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Von Elben, Zwergen, Rassismus und Liebe

GeschichteAllgemein / P12
Fili Kili Thorin Eichenschild
26.02.2013
03.03.2013
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Von Elben, Zwergen, Rassismus und Liebe


Oder: Warum Elb-Zwerg-Pairings kein Stoff für seichte Romanzen sind.


Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe absolut nichts gegen Elb-Zwerg-Romanzen. Aber ich fürchte, dass vielen Autoren leider nicht klar ist, an welch anspruchsvolles Thema sie sich wagen, wenn sie Thorin, Fíli oder Kíli mit Elbinnen verkuppeln. Daher möchte ich in diesem zweiteiligen Aufsatz analysieren und erläutern, wie es um die Völkerbeziehung zwischen Elben und Zwergen steht und ob bzw. unter welchen Umständen eine Liebe zwischen Elb und Zwerg möglich ist.


Elben vs. Zwerge = Rassismus?


Hach, welch süße Geschichte: zwei liebende Herzen, getrennt durch den Hass zwischen ihren Völkern! Verbotene Liebe ist schon seit jeher ein beliebtes (Schnulz-)Thema. Aber: Wie weit reicht eigentlich die "Feindschaft" zwischen Elben und Zwergen und kann man das schon als Rassismus bezeichnen?

Zunächst ist anzumerken, dass man bei Elben und Zwergen per definitionem nicht von Rassismus sprechen kann, da es sich um zwei unterschiedliche Spezies handelt. Rassismus heißt eben deshalb "Rassismus", weil er sich auf Rassen bezieht, sprich: Unterarten einer Art/Spezies. Würden also beispielsweise die Noldor (Hochelben) sagen, die Nandor (Waldelben) seien Elben niederen Wertes, wäre das Rassismus, da beide Gruppen Elben sind. Dasselbe träfe zu, wenn das Volk Durins sagen würde, die Nachkommen der anderen sechs Zwergenväter wären Abschaum. Wenn Elben und Zwerge jedoch sagen, die Zwerge bzw. Elben seien der letzte Dreck, wäre das erstmal grob kein Rassismus.

Begriffstechnisch haben wir in Mittelerde einfach das Problem, dass es zahlreiche ähnliche Arten gibt, was wir auf der Erde eben nicht haben, weil wir alle Menschen sind. Wenn wir also in Bezug auf das Elben-Zwerge-Verhältnis von Rassismus sprechen, gebrauchen wir den Rassismus-Begriff eher im übertragenen Sinne bzw. tun der Einfachheit halber so, als ob Elben und Zwerge zu einer Art gehören würden.

Bevor man jedoch untersuchen kann, ob Elben und Zwerge in Bezug aufeinander "Rassisten" sind, gilt es, die Merkmale des Rassismus zu benennen, was jedoch insofern ein Problem ist, als dass der Rassismus-Begriff sehr komplex ist. Tatsache ist: Es gibt mehrere Rassismen, unzählige Möglichkeiten der Ausprägung und zahlreiche Sonderformen. Beschäftigen wir uns daher am besten einfach "nur" mit den Grundmerkmalen, anhand derer man Rassismus diagnostizieren kann:

- Vorurteile
- Diskriminierung
- physische Gewalt

Es ist vorweg folgendes zu bemerken: An und für sich nicht die einzelnen Punkte keine Anzeichen von Rassismus. Vorurteile hat man auch innerhalb der eigenen "Rasse", beispielsweise zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten; gleiches gilt für Diskriminierung; und was physische Gewalt angeht, so ist sie ebenfalls omnipräsent. Was die oben genannten Punkte zu Ausprägungen bzw. Symptomen des Rassismus macht, ist die Wahl des Opfers nach dem Kriterium der "Rassenzugehörigkeit".

Aber nun denn! Wie sieht es denn aus bei den Elben und Zwergen?


Vorurteile?

Zwerge sind rüpelhaft und arrogant, denkt ein Durchschnittselb, und Elben sind eingebildet und heimtückisch, denkt ein Durchschnittszwerg.
Aber reicht das allein, um als Rassismus durchzugehen? Sollte es unter euch Lesern einige geben, die an eine multikulturelle Welt ohne Vorurteile glauben, so muss ich leider eure Illusionen zerstören: Vorurteile ... äääh ... Sprechen wir zunächst von Stereotypen.

Stereotype sind natürlich und nicht grundsätzlich schlecht. Klingt krass? Vielleicht. Aber seht das mal so: Stereotype helfen der Wahrnehmung bzw. der Ordnung ihrer, sie helfen, sich in der Welt zurechtzufinden. Und es gibt neben negativen Stereotypen auch positive (z.B. das weltweit verbreitete Stereotyp vom pünktlichen, disziplinierten, verantwortungsvollen Deutschen) und neutrale (z.B. die gängige Vorstellung vom verschneiten Russland). Natürlich stehen Stereotype hin und wieder mal im Weg, ganz besonders, wenn es negative Stereotype sind, nämlich Vorurteile.

Was den Rassismus nun auszeichnet, ist, dass es sich dabei fast ausschließlich um Vorurteile bzw. negative Stereotype handelt. Was ich anfangs beschrieben habe, sind natürlich sehr klassische Vorurteile. Aber sofern es auch positive und neutrale Stereotype gibt, kann man nicht von Rassismus sprechen, da es sich nicht um eine komplette Ablehnung und Verachtung gegenüber der anderen "Rasse" handelt.

Schaut man in die Geschichte von Mittelerde, erkennt man, dass es immer wieder sehr enge Zusammenarbeit zwischen Elben und Zwergen gab, regen Handel wie militärische Allianzen (Nogrod - Doriath, Eregion - Khazad-dûm, Kriege gegen Morgoth, Schlacht der Fünf Heere, etc.). Sie würden sich wohl kaum immer wieder zusammenraufen, wenn sie nicht eine Reihe von Eigenschaften der jeweils anderen "Rasse" zu schätzen wüssten.

Somit kommen wir zu dem Schluss: Elben und Zwerge haben durchaus Vorurteile gegeneinander, aber für Rassismus bzw. Völkerhass ist es lange nicht genug. Vielmehr handelt es sich dabei um negative Ausprägungen des "gewöhnlichen" stereotypen Denkens, das auch positive und neutrale Aspekte beinhaltet.


Diskriminierung?

Von "rassischer" Diskriminierung kann man eigentlich nur sprechen, wenn es eine Gemeinschaft gibt, in der die "Rasse" darüber entscheidet, wie man behandelt wird. Das setzt eine Gemeinschaft voraus, der Vertreter unterschiedlicher "Rassen" angehören. Und daran scheitert der Rassismus-Vorwurf bei unseren Untersuchungsobjekten: Zwar gibt es immer wieder Kooperation zwischen Elben und Zwergen, sogar lange andauernde Besuche, aber sie bilden niemals gemischte Gruppen (die Ringgemeinschaft mit Gimli und Legolas und die Geächteten um Turin Turambar mit Beleg und Mîm zählen nicht, weil es sich erstens um absolute Ausnahmesituationen handelt und zweitens nur jeweils ein Vertreter auf den anderen trifft).

Fazit: Von Diskriminierung kann im Falle der Elben und der Zwerge nicht die Rede sein.


Physische Gewalt?

Gab es zwischen Elben und Zwergen durchaus. Aber war diese Gewalt rassisch begründet, sprich: mordeten die Elben, weil es sich um Zwerge handelte, und mordeten die Zwerge, weil es Elben waren?

505 E.Z. ermordeten Zwerge aus Nogrod Elu Thingol, den König von Doriath, und wurden dann wiederum von dessen Untertanen niedergemetzelt. Darauf wollte Nogrod Rache und verwüstete Doriath, allerdings wurde das Heer auf dem Rückweg von Elben zerschlagen. Grund des Blutvergießens? Besitzansprüche auf das Nauglamír, das Halsband, in das die Zwerge einen Silmaril eingearbeitet hatten.

Ferner steht im "Hobbit" (Kapitel 8: Flies And Spiders): "In ancient days they [Elben] had wars with some of the dwarves, whom they accused of stealing their treasure. It is only fair to say that the dwarves gave a different account, and said that they only took what was their due, for the elf-king [Thranduil] had bargained with them to shape his raw gold and silver, and had afterwards refused to give them their pay."

Ich denke, es ist eindeutig: Elben und Zwerge töteten niemals einander, weil sie sich so sehr hassten, sondern es ging immer um Schätze, materielle Güter.


Was kommt also heraus? - Ich will nicht bestreiten, dass Elben und Zwerge sich mit tiefem Misstrauen begegnen, aber es handelt sich nicht - ich betone: nicht!! - um Rassismus. Bezeichnen wir dieses Misstrauen einfach ganz hochgestochen als stinkgewöhnliche, normale interkulturelle Inkompetenz auf beiden Seiten. Eine nichtrassistische Feindschaft, wie sie z.B. auch zwischen Deutschland und Frankreich jahrhundertelang bestanden hat.


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Ende des ersten Teils. Der zweite folgt noch diese Woche.

Ich hoffe, dass der Aufsatz euch bis hierher gefallen hat, und würde mich über Feedback sehr freuen!
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