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London (K)nights

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / MaleSlash
DI Gregory Lestrade Dr. John Watson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
03.03.2013
09.04.2013
6
3.852
1
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Dieses Kapitel
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03.03.2013 981
 
1. Nacht der Angst

Johns Herz klopfte rasend gegen seine Rippen. Eben hatte er ihn doch noch gesehen, verdammt! Hatte er eine falsche Abzweigunggenommen? War Sherlock einfach blind weiter gerannt, wie ein Bluthund, der seine Beute jagte? Wessen Fehler es auch gewesen war, das Resultat war dasselbe: Watson hatte Holmes in den engen Gassen Londons verloren. Und natürlich hatte er seine Pistole dabei, was hieß, dass Sherlock unbewaffnet war. Fast hätte der Arzt einen unflätigen Fluch ausgestoßen, doch im letzten Moment hielt er sich davon ab. Der Mann, den sie jagten, war nicht nur gefährlich, er wusste auch noch um seine Verfolger. Deshalb konnte er auch nicht seinen Freund rufen, sondern musste sich in der Dunkelheit bei Nieselregen auf seine Augen verlassen.

Seine Füße klatschten ab und an in eine Pfütze, doch er bemerkte kaum, wie das Wasser seine Hosenbeine hochspritzte. Das Adrenalin hielt ihn auch davon ab, das Brennen seiner Hand zu spüren, die er vorhin an einer Wand aufgeschürft hatte, als er diese als Notbremse benutzt hatte. Der Asphaltboden war rutschig, sodass man bei jeder zu scharfen Kurve drohte, hinzufallen.

„John“, das Zischen ließ ihn alle Vorsicht vergessen, sodass er beinahe wieder ausgerutscht wäre.

Panisch sah er sich nach dem Freund um, der ihn eben noch gerufen hatte, nur um mit Entsetzen festzustellen, dass dieser auf dem Dach über ihm stand. Sein eben noch viel zu schneller Herzschlag setzte einen Moment aus, als erschreckende Bilder ihn heimsuchten. Sherlock auf dem Dach. Sherlock, der sein Handy fallen ließ. Sherlock, der ihm gerade seine letzten Worte gesagt hatte. Sherlock, der jeden Moment springen würde. Ein Blick zur rechten Seite gab ihm ein wenig Sicherheit. Er würde Sherlock über diese Feuerleiter erreichen, er würde keine fünf Minuten brauchen um oben zu sein.

John erlaubte sich wieder zu atmen und erst jetzt fiel ihm auf, dass er kurz gestockt hatte. Seine Hände packten die Leiter, die rechte brannte heftig, doch er umfasste das kühle Metall nur fester. Schneller, als er es sicher während seiner ganzen militärischen Karriere gekonnt hatte, erklomm er die Leiter. Regen, Schmerz, sein rasendes Herz und Sherlock waren einen Moment alles was er wahrnahm, dann wurde sein rechtes Bein gepackt. Durch den Ruck verlor er den Halt. Holmes über ihm rief erschrocken seinen Namen, doch John spürte nur die beruhigende Gewissheit seines nahenden Todes.

Er kannte das Gefühl. Es war ihm vertraut geworden. Damals in Afghanistan. Bei jeder Bombe, die vor seinen Augen explodiert war, bei jedem Al-Qaida-Kämpfer, der eine Waffe gehabt hatte, war er sich sicher gewesen, dass er getötet werden würde. Als er dann angeschossen wurde dort in die linke Schulter, hatte ihn Panik erfasst, bedingt durch den Blutverlust, doch schließlich war er ruhig geworden, so ruhig.

Der Aufprall presste die Luft aus seinen Lungen, sein Kopf schmerzte und er glaubte dort etwas feucht-warmes zu spüren. Das Einzige, was ihn in diesem Moment ärgerte, war, dass er hier starb, dass es ein ganz normaler Fall gewesen war, kein wahnsinniges Genie, das ihn töten würde. Und er bedauerte, dass er nicht in seinem Bett sterben konnte, als alter Mann, nur seinen alten Freund bei sich. Dieser Gedanke trieb ihm erst die Tränen in die Augen. Er wollte ihn rufen, doch noch immer schnappte er nach Luft. Sherlock. John versuchte den Arm zu heben, doch nur Schmerz durchzuckte ihn.

Jemand beugte sich über ihn, jemand, den er nicht kannte, nicht persönlich zu mindestens. Er kannte die Fakten. Sherlock hatte sie ihm vor etwa einer Stunde erzählt. Eine Stunde und tonlos sagte er die Worte, nach denen sein Freund ihm bei ihrem ersten Fall gefragt hatte: „Oh Gott, bitte nicht.“

Der Mörder zog seine Pistole, John Watson schloss die Augen. Ein letztes Mal.

Ein Schuss hallte von den Wänden wieder, doch er spürte keinen Schmerz. Irritiert blinzelte er ein, zwei Mal, sah den Mann über sich schwanken.

„Zugriff!“

Beinahe hätte er vor Erleichterung gelacht. Lestrade hatte sie gefunden. Sein Herz hämmerte noch immer gegen seine Brust, doch die Stille, die ihn eben umgeben hatte, wich ganz langsam dem vertrauten Geräuschen von Polizisten, die beinahe zu spät gekommen wären. Jemand ergriff seine linke, gesunde Hand, drückte sie sanft. John sah den Schatten über sich lächelnd an. Die Dunkelheit  und der Regen ließen ihn nur die Konturen der hohen Wangenknochen erkennen, nur leicht die wirren, lockigen Strähnen sehen. Für Sherlock war der Fall gelöst, der Täter gefasst.

„Sie haben einen gebrochenen Arm, vermutlich eine Gehirnerschütterung, ganz zu schweigen von den Prellungen am Rücken, die Ihnen noch einige Zeit Probleme bereiten werden.“ Der analytische Ton in Holmes' Stimme stand im harten Kontrast mit dem zarten Streichen seines Daumens über Watsons Handrücken, doch das störte den Arzt nicht.
Kurz schloss er noch einmal die Augen und erwiderte den Druck den Sherlocks Finger ausübten, dann löste er sich aus dem Griff – nicht, weil es ihm unangenehm war oder so. Er wusste nur, dass es seinem Freund schwer fiel so öffentlich körperlich zu zeigen, dass er sich eben doch Sorgen machte. Und bevor er Sherlock ihn losließ und diese seltsame Leere hinterließ, tat er es lieber selbst. „Einen Moment dachte ich echt, dass war es jetzt.“
Ein leises, tiefes Lachen ließ ihn mit einstimmen. „Ich auch, John.“
Er öffnete wieder die Augen. „Wäre ziemlich doof gewesen“, lachte er etwas atemlos.
„Ja, immerhin war das nur ein einfacher Mörder.“ Sie versuchten es zu unterdrücken, doch herauskam nur, dass sie kicherten wie Schulmädchen. Einige missbilligende Blicke trafen sie, aber ausnahmsweise war es John Watson egal, was Andere von ihm dachten. Er lebte, fühlte sich wie zerschlagen, aber er lebte. Da konnte er doch wenigstens einmal pietätlos sein!

Als endlich auch der Krankenwagen da war und er auf der Liege lag, über ihm eine kratzige Schockdecke, neben ihm Sherlock noch immer mit einem unverschämten Grinsen im Gesicht, bemerkte er, dass diese schreckliche Nacht vorbei war. Die Sonne ging langsam über der britischen Metropole auf.
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