Horizonte

von Teekon
KurzgeschichteAllgemein / P6
31.01.2013
31.01.2013
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Die Berge der Sierra zeichneten sich wie Sägezähne gegen den bunt gestreiften Himmel ab, weiß ihre Kappen, in zackigen Ausläufern eingegraben in die tiefen Felsrinnen, der Schnee, stahlgrau die Flanken, bis das Moos von blutigem Rot in helles Grün überging. Längst lagen die Rücken und Hänge in kriechendem Schatten, dessen Finger höher und höher krabbelten, immer wie Kletterer an Seilen hinauf von Zacke zu Zinne, bis sie das ganze Trogtal in ihr sommerliches Halbdunkel tauchten.

Welch prächtiges Farbenspiel sich da präsentierte! Golden-orangene Dreiecke, wie eingesteckt, füllten die Einschnitte zwischen den Gletscherspalten aus, eine Schicht feineren Gelbs darüber, ehe die filigranen Kristalle des Eises die letzten Strahlen der untergehenden Sonne einfingen und sie zu kräftigem Purpur zerbrachen. Und darüber legte sich wie eine Kuppel das Blassblau-violettblau des sternengespickten Nachthimmels mit seinen blinkenden Planeten und den Nachbarsonnen des Clusters.

Noch fielen Balken aus Licht bis hinunter auf die Wiesen und lichten Sträucherherden auf den teils steil, teils gemächlich abfallenden Böschungen, und das hochstehende Gras wiegte sich wie goldene Speere in einem angenehmen, heißen Wind, der in wirbelnden Böen herauf zog von den weiten, kargen Einöden, die von der Sonne längst ausgedörrt worden waren und sich irgendwo dort unten in weiter Ferne von einer Gebirgskette zur anderen erstreckten. Jetzt, wo die Dunkelheit Stück für Stück zunahm, konnte man sie von hier oben nur noch schemenhaft erblicken, die Luft darüber auch zu fortgeschrittener Stunde noch immer flickernd und flirrend.

Ein wogendes Meer mochten sie sein, vielleicht aber auch nicht. Wenn man genauer hinsah, erkannte man Bündel von Goldbartgras, dicht zusammenstehende Büschel aus Indianernesseln und Pferdeminze. Immer an den verborgenen Wasserläufen waren sie am höchsten, zu dieser Jahreszeit längst eingegraben unter rissigem Land, dunkler der Lehm, wo es verdunsten konnte, doch noch immer plätscherte genügend erfrischendes Nass von den Hängen herunter, wo schäumendes Eis sich aus dem Gletscher löste, erst tröpfelnd, dann gurgelnd, dann strömend, um hier unten in den Brunnen aufgefangen zu werden.

Die duftenden Rispen von Samtlupinen raschelten, und die Pfütze platschte, wie der kleine Kerl sich durch den ihn überragenden Bewuchs halb schlängelte, halb hindurch brach, und er wieselte so flink den flachen Abhang hinunter, wie er eben nur konnte. Hier gab es keinen ausgetretenen Pfad, nur die winzigen, schmalen Wildwechsel, die Dickhornschafe und Rehe nutzten und vielleicht ab und zu mal ein Puma, doch er kannte sie alle so gut wie die Taschen seiner Segeltuchhosen. Dunkelheit machte ihm keine Angst, allein hier draußen zu sein, das war er gewohnt, und sollte dennoch mal eine Klapperschlangenwurzel oder ein Gestrüpp aus Rutenhirse auftauchen, das letzte Woche, vor ein paar Tagen, noch nicht hier gewesen war, knickte er es einfach mit der Flinte um, wie es ein Elch mit seinem Geweih getan hätte.

Der Ruf des heimkehrenden Adlers, der in ausladenden Schleifen über dem Tal schwebte, der trieb ihn nicht an, dass er rannte wie von wildgewordenen Weltraumaffen gebissen, so schnell ihn die kurzen Beine nur tragen mochten, der Strohhut, ganz genau so einer, wie die Jungs sie aus Filz trugen, baumelnd an einem Lederbändchen auf seinem Rücken. Einen rumpelnden Takt schlugen Stiefel und Herz, und die mit leuchtend rotem Kunststoff ummantelten Patronen klirrten im Gurt dazu wie ein ganzes Fangxiang.

Die Grillen zwischen den Halmen ließen sich von dem Radau genauso wenig beeindrucken wie die Präriehunde auf ihren unterhöhlten Hügeln, die sie selbst aufgeworfen hatten, und mehr als einen kurzen, fiependen Warnruf – Achtung, Mensch! - konnte er ihnen nicht entlocken. Doch er kümmerte sich um sie kein Stück, voll konzentriert auf das eigene keuchende Atmen, wenn sich die schmächtige Kinderbrust hob und senkte wie ein Blasebalg in der Hufschmiede, und er rannte einfach weiter über Stock und Stein, geschickt und trittsicher.

Ein ausgetrocknetes Bachbett öffnete sich quer zur Laufrichtung des vielleicht sieben, acht Jahre alten Jungen, Staub schon in trägen Schwaden über abbrechenden Kanten schwebend, zu schwer, um weiter aufzusteigen, zu leicht, um sich zu setzen, doch statt die freie Schneise zu nutzen, um auf den Grund des Tals zu zuhalten, setzten die Beinchen zu einem gut abgepassten Sprung an. Der Rhythmus der hämmernden Stiefel wurde nur kurz unterbrochen, als könne er fliegen, ehe er wieder den Boden berührte und eine Wolke aus Kieseln und Dreck hinter ihm aufstob, so dicht, man hätte es vom anderen Ende des Valley erkennen können.

Hätte jemand dort unten herauf gesehen, er hätte sich keine Sekunde darüber gewundert und sich ohne den geringsten Zweifel vorstellen können, was oder wer da zu so später Stunde noch so eilig über die Kurzgrassteppe auf den oberen Hängen herunter fegte. Solchen Wirbel verursachten hier sonst nur erschreckte Kühe in Stampede oder ihre Freiheit genießende Pferde. Das Kind jedoch war allein und so winzig neben den Silberpfeilen des Präriegras, dass nicht mal der Haarschopf sichtbar wurde. Nur die lanzettenförmigen Blätter bogen sich und schunkelten regelrecht hin und her und durcheinander, wenn er durch sie hindurch brach.

Er ließ die Ranch links liegen, im wahrsten Sinne des Wortes, achtete nicht der so vertrauten Lichter, schaukelnd im sommerlichen Abendwind auf der Porch, ignorierte den heimeligen Schein, der von dem langgestreckten Hauptgebäude ausging. Ein gezupftes Banjo, das Stimmen der Fiddle-Seiten, es mischte sich mit dem Knarzen von Holz und dem blökenden Muhen der Tiere in ihrem frisch gezogenen Corral. Das Lachen der Männer, Leder auf Metall, nur in winzigen Fetzen drangen die Geräusche von dort unten herauf, wo die Scheune und die Ställe sich an die Flanken der Homestead schmiegten und die Nacht sich herabsenkte, das Ende der Arbeit einläutend.

Später. Die würden auf ihn warten, na klar, und sobald das Essen auf dem Tisch stand, würden die Rufe durch den Speisesaal hallen. Sich bücken würden sie und zwischen den Streben nach ihm suchen, in der Küche und unter der Treppe und sogar im Sand unter der Porch, halb genervt und halb amüsiert, ein kleines, so gut geübtes Spiel. Bis dahin konnte er zuhause sein, aber nicht jetzt. Manchmal gab es eben wichtigere Dinge im Universum als Linseneintopf mit Suppenfleisch und dampfendem Brot.

Den Schwung seines Laufs ausnutzend, hüpfte und sprang er die aus dem Boden ragenden Felsen hinauf wie eine junge Schneeziege, als wäre es eine perfekt gemeißelte Treppe, nur für ihn gemacht, und erreichte mühelos den von kriechenden Kräutern und eng an die Grasnarbe geschmiegten Kreuzblumen bedeckten Grat, der sein Ziel gewesen war. Hier wurde er mit einem Mal sichtbar, als wäre ein Geist aus der Erde gesprungen, ehe er sich augenblicklich duckte und sich regelrecht lang ausgestreckt in den Dreck warf wie ein guter Soldat, um – mehr aus Selbstschutz in gleichzeitigem Spiel – an den Abgrund heran zu robben.

Dafür brauchte er kein Fernglas. Das Untertal breitete sich unter seinen Augen aus, wie er den bröckeligen Kamm mit seinen winzigen Fingern umschloss, dass Wurzeln und Moos und krümeliges Gestein darunter abbrachen und mit der Schwerkraft nach unten segelten. Hier hatte der Gletscher, der Purple Valley einst in das Gebirge gefräst hatte, einen kräftigen Happen aus den Felsen gebissen, hatte rankendes Eis gen Südosten geschoben, wo sich nun die Straße einen steilen Hang in ausladenden Serpentinen hinauf schlängelte, um Mensch und Tier ins Obertal zu bringen. Ein genialer Platz für eine Trutzburg wie die Ranch. Und darunter, da öffnete sich ein weiter Kessel, flach und kreisrund der Grund.

Und da war sie. Wie immer. So als könne sie gar niemals fort sein, als wäre sie ein klobig geschnittener Fluh, der in diese Landschaft gehörte. Als wäre sie gar kein von Menschenhänden gemachtes Schiff. Die Farbe ihrer äußeren Hülle, Rotbraun und Messinggolden, wie Sedimentgestein, in Schichten übereinander gelegt und ineinander überfließend, fügte sich in das Bild ein, als wäre sie aus dem Fels entsprungen, und ihre 1400 Lux starken Scheinwerfer erhellten den Tobel dort unten, als wolle sie ein ganzes Stadion beleuchten. Oder zumindest stellte er sich das so vor. Was ein Stadion war, hatte er bisher nur erzählt bekommen. Ein endlos beglücktes Lächeln breitete sich auf dem zarten Kindergesicht voller kleiner Kratzer und Striemen aus.

Oh, sie war wunderschön! Die offene Luke rahmte ein aus Cargo und Containern aufgebautes Rondell ein, so als wolle man ein Gehege aus Licht aufbauen oder einfach nur eine Arena für ein Lagerfeuer und sehr viel Spaß, und darüber breitete der mit liebevoller Präzision aufgemalte Falke seine Schwingen aus auf der Nase des Frachters. Nichts Besonderes, nie gewesen, ein veraltetes Modell ohne die geringste Eleganz oder Windschnittigkeit, einfach nur ein kastenförmiges Ding mit Stabilisatoren an den Seiten, die Flügel hätten darstellen können. Die Tianji, die Horizon.

Am liebsten wäre er runtergesprungen, um sofort dort zu sein, wo die wohl vertraute schlacksige Gestalt mit dem leicht nachgezogenen Bein aus dem Bauch des Schiffs heraustrat und stehenblieb, um sich am schmutzigen Tuch auf ihrem blanken Schädel zu kratzen und etwas von ihren Lippen weg zu ziehen. So hell war es, dass die feinen Rauchschwaden einer billigen Zigarre selbst in der nun tief schattenhaften Dämmerung wirbelnd sichtbar wurden. Das Kind grinste und presste die kurze Flinte, ein notwendiges Übel hier draußen, selbst für so junge Hände, fester gegen die Rippen, um sie nicht zu verlieren, so nah am Abgrund. Er würde nicht die vier, fünf Meilen Umweg laufen müssen, oh nein. Bis er es zur Ranch geschafft hätte, wäre die Crew längst ebenfalls dort.

Obwohl ihm noch immer das Herz pochte von dem eben erst hinter sich gebrachten Wettrennen gegen sich selbst, stemmte der Junge sich wieder auf, dicke, von Schmutz stabilisierte Tropfen Schweiß auf der Stirn und unter der kurzen Wildlederjacke mit klassischem Yoke auf Rücken und Schulterpartien, und noch im Aufrichten drehte er sich schon herum. Die offene Weide lag vor ihm, und wenn er sich wirklich anstrengte, konnte er in weniger als fünf Minuten einmal quer über das Gras rennen. Keinen weiteren Atemzug verschwendend, setzte er den Plan in die Tat um und spurtete los, dass der Split nur so flog.

Die Ranch kam näher und näher, raste auf ihn zu, und man hätte einen Papierdrachen an seinem Gürtel befestigen können. Er wäre hoch in die Luft aufgestiegen, als wäre er die Horizon selbst. Die Geräusche wurden lauter, dutzende Arbeitsstiefel und Magnetschuhe auf geschliffenen Dielen und fröhliches Durcheinandergesabbel der Männer, Klirren von Geschirr und das Knarren von verrückenden Stühlen in einem wilden Gemisch, begleitet vom Duft des angekündigten Abendessens, und noch ehe er überhaupt den einladend erleuchteten Rahmen der offenen Tür erkennen konnte, wusste er es: Heute würden acht Stühle mehr an der Tafel stehen.

Wie ein Geschoss kam er über sie, die gedeckten Farben seiner Kleider in der Dunkelheit kaum auszumachen, hätte er nicht schon von Weitem gebrüllt vor Freude wie ein durchgeknallter Grizzly, und er trudelte in die Arme des Mannes vor den Stufen der Porch wie eine abgelenkte Patrone. „Cody!“ kreischte er dabei, wie er aufgehoben und herumgewirbelt wurde, der seltene Gast selbst ein lautes „whoa!“ johlend, das Kind wie einen schweren Sack Mehl hochwerfend, um ihn in sicherem Griff wieder aufzufangen.

Über das ganze Gesicht strahlte der Junge, den er da festhielt, seine Augen glitzernd im Schein der warmen Laternen, und Cody McCluskie musterte ihn kurz streng, als könne er das überhaupt – streng sein. „Langsam wirst du zu schwer für sowas, nanhai,“ beschloss er schließlich, grinste und setzte ihn ab und auf die staubigen Stiefelsohlen, aber das Kind überhörte das vollkommen und spiegelte nur den gleichen Gesichtsausdruck wieder. Scheißegal, und wenn er 300 Pfund auf die Waage bringen würde. Niemand könnte ihn je davon abhalten, das erstbeste Crewmitglied anzuspringen. Mutter hätte ihm für dieses Wort eine saftige Ohrfeige verpasst. Umso mehr genoss er es, diesen Haufen zu sehen.

„Hey, Zwerg!“ grüßte schon die Nächste, vom mechanischen Muli herunter steigend und ihm zu zwinkernd, und das Kind hatte gar keine Chance, sie alle genauso enthusiastisch Willkommen zu heißen wie gerade noch den Co-Piloten, denn von hinten wuschelte man ihm schon durch die Haare, ein übliches stummes Hallo des Einäugigen, und er konnte nur dastehen und sie alle anlachen, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Seine Helden. Seine Idole. Jeder einzelne von ihnen, vom niedrigsten Lageristen bis zum stolzen Captain.

Der Captain. Da stand er. Sein breitschultriger Schatten füllte den Türrahmen aus, das Licht hinter ihm die Silhouette schwärzend und glitzernde Sterne in seinen Rücken stellend, so als wäre er an den Himmel gemalt. Den schweren Staubmantel hatte er entweder auf dem Schiff gelassen oder bereits abgelegt, und die beiden Waffen, der Blaster zur Linken, der altmodische Vorderlader zur Rechten, zogen den Holstergürtel ungleichmäßig gen Stiefelspitzen. Den legte er angeblich nicht mal zum Baden ab.

Dem Jungen schoss eine Hitze aus Bewunderung den Hals hinauf, sichtbar selbst in der Nacht von Purple Valley, und er zauberte ein schiefes Lächeln auf das so viel höher aufragende Gesicht, und Captain Garrett schubste sich die Krempe seines Hutes aus der Stirn, um ihn besser ansehen zu können, den anderen Daumen in die Schlaufen seiner Hosenträger verhakt. „Buckaroo,“ sagte er, dass es fast wie eine Frage klang, wie ein Aufruf zur Loyalität. 'Bist du noch mein Adjutant? Kann ich mich auf dich verlassen?' Was für eine Frage.

Fast automatisch nahm der Siebenjährige eine Haltung ein, die er sonst nur aus HoloBüchern kannte, die er nachahmte, wenn er nachts heimlich im Bett gelesen hatte und aufsprang, um im Nachthemd zu salutieren. Den Orden, die Marke auf der Brust des Captains, der vierzackige Stern im Dreieck, Auszeichnung für die Teilnahme an der Raumschlacht von Triumph, den brauchte er nicht einmal zu sehen, um ihn förmlich unter den Fingern zu spüren.

Genauso wie auf Signal entspannte sich Baz Garrett und knickte ein wenig nach vorn und zur Seite ein, stemmte die zweite Hand in die Hüfte und lachte, nicht amüsiert oder belächelnd, sondern befreit und berührt zugleich, ehe er einen Schritt nach vorn machte und dem Jungen eine Hand auf die Schulter legte, sie fest zu drücken. Ihn anzuspringen, sich ihm an den Hals zu werfen wie grad noch bei Cody, oder wie er es bei Lee, die sich nun am Captain vorbei ins Haus zwängte, oder später bei Sherman tun würde, das hätte er nie gewagt. Zu weit oben. Viel zu weit. Aber trotzdem ganz nah.

Der Mann beugte sich zu ihm herunter, noch immer die kräftigen, schwieligen Finger in seiner Halsbeuge, streichelnd fast, und das Kind hätte den Moment einsaugen können wie einen Milchshake mit den dicken Strohhalmen. Er roch nach Leder und Schießpulver, als käme er direkt aus einem Duell, nach synthetischem Schmiermittel und nach dem Kiefernholz, aus dem seine Koje gemacht war. Das Militärabzeichen klirrte, die Knöpfe quietschten, und die silberne Kette verschwand unter seinem Bibshirt-Kragen wie eh und je. „Schön, dich zu sehen, Yinghuochong.“

Stumm geschlagen, Glanz in den blauen Augen, stand der Junge nur da mit offenem Mund, das Herz noch immer pochend von der Anstrengung seines Laufs, und vermutlich wären Kind und Mann dort stehen geblieben, bis die Sonne sich über die westlichen Berggipfel geschoben hätte, wäre Annie nicht dazu getreten, ein Trockentuch in der einen Hand, eine Suppenkelle in der anderen. „Würd' er nicht grad Moskitos fangen,“ spielte sie auf das Scheunentor zwischen Zähnen und Lippen an, „er würd' 'hallo' sagen.“ Baz Garrett grinste und warf ihr einen zwinkernden Seitenblick zu.

Die Wirkung, die eine Landung der Horizon jedes Mal auf Annies Buben hatte, war weder neu noch besonders überraschend, und wenn er ehrlich war, genoss Baz das sogar. Eine schönere Begrüßung konnte es kaum geben, das schaffte keine Fanfare und kein Konfetti, diesen kleinen Stern zu ersetzen. Seufzend, als hätte er eine große Anstrengung hinter sich gebracht, stieß der Captain sich an seinem eigenen Knie ab, um sich aufzurichten, und die Hand, feste Hornhaut zwischen Daumen und Zeigefinger, klopfte auf die so zerbrechlich wirkende Schulter. „Na los, Essen fassen, Cowboy!“

Und diesmal tat er es wirklich, die Hacken so fest zusammen schlagend, dass es widerhallte im Trog des Tales: Das Rückgrat durchdrückend, flogen die ausgestreckten Finger hoch an die verdreckte Schläfe, wie das Kind schwungvoll zum Salut ansetzte. „Jawohl, Sir, Captain, Sir!“ proklamierte er, und nicht auch nur eine weitere Sekunde zögernd, lehnte er sich vorwärts und stob durch die schmale Lücke zwischen den Beinen des Mannes und dem langen Rock seiner Mutter hindurch in den hell erleuchteten Speisesaal, wo augenblicklich ein allgemeines Johlen anhob.

Auf der Porch zurück blieben die Rancherin und der Flieger. Längst waren seine Jungs – und da bezog er Chang Lee mit ein – drinnen verschwunden, hatten sich am Tisch niedergelassen mit den Wranglern und den Vaqueros, wo Whiskey und Bier ausgeschenkt wurden, das meiste davon selbst hergestellt oder aus dem nächstgelegenen Dorf herbeigeschafft. 40 Meilen südwärts. Ihre Stimmen, ein Tohuwabohu aus Gröhlen und Lachen und Singen und Scherzen, erfüllten die langgezogene Halle genauso wie der Duft der Mahlzeit, das Klackern der Essstäbchen und das sanft gelbe Licht von trangespeisten Laternen. Hier draußen aber zirpte das Grillenkonzert.

Längst war der so breite Streifen am Horizont, dessen Farbe dem Hochtal in Shadows Sierra Eterea seinen poetischen Namen eingebracht hatte, zu einem tiefen Samtblau ausgeblichen, und die Sterne daran glitzerten nun mächtiger und weniger überstrahlt. Hier draußen, in unmittelbarer Nähe zur Heliopause, war der Verkehr nicht so dicht, waren die bewohnten Planeten und Monde nicht so nah bei einander, und obwohl der Raum über ihnen dreidimensional war, konnte Annie schwören, nein, brauchte das nicht mal, um zu wissen, in welche Richtung seine Blicke schweiften. Baz verschränkte die Arme vor der Brust und nahm einen Atemzug bis hinunter in die hintersten Winkel seines Zwerchfells. In die Unendlichkeit, und noch viel weiter.

Sie lächelte still und sagte kein Wort, überließ ihm diese Initiative selbst. Das war er. Nie wirklich ganz anwesend und trotzdem vollkommen bei der Sache, dass man ihm niemals ehrlich böse sein oder sich übersehen fühlen konnte. Von selbst kehrte er zurück, auch wenn sein Herz noch da oben verweilte, wie er „danke“ brummte und auf ihr augenblicklich folgendes, fragendes Geräusch nur mit dem Kinn über die eigene Schulter deutete, ohne es weiter zu erläutern. Was genau er damit meinte, das würde er nicht sagen. Und wahrscheinlich war es sowieso alles zusammen. Annie lugte ebenfalls dort hinein, wo der Junge kreischend von Thal und Morgan hochleben gelassen wurde, und die Fiddle spielte dazu.

Ein gemeinsames Abendmahl, ein Abschiedsfest für die Crew, anders als sonst, aber das verstand das Kind noch nicht und würde es auch nicht, erklärte man es ihm zwischen Eintopf und Brot und Tanz. Noch viel zu klein dafür sein eigener Horizont, noch nicht so hochtrabend und frei und purpurfarben. Später vielleicht würde er an den klammen Fensterscheiben kleben und Ausschau halten nach den beiden riesigen Scheinwerfern, wenn sie den Repulsor begleiteten im Sinkflug, im Winter, wenn Schnee und Dunkelheit und Langeweile ihn daran erinnern würden, dass es Geschichten am Kamin gab von Triumph und von Whitefall und Persephone.

„Und du glaubst, ihr könnt das Feuer finden?“ erkundigte sich Annie nicht zum ersten Mal, längst aufgehört, die Suppenkelle trocken zu reiben, wie sie mit der einen Hand das Fliegengitter zuzog und sich von außen gegen den Türrahmen lehnte. Es schloss den Lärm nicht wirklich aus, filterte nur das Licht, so dass Schattenspiele auf sein Gesicht fielen, als er sich halb zu ihr herumdrehte. „Ja,“ flüsterte er förmlich, heiser und kratzig aus dem Hals heraus. Aber das war eigentlich gar nicht wichtig. „Ich hab's so satt, Annie.“

Zuvor hatten sie darüber gesprochen, nachdem er ihr von diesem waghalsigen Abenteuer erzählt hatte, auf das sich die sieben Crewmen unter ihm einzulassen gedachten. Keine andere hätte es so selbstverständlich hingenommen. Baz wusste das, bewunderte das an ihr mit der selben klaren Reinheit, mit der das Kind zu ihm aufschaute. Es machte alles so viel leichter und gleichzeitig so unendlich schwer. Nicht genug, ihn davon abzuhalten. Die Feuer. Die Leuchtfeuer. Die Kette. So viele Namen hatten die Bojen im All, Transblau, und doch waren sie im Bewusstsein weiter entfernt als göttliche Sphären.

So satt. Wie sie immer wieder fragten, immer wieder ihre Agenten schickten, geschniegelte Lackaffen in feinen Anzügen und gut sitzenden Uniformen, niemals müde wurden. Die großen Helden von Triumph zurückriefen. Nur ein Feldzug noch, nur der nächste, dieser eine, dann wäre alles abgegolten, die Pflicht des wackeren Bürgers, des treuen Soldaten. Längst keine Bitten mehr. Drohungen. Und wenn es etwas gab, das Bazil M. Garrett nicht leiden konnte – mochte das für einen alten Kämpfer noch so seltsam erscheinen – dann war es, das Ende einer Befehlskette zu sein. Nie mehr.

Der ultimative Ausweg, das Absprungbrett, raus aus dem Netz zwischen Blau und Weiß und Rot, wo die Registriernummer seines Babies ihn jederzeit in ihr Bewusstsein zurück und in ihre Reichweite brachte. Nur noch Proviant aufnehmen hier draußen bei Annie und ihren Jungs und dann los. In die endlose Schwärze. Mit ihren wunderschönen Clustern und Nebeln und Wolken. Er seufzte innerlich, die eigenen blauen Augen noch immer gefangen in den einladend glitzernden Sternen am Himmel über der Ranch.

Schwungvoll, fast wie zu einer Drehung im Tanz, wandte er sich ihr zu, als wäre ihm der Gedanke so mächtig ins Hirn geschossen wie ein Schiff beim Eintritt in die Atmosphäre auf die Planetenoberfläche zudonnern würde, und der Captain grinste. „Ihr kommt schon zurecht,“ befand er, bestimmt nickend mit geschürzter Lippe, und Annie prustete und schob sich das wellige Brünett von der Schulter, die Augen rollend. „Bist du verrückt?“ konnte sie nicht fassen, dass er das überhaupt nur in Erwägung gezogen hatte, gleichzeitig schon längst begreifend, wie wenig ernst gemeint es gewesen war.

Niemanden kannte Baz, der so lebenstüchtig war wie Annie. Nein, um sie brauchte man sich keine Sorgen zu machen. Sie hatte alles im Griff. Jeden Jungbullen, jedes bockige Pferd, jede aufmüpfige Ranchhand, egal für wie tough die Kerle sich halten mochten. Sie schoss sowieso schneller. „Pass mir auf den Xia auf,“ fuhr er fort, als hätte er jeden Zug dieses Gedankenganges laut mit ihr geteilt. „Er ist 'n guter Junge, aber manchmal ist da nur kongxu in seinem Schädel.“ Mit den Knöcheln seiner Finger klopfte er sich gegen den eigenen Skalp, dass es hohl pochte, und Annie grinste ohne Wiederworte, wie ihr gespanntes Trockentuch ihn hart in der Flanke traf.

Wie lange das Purple Valley in dieser Nacht erleuchtet blieb, die Saiten klangen und befeuchtete Kehlen dazu sangen, das zählten weder Adler noch Präriehunde. Irgendwann tanzten drei oder vier Männer in ein paar von Annies alten Kleidern auf dem Tisch einen Can Can, angefeuert von grölendem Shant, und mindestens ein Stuhl ging zu Bruch, als die Jungs mal wieder ausprobieren wollten, ob Sherman Claibornes Beinprothese wirklich aus Titan war, aber das waren die einzigen Ausfälle der Festivität.

„Bangjile! Großartiges Shindiq!“ befand Doc Washington mit seiner Augenklappe, wie er endlich die drei Stufen von der Porch hinunter auf den staubigen Vorplatz nahm, und seine Hand wischte streichelnd über Annies Oberarm. Wortkarg wie eh und je. Ein Abschied ohne Abschied. Sie berührte nur seine Fingerspitzen, die ihr schon entglitten. „Nur mit dir!“ gab sie das Kompliment zurück, erwartete keine weitere Erwiderung und erntete auch keine. Lee winkte längst vom Muli herunter, das Cody schon wendete, die restlichen Jungs auf dem Hänger. Keiner würde jetzt noch etwas sagen, ihre letzten Sätze zu ihr gesprochen. Nur Baz stand noch auf den Dielen.

Dass er nachkommen würde, zu Fuß, einmal noch festen Boden unter den Stiefeln, das hatte er ihnen längst gesteckt. Sie warteten nicht mehr, ob er es sich anders überlegen würde. Das tat Captain Garrett nie. Der Motor jaulte hoch, und die Crew der Tianji verschwand in der nur langsam heraufziehenden Dämmerung dieser Sommernacht. Keine Stille. Warmes Rauschen des Windes in den hüfthohen Gräsern und das sanfte Muhen der Rinder hüllten die nun schlafenden Wände der Homestead ein, und winzige, grellgrüne Glühwürmchen saßen in den Büscheln um die in die Erde gerammten Pfosten der Porch. Auch er würde keine weiteren Worte mehr verschwenden.

Annie wusste das, wusste auch, was nicht gesagt wurde. Jetzt wieder in den langen, von Flicken übersäten Staubmantel gekleidet, dessen schwere Schösse über das rissige Holz kratzten, den Filzhut in den Nacken geschoben, hockte er auf dem Geländer und atmete. Vielleicht am besten so, ihn genau in dieser Pose in Erinnerung behalten, bis er eines Tages mit schlohweißem Haar vom Trail zurückkehren mochte – konnte doch gut sein, wieso nicht – knuffte sie ihn in die Schulter und drehte sich herum, und Annie schlüpfte durch Fliegengitter und Tür ins Haupthaus hinein und schloss ab. Und Baz blieb allein.

Und er wartete. Auf das Ende der Welt. Auf die Sonne. Auf Erleuchtung. Auf die Ganzheit des Universums. Auf Munen, auf kongxu. Auf den Jungen. Ja, stimmte schon, oft genug dachte er keinen Moment lang nach, ehe er handelte, aber das machte ihn noch lange nicht dumm. Zu viel von Annies Leben geerbt. Geduldig in seinem Bett gelegen, bis ihre Schritte verhallt waren, bis Ruhe eingekehrt war in seinem Zuhause, bevor er sich aus den Federn schwang und ans Fenster schlich, und wo er niemanden sonst entdecken konnte als seinen Helden, stemmte er die Scheibe hoch und lugte darunter hervor.

„Captain Garrett, Sir?“ fragte das Stimmchen, sein rundes Kindergesicht vom immer mondlosen Sternenhimmel seines Heimatplaneten beschienen von unirdischer Klarheit. Am liebsten hätte Baz gelächelt und konnte es nur mit Mühe unterdrücken. „Soldat?“ Das allein genügte als Aufforderung, und umständlich zwängte sich der Siebenjährige in seinem blütenweißen Nachthemd durch einen engen Spalt hinaus auf die Porch. Wie eine Gestalt aus dem Märchen sah er aus, Sterntaler, so viele Jahre zurück erzählt, wenn Baz selbst auf den Knien seiner Mutter unter dem Bullauge der Luftschleuse gesessen und hinaus geschaut hatte in die unendliche Finsternis des Raums – vesselborn.

Da stand er, barfuß, die Zehen spielten miteinander genauso wie die Finger, aber zu frieren schien er nicht. Die Luft war mild, der Wind hatte sich fast komplett gelegt, dass die Fahne der Familie am hohen Masten nur noch hin und wieder leise klickte. Er biss sich auf die Lippe, das konnte Baz aus dem Augenwinkel erkennen, wie er selbst noch immer die Konturen der Hänge und Bergrücken ringsherum musterte, sie sich ein für allemal einzuprägen, sollte er sie in seinen Träumen sehen wollen. Es lag ihm auf dem Herzen, das war offensichtlich. Wohl doch nicht so schwer von Begriff, wie gedacht. „Sir, ist es wahr, Sir?“

Jetzt musste er grinsen und die Augen schließen, und sich mit der Hand unter die Nase greifend, verbarg der Captain seine Erkenntnis, bereits nickend. „Ja, xiaodongxi, es ist wahr,“ bestätigte er, was das Kind gehört hatte in all der Fröhlichkeit des schönen, ausgelassenen Abends, und eine zerreißende Mischung aus bebendem Entsetzen und stolzem Verlangen zeichnete sich in den weichen Zügen unter dem wirren Haarschopf ab. Die Horizon würde fort fliegen. Und nicht zurückkehren. Für viele, viele Jahre nicht.

Auf den unschuldigen Regenbogenhäuten, in makellos schwarzen Pupillen, spiegelten sich die Ereignisse, die er erleben mochte, ehe er wieder hier stehen würde mit dem Captain, mit Sherm, mit Thalis, mit Morg und Lee und Doc Josh, mit Sam und Cody, und Baz schwor in diesem Moment, er habe nie und würde nie wieder ein Kind sehen, das so erwachsen war. Und war es nur für diese wenigen Herzschläge lang. Vielleicht konnte er sich selbst sehen, wie er dann sein, wer er dann sein würde. Wer konnte das schon wissen?

Immer noch im Sitzen auf dem Geländer, das Schulterblatt im Pfosten verhakend, wandte sich der Captain zu ihm herum, beugte sich weiter über das eigene Knie und stützte sich mit dem Ellbogen in die kräftige Sehne, während seine zweite Hand an die Krempe des Huts griff, um ihn von seinem Kopf zu ziehen. Wäre der kleine Kerl nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, er hätte die Erhabenheit des Momentes zu schätzen gewusst wie kein Zweiter. Baz Garrett nahm dieses Stück ausgebeulten Filzes nie ab. Genauso wenig wie den Holstergürtel. Nicht vor einer lebenden Seele.

Die silberne Kette klimperte nicht, sie gab kein Geräusch von sich, wie Baz sie sich abstreifte, das ewig platt gedrückte Fuchsbraun seiner Haare elektrisiert, und das immer gut unter Bib und Kragen verborgene Kreuz leuchtete im Schein der Gestirne, als habe er selbst die ganze Zeit einen echten Stern dort versteckt gehabt. Noch während das Kind stocksteif dastand, legte er ihm das viel zu lange Schmuckstück um und ließ das von seiner Brust warme Metall unter dem Nachthemd verschwinden. „Ich möchte, dass du das für mich aufbewahrst, Mal,“ bat er den Jungen mit beiden Händen auf seinen Schultern.

Sieben Jahre alt, schaute der Kleine dem Mann in die Augen, kehrte in die Gegenwart zurück und nickte, sobald die Bedeutung der Worte an sein Bewusstsein drang. Die winzigen Tränchen, die sich zu sammeln begannen, wischte ein schwieliger Daumen beiseite. „Hey.“ Mit Daumen und Zeigefinger griff er das Kinn und hielt es sanfter fest als ein Schmetterling auf einer Blüte sitzen konnte. „Vergiss das nicht: Niemand ist allein.“ Und die flache Hand berührte den Anhänger unter dem dünnen Stoff und drückte ihn gegen die schmächtige Brust.

Nicht länger durfte ein solcher Augenblick anhalten, wenn man noch so jung war. Baz zwinkerte, entschärfte den Sprengstoff und richtete sich wieder auf, dem Jungen durch die Haare wuschelnd. „Träum süß,“ wünschte er, sein Abschied auch hier wie ein simples zaihui, und der Junge, Annie Reynolds' einziger Sohn, salutierte stumm und krabbelte zurück in sein Zimmer, winkend an der Scheibe klebend, wo er ihn nicht mehr hören konnte.

„Träum süß. Von Sternen und von Freiheit.“ Captain Bazil Garrett rutschte lautlos vom Geländer und schlenderte davon in den aufziehenden Morgen, und Malcolm blieb am Fenster, bis die Horizon, die Tianjin, mit brausendem Antrieb die Gravitation überwand und als eigenes Leuchtfeuer in der ewigen Schwärze immer kleiner und kleiner wurde.
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