Wir waren Soldaten einst

von RowenaR
GeschichteAngst, Freundschaft / P16
20.02.2013
24.03.2013
4
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20.02.2013 1.651
 
A/N: Der Titel dieser Sammlung bezieht sich auf Harold G. Moores Buch über seinen Vietnam-Krieg mit dem Titel We Were Soldiers OnceAnd Young (verfilmt mit Mel Gibson unter dem Titel We Were Soldiers, auf Deutsch bescheuert übersetzt mit Wir waren Helden… da muss einer das Buch nicht gelesen haben… egal). Alles die Schuld einer Freundin aus den USA und von Schriftsteller John Birmingham.

Der erste Teil hier spielt direkt nach der Miniserie HALO 4: Forward Unto Dawn (einfach mal auf YouTube danach suchen), enthält also Spoiler (Überraschung…). Alle, die sich nicht verspoilern lassen wollen, move along, move along, nothing to see here, der Rest: herzlich willkommen und viel Spaß!

~*~


Nach dem Sturm


“You’re a prisoner of the dark sky
The propeller blades are still
And the evil eye of the hurricane is
Coming in now for the kill.”

Mike Oldfield, “Five Miles Out”


“So… und jetzt?”  

Klar, dass Sully derjenige ist, der die Frage stellt, auf die keiner eine Antwort will. Und jetzt hängt sie in der schalen Luft zwischen ihnen, den ganzen Weg vom Transport, der sie zum nächsten UNSC-Stützpunkt gebracht hat bis zum Empfangsraum, in dem sie ihren nächsten Verwandten übergeben werden.

Einfach so. Klar gab es ein paar Prozeduren, die man vom UNSC schon erwarten kann, wenn es um die letzten drei Überlebenden eines planetaren Massakers geht, aber schon fast zu bald finden sie sich in irgend so einem Besprechungsraum wieder und ein Typ in Zivilklamotten, der vage wie eine ältere Version von Sully aussieht umarmt den tatsächlichen Sully heftig. Er ist sich ziemlich sicher, dass er gerade gehört hat, wie Sully nach Luft geschnappt hat.

Es ist auch noch eine junge Frau im Raum, so ungefähr in dem Alter, in dem Cadmon jetzt wäre, so dunkel wie Orenski und ihm wird klar, dass das ihre Schwester sein muss, die, vor der alle in Cadmons Jahrgang tierisch Schiss hatten. Da ist nichts Angst einflößendes an ihr, als sie Orenskis Arm umfasst und sie in ihre Arme zieht, mit etwas, das fast wie ein Schluchzen klingt.

Und dann ist da Colonel Marianne Lasky. Keine Umarmung, kein Schluchzen, keine mütterlichen Liebesbekundungen, keine Überraschung. Er ist sich ziemlich sicher, dass ihre Reaktion auf die Nachricht von Cadmons Tod nur ein Schulterzucken war und sich kurz die Rede aufzuschreiben, die sie an ihn halten würde, darauf bedacht, ja keine Trauer zu zeigen und schon gar keine Liebe, der Himmel möge es verhindern.

Für ihn gibt es jetzt einen taxierenden Blick, eine Musterung seines sauberen, von blauen Flecken übersäten Gesichts. Er hat fast den Verdacht, dass sie durch all die Lagen von Uniform und Neoprenanzug hindurch sehen kann und die Blasen auf seiner geschundenen Haut sieht, die vom letzten Cryoschlaf noch übrig sind. Sie nickt.

„Du hattest eine Nachbesprechung, Thomas?“ Er zwingt sich, die Sullivans und die Orenskis und diese ganze Wiedersehensfreude zu ignorieren.

„Jawohl, Sir.“ Ein weiterer taxierender Blick.

„Ich nehme an, man hat Sie ausreichend zu OPSEC aufgeklärt?“ Sie meint alle von ihnen und aus dem Augenwinkel kann er sehen, wie Orenski drauf und dran ist, den ersten schlimmen Fehler zu machen, den sie wahrscheinlich je gemacht hat.

Er versucht, sie zu retten. „Jawohl, Sir.“

Der Colonel nickt wieder, gestikuliert in Richtung der Sullivans und Orenskis ohne sie überhaupt anzusehen. „Melden Sie sich morgen 0800 für eine Kampffähigkeitsuntersuchung und die Zuweisung eines neuen Postens. Sie können gehen.“

Aus dem Hintergrund hört er einen leisen Chor von “Jawohl, Sir”s und er denkt, dass er den Colonel nie mehr als in diesem Moment gehasst hat. Traumatisierte Kinder, die gerade erst mit ihren sie liebenden Verwandten wiedervereint wurden und alles, was sie ihnen zu sagen hat ist, dass man sie so schnell wie möglich versetzen wird. Scheiß auf sie.

„Thomas, du wirst bis auf weiteres hier bleiben. Ich werde dich zu deinem neuen Quartier begleiten und wir werden im Laufe der nächsten Woche deine Karriereoptionen reevaluieren.“ Seine Karriereoption reevaluieren, am Arsch.

Er macht fast den Fehler, das auch laut zu sagen, aber es geschieht ein kleines Wunder und alles, was aus seinem Mund kommt ist ein weiteres armseliges: „Jawohl, Sir.“

Ohne noch weitere Zeit zu verlieren, übernimmt der Colonel die Führung. Er folgt ihr, fühlt sich seltsamerweise, als sei er wieder zwölf und sie hätte ihn dabei erwischt, wie er sich zum Affen macht und ausgewählte Offizielle der UN vor seinen Freunden parodiert. Er kann nicht glauben, dass er zulässt, dass sie ihn dazu bringt, sich so zu fühlen, als müsste er bestraft werden statt getröstet, beruhigt, gefeiert, verdammt.

Es ist ein langer Krieg. Ihre Mutter hält eine Menge Händchen.

Könnte sie nicht nur ein einziges Mal mal seines halten?

Seine Augen brennen Löcher in ihren kerzengeraden Rücken – ja, hätte er wohl gerne – als sie kurz bei einem ihrer Untergebenen stehenbleibt. Mehaffey war eine davon, denkt er, trauerst du nicht? Wenn schon nicht um all die abgeschlachteten Kinder, Menschen, dann doch wenigstens um eine Freundin?

Es schwärt in ihm, all das, tief drin. Es gibt immer noch einen rationalen Teil seines Verstandes, der weiß, dass das, was er hier tut, nicht gesund ist. Er klingt wie Chylers Stimme, wie sie sagt: „Warum tust du dir das immer noch an?“ und sieht so leidenschaftslos wie der Master Chief beim Töten von Aliens aus. Irgendwas stimmt wirklich nicht mit ihm.

Die Bilder von Leichen in zerrissenen schwarz-weißen Uniformen, die viel zu jung zum Sterben sind und nebeneinander lieben, die gerade auf den Bildschirmen entlang des Korridors auftauchen, sind auch nicht gerade hilfreich.

Oh Gott, da ist Iwamoto aus dem Antonios-Team und die Hälfte seines linken Arms fehlt und Marshing aus dem zweiten Studienjahr, die fünf Jahre jünger aussieht ohne ihr ewiges Stirnrunzeln und Dimah, oh Gott, oh Gott, Dimah…

„Thomas?“ Und Vickers, warum liegt da auch Vickers? „Cadet Lasky!“ Scheiße.

„Ich bitte um Entschuldigung, Sir.“ Der Colonel wirft ihm einen Blick zu, der ihm sagt, dass sie auch den Verdacht hat, dass was mit ihm nicht stimmt und dass das nichts mit den Blasen auf seinem Rücken zu tun hat.

„Entschuldigung akzeptiert, Cadet.“ Ach. Sie sieht nicht sonderlich überzeugt aus, aber das hält sie nicht davon ab, wieder loszumarschieren und er macht sich daran, ihr zu folgen.

Korridor um Korridor und im Rhythmus seiner Schritte findet er kurzzeitig Trost. Darauf zu achten, mit ihr Schritt zu halten verschafft ihm die Ablenkung von der Zerstörung auf Circinius IV, die er braucht. Sie führen auch keine Unterhaltung und dafür ist er dankbar. Es entbindet ihn noch weiter vom Denken. Es rettet ihn vor dem unbarmherzigen „So… und jetzt?“ das ihm immer noch durch den Kopf geistert, von Aliens zu Supersoldaten, von Kinderleichen zu Blasen auf seinem Rücken…

„Dein neues Quartier, Thomas.“ Er blinzelt. Wie peinlich, dass er ihr fast von hinten reingerannt wäre. Wie gut, dass er viel zu scheißmüde ist, um noch genug Energie zu haben, ein anderes Gesicht als unbeteiligt zu machen.

„Danke, Sir.“ Sie nickt, gibt einen Schlüsselcode ein, den er gerade einfach nicht auswendig lernen will und die Tür öffnet sich. Keine Glastür, wie an der Academy und er weiß jetzt schon, dass er das Gefühl haben wird, als würde er in einem Sarg liegen, sobald sich die Tür schließt. Es ist schmerzhaft angemessen.

Er tritt ein, entschlossen dazu, das Beste daraus zu machen. Wenigstens muss er sich den Raum nicht mit jemandem teilen. „Thomas?“ Was, will er fragen und herumwirbeln, um sie anzustarren, aber alles, was er tut ist, einen Blick über die Schulter zu werfen, damit er ihr nicht direkt ins Gesicht sehen muss, als sie sagt: „Willkommen… zu Hause.“

Zuhause. Zuhause ist wo ganz anders.

Es gibt einen Augenblick, in dem er ihr das sagen will, ihr sagen will, dass sein Zuhause da war, wo Cadmon war oder seine Freunde oder Chyler, aber er… hat einfach nicht mehr die Kraft dazu. Also nickt er nur und die Tür schließt sich hinter ihm. Er macht sich keine Mühe, das Kommando für Licht zu geben, stolpert einfach zum Bett.

Er bricht mehr oder weniger zusammen, mit Kampfstiefeln und allem und er dreht sich auf den Rücken, sieht VORWÄRTS BIS ZUM MORGENGRAUEN in die Decke über seinem Kopf eingeätzt, wo nur schwarzes, glattes Nichts ist. Er hört ein Klopfen gegen die Wand neben ihm, zweimal und als ihm klar wird, dass es seine eigene Faust war, die geklopft hat und dass es nur Stille als Antwort gibt, dreht er sich auf die Seite, rollt sich zusammen und ergibt sich der Springflut in seinem Inneren.

Sie ist weg, sie sind alle weg und da ist nur schwarzes Nichts und blendendes Weiß, alles zusammen und er leidet, leidet und schluchzt und schreit sich das Herz heraus und wimmert, als es alles zu viel wird und das Schluchzen nicht aufhören will.

Und rundherum und rundherum und rundherum geht die Frage in seinem Kopf.

So… und jetzt?

Sie ist immer da, die gesamte schmerzvolle Reise durch seine Trauer und sein Elend und seine Angst und sein Trauma hindurch. Rundherum und rundherum und rundherum.

So… und jetzt?

Sie begleitet ihn, durch die Nacht und das Schluchzen hört einfach nicht auf und es ist einfach immer da. Rundherum und rundherum und rundherum.

So… und jetzt?

Er braucht eine halbe Ewigkeit, um genug Raum zwischen die Schluchzer zu bekommen, um erstmal wieder atmen zu können und als er es das erste Mal wieder schafft, rau und mit körperlichem Schmerz, der nichts mit der Allergie zu tun hat, trifft er eine Entscheidung.

So… und jetzt?

Jetzt, denkt er, als er in der Dunkelheit von Schluchzern durchgeschüttelt wird, werde ich Chyler Silva stolz machen. Ich werde alle an der Corbula Academy of Military Science stolz machen.  

Und was anderes kann man auch denken, wenn man in einem fremden Bett liegt, in einem fremden Quartier, das einzige bekannte der Schmerz, der einen von innen aufrisst und die Hundemarken in der Hand? Was bleibt einem anderes übrig?
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