihre Augen mit Tränen. “Wird er sterben?, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu dem Mann, den sie in dem abgedunkelten Raum nur undeutlich wahrnahm.
“Bist du die Schwester der Königin?”, fragte Darken, genau wie einst sein Sohn.

“Ich bin ihre Ziehtochter.” Smeralda schniefte, aber sie besann sich auf ihre Manieren als Prinzessin und knickste in die Richtung des fremden Mannes. “Verzeiht, Herr; ich heiße Smeralda. Und wer seid Ihr?”

“Ich heiße Darken”, antwortete er und hoffte, dass der Name ihr nichts sagte. Ergänzend fügte er hinzu: “Tarabas ist mein Sohn.”

“Ach, auch ein Zauberer?!”, rief das kleine Mädchen, keineswegs furchtsam, sondern eher begeistert. “Dann könnt Ihr ihn ja gesund zaubern!”

“Das kann ich nicht”, antwortete der ältere Mann traurig. “Ich habe mein Möglichstes getan; seine Wunde ist verheilt, aber er will aus seiner Bewusstlosigkeit nicht erwachen. - Seine Seele ist auch verwundet worden”, fügte er leise hinzu.

Smeralda näherte sich ihrem kranken Freund und betrachtete ihn, legte den Kopf schief und überlegte.
“Vielleicht sollte ich ihn küssen”, verkündete sie schließlich mit wichtiger Miene. “Ich habe es schon mal ... das heißt, eigentlich hat er ... und da wurde auch ein Zauber ... also, dann wurde Romualdo ...” Sie verhaspelte sich und wurde unsicher, als der Fremde sie verständnislos ansah. Aber sie hatte keine Lust, jetzt die ganze Geschichte zu erzählen. “Gestattet Ihr, dass ich es versuche, Herr?”
“Es ist vielleicht keine schlechte Idee”, meinte Darken nachdenklich. “Ein Kuss hat eigene Zauberkraft, dadurch sind schon viele Dinge bewirkt worden ... Also, versuch es immerhin!”

Smeralda näherte sich entschlossen dem Kopfende des Bettes, küsste den Schlafenden ganz zart auf die Stirn und bat: ”Wach doch auf, mein Freund, mein lieber, lieber Tarabas!"

Seine Augenlider begannen zu flattern; dann schlug er die Augen auf, erblickte die kleine Prinzessin, und ein reizendes Lächeln brachte sein Gesicht zum Strahlen. “Smeralda, meine Kleine!”
“Du bist wach! Hurra, ich hab es geschafft!”, schrie das Kind begeistert und führte einen Freudentanz auf, während der soeben Erwachte sich bemühte, seine Gedanken zu sammeln und die fremde Umgebung in sich aufzunehmen. Er begriff, dass er in Fantaghiròs Schloss sein musste; die Gegenwart Darkens im Halbdunkel fühlte er mehr, als dass er sie sah.

Smeralda war mit ihrem Freudentanz fertig und hatte eine neue Idee. “Ach, ich hole Fantaghirò. Die wird sich auch freuen!” 
Mit einem schnellen Knicks als routinemäßige Höflichkeitsbezeugung wirbelte sie hinaus und ließ die beiden Männer allein.
Tarabas richtete sich vorsichtig auf, stellte fest, dass er seine Gliedmaßen gebrauchen konnte, und schwang sich elegant aus dem Bett. 
“Vater?”, fragte er leise.
Im Dunkeln nahm er die Gestalt Darkens wahr, der, halb abgewandt, das Gesicht in den Händen verborgen hatte. 
Beinahe schüchtern näherte sich Tarabas seinem Vater und legte ihm die Hand auf die Schulter. “Vater, es ist vorbei. Alles ist gut.”
Die beiden Männer lagen sich noch in den Armen und dachten nicht daran, sich ihrer Tränen zu schämen, als Smeralda mit Romualdo und Fantaghirò zurückkehrte. 
“Ich hab ihn wachgekriegt!  Ich hab gezaubert, mein Kuss hat Zauberkraft!”, zwitscherte Smeralda. “Wenn ich erwachsen bin, will ich auch eine richtige Hexe werden, mit großer Magie, so wie Tarabas und sein Papa -” 
“Nein!”, donnerten die beiden Genannten gleichzeitig, unsanft aus ihrer Versunkenheit gerissen. “Du kriegst nur furchtbaren Ärger!”, rief Tarabas . 
“Und deine Eltern werden eine Menge Kummer mit dir haben!”, ergänzte Darken.

Smeraldas Zieheltern brachen in Gelächter aus, teils aus Erleichterung, den Freund wieder wohlauf zu sehen, teils wegen der Absurdität der Situation: gleich zwei Zauberer, die sich bemühten, die Nachteile des Zaubererdaseins hervorzuheben! Romualdo, wieder ernst geworden, beendete das Thema: “Du wirst selbst entscheiden, was du werden willst, Smeralda, auch wenn diese Herren gute Gründe haben, dir von der Zauberei abzuraten. Aber zum Glück kannst du es dir ja noch eine ganze Weile überlegen.”

3.
Einige Tage später kamen zwei Reiter zum Schloss, denen man die Spuren einer langen Reise ansah. Der eine war der Bote, den man in das Reich Tohors geschickt hatte; der andere eine zierliche junge Frau in unauffälliger Männerkleidung mit nachtschwarzem Haar, das in einen langen Zopf geflochten war.

Als Prinzessin Angelika die Nachricht erhalten hatte, dass Tarabas verwundet und krank in Fantaghiròs Schloss danieder liege, hatte sie nicht erst um Erlaubnis gefragt. Ohne Begleitung und ohne Abschied hatte sie mit dem Boten bei Nacht und Nebel den Palast ihres Vaters verlassen, in Männerkleidern, wie Fantaghirò, die sie mehr und mehr zu ihrem Vorbild machte. Auch Angelika war immer willensstark und entschlussfreudig gewesen, obgleich sie als verwöhnte und umhegte Prinzessin kaum Gelegenheit gehabt hatte, diese Eigenschaften zu zeigen. Seit sie um den Mann kämpfte, den sie liebte, erwies sich erst, was in ihr steckte. Durch nichts hätte sie sich zurückhalten lassen.

Als sie sich im Schlosshof vom Pferd schwang, öffnete sich einer der Eingänge und ein großer schlanker Mann mit langem dunklem Haar trat heraus und begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln.
“Tarabas! Du lebst, du bist gesund!” Angelika warf sich in seine Arme und konnte ihr Glück kaum fassen. Sie war herbeigeeilt, um einem Schwerkranken nahe zu sein; nun fand sie den Geliebten unversehrt und wohlauf.
“Was ist geschehen?”, fragte sie nach der stürmischen Begrüßung. “Wie wurdest du verwundet? Und wie geheilt?”
Ein Schatten glitt über Tarabas’ Züge. “Bitte frag mich jetzt nicht nach dem, was geschehen ist. Es gibt da etwas, worüber ich nicht sprechen möchte. Nur so viel: Darken ist besiegt, seine bösen Zauber wurden alle rückgängig gemacht.”
“Wer hat ihn getötet?”  
“Niemand hat ihn getötet. Er hat sich ergeben und für besiegt erklärt.”
“Aber Tarabas ... Bist du sicher, dass das kein Trick ist? Denke daran, wie oft er uns alle getäuscht hat!”
“Diesmal sind wir sicher. Er hat bewiesen, dass er es ernst meint.”
Angelika stellte keine weiteren Fragen. Sie wusste, dass sie nicht in ihn dringen durfte. Für einen Augenblick verspürte sie wieder den alten Schmerz, die alte Eifersucht und Enttäuschung. Wäre sie Fantaghirò, so hätte er ihr sein Herz ausgeschüttet. Aber für sie, Angelika, würde es immer Teile seines Wesens geben, die ihr verschlossen blieben.

Sie verscheuchte den Gedanken, richtete sich kerzengerade auf und lächelte ihn an. Nein, sie würde der Eifersucht keinen Raum mehr geben. Sie hatte sich entschieden. Sie wollte nur ihn, und sie würde ihn so nehmen, wie er war - selbst mit der unerfüllten Liebe zu einer anderen in seinem Herzen.“Komm, lass uns Fantaghirò und Romualdo aufsuchen. Ich muss sie doch begrüßen. Ich bin sehr gespannt, wie er wirklich aussieht.”

“Angelika! Wie schön, dass du gekommen bist.” Fantaghirò begrüßte die andere Prinzessin herzlich. Sie war froh darüber, dass Angelika Tarabas so sehr liebte, wie sie selbst es nicht konnte. Sie fühlte sich ihm schwesterlich verbunden und seine vergebliche Sehnsucht schmerzte sie. Sie wünschte ihm alles Glück auf Erden und hoffte, dass er es an Angelikas Seite finden würde.

Angelika beglückwünschte die Freunde zu ihrem Sieg und zur Wiederherstellung ihres Besitzes. Unauffällig fasste sie Romualdo ins Auge. Sie musste Fantaghiròs Wahl gutheißen. Er war schön und hoheitsvoll und doch zugleich freundlich und heiter - ganz anders als Tarabas, dessen düstere Schönheit nur selten durch ein Lächeln aufgehellt wurde. Heimlich seufzend gestand sie sich ein, dass ihr der schwierigere Teil zugefallen war - aber die Liebe hatte ihr keine Wahl gelassen.
Sie verschmähte es, die beiden nach den Ereignissen zu fragen, die Tarabas ihr verschwiegen hatte. Wenn er nicht wollte, dass sie es erfuhr, so wollte sie es auch nicht wissen. Stattdessen erkundigte sie sich nach den Plänen ihrer Freunde für die Zukunft und hörte zu ihrer Verwunderung, dass sie schon in wenigen Tagen heiraten wollten - sobald Fantaghiròs Vater von seinem Ruhesitz auf dem Land eingetroffen wäre.

“Wir haben lange genug gewartet”, sagte Romualdo. “Wir wollen nicht wieder durch irgendwelche unvorhergesehenen Ereignisse getrennt werden, bevor wir verheiratet sind. Ein großes Fest muss es nicht werden; das Volk wird mit uns feiern und unsere Familien, das soll uns genügen.”
Fantaghirò hatte eine Idee und sprach sie auch gleich aus: “Wollt ihr nicht auch hier heiraten, gleichzeitig mit uns? Dann könnten wir eine Doppelhochzeit feiern. Sicher ein bisschen improvisiert, aber wir haben erfahren, wie plötzlich Hindernisse auftauchen können ... Es ist besser, sich schnell zu entscheiden.”

Die beiden Verlobten sahen sich an und überlegten. Angelika hätte am liebsten sofort “Ja” gerufen, aber sie dachte an die Regeln der Schicklichkeit und hielt sich zurück. Sie wusste, dass sie die Entscheidung Tarabas überlassen musste.
“Das scheint mir ein guter Vorschlag zu sein”, meinte dieser schließlich. “Auch ich bin der Ansicht, dass eine schnelle Entscheidung die beste ist. Aber Angelika ist Prinzessin und Thronfolgerin, sie sollte nach den Bräuchen ihres Landes heiraten, in Anwesenheit ihres Vaters ...”
“Mein Vater misstraut dir, Tarabas, wie du sehr wohl weißt. Er würde uns Hindernisse in den Weg legen. Und auf die Bräuche meines Landes kann ich gut verzichten, es sind endlose, ermüdende Zeremonien...”

“Immerhin ist es denkbar, dass dein Vater versuchen wird, die Gültigkeit der Ehe zu bestreiten, wenn sie ohne sein Wissen und seine Einwilligung geschlossen wurde”, meinte Fantaghirò.
“Das ist nach allgemeinem Recht nicht möglich, wenn der Ritus und alles, was zu einer Eheschließung gehört, ordnungsgemäß vollzogen wurde”, antwortete Romualdo sachlich. “Und das kann genau so gut hier geschehen wie an jedem anderen Ort.”
Die beiden jungen Frauen wurden unversehens rot, und Tarabas verzog tatsächlich das Gesicht zu einem Lächeln, genauer gesagt, er grinste anzüglich, was ihn seinem Vater plötzlich sehr ähnlich sehen ließ. Nur Romualdo, ganz königlich in diesem Moment, zeigte eine unbewegte Miene. “Seid ihr also einverstanden?”
“Ich sehe kein Hindernis mehr”, antwortete Tarabas, wieder ernst. “Schön, dann ist es beschlossen. Wir werden alles Weitere besprechen.” Romualdo zog den Freund mit sich fort und die beiden Mädchen blieben alleine zurück.
“Männer!” sagte Angelika anklagend, und dann kicherten sie beide und lachten schließlich laut heraus.

4.
Früh am nächsten Morgen schaute Angelika aus dem Fenster ihrer Kammer. Es war Sommer, das Wetter war hell und sonnig. Sie beschloss spontan, einen Spaziergang im Freien zu machen, um munter zu werden und in Ruhe ihren Gedanken nachhängen zu können.
Als sie den Schlossgarten durchquerte, fiel ihr ein schwarz gekleideter Mann auf, der im Schatten einer mächtigen Trauerweide halb verborgen auf einer Bank saß. Als sie den Frühaufsteher näher ins Auge fasste, erkannte sie Darken, der völlig in Gedanken versunken in den Morgennebel hinausstarrte.

Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie überhaupt nichts über die Rolle wusste, die er bei dem entscheidenden Kampf gespielt hatte und die er jetzt spielte; aber sie wollte nicht grußlos an ihm vorübergehen oder einen Bogen um ihn machen. Seltsamerweise fürchtete sie ihn weniger, als Tarabas oder Fantaghirò oder Romualdo ihn gefürchtet hatten, denen er wahrhaftig übel genug mitgespielt hatte. Ihr selbst hatte er nicht wirklich etwas angetan. Und sie brachte sogar Verstehen für ihn auf, mehr als ihre Freunde. Sie erinnerte sich, wie er sie angesprochen hatte: Er hatte die dunkle Seite ihrer Seele berührt und dadurch auch ein wenig von seinem eigenen finsteren Geist preisgegeben. Er hatte sofort durchschaut, dass sie für Tarabas jedes Verbrechen begehen würde, und sie verstand, dass er in gewisser Weise genau so dachte. Er hatte alles, wirklich alles versucht, um seinen Sohn zurückzugewinnen.

Sie näherte sich ihm mit einer förmlichen Verneigung. “Herr Darken. Ich grüße Euch.”
Gemäß den Regeln der Höflichkeit erhob er sich, ergriff ihre Hand und berührte sie mit seinen Lippen.
“Prinzessin Angelika! Ich hörte von Eurem Eintreffen. Wie man mir berichtet, werdet Ihr in Kürze meinen Sohn heiraten.”
“Das ist mein Wunsch und auch seiner. Ich hoffe doch nicht, dass Ihr einen väterlichen Einwand dagegen erheben wollt -?” Es klang genau so, wie es klingen sollte - halb ernst, halb scherzhaft.
“Ihr wisst, was Ihr tut ...” Es war keine Frage, sondern mehr eine Feststellung. Angelika schaute in seine nachtdunklen Augen. Was war darin zu lesen? Spott? Unterdrückter Zorn? Schmerz? Sie spürte eine verborgene Gefahr. Er würde ihr wehtun. Aber sie wich ihm nicht aus.

Mit einer Handbewegung lud er sie ein, sich zu ihm zu setzen, und nahm selbst wieder Platz. “Er hat Euch natürlich nicht berichtet, was geschehen ist.“
”Das hat er nicht, und ich werde auch niemanden danach fragen, auch Euch nicht.”
“Aber ich will, dass Ihr es erfahrt.”
Mit leidenschaftsloser Stimme schilderte Darken den Zweikampf, der in Tarabas’ Selbsttötungsversuch endete, seine eigene verzweifelte Rettungsaktion, das Eingeständnis seiner Niederlage und schließlich die glückliche Heilung des Verletzten und die Versöhnung. Angelika lauschte atemlos, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen.

“Er hat versucht, sein Leben zu opfern,” schloss Darken, “und er hat es getan, um den Triumph des Bösen zu verhindern, denn sonst hätte es in jedem Fall gesiegt, entweder durch seine Hand oder durch meine. Er hat es auch getan für seine Freunde, für Fantaghirò und Romualdo, denn der Sieg über das Böse sollte sie von meinem Zauberfluch befreien.

Aber an Euch, Angelika, hat er nicht einen Augenblick gedacht. Eure Liebe, Euer Schmerz haben seinen Entschluss nicht aufgehalten. Die Worte, die er für seine letzten hielt, galten weder Euch noch der vielgeliebten Fantaghirò. Sie galten mir, seinem Vater.”

Darken hatte sich erhoben und stand hoch aufgerichtet vor ihr; seine Worte fielen wie Keulenschläge auf sie nieder. Angelika sah zu ihm auf, der Ausdruck ihres schönen Gesichts war undeutbar.
“Ihr liebt Euren Sohn sehr, Darken.” Diesmal war sie es, die eine Frage im Ton einer Feststellung aussprach. Darken sank wieder neben ihr auf die Bank nieder, vollkommen überrascht.
Eine Weile sagten beide gar nichts. Dann begann Darken von neuem.
“Ihr seid stärker, als ich dachte, Angelika. Viel stärker. Verzeiht mir. Ich habe versucht, Euch zu verletzen. Ich wollte Euch vor Augen führen, dass Ihr Tarabas weniger bedeutet als manches andere. Aber diese Kränkung hat Euch nicht erreicht. Ihr dachtet wirklich nur an ihn und nicht an Euch selbst.”
„Alles, was Ihr mir zu verstehen geben wolltet, habe ich bereits gewusst, Darken, auch wenn ich die Ereignisse nicht kannte. An meiner Liebe zu Tarabas und meinem Entschluss, ihn zu heiraten, ändert es nichts.”

Darken überlegte einen Augenblick; dann zog er einen kleinen, aber scharfen, reich verzierten Dolch aus seinem Gürtel. “Das ist Tarabas’ Waffe. Er wollte sie nicht wiederhaben”, ein Anflug des alten Zynismus überzog sein Gesicht. “Nehmt diesen Dolch, Angelika, und tragt ihn bei Eurer Hochzeit. Wenn die traditionelle Zeremonie beendet ist und bevor der Priester Euch den Schlusssegen erteilt, schneidet Euch damit in die Rechte ... so!” Darken hielt den Dolch in der Linken, umfasste die Schneide fest mit der Rechten und zog sie über seine Handfläche. Blut rieselte über sein Handgelenk in den schwarzen Stoff seines Ärmels. Angelika wurde ein bisschen blass, verbarg aber ihr Erschrecken.
“Dann gebt Ihr den Dolch weiter an Tarabas, der das gleiche tun wird, und ihr reicht Euch die Hände, so dass euer Blut sich vereinigt. Das ist das Zeremoniell, mit dem Zauberer einen Bund besiegeln - auch einen Ehebund. Auf diese Weise werdet Ihr nicht nur die Liebe, sondern auch die Magie auf Eurer Seite haben. - Traut Ihr Euch das zu?”, fragte er mit einem erneuten Aufflackern seiner alten Bosheit.

Angelika nahm den Dolch und betrachtete ihn kühl. “Ich werde es ja wohl schaffen, mir mit einem Messer in die Finger zu schneiden - das bringt jede Küchenmagd fertig.” Sie verbarg die Waffe im Ärmel ihres Gewandes, stand auf und verneigte sich. “Ich danke Euch, Herr Darken, für Euren freundlichen Rat. Bitte entschuldigt mich jetzt.” Sie wandte sich zum Gehen.
“Angelika.” Auch Darken hatte sich erhoben. Als Angelika sich wieder zu ihm umwandte, nahm er die junge Frau spontan in seine Arme und küsste sie auf die Stirn. “Deiner Liebe vertraue ich meinen Sohn an, den einzigen Menschen auf der Welt, der mir etwas bedeutet. Werde glücklich mit ihm, meine Tochter.”

5.
Es war an einem herrlichen Sommertag, als die Verlobten im Schlosshof vor den Priester traten, alle vier in traditionelles Weiß gekleidet. Die Mädchen trugen Kranz und Schleier, Fantaghirò zarte Orangenblüten, Angelika rote Rosen. Die fröhliche Volksmenge wollte nicht aufhören zu jubeln beim Anblick der beiden wunderschönen Paare. Fantaghirò und Romualdo strahlten vor Glück; Tarabas und Angelika blieben ernst und feierlich.

Nachdem die Eidesformel gesprochen war, zog Angelika den Dolch aus ihrem Ärmel und umfasste die Klinge mit der Rechten.
Tarabas atmete heftig ein; sein Blick flog zu Darken, der neben Fantaghiròs Vater und der weißen Hexe saß, das übliche ironische Lächeln auf den Lippen.
Aber er fasste sich schnell wieder und als Angelika ihm die Waffe überreichte, strahlte er. Zum ersten Mal fühlte er, dass er stolz auf sie war, auf ihren Mut und ihre Stärke. Sie würde ihn niemals enttäuschen, selbst wenn er sie kränkte und verletzte. Auf sie würde er sich immer verlassen können; ihre Liebe war ihm sicher, auch wenn er alles andere verlor.

Als sie ihm ihre Rechte reichte, sprach er als erster den zeremoniellen Satz: “Ich vereinige mein Blut mit deinem, damit nichts uns trennen kann in alle Ewigkeit.” Angelika wiederholte die Formel; bevor er ihre Hand losließ, machte er eine winzige Geste mit der Linken, und sie spürte, dass der Schnitt sich schloss.
“Das war unnötig”, sagte sie leise. “Die Schramme wäre auch so verheilt.” “Willst du dir das Kleid ruinieren?” gab er ebenso zurück, und dann mussten sie beide kichern.

Zum Schluss ergriff Fantaghirò noch einmal das Wort. “Wir, die wir hier stehen, sind nicht nur zwei Paare, die heute den Ehebund geschlossen haben, sondern vier Menschen, die das Schicksal durch ein einzigartiges Band der Liebe und der Freundschaft miteinander verbunden hat. Jeder von uns hat heute nicht nur ein Ehegemahl, sondern auch einen Bruder und eine Schwester gewonnen.”
Die vier Freunde umarmten einander; dann sprach der Priester den Segen, und sie stellten sich auf zum Hochzeitszug.
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