Die etwas andere Nacht im Gasthaus

von Roheryn
KurzgeschichteAllgemein / P12
04.03.2013
04.03.2013
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Halbarad seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, er wartete darauf, dass der Wirt ihm endlich sein Essen bringen würde. Er hatte eigentlich nicht in das Wirtshaus einkehren wollen, doch war ihm nichts anderes übriggeblieben. Es war kalt geworden und seine Vorräte zur Neige gegangen. An und für sich kein sonderlich großes Problem, er hätte jagen gehen können, nur vermieden sie das so nahe an Siedlungen eigentlich. Abgesehen davon war er alleine unterwegs, nachdem Aragorn mal wieder verschollen war. Außerdem war sein Bogen zerbrochen, was das größte Problem war, alles andere konnte man ignorieren. Nur mit nichts als dem Schwert in Händen jagen, war nicht erfolgsversprechend.
 Verschollen sein. Eine der schlechten Angewohnheiten seines Stammesfürsten, wenn nicht sogar seine Schlechteste. Immer war er weg, wenn man ihn brauchte. Immer!
 Erneut seufzte der Mann und wartete ungeduldig, auch wenn er ernsthaft daran zweifelte, dass er noch bekam, was er wollte.
 Er sah sich in der Schankstube um, seine  Kapuze hatte er abgenommen, auch wenn es ungewöhnlich war, dass er sein Gesicht so offen zeigte. Der Raum war warm und stickig, außerdem wurde er so oder so gemieden. Er war einer der Waldläufer, wie man hier zu ihnen sagte. Wilde Gesellen, wie man hier behauptete, doch was wussten diese Menschen schon von der Gefahr, vor der sie Tag für Tag behütet wurden? Für einen Moment schloss Halbarad die Augen. Nichts wussten sie von all dem und so sollte es sein.
 Als er Schritte in seine Richtung kommen hörte, öffnete er seine Augen und sah den Wirt an, Wachsamkeit war etwas, das ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Nur deswegen war er nicht schon lange tot. Mit einem leisen Wort des Dankes nahm er den Teller entgegen und betrachtete das grob bearbeitete Holz. Der Teller in seinem Reisegepäck war erheblich besser gemacht, dafür aber leer.
 Er hob den Löffel und tunkte ihn in den Eintopf, der beinahe ungewohnt reichhaltig war. Langsam begann er zu essen, beobachtete dabei die anderen Gäste, ein paar Zwerge. Es waren mittlerweile weniger von ihnen auf den Straßen gen Osten als noch ein Jahrzehnt zuvor. Schmunzelnd betrachtete er einen Zwerg mit besonders imposantem Bart und einen, der ihm zwar ähnlich sah, aber kaum einen nennenswerten Bart hatte – zumindest für einen Zwerg. Die beiden schienen verwandt zu sein, die Art, wie sie miteinander  umgingen, ließ darauf schließen. Für einen Moment wurde er stutzig, hatte er den einen der beiden Zwerge nicht schon einmal gesehen?
 Sein Blick wanderte weiter, einige Hobbits saßen in ein Gespräch vertieft an einem anderen Tisch, ebenso die ortsansässigen Menschen.
 Als Halbarad seinen Teller geleert hatte, schob er ihn etwas von sich weg und er überlegte, ob er sitzen bleiben, um zu lauschen, oder sich zurückziehen sollte. Nach kurzem Zögern erhob er sich dann aber und ging die Treppe hinauf. Für diese Nacht hatte er sich ein Zimmer gegönnt, er hatte zwar ein schlechtes Gewissen deswegen, aber es hinderte ihn nicht. Er war müde und schon lange hatte er kein Dach mehr über dem Kopf gehabt. Bald zwei Jahre war er nicht mehr in seinem kleinen Haus gewesen, zwei lange Jahre. Eigentlich wollte er doch endlich seine Verlobte heiraten. Sie wartete auch auf ihn, aber seine Pflichten hielten ihn gefangen – wobei verbannt wohl passender war.
 Jene zu schützen, die nicht einmal wussten, dass sie Schutz bedurften. Eine undankbare Arbeit, die niemals zu enden schien und niemals Anerkennung brachte. Nicht, dass er sich nach Anerkennung gesehnt hätte, nur etwas weniger Einsamkeit und ein klein wenig Dankbarkeit, selbst wenn es nur alle Jubeljahre einmal vorkam, wäre schön.
 Er stellte sein Reisegepäck ab und setzte sich aufs Bett. Der Raum war klein, hatte kein Fenster und auch keinen Kamin, aber welcher Wirt, der etwas auf sich hielt, gab auch ein gutes Zimmer an einen wie ihn? Die Antwort war einfach – Keiner. Aber er war zufrieden, dass er überhaupt ein Zimmer bekommen hatte, sogar einen großen Eimer mit warmem Wasser hatte man ihm gebracht. Es war schon einiges.
 Halbarad legte seinen Umhang ab, zog seine Stiefel aus und musterte sie kritisch, noch hielten sie, aber vermutlich nicht mehr lange. Es war wirklich höchste Zeit, dass er zurückkehrte.
 Langsam löste er den Gürtel mit seinem Schwert und stellte es neben das Bett, später würde er es noch schärfen müssen, aber noch war das Wasser warm und er wollte sich und danach seine Kleidung waschen. Er erhob sich wieder und kniete sich vor die Schale, denn einen Tisch gab es in dem Raum nicht. Für einen Moment betrachtete er sein Spiegelbild auf der unberührten Wasseroberfläche. Es sah ernst und angespannt aus und dünner, als er es in Erinnerung hatte. Er zuckte mit den Schultern und tauchte seine Hände in das Wasser und begann zuerst  sein Gesicht und dann seine Haare zu waschen. Als er fertig war, sah er in das getrübte Wasser und fuhr sich durch die nassen Haare. Dann hielt er für einen Moment inne und sah auf sein Spiegelbild.
 „Das kann’s nicht geben“, murmelte er und verengte seine Augen leicht, ein freudloses Lachen kam über seine Lippen. „Ich werde grau… Was für eine Schande, so alt bin ich nicht.“ Langsam aber fragte er sich, was er erwarten konnte, sein Leben war in allen Punkten hart. Es war allgemein bekannt, dass man unter solchen Bedingungen schneller alterte. Nicht, dass es ihm davon besser gefallen wollte, aber ein graues Haar hob Mittelerde auch nicht aus seinen Angeln, da gab es vieles, was schlimmer war. Sehr vieles…
 Seufzend zog der Nachfahre Númenors sein Oberteil aus und wusch sich weiter, damit das Wasser nicht ganz kalt wurde, ehe er fertig war. Anschließend kramte er einen kleinen Beutel mit Asche aus seinem Gepäck und begann seine Kleidung zu waschen.*
 Für einen Moment überlegte Halbarad, ob er die Asche nicht auch verwenden könnte, um seinen Haaren eine einheitliche Farbe zu verpassen. Der Gedanke wurde schnell wieder verworfen. Lieber stand er ehrlich dazu, er war viel, aber kein Betrüger und so sollte es bleiben. Auch wenn der Betrug nur wäre, dass er verbarg, dass die Zeit ihn weit vor der Zeit, in der es einem Nachfahren Númenors passieren durfte, gezeichnet hatte. Das Haar auszureißen, wäre ebenso Betrug gewesen. Er war ehrlich, immer und in allen Punkten!

Seine Wäsche hing nun zum Trocknen im Raum verteilt. Er saß auf dem Bett und hatte seine Klinge in Händen, vorsichtig untersuchte er die Schneide. Sein Leben hatte zu oft von ihr abgehangen, um bei der Pflege nachlässig zu sein.
 Zwischendrin hielt er einmal inne und sah sein Spiegelbild auf dem Metall an. Was er im schmutzigen Wasser nicht gesehen hatte, es war mehr als nur ein einzelnes Haar, das grau war. Einige Haare waren grau, was in seinem dunklen Haar besonders auffiel.
 Er seufzte und sah die Wand an. Eigentlich hatte er heiraten wollen, ehe er so alt war (oder zumindest so alt aussah), dass er grau wurde, daraus wurde wohl nichts, aber das konnte er nicht mehr ändern.
 ‚Man könnte es auch als Zeichen von Erfahrung deuten, meine Glieder sind nicht schwach. Nur gesehen… gesehen habe ich viel – vielleicht zu viel.‘ Dieser Blickwinkel gefiel ihm immerhin etwas besser. Auch wenn er noch zu jung für graue Haare war. Was sollte seine Verlobte sagen?
 Auf einmal musste er über seine eigenen Gedanken lachen. Seit wann war er so eitel?

Er sah sein Schwert noch einmal an und steckte es dann zurück in die Scheide und hängte den Gürtel an den Bettpfosten. Langsam legte er sich hin und zog seine eigene Decke über sich, die aus dem Gasthaus lag zusammengelegt in einer Ecke. Das löchrige Ding taugte nichts, das konnte er sehen.
 Er hatte die Kerze gelöscht und schloss seine Augen. Während er darauf wartete, dass der Schlaf ihn übermannte, dachte er darüber nach, wie es ab hier weitergehen sollte. Eines war sicher, wenn ihm sein Stammesfürst das nächste Mal begegnete, würde er sich einiges anhören müssen. Bestimmt wurde er nur so früh grau, weil er zusätzlich zu seiner Pflicht auch noch die von Aragorn übernehmen musste – wo auch immer der schon wieder stecken wollte.
 Anders konnte er sich das einfach nicht erklären. Nur war es einleuchtend, dass es an ihm zehrte, dass er, wenn er einmal in den Siedlungen der Dúnedain war, sämtliche Berichte sichten musste. Dazu durfte er sich, wenn Aragorn mal wieder weg war, auch noch den Kopf darüber zerbrechen, wer wo in Arnor war und wie viele Quadratmeilen zu überwachen hatte.
 Über diese Gedanken schlief er ein und sein Schlaf war erstaunlich ruhig.

Am nächsten Morgen schlug er seine Augen auf und fragte sich, warum es noch so dunkel war. Sicherlich er stand meistens früh auf, aber nicht einmal ein einzelner Stern war in der Dunkelheit zu sehen. Dann bemerkte er das weiche Bett unter sich (das jeder Andere, der nicht die meiste Zeit auf dem blanken Boden nächtigte, hart genannt hätte) und er erinnerte sich an den fensterlosen Raum. Er stand auf und tastete sich zur Tür, um diese einen Spalt breit zu öffnen, damit er immerhin etwas Licht hatte. Zügig zog er sich an, seinen Umhang ließ er aber hängen, der schwere Stoff war noch feucht.
 Er ging die Treppe hinunter und gürtelte sein Schwert dabei.
 „Guten Tag“, grüßte er einen der Zwerge, die er schon am Vorabend gesehen hatte, als er an ihm vorbeiging.
 „Zu Diensten“, kam es zurück. Halbarad blieb stehen, hatte da jemand seinen Gruß erwidert?

Vielleicht war es doch nicht schlecht, graue Haare zu bekommen, wenn dann ein einfacher Gruß nicht mehr zu viel für andere Reisende war.
 Es könnte natürlich auch daran liegen, dass er und seine Kleidung nun sauber waren und er den beinahe verräterischen Umhang nicht anhatte. Doch bevorzugte er die erste Denkweise.
 Ein Lächeln schlich sich auf seine Züge und beantwortete eine Frage, die der Zwerg ihm gestellt hatte.

Freundlichkeit in einem Gasthaus, eine kostbare Erfahrung für jemanden wie ihn und eine, die ihm sicherlich länger in Erinnerung bleiben würde als die Entdeckung einiger grauer Strähnen.

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*Asche wurde lange zum Waschen der Wäsche verwendet und es funktioniert wirklich. Fragen dazu können über die Mailfunktion gestellt werden.

Weitere Anmerkungen:

Danke an DeepSilence, für das beseitigen meiner Fehler

Mein (erster) Beitrag für das Projekt „Das Alter schlägt zu“  http://forum.fanfiktion.de/t/19709/1#jump1960767


Ort: Wirtshaus
Worte: Asche/ Schwert/ Reisegepäck/ Decke
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