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Schwarze Farbe

KurzgeschichteTragödie / P12 / Gen
Lucas
26.02.2013
26.02.2013
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Lucas sitzt draußen vor dem Haus auf der Bank. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier und daneben eine Schachtel mit Wachsmalkreide. Er überlegt, was er zeichnen könnte und schaut sich auf der Suche nach Inspiration ein wenig um.

„Schere, Stein, Papier! Ha, ich hab schon wieder gewonnen! Lucas, du bist in dem Spiel einfach mies, weißt du das eigentlich?“
„Bin ich nicht!“
„Autsch, hey, was sollte das? Schubs mich nicht, du Blödmann!“
„Aua!“
„Claus! Lucas! Was macht ihr da?“
„Papa, Claus hat mich gehauen …“
„Claus! Entschuldige dich sofort!“
„Aber er hat mich zuerst geschubst!“
„Das ist jetzt unwichtig! Lucas ist dein jüngerer Bruder, eigentlich solltest du ihm ein Vorbild sein, hast du das vergessen? Du enttäuschst mich, Claus! Wenn deine Mutter hier wäre, dann würde sie dich lynchen!“
„Aber … aber … das ist gemein! Er hat angefangen und ich bekomme alles ab, das ist so unfair! Lasst mich einfach alle in Ruhe!!!“

Lucas erinnert sich genau an diese Szene. Sie hat sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt, obwohl sie eigentlich gar nicht so besonders ist.
Heute … gibt es keinen Claus mehr, der mit ihm Schere, Stein, Papier spielt. Claus, der ihn damals geschubst hat, ist nicht mehr da.
Sein älterer Zwilling, der jetzt von niemandem mehr gelyncht werden kann, ist einfach nicht mehr da. Er ist tot, und Lucas selbst ist dafür verantwortlich.
Und da ist auch keine Mutter mehr, keine Hinawa, die Claus für sein Verhalten lynchen könnte. Weil auch sie tot ist. Sie hat jetzt Flügel und ist zusammen mit Claus im Himmel.
Die beiden sind wieder vereint und Lucas sitzt hier vor seinem leeren Blatt Papier und kann nicht mehr mit ihnen sprechen, nie wieder. Sie sind fort und haben ihn und Flint und Boney zurückgelassen.
Lucas merkt nicht, dass er weint, obwohl seine Sicht allmählich verschwimmt. Dabei ist er nur nach draußen gegangen, um sich abzulenken und um ein Bild auf dieses weiße Blatt Papier zu malen.
Seine Hände zittern, als er zu schwarzen Wachsmalkreide greift und einige Striche kritzelt.
Er malt ein Bild von Papa Flint, Mama Hinawa, Bruder Claus, Hund Boney und von sich.
Von der kleinen Heulsuse Lucas …
Weil sie so groß sind, gehören Flint und Hinawa in den Hintergrund. Claus und sich selbst setzt er in den Vordergrund. In die Mitte malt er Boney.
Flint trägt seinen Cowboyhut und seine Alltagskleidung, Hinawa natürlich ihr rotes Lieblingskleid.
Und Claus trägt sein blau-gelb gestreiftes T-Shirt und seine kurze Hose, die er früher ständig beim Spielen kaputt gemacht hat.
Sie sollen alle lachen, wie eine glückliche Familie.
Aber das Zeichnen von Hinawa und Claus fällt Lucas schwer, weil er sich nicht mehr so gut an ihre Gesichter erinnern kann. Es ist einfach schon zu lange her, dass er sie gesehen hat.

Für seine Verhältnisse ist das Bild gut geworden. Es sieht schön aus, denn alle sind versammelt und grinsen wie auf einem alten Familienfoto. Aber dann sieht Lucas, dass irgendetwas mit dem Bild nicht stimmt und er nimmt sich vor, das schnell zu ändern.
Er legt die blaue Wachsmalkreide aus der Hand, die er für die Streifen von Claus' T-Shirt benutzt hat und nimmt stattdessen eine andere.
Lucas übermalt das Gesicht von Hinawa mit der schwarzen Wachsmalkreide. Zwar sieht das unschön aus, aber irgendetwas sagt Lucas, dass er es tun soll. Auch ihre Kleider übermalt er, weil dort, wo sie auf dem Bild steht, in Wirklichkeit gar nichts mehr ist. Dasselbe macht er mit Claus, denn Hinawa und Claus sind tot. Es muss so sein, weil der Tod schwarz ist. Schwarz wie die Wachsmalkreide in Lucas' zittriger Hand.
Lucas spürt, wie sich sein Innerstes zusammenzieht. Sein Herz tut furchtbar weh. Es fühlt sich so an, als würde sein ganzer Körper weinen. Das passiert ihm inzwischen fast jeden Tag. Lucas weiß nicht, ob sich sein Herz jemals wieder davon erholen wird, denn Hinawa und Claus haben dort eine große Lücke hinterlassen. Manchmal träumt er von ihnen und schreit im Schlaf.
Während sich Lucas mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht wischt, bemerkt er, dass auf seinem Bild noch eine kleine Sache ergänzt werden muss, denn der gemalte Flint und der gemalte Lucas sehen unvollständig aus. Sie grinsen zwar beide, weil sie eigentlich fröhlich sind, aber Lucas findet, dass sie zusätzlich noch weinen sollen, also malt er kleine, blaue Striche unter ihre Augen.
Jetzt stehen sie auf dem Bild zusammen und grinsen und weinen, weil Hinawa und Claus nie wiederkommen werden.
„Mama, Claus, ich habe euch ganz schwarz übermalt, weil ihr nicht mehr da seid. Ich habe eure Gesichter auch schon fast vergessen. Ich kann euch nicht mehr zeichnen. Ich weiß einfach nicht, wie …“

In Lucas' Leben fehlt jetzt eine Farbe. Es ist die Farbe einer glücklichen, vollzähligen Familie.
Weil es diese ganz besondere Farbe nicht mehr gibt, kann er keine Bilder mehr malen, ohne sie anschließend mit dieser hässlichen Schwärze zu ruinieren.


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(Meh. Eigentlich bin ich kein Fan von zusätzlichen Autor-Kommentaren, aber der hier muss mal sein. Ich hatte sehr viele Probleme mit diesem Schätzchen, weil mir allein die Rohfassung des Textes enorm an die Substanz ging. Dabei bin ich weder zart besaitet noch sonderlich mitfühlend. Inspiriert hat mich übrigens - wer hätte es gedacht - ein Fanart. Und ja, die recht kindische Schreibweise ist beabsichtigt.)
 
 
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