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Beautifully Tragic

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
Elphaba Thropp Fiyero Tigelaar/Tiggular Glinda/Galinda Upland of the Upper Uplands
28.02.2013
19.11.2016
25
90.896
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28.02.2013 3.127
 
Das Prinzip der Sturheit


Für Elphaba war es, als wäre der Zeitablauf verlangsamt. Sie hatte kaum registriert, dass Galinda sie berührt hatte, da war die Empfindung auch schon wieder vorüber und hinterließ nur ein Gefühl brennender Hitze auf ihrer nackten Haut. Galindas hastige Geste brachte die Luft um die beiden herum in Bewegung, und plötzlich konnte Elphaba nichts anderes mehr wahrnehmen als den Duft von Galindas Salat, vermischt mit einem Ton von Vanille – keine sehr angenehm anmutende Kombination. Elphaba schob ihre eigene Tasse ein Stück weit von sich. Sie würde gewiss keinen weiteren Schluck herunterbringen, ihr war speiübel. Als sie hörte, wie Galinda erneut vorschlug, sie solle sich etwas zu essen holen, krampfte ihr Magen sich schmerzhaft zusammen und ein Kloß stieg in ihrer Kehle auf.
»E-Entschuldigen Sie mich einen Moment.«
Keuchend kam sie auf die Füße, wobei sie sich schwer am Tisch abstützen musste, um nicht zu stürzen, als schwarze Flecken vor ihren Augen erschienen. Galinda verstummte erschrocken und sah mit großen Augen zu, wie Elphaba eine Hand auf den Mund presste und in Richtung der nächsten Toiletten losstürzte. Allerdings kam sie zunächst nicht weit. Ohne, dass eine der beiden es bemerkt hatte, hatte Fiyero sich ihrem Tisch genähert, und offenbar konnte er Fräulein Elphaba gerade noch ausweichen, bevor sie in ihn hineingerannt wäre. Reflexartig griff er nach ihrem Oberarm.
»Wohin so eilig, Fräulein Elphaba...?« Er unterbrach sich, als die Angesprochene sich angestrengt losmachte und dabei ein würgendes Geräusch machte. Mit fragendem Gesicht wandte er sich zu Fräulein Galinda, die mit weit aufgerissenen Augen am Tisch sitzengeblieben war. »Was ist denn los?«
Die Frage riss Galinda aus ihrer Starre. Hinter Fräulein Elphaba schlug gerade die Toilettentür ins Schloss, als auch sie aufsprang. »Oh, Junker Fiyero – würden Sie mir einen Gefallen tun? Bleiben Sie doch bitte einen Augenblick hier, und geben Sie Acht auf Fräulein Elphabas und meine Tasche, ja? Oh, vielen Dank, ich bin bald wieder zurück!«
Mit diesen Worten verschwand sie im Laufschritt in die gleiche Richtung, in die auch Fräulein Elphaba verschwunden war. Stirnrunzelnd blickte Fiyero seinen beiden Kameradinnen nach.
Einen Augenblick zögerte er, dann erhob er sich langsam aus der Hocke, in welcher er sich befunden hatte – er hatte sich gerade auf einen der Stühle sinken lassen wollen. Er drehte sich nach den Taschen um, auf die Galinda ihn gebeten hatte, Acht zu geben. Er runzelte die Stirn, zuckte aber sogleich die Achseln und warf sich kurzerhand Elphabas Umhängetasche über die rechte Schulter. Beinah hätte er sich auf dem Boden wieder gefunden, denn die Tasche war so unvermutet schwer, dass der Riemen unter dem gewaltigen Gewicht durchzureißen drohte. Galindas Handtasche handhabte Fiyero achtsam. Sie sah empfindlich aus und so fein, dass er beinah fürchtete, er könne sie bei zu grobem Umgang versehens beschädigen. Sie war auch weitaus leichter als Elphabas Umhängetasche. Fiyero gestand sich ein, er fühlte sich dämlich wie lange nicht, als er die Hände in die kurzen Trageriemen an Galindas Handtasche fädelte und etwas schwerfälliger als gewöhnlich, so schien es ihm – wohl behindert durch das Gewicht von Elphabas Büchern – in Richtung der Mädchentoiletten kam.
Mit einem lauten Seufzen ließ Fiyero die Taschen zu Boden gleiten, als er die Tür zur Mädchentoilette erreicht hatte. Er fuhr sich mit der rechten Hand durch den Schopf und kreiste dabei seine Schulter in einer weit zu ausladenden Bewegung. Er suchte das Gewicht der Umhängetasche loszuwerden, das ihn immer noch niederzuziehen schien. Wie konnte Fräulein Elphaba bloß stets mit derart schwerem Gepäck umher laufen? Und das auch noch in solch einem Zustand? Fiyero sog Luft durch die Zähne, als er ansetzte, die Tür zu öffnen. War es denn angemessen, unangekündigt in die Mädchentoilette zu gehen? Das schimmernde »D« für »Damen«, das an der Außenseite der Tür prangte wie ein unheilverheißendes Warnschild, ließ Fiyero weiterhin zögern. Und während er eben dies tat, kratzte er sich am Haaransatz, seufzte, trat von einem Fuß auf den anderen. Es half nichts. Beschämt erkannte Fiyero, dass er ein elender Feigling war – ganz anders als er prahlend zu sein vorgab. Noch nicht einmal in die Mädchentoilette traute er sich! Doch – Vielleicht setzte dies ja gar keinen Mut voraus? Vielleicht musste man bloß unanständig und respektlos genug dazu sein? Und dies waren zweifellos keine guten Eigenschaften! Fiyero beugte den Kopf vorsichtig an die Tür heran. Er legte sein Ohr an das Holz und versuchte nun so zu ergründen, was sich in den Räumlichkeiten, welche ihm zu betreten selbst nicht erlaubt war – sein Anstand ließ es nicht zu! – abspielte. Doch er konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, so sehr er auch konzentriert lauschte. Und nur Minuten später traf ihn die Tür, die kraftvoll aufschwang an der Stirn.

»Oh, Junker Fiyero! Um Oz‘ Willen! Es tut mir ja so Leid! Verzeihen Sie mir bitte! Haben Sie sich etwas getan?«, rief Galinda erschrocken aus. Sie nutzte diese Gelegenheit und beugte sich an Fiyeros Stirn. Während sie vorgab, zu überprüfen, ob durch den heftigen Schlag eine Schwellung im Begriff war aufzutreten, studierte sie wohl etwas zu lange die kunstvollen, blauen Karomusterungen auf Fiyeros dunkler Haut. Fiyero gab darauf ein Räuspern von sich, das Galinda jäh in die Wirklichkeit zurückholte.
»Was ist los?«, fragte er. »Wie geht es Fräulein Elphaba?«
Galindas Blick vermittelte Enttäuschung. Doch als sie weiter sprach, bemühte sie sich darum, diese so gut als nur irgend möglich zu verbergen.
»Ich bin immer noch der Meinung, sie sollte sich zur Ruhe begeben!«, sagte sie und wandte sich dabei in Richtung der halb geöffneten Tür um, als sei ihre Antwort auf Fiyeros Frage gleichsam ein Vorwurf, der Elphaba galt.

Elphaba hatte sich in einer Kabine eingeschlossen und saß auf dem geschlossenen Toilettendeckel. Die Augen blickten leer zu Boden, eine Hand war um den Brustkorb geschlungen, die andere stützte sie auf dem Toilettendeckel ab, stützte somit sich selbst und bewahrte sich davor, sogleich haltlos vornüber zu kippen. Sie bemühte sich einen Punkt auf den Fliesen zu fixieren, doch ihr Blick trübte sich immer und immer wieder – es war ganz fürchterlich. Sie hatte gehört, wie die Tür zu den Mädchentoiletten ins Schloss gefallen war und sie hoffte, Galinda hatte nun endlich begriffen, dass sie nichts mehr wollte, als sich selbst überlassen zu werden. Galindas Anwesenheit bereitete ihr nur noch mehr Missbehagen. Als sie schließlich meinte, endlich allein zu sein, schloss sie die Kabinentür auf und wankte mühselig auf eines der Waschbecken zu, nur um sich sogleich wieder daran zu stützen. Ein Blick in den Spiegel und sie gestand – Galinda hatte wahrhaft allen Grund zur Sorge: Sie sah grauenvoll aus. Grauenvoller als sonst. Sie ertrug den Anblick nicht; stattdessen starrte sie in die runde, weiß glänzende Waschschüssel, wobei ihr Magen erneut auf unangenehme Weise Purzelbäume zu schlagen und sich ein weiteres Mal zu heben schien. Sie senkte stöhnend den Kopf, doch wie schon wenige Minuten zuvor fand sie sich unfähig, mehr zu erbrechen als die letzten paar Tropfen Tee, die sie jetzt in einer qualvollen, widerlichen Prozedur wieder hochwürgte. Ihre Beine zitterten dabei so stark, dass sie befürchtete, jeden Moment auf dem Boden aufzuschlagen.

Galinda spürte Fiyeros fragenden Blick auf sich ruhen. Sie wusste, dass ihre Antwort nicht unbedingt aussagekräftig gewesen war, doch ihr war auch klar, dass es Elphaba selbst zufiel, genauere Auskunft über ihren Zustand zu geben. Es stand Galinda nun wirklich nicht zu, allzu detailliert darüber zu sprechen, wo Elphaba selbst doch noch immer darauf zu bestehen versuchte, es ginge ihr gut.
»Es tut mir Leid, Junker Fiyero«, wiegelte sie seine Fragen ab, »aber ich kann Ihnen nichts sagen... bitte, fragen Sie sie selbst, wenn sie wieder herauskommt – oder Sie warten vielleicht heute Abend irgendwo anders auf mich, und ich werde sehen, was ich in Erfahrung bringen kann? Sie müssen ja nicht jetzt und hier auf Fräulein Elphaba warten...?«
Hoffnungsvoll blickte sie in seine dunklen Augen, die zu ihrem Bedauern jedoch nicht wirklich auf sie konzentriert waren. Galinda seufzte enttäuscht.
»Nun ja, wie auch immer Sie sich entscheiden... ich werde noch einmal hineingehen und nach Fräulein Elphaba sehen. Bleiben Sie mit den Taschen am besten noch einen Moment lang hier, damit sie nicht abhandenkommen, ich kann sie dann gleich mit hinein nehmen, wenn Sie gehen wollen...«
Mutig drückte sie ihm einen kurzen, hastigen Kuss auf die Wange, bevor sie wieder herumwirbelte und sich durch die Tür seinen Blicken entzog.
Als die Tür wieder hinter ihr zugeschlagen war, stand Galinda einen Augenblick lang wie erstarrt. Fräulein Elphaba war aus der Kabine herausgekommen, doch nun stand sie dort und krallte ihre Finger so fest um den Rand der Waschschüssel, dass ihre Knöchel beinahe weiß wirkten, und versuchte offenbar verzweifelt, die Übelkeit zu unterdrücken, die sie mit eisernem Griff dazu zwang, auch noch den letzten Rest ihres Mageninhalts loszuwerden. Kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn. Galinda überwand ihre Starre, als Elphaba plötzlich schmerzerfüllt aufstöhnte. Hastig sprang sie auf ihre völlig erschöpfte Mitbewohnerin zu, gerade noch rechtzeitig, um diese zu stützen, als ihre Beine unter ihr nachzugeben drohten. Ohne lange nachzudenken, führte sie Elphaba wieder in eine der Kabinen und half ihr, sich dort auf dem Toilettendeckel niederzulassen. Elphaba hatte die Augen geschlossen und ihr Atem ging flach und keuchend, in immer kürzeren Abständen unterbrochen von trockenem Husten, der teilweise weiterhin in Würgen endete. Galinda biss die Zähne zusammen und gab sich Mühe, den Ekel nicht zu zeigen, den sie doch nicht völlig unterdrücken konnte, auch wenn sie sich schlecht fühlte dabei.
»Fräulein Elphaba«, flüsterte sie schließlich, »ich weiß nicht, wie Sie sich das vorstellen, aber Sie werden gewiss nicht weiterhin Ihren Willen bekommen. Wenn Sie nicht von selbst in die Stube zurückkehren wollen, muss ich Madame Akaber Bescheid sagen. Sie wird wissen, was zu tun ist...«
Elphaba riss erschrocken die Augen auf.
»Nein«, keuchte sie, »l-lassen Sie das... Glauben S-Sie mir, F-Fräulein... Galinda, ich ha-halte noch ein wenig länger durch... Ich h-habe nur noch eine... Stunde, bestimmt werde... ich danach in d-den Schlafsaal zurückkehren!«
Sie durfte jetzt nicht aufgeben... Nein, Elphaba wusste, dass sie es schaffen würde. Sie würde nur noch Literaturwissenschaften durchstehen müssen – zusammen mit Fräulein Galinda, wie ihr einfiel – anschließend würde sie zu Nessa gehen, und dann würde sie sich ausruhen. Flehend blickte sie Galinda an.
Galinda sah unter argwöhnisch herabgesenkten Brauen in das entsetzlich blasse Gesicht ihrer Stubenkameradin. Ihre Pupillen zogen Schleifen als sie mit den Augen die Konturen um Elphabas Wangen- und Kieferknochen nachzeichnete. Es war ihr, sie hatte nie so ausgezehrt, nie so schattenhaft, nie so feingliedrig ausgesehen, wie in jenem Moment. Und ihre Augen blickten bittend zu Galinda empor; wie die eines Kindes, das stumm um Einverständnis flehte. Schon allein das bewies wiederum, dass Elphaba sich keineswegs in annehmbarer Verfassung befinden konnte: Sie blickte drein, wie nur Kinder dreinblickten und Galinda hatte sich noch nie, – nein, gerne wiederholen würde sie dies – noch nie dabei ertappt, Elphaba mit einem Kind verglichen zu haben. Und doch wirkte sie hilflos, wie sie hier auf dem Toilettendeckel kauerte und erstarrt zu Boden sah, als gäbe es dort etwas hoch Interessantes zu sehen. Galinda legte ihre tadelnde Miene jedoch nicht ab. Sie stützte zudem noch die Hände in die Hüften und sie legte den Kopf schief, als sie mit schneidendem Unterton sagte:
»Nicht einmal eine Stunde, will ich Sie hier noch sehen, Fräulein Elphaba! Nein, keine einzige Sekunde mehr! Was quälen Sie sich bloß selbst so? Ich sehe doch, es geht Ihnen nicht gut! Wem also versuchen Sie noch etwas vorzumachen?«
Als Galinda geendet hatte, sah sie, dass Elphaba die Hände zu Fäusten ballte. Und plötzlich erhob sie sich. So schnell, dass sie Halt an den Wänden der Toilettenkabine suchen musste. Trotz des Schwindels, der sie überkam, trotz des Zitterns, das ihr die Standfestigkeit und die Entschlossenheit nahm, blieb sie aufrecht. Sie hob ihren Zeigefinger und während sie sprach, wütete der Zorn in ihrer Stimme und sie schüttelte ihren Finger immer wieder drohend in Galindas Richtung:
»Sie haben mir nicht vorzuschreiben, wo ich Ihrer Ansicht nach zu bleiben habe! Scheren Sie sich fort und kümmern Sie sich um sich selbst! Das können Sie doch sonst so gut!«
Unter ersticktem Husten verließ Elphaba schließlich die Räumlichkeiten der Mädchentoiletten. Vor der Tür fand sie ihre Tasche vor, die achtlos neben Galindas fein säuberlich aufgerichteter Handtasche auf dem Boden lag. Sie warf sich den Riemen über die Schulter – wobei sie versuchte, es gleichsam schwungvoll wie vorsichtig zu tun – und eilte so schnell ihre Beine es ihr erlaubten auf den Korridor hinaus. Die Übelkeit war überwunden. Präsent war nunmehr Zorn. Siedend heißer Zorn.

Im Literaturwissenschaftssaal hatte Elphaba sich darum bemüht, einen Platz zu belegen, der dem Fräulein Galindas soweit fern war als nur irgend möglich. Und zu ihrer Erleichterung lief auch diese sehr wohl willkürlich an ihr vorbei und bedachte sie nicht ein einziges Mal mit ihrer Aufmerksamkeit. Nur recht, so dachte Elphaba bei sich. Allein der Gedanke, nicht mehr beachtet zu sein, verhalf ihr zur Besserung ihres Zustandes.

»Fräulein Elphaba?«
Elphaba fuhr zusammen, als sie ihren Namen hörte. Tief und rasselnd. Als ob Büroklammern in einem gläsernen Behälter klappern würden. Als ob die eigene Stimme sie im Halse kratzen würde, wie tausend Nadeln. Schallend und dröhnend. Der Ausruf füllte den Saal – nicht nur einmal, er schien zurückgeworfen zu werden und öfter ruhelos im Klassenzimmer umher zu kreisen.
»Sie kommen mit mir«, sagte Madame Akaber. Das Klimpern ihrer Armreifen erklang, als sie sich Elphaba auf einige Schritte näherte.
»Würden Sie uns entschuldigen, Doktor?«, wandte sie sich an den Professor, der respektvoll in seinem Vortrag inne gehalten hatte. Dieser nickte bloß und Madame Akaber bedachte ihn mit einem Blick, der ihm wohl ausdrücken sollte, dass sie es als selbstverständlich ansah, dass er Fräulein Elphaba für einen Moment entschuldigen würde. Schon spürte Elphaba massige Hände in ihrem Rücken. Madame Akaber drängte sie sacht aus dem Klassenzimmer. Was um alles in Oz konnte sie nur vorhaben?
Kaum hatten sie gemeinsam den Raum verlassen, als Madame Akaber die Geschwindigkeit auch schon deutlich verlangsamte, zu Elphabas großer Erleichterung.
»Ma-Madame Akaber«, stotterte sie und versuchte, nicht zu stolpern und zugleich ihre Tasche auf ihrer Schulter zu behalten, »was ist denn los? Wo-wohin bringen Sie mich?«
Ihre umherwirbelnden Gedanken landeten völlig unvorbereitet bei Nessarose, und sie hielt inne, woraufhin Madame Akaber beinahe gegen sie gelaufen wäre.
»Ist etwas mit m-meiner Schwester...?«
Seufzend blieb auch die Schulleiterin stehen und blickte durch ihre Brillengläser, die fast bis auf die Nasenspitze heruntergerutscht waren, auf ihre Schülerin hinab.
»Seien Sie beruhigt, mit Ihrer Schwester ist alles in Ordnung, Fräulein Elphaba... allerdings ist mir zu Ohren gekommen, dass es bei Ihnen in dieser Hinsicht anders aussieht.«
Elphaba erstarrte mit leicht geöffnetem Mund, da sie gerade im Begriff gewesen war, etwas zu sagen. Verzweifelt versuchte sie, den Hustenreiz zu unterdrücken, der sich natürlich gerade jetzt wieder bemerkbar machen musste, doch es gelang ihr nicht gänzlich, und das erstickte Hüsteln, das ihren Lippen entfloh, schien Madame Akaber zu genügen.
»Ich werde Sie in den Krankenflügel begleiten«, verkündete sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Doch Elphaba kümmerte sich nur in Ausnahmefällen darum, ob ihr Handeln geduldet wurde oder nicht.
»Das ist wirklich... nicht nötig«, erklärte sie so überzeugend wie möglich und setzte in bester Galindamanier ein Zahnpastalächeln auf, hinter dem sie zugleich versuchte, ihre Mordlust zu verbergen. Wie konnte ihre Stubenkameradin ihr das antun? Eine Stunde noch, eine einzige lausige Stunde hätte sie noch gehabt! Sie fühlte erneut den Zorn in sich aufsteigen, blubbernd und heiß und tiefrot. Sie spürte, wie er ihr Kraft verlieh, wie sie sich fast automatisch aufrechter hinstellte, die rasenden Schmerzen irgendwo tief in ihrem Unterbewusstsein vergraben. Energisch hielt sie den Riemen ihrer Tasche umklammert, als Madame Akaber hilfsbereit versuchte, ihr beim Tragen zu helfen.
»Nicht nötig«, wiederholte sie mit fester Stimme. »Wirklich, Madame, ich weiß nicht, wer Ihnen das erzählt hat, aber es war ganz offensichtlich eine Fehlinformation. Ich würde nun wirklich gerne in den Unterricht zurückkehren – verstehen Sie...«
Elphabas Schultern sanken wieder ein Stück herab – es schien nicht, als sei ihre Direkteuse geneigt, ihren Worten Glauben zu schenken. Mit sanfter Gewalt schob sie Elphaba weiter voran.
»Fräulein Elphaba, ich denke, Sie irren sich«, flötete sie dabei und klang wie eine Mutterhenne, die mit ihrem Küken spricht. »Als Leiterin von Shiz ist mir Urteilskraft darüber gegeben, zu entscheiden, wann es meinen Schutzbefohlenen gut geht und wann ich sie vom Unterricht zu befreien habe. Wäre mir eine solche Information etwa über Junker Avaric zugetragen worden, sähe es gewiss anders aus; tatsächlich geschieht eben dies etwa einmal pro Woche. Bei Ihnen, Fräulein Elphaba, ist die Situation zweifellos eine andere. Nehmen Sie es mir nicht übel, doch Sie sehen aus wie ein mit Wasser übergossener PUDEL, so blass wie ihr Gesicht ist, und Ihre ganze Haltung... Nein, Sie sind im Krankenflügel im Moment am besten aufgehoben.«
Und Elphaba spürte, wie sich Madame Akabers Krallen in ihre Schulter bohrten. Unwillkürlich ballte sie ihre langen, grünen Finger zu Fäusten. Das Gefühl von Madame Akabers Fingern auf ihrer Schulter, die sie drückten wie eine Frucht, die es auszuquetschen galt... Elphaba verzog das Gesicht, während die Schulleiterin weitersprach.
Der Krankenflügel. Ihre Sicht schien wie von einem roten Schleier überzogen, und sie wusste, hätte sie Galinda in diesem Augenblick vor sich, so könnte sie nicht für deren Sicherheit garantieren. Ihr Körper fühlte sich an, als stünde er unter Strom, und ihre Hände formten sich ohne ihr Zutun zu Klauen.
»Lassen Sie mich los«, flüsterte sie leise. Madame Akaber beachtete sie nicht, sie redete irgendetwas von Mühlen, die ihren Zweck nur befriedigend erfüllen konnten, wenn das Wasser, das sie antrieb, seine ganze Kraft entfalten konnte. Elphaba versteifte sich.
»Lassen Sie mich -«
Bevor sie den Satz zu Ende bringen konnte, ging plötzlich eine Veränderung mit ihr vor. Nein, nicht mit ihr, mit Madame Akaber – mit der Umgebung – mit der Luft um sie herum. Sie hatte den Eindruck, als würde ihr Zorn aus ihr herausfließen, rote, glühende Lava, die Blasen warf. Madame Akaber neben ihr war in der Bewegung eingefroren, halb zu ihr umgewandt. Der Raum, in dem sie sich befand, schien zu pulsieren, und die Stimme, die aus ihrem Mund kam, war wie losgelöst von ihrem Körper.
»Ich brauche keinen Krankenflügel«, fauchte sie. »Vergessen Sie diesen Unsinn, Madame... ich bin kerngesund! Sie haben mich ohne Sinn und Zweck aus einer wichtigen Unterrichtsstunde geholt!«
Madame Akaber nickte, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich dabei nicht um einen Millimeter. Elphaba blickte auf ihre erstarrten Züge und merkte, dass dieses seltsame Verhalten ihr Angst zu machen begann. Was war das? Was war...?
Das Pulsieren wurde schwächer, der Zorn floss langsamer und schließlich gar nicht mehr. Elphaba sah zu, wie Madame Akaber kurz den Kopf schüttelte, wie aus einem Traum erwacht, und dann den Gang entlang weiterging, ohne sie zu beachten. Sie wollte nach ihr rufen, sie fragen, was los war, doch kein Laut drang über ihre Lippen.
Eine halbe Sekunde später lag sie auf den Knien und rang nach Atem.
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