Der Ruf

von roseta
KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
Frodo Samweis / Sam Gamdschie
14.02.2013
14.02.2013
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Der Ruf

Wenn man gerufen wird, so tut man gut daran zu folgen. Darin sind Frodo und Sam sich einig.
Für strange, zum Projekt „Valentinstagswichteln von Elenoriel.

I.
„Mach Pause, Sam. Es ist Zeit für den Nachmittagstee!"

Herrn Frodos fröhliche Stimme unterbrach mich bei der Gartenarbeit, als ich gerade dabei war, die welken Blüten von der Rosenhecke abzuschneiden. Die Arbeit war noch nicht beendet und ich überlegte einen Augenblick, ob ich antworten sollte, dass ich erst fertig werden müsse. Aber da sah ich, dass mein Arbeitgeber bereits mit der gefüllten Teekanne aus der Tür trat. Es wäre unhöflich gewesen, ihn warten zu lassen, und außerdem würde der Tee kalt werden.

Ich wusch mir die Hände am Brunnen, legte meine Schürze ab und begab mich zu dem gedeckten Tisch, der auf dem Rasen stand. Während ich mich um den Garten kümmerte, hatte Herr Frodo einen Kuchen gebacken und ihn mit Erdbeeren belegt; der stand jetzt auf dem Teetisch, zusammen mit einer Schüssel Schlagsahne. Herr Frodo behauptete stets, dass er für die Gartenarbeit total unbegabt sei und glücklich darüber, dass er sie mir überlassen könne; aber als Küchenchef war er keineswegs unbegabt und seine Kuchen und sein Teegebäck, wozu ich regelmäßig eingeladen wurde, wenn ich auf Beutelsend arbeitete, waren einer der Gründe dafür, dass ich diesen Arbeitsplatz liebte wie eine zweite Heimat.

Aber sie waren keineswegs der einzige Grund. Herr Frodo war für mich ein Hobbit, den man einfach gern haben musste. Es war nicht nur, weil er immer freundlich zu mir war und meine Arbeit lobte. Er bot auch, jedenfalls für Hobbitaugen, einen angenehmen Anblick. Er war (nach Hobbit-Maßstäben) ziemlich groß und hatte helleres Haar als die meisten und feine Gesichtszüge, was bei unserem Volk nicht alltäglich war. Gelegentlich dachte ich, dass er etwas Elbenhaftes an sich hatte, was zweifellos dem Tuk-Erbe in seinem Stammbaum zuzuschreiben war, obwohl ich nicht an die lächerliche Sage glaubte, dass eine seiner Urahninnen eine Fee gewesen sei. Jedenfalls war Herr Frodo der hübscheste Hobbit, den ich kannte. Und obwohl er etliche Jahre mehr zählte als ich, sah er nicht einen Tag älter aus. Sogar die Zeit war freundlich zu ihm; nach meiner Ansicht konnte man auch gar nicht anders zu ihm sein.

Wir aßen, wie es üblich ist, schweigend, um den Genüssen die gebührende Aufmerksamkeit zu erweisen. Erst nachdem ein großer Teil der Erdbeertorte in unseren Bäuchen verschwunden war, begann Herr Frodo:
„Ob es Onkel Bilbo jetzt auch so gut hat?“
Das war eines seiner Lieblingsthemen; er fing immer wieder davon an und da er es war, störte es mich nicht, obgleich ich es bei einem anderen albern gefunden hätte. Herr Bilbo war hundertundelf Jahre alt gewesen, als er fortging oder vielmehr plötzlich verschwand, und das war jetzt fast siebzehn Jahre her; nach normalen Maßstäben musste er längst gestorben sein. Aber normale Maßstäbe, darin waren sich alle Bewohner von Hobbingen einig, galten nicht für Herrn Bilbo – und für Herrn Frodo ebenso wenig.
Nicht nur, dass er mit fast fünfzig immer noch so jung aussah, als sei er gerade erst mündig geworden, er hatte auch keinerlei Anstalten gemacht zu heiraten, obwohl es wahrhaftig genug Hobbitmädchen gegeben hatte, die seine Aufmerksamkeit suchten. Als Bilbos Erbe und Spross einer angesehenen Familie, ganz zu schweigen von seinem guten Aussehen, war er einer der begehrtesten Junggesellen des Auenlandes gewesen; aber er hatte kein Interesse gezeigt, seinen Familienstand zu ändern, und jetzt, obgleich er für einen Hobbit noch keineswegs zu alt dafür war, hatte man akzeptiert, dass er eben eine Ausnahme bildete.

„Ich bin sicher, dass es Herrn Bilbo gut geht“, antwortete ich pflichtgemäß und es war auch nicht gelogen. Wenn er noch lebte, so hatte der alte Herr gewiss einen angenehmen Ort gefunden, wo er in Ruhe seine letzten Jahre verbringen konnte – andernfalls wäre er sicherlich nach Hause zurückgekehrt. Frodo, der elternlos aufgewachsen war und in ihm nicht nur einen Onkel, sondern auch einen Vater sah, hatte ihn lange vermisst und vermisste ihn wohl immer noch.

Frodo seufzte und starrte ins Leere; irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Er setzte ein paarmal zum Sprechen an, als ob er nicht genau wüsste, ob er es wirklich sagen wollte, aber dann sprach er es doch aus:
„Manchmal denke ich daran, auch fortzugehen und ihn zu suchen…“
Ich bekam einen gewaltigen Schreck.
„Fortgehen, Herr Frodo? Aber wozu sollte das gut sein? Du hast hier die schönste Höhle von Hobbingen – mit dem prächtigsten Garten…“
„Ja, und die komfortabelste Küche, das weichste Bett, die interessantesten Bücher…“ setzte er meinen Einwand ironisch fort. Ungeduld klang in seiner Stimme, etwas, das ihm sonst nicht ähnlich sah – jedenfalls nicht im Umgang mit mir.  
„Ich werde im September fünfzig, Sam“, fuhr er in seinem Gedankengang fort, „und in diesem Alter ist Bilbo hinausgezogen zu seinem großen Abenteuer. Wenn ich daran denke, macht es mich unruhig. Ich liebe das Auenland und ich bin gerne hier – aber manchmal meine ich, dass dort draußen noch etwas auf mich wartet und dass ich gehen muss, es zu suchen.“
„Nein, Herr Frodo“, antwortete ich entschieden. „Was Herrn Bilbo betrifft, so war das eine andere Sache. Der Zauberer Gandalf kam und brachte die Zwerge zu ihm und sie nahmen ihn mit zu diesem Abenteuer.“
Ich holte Luft; Frodos plötzlicher Einfall hatte mir fast so etwas wie Angst gemacht. „Verstehst du, was ich meine? Er ging freiwillig, aber nicht von allein. Es erging ein Ruf an ihn, dem er folgte. Ohne den säße er wahrscheinlich noch heute auf Beutelsend. Welcher Ort auf der Welt soll denn schöner und passender für einen Hobbit sein?
Aber wenn man gerufen wird, so tut man gut daran zu folgen.“

Frodo schwieg eine Weile; meine Worte schienen ihm der Überlegung wert. Dann sagte er langsam: „Aber viele Leute werden niemals gerufen. Sie bleiben ihr Leben lang in dem Dorf, in dem sie geboren sind, heiraten und werden alt. Sie sehen niemals etwas anderes von der Welt. Glaubst du, dass das richtig ist?“
„Ich glaube jedenfalls, dass es das Beste für sie ist“, antwortete ich und meinte es wirklich so. „Dann ist eben ihr Heimatdorf der Ort, der sie gerufen hat. Wenn sie dort glücklich sind, warum sollten sie in die Welt ziehen?“

Frodo betrachtete mich nachdenklich. „Und du, Sam? Würdest du folgen, wenn du gerufen wirst – zu einem Abenteuer in einem unbekannten Land? Einen Schatz zu suchen und einen Drachen zu bekämpfen, wie Bilbo? Eine Prinzessin zu befreien? Eine Stadt vor dem Untergang zu retten?“

Ich musste lachen. Herr Frodo las nach meiner bescheidenen Meinung vermutlich zu viele Bücher. Nein, der Gedanke war mir niemals gekommen, dass das Schicksal Derartiges für mich bereithielt. Ich meinerseits hielt mich an Kohl und Kartoffeln und allenfalls Blumen.
Doch ein anderer Gedanke ließ mich wieder ernst werden.
„Aber ich bin gerufen worden“, sagte ich. „Du hast mich gerufen, Herr Frodo, um deinen Garten zu bestellen. Und hier ist mein Platz. Ich kümmere mich um deine Blumen und dein Gemüse und meine Abenteuer bestehe ich gegen die Raupen, die es zu fressen drohen. Das ist die Arbeit, die ich verstehe und die ich gerne mache.“
Ich weiß heute noch nicht, was mich überkam, so dass ich hinzusetzte: „Und ich darf in deiner Nähe sein – und das ist der Ort auf der Welt, wo ich am liebsten sein will.“

Leicht erstaunt sah Frodo mich an und ich spürte, wie ich feuerrot wurde. Was war mir eingefallen, so etwas zu sagen? Aber er schien sich nicht sehr darüber zu wundern, sondern etwas anderes beschäftigte ihn.
„Ich glaube, dass irgendwann der Ruf an mich ergehen wird, so wie an Bilbo“, murmelte er. „Und du, Sam? Wirst du dann Beutelsend für mich bewahren und in Ordnung halten, bis ich wiederkomme?“
„Nein“, antwortete ich entschlossen. „Dann werde ich mit dir gehen und sei es auch bis zum Ende der Welt.“


II.
Dann wachte ich auf.
Über mir wölbte sich ein düsterer Himmel und es war kalt. Feuchtigkeit kroch mir unter die Kleider, in denen ich mich unwohl fühlte, weil ich sie seit Wochen nicht gewechselt hatte. Der harte Felsboden, auf dem ich geschlafen hatte, bewirkte, dass mir die Knochen wehtaten. Und eine nie versiegende Unruhe war in mir: das ständige Bewusstsein drohender Gefahr.
Wir waren in Mordor.
Seufzend versuchte ich mir den sommerlichen Garten von Beutelsend ins Gedächtnis zurückzurufen. Ich wusste nicht einmal, ob dem Traum, aus dem ich erwacht war, eine wirkliche Szene aus der Vergangenheit zugrunde lag oder ob er ein reines Erzeugnis meiner Phantasie war. Hatte ich wirklich zu Frodo gesagt, dass ich gern in seiner Nähe war? Dass ich mit ihm bis ans Ende der Welt gehen würde? Das hätte ich mir nie erlaubt.
Aber genau da waren wir jetzt.

Frodo lag neben mir und schlief noch. Ich war froh, dass er überhaupt ein wenig Schlaf gefunden hatte; das kam in letzter Zeit selten genug vor. Ich betrachtete sein Gesicht; es war schmal geworden und sah elbenhafter aus denn je zuvor.

Es war eingetreten, was er vorausgesagt hatte. Der Ruf war ergangen und wir waren ihm beide gefolgt.
Unterwegs, am Ufer des Anduin, hatte Frodo versucht, mich zurückzulassen. Er wollte mich nicht zu dem letzten, wahnwitzigen Teil des Abenteuers mitnehmen, er wollte mich nicht in diese Gefahr bringen. Aber wenn er glaubte, dass ich ihn alleine weitergehen ließe, hatte er sich gründlich geirrt. Mein Platz war bei ihm und nur bei ihm. Ob im Auenland oder in Mordor, das war mir egal.

Wahrscheinlich würden wir die nächsten Tage nicht überleben, auch wenn wir, oder gerade wenn wir es schafften, unseren Auftrag zu erfüllen. Wir würden Seite an Seite sterben.
Ich hielt mich noch nie für besonders mutig. Aber seltsamerweise machte der Gedanke mir keine Angst. Es hatte so kommen sollen; wir würden das gleiche Schicksal teilen.

Ich starrte in den finsteren Himmel und konnte mich noch nicht entschließen, Frodo zu wecken, obgleich ich wusste, dass es notwendig war. Es war noch Nacht, aber im Osten, hinter dem düsterroten Licht des Dunklen Turms, erschien ein bleicher Streifen Morgendämmerung und wir mussten die wenigen Stunden des Tages nutzen.

Plötzlich riss die dichte Wolkendecke direkt über mir auf und ich konnte tatsächlich einen Stern erblicken, ein weißes Licht in der Finsternis, wie der Edelstein an Frau Galadriels Hand. Und in diesem Augenblick wusste ich, dass ich nicht aufgeben würde. Es gab immer noch Hoffnung, das Ziel zu erreichen und dennoch zu überleben. Hoffnung für uns beide.

Ich beugte mich über Frodo und strich ganz zart mit der Hand über seine Wange.
„Wach auf, Herr Frodo. Wir müssen weiter.“


III.
„Hör auf mit der Arbeit. Es ist Zeit für die Teestunde, Sam.“

Wieso höre ich Frodos Stimme aus dem Garten? Das kann nicht sein. Es ist lange her, dass er fortging.

Bei mir auf Beutelsend wohnt jetzt einer meiner Enkel mit seiner Familie. Aber heute ist niemand zu Hause, sie sind zu einer Geburtstagsfeier eingeladen.
Ich wollte nicht mitgehen. Seit Rosie, meine Frau, gestorben ist, mache ich mir nicht mehr viel aus solchen Dingen.

Es ist wieder Sommer und auf dem Tisch steht ein Erdbeerkuchen, den meine älteste Urenkelin für mich gebacken hat. Das gute Kind. Sie ist eine großartige Köchin, aber das ist für eine Hobbitfrau nichts Besonderes.

Natürlich ist es nur Einbildung, dass Frodo mich gerufen hat. Aber es ist keine schlechte Idee, den Erdbeerkuchen im Garten zu essen, wie damals. Also lade ich Teetasse und Kuchenteller auf ein Tablett und trage es die wenigen Schritte bis zu dem kleinen Tisch auf dem Rasen.

Ich versuche mir Frodo vorzustellen, sein Lächeln, seine Stimme. In all den Jahren habe ich niemals vergessen, wie er aussah und wie er war, bevor wir aufbrachen, um unsere Mission zu erfüllen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn neben mir am Tisch sitzen, die Teetasse in der Hand…

Ich öffne die Augen und sehe, dass ich tatsächlich nicht allein bin. Vor mir steht ein schönes dunkelhaariges Mädchen in grauen Gewändern. Sie ist viel größer als ich. Eine Elbin. Sie verneigt sich leicht zum Gruß.

„Das letzte Schiff der Elben verlässt heute die Grauen Anfurten, Sam Gamdschie“, sagt sie mit ihrer lieblichen Stimme. „Es soll nicht ohne den Ringträger in See stechen.“

Verständnislos schaue ich sie an. „Aber Herr Frodo ist schon vor langer Zeit weggefahren.“
Sie lacht leise. „Wir meinen Euch, Sam Gamdschie. Ihr seid der letzte der Ringträger.“

Ich bin sprachlos. Sie wollen mich mitnehmen? Die Elben wollen mich mitnehmen? Nach Valinor?
Dort ist Frodo…
Ich sollte mich für die Ehre dankbar zeigen, aber ich finde keine passenden höflichen Worte. Das Einzige, was mir einfällt, ist: „Werde ich Frodo wiedersehen?“
Sie nickt zustimmend. „Ihr werdet ihn sehen.“
Ich springe auf, als seien die letzten fünfzig Jahre zurückgedreht worden. „Nur einen Augenblick, ich packe nur schnell ein paar Sachen!“
Sie schüttelt den Kopf. „Ihr braucht nichts mitzunehmen. Alles, was Ihr benötigt, werdet Ihr dort finden.“
Sie streckt die Hand aus und ich ergreife sie ohne Zögern.
Frodo hat mich wieder gerufen.

IV.
Als Sams Verwandte am nächsten Morgen zurückkehrten, trafen sie den alten Hobbit nicht mehr an. Sie suchten ihn lange, aber es fand sich keine Spur von ihm. Sie betrauerten ihn gebührend, wie es Brauch ist. Nur die älteste Urenkelin war überzeugt, dass er noch lebte und dass es ihm gut ging.
Denn die Erdbeertorte war mit ihm verschwunden.
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