Das Leben der Mrs Lovett

GeschichteAllgemein / P12
02.03.2013
05.04.2013
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Am Samstag Abend schien es, als käme ganz London zusammen, um an dem großen Markt in der unmittelbaren Nähe des Hafens teilzuhaben.
Die Fischer waren in der Mittagssonne aufgebrochen um ihren Fang in der Themse zu machen. Als der Abend kam und  Nebel über London dichter geworden war kehrten sie zurück, richteten ihre Marktstände auf und präsentierten unter den ausgebleichten, einst bunt gespannten Segeltüchern stolz ihre Ware.

Ander Händler gesellten sich dazu, Kunden kamen herbei und schon bald schien es, als würden die Menschen aus jeder Gasse herausströmen und  in den Wirren des Marktes zu einer geschäftigen, eifrigen Masse verschmelzen.

Die junge Miss Doreen lief an dem äußersten Rand des Hafens entlang, kletterte über Taubündel, schritt mit raschen Schritten über die Holzstege, balancierte mit großer Freude über die herumliegende Schiffsplanken und wich hier und da einem streunende Hund und betrunken Seefahrern aus, die wie tot auf den vielen Taubündeln herumlagen.

Der Weg  entlang des Wassers war Doreens persönlicher, und wie sie fand, bester Weg um zum Markt zu gelangen. So musste man nicht durch das endlose Gedränge der Leute, sondern konnte sich den Ständen bequem von ihrer Rückseite nähern.

An einem besonders großen Taubündel hielt sie kurz inne, suchte mit den Händen einen festen Halt und beugte sich über das dunkle, stille Wasser. Ihre Reflexion zeigte ihr ein blasses, schmale Gesicht, ein paar gelöste braunen Locken und eine schlichten dunklelblauen Haube.
Sie wandte ihren Kopf nach rechst und links um den Sitz ihrer Haube zu überprüfen.  
Ja, über diese Haube hätte sich selbst Gott gefreut.
Durch sie gewann sogar ihr abgetragenen Kleid, das sie gezwungenermaßen fast immer trug, eine annehmbare Note.

Zufrieden überquerte sie den letzten Holzsteg der sie vom Markt trennte und mischte sich in das bunte Treiben der Kunden.
Bei dem ersten Händler, kaufte sie eine Flasche billigen Schnaps für ihre Mutter. Der Händler machte nicht den Eindruck als wäre er sehr geeignet für seinen Beruf, die Versuchung seiner eigenen Wahre war wohl einfach zu groß.              Und so nuschelte er nur hilflos einen unverständlichen Protest, als sie ihm den, wie sie fand, angemessenen Preis für die Flasche in die Hand drückte,

Den nächsten Händler kannte sie gut, sehr gut sogar.
So lange sie sich erinnern konnte, hatte Mr Lovett seine Ware hier verkauft. Mit den Jahren war seine Sehkraft stark zurückgewichen, sein Haar ergraut, seine Haltung zu der eines Greises geworden.
Seine Hände aber,knöchrig und zitternd, breiteten noch immer die schönsten bestickten Taschentücher der Welt auf seiner Ladenfläche aus.
Schon seit ihrer Kindheit hatte sie seine Wahre bewundert. Und schon immer war der Preis leider unerschwinglich.

Relativ neu dagegen war Mr. Lovett´s Neffe, ein junger Mann, der seit einigen Monaten gelangweilt an dem Stand seines Onkels lehnte, die Hände gelassen in den Taschen seines Anzugs gesteckt. Offiziell war er hier um als Verkäufer von seinem Onkel zu lernen, inoffiziell aber wohl eher, um aufzupassen, dass man dem halb blinden Mr Lovett nichts unter den Händen wegstahl.

Doreen grüßte die beiden freundlich. "Mr Lovett, Mr Lovett. Ich wünsche Ihnen beiden eine gutem Tag." Sie nickte lächelnd jedem zu.
Der junge Neffe schien aus seiner gelangweilten Trance zu erwachen und richtete sich auf.

"Miss Doreen. So schön wie immer! Was für eine Freude Sie zu sehen!"  

Doreen lächelte. "Ich muss mir doch schließlich Eure neuste Ware anschauen! Nun, was haben sie mir heute zu bieten Mr Lovett?"

Während der alte Mr Lovett mit zitternden Händen ein paar Tücher zusammensuchte, beugte sich der Jüngere hinunter zu Doreens Ohr und strich ihr eine braune Locke zurück unter die Haube.
"Meine liebste Miss Doreen, würdet ihr meinen Vorschlag annehmen, gehören euch bald so viele bestickte Tachentücher wie ihr begehrt!"

Doreen nahm sehr bestimmt seine Hand von ihrer guten Haube. "Das würde Euer Geschäft in den Ruin treiben.", sagte sie lächelnd und wandte sich der Wahre zu, die der alte Mr Lovett ihr anbot.
Dieser nahm sie überraschend bei der Hand und richtete seine halb erblindeten Augen auf ihr noch immer lächelndem Gesicht. "Es tut mir schrecklich Leid, was mit ihrem Vater passiert ist.", sagte er mit rauer Stimme."Ich habe gehört sie haben seine Leiche gestern Abend aus der Themse geborgen"

Doreen zog  sofort ihre Hand zurück. Der Gedanke an ihren Vater war wie ein glühendes Messer, das sie traf.
Nicht das sie um ihn trauerte, nein. Nicht das sie ihn vermisste. Um Gottes Willen, er sollte bleiben wo immer er jetzt war!
Sie kamen sehr gut ohne seine Wut und seinen Alkohol zurecht.

Und doch brachte sein Tod einen Verlust mit sich, den sie bereute.
Bitter bereute.
Es war der Verlust ihres Gewissens,
das vorher so rein und weiss gewesen war, wie jedes bestickte Taschentuch, das ihr Mr Lovett bieten konnte.







So, das war das erste Kapitel. Ich hoffe es hat euch gefallen!
Die nächsten werden auf jeden Fall spannender, versprochen!:)
Reviews und Verbesserungsvorschläge sind mehr als willkommen!
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