See you in New York

GeschichteRomanze, Familie / P12
Astoria Greengrass Draco Malfoy Hermine Granger OC (Own Character)
08.02.2013
11.02.2016
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Die Sonne schien, als die junge Frau das Haus verließ und ihre Sonnenbrille aufsetzte. Das biestige Aprilwetter meinte es heute ausnahmsweise gut und ließ den Frühling mit milden Temperaturen erahnen. Sie zog die schwarze Weste über ihrer leichten weißen Bluse mit dem V-Ausschnitt zu recht und steuerte das kleine Café direkt auf der andern Straßenseite an. Ein leises, angenehmes Läuten von winzigen Glöckchen erklang, als sie den Laden betrat.

„Ah, Hermine. Wie immer? Caffè Latte mit doppeltem Espresso und einem Schuss Vanille?“

Sie lächelte und zog die Brille wieder ab, steckte sie in ihre langen braunen Locken.

„Woher du das bloß immer weißt… Guten Morgen, Andy.“

Der dunkelhaarige Barista bereitete mit flinken Händen das Getränk zu, während sie sich auf die helle Holztheke lehnte.

„Also, wann gehst du endlich mit mir aus?“ Er goss einen Schluck Sirup in den Becher.

„Andy, komm schon. Du fragst mich seit vier Jahren fünf Mal die Woche, wann ich mit dir ausgehe. Du kennst die Antwort.“

Er verschloss den Kaffee und reichte ihn ihr, grinste sie dabei verschmitzt an.
„Und warum nicht? Die Ausrede, dass du einen Freund hast, hat nur ein knappes Jahr gezogen und das ist jetzt auch schon wieder zwei Jahre her. Ich will nur ein Date mit der hübschesten Stammkundin dieses Ladens.“

„Würdet ihr hier nicht den besten Kaffee in ganz SoHo machen, ich würde den Laden wechseln, du penetranter Charmeur.“

„Und so wirst du mich wohl Tag für Tag ertragen müssen und ich meine das ernst, ich höre erst auf zu fragen, wenn du Ja sagst.“

Sie lehnte sich noch etwas weiter vor, zog spielerisch die Augenbraue hoch und hauchte: „Nein.“ Dabei schob sie ihm zwei Dollarscheine für das Getränk zu, nahm den Becher und verließ das Café.

~*~


Auf dem Weg zur U-Bahn schüttelte sie den Kopf.
Andrew Taylor würde es nie lernen. Sie hatte sich an dieses allmorgendliche Ritual gewöhnt. Es gehörte dazu wie ihr Kaffee, wie ihr Früchtemüsli und der Orangensaft zum Frühstück. Andy war auf seine leicht aufdringliche Art einfach zu einem Teil ihres Lebens geworden. Ob er sie irgendwann so weit bringen würde, doch zu zusagen? Vielleicht war es einfacher, ihn zu verhexen, wenn er wider Erwarten doch zu lästig werden sollte.

Sie lief die Treppe hinunter und betrat den Untergrund von Manhattan. Die Menschen drängten sich auf der Station, liefen hektisch hin und her, strömten aus den Bahnen, stiegen ein. Zielsicher steuerte die junge Hexe die graue Betonmauer am Ende des Bahnsteigs an und durchquerte die Absperrung, die verkündete, dass dieser Bereich ausschließlich für Personal sei. Zutritt für Unbefugte verboten prangte auf der Metalltür hinter der Absperrung nochmals. Hermine öffnete sie und trat hinaus auf ein weiteres Gleis. Anfangs hatte sie das alles sehr an Gleis 9 ¾ in King’s Cross erinnert und im Prinzip war es genau das Gleiche, nur, dass die New Yorker das Schienennetz sehr viel ausgedehnter angelegt hatten. Neben der normalen U-Bahn existierte ein ganzes Liniennetz in der gesamten Stadt, das ausschließlich zum Transport von Magiern bestimmt war. Kaum hatte sich die Tür hinter ihr wieder geschlossen, auf der leuchtende Buchstaben Ausgang Prince Street verkündeten, kam auch schon ein Zug angerattert.

Die Bahnen der Magier unterschieden sich äußerlich kaum von denen der Muggel, sah man einmal davon ab, dass sie blau statt metallgrau waren. Sie stieg ein und fuhr Richtung Midtown, wo das Zaubereiministerium eine eigene Haltestelle besaß.

~*~


Von der Station aus kam man in die Eingangshalle.

Genau wie in London lag das amerikanische Zaubereiministerium von New York unterirdisch, hatte aber ansonsten, sah man einmal von Abteilungen ab, die es vermutlich in jedem Land gab, nicht viel mit ihm gemein. Weder was das Aussehen betraf, noch was Organisation oder Benennung von Aufgaben und Abteilungen anging.

Eine große Fensterfront gaukelte den Eintretenden vor, sie befänden sich im überirdischen Manhattan direkt auf Straßenniveau. Das, was hinter diesen Scheiben zu sehen war, war das, was auch tatsächlich oben auf der Straße geschah und da die Sonne schien war der Eingangsbereich lichtdurchflutet. Neben dem Eintritt von der magischen U-Bahn aus gab es noch eine Reihe von Kaminen, die an das Flohnetzwerk angeschlossen waren. Allerdings bevorzugten die meisten New Yorker, vermutlich aus Ermangelung eines echten Kamins zu Hause, die Bahn. Die große Halle war mit weißem Marmor gefliest und in ihrer Mitte befand sich eine überlebensgroße Statue von Peter Revere.

Die Muggel verehrten fälschlicherweise dessen Cousin zweiten Grades Paul Revere, einen Squib, als Nationalheld der amerikanischen Revolution. Dabei war es Peter gewesen, der es Paul 1775 zu Beginn des Unabhängigkeitskriegs möglich gemacht hatte dabei zu helfen, die Kolonisten vor den herannahenden britischen Truppen zu warnen.

Die Decke zierte eine wogende übergroße amerikanische Flagge mit glitzernden Sternen.

Hermine quetschte sich in einen der Aufzüge. Ein paar Memos schwirrten über ihrem Kopf.

„Hermine!“

Sie wandte sich um und begann zu lächeln, als sie den kleinen Jungen mit dem zerzausten braunen Haar sah, der sie angrinste.
„Luke, guten Morgen.“ Sie fuhr ihm kurz durch den strubbligen Schopf und wandte sich dann an die Hexe, die seine Hand hielt. „Soll ich ihn direkt mitnehmen?“, fragte sie und erntete ein dankendes Lächeln.

„Das wäre sehr nett, ich bin eh schon spät dran“, war die Antwort.

Ja, das kannte sie von so einigen Eltern, die in die Abteilung für Magische Kinderbetreuung gestürmt kamen und gleich wieder los mussten, weil ihr Zeitmanagement einfach völlig hinüber war.


Zusammen mit dem kleinen Luke verließ sie schließlich den Aufzug und ging mit ihm an der Hand vorbei am Büro der Kita-Leitung in den fast die gesamte Etage einnehmenden Raum, der die eigentliche Tagesstätte bildete. Ja, was das anging ließen sich die Amerikaner nicht lumpen. Unvorstellbar, dass Kinder im britischen Ministerium durch die Gegend sprangen, hier war es Gang und Gäbe.

Zu Schulzeiten hätte sie auch nie gedacht, dass sie irgendwann einmal als Erzieherin arbeiten würde, aber so konnte man sich irren. Hermine saß auf dem flauschigen roten Teppich, vor ihr die neugierigen Gesichter der kleinen Hexen und Zauberer, die gespannt lauschten, während sie ihnen aus den Märchen von Beedle dem Barden vorlas. Schnell hatte sie feststellen müssen, dass diese Geschichten wohl nur den britischen Kindern geläufig waren. Hier in Amerika war das Buch völlig unbekannt. Darüber, wie viel Wahrheit zumindest in der Geschichte über die drei Brüder steckte, verlor sie allerdings nie ein Wort.

Aber sie hatte eh schon feststellen dürfen, dass das Wissen der Amerikaner, was Europa betraf, teilweise sehr lückenhaft bis seltsam war. Natürlich war dies nicht bei allen der Fall, aber doch bei dem Großteil. Nichtsdestotrotz, ihre Entscheidung England verlassen zu haben um sich hier ein neues Leben aufzubauen, bereute sie nicht. Sie war endlich frei von schwarzer Magie und nicht nur das, durch ihr mangelndes Interesse am Geschehen in Europa, solange es sie nicht direkt betraf, sagten die Namen Harry Potter und Lord Voldemort hier so gut wie niemandem etwas. Es hatte hier nie Todesser oder ähnliche Gestalten gegeben. Ja, Rassismus war den Amerikanern bekannt, aber er war nie gegen Muggel, Muggelgeborene oder Halbblüter gerichtet gewesen. Hermine kannte die Geschichten über die Diskriminierung Dunkelhäutiger und die hatte es sowohl bei den Muggeln als auch bei den Magiern gegeben. Unglücklicherweise existierten auch heute noch einige dieser Spinner, aber solche Leute würde es immer in der ein oder andern Form geben.

Anstatt sich aber mit den Schatten ihrer Vergangenheit befassen zu müssen, anstatt Hermine Granger zu sein, die Harry Potter beim Kampf gegen den Dunklen Lord geholfen und unterstützt hatte, die als Einzige des Trios die Schlacht überlebt hatte, konnte sie hier einfach nur Hermine sein. Sie war einfach nur eine junge Frau, die ihr Geld damit verdiente, die Kinder der Ministeriumsmitarbeiter zu betreuen und das macht ihr wirklich Spaß. Sie konnte ihnen Nützliches und Sinnvolles beibringen, zusehen wie sich ihre magischen Fähigkeiten, die in dem Alter wirklich noch sehr unterschiedlich ausgeprägt waren, entwickelten. Es war ein schöner Beruf, auch wenn er manchmal sehr anstrengend sein konnte.

Sie wollte ihn nicht eintauschen.

~*~


Unruhig wälzte er sich hin und her. Schon seit Stunden versuchte er zu schlafen, aber es ging nicht. Egal, wie er sich auch drehte, wie er sich hinlegte, wie er das Kissen zurechtrückte, er bekam kein Auge zu. Ständig wanderten seine Finger suchend über die Laken neben ihm, aber diese waren nur kühl und leer. Er zog die Hand wieder zurück, vergrub das Gesicht im Kissen, während ihm ein Schluchzen entfuhr.

Er wollte sie jetzt einfach nur spüren, wollte wieder ihre Finger durch seine Haare gleiten fühlen, wie sie die Arme um ihn legte, sich an seinen Rücken kuschelte und seinen Nacken küsste. Der Moment, wenn er sich umdrehte, sie anlächelte, in diese großen hellbraunen Augen sah und ihr einen Kuss gab. Wie sie ihn in den letzten Monaten angestrahlt hatte, wenn er seine Hand auf ihren Bauch gelegt und die Tritte seines Sohnes gespürt hatte.

Der Bezug hatte nasse Flecken bekommen. Draco hatte nicht mal bemerkt, dass er angefangen hatte zu weinen. Er drehte sich auf den Rücken, starrte den samtgrünen Himmel über dem Bett an, der im Dunkeln schwarz wirkte. Er ließ die Tränen einfach laufen, seine Wangen hinunter bis sie im Kissen versiegten. Irgendwann hörten sie auf und er lag immer noch da, hatte sich keinen Millimeter bewegt.
Er musste weg, er ertrug es nicht. Er ertrug es einfach nicht zu Hause zu sein.

Astoria und er hatten den Landsitz zusammen ausgesucht. Es war, genau wie die parkähnliche Umgebung, die dazugehörte, etwas kleiner als Malfoy Manor und nicht… so düster. Es gab hier keinen Kerker, hier war nie jemand gefoltert oder gar ermordet worden. Sie hatte es zudem liebevoll eingerichtet und jeder Raum, jedes Möbel, alles war voll von Erinnerungen an sie.

Rastlos stand er auf, ging zum Fenster und ließ den Blick über den vom Mond beschienen gepflegten Rasen und den kreisrunden Teich mit der springbrunnenähnlichen Fontäne in der Mitte gleiten, wandte sich wieder ab. Er sah seine Frau vor sich wie sie letzten Sommer im Gas gesessen und die nackten Beine in das glasklare Wasser hatte baumeln lassen. Belinda hatte neben ihr gehockt und sie hatte ihre Tochter festgehalten, die den Arm ausstreckte und mit der kleinen Hand das Wasser verspritzte. Er hörte Astorias Lachen, als sie ein paar Tropfen im Gesicht trafen.

~*~


Er hatte kaum ein Auge zugetan und wusste, wie müde er aussehen musste. Es war ihm egal. Nach dieser schlaflosen Nacht, die die Reihe der schlaflosen Nächte seit Astorias Tod einfach nur fortgesetzt hatte, musste er handeln. Das ging so nicht weiter. Also saß er jetzt im Büro des Zaubereiministers und wartete, während dieser in seinen Unterlagen kramte.

„Sie wollen uns also verlassen, Mr. Malfoy?“, hakte der Minister nach.

Draco nickte lediglich.

„Verständlich. Ich habe in den letzten Tagen aus der Zeitung erfahre, was passiert ist. Mein herzliches Beileid.“

Wieder nickte der Blonde nur. Er hatte den Tagespropheten gemieden. Er konnte sich auch so vorstellen, was für eine Story dieses Klatschblatt aus seinem Unglück gemacht hatte. Noch ein Grund mehr zu verschwinden.

„Hier ist es ja.“ Triumphierend hielt der Minister ein Pergament hoch. „Ich muss Ihnen sagen, Mr. Malfoy, ein wenig leid tut es mir schon, dass Sie diesen Entschluss gefasst haben. Ich weiß, wie viel Überredungskunst nötig war, Sie hier im Ministerium arbeiten zu lassen, aber Sie haben uns in den letzten Jahren wirklich davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war und dass Sie sich durchaus geändert haben.“

Bla bla… Was interessierte ihn das jetzt? Was hätte er damals anderes machen sollen?
Er hatte schon in seinem sechsten Schuljahr geahnt, dass das alles so nicht richtig sein konnte, aber wie hätte er da rauskommen sollen? Sein Vater hatte ihn mit hineingezogen, er hatte sich von ihm mitziehen lassen. Das war falsch gewesen. Die Erkenntnis war nicht neu für ihn, war es schon während der Schlacht nicht gewesen. War es wirklich so verwunderlich, dass er nach all dem Leid etwas hatte ändern wollen?

Er hatte seinen Abschluss nachgemacht, zusammen mit einigen wenigen seines Jahrgangs, hatte Astoria kennen gelernt, hatte beschlossen seinem Leben einen Sinn und eine Aufgabe zu geben. Diese hatte neben seiner Familie in der Arbeit bestanden. Es war nicht so gewesen, als hätte es keine Schwierigkeiten bei seiner Suche nach einer Anstellung gegeben, bei weitem nicht. Am Ende hatte er auch hier keinen festen Platz im Ministerium gehabt, viel mehr war er dort eingesprungen, wo er gebraucht wurde und es war ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden und etwas richtig zu machen. Lucius hatte ihn abschätzig als Laufburschen bezeichnet. Nun, vielleicht war er das auch irgendwie gewesen, aber verdammt, er konnte nicht in seinem Anwesen sitzen und sich den ganzen Tag von den Hauselfen bedienen lassen, er hatte etwas tun müssen!

„Der internationale Stellenmarkt sieht momentan etwas mau aus, fürchte ich“, holte ihn der Minister wieder aus seinen Gedanken. „Im Angebot wäre Tokyo, die suchen jemanden zur Aufsicht magischer Geschöpfe. So wie ich das sehe, haben die wohl Probleme mit ihren Drachen. Helsinki braucht einen neuen Mitarbeiter in seinem Komitee für Muggelangelegenheiten und schließlich haben wir noch New York.“

„New York?“, platze es aus dem Blonden heraus und er runzelte die Stirn. „Aber sollte das amerikanische Ministerium nicht in Washington D.C. sein?“

„Sehr richtig. In den USA machen die allerdings irgendwie eh alles ein bisschen anders. Der Hauptsitz des Zaubereiministeriums ist auch in Washington, da haben Sie ganz recht, aber bei einem so großen Land gibt es noch Ableger in New York und Moment... In San Francisco. Auf jeden Fall suchen die New Yorker schon seit Wochen händeringend nach jemandem, der das Internationale Büro für Magische Reisen nach Großbritannien und Irland neu besetzt. Das wäre in der Abteilung für Internationales Magisches Reisemanagement und Auslandsaufenthalte. Es liegt an Ihnen, Mr. Malfoy. Wenn Ihnen nichts zusagt, müssen Sie wohl abwarten. Ich würde mich bei Ihnen melden, wenn etwas Neues reinkommt.“

„Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Wann könnte ich in New York anfangen?“

„Laut dem Abteilungsleiter besser gestern als heute. Soll ich mich mit ihm in Verbindung setzen?“

„Ich bitte darum.“

Die schnelle Entscheidung schien sein Gegenüber durchaus zu verwirren, trotzdem nickte dieser und versprach sich augenblicklich an den Verantwortlichen zu wenden.

„Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf“, warf der Minister noch ein, als Draco sich schon zur Tür gewandt hatte. „Packen Sie am besten schon mal Ihre Sachen und kümmern sich um eine Unterkunft. Die Amerikaner suchen wirklich dringend.“

~*~


Er betrat die Eingangshalle in Derbyshire und stieg die relativ kurze, mit einem grünen Teppich ausgelegte helle Marmortreppe hinauf. Von dem Flur dahinter ging die Tür zum Salon ab, so wie eine weitere Treppe, die ins Obergeschoss führte. Er stieß die Salontür auf und sah sich in dem großen Raum mit dem warmen dunklen Holzboden, dem großen Kamin und den Sprossenfenstern, die zum Garten hinter dem Haus hinausgingen, um.

Niemand war da.

Er trat an die Glastür und öffnete sie, schritt hinaus auf die großzügige Terrasse, die etwas erhöht über dem Rasen lag. Er blickte sich um. Die Sonne schien, einige Vögel saßen in den akkurat geschnittenen Bäumchen, aber von Narzissa und Belinda gab es keine Spur. Er stützte sich mit den Händen auf der Balustrade ab.

Draco erinnerte sich noch genau daran, wie es war, als er und Astoria kurz davor gewesen waren dieses Anwesen zu beziehen. Es war nicht lange vor Belindas Geburt gewesen und ohne dass er es hatte aussprechen müssen, hatte Astoria gewusst, dass sie aus Malfoy Manor weg mussten. Weg aus diesem düsteren Gebäude mit all seinen Erinnerungen und Dämonen. Bald schon hatten sie einen Landsitz gefunden, der ihnen beiden zugesagt hatte. Diesen hier. Astoria hatte sich als Innenausstatterin voll austoben dürfen. Ihm war es egal gewesen, wie sie das Haus einrichtete, Hauptsache ihr gefiel es. Als er an diesem einen Tag von der Arbeit heimgekommen war, hatten sie sich gerade Gedanken über die Farbwahl der Flure und Zimmer gemacht und Musterkarten studiert. Als sie ihn nach seiner Meinung gefragt hatte, hatte er seine Frau in den Arm genommen, ihr einen zärtlichen Kuss gegeben und ihren Bauch gestreichelt.

„Ganz egal was, es darf nur nicht an das Manor erinnern“, hatte er gesagt, woraufhin ein lautes Lachen ihrer Kehle entwichen war, so voller Freude und Glück. Nun stand er an der gleichen Stelle wie damals und alles war er empfand, waren Trauer und Schmerz.

„Snuggles!“, rief er aus und ein Hauself in einem sauberen beigen Kissenbezug kam zu ihm. „Wo sind meine Mutter und meine Tochter?"

„Sir, Ihre Mutter ist mit der jungen Miss Belinda nach Malfoy Manor gegangen, Sir.“

Er schluckte die Wut herunter. Der Hauself konnte nichts dafür, aber das war typisch Narzissa. Wahrscheinlich wollte sie eine Aussprache zwischen ihm und seinem Vater erzwingen.

~*~


Heftig stieß Draco die Doppeltür zum Salon seiner Eltern auf und entdeckte seine Mutter an dem großen dunklen Tisch aus Ebenholz. Seine Tochter saß auf ihrem Schoß und offenbar sahen sie sich zusammen ein Buch an.

„Daddy!“, freute sich die Kleine, als sie ihren Vater sah und strahlte ihn an.

„Warum komme ich heim und mein Hauself muss mir sagen, dass ihr beiden hier seid? Mutter?“

„Reg dich nicht auf, es ist doch nichts passiert und ich habe meine Enkelin gerne hier. Setz dich und erzähl, wie es beim Minister war.“

Er presste die Kiefer aufeinander, dass sie knackten. Kein Wutanfall vor Belinda, kein Wutanfall vor dem Kind. Er zögerte noch ein paar Sekunden, dann setzte er sich neben Narzissa.

„Also, was hat er gesagt?“, hakte sie nach.

„Der internationale Arbeitsmarkt ist zur Zeit etwas schwierig. Die meisten Angebote waren nicht wirklich gut.“

„Du bleibst hier?“ Er hörte die Hoffnung, die in ihrer Stimme mitschwang. Er wusste, dass sie nicht wollte, dass er wegging.

„Nein, das heißt nur, dass ich weder nach Tokyo noch nach Helsinki gehen werde.“

„Wohin dann?“

„New York City.“

„Wie bitte?“ Die Ablehnung konnte sie nicht ganz verbergen und der Blonde musste innerlich grinsen. Für seine Mutter waren alle Amerikaner wilde Barbaren, die keinen Funken Benehmen in sich trugen.

„Wäre es dir lieber, ich gehe nach Tokyo und kümmere mich um das städtische Drachenproblem?“

„Natürlich nicht, das wäre viel zu gefährlich!“, fuhr sie auf. „Du machst doch in New York nicht auch so etwas, oder?“

„Nein, Mutter, keine Sorge. Das in New York ist ein Bürojob“, beruhigte er sie.

„Was machst du dann?“

„Ich werde im Internationalen Büro für Magische Reisen nach Großbritannien und Irland sitzen.“

Er vernahm ein verächtliches Geräusch und sah hinüber zu dem dunklen Ledersessel mit der hohen Lehne vor dem Kamin. Er hatte seinen Vater, der dort saß, noch gar nicht bemerkt.

„Erst Laufbursche, jetzt Reiseplaner, was haben wir bei dir eigentlich falsch gemacht? Hast du überhaupt keinen Stolz? Du bist ein Malfoy, Draco.“
Sein Vater erhob sich und musterte ihn, stützte sich auf seinem Stock ab und nahm einen Schluck von seinem Feuerwhiskey.

„Das ist mir durchaus bewusst, Lucius. Das heißt aber nicht, dass ich mit meinem Leben nichts anderes anfangen möchte, als es anderen schwer zu machen“, erwiderte er kühl.

Die Verwendung seines Vornamens war dem älteren Mann keinesfalls entgangen und er zog die Augenbrauen missbilligend zusammen.
„Wie sprichst du eigentlich mit mir? Ich bin immer noch dein Vater!“

„Mein Vater?“ Draco stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. Ihm war bewusst, dass seine Tochter sich noch im Zimmer befand, aber das konnte er so nicht stehen lassen. „Mein Vater bist du schon lange nicht mehr. Ich weiß gar nicht ob du jemals wirklich so etwas warst. Du warst anwesend, ja, aber das war auch alles. Wirklich väterlich warst du doch nie zu mir. Ich hoffe, dass ich diesen Fehler bei Belinda niemals machen werde. Denn das ist etwas, was man nicht wieder rückgängig machen kann!“

Narzissa ging dazwischen: „Lucius, Draco, ich weiß, dass das alles nicht einfach ist, aber könnten wir uns nicht zusammen hinsetzen und in Ruhe eine Lösung finden?“

„Ich habe meine Vorstellung einer solchen Lösung schon vor ein paar Tagen geäußert“, antwortete Lucius, wandte den Blick aber nicht von seinem Sohn ab.

„Und ich habe klargestellt, dass diese Möglichkeit für mich unter keinen Umständen in Frage kommt. Ich werde Notts Cousine nicht heiraten!“

Wenige Herzschläge lang herrschte Stille. Eine unangenehme, angespannte und geladene Stille.

„Warum seid ihr so böse miteinander?“, fragte Belinda schließlich und sah nicht verstehend zwischen ihrem Vater und ihrem Großvater hin und her. Draco atmete hörbar aus, bevor er meinte: „Komm Prinzessin, es wird Zeit, dass wir heim gehen. Wir müssen noch packen.“

Er stand auf, nahm seiner Mutter das Mädchen ab und wollte zur Tür.

„Aber Draco, das kannst du doch nicht machen“, warf Narzissa ein.

„Doch, Mutter, ich kann und ich werde. Denn offenbar bin ich mit den Entscheidungen, wie ich mein Leben führe, hier nicht mehr erwünscht.“

Er verließ den Salon und man hörte die schwere Eingangstür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen.
Traurig schaute Narzissa ihrem Sohn nach. Er hatte schon so viel in seinem Leben erlitten, erleiden müssen und für das meiste war sein Vater mitverantwortlich gewesen. Dass er ihn nun sogar dazu trieb das Land, gar den Kontinent zu verlassen, tat ihr von ganzem Herzen weh. Aber sie konnte Draco auch verstehen. Zuviel erinnerte ihn an Astoria.

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tbc
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