Wie Kíli lernte, fliegende Pfeile mit dem Schwert abzuwehren

KurzgeschichteHumor, Familie / P12
Dwalin Fili Kili
04.03.2013
04.03.2013
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: Kinder sind ein Segen. Sagt man. Dís sieht das etwas anders. Mit 111 Jahren die ersten grauen Haare zu kriegen, ist schließlich alles andere als ein Grund zur Freude!

A/N: Bei allgemeinen Fragen und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Gebrauchsinformation im Profil. Sie finden sie dort unter dem Punkt Homepage.

Alle Zwergennamen stammen aus der Völuspá oder der altnordischen Sagaliteratur.

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Beitrag zum Tolkien-Projekt Das Alter schlägt zu!


Ort:
Wiese


Gegenstände:
Apfelbaum
Decke
Schwert
Wolle




Wie Kíli lernte, fliegende Pfeile mit dem Schwert abzuwehren


Oft kam es nicht vor, dass sie entschied, die Stadt unter den Gipfeln der Ered Luin zu verlassen. Es bestand auch kein Grund dazu. Sie hatte dort alles, was sie brauchte, um sich wohl zu fühlen und nach den langen Jahren der Heimatlosigkeit war sie trotz aller Schicksalsschläge dankbar für den neuen ruhigeren Lebenswandel. Doch der Spätsommer zeigte sich bereits seit ein paar Tagen von seiner schönsten Seite und ein wenig Sonnenwärme vor den trüben Wintermonaten konnte nie falsch sein. Zumal es ihr die Möglichkeit gab, ein wenig mehr Zeit mit ihren Söhnen zu verbringen, die sie, seit ihr Bruder beschlossen hatte, sie seien nun alt genug für praktischen Unterricht, nur noch morgens und abends zu Gesicht bekam. Wobei sich ‚abends‘ hauptsächlich auf das Abendessen belief. An den meisten Tagen waren die Jungen zu müde, um lange aufzubleiben. Gut, es war nicht das Schlechteste, weder für die beiden noch für sie selbst. Wenn sie schliefen, stellten sie wenigstens nichts an und sie musste nicht fürchten, sich mit den Eltern der Kinder auseinanderzusetzen, mit denen ihre Sprösslinge sich geprügelt hatten.

Das war ein Punkt in Thorins Erziehung, für den sie nur wenig bis gar kein Verständnis erübrigen konnte. Wozu sollte es gut sein, sich mit denen zu schlagen, die sie als Verbündete brauchten, sobald sie, oder besser gesagt Fíli den Thron bestiegen hatte? Bei allem Vertrauen in ihren großen Bruder, aber wie – bei Mahal! – sollte das denn gutgehen?

„Mama, wo bleibst du denn?“

Sie sah von ihrem Handarbeitskorb auf, dessen Inhalt sie eben noch einmal auf seine Vollständigkeit überprüft hatte. Es verhielt sich schließlich nicht so, dass sie es sich leisten konnte, einen Tag lang nichts Sinnvolles zu tun. Fíli brauchte dringend neue Socken. Seine Füße wuchsen zurzeit so schnell, dass sie mit dem Stricken kaum hinterherkam, während Kílis Kleidertruhe vor lauter abgelegten Paaren seines Bruders bald überquoll.

Kíli war stehengeblieben, hatte auch Fíli dazu gezwungen, weil er seine Hand noch immer hielt. Andererseits hätte er wohl auch angehalten, sobald Kíli nicht mehr neben ihm gegangen wäre. Es gab eigentlich nichts, was die beiden voneinander trennen konnte. Das Schicksal hatte das Band zwischen ihnen so fest geknüpft, dass sie von getrennten Zimmern nichts hielten. In einem schliefen sie, im anderen lernten und spielten sie zusammen. Als jeder noch sein eigenes gehabt hatte, war jeden Abend, sobald sie glaubten, Thorin und sie seien ebenfalls zu Bett gegangen, einer von ihnen aus seinem gestiegen, nur um in das seines Bruders zu schlüpfen.

„Ihr müsst nicht auf mich warten.“, merkte sie lächelnd an, als sie zu ihnen aufschloss. „Ihr kennt den Weg doch.“

„Aber es ist höflich.“, widersprach Fíli mit einer Ernsthaftigkeit, der nur noch Thorins Konkurrenz machte. Es war unmissverständlich, dass er völlig hinter dem stand, was er gesagt hatte. In dieser Hinsicht war er eigentlich viel zu erwachsen für sein Alter. Über sowas sollte er sich noch nicht den Kopf zerbrechen. Die Zeit dafür würde früh genug kommen, aber es gab keine Möglichkeit, ihn jetzt dafür zu kritisieren. Sie konnte nur nicken, bejahen und mit ihnen weitergehen.

Man betrat die Wiese über eine kleine, hinter mehreren Felsen versteckte und gut bewachte Tür. Im milden Klima der Ered Luin gediehen selbst in den höheren Lagen noch einige schattenspendende Bäume, auch wenn sie deutlich kleiner blieben als ihre Verwandten unten in den Wäldern.
Und hier draußen kannten ihre Söhne kein Halten mehr. Rennen war in der Stadt – mit Ausnahme einiger Trainingsplätze und abgesehen von einer Sonderregel für Boten – untersagt. Schreien und Brüllen ebenso, auch wenn es aufgrund des Echos selbst dann niemand getan hätte, wenn es erlaubt gewesen wäre. Sie trugen ihren bevorzugten Lebensbedingungen nun einmal gewissenhaft Rechnung.

Einen Moment lang blieb sie bei den Felsen stehen und sah sich um. Es war noch früh am Morgen, die Sonne bestimmt erst seit einer Stunde aufgegangen. Mit Sicherheit würde vor der Mittagszeit niemand außer ihnen und Dwalin herkommen. Doch von ihrem Vetter fehlte noch jede Spur. Allerdings war das kein Grund zur Sorge. Er hatte schließlich mehr Pflichten zu erfüllen als nur das Unterweisen ihrer Söhne in verschiedenen Waffengängen. Eine Aufgabe, die er sich später mit Thorin teilen würde. Es war nämlich nicht gut, nur einen Lehrer zu haben. Irgendwann stellte man sich auf dessen Taktiken ein, wusste instinktiv, wie man ihn aus dem Gleichgewicht bringen konnte, doch in einem echten Kampf war dies nicht von Nutzen, sondern lebensgefährlich.
Dann trat sie auf die Wiese hinaus und breitete die mitgebrachte Decke am Stamm eines krummen Apfelbaumes aus. Sich einfach so in taufeuchte Gras zu setzen – da mochte es noch so weich sein – kam nicht in Frage. Eine Dame ihres Ranges tat so etwas nicht, wenn sie es nicht musste, und sie hatte als Mutter der Thronerben einen Ruf zu verlieren.

Fíli und Kíli hingegen tobten längst ausgelassen herum und spielte augenscheinlich Fangen und überraschenderweise hatte der Jüngere tatsächlich eine Chance. Es war auch unverkennbar, dass Fíli zurzeit uneins mit seinem Körper war, auffällig oft über die eigenen Füße stolperte. Ein Problem, das auch Thorin seinerzeit gehabt hatte. An die Geschichten konnte sie sich besonders gut erinnern. Ihre Mutter hatte sie Frerin immer erzählt, um ihn zu trösten, wenn Thorin ihn bei irgendetwas – verständlicherweise, er war immerhin der Ältere und Erfahrenere – übertrumpft hatte. Vielleicht sollte sie Fíli diese Anekdoten ebenfalls erzählen. Andererseits hatte er bis jetzt keinen unglücklichen oder unzufriedenen Eindruck auf sie gemacht. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie ihren Bruder besser darauf hinwies, bevor sie in Aktionismus verfiel.

Sie setzte sich, nahm die Wolle aus dem Korb, suchte einen Moment nach den richtigen Nadeln und begann, die ersten Maschen aufzunehmen. Fíli würde die Farbe nicht mögen, dessen war sie sich voll und ganz bewusst. Doch sie sah nicht ein, mehr Geld für gefärbte Wolle auszugeben, wenn ihr Ältester die Socken ohnehin nur zwei oder drei Mal trug, bevor sie sein Bruder bekam, dem es ziemlich gleichgültig war, ob sie bunt waren oder nicht. Sieht doch eh keiner, hatte Kíli erst vor ein paar Tagen verkündet, sind doch die Stiefel drüber. Worte, wie sie bereits jetzt typisch für ihn schienen. Oft genug hatte es den Anschein, als würde ihn sein Aussehen nicht viel kümmern. Jeden Morgen musste sie ein Auge darauf haben, dass er nicht mit falsch zugeknöpftem Hemd oder ungekämmt die Wohnung verließ. Ihm Zöpfe zu flechten hatte sie längst aufgegeben. Vergebene Mühen. Er löste sie eh wieder, sobald sie außer Sichtweite war. Wenigstens hatte er es aufgegeben, sich vor dem Baden zu drücken, aber es war ein kräftezehrender Kampf gewesen, den sie ohne Thorin zweifellos verloren hätte. Dem war das wöchentliche Theater irgendwann so auf die Nerven gegangen, dass er sich seinen Ziehsohn und Neffen kurzerhand unter den Arm geklemmt und mit roher Gewalt in den Badezuber verfrachtet hatte. Was er zu ihm gesagt hatte, wollte sie jedoch gar nicht wissen. Wichtig war nur, dass Kíli seitdem nicht mehr aufmuckte, wenn er baden sollte.

Plötzliches Freudengeheul der beiden Plagegeister – nie würde sie das laut sagen! – veranlasste sie, den Kopf zu heben. Passiert war jedoch nichts. Nun, Dwalin war gekommen und das war offenbar Grund genug, das zu tun, was ihnen in der Stadt strikt verboten war. Lautstark krakeelen.
Kopfschüttelnd wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Bei Mahal, sie wollte gar nicht wissen, was für ein Theater Thorin veranstalten würde, wenn er von diesem Verhalten seiner Ziehsöhne erführe. Dabei hatte sie schon mindestens zweihundert Mal versucht, ihm begreiflich zu machen, dass Kinder keine Erwachsenen waren und sich deswegen auch nicht wie welche verhalten würden. Es gab Tage, an denen sie das Gefühl hatte, nicht zwei sondern drei kleine Kinder zuhause zu haben. Und nicht nur das! In der Produktion schmutziger Wäsche stand ihr Bruder seinen Neffen in nichts nach.

Sie prüfte die Anzahl der Maschen. Sobald sie in Gedanken war, lief sie Gefahr, welche zu verlieren. Das hatte sich in all den Jahren nicht geändert, obwohl Mutter ihr immer wieder versichert hatte, es würde sich mit der Zeit legen. Aber das tat es nicht. Es war auch heute eine zu wenig, sodass sie ungehalten begann, die letzten vier Reihen zu lösen.

„Zu versuchen, Fíli etwas Neues beizubringen, hat im Moment wenig Sinn, wenn es heißt, dass er sich bewegen muss.“ Dwalin setzte sich neben sie, völlig formlos ohne Gruß oder eine vergleichbare Geste.

„Im Moment hat für ihn überhaupt alles wenig Sinn, sofern es mit Laufen im Allgemeinen zu tun hat.“, erwiderte sie und fuhr sich unwirsch mit der rechten Hand durchs Haar, um einige verirrte Strähnen zurückzustreichen, die ihr störrisch ins Gesicht gefallen waren – und hielt überrascht inne.

Das konnte doch nicht - Nein! Das hatte ja gerade noch gefehlt! Sie war definitiv zu jung für graue Haare! Hundertelf war kein Alter, in dem ein Zwerg graue Haare bekam!

„Morgen nehme ich sie mit auf den Schießplatz, egal, was Thorin sagt.“, grummelte Dwalin neben ihr.

„Das machst du ihm aber selbst klar.“, fauchte sie. „Ich habe wirklich andere Sorgen.“ Dass sie ihm damit Unrecht tat, kümmerte sie wenig. Sie hatte ein graues Haar!

„Was ist passiert?“

Erstaunt sah sie ihn heute zum ersten Mal an. Er hatte sich neben die Decke gesetzt und die Beine untergeschlagen. Auf die Decke würde er ohne Erlaubnis und ihren ausdrücklichen Wunsch nicht kommen, obwohl sie verwandt und gut befreundet waren. Und sie oft genug auf ihn aufgepasst hatte, als er noch ein Junge gewesen war. Umso merkwürdiger war es nun, dass er diese Abstandsregeln einhielt. Niemand hätte sich etwas dabei gedacht, wenn er es nicht getan hätte. Es war allen bekannt, wie fest die Bande zwischen ihren Familien seit dem Fall Erebors geknüpft waren.

Sie seufzte: „Ich habe ein graues Haar.“ Vor ihm konnte sie es wenigstens zugeben. Die einzigen, denen er es eventuell erzählen würde, gehörten zur Familie und würden es ohnehin bald selbst entdeckt haben. Es war ja so hell, dass es gar nicht zu übersehen war.

Dwalin musterte die Strähne mit besagtem Haar, die sie immer noch zwischen zwei Fingern hielt, dann las er einen herabgefallenen Apfel auf und wog ihn abschätzend in der Hand.

„Du kannst nicht sagen, unser Leben wäre bis zum heutigen Tag leicht gewesen. Vielleicht müssen wir uns einfach damit abfinden, dass man uns die Vergangenheit früher ansieht als unseren Vätern und Kindern.“

Entrüstet schnaubte sie, wollte zu einer Erwiderung ansetzen, die sich gewaschen hätte, aber ihr Vetter kam ihr zuvor: „Kíli, pass auf!“

Er hielt den Apfel hoch. Das Stück Fallobst war kaum halb so groß wie seine Faust und mit Sicherheit steinhart. Die Bäume hier waren schließlich nicht veredelt. Sie sah ihren Jüngsten nicken und das Holzschwert heben, das Dwalin ihm mitgebracht haben musste, während Fíli seins sinken ließ.

Plötzlich sah sie den Apfel durch die Luft fliegen. Für einen Wimpernschlag war sie der festen Überzeugung, er würde Kíli am Kopf treffen, doch stattdessen kollidierte er mit dem Holzschwert, ja, wurde gar einwandfrei abgewehrt – und landete einen Volltreffer in Fílis Gesicht.

Dwalin schüttelte den Kopf, machte jedoch keine Anstalten aufzustehen. Nicht, dass es nötig gewesen wäre, die beiden kamen ganz von selbst zu ihnen. Kíli mit gesenktem Kopf, Fíli mit Nasenbluten.
Sie warf das Strickzeug in den Korb zurück, stand auf und wandte sich anklagend an Dwalin: „Musste das sein?“

Der Angesprochene erhob sich ebenfalls, zuckte nur mit den Schultern. „Wenn es ihnen irgendwann mal das Leben rettet, ja.“

„Irgendwann, pah! Äpfel haben so noch niemanden umgebracht! Und ich habe wohl noch nicht genug Stress, nein, da musst du mir gleich wieder Arbeit machen.“ Sie hob die Decke auf und begann, Fíli damit das Blut vom Gesicht zu wischen. Eine Decke war nämlich wesentlich einfacher zu waschen als ein Hemd. „Wenn sich das nicht ändert, werde ich bald noch viel mehr graue Haare haben!“

„Solange sie dir nicht ausgehen, sehe ich da kein Problem.“, gab ihr Vetter trocken zurück, strich sich über den kahlen Kopf und begann dann, Kíli zum wiederholten Male zu erklären, er solle darauf achten, die Äpfel nicht in Richtung seines Bruders abzuwehren. Das sei schließlich gefährlich.


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