Break my fall

von Cuke
KurzgeschichteRomanze, Familie / P16 Slash
Malcolm Reese
03.02.2013
15.06.2014
8
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03.02.2013 852
 
Die Rollen in unserer Familie sind klar verteilt, ebenso wie unsere Zukunft festgelegt ist, da gibt es keine Unklarheiten. Mom weiß, was sie will und bekommt es immer. Sie ist also der Chef im Haus. Dad ist der gute Geist in unserer Familie, vertraut aber immer blind in die Meinung seiner Frau. Mein größter Bruder heißt Fancis, er war immer das Problemkind und als unsere Eltern nicht mehr fertig mit ihm wurden, schickten sie ihn auf eine Militärakademie. Mittlerweile wohnt er in Alaska und ist verheiratet. Reese ist ein Jahr älter als ich. Den Großteil seines Hirns steckte Gott in seine Hände. Das ist sowohl Fluch als auch Segen, da er zwar als gefährlicher Schlägertyp verrufen ist, aber gleichzeitig ein begnadeter Koch ist. Dewey ist zwölf Jahre alt und ein Wunderkind auf dem Klavier. Ihm steht vermutlich eine große Karriere bevor. Unser Jüngster heißt Jamie und bereicherte unsere Familie vor anderthalb Jahren. Tja und ich bin irgendwo in der Mitte.
„Herr Gott nochmal, warum müssen dir mir immer im Sommer, wenn es am heißesten ist, Überstunden aufbrummen?“, stöhnte Mum.
„Och Schatzi, ich wünschte, ich könnte dir irgendwie die Arbeit abnehmen. Die wissen eben, was für eine tolle Frau du bist und schätzen deine Fähigkeiten, deshalb ist jede Minute, die du länger arbeitest, überlebenswichtig für Lucky Aide. Soll ich dir ein Fußbad machen?“
„Danke Hal. Den größten Gefallen würdest du mir tun, wenn du jetzt etwas isst. Es reicht schon, wenn einer von uns darunter leidet.“
Dad, der bis eben hinter Mom gestanden und sie massiert hatte, gab sich geschlagen.  „Nachher werde ich dich aber am ganzen Körper eincremen.“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu, doch Mum stütze geschafft den Kopf in die Hände. Sie seufzte. „Oh Hal, was würde ich nur ohne dich machen.“ Ich verzog das Gesicht beim Gedanken daran, wir sie nackt auf dem Bett lag, alle Viere von sich gestreckt, während Dad wie ein Geier über ihr hing und das Öl überall auf Mom verteilte. Dabei liefen ihm lange Spuckefäden das Kinn hinunter. Meinen Brüdern erging es mit dem Kopfkino anscheinend nicht besser – Dewey rief „Ih!“ und Reese schob seinen Stuhl zurück und verschwand in unser Zimmer, nachdem er allen mitgeteilt hatte, dass ihm nun der Appetit vergangen sei. Flugs sicherte ich mir sein übriges Stück Hähnchenflügel, bevor Dewey schneller war. Dieser zog gerade anderweitig meine Aufmerksamkeit auf sich, da er wild mit seinen kleinen Händen herumfuchtelte, um ein Klavierspiel anzudeuten. Dabei sah er erwartungsvoll zu unseren Eltern, die es nicht bemerkten oder ignorierten.
„Drei unbezahlte Rechnungen sind uns heute auch noch ins Haus geflattert und -“ Sie holte tief Luft und schrie Richtung unser Zimmer: „Reese, die Ermahnung, die ich im Müll gefunden habe, darfst du ausnahmsweise verbrennen, ich kann mich nicht auch noch mit euren Problemen rumschlagen!“ Dewey zog eine Schnute. „Jetzt ist mein Talent also auch schon ein Problem für dich. Du bist ja so egoistisch; wenn mir einmal im Leben etwas wichtig ist, kümmert dich natürlich nur dein eigener Kram!“ Ich verstand, und an Dads betretenem Gesicht konnte man wie in einem Buch lesen. Nur Mom sagte entsetzt: „Junger Mann, so sprichst du nicht mit deiner Mutter und ich verstehe gar nicht, was das soll. Du weißt doch genau, wie stolz wir auf deine Klavierkünste -“ Mom hielt inne und man sah förmlich die Glühbirne über ihrem Kopf anspringen.
„Oh Gott, Dewey, dein Vorspiel! Ich habe es tatsächlich vergessen. Ich muss morgen arbeiten, wie soll ich das denn sonst alles aufholen?“ Sie wandte sich verzweifelt an Dad.
„Tja, wenn es wirklich nicht geht, fahre ich morgen allein mit Dewey. Ich werde mich einfach kurzfristig krankmelden.“ Dewey heulte. „Ich will aber, dass ihr beide dabei seid! Ihr habt es versprochen!“ Mir war die Situation unangenehm und ich wollte mich unbemerkt davonschleichen, doch Moms Arm war schneller. „Moment! Du wirst morgen meine Schicht übernehmen und Reese wird dir helfen, sonst schafft ihr das nicht. Ich werde wegen eurer Faulheit nicht das Vorspiel meines Sohnes verpassen.“
Das kann doch nicht wahr sein. Ich arbeite ebenfalls bei Lucky Aide, das heißt ich müsste zwei Schichten plus Überstunden erledigen und dann noch mit Reese! „Aber…“, setzte ich an. „Kein aber!“, donnerte Mom. „Geh jetzt auf dein Zimmer und sag Reese bescheid. Ich werde derweil Craig anrufen.“ Es war zwecklos, Widerstand funktionierte bei Mom nicht, ganz im Gegenteil; der Schuss würde nach hinten losgehen. Mit hängenden Schultern trottete ich in unser brüderliches Schlafzimmer. Reese versuchte gerade zwei Pole eines Magneten, die sich abstießen, mit Kleber zu verbinden. Ich seufzte. „Reese, vergiss es, das wird nie halten, das ist physikalisch gesehen unmöglich.“
„Erspar mir deine Klugscheißerei, du Genie.“ Er hatte noch nicht aufgegeben.
„Meine Klugscheißerei wirst du morgen den ganzen Tag ertragen müssen, Mom hat uns ihre Schicht aufgedrückt, weil sie Deweys Wettbewerb vergessen hat.“
„Das hast du ja mal wieder klasse hingekriegt, du Penner!“ Das Magnetteilchen flog in meine Richtung, aber ich konnte rechtzeitig ausweichen. „Und das auch noch am Samstag!“ Der zweite Magnet klatschte gegen meine Schläfe. „Au!“, jaulte ich. „Ich hab’s mir doch auch nicht ausgesucht!“
Reese verließ das Zimmer, nachdem er noch einmal kräftig gegen mein Schienbein getreten hatte.
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