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Gruppe 01: Von Babysittern und Verbrechern

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
08.02.2013
08.02.2013
10
8.759
 
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08.02.2013 994
 
Kapitel 10 - lostMockingjay

Mona beschloss zu laufen. Es war unsinnig, sie hätte in den Bus steigen können und wäre in wenigen Minuten Zuhause gewesen, doch auch wenn sich die Entschlossenheit in ihr gefestigt hatte, war sie sich noch nicht ganz im klaren, was sie ihren Eltern wie sagen wollte.
Es begann zu nieseln, aber das war ihr ganz recht. Es beruhigte sie auf eine seltsame Art und Weise, ließ sie tiefer in Gedanken versinken, während sie die Straße verließ, in der Ninas Adoptiveltern wohnten. Es war seltsam gewesen, sie zu besuchen. Es war sowieso in den letzten Tagen alles seltsam gewesen, schließlich konnte man es nicht alltäglich bezeichnen, zu erfahren, dass man noch eine Schwester hatte, die man bloß nie gesehen hatte.
Mona unterdrückte die in ihr aufsteigende Wut und bemühte sich geordneter zu denken. Innerlich stellte sie eine Liste mit Dingen zusammen, die sie ihren Eltern sagen wollte. Am wichtigsten, dass sie die Anklage gegenüber Nina fallen lassen sollten.
Seufzend blieb Mona an einer Ampel stehen und beobachtete, wie die Autos unbeteiligt an ihr vorbeirauschten. Es war alles bescheuert, so verkehrt. So etwas gab es eigentlich nur in Filmen und Büchern, kitschige Geschichten über getrennte Geschwister.
Natürlich war es ganz anders und mittlerweile zweifelte Mona auch, ob das hier so ein schönes Happy End geben würde, wie man es aus Filmen gewöhnt war.
Die Ampel schaltete auf grün und sie setzte ihren Weg fort, immer noch in ihren seltsamen Gedanken verworren.
In gewisser Weise schien alles ausweglos. Sie hatte ihren Eltern schon gesagt, dass es so wie jetzt nicht gut war. Sie wussten, dass Mona sauer auf sie war und würden vermutlich all ihre Bemühungen an sich abprallen lassen, sie reden lassen und ignorieren.
Sie hatten lange über die Entscheidung nachgedacht, damals, als sie beschlossen Nina wegzugeben, wieso sollten sie sich jetzt von ihnen umstimmen lassen?
Weil Mona auch ihre Tochter war, verdammt!
Wie ein kleines Kind trat sie in eine der Pfützen hinein, die sich auf dem Bürgersteig gebildet hatten und schreckte im nächsten Moment überrascht zurück, als sie sah, dass direkt vor ihr jemand stand.
Schnell murmelte Mona ein flüchtiges "Entschuldigung" dafür, dass sie ihren Gegenüber noch etwas nasser gemacht hatte und wollte weiter gehen, als eine Hand sie an der Schulter rüttelte.
Erst jetzt sah Mona auf und stieß einen überraschten und ungläubigen Laut aus, als sie erkannte, wer ihr da gegenüberstand: Nina.
"Nina?", fragte sie in einem Tonfall, der deutlich widerspiegelte, wie verwirrt sie war, ihre Schwester hier schon wieder zu treffen, wo sie doch noch am Morgen bei ihr im Untersuchungshaft gewesen war. Wie war ihre Schwester so schnell dort raus gekommen? Wie konnte es sein, dass sie jetzt einfach hier vor ihr war?
Gar nicht. Das war die einzig plausible Antwort, die sich in ihrem Kopf bildete und doch stand ihre Schwester direkt vor ihr.
"Mona", erwiderte Nina mit einem ernsten, aber dennoch erfreuten Tonfall.
Eine Weile sahen die beiden einander einfach nur an. In Monas Kopf ratterte es noch wie verrückt, weshalb sie sich unauffällig umsah. Außer ihnen beiden war nur ein einziger Mensch in der Straße, von dem sie wegen der Kapuze nur die Silhouette erkennen konnte.
Was ging hier vor?
„Ich habe dir nicht alles erzählt“, begann Nina und senkte kurz den Blick, bevor sie wieder zu Mona aufsah. „Ich werde die Stadt verlassen. Ich wollte dich gern sehen und ich … ich habe etwas gesucht bei euch Zuhause. Es ist bescheuert, dass ich deshalb bei euch war, aber ich ...“ Sie stockte und sah nervös hin und her. Es schien, als sammelten sich in Ninas Augen Tränen, doch vermutlich war es eher der Regen, der nun zunehmend stärker wurde.
„... ich wollte es gern haben, weil es mich an euch erinnert. Es ist so eine Kette mit meinem Namen drauf, es gibt ein Babyfoto auf dem trage ich sie und na ja, ich … muss weg hier Mona, ich wollte vielleicht noch etwas Geld mitnehmen, weil ich dachte es steht mir zu und ... ich wollte dich auch kennen lernen, bevor ich gehe, weil ...“ Schon wieder verstummte Nina und sah ihre Schwester unsicher an.
Mona wusste nicht, was sie von all dem halten sollte. Als sie am Morgen noch bei Nina gewesen war, schien es alles so anders und jetzt war sie auf einmal hier und redete so seltsames Zeug.
„Ich muss weg, Mona. Sei mir nicht böse“, murmelte sie leise, ihre Stimme klang erschöpft.
„Warum?“, fand Mona ihre Sprache wieder. Ihre Gefühle schlugen Purzelbäume und verwirrten sie Sekunde zu Sekunde nur noch mehr.
„Ich habe mich mit Leuten angelegt. Das hätte ich nicht machen sollen. Nicht den Einbruch, doch auch, ich sollte noch etwas stehlen, aber ich habe es nicht getan, weil … na ja, es ist alles sehr kompliziert, Mona. Ich habe deine eMail, ich schreibe dir, wir sehen uns wieder, aber ich muss jetzt weg.“
Bevor Mona etwas antworten konnte, wurde sie schon in eine Umarmung gezogen.
„Ich bin aus dem Gefängnis ausgebrochen“, sagt Nina beinahe belustigt, als sie einander wieder losließen und im selben Moment fuhr ein Kleinwagen vor, in den ihre Schwester schnell einstieg – auf dem Fahrersitz konnte Mona den Polizisten erkennen.
„Tschüss“, flüsterte sie verwirrt, auch wenn Nina es nicht mehr hören konnte. Das Auto verschwand um die Ecke und sie stand gänzlich allein in der leeren Gasse, selbst die Silhouette auf der anderen Straßenseite war nicht mehr da.
Mona stand noch gefühlte Stunden da und starrte einfach nur auf die Ecke, hinter der ihre Schwester verschwunden war.
So wenig Zeit war vergangen und doch schien es, als habe sich alles in ihrem Leben umgedreht. Ihre Schwester war gekommen und wieder verschwunden, das alles war noch nicht zu Ende und doch war es absurd, wie wenige Spuren Nina hinterlassen hatte.
Im Prinzip hatte sich alles geändert, doch in ein paar Wochen, würde es so sein, als hätte es all das nie gegeben. Keine Schwester, keinen Einbruch, alles nur ein Traum, ein Hirngespinst der Einbildung.
Seltsam.
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