Hirudo - die Vampir-Astronauten

GeschichteMystery, Sci-Fi / P18
26.02.2013
24.06.2015
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Dieses Kapitel
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1.
Austin Town, Nordamerika,
Terra, Sol-System,
28.02.3342 a.D. oder 03.11.0541 Zyklus achtzehn Galaktische Zeitrechnung

Austin Town, eine typische Mega-Siedlung auf der Erde, hatte drei große Vorzüge. Der erste Vorzug war, dass die Stadt tatsächlich authentische "Grüne Lungen" hatte, also große Parks, die halfen, den CO2-Ausstoß der Betonwüste zu akkumulieren. Tatsächlich fielen auf jeden Bewohner der Mega-City fast zehn Quadratmeter Grünfläche. Erstaunlich bei nur achtzehn Quadratmetern Wohnraum pro Person, aber vor allem die Gangs waren für so viel Platz mit vermeintlich unübersichtlicher freier Natur sehr dankbar.
Vorzug Nummer zwei war, dass der Kern der Stadt kein Ghetto war. Organisch gewachsen in den letzten achthundertelf Jahren seit ihrer Gründung war das vierzig Quadratkilometer große offizielle Zentrum ein gesundes, sicheres, von Geschäften, Schulen und aktien Kommunen bevölkertes Areal mit sehr niedriger Verbrechensrate. Die Ghettos fand man eher in den Vorstädten, und eines war schlimmer als das andere.
Vorzug Nummer drei war die Tatsache, dass die verdammten Blutsauger sich auf lediglich achthundert Quadratmetern zusammendrängen mussten, drüben beim Raumhafen. Und es wäre noch viel befriedigender gewesen, würden diese achthundert Quadratmeter nicht die Grundfläche für einen zwei Kilometer hohen Wohnturm bilden, zu dem nur Blutsauger und eine Handvoll auserlesener Menschen Zutritt hatten - im Volksmund auch Arschkriecher genannt. Aber Hey, es war alles in Ordnung, solange die Blutsauger, die Vampire oder Hirudo, wie man sie auf der Straße nannte, auf ihrer Seite der Grenze blieben, in ihrem eigenen kleinen, erbärmlichen Ghetto am Raumhafen, wo sie hingehörten und die Menschen in Ruhe ließen. Dass dieses Ghetto luxuriöser war als vieles, was den Menschen offenstand war in Ordnung, solange die Hirudo nicht rauskamen.
Und wenn es doch mal einer tat... Nun, Hirudo waren definitiv nicht unsterblich.
***
Becker City war so ziemlich der schlimmste Vorort, den sich eine dreißig Millionen Mega-Metropole wie Austin City vorstellen konnte. Polizeikontrolle? Fehlanzeige. Grundversorgung, Strom, Wasser, Schulbildung? Nein. Becker City war ein isolierter, abgeschnittener Bereich auf sechzig Quadratkilometer Fläche, der von der Stadtverwaltung von Austin City schon lange abgeschrieben worden war. Und man hätte dieses verrottete Stück Stadt schon lange abgerissen und neu aufgebaut, wenn nicht die unzähligen Gangs genau das verhindert hätten, denn hier war ihr Zuhause... Und ihr Schlachtfeld. Hier wurden Creen, Able White, Nova Antarctica, Koks au Vin und die anderen höchst illegalen, höchst zerstörerischen und höchst gewinnbringenden Drogen produziert und in die nicht ganz so schlimmen Viertel der Stadt geschmuggelt, wo sie ein Vermögen einbrachten. Es hieß, wer Becker City ein Jahr lang überlebte, machte genügend Geld, um nach Jormungand oder gar Niflheim umziehen zu können. Manche sollten es sogar bis nach Walhalla geschafft haben. Raus aus der Gewalt, dem Tod, den Drogen, rein in ein gutbürgerliches Leben, ohne zu viele Fragen gestellt zu bekommen. Aber auf einen, der es schaffte, kamen fünfhundert, die ihre Leben ließen. Und zehn von elf, die es schafften, wollten Becker City überhaupt nicht mehr verlassen, weil sie die liebe Angewohnheit, töten zu können wann immer sie wollten, nicht einfach aufgeben wollten. Becker City war ein Moloch der ganz besonderen Art und die Stadtverwaltung war froh, dass die Banden und Gangs am liebsten in ihrem Viertel blieben. Denn wenn sie sich vornehmen würden, in die anderen Stadtteile einzudringen - nicht nur, um ihre Drogen zu verscherbeln - konnte nur noch die Armee sie aufhalten.
Man konnte mit Fug und Recht sagen, Becker City war der Vorort der Hölle auf Erden, wenn man an so einen religiösen Quatsch glaubte. Dankenswerterweise stimmten auch die Atheisten vorbehaltlos zu. Wer sich hier her wagte, ohne einer Gang anzugehören, war so gut wie tot. Oder versklavt, wenn er oder sie Pech hatte. Wer sich ins falsche Gang-Revier wagte, war übrigens auch so gut wie tot, davon mal abgesehen. Aber darüber hinaus gab es einen gemeinsamen Feind, den alle Gangs mit Vorliebe bekämpften, über alle Ideologien und alle Streitigkeiten hinweg. Galt es, einem verfluchten Hirudo den garaus zu machen, waren sich die Bewohner von Becker City erstaunlich einig und arbeiteten sogar zusammen. Was keine gute Nachricht für jeden Hirudo war, der es wagte, diese Stadt zu betreten.
***
Dunkelheit... Schatten. Da, ein fernes Licht... Am Himmel... Ein Drakhen-Shuttle, das zum Raumhafen unterwegs war. Unverkennbar durch die Anzahl, Position und Farbe seiner Positionslichter. Wahrscheinlich die zivile Variante, nicht das militärische Sturmshuttle...
Wo war er? Es war ansonsten dunkel und sein Körper schmerzte. Nein, das war falsch. Sein ganzer Leib schien aus einem einzigen großen Schmerz zu bestehen. Wer immer ihm das angetan hatte, wusste genau, wie er aus einem Leib eine einzige große Wunde machen konnte. Außer dem Schmerz war da nichts. Und das war übel. War noch alles dran an ihm? Beine, Füße, Arme, Hände? Die Ohren, die Nase, Augenlider? Hatte man seinen Torso als Leinwand für scharfe Messer missbraucht oder ihn gleich bei lebendigem Leib gehäutet? Der Schmerz war so umfassend, so allgegenwärtig, es hätte ihn nicht gewundert. Er... Ja, wer war er? Nur langsam kam die Erinnerung an seine eigene Identität. Er war... Kapitän. Ein Raumschiff. Sprungfähig. Ein Leichter Kreuzer. Diplomatenschiff. Ravenna war ihr Name. Fünfundachtzig Lamia und dreihundertsechzig Menschen unterstanden seinem Kommando, zusätzlich neununddreißig Raumfahrer anderer galaktischer Nationen. Wie war sein Name? Er gab sich Mühe, aber das wollte ihm nicht einfallen. Der Schmerz hinderte ihn daran, darüber nachzudenken. Nur was von selbst an die Oberfläche seines Geistes gespült wurde, konnte er sehen.
Eine neue Schmerzwelle brach über ihn herein. Er japste und stöhnte, glaubte, sich in einer Ohnmacht zu verlieren, spürte, wie sie irgendetwas an ihm bewegte - ein Arm, ein Bein - und dann kam der normale Schmerz zurück. Was für eine Tortur. Tot war er besser dran, ging es ihm durch den Kopf.
Ein blauer Lichterschein erregte seine Aufmerksamkeit. Mit großer Anstrengung drehte er die Augäpfel in seine Richtung. Ein Schwebewagen senkte sich auf den Grund der Straße herab. Auf seinem Dach war ein Lichtbalken befestigt, in dem abwechselnd blaue und rote Lichter glommen. Der Schweber selbst war schwarz und blau. Austin City Police. Hier? Auch wenn er sich nicht erinnern konnte, wie er hieß und warum er hier lag, so wusste er doch eines: Dies war kein Gebiet, in dem sich Polizisten blicken lassen durften. Außer, sie hatten eine Division Marines in der Hinterhand.
Der Wagen setzte auf dem Boden auf und die vorderen Türen öffneten sich. Vom Beifahrersitz kletterte ein junger, gut gepanzerter Mann hervor, im Gürtel einen Schockstab, im offenen Holster einen Teilchenpulser und in der Hand eine Schrotflinte, wie sie noch heute benutzt wurde, um zum Beispiel widerspenstige Türen zu öffnen, oder um jemanden zuverlässig aus kürzester Distanz ins Jenseits zu befördern.
Vom Fahrersitz kam ein älterer, dicklicher Uniformierter ohne Körperpanzerung. Er trug die übliche Uniform und die blauschwarze Schirmmütze, die ihn als Patrol Man deklarierte. Der Mann hatte ein feistes, verfettetes Gesicht. Als er zu ihm herübersah, schob er die Mütze in den Nacken.
"Eieiei, was haben wir denn da?"
Der Beifahrer war sichtlich nervös. "D-as muss der Bewusstlose sein, wegen dem wir alarmiert wurden, Sarge."
"Das ist kein Bewusstloser." Der dicke Polizist trat näher, beugte sich über den Schwerverletzten und trieb ihm Zeige-, und Mittelfinger der Rechten in den Mund. "Fangzähne. Nur ein stinkender Hirudo."
Der zweite Mann trat unsicher von einem Bein zum anderen. "Wir sollten so schnell wie möglich wieder weg, Sarge. Dies ist Cannibal-Gebiet, gestern frisch erobert von den Scavengers. Die haben das sicher richtig übelgenommen."
Der Police-Sergeant seufzte. "Und wegen sowas wird man ins schlimmste Viertel der Stadt gerufen. Wegen einem verdammten Blutsauger. Und dann haben die Banden nicht mal den Anstand, ordentliche Arbeit zu leisten." Mit einem weiteren Seufzer zog der Sergeant seine Dienstwaffe, eine Gasdruck-Projektilwaffe.
"Moment, Sarge, was haben Sie vor? Das ist..."
"Überleg doch mal. Das ist nur ein verdammter Hirudo. Wusstest du, dass wir zweitausend Credits dafür kriegen, wenn wir seine Leiche "retten"? Und der Dank der Community ist uns auch gewiss. Aber was kriegen wir, wenn wir ihn lebendig zurückbringen und dann noch in diesem Zustand? Nur Hohn und Spott und "Hättet Ihr nicht früher da sein können?". Nein, mein Junge, das ist es nicht wert. Dann stecken wir lieber die Credits ein. Aber ich wünschte wirklich, die Gangs wären gründlicher vorgegangen." Die Mündung der Waffe richtete sich auf die Augen des Schwerverletzten.
"Sarge, Sie können doch nicht..."
"Erzähl mir nicht, was ich kann und was nicht, Munroe." Der Police-Sergeant drückte ab. Der Schuss hallte von den Wänden der halb eingestürzten Häuser wider, die sie umgaben. Dann war Stille.
Mit einem dritten Seufzer lud sich der Sergeant die Leiche auf die Schulter.
"W-was tun Sie da?"
"Da siehst du doch, Munroe. Das Kopfgeld kassieren. Und jetzt lass uns abhauen. Hier stinkt es."
"J-ja, Sir." Rückwärts gehend, die Schrotflinte schussbereit im Anschlag, ging der Beifahrer zum Wagen zurück.  Es war still, unglaublich still rund um sie, und dennoch verbarg die Nacht, deren Finsternis nur von den Scheinwerfern und dem Signallicht des Schwebewagens erhellt wurde, bestimmt einige Gang-Mitglieder. Wenn sie Pech hatten, von den Cannibals. Wenn sie sehr viel Pech hatten, von hungrigen Cannibals. In der geöffneten Tür wartete der Beifahrer, bis der Sergeant seine Last auf der Rückbank abgeladen hatte und auf den Fahrersitz geklettert war. Dann stieg auch er in den Wagen, schloss die Tür und schnallte sich an. Nicht, dass das gegen eine Seeker-Man Arms-Rakete geholfen hätte, die ihnen jederzeit hinterherfliegen und sie vom Himmel putzen konnte.
Auch der Sergeant schloss die Tür und startete das Antigrav-Aggregat des Wagens. Langsam, geradezu gemächlich, stieg der Wagen in die Höhe, so als hätte er alle Zeit der Welt. Und genauso gemächlich zog er rüber in Richtung Zhangzhou-Viertel.
***
Licht. "...hören?"
Seine Augen wurden gewaltsam aufgerissen. Ein Lichtschein blendete erst das rechte, dann das rechte Auge. "..aktion gut. Können Sie mich hören?"
Ein Laut rang sich aus seiner Kehle, von dem er nicht gewusst hatte, dass er ihn hatte bilden können. Dem folgte ein verzweifelter, schmerzvoller Atemzug.
"Er hat Schmerzen", sagte eine Stimme irgendwo aus dem Licht.
"Unmöglich. Wir haben ihn bis zum Anschlag vollgepumpt. Können Sie mich hören, Captain Warnow?"
"Blutdruck?"
"Gut soweit. Wie es unter diesen Umständen möglich ist. Reflexe?"
"Vorhanden. Haben Sie seine Angehörigen erreicht oder wenigstens die Community?"
"Eine Vertreterin der Community ist auf dem Weg."
"Wen haben sie geschickt?"
"Griselda von Ashford."
"Oh nein, nicht diese Nervensäge. Ich... Reaktion! Er hat meine Hand ergriffen! Captain Warnow, hören Sie mich?"
"I-ich...", brachte er mit matter Stimme hervor. "W-was...?"
"Das wissen wir nicht. Sie wurden hier eingeliefert, zerschnitten, zerschlagen und mit Dutzenden Knochenbrüchen. Eine Polizeistreife hat Sie gebracht. Aber die beiden sind wohl nicht ganz richtig in der Birne, denn sie behaupten, sie hätten Sie aus Becker City geholt."
"B-becker?"
"Ja. Becker City." Aus der Stimme wurde ein Gesicht, als sich eine Frau in weißer Uniform über ihn beugte. "Ich bin Doktor Suinov, Ihre behandelnde Ärztin. Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Sie haben ein Drittel Ihres Blutes verloren. Man hat Ihnen einen Fuß abgeschnitten und die Zehen vom anderen abgetrennt. Ihre Finger wurden ebenfalls abgetrennt. Sie haben achtzehn Knochenbrüche, die meisten davon an den Rippen. Drei innere Organe wurden schwer verletzt und wären Sie kein Lamia, hätte da schwere Schädeltrauma Sie umgebracht. Sieht ganz so aus, als hätte jemand versucht, die Farbe Ihres Gehirns zu bestimmen, indem er Ihren Schädel wie eine Walnus knacken wollte."
"So... fühlt es... sich... auch... an...", kam es ihm über die Lippen.
"Seien Sie unbesorgt. Sie haben bereits regenerierende und kreislaufstabilsierende Naniten injiziert bekommen und die Schnellheilung wurde indiziert. Ihr Leben ist nicht mehr in Gefahr, Captain Warnow. Wenn wir das Okay kriegen, werden wir Sie ins künstliche Koma versetzen, damit Sie ausheilen können. Aber das wird fix gehen. Acht Tage maximal. Danach fünf Monate, um den Fuß zu regenerieren. Sie können wirklich von Glück sagen. Eine Stunde später, und der Blutverlust hätte Sie zuverlässiger umgebracht als ein Pflock durchs Herz."
"Helena, keine Klischees", mahnte die zweite Stimme, die er jetzt als männlich identifizieren konnte.
"Kein Koma...", sagte er so bestimmt wie er konnte. "Mein... Schiff... Mein Erster... Offizier..."
"Aus medizinischer Sicht empfehle ich Ihnen nachdrücklich die Koma-Behandlung, Captain Warnow. Alles andere birgt unabwägbare Risiken, selbst für einen Lamia. Stimmen Sie zu, Doktor Winslow?"
"Ich empfehle ebenfalls das Heilkoma", sagte die männliche Stimme.
"Kein... Koma...", sagte er erneut, diesmal bestimmter. "Holen Sie... Meinen Eins O."
"Das können Sie mit der Vertreterin der Community besprechen. Sie wird in etwa zehn Minuten eintreffen. So, ich habe Ihnen noch was gegeben. Ein stärkeres Schmerzmittel, speziell für Lamia entwickelt. Sie sollten damit schmerzfrei werden. Versuchen Sie zu schlafen, Captain." Die Ärztin drückte ihm die Augen zu und beinahe widerwillig ließ er es zu. Beinahe sofort fiel er in einen leichten Dämmer.
Wie von ferne hörte er die beiden Ärzte miteinander reden.
"Die Drohne ist programmiert. Captain Warnow wird nun bestens überwacht. Brrr, hast du dir seine Brust angesehen? Diese Schweine haben ihm dumme Sprüche in die Haut geritzt."
"Ja. Ein Wunder, dass er es geschafft hat. Wäre er kein Hirudo, wäre er gestorben. Ach, verdammt, Lamia. Ich wollte Lamia sagen. Ein normaler Mensch wäre unter dieser Tortur gestorben. Aber ein Vampir hat da einfach die besseren Karten, wie es scheint."
"Lassen wir ihn schlafen, Helena. Die Drohne wird uns benachrichtigen, falls etwas passiert, was sie nicht bewältigen kann."
"Ja, du hast Recht, Irwan. Was steht jetzt an?"
"Nur ein klassisches aufgeschlagenes Knie einer niedlichen hyperaktiven Achtjährigen, Frau Doktor."
"Ahhhh. Genau dafür habe ich doch überhaupt einen akademischen Grad erworben. Benachrichtigst du sein Schiff?"
"Ja, kann ich machen. Soll ich Kaffee mitbringen?"
"Gute Idee."
Eine Tür öffnete und schloss sich wieder und ließ ihn mit seinen Gedanken allein. Warnow war sein Name. Ja, und er war Captain. Cruiss Warnow, um genau zu sein. Er erinnerte sich, an so viel. Nur nicht daran, was die letzten Stunde oder Tage geschehen war. Und dabei, das wusste er, war es wichtig, verdammt wichtig. Zumindest für ihn. Er hätte gelacht, wäre er dazu in der Lage gewesen. Wie hatte ihn der Sergeant genannt? Hirudo. Wie passend. Das hatte er schon ewig nicht mehr gehört, denn draußen, bei der Galaktischen Föderation, war es vollkommen egal, was er war. Es ging nur darum, wer er war. Es scherte auch niemanden, ob er Hirudo, Vampir oder Lamia genannt werden wollte. Bei ihnen war er nur Cruiss Warnow, Kapitän eines diplomatischen Schiffs der Solaren Union. Hier aber war er nur ein verhasster, verabscheuter Blutsauger. Hätte er gekonnt, er hätte geweint.
***
"Mylady." Sergeant First Class Patterson Ibana erhob sich sofort von seinem Sitz, die Patrol Man-Schirmmütze so perfekt in der linken Armbeuge, dass jeder Polizeikadett neidisch geworden wäre. Hastig folgte ihm Patrol Man Second Class Julius Munroe und sprang auf die Beine.
Griselda von Ashford, Gräfin von Auckland und Michigan (wobei der Titel eher formellen Zwecken diente, weniger verwaltungstechnischen), die gerade wie ein lebender Tornado hereingerauscht war, änderte sofort die Richtung und schoss auf die beiden Polizisten zu. Zumindest auf einen der beiden. "Pat!", rief sie und trat an den Mann heran. Sie reichte ihm beide Hände und schüttelte damit seine rechte Hand. "Geht es Ihnen gut, Pat? Ist alles in Ordnung?"
"Ihre Sorge ehrt mich, Gräfin, aber mir ist nichts passiert. Uns ist nichts passiert. Patrolman Munroe, Mylady."
"Freut mich sehr, Mylady", haspelte der junge Mann hervor und drückte die ihm dargebotene Hand enthusiastisch und vorsichtig zugleich.
"Ebenso. Sie haben geholfen?"
"Kann man so nicht sagen. Der Sarge hat mich ganz gewaltig hinters Licht geführt und ich sah mich schon wegen Beihilfe zum Mord auf der Anklagebank, aber..."
"Erzählen Sie es mir, Pat", forderte sie.
Der Sergeant sah auf seinen Chronometer. "Wir wurden etwa gegen zwei Uhr morgens alarmiert. Ein Anrufer hätte von einem Bewusstlosen auf der Straße berichtet. Soweit nichts Besonderes. Nur zwei Dinge waren dabei außergewöhnlich. Einerseits hatte der Anrufer explizit verlangt, mich zu benachrichtigen und andererseits lag der Bewusstlose in einem Randbezirk von Becker City."
"Becker City..." Sie schüttelte sich vor Abscheu. "Gelobt sei der Tag, an dem wir diesen Sündenpfuhl reinwaschen werden."
"So in etwa. Mir war natürlich klar, dass man mich nicht ohne Grund rufen würde. Ich bin seit achtzehn Jahren auf den Straßen von Austin Town unterwegs und habe dabei zugesehen, wie einige der Viertel zugrunde gingen, darunter auch Becker Town. Außerdem weiß man, dass ich bei Verhandlungen mit den Gangs als Berater hinzugezogen werde. Es musste also ein großer, fetter Haken bei der Geschichte sein. Und das war auch richtig. Als wir den Bewusstlosen fanden, entpuppte er sich als bis an die Schwelle des Todes gefolterter Hirudo."
Die Gräfin verzog kaum merklich das Gesicht, als das alte Schimpfwort fiel, mit dem ihre Rasse diffamiert wurde. Aber immerhin war es noch eines der freundlicheren, die zur Anwendung kamen. "Weiter, Pat."
"Nachdem ich festgestellt hatte, dass der Bewusstlose ein Vampir war und nach den Überresten seiner Kleidung ein Astronaut, war mir auch klar, wie sehr wir in der Tinte saßen. Selbst wenn diejenigen, die mich alarmiert hatten, wohlwollend genug gewesen wären, wir waren mitten in Cannibal-Gebiet. Zudem hart umkämpftem Gebiet, das sie gerade erst von den Scavengers erobert hatten. Uns blieb nur, den Bewusstlosen zurückzulassen und unsere eigenen Leben zu retten, oder seine Leiche mit uns zu nehmen. Also schoss ich ihm in den Kopf."
"Sie haben was?", rief die Gräfin entrüstet.
"Ich habe ihm in den Kopf geschossen. Zumindest habe ich ihm ein Ohr abgeschossen. Das gab genügend Blut, um jeden Beobachter zumindest auf den ersten Blick zu überzeugen, dass der Hirudo tot oder zumindest tödlich verletzt war. Danach lud ich ihn in den Patrouillenwagen und brachte ihn hierher ins Mercia Alexia Hospitalum. Ich denke, bei all dem, was ihm ansonsten schon fehlt, kann er auf ein Ohr ruhig verzichten." Er räusperte sich. "Ich wollte, dass Ihr zuerst meine Version hört, Mylady, bevor Ihr verdrehte Fakten von Dritten erfahrt."
"Pat, wie lange kennen wir uns jetzt schon? Und wie oft hatten wir miteinander zu tun? Ich vertraue Ihnen. Und wenn es für einen Patrol Man nicht ein erhebliches Risiko für das eigene Leben bedeuten würde, dann hätte die Community Sie schon lange ausgezeichnet. Na, später, wenn Sie einmal Lieutenant sind."
"Was nie passieren wird, Mylady. Ich bin Patrol Man und stolz darauf", entgegnete der Sergeant.
"Die Zeiten ändern sich. Das tun sie ständig. Und Sie können doch nicht erwarten, dass ich den Rest meines Lebens in ständiger Sorge um Sie verbringe, Pat", tadelte die Gräfin. Sie sah zum Patrol Man herüber. "Munroe war es, richtig?"
"Jawohl, Mylady. Julius Munroe."
"Nehmen Sie sich First Sergeant Patterson Ibana zum Vorbild. Er ist ein ganz hervorragender Polizei-Offizier und für viele Lamia ein Schmerz im Arsch, weil er ihnen nichts durchgehen lässt. Ich selbst habe eine eigene Sammlung an Strafzetteln wegen Falschparkens mit seinem Namen drauf." Sie lachte glockenhell und der Sergeant fiel ein. "Aber was viel wichtiger ist: Pat ist verdammt fair. Er behandelt jeden gleich. Lamia, Menschen, Außerirdische, für ihn sind sie alle das gleiche. Und das ist das Ideal, das ich mir in ferner Zukunft für die ganze Erde wünsche. Denn egal ob Mensch oder Lamia, wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, dann wird ihn Pat verfolgen und zur Strecke bringen. Das ist seine große Stärke."
"Ihr macht mich verlegen, Mylady", tadelte Pat mit dünnem Schmunzeln.
"Was uns zum Thema bringt. Was hat dieser Irre verbrochen, Pat? Warum mussten Sie ihn ausgerechnet von Asphalt von Becker City kratzen?"
"Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung. Nur einen Verdacht. Kein Hirudo, und sei er noch so weltfremd oder noch nie auf der Erde gewesen, würde freiwillig in ein halbverfallenes Viertel wie Becker City gehen, und dabei auch noch seine Raumfahrerjacke tragen. Ich bin mir verdammt sicher, Captain Warnow war nicht freiwillig dort. Allerdings wurde er nicht als vermisst gemeldet. Das habe ich überprüft."
"Dann wurde er entführt?", mutmaßte die Gräfin.
"Vermutlich. Nur wann und wo, das ist noch unklar, solange sich niemand aus seinem Umfeld meldet oder wir ihn befragen können. Ich hoffe, dass Eoliz von Steinbrecher ein wenig Licht ins Dunkel bringen wird. Sie ist Erster Offizier der Ravenna, Warnows Schiff. Wir haben sie benachrichtigt, kaum dass wir ihn identifiziert hatten. Sie ist gerade auf dem Weg vom Mond zur Erde. Wir rechnen in spätestens acht Stunden mit ihr."
"So. Immerhin." Sie seufzte. "Und was können Sie mir noch sagen, was die Ärzte mir verschweigen werden, Pat?"
"Sie haben Warnow gefoltert. Die Tatsache, dass ihm die Finger, die Zehen und ein Fuß fehlen, deutet daraufhin, dass sie irgendein brutales Kampfspiel mit ihm gespielt haben. Danach haben sie seine Synapsen gebraten, um sein Kurzzeitgedächtnis zu löschen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jene Fraktion, die ihn in ihren Klauen hatte, wollte, dass er in die Community zurückkommt. Falls er die Cannibals überlebt, heißt das. Eine klare Warnung, aber weshalb?"
"Bleiben Sie dran, Pat. Und - gehen Sie nach Hause. Ich werde zuerst mit den Ärzten reden und mir dann die Nacht um die Ohren schlagen. Ab hier übernimmt die Community. Aber... Ein unzensierter Bericht an mein Büro, Pat."
"Jawohl, Mylady."
Die Gräfin Griselda von Ashford reichte beiden Männern zum Abschied die Hand. "Nehmen Sie sich ihn zum Vorbild, Patrol Man Munroe."
"Das werde ich, Mylady."
Sie sah den Police Officers nach, bis sie den Warteraum der Intensivstation verlassen hatte und atmete einmal tief durch. Nicht alle Begegnungen mit Menschen waren so angenehm und ergebnisreich wie jene mit Sergeant Ibana. Viel zu oft hatte sie entweder mit unangebrachter Ehrfurcht, unangebrachter Furcht oder unangebrachtem Respekt vor dem Vermögen zu kämpfen, welches die Lamia-Community besaß. Und die Ärztin, mit der sie würde reden müssen, war irgendwo zwischen Furcht und Respekt anzusiedeln, die kleine Kriecherin.
Kurz zückte sie ihren Taschenspiegel und checkte ihr Makeup und die Frisur. Dezente Farben, die ihre natürliche Schönheit gut zur Geltung brachten, langes, blondes Haar, das ihren blassen Teint umspielte. Nicht zu aufwändig, aber es unterstrich ihr gutes Aussehen. Die Gräfin zwang sich zu einem Lächeln. Ebenso zwang sie sich, ihre eigentliche Persönlichkeit hintenan zu stellen, was sie bei Patterson Ibana nie gemusst hatte und der Kunstperson den Vortritt zu lassen, die für sie mit der eigentlichen Menschenwelt konversierte. Griselda nannte diese Maske bei sich die Partymaus.
"Huhu, Frau Doktor Suinov! Dass erst so etwas Schreckliches passieren muss, bis wir einander mal wieder begegnen können - schrecklich!"
"Oh, Frau Gräfin. Sie sind schneller, als ich erwartet habe. Und, darf ich vorstellen? Mein Kollege, Doktor Winslow."
"Freut mich sehr, mein lieber Doktor. Freut mich sehr. Aber erzählen Sie doch, Helen, was ist meinem kleinen Lämmchen denn überhaupt widerfahren?"
"Folgende medizinische Befunde konnten wir nehmen: Frakturen in..."
Innerlich seufzte Griselda auf und sehnte sich nach der einfachen Offenheit eines Patterson Ibanas.