As you are

KurzgeschichteFamilie / P12
Ansgar von Lahnstein Carla von Lahnstein Leonhard von Lahnstein
02.02.2013
02.02.2013
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Ein schmaler Lichtstrahl fiel durch die nur angelehnte Tür, er hörte Stimmen. Es waren die Stimmen seiner Mutter und seines Vaters. Vorsichtig und fast lautlos spähte er durch das Schlüsselloch um einen Blick auf den festlich geschmückten Baum zu erhaschen, doch er befand sich außerhalb seines Winkels. Plötzlich hörte er Schritte, wich erschrocken zurück. Er wollte zur Treppe hinauf, doch er schaffte es nicht rechtzeitig zu entkommen.

„Na, mein Junge, kannst du mal wieder nicht abwarten?“, vernahm er die sanfte und liebevolle Stimmer seiner Mutter hinter sich. Er drehte sich um, fühlte sich ertappt, etwas beschämt. Doch er wusste, sie konnte ihm nicht böse sein. Sie war ihm nie böse, denn sie liebte ihren Jungen auf eine ganz besondere Art- und Weise, ja, sie verehrte ihren Sohn fast ein wenig.

Schuldbewusst nickte er. „Ja, Mama, ich war neugierig, es tut mir leid“, sagte er mit gesenktem Kopf. Seine Mutter sah ihn mit einer Mischung aus leicht tadelndem Blick und Nachsichtigkeit an und versuchte, ihr aufkommendes Gefühl, ihren Jungen einfach nur an sich zu ziehen, zu unterdrücken. Sie konnte ihm nicht böse sein, das ging einfach nicht. Dennoch wusste sie, dass sie ihn nicht zu sehr verziehen durfte, ihn genauso wie seine Geschwister mit der nötigen Härte erziehen musste, was ihr nur meistens nicht gelang.

„Geh noch ein wenig nach oben in dein Zimmer und spiele. Wenn die Bescherung losgeht, so lasse ich dir Bescheid geben, ja?“, sagte sie ihm. „Ja, ist okay, Mama“, antwortete ihr Sohn und stiefelte nach oben.

„Hat der Junge wieder vor der Tür gelungert?“, fragte ihr Mann stirnrunzelnd als sie wieder in den Salon kam, wo der große bunt geschmückte Tannenbaum stand und um den die Geschenke herum aufgebaut waren. „Du kennst ihn doch.“ „Er soll oben bleiben, bis die Bescherung losgeht. Dass er nicht einmal so wie seine anderen Geschwister artig abwarten kann.“ „Jetzt mache aber nicht so einen Akt davon, als hätte er sonst etwas angestellt“, sagte Francesca. „Ja, mir ist schon klar, dass Ansgar bei dir Narrenfreiheit besitzt, du musst mir das nicht immer wieder extra beweisen, indem du alles was er tut, herunterspielst.“ Johannes hatte sich in Rage geredet. Francesca sah ihren Mann milde an, zog ihn zu sich in die Arme. „Du weißt warum ich Ansgar mehr Liebe gebe, warum ich ihn oft vorzieh´ gegenüber den anderen Kindern“, sagte sie leise. „Du musst mich nicht immer dran erinnern“, gab Johannes schlecht gelaunt zurück. „Es war kein Vorwurf, mein Schatz. Wirklich nicht. Aber unbewusst habe ich eben Schuldgefühle, weil er nicht mein leiblicher Sohn ist. Das Verrückte ist, dass ich ihn so sehr liebe, als wäre er mein eigen Fleisch und Blut.“ Johannes sah seine Frau nachdenklich an. „Ja, ich weiß, ich weiß, wie nah ihr euch seid. Tut mir leid, ich bin zu streng zu dem Jungen, zu oft. Einer muss das ja ausgleichen. Ich kann ihn einfach nicht so annehmen wie meine anderen Kinder, er erinnert mich einfach immer wieder an diese unsägliche Affäre.“ Francesca strich ihrem Mann über den Arm. „Denk nicht darüber nicht, jedenfalls nicht heute, ja?“

Konzentriert blätterte Ansgar in einem Buch über Insekten, er besah sich die verschiedenen Käferarten und Spinnen und las interessiert über deren Vorkommnisse in den verschiedenen Teilen der Welt. Er war so vertieft, dass er nicht bemerkte, dass sein Bruder Leonard in sein Zimmer platzte. „Na, du Stubenhocker, liest du wieder in deinen blöden Büchern über deine komischen Käfer?“, zog er ihn auf. Ansgar sah nicht hoch, ignorierte seinen Bruder, der ihm über die Schulter sah. Leonard zog die Stirn kraus. „Ist ja eklig“, sagte er angewidert. Jetzt reichte es Ansgar. Er ließ das Buch zuklappen und drehte sich blitzschnell um, sah Leonard drohend an. „Hau ab, geh in dein Zimmer und lass mich in Ruhe.“ Leonard ließ sich nicht beeindrucken. „Du bist echt ein komischer Kauz. Warum gehst du nicht mal Fußball spielen oder machst normale Sachen. Kein Wunder, dass die anderen Jungs nicht mit dir spielen wollen, du bist echt so seltsam.“ Etwas in Ansgars Augen veränderte sich, sie nahmen einen kalten harten Ausdruck an. Leonard hatte seinen empfindlichsten Punkt getroffen. Doch er wollte sich nichts anmerken lassen. Sein Bruder sollte nicht merken, dass er ihn verletzt hatte. So sah er ihn nur von oben herab an. „Spiel du nur Fußball. Prügel´ dich mit den anderen Jungs, wenn´s dir Spaß macht. Aber du wirst im Leben nicht viel erreichen, während ich einmal das ganze Schloss übernehmen werde.“ Leonard sah Ansgar verächtlich an. „Träum weiter, Ansgar“, sagte er herablassend. Dann boxte er ihn in die Seite. Er wollte seinen Bruder provozieren, ihn anstacheln, damit er anfing sich zu wehren. Doch Ansgar tat ihm den Gefallen nicht. Er hatte keine Lust sich zu prügeln. „Hör auf, Leonard“, sagte er nur und hielt den Arm seines Bruders fest, der ihn zum wiederholten Male treffen wollte. Er griff fest zu, so dass Leonard aufjaulte. „Ansgar, du tust mir weh“, sagte er, denn er hatte sich nur zum Spaß prügeln wollen. In diesem Moment kam Francesca ins Zimmer. „Streitet ihr euch schon wieder?“, fragte sie tadelnd, und die beiden Kampfhähne schossen auseinander. Leonard, der wusste, dass er bei seiner Mutter oft den Kürzeren zog, verzog ängstlich das Gesicht. „Leonard, warum ärgerst du deinen Bruder? Er hat dir nichts getan und du provozierst ihn ständig.“ Ansgar sah Leonard hinter dem Rücken seiner Mutter herausfordernd lächelnd an. Sein Bruder streckte ihm die Zunge heraus. Das sah Francesca. „Leo!“, tadelte sie. „Das will ich nicht mehr sehen. Du weißt, dass wir gleich Bescherung feiern, und ich glaube, du wirst heute keine Geschenke, sondern eine Rute vom Weihnachtsmann bekommen.“ „Der blöde Weihnachtsmann kann mich mal, gibt doch eh keinen“, sagte der sechsjährige und ging dann in sein Zimmer, nicht ohne noch einmal einen wütenden Blick auf seinen großen Bruder zu werden.

„Na, mein Junge, studierst du wieder deine Käfer?“, fragte Francesca ihren Sohn liebevoll und strich ihm durch sein volles, dunkles Haar. Sie bemerkte wieder einmal, wie ähnlich er seiner Mutter Maria äußerlich war. Die Haarfarbe, der leicht olivfarbene Teint und die vollen, sanft geschwungenen Lippen. Sie spürte, wie sich ihr Herz vor Liebe zusammenzog als Ansgar sie anstrahlte und sagte: „Ja, Mama, das ist total interessant, wusstest du, dass es 350 000 Käferarten gibt weltweit? Ganz schön viel, oder?“ Francesca schüttelte den Kopf. „Nein, das wusste ich nicht. Ich finde es schön, dass du so viel Interesse hast an diesen Dingen.“ „Ja, mich interessieren auch nicht nur Insekten, Mama. Ich habe hier auch ein Buch gelesen über Flugzeugbau. Das ist auch sehr interessant. Wenn ich nicht einmal die Firma übernehmen würde, dann wäre ich gerne Pilot oder Flugzeugbauer geworden. Oder Forscher. Aber ich bin ja der Älteste, und da werde ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen müssen, und Firmenoberhaupt werden.“ Francesca biss sich auf die Lippen um nicht loszulachen, bei Ansgars altkluger Formulierungsweise. Sie strich sanft über seinen Arm. „Ja, du wirst eines Tages die Firma übernehmen, du bist der Älteste. Und ich bin mir sicher, dass du das sehr sehr gut machen wirst. Du bist ein sehr kluger Junger, und ich bin sehr stolz auf dich.“

„Mama?“ Ansgar sah sie fragend an, seine seewassergrünen Augen blickten etwas unsicher, und Francesca wusste, er hatte etwas auf dem Herzen. „Ja, mein Großer?“ Ansgar zögerte, traute sich nicht so recht auszusprechen was ihn bedrückte. Er stand von seinem Schreibtisch auf und ging zu seiner Mutter, die auf seinem Bett saß. Francesca spürte, dass er in diesem Augenblick der unsichere, ängstliche Ansgar war, nicht der selbstsichere nie um eine Antwort verlegene, und zog ihren Sohn an sich. Ansgar ließ es zu, dass sie ihn auf seinen Schoss zog. Auch mit seinen neun Jahren hatte er keine Probleme damit, dass seine Mutter ihn liebkoste und genoss ihre Zärtlichkeiten. Eine Zeitlang saßen Mutter und Sohn einfach nur da. „Warum bin ich anders?“, fragte Ansgar auf einmal unvermittelt. Francesca sah ihn erstaunt an. „Wie meinst du das?“, wollte sie wissen. Ansgar druckste ein wenig rum, dann sagte er: „Alle machen mich immer blöde an, ob in der Schule oder hier zu Hause Leonard, weil ich keine Lust habe, mit denen zu raufen oder Fußball zu spielen. Die verstehen nicht, dass mir das nichts bringt und dass ich lieber Bücher lese oder Dinge erforsche.“ Francesca, die ihrem Sohn aufmerksam zugehört hatte, sah ihn jetzt liebevoll an bevor sie antwortete: „Ansgar, das ist nicht schlimm, wenn man etwas „anders“ ist als die anderen Kinder, das darfst du sein.“ Sie strich Ansgar eine Strähne seines schulterlangen dunklen Haares aus der Stirn. „Ich will aber nicht anders sein als andere, ich will dazugehören.“ Francesca biss sich auf die Lippen. Es tat ihr weh, als sie sah, dass ihr Sohn unglücklich war. „Das tust du doch, Ansgar, du gehörst dazu. Weißt, du, es ist leichter mit dem Strom zu schwimmen und so zu sein, wie die meisten Leute es vorgeben. Wenn du zum Beispiel einen Anführer in der Klasse hast, und der gibt immer vor, was zu tun ist, und alle anderen machen das nach und hören auf ihn, so ist das mit dem Strom schwimmen, verstehst du das?“ Ansgar nickte. „Aber wenn du sagst, das ist nichts für mich, ich möchte meine eigene Meinung haben und machen was ich will, worauf ich Lust habe, und wenn du ganz du selbst bist, so ist das viel mehr wert, und es ist viel mutiger.“ Ansgar sah seine Mutter jetzt erstaunt an. „Bin ich mutig?“, fragte er. Sie nickte stolz und sah ihn liebevoll an. „Ja. Das bist du. Für mich schon. Du bist etwas ganz Besonderes. Die meisten Jungs in deinem Alter prügeln sich oder spielen Fußball, sie ärgern die Mädchen oder klauen irgendwas im Geschäft. Du aber bist sehr vernünftig für dein Alter, du machst deiner Mutter keinen Kummer, du bist klug und weißt schon heute, dass du mal was ganz Tolles werden willst, dass du die Firma übernehmen möchtest und hast Vorstellungen wie dein Leben mal aussehen soll.“ Ansgar sah sie nachdenklich an. „Neulich hat mir der blöde Frederic aus meiner Klasse mein Buch weggenommen und mich in der ganze Klasse verspottet weil ich mich für Insekten interessiere. Alle haben gelacht.“ Er sah zu Boden. Francesca wäre es, als würde man ihr das Herz herausreißen. Sie wäre am liebsten zu diesem Frederic gefahren und hätte ihn zur Rede gestellt. Doch sie zwang sich, ruhig zu antworten. „Alle? Wirklich alle?“, wollte sie wissen. Ansgar überlegte kurz, dann sagte er: „Melissa nicht. Sie hat nicht mitgemacht. Sie hat dem Frederic die Zunge herausgesteckt.“ Francesca atmete auf. „Diese Melissa scheint ein vernünftiges, kluges Mädchen zu sein", befand sie. Sie blickte Ansgar an, und ihr entging nicht, dass ihr Sohn leicht errötete. Er schien Gefallen an dieser Melissa gefunden zu haben. „Du magst sie wohl recht gern?“, fragte Francesca Ansgar. „Sie ist okay“, sagte Ansgar lapidar und Francesca beschloss nicht weiter zu bohren. „Ansgar, ich möchte dir sagen, dass ich finde, dass du ein ganz ganz toller Junge bist, und dass ich dich genauso liebe wie du bist. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden, hörst du? Du bist etwas ganz Besonderes, und aus dir wird mal ein richtig toller Mann, das weiß ich.“ Ansgars Augen, die auf Francesca gerichtet waren, wurden dunkel, und auf einmal war ein Glanz in ihnen. Die Gräfin wusste, dass sie Ansgar erreicht hatte mit ihren Worten. Ihr Sohn sah ihr direkt in die Augen, und Francesca spürte einmal mehr das unsichtbare Band zwischen sich und dem Jungen. „Danke, Mama“, sagte Ansgar dann. Francesca schluckte, damit die aufsteigenden Tränen nicht liefen, und sah ihn dann auffordernd an. „Komm, ich glaube, wir gehen nach unten, dort gibt es sicherlich gleich die Bescherung. Was meinst du?“ Ansgar nickte und nahm dann die Hand, die Francesca ihm entgegenstreckte. Zusammen gingen sie die Treppe nach unten.

Der Tannenbaum strahlte hell und gab ein wunderschönes Licht an den Raum ab. Graf Johannes von Lahnstein stand mit feierlicher Mine da und erwartete seine Kinder Ansgar, Leonard und die kleine Carla. Die drei kamen nacheinander in den Raum und blieben mit großen Augen vor dem Baum stehen um den zahlreiche Geschenke lagen. Sie waren fast ehrfürchtig, denn Weihnachten war immer etwas ganz Besonderes für sie, auch wenn sie alles bekamen was sie sich wünschten, und mit allem Materialistischem ausgestattet waren, so liebten die Kinder Weihnachten doch sehr.

Nachdem Johannes einen Toast ausgesprochen hatte und alle gemeinsam einige Weihnachtslieder gesungen hatten, konnte die Bescherung losgehen.

Die siebenjährige Carla durfte zuerst ihre Geschenke auspacken. Ungeduldig warteten Leonard und sein Bruder Ansgar darauf, dass die blondgelockte Schwester endlich ihre Puppen und Malsachen an sich gedrückt hatte, bis sie endlich an der Reihe waren. Leonard riss unachtsam das Geschenkpapier herunter bis er die Spielsachen in den Händen hielt, was ihm einen vorwurfsvollen Blick seitens Francescas einbrachte, Ansgar hingegen versuchte, dass Papier nicht zu beschädigen und öffnete die Pakete langsam und bedächtig. „Das Papier benutzen wir eh kein zweites Mal, du kannst ruhig reißen“, ermutigte Johannes seinen Ältesten etwas ungeduldig, aber Ansgar ließ sich nicht beirren. Erfreut erblickte er ein neues Buch über Flugzeugbau, ein paar Modelbaukästen, einen Fotoapparat und einen Schaukasten mit Schmetterlingen, des weiteren ein paar neue Kleidungsstücke. Während Leonard die auch ihm geschenkten Anziehsachen achtlos in die Ecke pfefferte, so stellte sich Ansgar hin und hielt sich die Hemden vor den Körper um Maß zu nehmen. Francesca bemerkte einmal mehr wie unterschiedlich ihre beiden Söhne doch waren.

In dem ganzen Gewusel der ausgepackten Geschenke registrierte niemand, dass der Tannenbaum Feuer gefangen hatte. Erst als schon eine Flamme von den Kerzen emporstieg, und es verkokelt roch, schrie Francesca auf. Johannes rief sofort nach Personal, damit der Brand gelöscht werden konnten. Zwei Haushälterinnen und der Butler kamen in Windeseile und hatten die Flammen recht schnell wieder unter Kontrolle gebracht. Als das Personal wieder aus dem Raum gegangen war, sah Johannes seinen Ältesten an. „Wieso bist du immer so unachtsam, Ansgar?“, polterte er. Ansgar sah traurig zu Boden. Eigentlich war er sicher, dass er nichts gemacht hatte, dass er nicht an dem Brand schuld war. Er hatte vielmehr Leonard in Verdacht, der mit seinem neuen Fußball unachtsam gewesen war. Doch für seinen Vater stand fest, dass er schuld war, und so hatte es auch keinen Sinn, dagegen anzugehen.

„Du weißt doch gar nicht, ob es Ansgar war“, sagte Francesca zu Johannes, der sie daraufhin vorwurfsvoll ob ihres Einwurfs ansah. Francesca wusste, dass für Johannes Ansgar einfach der Schuldige war, und das ärgerte sie. „Vater, aber ich habe den Tannenbaum nicht angerührt“, versuchte sich Ansgar zu rechtfertigen, aber sein Vater sah ihn nur mit durchdringendem Blick an. Leo hingegen spielte fröhlich weiter mit seinem Fußball im Salon. Es war recht offensichtlich, dass statt Ansgar vielmehr der sechsjährige Leonard der Verursacher des Feuers gewesen war.

Auf einmal stand Ansgar auf und ging wortlos hinaus. Er hatte genug gehört. Es würde wohl immer so sein, dass er bei seinem Vater der Sündenbock war. Immer wieder spürte er, dass er nicht so geliebt wurde wie seine Schwester Carla oder sein Bruder Leonard. Ansgar ging hinunter in die Küche. Er hoffte, dass die Köchin Frau Linse noch dort wäre. Er hatte Glück. Sie war noch immer mit dem Zubereiten der Speisen für den Abend beschäftigt. Sie drehte sich um als sie Schritte hörte, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus als sie Ansgar entdeckte. Sie mochte den Jungen. Er war zwar dann und wann vorlaut, aber hatte dennoch immer eine Schmeichelei im petto. „Ansgar, warum bist du nicht oben mit deinen Eltern und Geschwistern und feierst?“, wollte sie wissen. Ansgar druckste ein wenig rum, dann erzählte er Frau Linse alles. Sie rührte weiter in ihren Schüsseln und Töpfen herum hörte aber aufmerksam zu. Als Ansgar geendet hatte, wandte sie sich ihm zu. „Ach Junge“, sagte sie in ihrem breiten Dialekt, „Dat is aber auch nit immer alles so einfach mit den Herrschaften, dat glaub ich dir. Aber isch bin dennoch davon überzeugt, dass der Graf dich genauso liebt wie deine anderen Geschwister.“ „Ich glaube das nicht, Frau Linse. Warum ist es dann so, dass ich immer schuld bin, obwohl ich gar nichts gemacht habe?“, wollte Ansgar wissen. Darauf wusste Frau Linse auch keine Antwort. „Aber weißt du was? Isch mach dir erst mal einen richtig schönen heißen Kakao, dann sieht die Welt gleich anders aus.“ Sie setzte Milch auf und rührte dann, als diese kochte, das Kakaopulver unter, stellte die dampfende Tasse vor Ansgar hin. „Danke“, bedankte sich Ansgar artig und verbrannte sich prompt die Zunge weil er nicht warten konnte. „Ansgar! Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du warten sollst, Jung´?“ Doch Frau Linse konnte ihrem Ansgar nie wirklich böse sein, dazu mochte sie ihn viel zu gerne.

Als Ansgar seinen Kakao ausgetrunken hatte, bemerkte er, dass Frau Linse das Essen fertiggekocht hatte. Er wusste, er würde gleich nach oben müssen und dort mit seiner Familie essen. Doch er hatte keine Lust dazu. Viel lieber würde er hier unten in der Küche mit den Angestellten essen und den Abend verbringen. „Frau Linse?“, fragte er zaghaft. „Ja, mein Junge?“ „Kann ich heute Abend nicht hier essen, bei euch?“ Frau Linse zögerte. „Aber deine Familie möchte dich doch sicher oben bei sich haben, meinst du nicht?“ „Das ist mir egal“, sagte Ansgar mit trotzig vorgeschobener Unterlippe. „Ich bleibe einfach hier“, beschloss er dann. „Du kannst meinen Eltern sagen, dass ich nicht hochkomme“, sagte er dann noch mit Nachdruck.

Es dauerte keine fünf Minuten nachdem das Essen oben im Speisezimmer aufgetragen wurde, da kam ein wütender Johannes die Treppe zur Küche herunter. „Ansgar!“, polterte er. „Sofort nach oben.“ Doch Ansgar rührte sich nicht. „Ich zähle bis drei“, drohte Johannes. Ansgar reagierte nicht, auch nicht bei „drei“. Dann riss Johannes den Jungen unsanft vom Stuhl und wollte den sich widersetzenden Ansgar mit sich zerren. „Vater, lass mich“, sagte Ansgar. „Du tust mir weh.“ Frau Linse konnte es nicht mit ansehen. Sie nahm all ihren Mut zusammen. „Mit Verlaub, Graf Lahnstein, Sie tun dem Jungen doch weh.“ Frau Linse schloss kurz die Augen. Sie hatte die Stelle als Köchin noch nicht so lange und hatte Angst einen großen Fehler gemacht zu haben. Aber das war ihr in diesem Moment egal. Egal war ihr jedoch nicht, wie der Graf mit seinem Sohn umging. Johannes sah Frau Linse total perplex an. „Ich bezahle Sie nicht damit Sie mir sagen, wie ich meinen Sohn zu erziehen habe“, herrschte er sie an. „Nein, Sie haben recht, es geht mich nichts an, aber ich habe Ansgar sehr gerne, und er möchte eben hier bei uns den Abend verbringen, warum soll er das nicht dürfen?“ Wieder sah der Graf seine Angestellte erstaunt an. Er ließ Ansgar los. „Wenn du es vorziehst, mit den Angestellten den Heiligen Abend zu verbringen, bitte. Es hat ja eh keinen Zweck mit dir, du machst ja eh was du willst oder nur Ärger.“ Sein Tonfall war so kalt und hart, dass Frau Linse zusammenzuckte. Sie hatte innerliche eine ziemliche Wut auf den Grafen, ließ sich aber nichts anmerken. Sie war sehr froh, als Johannes wieder die Treppe hinaufgepoltert war. Sie hatte schon seit längerem den Verdacht, dass der Graf seinen Sohn Leonard Ansgar ständig vorzog und am heutigen Tage war es ihr mal wieder so richtig bewusst geworden.

Auf einmal bemerkte Frau Linse Ansgars Tränen. „Um Himmels Willen, Junge“, sagte sie bestürzt und holte ein Taschentuch aus ihrer Schürze, reichte es Ansgar. Dieser schnaubte kräftig hinein. Frau Linse konnte nicht anders, sie nahm Ansgar in die Arme und drückte ihn an sich. Als das Schluchzen leiser wurde, sah der Junge die Köchin ernst an. „Wenn ich mal groß bin, dann heirate ich dich, dann habe ich immer was Leckeres zu essen“, sagte er. Frau Linse schmunzelte. „Ja, aber ich bin dann viel zu alt für dich.“ „Du bist doch nicht alt“, sagte Ansgar. Frau Linse wusste, jetzt ließ Ansgar wieder den kleinen Charmeur raushängen, und es gefiel ihr. Sie wuschelte dem Jungen durch die schönen dunklen Haare und begann dann das Essen für sich und die anderen Bediensteten aufzutun. Ansgar gab sie eine besonders große Portion vom Rehrücken mit Pfifferlingen und Kroketten, denn sie wusste, dass der Junge ihre Kochkünste liebte und immer gerne zulangte.

So wurde Ansgars Weihnachtsfest doch noch sehr schön. Als es spät wurde und er zu Bett musste, verabschiedete er sich artig von Frau Linse und den anderen Angestellten und ging die Treppe nach oben. Als er in seinem Zimmer war zog er sich aus und seinen Schlafanzug an. Dann legte er sich ins Bett. Er konnte jedoch nicht schlafen. Er dachte immer wieder darüber nach, dass ihm ein Weihnachtsfest mit den Bediensteten in der Küche lieber gewesen war als zusammen mit seiner Familie zu feiern. Sicher, er liebte seine Mutter von Herzen und er liebte seine Schwester Carla. Seinen Bruder Leonard hingegen mochte er nicht wirklich und sein Vater war immer nur streng oder ungerecht zu ihm. Ansgar fühlte sich oft, als würde er nicht wirklich dazugehören, wie ein Außenseiter in seiner eigenen Familie. Er nahm sich vor, dass – wenn er später mal Kinder haben würde – er alles besser machen würde. Es tat Ansgar nicht nur weh, dass Johannes ihn grob angefasst hatte, sondern auch dass er ihn sofort verdächtigt hatte, Schuld am Baumbrand zu sein. Fast wären Ansgar wieder die Tränen gekommen, doch er zwang sich, sie aufzuhalten. Er wollte nicht schon wieder weinen.

Irgendwann, als er schon fast eingeschlafen war, kam Francesca in sein Zimmer. Sie setzte sich an sein Bett. Ansgar tat als würde er schlafen. Francesca strich Ansgar über den Kopf, ganz langsam, immer wieder. Dann bemerkte sie, dass Ansgar nicht wirklich schlief. „Du bist ja noch wach“, sagte sie. „Ja, ich konnte nicht schlafen“, sagte er leise. „Hast du einen schönen Abend gehabt in der Küche?“, wollte Francesca wissen. Ansgar nickte. „Es tut mir leid, dass Johannes dich verdächtigt hat. Ich habe schon mit ihm gesprochen, ihm gesagt, dass du es nicht warst.“ Ansgar murmelte etwas vor sich hin, so dass Francesca merkte, dass Ansgar schon fast eingeschlafen war. Es tat ihr weh, dass ihr Ältester vorzog in der Küche mit den Angestellten Heiligabend zu verbringen, doch sie konnte es auch verstehen. Johannes behandelte Ansgar mit einer Strenge, die er nicht verdient hatte. Doch so oft sie auch versuchte, ihn davon abzubringen, so oft musste sie auch feststellen, dass es nichts brachte. Dann bemerkte sie, dass Ansgar ihre Hand drückte. Er öffnete noch einmal kurz die Augen. „Schon okay, Mama, ich bin der Älteste, ich kann das ab.“ „Mein Großer“, sagte sie liebevoll zu ihm. „Du bist schon so vernünftig.“ Ansgars Druck um ihre Hand ließ etwas nach. „Ich liebe dich, Ansgar“, sagte Francesca leise zu ihrem Sohn, fragte sich, ob er es noch hörte. Ganz ganz leise vernahm sie dann Ansgars bereits sehr schläfrige Stimme: „Ich liebe dich auch, Mama.“