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Les Trois Mousquetaires - Französisch für Vollprofis

von Hibiscia
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Aramis Athos D'Artagnan Porthos
06.03.2013
24.04.2013
8
19.747
3
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06.03.2013 3.648
 
„Was tust du da?“
D’Artagnan klingt, als verstünde er die Welt nicht mehr.
„Ich packe meine Sachen“, presse ich zwischen den Zähnen hervor und meine Stimme wackelt ein bisschen dabei, weil ich plötzlich einen dicken Kloß im Hals habe.
Nicht weinen. Bloß nicht weinen.
„Du…du packst deine Sachen?“ ,D’Artagnan steht auf und kommt zu mir, „Wieso? Tut mir Leid, aber ich verstehe nicht…“
„Natürlich verstehst du es nicht“, antworte ich schroff, „du hast ja auch das Gespräch nicht verstanden.“
Ich pfeffere einen Slip in meine Tasche und lasse sie dann langsam sinken. Schuldbewusst sehe ich d’Artagnan an.
„Ich wollte dich nicht anschnauzen, tut mir Leid“, sage ich leise und klappe die Schranktüren wieder zu, „ich habe mich nur weiter mit meiner Mutter gestritten. Sie hat gesagt, dass du nicht bleiben kannst, dass sie dich rausschmeißt…und…naja, da hab ich gesagt, dass ich mitgehe. Dass ich abhaue von hier, verstehst du?“
D’Artagnans Gesicht ist bleich geworden.
„Das geht nicht!“, ruft er leise, aber eindringlich, „du bleibst hier!“
„Nein!“, sage ich bestimmt und gehe zu meiner Kommode, in der ich mein Kosmetikzeug aufbewahre. Seufzend ziehe ich die Schublade auf und werfe ein paar Sachen in die inzwischen ziemlich volle Tasche.
„Du wirst wegen mir nicht dein Zuhause verlassen!“, wiederholt d’Artagnan scharf.
„Doch, werde ich!“ Mit einem Ruck knalle ich die Schublade zu, „Fängst du jetzt auch noch damit an, mich zu bevormunden?!“
„Nein, aber ich will nicht, dass du – “
„Das ist mir egal. Du hast doch keine Ahnung, wie meine Welt tickt. Du würdest nicht lange überleben da draußen.“
„Du kränkst mich“, meint d’Artagnan beleidigt.
„Das tue ich nicht“, entgegne ich etwas sanfter, „ich sage die Wahrheit. Hast du eine Ahnung, was Autos sind? Welche Geschwindigkeit die draufhaben können? Du würdest an der ersten Straße, die du findest, überfahren werden. Abgesehen davon hast du kein Geld.“
„Du doch auch nicht.“
Ich seufze leise und gehe zu meiner Spardose.
„Es…ist nicht viel, dafür, dass wir zwei sind, aber es sollte vorerst reichen…“, sage ich und ziehe zwei Fünfhunderter aus der Dose.
„Ist das Papier?“, fragt d’Artagnan irritiert, „Und was hat es für eine seltsame Farbe?“
Ich stutze und besehe mir die Scheine.
„Es…ist Papier, ja…“, erkläre ich und reibe einen Schein zwischen meinen Fingern, „aber es ist ganz spezielles, weißt du.“
„Und wie viel ist das nun?“
„Tausend. Wir werden sehen, wie lange es uns reicht. Wie Götter werden wir sicher nicht leben können, aber es wird schon reichen, bis – “
Ja, bis wann eigentlich?
Bis es aufgebraucht war? Bis wir nichts mehr hatten und reumütig zurück nach Hause krochen?
Bis wir, getrieben von Hunger anfingen zu stehlen und im Gefängnis landeten? Bis wir von der Polizei aufgelesen und zurück nach Hause gebracht wurden?
Ich habe ein Bankkonto, auf dem sind bereits ein paar Tausender angelegt. Aber ich habe keine Karte, um das Geld abzuheben. Meine Eltern haben mir das Ding immer vorenthalten. Angeblich aus dem Grund, damit ich das Geld, das ich vielleicht für meine erste, eigene Wohnung brauche, nicht für anderen Schnickschnack ausgebe.
Eins ist klar, tausend Euro können einen Einzelnen eine ganze Weile ernähren und ihm ein relativ angenehmes Leben in billigen Frühstückspensionen ermöglichen. Aber wir sind zwei. Ich habe zwei Mäuler zu stopfen und zwei Betten zu bezahlen.
Ich verwerfe den Gedanken und falte die zwei Scheine zusammen. Wohin damit? Sie einfach in die Tasche zu legen, ist zu gefährlich. Es ist viel Geld, und es bestimmt von nun an unser Leben.
Die Taschen meiner Shorts sind zu eng geschnitten; ich habe Angst, dass ich es verlieren könnte, wenn ich es hineinstopfe. Mir kommt ein anderer Gedanke. Schnell drehe ich mich um, mache die obersten zwei Knöpfe meiner Bluse auf und stecke je einen Geldschein in meinen BH. Einen links, einen rechts. Es ist ein äußerst schäbiges Gefühl, außerdem ist mein Gesicht glühend heiß.
Schnell mache ich die Bluse wieder zu.
„Was hast du gemacht?“, fragt d’Artagnan.
„Nichts.“
Ich werfe nochmal einen Blick in meine Tasche. Ein paar Shirts, eine weitere Bluse, sowie eine Strickjacke, Unterwäsche und Schminke. Vielleicht wären Shampoo, Zahnbürste und mein Schlafanzug auch keine schlechte Idee.
Leise schleiche ich durch den Flur ins Badezimmer und hole die Sachen. Mein Schlafanzug ist nicht dabei. Stimmt ja, ich hab ihn heute Morgen Richtung Waschmaschine geworfen. Und die tuckert gerade gemütlich vor sich hin.
Auf leisen Sohlen schleiche ich zurück in den Flur. Ich kann Mama im Wohnzimmer reden hören. Offenbar telefoniert sie mit Papa. Wie gebannt bleibe ich stehen und lausche. Tatsächlich schnappe ich ein paar Wortfetzen auf.
„….hat gesagt, sie geht mit…..wird es doch nicht wirklich tun, oder?....was….tun….Sorgen…Ohrfeige…sauer…“
Mir wird kalt vor Wut. Sie glaubt, ich habe nicht den Mumm, wirklich abzuhauen.
Da wird sie sich noch wundern!
Aber ich weiß, dass ich schnell sein muss. Und leise. Denn wenn sie mich hört, bemerkt, dass ich wirklich gehe, wird sie mich davon abhalten. Mit allen Mitteln.
Geduckt schleiche ich zurück in mein Zimmer und öffne nochmal den Kleiderschrank.
Das Schlafshirt finde ich schnell, jedoch ist meine Tasche inzwischen so gerammelt voll, dass ich es beim besten Willen nicht mehr unterbringen kann.
Egal, und wenn ich in Unterwäsche schlafen muss!
Moment mal, ob das so eine gute Idee wä -
„Hast du alles?“ Jäh unterbricht d’Artagnan meine Gedanken.
„Ich weiß es nicht“, gebe ich wahrheitsgetreu zu, „aber ich denke, wir sollten los. Mama telefoniert gerade mit Papa und erzählt ihm die Geschichte brühwarm. Wenn wir nicht sofort loskommen, haben wir die Chance verpasst.“
„Deine Mutter tut WAS mit deinem Vater?“
„Sie – ach, nicht so wichtig, ich erklärs dir ein anderes Mal! Wir sollten jetzt echt hier wegkommen!“
„Gut, dann los!“
D’Artagnan steht schon in den Startlöchern, doch ich sehe noch zweifelnd auf meine nackten Füße herunter. Ich kann nur ein Paar Schuhe mitnehmen, und das ist zweifellos das, dass ich trage. Für ein zweites habe ich in der Tasche wirklich keinen Platz mehr.
Ich werfe einen raschen Blick aus dem Fenster – draußen regnet es in Strömen. Die Flipflops fallen also weg. Meine schwarzen Converse (die hatte ich auch letztes Jahr auf meiner Zeitreise an!) würden sich am meisten eignen, denn sie eignen sich für jedes Wetter. Allerdings sieht man darin ziemlich bescheuert aus, wenn man nur Shorts anhat, und keine Jeans.
Und Aussehen geht bei Frauen ja bekanntlich über Nutzen – somit scheiden auch die Converse aus.
Da bleibt nur noch ein Paar, das halbwegs brauchbar wäre – meine schwarzen Ballerinas.
Gedacht, getan, und so stehe ich einen Moment später in den zierlichen Schuhen bereit.
„Die sind ja nett“, meint d’Artagnan, „die Frauen bei Hofe tragen ähnliche, nur sind sie dort meist golden.“
Es ist mir ziemlich egal, welche Farbe die Schuhe der Hofpüppchen haben, ich will nur noch los.
„Okay, gehen wir“, sage ich und öffne leise meine Tür. Der Flur liegt ausgestorben vor mir. Ich kann noch immer Mamas Stimme aus dem Wohnzimmer dringen hören. Jetzt klingt sie leicht hysterisch.
„Komm!“, flüstere ich d’Artagnan zu und ziehe ihn hinter mir her. Ich presse meine Handtasche fest an meine Seite und spüre die Geldscheine sicher in meinem Ausschnitt.
Leise drücke ich die Klinke der Haustür herunter und wende mich nochmal um.
„Geh schon“, drängt d’Artagnan und schiebt mich sanft aus der Tür ins Treppenhaus.
Ich greife den Türknauf und ziehe die Tür wie in Zeitlupe zu. Es klackt leise und sie ist zu.
Ich atme aus. Ich habe keinen Schlüssel, komme nicht wieder rein, ohne zu klingeln.
„Wir sind raus aus der Wohnung“, hauche ich, um es mir selbst klar zu machen, „wir müssen weiter, lass uns gehen.“
D’Artagnan nimmt meine Hand und gemeinsam schleichen wir die Treppen nach unten ins Erdgeschoss. Ich ziehe an der hohen Glastür, wir schlüpfen nach draußen und stehen im Hof.
Ich sehe hoch zu meinem Fenster, hinter dem mein Zimmer liegt.
„Möchtest du umkehren?“, fragt d’Artagnan, aber ich schüttle energisch den Kopf.
„Nein. Jetzt sind wir freie Leute! Lass uns sehen, was das Schicksal mir uns vorhat. Aber zuerst sollten wir uns von hier entfernen. Wenn Mama aus dem Fenster sieht, dann – “
„Ich verstehe. Wohin?“
„Zur nächsten Bushaltestelle, würde ich vorschlagen.“
„Ich kenne mich nicht aus, also wirst du uns wohl führen müssen.“
Ich nicke, sehe ein letztes Mal hoch um zu sehen, ob die Luft rein ist und ziehe d’Artagnan dann mit mir, weg von der Wohnsiedlung.
Als wir die erste Hauptstraße erreicht haben, fühle ich mich mulmig und sicherer zugleich. Mulmig, weil ich nicht weiß, wohin wir gehen können und was noch alles passieren wird. Und sicherer, weil wir weg von Zuhause sind.
Wann wird Mama merken, dass wir weg sind? Wie wird sie reagieren?
Autos brausen an uns vorbei. Meine halbnackten Beine sind nass und an den Knöcheln ein wenig mit Dreck bespritzt. D’Artagnans Haare hängen ihm feucht und wirr ins Gesicht, meine kleben mir am Kopf, eine Haarsträhne hängt mir im Mundwinkel und ich wische sie weg. Immerhin ist es noch warm genug, dass wir nicht zu sehr frieren. Trotzdem ist es ein ekelhaftes Gefühl.
„Da vorne ist sie.“
Mit dem Zeigefinger deute ich auf die Bushaltestelle an der Ecke.
„Das…ist ein Unterstand, nicht wahr?“
„Ja, ist es“, sage ich nur, nehme d’Artagnan am Handgelenk und ziehe ihn mit mir. An der Bushaltestelle angekommen, beginne ich damit, den Fahrplan zu studieren.
„In fünf Minuten kommt der Bus stadteinwärts und in 7 der stadtauswärts. Gut, also welchen wollen wir nehmen?“
„Welcher Weg bringt uns die meisten Vorteile?“
D’Artagnans Frage bringt mich ein wenig aus dem Konzept.
„Ich… - keine Ahnung!“, stammle ich und werfe einen weiteren Blick auf den Fahrplan.
„Stadteinwärts…nun ja, da kommt man eben in die Innenstadt, ins Zentrum. Es gibt viele Geschäfte, Restaurants, Häuser und vielleicht auch Hotels da, aber meistens sind die da teuer.“
„Und stadtauswärts?“
„Na komm, du wirst ja wissen, was das bedeutet, oder nicht?“
Ich setze mich auf die Wartebank, die Tasche fest an mich gepresst. D’Artagnan nickt lahm.
„Wir brauchen einen Plan“, sage ich, „ansonsten können wir gleich zurück gehen. Wir haben tausend Euro, und bei Gott, die müssen eine ganze Weile halten, hast du verstanden? Wir dürfen das Geld auf keinen Fall verprassen, versuchen wir also, an allen Ecken zu sparen.
Gut, das bedeutet, dass wir mit billigen, schäbigen Frühstückspensionen vorlieb nehmen müssen, und selbst die werden uns das Geld ordentlich aus der Tasche ziehen.“
D’Artagnan nickt wieder und betrachtet fasziniert die vorbeibrausenden Autos.
„Fürs erste sollten wir uns dringend irgendwo einmieten, denn wir sind nass und schmutzig und ich fange langsam an zu frieren. Kein Wunder, es wird langsam Nachmittag…“
„Also suchen wir uns eine Unterkunft.“
„Ja, das würde ich zumindest vorschlagen.“
„Stadtauswärts?“ D’Artagnan stellt es mehr fest, als dass er es fragt.
„Stadtauswärts“, wiederhole ich und nicke.
Also steigen wir nicht in den ersten Bus, sondern warten zwei Minuten länger auf den zweiten. D’Artagnan fallen fast die Augen aus dem Kopf, als der Bus vorfährt und ich muss lächeln. Ich nehme ihn beim Handgelenk wie ein kleines Kind und steige mit ihm ganz hinten ein.
Der Bus ist fast leer und die Scheiben sind von innen beschlagen. Es riecht nach Nässe und alter Klimaanlage, vermischt mit dem Körpergeruch verschiedener Menschen, die heute schon in diesem Bus gefahren sein müssen.
Jetzt sitzen nur eine Mutter mit zwei kleinen Kindern, ein alter Mann mit Gehstock und ein mit offenem Mund Kaugummi kauendes Mädchen hier drin.
Ich drücke d’Artagnan nach ganz hinten auf einen Sitz und wühle in meiner Handtasche nach Kleingeld, denn es ist offensichtlich viel zu leer im Bus, als dass wir ungestört schwarzfahren könnten. Ich weiß genau, dass ich in einem Nebenfach noch vier Euro haben muss, doch dieses Fach zu erreichen, ist mit all den Klamotten ein Ding der Unmöglichkeit.
Erst, als wir schon zwei Haltestellen weiter sind, kann ich nach vorne Stolpern und zwei Einzelfahrkarten kaufen. Die vier Euro werden komplett aufgebraucht. Ich stemple die zwei dünnen Kärtchen und haste zurück nach hinten zu d’Artagnan, der wie gebannt auf seinem abgenutzten Sitz sitzt und aus dem Fenster sieht.
„Spannend?“, frage ich ihn und setze mich neben ihn.
„Unglaublich“, sagt d’Artagnan ehrfürchtig und mit großen Augen, „sag, was ist das für ein Ding?“
„Ein Bus.“ Ich sage es mit der Begeisterung, mit der ich auch über Toastbrot sprechen würde.
„Ein Bus“, wiederholt d’Artagnan und er klingt dabei, als habe man ihm eben offenbart, dass er ein Halbgott ist, oder sonst etwas ganz tolles von statten ginge.
Der Motor zittert und vibriert; die Lüftung arbeitet auf Hochtouren und ich fröstle. An meinen Beinen habe ich eine beachtliche Gänsehaut und ich reibe leicht mit den Handflächen darüber.
Das Kaugummikauende Mädchen beobachtet mich. Sie hat eine schwarz-weiß gestreifte Wollstrumpfhose an, ein weißes Top mit tiefem Ausschnitt und eine verwaschene, hellblaue Jeansjacke, deren Ärmel sie hochgekrempelt hat. Sie hat wirres, wasserstoffblondes Haar, das sie zu einem schlampigen Knoten am Hinterkopf gewickelt hat, doch einige rosa gefärbte Strähnen hängen ihr frech ins Gesicht.
Sie hat Augen wie ein Pandabär, das Unterlid ist gänzlich mit Kajal bemalt, das Oberlid ist mit einem dicken Strich Eyeliner umrandet worden. Ihre Lippen, die sich mit dem Kauen bewegen und leicht offen stehen, sind knallrot.
Ich frage mich unwillkürlich, ob sie einen Freund hat. Welche Sorte Jungs steht auf Mädchen wie sie?
Sie bläst eine blassrosa Kaugummiblase, kneift mit den Schneidezähnen ein Loch hinein, leckt sich mit einer spitzen, rosa Zunge die Kaugummireste von den Lippen und fährt fort, die Süßigkeit mit offenem Mund zu kauen. Dabei lässt sie mich nicht aus den Augen. Ich starre zurück, starre auf die gigantischen Kreolen an ihren Ohren und die üppige Menge Armreifen, die sich um ihr rechtes Handgelenk winden.
Der Gedanke von eben kommt zurück.
Wie sieht der Junge aus, der dieses Mädchen zur Freundin hat? Wie ist er gestrickt?
Ich strenge mich an, ein Bild in meinem Kopf zu erzeugen, doch das einzige, das ich herausfinde, ist, dass sie raucht; ich sehe ein zerknautschtes Päckchen Zigaretten in ihrer Jackentasche.
Ich sehe weg, betrachte stattdessen d’Artagnan, der mit leuchtenden Augen aus dem Fenster sieht und vergessen zu haben scheint, in welch beschissener Situation wir uns doch befinden.
Wie weit sollen uns popelige tausend Euro schon bringen? Angenommen, eine Nacht in einer Pension kostet uns hundert gesamt…es würde nur für etwas mehr als eine Woche reichen. Außerdem bin ich mir sicher, dass selbst die schäbigste Pension teurer sein wird.
Ich frage mich, was mit mir durchgegangen ist, als ich Mama die Stirn geboten habe und abgehauen bin. Selbsttadelnd schüttle ich den Kopf und sehe an d’Artagnan vorbei aus dem staubigen, verschmierten Fenster. Offenbar sind wir schon ein ganzes Stück außerhalb des zentralen Bereichs, denn die Häuser und Straßen werden nichtssagender, langweiliger.
Urplötzlich tippt mich d’Artagnan an (ich bemerke, wie die Blonde jede unserer Bewegungen verfolgt) und ich sehe ihn fragend an.
„Wie lange wollen wir noch fahren?“
„Ich weiß nicht. Steigen wir dann übernächste Haltestelle aus?“
„Ich vertraue dir blind, mach du nur.“
Ich seufze entnervt auf. D’Artagnan ist wirklich keine große Hilfe. Und ich darf alles alleine regeln. Wunderbar, das wird ja sicher gut gehen.
Bis wir besagt Haltestelle erreichen, vergehen fünf Minuten, dann drücke ich auf den Stoppknopf und ein paar Meter weiter hält der Bus und wir steigen aus.
Selbst als wir bereits ausgestiegen sind, guckt uns die das blonde Hipstermädchen noch an. Ich bin froh, als der Bus weiterfährt und somit ihr bohrender Blick verschwindet.
„Wo sind wir hier?“, fragt d’Artagnan und dreht sich im Kreis.
„Es ist ein größerer Vorort, sollte nicht allzu schwer sein, hier was Brauchbares aufzutreiben.“
Ich muss mir Mühe geben, nicht mit den Zähnen zu klappern, denn es regnet noch immer und hat nun doch deutlich abgekühlt.
„Frierst du?“, fragt d’Artagnan und stellt sich etwas näher an mich.
„Ja, ein bisschen“, antworte ich leicht bibbernd und fische mein Handy aus der Handtasche, „gut, dass es mobile Citymaps gibt, mit denen sollten wir schnell was finden.“
„Gut, dass es WAS gibt?“
„Citym – ähm, Straßenkarten…nicht so wichtig, lass mich nur machen.“
Nach einer Minute habe ich vier Ergebnisse.
„Das nächst gelegene ist gleich um die Ecke“, erkläre ich, den Blick auf mein Handy gerichtet, „es ist ne klassische Frühstückspension.“
„Was auch immer das ist, ich folge dir.“
„Könntest du das lassen?“
„Was?“
„Dieses ergebene Gehabe. Ich bin weder ein Übermensch, noch bist du ein Labrador.“
„Das ist ein seltsamer Vergleich.“
„Es ist ein TREFFENDER Vergleich.“
Untergehakt staksen wir die regennasse Straße entlang und haben schon bald ein kleines, graues Haus erreicht, dessen Fenster erleuchtet sind.
>Pension Oberwirt< ,  steht auf einem goldenen Schild über der Tür und ich fühle mich, als ob ich in einem Klischee gelandet bin.
„Also gut, rein da“, sage ich und gemeinsam betreten wir die Pension. Als ich die Tür öffne, bimmelt ein Windspiel über uns, dass unsere Ankunft verrät. Nur zwei Schritte vor uns befindet sich ein kleiner Tresen, hinter dem ein vorsintflutlicher Computer, sowie ein Telefon und ein Faxgerät stehen.
Auf dem Tresen steht eine dieser kleinen, silbernen Klingeln, auf die man draufhauen muss, um auf sich aufmerksam zu machen.
Doch das ist in diesem Fall gar nicht nötig, denn aus einer Tür hinter dem Tresen watschelt eine rundliche Frau in einem geblümten Sommerkleid und lächelt und freundlich, aber auch etwas irritiert an.
„Ähm, hallo“, sage ich höflich und trete einen Schritt näher an den Tresen, „entschuldigen Sie, wenn ich frage, aber…was würde eine Nacht kosten?“
„Ich nehme an, Sie würden ein Doppelzimmer nehmen, Liebes?“, fragt die Frau direkt heraus und lächelt freundlich zu d’Artagnan herüber. Ich ertappe mich dabei, wie ich alle Klischees, die mir je untergekommen sind, in dieser Pension vereinen kann.
Ich sehe d’Artagnan zögernd an, und er sieht mich an, aber er versteht ja gar nicht, was die Frau gerade gefragt hat.
„Mhm, jaah“, sage ich schließlich langgezogen, „aber wäre es vielleicht möglich, die Betten – “
„Ein Doppelzimmer mit Frühstück macht 75 die Nacht“, unterbricht mich die Frau fröhlich.
„Fünfundsiebzig?“, sage ich erstaunt, so billig hatte ich mir nicht vorgestellt. Offenbar fasst die Frau meine Reaktion jedoch falsch auf, denn sie meint mit einem gutmütigen Lächeln:
„Aber weil Sie so ein herrliches Paar machen, denke ich, können wir ruhig um 5 Euro heruntergehen. Ich weiß doch, ich weiß doch…als junge Studenten muss man sparen, wo es geht, nicht wahr? Ging mir selbst ja nicht anders…aber ich schweife ab, bitte vielmals um Verzeihung…also, was meinen Sie, mein Liebes?“
Eigentlich kann ich das Angebot nicht ablehnen. Etwas Billigeres werde ich wohl kaum finden.
„Klingt gut“, sage ich also und zupfe an meiner durchnässten Bluse herum.
„Herrje, Sie armes Ding!“, ruft die Frau mütterlich, „gehen Sie bloß schnell auf Ihr Zimmer und nehmen Sie ein heißes Bad, Sie sind ja völlig durchnässt!“
Dann watschelt sie nach hinten zu der Tür und erst jetzt bemerke ich das kleine Regal, an dem sechs Schlüssel hängen. Sie überlegt einen Moment, dann  hat sie den richtigen Schlüssel gefunden und legt ihn vor mir auf den Tresen.
„Es ist nichts Besonderes, müssen Sie wissen, aber…es ist das beste Zimmer des Hauses…“
„Machen Sie sich keine Gedanken“, meine ich aufmunternd und greife nach dem Schlüssel, „ich wette, dass alles bestens ist.“
„Gut, gut“, meint die Frau, „ich muss Sie beide jedoch noch einen kleinen Moment zurückbehalten. Muss Sie ja schließlich eintragen, nicht wahr? Sehen zwar nicht aus wie hinterhältige Betrüger, aber…nun ja, Sie kennen ja die Regeln, oder?“
Ich nicke langsam.
„Würden Sie mir Ihren Namen verraten?“ Die Frau lächelt mich herzlich an.
„Magdalena Briegelein.“
Die Frau notiert den Namen in ihr Buch und schreibt die Zimmernummer, 4, dahinter.
Ist es strafbar, wenn man seinen zweiten Vornamen angibt? Ich heiße nun mal Julia Magdalena. Und nach einer Magdalena wird Mama nicht suchen, weil ich den Namen nie benutze.
„Haben Sie einen Ausweis?
Du liebe Güte! Ich wühle mich leicht beschämt durch meine pralle Tasche, bis ich den Ausweis gefunden habe. Das „Julia“ in der Namenszeile ist nicht zu übersehen. Ich seufze unhörbar und reiche der Frau meinen Ausweis. Sie mustert ihn kurz und gibt ihn mir dann zurück.
„Sie benutzen nur Ihren zweiten Vornamen, Liebes?“
„Jaah, ist so eine dumme Angewohnheit von mir…“ Ich versuche ein Lachen und es gelingt mir.
„Und der junge Mann?“, fragt die Frau nun.
„Oh, also, das ist Maurice Bèrichou. Er ist aus Frankreich, er spricht kein Deutsch“, erkläre ich und überlege fieberhaft, was ich wegen d’Artagnans nicht vorhandenen Ausweis sagen kann.
Die Frau errötet ein wenig.
„Wären Sie so gut, den Namen für mich einzutragen? Ich bin eine Null in Französisch!“
Ich will schon nach dem Buch greifen, da schüttelt sie energisch den Kopf.
„Lassen Sie’s gut sein, Sie müssen ja schrecklich frieren. Los, hoch mit Ihnen! Das Zimmer liegt im ersten Stock, das zweite von links. Ihr Zimmer ist das einzige mit eigenem Badezimmer, Sie können das Gemeinschaftsbad also ignorieren. Frühstück gibt es morgen von 7 bis 10.
Ach, eins noch…würde es Ihnen sehr viel ausmachen, die 70 Euro jetzt gleich zu bezahlen?“
Die Frau sieht dabei so zerknirscht aus, dass ich lache und den Kopf schüttle.
„Können Sie wechseln? Ich hab nur…große Scheine.“
„Wechseln? Oh, das ist derzeit leider ein wenig schwierig…“
„Okay…“, überlege ich, „wäre es okay, wenn ich eben hochgehe, meine Tasche ablege und dann schnell nur nächsten Bank gehe und etwas Geld tausche?“
„Selbstverständlich, nur keine Hektik!“
Ich lächle, betrachte den Schlüssel und gehe dann mit d’Artagnan durch eine Tür, die in einen kleinen Zwischenraum mit Treppe führt.
„Erster Stock, zweites Zimmer von links, Zimmer vier…“, murmle ich, und im nächsten Moment stehen wir auch schon davor.
„Da wären wir“, sage ich und stecke den Schlüssel ins Schloss, „also immer rein da.“

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Wow, das ist ja wirklich ein Monsterkapitel! ^^
Bekomm ich ein Review?
Liebe Grüße, Hibiscia ^.^
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