Väterchen Frost

GeschichteAbenteuer, Humor / P6
Freddie Faulig Sportacus Stephanie
23.02.2013
01.05.2013
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Das neue Jahr war genau eine Woche alt. Die Kinder hatten herrliche Feiertage verlebt. Der süße Duft von Weihnachtsgebäck schien noch in der Luft zu hängen und die Eindrücke der letzten Silvesterfeier waren so frisch, als hätte das neue Jahr gerade erst in dieser Sekunde begonnen. Für Stephanie war es aber noch immer Weihnachten, und in vielen Fenstern sah man auch noch Weihnachtsschmuck hängen.

Stephanie wusste natürlich, dass sie die Zeit nicht zurückdrehen konnte. Aber wenn man so einsam im Schnee stand und es überall ganz still war - nur ganz selten hörte man noch das Knallen einer Rakete oder eines Knallfrosches - dann konnte man fast glauben, es sei kurz vor Weihnachten. Besonders dann, wenn es wieder zu schneien anfing, und das hatte es sehr oft getan. Seit Mitte November war ungewöhnlich viel Schnee gefallen. So viel, dass es Stephanie fast nicht gelungen wäre, in den Ferien nach Lazy Town zu kommen. Die Straßen und Eisenbahnschienen waren voller Schnee und ganz verreist gewesen.
Und jetzt sah es wohl danach aus, als würde sie nach Ferienende nicht pünktlich nach Hause kommen. Aber was hieß da „Ferienende“? Erst heute morgen hatte sie die Nachricht gehört, dass die Ferien offenbar verlängert werden mussten. In den Städten und Dörfern gab es bei dem vielen Schnee überhaupt kein Durchkommen mehr. Die Kinder freuten sich natürlich darüber. Auf die Schule konnten sie bei diesem Vergnügen noch eine Weile verzichten.

Aber es gab auch viele ernste Probleme. Schon zwei Mal hatte es einen Stromausfall gegeben, weil die Stromleitungen vereist gewesen waren. Das hieß: Kein Licht, kein warmes Essen oder Trinken und keine Heizung, und das im tiefsten Winter. Nur die Leute, die mit Gas kochten und heizten, oder zumindest eine Erdölheizung besaßen, hatten da weniger Probleme. Aber würde der harte und sehr kalte Winter noch weiter andauern, wären Gas und Öl schnell aufgebraucht. Aus der Großstadt kamen sonst regelmäßig die LKW's, beladen mit Lebensmittel für den Supermarkt und alle anderen Läden. Weil die Straßen eisig glatt und ständig zugeschneit waren, kamen sie nur sehr langsam oder überhaupt nicht voran.
Bis jetzt hatte noch niemand in Lazy Town hungern müssen, und alle hatten sehr schöne Festtage verbringen können. Aber was würde geschehen, wenn es weiterhin so viel schneite? Der große Lazy Town Supermarkt war schon jetzt halb leer. Vor allem fehlte es an frischen Powersnacks. Und gerade jetzt brauchten die Leute besonders viel Energie, um nicht krank zu werden und um jeden Tag den Schnee von den Gehwegen zu fegen.

Stephanie dachte im Moment nicht an diese Sorgen. Sie stand auf einer großen, festen Schneewehe und blickte verträumt über die Häuser und Straßen. Da merkte sie, wie sie jemand an der rechten Schulter antippte. Sie drehte sich zur Seite – nein, da war niemand. Hatte sie sich das eingebildet? Jetzt spürte sie etwas an der linken Schulter. Stephanie drehte sich sofort nach links, aber auch da war niemand. Ratlos sah sie jetzt nach oben. Stand sie vielleicht gerade unter einem schneebeladenen Ast? War etwas von dem Schnee auf sie heruntergefallen? Aber nein – sie stand ja auf einem leerem Fleck. Kein Baum und kein Haus war in ihrer direkten Nähe.

Und jetzt zog etwas leicht an ihrer Mütze. Stephanie drehte sich nun um die eigene Achse, aber da war wirklich niemand. Das Mädchen sah zufällig nach unten und entdeckte tatsächlich Fußspuren, aber das waren auf keinen Fall ihre eigenen. Dafür waren die Abdrücke zu groß. Aber wie konnte das sein, wo doch die ganze Zeit niemand an ihr vorbeigelaufen war? Und dieser Jemand musste sogar direkt an ihr vorbeigekommen sein! Die Spuren verliefen im engen Kreis. Stephanie folgte ihnen und drehte sich abermals um sich selbst. Ihr wurde dabei ganz schwindelig. Irgendjemand hielt sie doch zum Narren! Als ihr wieder jemand von hinten an die Schulter tippte, drehte sich Stephanie blitzschnell und entschlossen um -  und jetzt wusste sie endlich, wer ihr da solche Streiche spielte. „Sportacus!“ Er zwinkerte ihr neckisch zu. „Ich hoffe, ich hab' dich nicht zu sehr geärgert“, meinte er verschmitzt. Stephanie lächelte verschmitzt zurück. „Ein kleines bisschen vielleicht“, antwortete sie.

„Ich war im Luftschiff, und von dort aus habe ich dich da so alleine stehen sehen. Ich dachte, ich schau mal nach dir.“
„Ich war am Träumen“, gab Stephanie zu. „Ich habe von Weihnachten geträumt. Und das kann man am besten von hier aus, finde ich. Es sieht aus, als würde es gerade erst bevorstehen.“ Sportacus wusste, dass das Mädchen Weihnachten sehr liebte. Ihm ging es ganz genauso.
„Aber du bist nicht traurig, oder?“, fragte er vorsichtshalber.
„Nein. Warum sollte ich?“
„Naja, ich dachte nur.“ Stephanie horchte einen Moment in sich hinein und überlegte, ob sie wirklich traurig deswegen war. Natürlich war es schade, dass das Fest vorbei war, aber es gab soviel anderes, auf das sie sich freuen konnte. „Nein, traurig bin ich nicht“, und sie setzte hinzu, „Wirklich nicht, ehrlich.“ Sie wollte nämlich nicht, dass sich Sportacus vielleicht Sorgen machte.
„Dann ist es ja gut“, antwortete er beruhigt. Es schneite jetzt viel stärker als vorher. „Aber wir sollten unbedingt ins Warme gehen“, meinte Sportacus. „In den Nachrichten sagten sie, dass es heute wieder ordentlich schneien wird, und es hat ja auch schon angefangen.“ Tatsächlich kam jetzt ein Wust dicker Flocken vom Himmel. Der Superheld entschied daher, Stephanie nach Hause zu bringen. Sie schafften es gerade noch rechtzeitig.
Der Bürgermeister war schon recht besorgt um seine Nichte gewesen. Auch Stephanie war froh, dass sie sich so beeilt hatten, denn es war jetzt auch windig geworden. Sie sah zum Fenster. Der eisige Wind wehte die dicken Flocken vor sich her und es sah aus, als ob sie tanzten. Stephanie zog ihre Jacke aus und hängte sie an den Garderobenständer und Sportacus hängte seinen gestreiften Schal dazu. Er trug keine Jacke, aber diesmal hatte er sich einen langärmeligen, weißen Pullover unter seine Weste gezogen. Es war in der letzten Zeit wirklich unglaublich kalt gewesen.

Der Bürgermeister überreichte Sportacus eine Tasse heißen Tee. „Es wird zwar kräftig schneien, aber in ein paar Stunden ist das wieder vorbei“, sagte Meinhard und setzte sogleich neues Teewasser auf. „Aber was danach kommt, macht mir wirklich Angst.“ Sportacus setzte sich an den Küchentisch. Nachdem Stephanie auch ihre dicken Stiefel ausgezogen hatte, setzte sie sich dazu.
„Gerade eben kamen die neuesten Wettermeldungen“, berichtete Meinhard sorgenvoll. „Von morgen Nacht an müssen wir uns auf richtig was gefasst machen! Es soll zwei Tage lang schwere Schneefälle und Sturm geben, soviel steht fest. Bis jetzt sind wir soeben noch mit heiler Haut davongekommen, aber...“ Meinhard erklärte nicht weiter, dafür stellte er den Fernseher lauter, den er nebenbei hatte laufen lassen. Sportacus verfolgte die Wetternachrichten und machte ein ernstes Gesicht. Auch Stephanie wurde es jetzt Angst und Bange. „Aber wir haben bis morgen Nacht Zeit, wie Sie gerade sagten“, sprach Sportacus. „Sobald der jetzige Sturm nachlässt, kann ich Lebensmittelvorräte aus den Nachbarstädten holen. Aber vor allem sollten wir auf Nummer Sicher gehen. Die Leute müssten woanders untergebracht werden. Zumindest die Älteren, Kranken und Kinder.“ Herr Meintsgut setzte sich an den Tisch. „Genau das war auch mein erster Gedanke, Sportacus."

„Woanders unterbringen?“, fragte Stephanie. „Wie meinst du das, Onkel Meinhard?“
„Dass wir die Leute in den leeren Sporthallen, im Krankenhaus und in der Schule unterbringen für die nächsten zwei Tage. Auch das Rathaus wäre eine Überlegung wert. Würden sie Zuhause bleiben, wäre das viel zu gefährlich.“
„Gefährlich? Aber warum denn?“ Stephanie konnte das nicht verstehen. „Zuhause hat man doch alles, was man braucht! Warum soll es da gefährlich sein?“
„Erinnere dich, was die letzten Wochen passiert ist“, sagte Meinhard. „Wir hatten schon Stromausfälle, und das kann jetzt wieder geschehen. Vielleicht sogar schon morgen Nacht. Fast alle Leute hätten keine Heizung sowie kein heißes Wasser und müssten jämmerlich frieren. Und wenn was passiert, kann man keinen Arzt oder Krankenwagen rufen, weil auch das Telefon eventuell nicht funktioniert.“
„Aber die Leute haben sicher auch Handys“, erklärte Stephanie. „Und selbst wenn nicht, dann haben wir doch Sportacus, der uns jederzeit hilft! Sein Kristall blinkt, sobald jemand in Gefahr ist!“
„Das stimmt“, bestätigte Sportacus. „Aber jetzt kommt das größte Problem. Bei dem hohen Schnee ringsherum und vor allem bei dem Sturm wird es schwer werden, zu den Leuten in die Häuser zu kommen, sie herauszuholen und ins Krankenhaus zu bringen, wenn es nötig ist. Das alles dauert viel zu lange und ist zu gefährlich. Es wird schon schwierig genug werden, einem Menschen zu helfen. Und wenn mehrere meine Hilfe brauchen...verstehst du?“

Stephanie war ein wenig blass geworden. So viele Probleme, an die sie gar nicht gedacht hatte! Sportacus machte ihr aber sogleich wieder Hoffnung. „Und genau deswegen überlegen wir uns ganz genau einen Plan“, erklärte er. „Die kranken und älteren Leute bringen wir am besten gleich ins Lazy Town Krankenhaus, damit sie im Notfall gut versorgt sind. Auf Stromausfälle sind die Krankenhäuser übrigens gut vorbereitet. Und in den Sporthallen und anderen Unterkünften werden wir auch dafür sorgen, dass die Leute nicht frieren müssen, und auch dort wird immer ein Arzt zur Stelle sein.“
„Weißt du, Stephanie, es ist besser wenn die Leute alle zusammen sind, als wenn jeder für sich alleine bleibt“, sagte der Bürgermeister. „In der Not müssen alle zusammenhalten.“ Obwohl das Stephanie einleuchtete, war ihr trotzdem nicht ganz wohl. „Also dann müssen wir gleich packen? Aber...was ist mit meinen ganzen Sachen und den Möbeln?“
„Die Möbel müssen hier bleiben“, sagte Meinhard. „Das Wichtigste sind Kleidung, Waschzeug und etwas, womit du dich in den zwei Tagen beschäftigen willst. Und ein Kissen und vor allem viele Decken wirst du brauchen.“
„Ich habe sogar meinen Schlafsack, der ist noch besser“, sagte Stephanie. „Dann fange ich wohl am besten gleich an, zu packen.“ Sie hatte ein ungutes Gefühl im Bauch und das sah man ihr auch an. „Hat denn jeder einen Raum ganz für sich?“, fragte sie.
„Nein, das leider nicht. Es werden mehrere Personen in einem Zimmer wohnen und schlafen. Aber vielleicht kannst du dir mit deinen Freunden zusammen einen Raum teilen.“, sagte Meinhard. Das war für Stephanie schon mal ein kleiner Trost und sie durfte sogar ihr Zelt mitnehmen. Das war viel besser, denn dann waren sie alle zusammen und hatten trotzdem so etwas wie ein kleines Zimmer für sich. Stephanie machte wieder ein frohes Gesicht und verschwand in ihr Kinderzimmer. Sie wollte  erst überlegen was sie brauchte und sich eine Liste machen.

Sportacus und Meinhard saßen währenddessen am Küchentisch und arbeiteten den Notfallplan weiter aus und er wurde, so schnell es ging, in die Tat umgesetzt. Leider war der Wetterbericht sehr genau. Es kam so eine ungeheure Menge an Schnee herunter, wie es noch niemand gesehen hatte. Im Geschichtsbuch von Lazy Town war auch schon von heftigen Schneefällen die Rede gewesen. Aber so heftig, wie sie jetzt und hier stattfanden, davon hatte noch niemand gehört oder gelesen. „Das ist ein ganz neues Kapitel in der Geschichte von Lazy Town“, hatte Stephanie ihren Onkel sagen hören.

Stephanie war mit Meinhard und ihren Freunden in die Schule umgezogen, wo sie also die nächsten zwei Tage wohnen und schlafen sollten. Sie teilten sich mit einigen anderen Leuten einen Klassenraum. Aber dort standen keine Tische und Stühle mehr. Die hatte man in vier andere, größere Räume getragen und so fast dicht an dicht beianandergestellt. In diesem Zimmern sollte gemeinsam gegessen werden. Das war eine ganz andere und sogar spannende Erfahrung, solange es nur einige Tage dauern sollte. Denn letztendlich war es ja doch besser, sein eigenes Zimmer zu haben, in das man sich ganz zurückziehen konnte.
In der Nacht hörten die Kinder den Sturm um das Gebäude fegen. Draußen war es bitterkalt, aber zumindest hier drinnen hatten sie es warm. Als sie am frühen Morgen aus den Fenstern sahen, schneite es noch immer. Trixie gähnte ausgiebig. „Ich habe schlecht geschlafen“, maulte sie. „Aber ist ja kein Wunder. Ich hätte mir jeden anderen sicheren Ort vorstellen können, aber mussten wir ausgerechnet in die Schule ziehen?“
„Da hat sie recht“, meinte Ziggy, der sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um überhaupt etwas sehen zu können. „Warum durften wir nicht in den Süßwarenladen?“
„Oder in den Elektroladen“, seufzte Pixel. „Dort haben sie das neueste Computerspiel, dass ich mir nachträglich zu Weihnachten kaufen wollte.“
„Wir hätten auch alle zu Meini umziehen können“, fand Trixie. „Der hat's gut. Der sitzt bestimmt gerade in seinem Zimmer und schlürft heißen Kakao mit Sahne.“
„Hoffen wir's“, meinte Stephanie. „Er und seine Familie wollten lieber Zuhause bleiben, obwohl Onkel Meinhard ihnen davon abgeraten hat. Aber solange sie es warm haben, ist alles gut.“
„Zuhause wäre ich jetzt auch gerne“, gab Trixie zu und Ziggy seufzte sehnsüchtig, denn jetzt musste er unentwegt an heißen Kakao mit Sahne denken. Pixel hatte den Kopf auf die Arme gestützt, aber jetzt kam ihm ein Gedanke und er sah auf. „Ich frage mich, wo Freddie Faulig gerade steckt“, sagte er. „Habt ihr ihn in letzter Zeit überhaupt gesehen?“ Seine Freunde schüttelten den Kopf. „Schon vor Weihnachten habe ich ihn nicht mehr gesehen. Was er wohl gerade macht? Oder glaubt ihr, der ist längst zur Eissäule erstarrt?“
„Sowas darfst du nicht mal denken, Trixie!“, mahnte Stephanie.
„Hast du etwa Mitleid mit ihm?“
„Ich habe mit jedem Mitleid, der bei diesem Wetter irgendwo frieren muss. Das wünsche ich niemanden, nicht einmal Freddie.“ Die Kinder sahen schweigend aus dem Fenster. Ganz Lazy Town schien für immer im dichten Schnee zu verschwinden. Sobald am Tage der Schneesturm für einige Momente leicht nachließ, nutzte Sportacus die Gelegenheit und schaufelte vor allen Gebäuden, wo die Menschen in Sicherheit gebracht worden waren, die Eingänge frei. Ansonsten wären sie alle in den sicheren Unterkünften hoffnungslos eingeschneit gewesen. Auch vor Meinis Haustür machte sich Sportacus an die Arbeit. Meini sah ihm meistens dabei zu und wenn Sportacus ihm winkte, winkte Meini zurück. Meini wollte das Fenster bei diesem starken Wind lieber nicht aufmachen, also nahm der Junge einen großen Zettel und schrieb mit dickem schwarzen Filzstift eine Nachricht, die er ans Fenster drückte: „Es geht uns allen gut“, stand darauf. Sportacus nickte froh und war beruhigt.

Die einzige Tatsache die Sportacus jedoch wieder unruhig machte, war, dass auch er schon lange Zeit nichts mehr von Freddie Faulig gesehen oder gehört hatte. Er hatte zwar seinen Kristall, auf den er sich jederzeit verlassen konnte. Aber wo sollte er suchen, wenn ausgerechnet Freddie Hilfe brauchte? Dieser Gedanke hatte ihm schon lange Sorgen bereitet. Sportacus kannte jeden Winkel und jede Ecke von Lazy Town. Wenn er in seinem Luftschiff saß oder in seinem Himmelsgleiter, konnte er innerhalb von Sekunden die ganze Stadt überblicken und hatte bis jetzt jeden finden können, der seine Hilfe brauchte. Aber wenn Freddie jetzt in diesem Moment Zuhause saß, wo immer das auch sein mochte, und Hilfe brauchte und zudem eingeschneit war – wie um Himmels willen sollte man ihn dort finden?

Am Morgen des dritten Tages hörte es endlich auf zu schneien. Nie hätten sich die Kinder träumen lassen, dass sie einmal froh darüber sein könnten. Fast einen Meter Neuschnee lag auf den Straßen! Bäume, Dächer, Autos, alles war unter einer hohen Schneedecke begraben. Trixie sprang als Erste ins Freie. Sie ließ sich bäuchlings in den tiefen, tiefen Schnee fallen. Pixel konnte darüber nur staunen. Ihm war die Sache nicht ganz geheuer, obwohl er nur zu gerne in den Schnee geplumpst wäre. Er ließ Stephanie den Vortritt, und danach folgte... „HIIIIILLLFFEEEEE! ICH KOMME NICHT MEHR RAUS!!“
„Ziggy!“, rief Stephanie erschrocken und kämpfte sich durch den hohen Schnee. Aber noch bevor sie am Ziel war, war Onkel Meinhard an ihrer Seite und bei Ziggy. Er hob den Kleinen heraus, nahm ihn auf den Arm und ging mit ihm zum Hintereingang zurück. Stephanie und Trixie folgten ihm. Ziggy war nichts passiert. Er schüttelte sich wie ein nasser Pudel, als Meinhard ihn absetzte. Pixel war heilfroh, dass der Bürgermeister zur Rettung geeilt war, denn er selbst hatte bis jetzt keinen Fuß in den tiefen Schnee gesetzt. Er hatte sich einfach nicht getraut.
„Du hättest dich auch selbst befreien können!“,meinte Trixie vorwurfsvoll zu Ziggy. „so klein bist du doch auch wieder nicht. Oder bist du wirklich steckengeblieben?“
„Ich bin hingefallen!“, jammerte Ziggy. „Ich dachte, ich komme nicht mehr raus!“
„Ach Gottchen! Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?!“, rief Meinhard. „Wollt ihr euch denn erkälten? Wir haben seit gestern Stromausfall, das wisst ihr doch! Wenn ihr euch verkühlt, wie wollt ihr euch so schnell wieder aufwärmen? Nicht mal eine Tasse Tee können wir uns heiß machen!“
„Daran haben wir nicht gedacht“, entschuldigte sich Stephanie.
„Schon gut, am besten helft ihr mir jetzt mit dem Frühstück. Wir können den Leuten zwar nichts Warmes anbieten, aber Brötchen und Powersnacks wird ihnen auch Kraft geben. Doch ich brauche wirklich jede helfende Hand!“
„Wir kommen sofort“, versprach Stephanie. „Wir klopfen uns nur eben noch den Schnee ab.“ Der Bürgermeister ging wieder ins Gebäude und schloss die Tür. „Toll gemacht, Knirps!“, meckerte Trixie Ziggy an. „Warum musstest du auch schreien? Das ist das erste Mal, dass es in Lazy Town soooo viel geschneit hat, und wir dürfen drinnen sitzen und Essen verteilen!“
„Jetzt beruhige dich doch wieder. Der Schnee ist nachher auch noch da“, sagte Stephanie versöhnlich. „Und wenn wir alle helfen, geht es schneller. Aber Onkel Meinhard hat recht. Zu lange dürfen wir nicht im Schnee spielen. Sonst erkälten wir uns wirklich noch.“
„Das hat er nur gesagt, damit wir gleich reinrennen und bei der Arbeit helfen. Aber nicht mit mir! So blöde seh' ich nicht aus. Macht was ihr wollt, ich bleibe hier! Ihr könnt ja schon für mich das Frühstück machen.“ Dann warf sie sich abermals in die herrliche, weiße Pracht.

Als sie völlig durchnässt und frierend wiederkam, freute sie sich wirklich auf ihr Frühstück. „NICHTS MEHR DA?!“, rief sie ungläubig. „Ihr habt mir nichts übriggelassen?!“ Stephanie beteuerte, dass sie extra für ihre Freundin etwas beiseite gestellt hatte. Aber der Teller mit den Brötchen und der Banane waren fort. Und Ziggy auch. „Weißt du wo die Brötchen und die Banane hingekommen sind, die hier standen?“, fragte ihn Stephanie, als er wiederkam. „Das habe ich alles der alten Dame gebracht. Das war unsere nette Nachbarin, die mir öfter Süßigkeiten schenkt. Sie hatte noch so einen Hunger, und da habe ich...“
„Da hast du was?“, fragte Trixie barsch und stemmte die Arme in die Hüften. „Ihr das Frühstück gebracht, das für mich war?“
„Das war deins? Davon hat Stephanie nichts gesagt. Aber ich hab' auch nicht gefragt. Das hätte ich wohl tun sollen, oder?“ Trixie stampfte einmal mit dem Fuß auf. „Ja, das hättest du! Toll! Und ich darf hungern, oder was?“
„Sei nicht böse auf Ziggy“, sagte Stephanie,  „Er hat es nur gut gemeint.“
„Mit der alten Dame, ja! Aber mit mir meint es niemand gut!“
„Doch, ich!“, beharrte Stephanie, aber sie dachte, weil sie es nicht laut aussprechen wollte: Obwohl du es mir manchmal nicht leicht machst.
Sie wollte sich nämlich mit ihrer besten Freundin nicht streiten. „Komm, beruhige dich. Irgendwo ist bestimmt noch was übriggeblieben“, versicherte Stephanie.
„Ach, für mich sind Reste gerade gut genug? Ich nuckel' doch nicht an 'nem angekauten Brötchen!“
Trixie war nicht nur wütend, ihr war auch kalt. Sie zitterte am ganzen Körper. „Zieh' dich bloß schnell um!“, meinte Stephanie.
„Behalte mal deine Ratschläge für dich, Pinkie. Ich geh' jetzt zu meinen Eltern, vielleicht haben die mir wenigstens was übriggelassen.“ Pixel stapelte die Teller zusammen und Stephanie sammelte das Besteck ein. Als Meinhard nach dem Rechten sah, fragte sie: „Meinst du, wir können schon heute in unsere Häuser zurück, Onkel Meinhard?“
„Wenn wir heute Strom kriegen, dann ja. Ansonsten können wir die Leute nicht in ihre kalten Wohnungen zurück schicken. Aber wie lange das dauert, kann ich dir nicht sagen.“

Sportacus hatte einige freiwillige Helfer gefunden, und mit ihnen zusammen versuchte er so schnell wie möglich die Stadt wieder auf Vordermann zu bringen. Die wichtigsten Wege und Straßen mussten freigeräumt werden, und die Dächer und Bäume mussten auch unbedingt von ihrer schweren Schneelast befreit werden. Ansonsten hätte es passieren können, dass die Äste brachen und die Dächer eventuell einstürzten. Danach war er mit seinem Luftschiff wieder in die umliegenden Großstädte geeilt. Er hatte Lebensmittel besorgt und vor allem um Hilfe gebeten, damit jemand kam, um die Stromleitungen zu reparieren. Und zum großen Glück wurde auch das noch am gleichen Tag erledigt. Die Stadt hatte wieder Strom. Dass es so schnell ging, damit hatte niemand gerechnet. Das war wie ein zweites Weihnachten für die Bewohner von Lazy Town!

Und der Wetterbericht sagte zumindest für die nächsten zwei, drei Tage keinen Schneefall voraus. Lazy Town war also –  auch dank ihres Superhelden – wieder recht glimpflich davongekommen. Und jetzt gab es für die Kinder absolut kein Halten mehr! Endlich konnten sie nach Herzenslust und ohne Sorgen im hohen Schnee spielen und sich freuen. Dabei hatten die Kinder keine Ahnung, dass es für sie noch schöner kommen könnte. Sportacus hatte wieder einmal eine gute Idee. Er besprach sie mit dem Bürgermeister, als sie zusammen draußen standen und den Kindern beim spielen zusahen. „Ein Schneefest!“, schlug er Herrn Meintsgut vor. „Jetzt, wo wir das Gröbste überstanden haben, sollten wir feiern. Ich meine, wir hätten allen Grund dazu und bei dem vielen Schnee bietet sich das ja auch an. Ich werde im Park alles dafür aufbauen. Gleich morgen fange ich damit an. Die Leute brauchen etwas, worüber sie sich nach der harten Zeit freuen können.“
„Ach Gottchen! Wo nehmen Sie bloß immer diese guten Ideen und vor allem diese Energie her?“, wunderte sich der Bürgermeister.“
„DAS IST EINE DÄMLICHE IDEE!“
„Bitte, was?! Wer hat das gesagt?“
„Ich sehe niemanden“, sagte Sportacus und sah sich gründlich um. Er sah nur eine hohe Schneewehe, aber niemand hatte sich dahinter versteckt. Meinhard und Sportacus zuckten mit den Schultern und wunderten sich einfach nicht mehr darüber.

Freddie hatte Mühe, sein Periskop einzuholen. Die Löcher, die er dafür extra in den Boden gebohrt hatte, waren mit Schnee verstopft. Die letzten Tage waren auch für Freddie Faulig eine Zerreißprobe gewesen. Durch die Kälte war ihm ein Wasserrohr geplatzt und er hatte einige Maschinen abschalten müssen, um etwas Strom zu sparen, die er für die Heizung brauchte. Es war auch gut, dass er sich schon vor Wochen einen ungeheuren Vorrat an Essen angelegt hatte, denn durch die Kälte war die Eingangsluke festgefroren, sowie die Türen der Notausgänge. Aber man konnte nicht verhehlen, dass es Freddie trotz allem gut ergangen war. Er gehörten zu denen, die die Kälte bis jetzt nicht fürchten mussten. Vor allem aber hatte Freddie eines genossen: Die Ruhe. Das Sturmgeheul störte ihn nicht, im Gegenteil. Es machte ihn so herrlich schläfrig. Und bei diesem schlimmen Wetter traute sich niemand vor die Tür, außer eventuell Sportacus, wenn er jemanden retten musste. Aber mit dieser herrlichen Ruhe sollte es nun endgültig vorbei sein.

Ein Schneefest klang nach Spiel, Spaß und nach viel Lärm. Da war Freddie ein neuer Schneesturm wirklich viel angenehmer. Gegen Eis und Kälte hatte er sich wappnen können, aber gegen Musik und Kinderlärm war er einfach machtlos. Etwas schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen. Aber was er sich vor allem am wenigsten vorstellen konnte war – ein Fest im Schnee!
„Wie um alles in der Welt soll das gehen? Gibt es für diesen blauen Unruhestifter überhaupt keine Jahreszeit, in der er mal ausspannt?“ Freddie lief aufgeregt die Treppe hinunter. „Aber vielleicht ändert sich ja das Wetter!“, hoffte er. Er schaltete den Fernseher an und horchte den Wetterbericht. „Keine Schneefälle in nächster Zeit!“, enttäuschte ihn der Meteorologe. „Es bleibt die nächsten Tage klar, aber sehr kalt. Väterchen Frost hat uns also weiterhin in der Hand! Aber wenigstens kein Schnee...“
Freddie schaltete aus. „Und gerade Schnee könnte ich prima gebrauchen!“, schimpfte er. „Väterchen Frost! Ha! Nicht einmal die Kälte hält die Gören in den Häusern! Ich brauche nicht Väterchen Frost, sondern Frau Holle!“ Plötzlich erstarrte Freddie. Ihm war eine Idee gekommen. „Ich glaube jedoch nicht, dass sie sich vor Frau Holle fürchten würden. Vor Väterchen Frost hätten sie aber bestimmt Respekt.“

Freddie Faulig wäre nicht Freddie Faulig gewesen, wenn er nicht dafür ein passendes Kostüm gehabt hätte. Nur waren seine Verkleidungsröhren dermaßen zugefroren, dass er sie erst einmal aufheizen musste. Alles was er zur Zeit nicht benötigte, hatte er ja vom Stromnetz genommen. „Das macht nichts“, tröstete er sich. „Bis dahin kann ich einen perfiden Plan ausarbeiten...mal überlegen. Ich brauche Schneestürme...und ein Schloss. Ein großes Schloss. Und das in kurzer Zeit. Uije..!“ Freddie kratzte sich nachdenklich am Nacken. Bei dem Schloss fiel ihm sein dickes Märchenbuch ein, dass er sich gerne vor dem Einschlafen ansah. Er zog es unter seinem Sessel hervor und fand bald, wonach er suchte. Auf einem Bild war ein großes, wunderschönes Schloss abgebildet. „Ja, ich denke, das könnte ich hinbekommen“, murmelte Freddie.

Dann drehte er die Heizung auf volle Leistung. Innerhalb kürzester Zeit wurde es in der Fabrik heiß wie in einer Sauna und das war nötig, um alle Ausgänge zu heizen und somit die Türen wieder aufzutauen. Es war gegen halb neun abends, als Freddie mit einer seiner neuesten Maschinen nach draußen ging. Gott sei Dank musste er sich nicht durch den hohen Schnee schaufeln. Das verdankte er seiner Maschine, auf die er saß. Sie sah aus wie eine kleinere Schneeräummaschine, nur hatte sie statt einer großen Schaufel vorne einen dicken Schlauch. Sie sog damit den Schnee ein, und spuckte ihn hinten wieder aus. Das machte ein bisschen Krach, aber Freddie hatte sich weit genug von Lazy Town entfernt. Niemand würde ihn beobachten. Draußen war es eine klare Sternennacht, aber sonst stockdunkel, es gab keine Straßenlaternen. Aber eine helle Lampe oder sogar ein noch hellerer Scheinwerfer hätte Freddie sofort verraten. Dafür trug er ein gutes Nachtsichtgerät, dass fast wie eine dicke Schwimmbrille aussah.

Freddie sah sich zufrieden um.  „Aaach, herrlich! Soviel Schnee für meinen Plan!“, jauchzte er und stoppte seine Maschine. „Das ist ein guter Platz, hier bleibe ich. Und wieder macht mein Maschinchen die ganze Arbeit!“ Er drückte einige Knöpfe, sprang herunter, und die Maschine fuhr ganz alleine langsam einen großen Kreis. Dabei sog sie wieder den Schnee ein, den sie gleich wieder ausspuckte. Nur diesmal warf sie ihn nicht hinter sich, sie warf ihn immer genau in die Mitte des Kreises. Nach einer Weile fuhr die Maschine näher an den Schneehaufen heran, und plötzlich kamen zwei große Roboterhände zum Vorschein, die den Schnee zu formen begannen. Danach zog die Maschine wieder ihre großen Kreise, und das wiederholte sich regelmäßig. Nach und nach konnte man sehen, dass dort etwas entstehen sollte. Freddie warf einen letzten prüfenden Blick auf seine Erfindung und ging nach Hause zurück. Er konnte seine Maschine getrost einige Stunden allein lassen.

Als er zufrieden zurück in die Fabrik ging, waren auch seine Verkleidungsröhren schon halb aufgetaut. In einer davon konnte man den Kopf und die Schultern einer Puppe erkennen, die lange weiße, silbrige Haare und einen langen Bart hatte. „Wenn sie erst einmal Väterchen Frost richtig kennenlernen, wird ihnen der Spaß am Winter vergehen, und sie werden die nächsten Monate nicht draußen, sondern drinnen vor der Heizung verbringen!“, sprach Freddie lachend. Die kalte Nacht verging. Sportacus erwachte mit dem ersten Sonnenstrahl. Er streckte sich und sprang voller Freude aus dem Bett. Dann warf er einen Blick durch das große Panoramafenster seines Luftschiffes – und stutzte. Er rieb sich völlig verdutzt die Augen. „Ich muss noch träumen!“, sagte er, „Das war doch gestern noch nicht da!“

Ein ganzes Stück entfernt von Lazy Town stand ein riesiges Schloss. Das an sich war schon verwunderlich genug, aber das Schloss sah aus, als wäre es vollkommen aus Glas oder sogar aus Eis erbaut. Das konnte doch nur ein Traum sein, oder? Aber Sportacus wurde schnell klar, dass er nicht träumte. Und er musste das jemandem erzählen! Meinhard und Stephanie waren noch nicht einmal mit dem Frühstück fertig, als Sportacus bei ihnen anklopfte. „Das müsst ihr mit eigenen Augen sehen!“, sagte er aufgeregt. „Die anderen habe ich auch schon geholt. Ihr müsst alle mitkommen!“
Die Kinder, Meinhard und Senta folgten Sportacus bis an den Stadtrand. Sie machten genauso ein erstauntes Gesicht wie der Superheld. „Ein gläsernes Schloss!“, hauchte Senta.
„Es könnte auch aus feinstem Kristall oder aus Diamanten sein!“, sagte Meini mit bebender Stimme. „Da bin ich mir sicher! Ohh, das ist meins...das ist MEINS, hört ihr? MEINS!“ Meini rannte mit Schweini in seinen Armen voran.
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