Hirudo - die Vampir-Astronauten

GeschichteMystery, Sci-Fi / P18
26.02.2013
24.06.2015
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Hirudo... Das alte lateinische Wort, mit dem meinesgleichen diskriminiert wird. Es bedeutet herablassend...: Blutsauger. Das sollte uns Vampire treffend beschreiben, aber so einfach ist es nun auch wieder nicht. Wir haben uns weiterentwickelt. Die Zeiten, in denen wir auf Verführung und spitze Zähne in weiße Hälse gesetzt haben, sind lange vorbei. Mit der gesellschaftlichen Akzeptanz entfiel für uns die Notwendigkeit der Jagd. Diejenigen, die nahmen, was man uns freiwillig gab, überlebten. Jene, die die alten, falschen Wege bestritten, wurden ausgerottet. Auch von uns, die wir keine Hirudo mehr sein wollten. Aber ich schweife ab. Um meine Welt zu beschreiben, werde ich neu beginnen müssen.
Einst wurden wir gehasst und gejagt; totgeschwiegen gar, was uns in den Untergrund drängte. Angewiesen auf das Blut zu sein, den roten Lebenssaft und unfähig, unsere Abhängigkeit davon zu überwinden, trieb viele zur Raserei. Deshalb waren die Zeiten großer Krankheiten und großer Kriege wie geschaffen für uns. Die schiere Anzahl der Toten war ein Segen für uns; um uns zu nähren, um zu überleben. Oft fand man uns in den Reihen der Soldaten eines Landes. Vornehmlich eines, das Krieg führte. Denn leichter konnten wir gar nicht an menschliches Blut gelangen. Aber das ist auch schon eine andere Geschichte, aus einer Zeit, die so weit von mir entfernt ist, dass ich mit den gleichen Schaudern daran denke wie manch religiöser Fanatiker, wenn ihm aufgezeigt wird, dass wir und die Menschenaffen eng miteinander verwandt sind. Es erscheint mir so unwirklich, so unendlich weit her, auch wenn es lediglich dreihundert Jahre sind, seit meine Vorfahren vom alten Weg abgewichen sind.
Zuerst war da die Blutspende. Sie ermöglichte es uns, uns zu ernähren, ohne jagen zu müssen. Später erfand man das Syntho-Blut, das uns dann in unendlicher Menge zur Verfügung stand. Und die Zeit des Paradieses war für uns angebrochen. Doch wieder springe ich durch die Themen, anstatt zu erzählen, was eigentlich passiert war.
Ah, die Menschen... Unsere nächsten Verwandten, von denen wir uns nur dadurch unterschieden, dass unser Blut keine Nährstoffe transportieren kann, sie brauchten uns. Uns, ihre Fressfeinde. Sie brauchten uns, und nur uns. Sie riefen und wir kamen. Denn es gab etwas, was nur wir, die Vampire, für sie tun konnten. Nur wir konnten... Ewige Zeiten im Weltall bleiben.
Ja, richtig gelesen. In den Anfangstagen der Raumfahrt kämpften die Menschen sehr mit Problemen wie Radioaktivität, Lebenserhaltungsvorrichtungen, langen Reisedauern und dergleichen. Dinge, die einem Menschen Grenzen setzten. Dinge, die einen Vampir nicht erschütterten. Radioaktivität? Unsere Körper, so unperfekt sie waren, weil wir fremdes Blut und die darin enthaltenen Nährstoffe brauchten, um zu überleben, heilten viel schneller als jene der Menschen. Und sie waren erheblich schwerer umzubringen, solange es noch ein Gehirn gab, das denken konnte und solange das Herz Blut durch unsere Arterien und Venen trieb. Lebenserhaltung? Vampire können unglaublich genügsam sein. Wir ertragen problemlos Temperaturen um achtzig Grad Minus und niedriger, weil wir jeden Aspekt unserer Körper kontrollieren können, von der Körpertemperatur über die Atmung und den Herzschlag bis zu den Hirnfunktionen. Für uns bedeuten diese Temperaturen Stase, die wir durchdämmern, bis uns wieder Wärme durchdringt. Normale Menschen aber starben unter solchen Bedingungen. Lange Reisezeiten? Genügend Nahrung, genügend Syntho-Blut vorausgesetzt, können wir überallhin gelangen. Wir leben soviel länger als die Menschen. Es war nur logisch, dass die ersten Expeditionen der modernen Raumfahrt nicht von den Menschen bestritten wurden, sondern von uns, ihren robusteren, genügsameren, kräftigeren, schnelleren und weniger empfindlichen Vettern, den Vampiren. Die Reise zum Mars, die Unterhaltung der ersten Kolonie auf dem Mond, die Expeditionen zu den Gasriesen Jupiter und Saturn, all dies wurde möglich, weil Vampire statt Menschen die Raumschiffe bemannten, denen die kosmische Strahlung egal war, die nicht an Krebs sterben und nicht von einem Gammastrahlenschauer bei lebendigem Leib gebraten werden konnten. Und es waren Vampire, die die erste Langstreckenexpedition nach Alpha Centauri durchführten und zu jedem anderen Sonnensystem in der damaligen Epoche der Erforschung, indem sie Jahrzehnte dahindämmerten, bevor sie ihre Ziele erreichten und die Fahnen der Menschheit hissten. Und sie waren es auch, die Kontakt zur Allianz der Völker aufnahmen, als in jenem historischen Moment ein Schiff von uns, die WISDOM, und eines von ihren, die CARANK, zusammentrafen. Von jenem Moment an, vom ersten Kontakt an, änderte sich alles für uns. Die Allianz schenkte uns den Sprungantrieb, und fortan benötigte man keine Jahrzehnte mehr, um ein anderes Sonnensystem zu erreichen. Sie schenkten uns den Prallschirm, der verhinderte, dass kosmische Strahlung unsere Schiffe verseuchte. Und sie schenkten uns das Wissen, um Schiffe zu bauen, mit denen auch unsere schwächeren Vettern, die Menschen, die Sterne erreichen konnte. Doch wir Vampire, wir blieben, was wir waren: Die Elite der menschlichen Raumfahrer. Zwar drängten nun die Menschen in unsere Bestimmung, aber es gab auch mehr und mehr Raumschiffe, die wir gar nicht alle hätten bemannen können. So wurde auch unser Elite-Status gefestigt, denn es gab immer noch unendlich viele Vorteile, die dafür sprachen, Vampire einzusetzen. Jedes Schiff hat wenigstens einen Vampir an Bord, manche Besatzungen, zum Beispiel jene der Fernerkunder, bestehen nur aus Vampiren. Und viele Schiffe haben gemischte Besatzungen, weil wir aus dem Leben der Menschen nicht mehr fortzudenken sind.
Das gilt für die Raumfahrt, ja, aber auf der Erde... Auf der Erde ist unser Platz bis auf wenige streng gesicherte Enklaven verloren, erloschen. Dort sind wir wieder die Gejagten von einst, wenn wir unsere Enklaven verlassen. Dort werden wir diskriminiert, nur weil wir sind, was wir sind. Dort glaubt man nur zu gerne, dass wir noch immer Menschenblut statt Synthoblut trinken. Dort projizieren gewissenlose Menschen all den Hass auf die Missstände und Nöte menschlichen Lebens auf uns, als Ventil für Spannungen, als willkommene Opfer in der großen Politik. Dort sind wir immer noch die Bestien aus fernen Legenden, die Parasiten und Mörder, die Blutsauger. Die Hirudo...