Alles was du brauchst ist Gewissheit

KurzgeschichteDrama, Familie / P12
07.02.2013
20.02.2013
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Autorin: Vive La Nuit

Titel: Alles was du brauchst ist Gewissheit

Disclaimer: Die Rechte an den Figuren liegen allesamt bei J.R.R Tolkien und seinen Erben, mir gehören sie nicht und ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.

Beta: lilalida und Firn

Inhalt: Als Thorin von Azog niedergestreckt wird, zerbricht etwas in Kíli, an dem er bis dahin nie gezweifelt hatte. Sein Onkel ist nicht unverwundbar. Fíli ist es nicht. Er selbst ist es nicht. Und es bleibt die Frage, wie weit man zu gehen bereit ist für diejenigen, die man liebt.    

Teile: 1/2



Widmung: Für lilalida, ganz einfach weil sie ist, wie sie ist :-) Und für Firn, weil sie die wundervollste Geschichte schreibt und ich den Hobbit glücklicherweise nur noch schauen kann mit ihren Bildern im Hinterkopf.
Danke euch beiden, ihr habt das Beste aus der Geschichte gemacht, was sie werden konnte :-)


-*-

Was soll ich sagen? Noch vor ein paar Wochen hab ich behauptet, es käme nichts in der Richtung von mir. Aber sie gehen mir einfach nicht aus dem Kopf, diese Zwerge. Also füge ich mich dem Zwergenkönig und seinen beiden Neffen. Und ich fürchte, das werde ich auch noch eine ganze Weile tun und es wird mir das größte Vergnügen bereiten ;-)


-*-



Alles was du brauchst ist Gewissheit



-eins-



„Thorin!“

Fílis verzweifelter Schrei drückte aus, was Kíli nicht ausdrücken konnte.

Er fühlte sich wie erstarrt, war viel zu entsetzt, um etwas anderes zu tun, als hilflos zu dem Adler hinüberzustarren, der seinen Onkel vorsichtig in seinen Fängen hielt.

Noch immer hatte Kíli das Gefühl, dass er nicht begriff, dass einfach nicht sein konnte, was in den letzten Minuten geschehen war. Wie hatte etwas passieren können, für das in Kílis Gedanken niemals, für keinen einzigen Augenblick, Raum gewesen war?

Kíli hatte sich nichts vorgemacht, von Anfang an nicht. Er mochte sorglos sein – zu sorglos tadelte Thorins Stimme schmerzhaft real in seinem Kopf –, wagemutig und unerschrocken, aber er war nicht dumm. Ihm war klar gewesen, dass es keine Garantie dafür gab, den Erebor zu erreichen und den Kampf gegen Smaug zu überleben.

Doch nie hatte er daran gedacht, war es für ihn eine Möglichkeit gewesen, Thorin zu verlieren. Thorin hatte in diesen Gedanken ebenso wenig eine Rolle gespielt, wie Fíli. Oder er selbst.

Trotzdem hatte er zusehen müssen. Zusehen, wie sein Onkel auf diese Bestie losgegangen war; zusehen, wie all der Hass Thorins nichts daran hatte ändern können, dass der bleiche Ork auf seinem Warg ihm dieses Mal überlegen gewesen war.  Zusehen und sich dabei so ohnmächtig fühlen, wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Bis er den Schock endlich abgeschüttelt hatte und aus diesem verdammten Baum gekommen war. Bis Fíli, Dwalin und er selbst sich mit dem Mut der Verzweiflung auf die Orks gestürzt hatten und Bilbo zur Hilfe geeilt waren

Dennoch war es zu spät gewesen, viel zu spät. Und jetzt ausharren zu müssen, ohne zu wissen, wie es seinem Onkel ging, ohne zu wissen, wie schwer seine Verletzungen waren, schnürte Kíli die Kehle zu.

Nicht Thorin.

Daran durfte er nicht denken, wollte er nicht denken.

Thorin war es, der sie zusammenhielt.

Thorin war es, der ihn zusammen hielt. Weil er da gewesen war, seit der Tod ihres Vaters die erste tiefe Lücke in ihr Leben gerissen hatte.



-~*~-


Die Rufe und Schreie kamen so plötzlich und waren so laut, dass Kíli und Fíli sogar von ihrem Spiel aufsahen. Draußen schien ein Tumult ausgebrochen zu sein, es klang so, als sei in den Gängen und Tunneln um ihre Wohnstatt herum alles auf den Beinen.

„Was ist denn da los?“ Kíli zog die Nase kraus und schaute Fíli fragend an. Sein älterer Bruder wusste meistens die Antworten auf seine Fragen.

„Weiß nicht“, gab Fíli dieses Mal allerdings zu, wenn auch nur widerwillig. „Komm, lass uns nachsehen.“

Eilig standen die beiden Zwerglinge auf und huschten in Richtung Küche, wo sie hofften, ihre Mutter zu finden und fragen zu können. Doch noch im Korridor wurden sie von eben dieser abgefangen.

„Kommt her, Jungs“, forderte sie.

Ihre Stimme klang angespannt und sie zog Kíli an sich, der sich sofort gegen ihr Bein drängte und die kleinen Finger in den Rock seiner Mutter schlang. Er spürte, dass sie unruhig war, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung zu sein schien. Und dieses Gefühl machte ihm Angst.

„Was ist da draußen denn los, Mutter?“, fragte Fíli, auch er klang ängstlich, obwohl er versuchte, es zu verstecken.

Dís zog auch ihn näher an sich, drückte einen Kuss auf den blonden Schopf ihres Sohnes.

„Das kann ich nicht sagen“, antwortete sie und Kíli fühlte sich, als läge ein riesiger Klumpen Eis in seinem Bauch. Was konnte es denn gewesen sein, wenn selbst ihre Mutter es nicht wusste?

„Geht in die Stube, wartet dort auf mich.“

Unwillig drängte Kíli sich näher an das Bein seiner Mutter. Er wollte nicht von ihr weg. Doch Fíli zupfte an seinem Ärmel und zog ihn schließlich mit in die Wohnstube, wo sich die beiden Jungen eng beieinander in einen der Sessel kauerten.

Bedrückt und ängstlich schweigend warteten sie, bis sie nach einer geraumen Weile draußen die Tür gehen hörten. Schwere Schritte traten durch den Flur und Kíli hob hoffnungsvoll den Kopf.

„Vater“, flüsterte er, wollte schon aufspringen, Fíli aber hielt ihn fest und schüttelte stumm den Kopf.

In diesem Augenblick ertönte ein Schrei, so schrill, dass Kíli einen Moment brauchte, bis er in diesem gepeinigten Laut die Stimme seiner Mutter erkannte.

„Mama!“, schrie er, war schon fast auf den Beinen, doch wieder war es Fíli, der ihn zurückhielt. Der ihn an sich zog, so sehr Kíli auch strampelte und sich zu wehren versuchte. Und der ihm schließlich beruhigend übers Haar strich, als Kílis Gegenwehr schwächer wurde und er zu weinen begann, ohne wirklich zu wissen, warum. Dass Fíli mit weit aufgerissenen Augen blicklos ins Leere starrte und ihm stumme Tränen über die Wangen rannen, ängstigte Kíli nur noch mehr.

Als die Tür zur Stube aufging, zuckten die beiden Jungen zusammen.

„Onkel Thorin!“

Dieses Mal gelang es Fíli nicht, seinen Bruder aufzuhalten. Kíli rannte durch den Raum und warf sich schluchzend in die Arme seines Onkels, der sich auf den Boden gekniet hatte, um seinen Neffen aufzufangen. Er schlang einen Arm um Kíli, hob ihn hoch und ging zum Sessel hinüber, auf dem Fíli noch immer saß und ihnen ängstlich entgegensah.

„Komm her“, sagte Thorin leise und zog auch Fíli auf seinen Schoß, der sich ebenfalls sofort an seinen Onkel kuschelte.

„Was ist mit Mama?“, fragte Fíli.

Thorin schwieg einen langen Moment, bevor er seine beiden Neffen sanft dazu brachte, ein Stück von ihm abzurücken, um ihnen in die verweinten Gesichter schauen zu können.

„Ich musste ihr etwas sagen, das ihr sehr weh getan hat“, erklärte er.

Sofort drängte sich Kíli wieder an ihn, vergrub die Hände in der Weste seine Onkels und versteckte das Gesicht an dessen Schulter. Und Thorin ließ ihn, streichelte nur sanft über den dunklen Haarschopf.

„Warum?“

„In der Mine ist heute ein schwerer Unfall passiert, es gab eine Explosion.“

„Wo ist Vater?“

Kíli wusste nicht, warum Fílis geflüsterte Frage ihm solche Angst machte, warum er wieder anfing, leise zu weinen. Ihr Vater würde doch wiederkommen, nicht wahr?

„Er kommt heute Abend bestimmt wieder heim“, wisperte er deshalb, wehrte sich dagegen, als Thorin versuchte, den festen Griff seines Neffen zu lösen. Doch schließlich gab er nach und sah seinem Onkel ins Gesicht.

„Euer Vater wird nicht wiederkommen“, sagte Thorin ernst, strich den beiden Jungen sanft über die tränennassen Wangen. „Er ist zu Aule heimgekehrt und er wird dort auf euch warten.“

Stumm, in angstvollem Entsetzen, starrten die beiden Zwerglinge ihren Onkel an und Kíli spürte, wie Fíli neben ihm am ganzen Körper zu zittern begann.

„Du lügst!“, schrie Fíli dann plötzlich, schluchzte auf und wehrte sich so heftig gegen Thorins Umarmung, dass dieser ihn losließ. Und kaum hatte Thorin den Griff gelockert, sprang Fíli auf und rannte weinend hinaus.

„Fíli!“ Kíli rief seinem Bruder hinterher, wollte ihm folgen, doch wieder wurde er festgehalten. Er kämpfte darum, ebenfalls losgelassen zu werden, doch gegen den unnachgiebigen Griff seines Onkels hatte er keine Chance und irgendwann gab er auf, drängte sich stattdessen mit einem leisen Wimmern in Thorins Arme.

„Warum kommt Papa nicht wieder?“, schluchzte er.

„Weil seine Zeit mit uns leider nicht länger dauern sollte“, Thorins Stimme war sanft und er zog seinen Neffen noch näher an sich, als dieser haltlos zu weinen begann.


-~*~-



Seit diesem Tag war Thorin da gewesen. Immer. Kíli hatte keine Vorstellung davon, wie Fílis und sein Leben ausgesehen hätte ohne ihren Onkel, der alles getan hatte, um ihnen ein Vater zu sein.

Thorin hatte ihnen beigebracht, was sie wissen mussten, er hatte ihre Wunden versorgt, wenn sie hingefallen und ihren Übermut gebremst, wenn sie zu wild gewesen waren.

Thorin war wie ein Fels gewesen, beständig und stark. Ein Halt, wenn sie ihn gebraucht hatten, Schutz, wenn sie ihn gesucht und mahnendes Wort, wenn sie es nötig gehabt hatten.

Ihn jetzt so zu sehen, leblos und hilflos, schwach, war schlimmer als jeder Moment zuvor in Kílis Leben. Schlimmer noch, als ihn durch das Feuer auf Azog zustürzen zu sehen und zu wissen, dass sie zu spät kommen würden, um ihm beizustehen.

Warum hatte er nicht seinen Bogen benutzt? Warum hatte er diesem Ungeheuer nicht einen seiner Pfeile zwischen die Augen gejagt? Warum hatte er stattdessen tatenlos zugesehen und sich gefühlt, als würde das, was bisher sein Leben gewesen war, mit jedem Schlag, den Azog gegen Thorin richtete, ein Stück mehr auseinandergerissen werden?

Warum war es Bilbo gewesen, der den Mut gehabt hatte, das zu tun, für was sie alle zu entsetzt gewesen waren? Warum hatten sie nichts getan, während Bilbo sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um Thorin, um ihren König zu retten?

Wozu hatte es denn genutzt, dass Thorin niemals versucht hatte, ihm sein Geschick für Pfeil und Bogen zu verbieten, wenn er im entscheidenden Moment versagte?



-~*~-


Kíli saß missmutig am Rand des Übungsplatzes und warf kleine Steinchen gegen die Felswand. Schwert und Schild lagen neben ihm. Er hatte nicht vor, sie heute noch einmal zu benutzen, auch wenn Balin das vermutlich anders sehen würde.

Erst, als ein Schatten über ihn fiel, sah Kíli auf, senkte aber beinah sofort wieder den Blick.

„Onkel Thorin …“, murmelte er betreten.  

Also hatte Balin noch nicht einmal bis zum Ende der Mittagsübungen gewartet. Und Kíli hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, was sein Onkel ihm gleich sagen würde.

„Balin hat nach mir geschickt.“ Die Strenge in Thorins Stimme sorgte dafür, dass Kíli unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern zog. „Er sagt, du hättest den Unterricht ohne Erlaubnis abgebrochen, herumgebrüllt und seiest dann weggelaufen.“

Diese Worte allerdings ließen Kíli jede Scham vergessen, stattdessen loderte dieselbe Wut in ihm nach oben, die er auch auf dem Übungsplatz empfunden hatte.

„Das stimmt so nicht!“, brauste er auf, sprang auf die Beine und ballte zornig die Fäuste.

„Wieso bist du dann hier und nicht auf dem Platz bei deinen Übungen?“

Wieder wollte Kíli aufbegehren, sich verteidigen, doch dann biss er sich auf die Lippe und wandte sich ab. Ja, er war weggelaufen, er hatte Balin angeschrien und ihn ignoriert, als er ihm befohlen hatte zu bleiben. Aber er war nicht ohne Grund gegangen! Er war nicht grundlos kurz davor gewesen, seinem verfluchten Übungspartner seinen Schild um die hässlichen Ohren zu hauen, um ihm endlich das lose Mundwerk zu stopfen! Und dem ganzen kichernden und Maulaffen feilhaltenden Rest gleich dazu!

„Nimm dein Schwert.“

Kílis Kopf fuhr bei diesem Befehl wieder herum und er starrte seinen Onkel ungläubig an.

„Muss ich es noch einmal sagen?“, fragte Thorin ungeduldig, während er sein eigenes Schwert aus der Scheide zog.

Hastig schüttelte Kíli den Kopf, trotzdem war der Griff zu seinem Schwert und Schild nur zögernd. Er sollte gegen Thorin kämpfen? Selbst, wenn er geschickter wäre, als er es war, hätte er gegen seinen Onkel keine Chance!

„Beine weiter auseinander“, korrigierte Thorin sofort und ungerührt ob der Unsicherheit seines Neffen. „Den Schild höher … nicht so hoch! Schwertarm leicht gebeugt, nicht so verkrampft.“

Kíli bemühte sich, dennoch machten es auch Thorins Anweisungen nicht besser. Ebenso wenig, wie Balins Korrekturen es taten, gleichgültig wie oft dieser sie wiederholte. Das alles fühlte sich unnatürlich an, als würde es überhaupt nicht zu ihm passen. Ganz anders, als …

Doch er hatte keine Zeit, den Gedanken zu Ende zu denken, denn in diesem Moment griff Thorin ihn an. Im letzten Augenblick riss Kíli seinen Schild hoch, trotzdem ging er unter dem kraftvollen Schlag Thorins in die Knie.

„Steh auf“, forderte Thorin, kaum dass Kíli am Boden war. „Und höre auf, unaufmerksam zu sein.“

Der kühle Blick, mit dem Thorin ihn musterte, fachte den Zorn und die Aufsässigkeit in Kíli erneut an. Er rappelte sich auf, reckte trotzig das Kinn und hob den Schwertarm. Den nächsten Schlag Thorins parierte er, doch es dauerte nicht lange, bis er wieder am Boden lag.

Kíli spürte, wie ihm Tränen der Wut und der Scham in die Augen schossen und er biss sich auf die Zunge, grub die Nägel tief in die Erde unter seinen Fingern. Er würde nicht weinen, nicht vor Thorin.

Warum musste er auch mit diesem unnützen Schwert umgehen können?! Und warum war jetzt auch noch Thorin gekommen, um ihn zu demütigen, reichte es nicht, wenn alle anderen das taten?!

Er zuckte zusammen, als er die Hand seines Onkels spürte, die sich auf seine Schulter legte.

„Steh wieder auf“, sagte Thorin leise, anders dieses Mal. Sanfter.

Trotzdem entzog sich Kíli der Berührung. Er wollte die Enttäuschung in Thorins Augen nicht sehen.

„Kíli, steh auf.“

Wieder anders. Mahnend, jetzt.

Noch einen Moment zauderte Kíli, dann aber erhob er sich doch, wagte es schließlich auch, seinen Onkel anzuschauen – und sah diesen mit einem Lächeln, das frei war von jeder Enttäuschung, nachsichtig den Kopf schütteln.

Kíli öffnete verwirrt den Mund, doch noch bevor er fragen konnte, hielt Thorin ihm ein in Tuch geschlagenes Bündel entgegen.

„Mach es auf.“

Neugierig zog Kíli an den Lederbändern, die das Tuch zusammenhielten, und als er erkannte, was sich darunter verbarg, starrte er seinen Onkel fassungslos an.

„Was ist?“, fragte Thorin amüsiert. „Hast du noch nie einen Bogen gesehen?“

Immer noch sprachlos vor Erstaunen strich Kíli zaghaft über das fein geschwungene Holz. Thorin, ausgerechnet Thorin, gab ihm einen Bogen?

„Siehst du das Schild dort drüben?“

Wieder riss Thorins Stimme ihn aus seinen Gedanken und er nickte, als er Thorins ausgestrecktem Arm mit Blicken folgte.

„Triffst du es auch?“

Kíli grinste. Zwischen ihm und dem Wegweiser lagen vielleicht zwanzig Schritte. Natürlich würde er treffen.

Thorin deutete sein selbstsicheres Grinsen wohl richtig, denn er schnalzte tadelnd mit der Zunge. Dann hob er herausfordernd die Brauen. „Schließ‘ die Augen.“

Kílis Grinsen verblasste. Er sollte mit geschlossenen Augen schießen? Doch dann kniff er die Lippen zusammen und griff entschlossen nach dem Bogen und einem der Pfeile. Und sofort, als er den Bogen in der Hand hielt, wurde er ruhig.

Das hier fühlte sich so anders an, als das kalte und harte Metall eines Schwertes. Das Holz gab nach, wurde warm unter seinen Fingern. Es fügte sich ihm, es lebte. Es war … richtig.  

In stiller Konzentration fixierte Kíli sein Ziel. Er hätte nicht erklären können, was er tat, oder wie er es tat, doch als er die Sehne ganz spannte, die Augen schloss und den Pfeil losließ wusste er, dass er treffen würde.

Und er traf.

Längst nicht die Mitte, gerade so den äußersten Rand, doch der Pfeil hatte sein Ziel nicht verfehlt.

Strahlend vor Stolz drehte Kíli sich zu seinem Onkel um, der ihn noch immer mit diesem nachsichtigen Lächeln ansah.

„Gut gemacht“, lobte er.

Doch da war etwas in seiner Stimme und in seinem Gesicht, das Kílis Freude und Stolz dämpfte. Sein Lächeln verblasste und er sah weg.

„Balin sagt, Pfeil und Bogen sind keine Waffe für einen Zwerg“, murmelte er.  „Richtige Zwerge würden mit Schwert und Axt kämpfen und nicht mit dem Firlefanz der Elben.“

Noch immer hielt er den Blick gesenkt, daher sah er auch nicht das unwillige Stirnrunzeln, das über Thorins Miene glitt. Erst, als sein Onkel zu ihm trat und ihm den Arm um die Schultern legte, hob er wieder den Kopf.

„Balin ist ein ehrenwerter Krieger“, begann er. „Doch er scheint vergessen zu haben, dass wir nicht alle mit den gleichen Talenten geboren sind.“

„Aber … du hasst die Elben auch“, wisperte Kíli tonlos.

Und er konnte den Abscheu, den sein Volk für die Elben hegte, verstehen. Aber was konnte er dafür, dass er für den Schwertkampf einfach kein Geschick aufbringen konnte und stattdessen Talent im Umgang mit der Waffe dieses verhassten Volkes zu haben schien?

„Muss ich deswegen ihre Waffen verachten, wenn sie dir einen guten Dienst erweisen und du Geschick in ihrer Beherrschung beweist?“

Zögernd schüttelte Kíli den Kopf. Dennoch wagte er es nicht, sich Hoffnung zu machen, gab nur einen unwilligen Protestlaut von sich, als Thorin ihm durch die Haare strich wie er es früher getan hatte, als Kíli noch ein Zwergling gewesen war.

„Ich werde Balin anweisen, dass du ab morgen Unterricht im Umgang mit Pfeil und Bogen erhalten sollst“, verkündete Thorin dann und noch während Kíli ihn ungläubig anstarrte, irgendwo zwischen Hoffen und Bangen, sprach er auch schon weiter. „Er scheint auch vergessen zu haben, dass es in unserem Volk Krieger gibt, die diese Waffe beherrschen, wie es keines dieser Spitzohren besser könnte.“

Als Kíli endlich begriff, dass sein Onkel es tatsächlich ernst meinte, breitete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus, das er einfach nicht zurückhalten konnte und am liebsten hätte er Luftsprünge gemacht. Endlich würde er lernen können, richtig mit Pfeil und Bogen umzugehen!

Thorin lächelte zwar, hob gleichzeitig aber beschwichtigend die Hand. „Du wirst dich bei Balin entschuldigen. Gleichgültig, was geschehen ist, das rechtfertigt nicht dein Verhalten ihm gegenüber.“

Kíli nickte aufgekratzt, selbst das konnte die Euphorie, die er empfand, nicht dämpfen. „Danke, Onkel Thorin, du hast …“, sprudelte es aus ihm hervor, aber Thorin unterbrach ihn erneut und jetzt sorgten seine Worte doch noch dafür, dass Kílis Lächeln einen Knacks bekam.

„Du wirst trotzdem lernen müssen, mit einem Schwert umzugehen“, erklärte er nachdrücklich, hob die Brauen, bis Kíli schließlich mit einem Nicken seine Zustimmung gab. Wenn auch nur widerwillig und heftig schluckend, um den trotzigen Kommentar zurückzuhalten, der ihm auf der Zunge lag.

„Von nun an wirst du es allerdings von mir lernen, ebenso wie Fíli.“

Kílis Kopf ruckte nach oben, erstaunt schaute er seinen Onkel an. „Von dir?!“

Sein Onkel konnte doch unmöglich Zeit dafür haben, ihnen Unterricht zu geben! Und er sollte mit Fíli zusammen lernen, der ihm nicht nur fünf Jahre voraus, sondern ohnehin geschickter mit Schwertern war, als er?

Doch Thorin nickte. „Es erspart Balin weitere graue Haare, hält deine Kameraden nicht unnötig auf – und ich weiß, dass ihr lernen werdet, was ihr lernen müsst“, endete er; sanfter, als er die Düsternis bemerkte, die sich bei seinen ersten Worte auf Kílis Gesicht gelegt hatte. „Nicht jeder deiner Gegner wird weit genug von dir entfernt sein, um ein Opfer deiner Pfeile zu werden, Kíli“, fügte er hinzu.

Kíli wusste, dass sein Onkel Recht hatte. Er wusste auch, dass der Unterricht mit Thorin und Fíli ihm sicher mehr Spaß machen würde, als die Übungen mit Balin und dieser Trollbande. Und er wusste erst Recht, dass seine verstockte Wut auf Schwerter und Äxte aller Art vor allem daran lag, dass er bisher nicht die Waffe hatte führen dürfen, die seiner Natur zu entsprechen schien.

Jetzt war das anders.

Also nickte er. Und als er das Lächeln auf Thorins Gesicht sah, wusste er auch, dass er gerade das Richtige getan hatte.
 
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