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Von Elben, Zwergen, Rassismus und Liebe

GeschichteAllgemein / P12
Fili Kili Thorin Eichenschild
26.02.2013
03.03.2013
2
3.099
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26.02.2013 1.939
 
Vielen Dank an alle, die den ersten Teil gelesen haben! Hier kommt der zweite und letzte Teil, und ich hoffe, er gefällt euch ebenfalls, auch wenn es hier sehr theoretisch wird.

Viel Spaß!


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Liebe zwischen Elb und Zwerg


Was bedeuten die Erkenntnisse aus dem ersten Kapitel also für eine Elb-Zwerg-Romanze?

Erstmal etwas sehr Wesentliches: Es geht nicht darum, eine Kluft des Hasses zu überbrücken.

Und sonst? Ich will nicht lange darüber philosophieren, was Liebe ist, aber ich halte es für unumgänglich, eine Grundannahme aufzustellen: Liebe ist die Beziehung zwischen zwei Individuen, und daher ist es erforderlich, dass man den Gegenüber als eigenständiges Individuum erkennt. Und das bedeutet, sich von Stereotypen loszulösen.

Bezieht man das auf Elben und Zwerge, dann bedeutet das, dass das Elb- und das Zwergsein des jeweiligen Partners irrelevant wird. Aber inwiefern ist das möglich?

Zunächst wäre das in einer Ausnahmesituation möglich, in der die Identität als Elb oder Zwerg tatsächlich ihre Bedeutung verliert. Da "Elb" bzw. "Zwerg" jedoch ein zentraler Bestandteil einer Identität ist (genauso wie unsere Identität als "Menschen"), dürften solche Situationen eher selten sein. Ein Zwerg wird immer zwischen Elben und Zwergen unterscheiden, insofern mehrere Angehörige jeder "Rasse" anwesend sind; ein Elb genauso. Packen wir aber einen einzigen Zwerg in eine rein elbische Gemeinschaft, hätte dieser keine andere Wahl, als seinen Fokus auf die einzelnen Individuen zu richten und sie gegeneinander abzugrenzen, da er sie ja nicht mehr von den Zwergen abgrenzen kann. Aus der Sicht der Elben jedoch würde er garantiert "der Zwerg" bleiben, und das hat nichts mit Diskriminierung oder sonstwas zu tun, sondern das Zwergsein ist einfach das Merkmal, das den Zwerg am meisten von ihnen unterscheidet. Dasselbe gilt natürlich auch für einen Elb, der allein in eine zwergische Gemeinschaft gerät.

Aber dieses Szenario ist sehr einseitig, und Liebe erfordert Beidseitigkeit. Somit kann eine Ausnahmesituation, in der Elb und Zwerg die Individualität des jeweils anderen erkennen, nur dann eintreten, wenn nur ein Elb und ein Zwerg über längere Zeit einander ausgeliefert sind. Und selbst dann wäre das Erkennen nicht gewährleistet, da beide Vertreter durch ihre stereotypenbelasteten Erinnerungen dazu neigen werden, im Gegenüber einen Musterzwerg bzw. einen Musterelb zu sehen, und es bestenfalls eine Weile dauert, bis sie von ihren Stereotypen loskommen.

Die zweite Möglichkeit, die ich sehe, wäre eine lange, intensive Zusammenarbeit zwischen Elben und Zwergen, dass man ständig etwas im Team macht, und zwar nicht so, dass die Elben eins tun und die Zwerge etwas anderes, sondern ganz bunt durchgemischt, sodass man sehr viele Individuen der jeweils anderen "Rasse" (bzw. vieler unterschiedlicher "Rassen") sehr gut kennenlernt und dadurch interkulturelle Kompetenz erwirbt. Ich würde mal behaupten, dass das - ganz grob - der Weg ist, auf dem die meisten Mischpaare in unserer Welt zusammenkommen. Wenn es aber um Elben und Zwerge geht, denke ich, muss ich nicht extra betonen, dass dermaßen intensive Zusammenarbeit zwischen diesen Völkern nicht sonderlich oft vorkommt. Man kooperiert da eher als Völker denn als Individuen.

Aber mal angenommen, es ergeben sich "günstige" Umstände, unter denen eine Romanze zustande kommen könnte. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Elb und Zwerg einander überhaupt attraktiv finden?

Nun, wir können noch so sehr von "inneren Werten" reden, aber seien wir mal ehrlich: Das Äußere spielt beim Verlieben irgendwie irgendwo auch eine Rolle. Mal mehr, mal weniger, aber das tut es. Und man kann getrost davon ausgehen, dass Elben und Zwerge eine sehr unterschiedliche Vorstellung von Schönheit haben. Elben sind groß, schlank und ohne Körperbehaarung, Zwerge sind klein, stämmig und sehr haarig. Und mit größter Wahrscheinlichkeit haben ihre Vorstellungen von Schönheit sehr viel mit dem natürlichen Aussehen ihrer eigenen Spezies zu tun.

Aber wer sagt, dass sie alles, was nicht ihrem Schönheitsideal entspricht, gleich hässlich finden müssen? Es kommt natürlich immer sehr darauf an, welchen Hintergrund die konkreten Individuen haben. So leben die Elben in Lothlórien z.B. sehr abgeschottet und bekommen daher praktisch nie Repräsentanten anderer Völker zu Gesicht. Die Elben aus dem Düsterwald hingegen treiben regen Handel mit den Menschen aus Esgaroth, sie leben in unmittelbarer Nachbarschaft, und sie scheinen sich regelmäßig zu sehen. Ein bärtiges männliches Gesicht dürfte für einen Elben also kein Novum sein. Und wenn man den Prolog der "Hobbit"-Verfilmung beachtet, hatten die Elben auch regelmäßigen Kontakt zu den Zwergen des Erebor und dürften auch ihre bärtigen Frauen gesehen haben (da sie sich im Film im Gegensatz zu den Aussagen in den HdR-Anhängen nicht vor Nichtzwergen verstecken). Die üppige Körperbehaarung der Zwerge dürfte einem durchschnittlichen Düsterwaldelben daher nicht so stark aufstoßen wie einem Elben aus Lothlórien.

Was die Zwerge angeht, so dürften sie kaum Probleme mit der elbischen Haarlosigkeit haben, schließlich haben sie es ständig mit Menschen zu tun, und da gibt es zum einen die bartlosen menschlichen Frauen und zum anderen genug Männer, die sich den Bart komplett rasieren. Es ist also anzunehmen, dass Elb und Zwerg (mit entsprechendem Hintergrund) einander in dieser Hinsicht wahrscheinlich nicht als hässlich betrachten und womöglich sogar attraktiv finden können, auch wenn der Gegenüber nicht ihrem absoluten Schönheitsideal entspricht. Und hey, wir Menschen verlieben uns ja auch nicht immer nur in Topmodels, oder?

Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Körpergröße und die Statur. Wir kennen es schließlich auch von uns Menschen: Man braucht keine Modelmaße zu haben, um als attraktiv empfunden zu werden.

Aber nun gut. Die beiden haben sich als Individuen erkannt und finden sich - optisch zumindest - gegenseitig attraktiv. Wie kommen sie aber miteinander aus?

Ich denke da natürlich an kulturelle Unterschiede. In unserer heutigen Welt wird das Zustandekommen von Mischpaaren sehr stark dadurch begünstigt, dass man ständig über die Existenz kultureller Unterschiede und die Notwendigkeit ihrer Akzeptanz aufgeklärt wird. Das war früher nicht der Fall, und da haben sich gerne mal sogar Angehörige desselben Volkes noch schief angeguckt, wenn sie aus verschiedenen Ecken des Landes kamen und sehr unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie man sprechen, kochen, bauen, denken, etc. sollte.

Banales Beispiel: Es gibt Menschen, die Spiegeleier nur auf einer Seite anbraten, andere auf beiden. Mal angenommen, es gibt ein bestimmtes Volk, dessen nördliche Vertreter es nur auf einer Seite anbraten und die südlichen auf beiden. Nun kommt einer aus dem Norden in den Süden und macht erstmal große Augen: Verständnislos beobachtet er, wie das Spiegelei in der Pfanne umgedreht wird, und findet das einfach nur abartig und widerlich und kann sich nicht vorstellen, wie das überhaupt noch schmecken soll.

So. Und jetzt stellt euch vor, es bleibt nicht bei Oberflächlichkeiten wie dem Spiegeleibraten, sondern es geht um Werte, um Dinge, die euch am heiligsten sind. Wenn ihr auf ein anderes Volk trefft, das auf eure wichtigsten, höchsten Gefühle sch****, euch mit Unverständnis begegnet oder gar auslacht, wenn ihr darüber entsetzt seid, und das alles keineswegs aus Bosheit tut, sondern weil die Menschen es einfach nicht besser wissen - dann ist das ein Kulturschock, der erste Schritt zum Zerrütten der eigenen Identität und dem schmerzhaften Aufbau einer neuen; einem sehr komplexen psychologischen Prozess, der aber letztendlich im Erwerben einer interkulturellen Kompetenz gipfelt. Wobei noch bemerkt werden muss, dass die Schmerzhaftigkeit dieses Prozesses damit zusammenhängt, wie ähnlich sich die entsprechenden Kulturen sind. So dürfte für einen Deutschen beispielsweise das Erwerben interkultureller Kompetenz in Bezug auf die USA sehr viel leichter fallen als das Erwerben einer solchen mit der Mongolei als Zielkultur.

Nun stellt sich die Frage, inwiefern das Ganze für Elben und Zwerge gilt. Wir sprechen da gerne von gesonderten Kulturen, aber ich muss gestehen, dass die Kulturen von Mittelerde sich insgesamt dann doch sehr ähnlich sind. Zumindest haben alle - vom kleinen Hobbit bis zum großen Drachen - nahezu identische Vorstellungen von Höflichkeit und die Gestik und die Ausdrucksweise scheinen nicht für Missverständnisse und Fettnäpfchen zu sorgen wie in der realen Welt. Das dürfte die Kommunikation zwischen Elb und Zwerg also wesentlich erleichtern, was Verständnisschwierigkeiten auf höherer Ebene jedoch keineswegs ausschließt: Ein Volk, das (zum Teil) in Bäumen lebt, und eins, das Berge durchbuddelt, haben zweifellos sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was zu einem glücklichen, erfüllten Leben gehört, was moralisch und was unmoralisch ist (man stelle sich die Reaktion eines hypothetischen "zwergophilen" Elben vor, wenn seine kleinen Freunde einen halben Wald abholzen), wie man seine Kinder zu erziehen hat, wie man seine Gefühle äußert, etc.

Diese mentalen Unterschiede haben den Haken, dass sie auf den ersten Blick nahezu unsichtbar sind und man gerne mal Monate, wenn nicht sogar Jahre, braucht, um sie auszumachen. Tatsächlich ist der Ersteindruck von einer anderen Kultur häufig sehr, sehr positiv: Entweder ist man von ihrer Exotik überflutet und fasziniert oder man glaubt, sie würde sich kaum von der eigenen unterscheiden. Aber lebt mal ein paar Jahre lang in einem fremden Land ... Mit größter Wahrscheinlichkeit fallen euch dann Dinge auf, die euch so gar nicht schmecken. Und ich gebe hier nicht nur meine theoretischen Kenntnisse wieder, sondern spreche auch aus persönlicher Erfahrung: Als ich nach Deutschland kam, war ich zunächst begeistert; ein paar Jahre später hatte ich eine recht starke antideutsche Haltung, weil es hier dann doch nicht so schön war wie es mir auf den ersten Blick erschien. Mittlerweile ist meine Einstellung zu Deutschland wieder positiv, wenn auch nicht ganz unkritisch.

Aus dem eben Genannten geht nun Folgendes hervor: Für eine harmonische Beziehung sollten die Partner - in unserem Fall ein Elb und ein Zwerg - ihre interkulturelle Kompetenz schon vorher erworben haben. Denn: Mal angenommen, es haben sich "günstige" Umstände ergeben, und da ihre Kommunikation nicht durch kulturelle Eigenheiten beeinträchtigt wird, "verlieben" sich die beiden ineinander. Sind sie nicht auf die Begegnung mit einer anderen Mentalität vorbereitet und wissen nicht, wo kulturell bedingte Meinungsverschiedenheiten aufkommen können, können nach ein paar verliebten, zuckerrosa Wochen und Monaten (oder vielleicht sogar Jahren) durchaus die Fetzen fliegen. Und entweder man kreidet die "verqueren" Vorstellungen der Person des Gegenüber an, oder man kommt zu dem Schluss, dass der Partner eben doch ein gewöhnlicher Zwerg bzw. Elb ist, und fällt damit zurück ins Stereotypendenken. Ich will damit jedoch nicht sagen, dass eine Elb-Zwerg-Beziehung zum Scheitern verurteilt ist, sondern dass es sehr viel Kraft, Mühe, Selbstdisziplin und geistige Arbeit erfordert, eine solche Beziehung aufrechtzuerhalten. (Das gilt natürlich für jede ernsthafte Liebesbeziehung, aber bei einer Mischbeziehung ohne interkulturelle Kompetenzen dürfte das besonders schwierig sein.)

Besitzen beide Partner (oder allerwenigstens einer von ihnen) bereits vorher interkulturelle Kompetenzen, ist das Ganze natürlich schon gleich viel einfacher, da sie wissen, wo sie aufpassen sollen. Bloß: Wo sollen sie ihre Kompetenzen erworben haben? Wie oben bereits geschrieben, kommt eine lange, intensive Zusammenarbeit zwischen elbischen und zwergischen Individuen praktisch nie vor.

Ist eine Liebe zwischen Elb und Zwerg also möglich?

Durchaus, aber nur mit einer sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr guten, psychologisch sorgfältig recherchierten Erklärung. Neben gut durchdachten äußeren Umständen erfordert ein solches Pairing eine intensive Auseinandersetzung mit äußerst komplexen psychologischen Vorgängen, und genau das ist der Grund, wieso ein solches Pairing sehr viel Potential hat. Das von den meisten Autoren leider nicht ausgeschöpft wird. Denn das Problem eines solchen Pairings besteht keineswegs darin, dass die Liebe zwischen Elb und Zwerg verboten wäre, sondern darin, dass sowas canonbedingt von sich aus nicht zustande kommt. Was natürlich nicht bedeutet, dass man mit ein bisschen Fingerspitzengefühl im Canon nicht doch noch "Löcher" finden kann, in die man eine solche Romanze einfügen könnte.


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ENDE


Anmerkung: Dieser Aufsatz ist nicht mehr als meine eigene Sicht der Dinge. Ich erhebe keinerlei Anspruch darauf, hier absolute Wahrheiten zu vermitteln. Wenn ihr mit mir also nicht übereinstimmt, seid ihr herzlich eingeladen, eure Meinung im Reviewbereich zu hinterlassen oder mir eine Mail zu schicken. Einer sachlichen Diskussion bin ich auf keinen Fall abgeneigt!
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