Auf dünnem Eis

KurzgeschichteDrama, Familie / P12 Slash
02.03.2013
02.03.2013
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Titel: Auf dünnem Eis

Autorin: Vive La Nuit

Disclaimer: Die Rechte an den Figuren liegen allesamt bei J.R.R. Tolkien und seinen Erben, mir gehören sie nicht und ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.

Beta: Firn – wieder ein großes, großes Danke!

Inhalt: Grenzen sind da, um überwunden zu werden, so heißt es. Doch Fíli weiß, dass für diese eine Grenze etwas anderes gilt, dass er sie nicht überschreiten darf. Niemals. Selbst wenn die Liebe zu seinem Bruder ihre eigenen Gesetze zu haben scheint.


-*-


lilalida hat mir den Floh ins Ohr gesetzt (danke dafür ;-) ) und hier ist es also.

Das, was ich mir vorstellen kann, ohne von meiner Überzeugung abzuweichen, dass die Beiden tatsächlich „nur“ Brüder sind. Aber auch das, was in meinen Augen vertretbar und auch nachvollziehbar wäre, beobachtet man die Nähe zwischen ihnen.

Und vielleicht mögt ihr mir ja mitteilen, ob es mir gelungen ist, diese Nähe ein bisschen anders darzustellen, ich würde mich freuen :-)


-*-



Auf dünnem Eis



Der Schneeball traf ihn aus heiterem Himmel und ließ Fíli erschrocken herumfahren.

„Getroffen!“ Sein Bruder stand feixend einige Schritte von ihm entfernt und war schon dabei, die nächste Kugel aus Schnee zu formen.

Fíli schüttelte grinsend den Kopf. „Kíli, ich muss zu Thorin.“

Die Bemerkung entlockte Kíli nur ein abfälliges Schnauben und er warf erneut nach ihm. Dass er nicht traf, hatte Fíli nur seinen ausgezeichneten Reflexen zu verdanken. Vorwurfsvoll schaute er Kíli an, doch der lachte nur.

„Die Anliegen des Rates können nicht wichtiger sein, als die erste Schneeballschlacht des Winters mit deinem Bruder“, zwinkerte Kíli.

Fíli rollte amüsiert die Augen, zuckte aber dennoch entschuldigend die Schultern. „Sie warten auf mich.“

Mit diesen Worten schickte er sich an, den Vorplatz der Ratshalle weiter zu überqueren, doch Kílis nächster Schneeball traf ihn genau am Hinterkopf. Das kalte Nass rutschte in seinen Kragen, ließ ihn erschauern, und als er sich, einen leisen Fluch murmelnd, wieder umdrehte, erklang Kílis schadenfrohes Lachen.

„Hast du verlernt, wie man Spaß hat?“, neckte Kíli ihn herausfordernd, schon wieder Schnee in der Hand.

Das war genug.

Ohne noch groß darüber nachzudenken, griff Fíli ebenfalls in den Schnee, formte ihn zu einer festen Kugel und warf sie nach Kíli, der seinem Versuch allerdings mühelos auswich.

„Daneben!“, lachte er, lachte noch mehr, als Fíli schnaubte und die Verfolgung aufnahm.

Es dauerte nicht lange, da war Fílis Kleidung durchweicht, waren seine Finger feuerrot vor Kälte und seine Haare feucht von all dem Schnee, doch irgendwann gelang es ihm, Kíli zu Fall zu bringen. Lachend stopfte er seinem wild zappelnden und quietschenden Bruder Schnee in den Kragen, bis Kíli irgendwann kichernd aufgab und Fíli sich über ihn beugen und seine Hände auf dem Boden festhalten konnte.  

„Na, war hat jetzt gewonnen?“, grinste Fíli, ebenso außer Atem wie sein Bruder.

„Unfaire Mittel, im Nahkampf bist du besser als ich“, gab Kíli zurück und Fíli lachte leise.

„Genug Spaß gehabt für heute? Kann ich mich jetzt wieder herrichten, um den Rat nicht noch länger warten zu lassen?“

Kílis Mundwinkel zuckten amüsiert. Um ihn herum flirrte der Schnee, den sie aufgewirbelten hatten, das Sonnenlicht brach sich auf den einzelnen Eiskristallen, ließ die Luft glitzern und funkeln.

„Spaß kann man an Tagen wie heute nie genug haben“, erwiderte Kíli dann mit einem kecken Blitzen in den Augen.

Und in diesem Moment änderte sich etwas.

Es war nichts, auf das Fíli je den Finger hätte legen können. Nichts Offensichtliches, nichts Greifbares. Doch wenn Fíli sich später an diesen Moment erinnerte, dann erinnerte er sich an das Funkeln des Schnees in der Luft. Und daran, wie er Kíli losgelassen hatte und förmlich vor ihm geflohen war, weil die Nähe seines Bruders sich plötzlich nicht mehr so angefühlt hatte, wie all die Jahre zuvor.


*


Mit einem Ächzen warf Kíli sein Schwert von sich und stützte sich schwer atmend auf seine Oberschenkel.

„Sklaventreiber“, keuchte er, jedoch so leise, dass Dwalin es unmöglich hören konnte.

Fíli lächelte belustigt. Sie hatten den Nachmittag über mit Dwalin und dem Rest ihrer Gemeinschaft verbracht, um sich aufeinander einzustellen, wie Thorin es genannt hatte, und so gut Kílis Fechtkunst mittlerweile auch war, zu seiner Lieblingsdisziplin würde der Schwertkampf wohl nie werden.

„Komm schon, so schlimm war es nicht“, sagte Fíli ebenso leise, grinste, als sein Bruder ihm nur einen finsteren Blick zuwarf.

Dann richtete Kíli sich wieder auf, streckte sich und warf einen Blick zu Ori hinüber. „Hey, Ori!“, rief er, winkte, als der junge Zwerg sich zu ihnen umdrehte. „Wie sieht es mit Bogenschießen aus?“

Während die anderen Zwerge nach und nach verschwanden, ließ Fíli sich auf eine der flachen Bänke sinken. Er zog sein Messer hervor und begann, es zu schärfen, schaute dabei seinem Bruder zu, wie der sich bemühte, Ori die Grundbegriffe des Bogenschießens zu erklären.

Oder zumindest des Zielens, dachte Fíli amüsiert, denn dass der schmächtige Zwerg kräftig genug sein würde, eine Sehne zu spannen, bezweifelte er.

Grinsend bemerkte er den leidigen Ausdruck, der sich nach einiger Zeit auf Kílis Gesicht schlich, doch Kíli gab nicht auf, bis es Ori irgendwann tatsächlich gelang, zumindest einen Pfeil abzuschießen. Und Fíli musste an sich halten, um nicht laut zu lachen bei der überschwänglichen Begeisterung, mit der Kíli Ori zu seinem Schuss beglückwünschte. Dass sein Bruder vorrangig erleichtert darüber war, den „Unterricht“ jetzt beenden zu können, war für ihn nicht zu übersehen.

Ori schien glücklicherweise nichts davon zu bemerken, denn er bedankte sich noch einmal bei Kíli und verließ die Halle dann mit einem Lächeln. Ebenfalls lächelnd ging Fíli zu seinem Bruder hinüber.

„Respekt vor deiner Geduld“, schmunzelte er.

Kíli rollte die Augen. „Lange hätte sie nicht mehr angedauert. Ori ist ja noch hoffnungsloser mit Pfeil und Bogen, als ich es anfangs mit dem Schwert war.“

Fíli hob eine Braue. „Die Einsicht kommt spät, aber sie kommt“, grinste er, wich lachend aus, als sein Bruder nach ihm schlug.

Dann schnappte Fíli sich den Bogen, den Ori an die Wand gelehnt hatte, und legte einen der Pfeile ein. Mit einer kraftvollen Bewegung spannte er die Sehne und hob den Arm, zielte auf die runde Scheibe, die am anderen Ende der Halle stand.

„Lass beide Augen auf.“

Kílis leise Stimme ließ ihn zusammenzucken, doch er folgte dem Rat seines Bruders, öffnete auch das zweite Auge wieder, dass er zusammengekniffen hatte. Bevor Fíli den Pfeil allerdings loslassen konnte, spürte er Kílis Hände auf seinen Schultern, die seine Haltung korrigierten. Die Finger, die seinen Arm hinunter wanderten und sanft seinen Ellbogen anhoben. Die Wärme von Kílis Körper an seinem Rücken.

Er spürte die Gänsehaut, die seine Wirbelsäule hinaufkroch.

Und als er dann losließ und sein Pfeil das Ziel um ebenso viel verfehlte, wie Oris Pfeil es getan hatte, wartete er beinah darauf, Kílis amüsiertes Lachen zu hören – doch es kam nicht.

Langsam, fast zögernd, drehte Fíli sich um. Kíli hatte sich zurückgezogen. Er stand einige Schritte entfernt von ihm, zuckte jetzt die Schultern.

„Zum Glück hat die Gemeinschaft schon einen perfekten Bogenschützen“, lächelte er. Doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Stattdessen war sein Blick unruhig, voller Schatten und Vorahnungen, die Fíli lieber nicht zu genau ergründen wollte. Denn er war nicht sicher, ob er das, was hinter den Schatten lag, wirklich wissen wollte.    

Fíli schluckte. „Das hat sie wohl“, erwiderte er darauf und zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln.

Als er die Halle verließ, ging er alleine. Kíli folgte ihm nicht.


*


Fíli saß am Feuer und schaute zu seinem Bruder hinüber.

Während sie alle den Geschichten lauschten, die Bofur erzählte, schnitzte Kíli konzentriert an einem kleinen Stück Holz herum. Hin und wieder huschte ein Grinsen über sein Gesicht, wenn Bofurs Erzählungen zu haarsträubend wurden, manchmal lachte er auch mit ihnen, doch seine Aufmerksamkeit lag ohne Zweifel mehr auf seiner Arbeit, als bei allem anderen.

Fíli musste unwillkürlich lächeln. Kíli hatte schon immer mehr Geschick für filigrane und kunsthandwerkliche Arbeiten besessen, als er selbst. So ungeduldig und gedankenlos er auch oft wirken mochte – ging es darum, einem Stück Holz eine Form zu geben oder ein Stück Metall zu verzieren, besaß Kíli eine ebensolche Beharrlichkeit und Ausdauer wie dafür, den perfekten Schuss mit seinem Bogen zu erzielen. Es war eine Geduld, um die Fíli ihn oft beneidete.

Gedankenverloren griff er zu einer der Schmuckschließen in seinem Haar. Kíli hatte sie gefertigt und ihm geschenkt und er war tatsächlich vor Verlegenheit rot geworden, als er gesehen hatte, wie groß Fílis Freude darüber gewesen war.

Das war vor zwei Jahren gewesen. Damals hatte er seinem Bruder lachend durch die dunklen Haare gewuschelt und ihn gegen die Schulter geknufft.

Heute überlegte er sich jede Berührung zweimal.

Und als hätte Kíli seine Gedanken gespürt, hob er jetzt den Kopf und fand Fílis Blick. Er starrte, das wusste Fíli, doch er brachte es nicht fertig, sich abzuwenden.

Schon längst war ihm bewusst geworden, was sich hinter den Schatten in Kílis Blick verbarg. Was dort schimmerte, so dicht unter der Oberfläche, dass Fíli sich oft fragte, wie es niemandem sonst auffallen konnte.  

Es war das gleiche, das er auch empfand. Nicht immer, nicht durchgehend, aber oft genug. Und dennoch konnte er nicht damit umgehen. Sie konnten es beide nicht.

In diesem Moment stand Kíli auf und rang sich ein gequältes Lächeln ab, als der größte Teil ihrer Gemeinschaft lautstark dagegen protestierte, dass er sich bereits zurückziehen wollte. Fíli schwieg dazu. Er schwieg auch, als Kíli an ihm vorbeiging und den Bruchteil einer Sekunde zögerte.

Früher hätte Kíli an einem seiner Zöpfe gezogen, oder hätte ihm auf die Schulter geklopft. Jetzt tat er nichts dergleichen. Stattdessen traf Fíli noch einmal der Blick aus dunklen Augen. Er sah, wie Kíli sich auf die Lippe biss, als sei er kurz davor, etwas zu sagen, nur um dann doch wortlos zu seiner Lagerstatt zu schleichen.

Es entzog sich Fílis Kontrolle. Es glomm zwischen seinem Bruder und ihm wie Glut, die nur ein wenig Zunder brauchte, um zu einem verheerenden Feuer zu werden. In Momenten wie diesen hatte Fíli das Gefühl, er müsse nur ein falsches Wort sagen, nur einen falschen Schritt tun und alles um sie herum würde in sich zusammenbrechen, um etwas Platz zu machen, über das Fíli nicht nachdenken wollte. Über das er nicht nachdenken konnte, ohne dass sich alles in ihm zusammenzog und brannte.

Es waren Momente, die Fíli zu hassen gelernt hatte, weil er wusste, dass ein Teil von ihm nichts mehr wollte, als genau diesen Schritt zu gehen.


*


Zögernd hob Fíli die Hand und strich seinem Bruder eine Strähne des dunklen Haares zurück, die ihm ins Gesicht gefallen war. Sie fühlte sich weich an, viel zu weich eigentlich für einen Zwerg, der seit Wochen unterwegs war.  

Er wusste, er sollte die Hand zurückziehen. Er wusste, er sollte nicht riskieren, dass Kíli aufwachte und bemerkte, was er tat. Doch er konnte sich nicht überwinden, die Finger aus dem braunen Schopf zu lösen, sich umzudrehen und zu schlafen.

Noch immer hatte er den donnernden Krach in den Ohren, als Stein auf Stein getroffen war. Als es so ausgesehen hatte, als hätte einer der Steinriesen Kíli und die Anderen zwischen sich und dem Fels zerschmettert. Die Erinnerung an diesen einen Augenblick, als er gedacht hatte, sein Bruder sei tot, als Fíli sich gefühlt hatte, als würde er fallen und fallen und fallen, löste noch immer eine eisige Starre in ihm aus. Ein Gefühl, so kalt, dass er fror, ganz gleich, in wie viele Decken er sich hüllte.  

Er hatte Kíli heute beinahe verloren. Er musste sich vergewissern, dass Kíli da war. Dass Kíli lebendig war.

In diesem Moment schlug sein Bruder blinzelnd die Augen auf.

Fíli zuckte zusammen, löste hastig die Finger aus Kílis Haaren, doch noch im Halbschlaf hinderte Kíli ihn daran, die Hand ganz zurückzuziehen. Stattdessen schmiegte er seine Wange gegen Fílis Handfläche, ein Lächeln zuckte über Kílis Lippen und langsam, ganz langsam fokussierte sich auch der verschlafene Blick in den dunklen Augen und richtete sich auf Fíli.

Still und abwartend schimmerte das dunkle Braun. Und sowohl die funkelnde Wärme in diesem Blick, als auch die Erinnerung an das Entsetzen und die Angst, die er heute gehabt hatte, sorgten dafür, dass Fíli nicht länger wusste, wie er es verhindern sollte, den einen Schritt zu weit zu gehen. Er wusste nicht, wie er sich in diesem Moment noch an den einen Gedanken klammern sollte, dass sie doch Brüder waren. Es half nicht, änderte nichts.

Er schluckte, als es schließlich Kíli war, der sich zu ihm beugte, langsam, so unendlich langsam, ihn noch immer anschauend, fragend und beinahe scheu; sein Blick huschte zwischen Fílis Augen hin und her, flackerte für einen Moment zu seinem Mund, löste damit eine Hitze in Fíli aus, die alles in Brand zu setzen drohte.

Er spürte, wie er erschauerte, als Kílis Atem über seine Haut strich, wie seine Lippen prickelten, weil sie sich so sehr nach dieser Berührung sehnten, weil dieser eine Teil in ihm es nicht mehr länger aushielt, nur die Glut zu spüren, sondern stattdessen das Feuer wollte – und trotzdem wandte er im letzen Moment den Kopf.

Es durfte nicht sein!

Stockend einatmend, mit einem Herzen, das wild gegen seine Brust hämmerte, vergrub er das Gesicht in Kílis Haaren, presste einen Kuss auf dessen Schläfe und fühlte, wie Kíli sich verzweifelt an ihn drängte, wie Kílis Finger sich krampfhaft in seine Tunika krallten.

Und er fühlte, dass sein Bruder ebenso am ganzen Körper zitterte, wie er.


*


Fíli hatte sich oft gefragt, was Liebe war.

Er liebte seinen Bruder. Das konnte er mit Fug und Recht behaupten und er würde es vor jedem beschwören, der es von ihm verlangte.

Wie könnte er auch nicht?

Es waren immer nur Kíli und er gewesen. Sie beide, zusammen, solange er zurückdenken konnte. Als sie Kinder gewesen waren, er Kíli beschützt und Kíli ihm alles nachgemacht hatte. Und heute, da Kíli seine Sätze genauso zu Ende führen konnte wie er die seines Bruders. Dennoch waren sie damals wie heute unterschiedlich genug, um sich perfekt zu ergänzen.

Sie waren eine Einheit, das wusste Fíli. Eine Einheit, die von allen, die sie kannten, zwar noch immer als bemerkenswert, mittlerweile aber auch als selbstverständlich angesehen wurde.

Was Fíli nicht wusste war, ob Kíli und er die Grenze noch immer ebenso klar ziehen konnten, wie alle anderen. Oder ob es längst zu spät war, um zu ignorieren, was sich änderte. Dass die Unbekümmertheit weniger wurde, die vorsichtige Bedachtsamkeit dagegen immer mehr. Dass sie sich manchmal anschauten und die Spannung zwischen ihnen so greifbar war, dass Fíli sich mit aller Macht davon abhalten musste, Kíli auf eine Art zu berühren, wie er es nicht sollte – selbst wenn er ahnte, wusste, dass Kíli sich genau das ebenso zu wünschen schien, wie er selbst.  

Es gab nichts mehr, auf das er sich verlassen konnte, jeder Blick, jede Geste drohte, die Balance zum Kippen zu bringen. Drohte, etwas ins Rollen zu bringen, von dem Fíli nicht mehr sicher war, ob er es würde aufhalten können.  

Ja, Fíli liebte seinen Bruder.

Aber es gab Momente, in denen er nicht wusste, auf welche Weise er es tat.









 
 
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