„Die Wolke“ – Memories

KurzgeschichteAllgemein / P12
03.03.2013
03.03.2013
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Fortsetzung zur „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang



Memories



Der Regen fiel in dicken Tropfen auf die kleine Stadt im Süden Hessens. Der Regen fiel, fiel und bereicherte die Welt mit dem kostbaren Nass.
Es war stockfinster, als ein Mädchen in einem blauen Regenmantel durch die Kleinstadt lief. Mit der Kapuze über den Kopf blickte sie auf den Boden vor sich und nicht nach vorne, denn sie musste nicht sehen, wohin sie ging. Sie kannte den gesamten Weg auch so.
Das Wasser prasselte auf sie hinab und durchnässte das Stück ihrer Jeans, welches nicht vom Regenmantel geschützt wurde. Es klebte an ihrer Haut, aber es war ihr egal. Das Einzige, was für sie in diesem Moment von irgendeiner Bedeutung war, war anzukommen. Anzukommen bei ihrem ihr Ziel.
Sie trat in eine Pfütze und das Wasser plätscherte, doch sie hörte das Geräusch nicht wirklich, weil genau in diesem Moment ein Blitz die dunkle Nacht erhellte. Sie fürchtete sich nicht vor dem Blitz oder von denen, die dem noch folgen würden, denn sie hatte die Sekunden gezählt. Exakt fünfunzwanzig Sekunden. 8, 5 Kilometer.
Die Stadt schien wie ausgestorben. Einzig allein der Regen und die seltenen Blitze erfüllten sie mit Geräuschen.
Sie war aber ganz und gar nicht ausgestorben, sondern beinahe genauso gut bewohnt, wie damals. Damals vor dem Unfall.
Das Mädchen in der blauen Kluft erinnerte sich ungern an diese Zeit, aber sie konnte sie nicht aus ihren Erinnerungen verbannen. So etwas blieb bei Betroffenen für immer in Gedanken. Bei anderen nicht. Sie machten sich nichts daraus, ignorierten die Tatsachen und lebten weiter ihr Leben voller Lügen.
In dieser Stadt hatte sie bis zu diesem Tage gelebt – hier in Schlitz. Und alles hier weckte Erinnerungen in ihr. Jedes Gebäude, jede Straße, jede Straßenecke. Gute wie auch schlechte. Aber die deutlichsten waren die an den Unfall von vor drei Jahren.
In ihrem neuen Zuhause in Wiesbaden erzählte sie oft Ruth und Irmela – nun sechs und acht Jahre alt und immer noch genauso lebhaft – an damals, denn sie wollte nicht, dass sie mit der Unwissenheit aufwuchsen, wie viele, viele andere Kinder. Sie sollten nicht abwarten müssen, bis sie es irgendwann selber zu spüren zu bekommen, um das herauszufinden, was so viele verschweigen. Sie sollten wissen.
Das Mädchen bog ab. Den immer weiterfallenden Regen über sich. Kälte durchzog sie, doch sie ignorierte sie. Das war nicht wichtig. Fast war sie da. Und durch nichts und niemanden würde sie sich jetzt abhalten lassen, den verbliebenen Weg auch noch zurückzulegen.
Auf dem Friedhof war es kühler, düsterer, mystischer. Sie war noch nie ein Fan von Friedhöfen gewesen, aber heute war ein wichtiger Tag. Und den wollte sie hier verbringen – viele Kilometer von ihrem neuen Zuhause entfernt, hier auf dem Friedhof in ihrem alten.
Sie bahnte sich ihren Weg zwischen den Grabsteinen. Bei der zehnten Reihe ganz links blieb sie stehen und zog sich die Kapuze vom Kopf. Genau in diesem Augenblick erhellte ein Blitz den Nachthimmel und gab den Blick auf ihr Gesicht frei.
Janna-Bertas blonde Haare wurden innerhalb von Sekunden vollkommen nass, aber es kümmerte sie nicht.
Sie waren noch lange nicht so lang, wie damals, aber auch schon einen sehr weiten Schritt von der Glatze weg, die sie lange mit sich herumgetragen hatte.
Janna-Berta steckte eine Hand in ihre Manteltasche und fischte eine bildschöne weiße Lilie heraus, die wie durch ein Wunder von der Tasche nicht benachteiligt worden war, beugte sich hinunter und legte sie vorsichtig auf das Grab ihrer Familie. Dazu holte sie auch ein kleines Sträußchen Salbei hervor, welches sie genauso bedacht auf das Familiengrab lag, wie die Lilie und richtete sich wieder auf.
Sie hatte irgendwo einmal gelesen, dass, wenn man Salbei verschenkt es „Ich denke an dich“ bzw. in ihrem Falle „an euch“ aussagen soll. Und das tat sie auch – tagtäglich.
Auf dem Rapsfeld war sie schon gewesen – an jenem Ort, wo sie damals ihren jüngeren Bruder Uli begraben hatte, und hatte genau die selben Pflanzen hinterlassen – mit der gleichen Botschaft.
Er war gestorben, als sie beide versucht hatten, die Stadt zu verlassen, als der ABC-Alarm erklungen war. Sie fragte sich Tag um Tag, was gewesen wäre, wäre Uli seinerzeit nicht den Berg hinuntergefahren, der ihn letztendlich das Leben gekostet hatte, auch wenn sie wusste, dass ihn dies nicht zurückholen würde. Weder ihn noch den Rest ihrer verstorbenen, aber nicht verloren gegangenen Familienmitgliedern.
Sie würden für ewig in ihrem Herzen und in ihren Erinnerungen weiterleben.
Heute war der Jahrestag des Unglücks. Genau vor drei Jahren hatte das schreckliche Schicksal für ihre und für viele weitere Familien angefangen und seinen zerstörerischen Lauf genommen.
Janna-Berta schloss die Augen und sah wieder die Bilder von damals. So lebhaft und echt, wie damals vor drei Jahren. Und wie jede Nacht in ihren Träumen.
Wie Uli geweint hatte, als sie den Wellensittich von Opa Hans-Georg hatten dalassen müssen, aber trotzdem tapfer weitergeradelt war. Wie sich sein Fahrrad überschlugen hatte und er kurze Zeit später vom Auto überfahren worden war und wie sie zu ihm gestürmt war. Wie sie von der Familie Heubler mitgenommen wurde. Marianne Heublers hysterische Schreie, als sie Susanne und Nina auf dem Bahnsteig verloren hatte.
Janna-Berta wusste nicht, ob die beiden jemals wieder aufgetaucht waren, oder dem Ehepaar Heubler nur noch ihre jüngste Tochter Annika geblieben war. Aber sie hätte es gerne gewusst, denn sie waren ein wichtiger Teil ihrer Reise gewesen. Der Reise ums Überleben.
Wie sie gelacht hatte und weggelaufen war, weggelaufen zurück in Richtung Rapsfeld. Und wie sie von einem Bus mitgenommen worden war, als sie völlig durchnässt vom verstrahlten Regen gewesen war. Man hatte ihr neue Kleider gegeben und jene hatten sie wider Willen zurückgelassen, weil Janna-Berta darauf bestanden hatte. Danach war sie lange per Anhalter und zu Fuß herumgelaufen. Sie wusste nicht, wie oft sie in dieser Zeit ihren Mageninhalt entleert hatte. Und erst recht wusste sie nicht, wie sie damals in das Krankenhaus gekommen war.
Dort hatte sie Ayse kennengelernt – ein türkischen Mädchen in ihrem Alter. Zusammen hatten sie lange die Zeit dort durchgestanden. So lange bis Ayse eines Tages in ein anderes Zimmer gewiesen worden war. Tage später hatte Janna-Berta erfahren, dass ihre Freundin gestorben war.
Irgendwann hatte ihre Tante Helga sie mit nach Hamburg genommen, als die Ärzte es erlaubt hatten. Und dort war sie auf Elmar getroffen. Sie war glücklich gewesen, ihn wiederzusehen. Schließlich kannten sie sich noch aus der Schule von Schlitz. Ein vertrautes Gesicht unter den ganzen Fremden war ein Lichtblick für jedermann.
Er hatte sich verändert. Sogar sehr. Er hielt lange Reden darüber, dass alles so furchtbar war und es keine Hoffnung gäbe. Und als er eines Tages aufgehört hatte, zu reden und sie nur noch wortlos herumgelaufen waren, hatte sie das alles vermisst, obwohl sie das sonst immer genervt hatte.
Elmars Tod war für sie schrecklich gewesen. So plötzlich und ohne Vorwarnung. Auf diese Art und Weise hatte sie schon einen großen Teil ihrer Familie verloren. Und sein Tod hatte sie komplett zerstört. Vernichtet. Und noch am selben Abend war sie zu ihrer anderen Tante Almut nach Wiesbaden gefahren, da sie ihr vertrauter war, als Helga. Und sie den Trost brauchte, den Helga Meinecke zu Verschenken unfähig war.
Bei Almut war alles besser geworden, wenn auch nur langsam Stufe für Stufe und auch nie so wirklich richtig.
Das alles wäre nicht geschehen, wenn die Menschen Dinge – so unglaublich wichtig – nicht ignorieren würden. Nach Tschernobyl hatten sich Janna-Bertas Eltern an vielen Demonstrationen beteiligt, aber es hatte nicht geholfen. Solange so etwas nicht im eigenen Land geschah oder sie auf irgendeine Weise daran betroffen waren, war es den Menschen gleichgültig. Wann verstanden sie, dass bei solchen Dingen immer alle betroffen waren?
Und selbst nach der Katastrophe von Grafenreihnfeld von vor drei Jahren waren die Gedanken über Atomkatastrophen und deren Folgen aus ihren Köpfen verbannt worden. Denn sie wollten nicht lernen, wollten nicht wahrhaben. Wollten nur so leben, wie immer – voller Selbstlügen und Lügen anderer. Die Erde bestand nur aus Lügnern. Entweder belügte man sich selber, oder andere.
Es war immer so. Und es würde sich nie ändern, denn Menschen lernten nicht aus Fehler ihrer, sondern bemängelten nur die anderer.
Der Regen hatte aufgehört und die Blitze waren verschwunden, als Janna-Berta den Kopf in den Nacken legte und auf den Nachthimmel hochsah.









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Das war eine Aufgabe fuer die Schule.
Nur das Schreiben, nicht das Hochladen XD
Das hab ich nur gemacht, um herauszufinden, ob die Story ok ist.
Und ist sie es?
Hoffentlich war es nicht so schlimm, wie ich annehme...

Na ja...
Good Days!
TairaNight
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