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Geschöpfe der Nacht

von jinkizu
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
Lucian Viktor
30.01.2013
16.07.2015
6
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30.01.2013 3.808
 
Ich war ein Kind der Nacht. Einer der Erben von Lucian. Seit er nicht mehr war, hat sich bei uns vieles verändert. Es haben sich andere zu unseren Anführern aufgeschwungen, doch satt uns, so wie einst Lucian, zu vereinen, brachen wir immer mehr auseinander. Ich habe mich von meinen Leuten abgesondert und blieb die meiste Zeit für mich.


Das war nicht ungefährlich für einen Lykaner, auch wenn ich kein Grünschnabel mehr war. Mehr als hundert Jahre machten mich zu einem der Erfahrensten unter uns. Für die Vampire war es nicht leicht mich zu fassen. Oh es gab viele die versuchten mich zu töten, aber ich war schneller, besser und sie, die Unsterblichen, am Ende tot.


Ich hatte noch nie einen Menschen verwandelt. Lucian hatte es mir verboten. Es sollte keine Neuen von unserer Art geben. Jedenfalls keinen der diese Bürde nicht freiwillig tragen wollte. Freiwillige gab es mehr als genug. Menschen, die Todkrank waren, suchten nach uns und fanden uns auch, wenn Lucian es zuließ. Die Menschen … sie sehen, was sie sehen wollen und sonst nichts.


Seit mehreren hundert Jahren lebten wir, wie die Vampire, mitten unter ihnen und keiner konnte uns sehen. Ich war wegen meiner Mutter und wegen einer Dummheit, was ich war. Meine Mutter war schwer krank und so suchte ich die Vampire auf um sie um Hilfe zu bitten. Ich hatte nichts. Kein Geld, kein Silber oder anderes Wertvolles das ich ihnen hätte bieten können. Nur mich.





Williams Bestien hatte ihn heute Abend zu Viktor geführt. Er war nur hier, weil die Nachkommen von William immer mehr zu einem Problem wurden. Zu Anfang überrannten sie nur die Siedlungen der Menschen, doch längst hatten sie auch begonnen die Domizile der Vampire anzugreifen. Ein Misstand den er nicht länger dulden konnte. Viktor musste endlich begreifen, dass diese Monster, einschließlich William, unschädlich gemacht gehörten.


Malachar war nahe einer der mächtigen Säulen stehen geblieben und wartete auf das Erscheinen von Viktor und seiner Tochter Sonja. Mit den Beiden wäre der Rat komplett und man konnte seine Anliegen vortragen. Viktor liebte seine großen Auftritte und ließ bewusst seine Verbündeten die Vampire und seine Schafe, die Menschen, warten. Als er endlich erschien, wollte Malachar sogleich nach vorne stürmen, doch eine junge Frau kam ihm zuvor.


„Bitte, Ihr müsst mir helfen!“, stieß sie verzweifelt aus, sobald sie vor Viktor stand.


„Mein liebes Kind, wer seid Ihr und wie können wir Euch helfen?“

Die gespielte Freundlichkeit in Viktors Stimme ließ selbst Malachar frösteln. Er ahnte bereits wie die Hilfe von Viktor aussehen würde. Ehe die Sonne erneut am Himmel erstrahlen würde, wäre die Frau tot.


„Ich bin Runa. Meine Mutter ist schwer krank. Ich fürchte das Schlimmste um sie!“ Ihre Stimme klang laut und klar im Raum. Sie war mutig, dass musste er ihr lassen, aber es würde ihr nicht helfen. Nichts konnte sie mehr vor dem Tod retten.


„Was gebt Ihr mir, wenn ich Euch helfe?“


Verzweifelt sah sie auf ihre leeren Hände.


„Ich besitze nichts, dass ich Euch geben könnte.“, erwiderte sie schwach.


„Das stimmt so nicht ganz.“ Viktor hatte sich von seinem Thron erhoben und schlich nun, gleich dem Raubtier das er war, um sie herum.


„Was ist mit Euch?“


Malachar konnte sehen wie Runa mühsam schluckte.


„Was wollt Ihr von mir?“ Ihre Atmung ging heftig bei ihren Worten. Nun hatte sie doch Angst.


„Ihr bleibt bei mir und ich werde sehen was ich für Eure Mutter tun kann!“ Eine weitere Lüge aus Viktors Mund. Er würde für ihre Mutter rein gar nichts tun.


Malachar konnte selbst davon ein Lied singen. Seine Verwandlung hatte er Viktor zu verdanken. Dieser stellte ihn vor eine grausame Wahl, nachdem er seine gesamte Familie getötet hatte.


„So nutz du mir nichts!“, hatte er ihn damals angebellt.


„Entscheide dich! Werde einer von uns und genieße meinen Schutz, oder stirb!“ Malachar hatte sich für ein Leben als Vampir entschieden. Eine Entscheidung die er schon viele Nächte lang bereut hatte.





Furchtsam schnappte ich nach Luft. Ich hatte große Angst vor diesem Mann und zum ersten Mal glaubte ich den Gerüchten, die sich um ihn rankten. Man erzählte sich er wäre kein Mensch, sondern etwas ganz anderes. Seine Augen, diese ungewöhnliche Farbe und dann seine Fingernägel. Spitz und scharf und bei näherer Betrachtung konnte ich auch seine langen Spitzen Eckzähne sehen.


Er forderte mich für das Leben meiner Mutter. Nervös presste ich die Lippen zusammen. Ich konnte es nicht sagen, auch wenn ich mich schon längst entschieden hatte. Ihn in meinem Rücken zu fühlen, weckte den Impuls in mir mich rasch zu ihm umzudrehen. Ich schwor mir es nicht zu tun, aber es war zu spät. Ich ertrug es nicht Viktor hinter mir zu fühlen.


„Nun wie lautet Eure Antwort?“ Seine scharfen Worte ließen mich erschaudern.


„Ich bleibe!“, hörte ich mich selbst sagen.


Dabei konnte ich ihn nicht ansehen, denn sonst wäre ich bestimmt davon gelaufen. Mein Blick blieb an einer hochgewachsene Gestalt nahe einer der hinteren Säulen hängen. Dunkle, schulterlange Haare und ein Gesicht wie ich sie von den Darstellungen von Engel an den Kirchenfenstern kannte. Eine Bewegung von Viktor ließ mich den Fremden vergessen und mich wieder auf ihn konzentrieren.


„Schafft sie fort!“, befahl er, ohne mich weiter zu beachten.



Stillschweigend ließ ich mich von seinen Schergen abführen.  Ich hatte Angst, aber für meine Mutter würde ich es tun. Das war der Tag an dem ich Lucian zum ersten Mal begegnet und er mein Leben für immer veränderte.


Das Lucian mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin, habe ich ihm nie wirklich übel genommen. Viktor schon. Meine Mutter starb kurz nach meiner ersten Verwandlung. Alles was ich getan hatte, war vollkommen umsonst gewesen. Viktor hatte nie vorgehabt mich zu helfen. Er brauchte lediglich Sklaven für sich und seine Vampire.



Da kam ich, eine dumme, willige Frau, gerade richtig. Frau war ich seitdem keine mehr. Ich folgte Lucian als er floh und blieb, ihm treu ergeben, bei ihm. All die Jahre jagte ich mit ihm die Vampire. Ich hasste sie mit jeder Faser meines Herzens.





Malachar roch sie bereits bevor er sie sah. Eine Lykanerin. Selten, aber dennoch gab es sie. Frauen die gebissen und danach zu pelzigen Bestien wurden. Er hatte nichts gegen sie. Malachar verachtete die Art wie Viktor mit den Lykanern umgegangen war. Dieser hielt sie wie Hunde. Dadurch war ein seit jahrhundert andauernder Krieg entbrannt.



Lykaner töteten Vampire und umgekehrt. Auch er hatte keine Wahl. Sobald er einen Lykaner sah war er gezwungen ihn zu töten. So wie auch diese Frau, oder Mädchen. Er konnte nicht erkennen wie alt sie war, oder wie sie aussah. Dafür war es zu dunkel. Raubtierhaft schlich er an sie heran, dabei achtete er darauf niemals den Wind im Rücken zu haben. Sie sollte erst wissen, dass er da war, wenn er sie hatte. Zwischen den Bäumen entdeckte er sie.



Sie war schlank, beinahe zierlich, aber er würde nicht den Fehler begehen sie zu unterschätzen. Er mochte einen Kopf größer sein als sie, doch besaß sie bestimmt genug Kraft es mit ihm aufnehmen zu können. Noch schien sie sich seiner Nähe nicht bewusst zu sein. Beinahe unbekümmert lief sie dahin und genoss offensichtlich das Mondlicht das ihr auf die Haut fiel.


Ihr Haar schimmerte beinahe silbern und er ertappte sich dabei wie er überlegte welche Farbe es wirklich hatte. Wäre sie ein Mensch, dann wäre er durchaus in Versuchung.





Ich war nicht mehr länger alleine. Jemand folgte mir. Ich erahnte seine Anwesenheit mehr, als ihn tatsächlich wahrzunehmen. Kein Laut, kein fremder Geruch nichts dergleichen war zu hören, oder zu riechen. Alles war wie es sein sollte und dennoch ließ sich dieses Gefühl nicht abschütteln. Ich beschloss schneller zu laufen umso festzustellen ob er mir folgte. Er tat es.



Nervös leckte ich mir mit der Zunge über die Lippen und überlegte dabei ob ich mich verwandeln sollte. Andererseits, vielleicht war mein Verfolger ein Mensch. Sollte ich mir wirklich dessen entsetzten Gesichtsausdruck entgehen lassen, wenn ich mich vor seinen Augen von einer schmalen, kleinen Frau in eine riesige, reißende Bestie verwandelte? Wohl nicht.


Es gab in meinem Leben nur wenige glückliche Momente. Entschlossen wurde ich wieder langsamer und gab meinem Verfolger so die Möglichkeit zu mir aufzuschließen. Ich brauchte nicht lange zu warten, dann stand er vor mir.


„Lykaner!“, war das erste was er mir entgegenzischte.


Wenn es einen Moment gab, an dem ich mich verwandeln sollte, dann war er jetzt gekommen. Vor mir stand kein Mensch, sondern ein Vampir. Fauchend sah ich ihn an.



„Blutsauger!“, erwiderte ich voller Abscheu und wich zugleich ein Stück zurück.



Ich kam nicht weit. Mit einem Satz stürzte er sich auf mich. Wir rollten wie Hunde über den feuchten Waldboden. Er war so stark und drückte mich mit seinem Gewicht auf den Boden nieder.



„Wo ist der Rest deines Clans? Wo verstecken sie sich?“, verlangte er zu wissen.



Ich wusste im ersten Augenblick nicht wovon er sprach, doch dann ging mir ein Licht auf. Lykaner waren nie, oder nur sehr selten alleine unterwegs. Für ihn stand außer Frage, dass ich in Begleitung unterwegs war.



„Sie kommen bald!“, brachte ich gepresst über die Lippen und hoffte inständig, dass er mir diese Lüge abkaufte.


Tat er nicht. Er entblößte seine langen Reißzähne. Vermutlich würde er mich gleich in Stück reißen.


„Ich glaube dir kein Wort!“



Tief sah er mir in meine Augen und für den Bruchteil einer Sekunde blieb mir die Luft weg und das nicht nur deshalb, weil er immer noch auf mir lag und mich mit seinem Gewicht niederdrückte. Er schien es auch spüren, denn behände sprang er auf die Beine, um dieser intimen Nähe zu entkommen und zog mich zugleich an meinem Mantelkragen mit sich empor.


„Was tust du hier alleine?“, fragte er streng.



„Das geht dich nichts an!“, erwiderte ich schroff, dabei versuchte ich mein heftig schlagendes Herz zu ignorieren.


„So unhöflich?“, knurrte er mir entgegen und zog mich mit sich.


All mein Sträuben half nichts. Er war stärker als ich und etwas an ihm verwirrte mich. Ich vergaß sogar mich zu verwandeln, warum konnte ich nicht sagen. Teils weil ich spürte, dass er mir kräftemäßig überlegen war, teils weil er noch nicht versucht hatte mich zu töten und weil etwas an ihn mich wieder daran erinnern ließ das ich früher eine Frau war. Nur eine Frau, sonst nichts.




Nach all den Jahren drang ein Werwolf in sein Reich ein. Eigentlich sollte er sie einfach töten und ihren Körper im Wald verscharren, dann wäre die Sache für ihn erledigt. Warum er es nicht tat, konnte er nicht sagen. Vielleicht aus Langweile, vielleicht auch aus Neugierde. Vielleicht weil er sich in ihren Augen selbst erkannt hatte?


Er hatte ihren Körper unter sich gefühlt und es gab Teile an ihm die waren noch durch und durch Mann, wie er sich verbissen eingesehen musste. Und dieser Teil hatte eindeutig auf sie reagiert. Was trieb sie, schutzlos, in seine Gegend? Er würde sie mit zu sich nehmen und es herausfinden. Schon ragte vor ihm seine Burg auf. Von außen wirkte sie verfallen und uneinladend.


Jeder der hierher kam und diese Ruine sah, würde niemals auf die Idee kommen das dahinter jemand leben, geschweige denn wohnen konnte. Malachar zehrte sie eine steile Steintreppe hinab in die Dunkelheit. Der sichtbare Teil der Burg war tatsächlich unbewohnbar, aber die Katakomben unter der Erde befanden sich nach wie vor in einem ausgezeichneten Zustand.



Er schleppte sie verwirrend lange und kurze Gänge entlang wohl wissend, dass sie schon bald nicht mehr den Ausgang finden würde können. Malachar rechnete nicht damit, dass sie seine Räumlichkeiten lebend verlassen würde. Früher oder später würde er sie töten müssen. Er konnte nicht riskieren sie laufen zu lassen um ihr so die Möglichkeit zu geben mit ihren Freunden zurückzukehren.


Kerzen beleuchteten spärlich den Weg. Nicht das er ihr Licht nötig hätte. Malachar konnte, dank seines Vampirdaseins, auch gut in der Dunkelheit sehen. Dasselbe galt auch für Lykaner. Ihre Fähigkeiten waren erstaunlich, mit seinen eigenen durchaus vergleichbar. Bis auf eine winzige Kleinigkeit, die sie von einander unterschied. Werwölfen war es möglich sich auch unter der Sonne zu bewegen.


Gut, dafür bekam er keinen dicken, hässlichen Pelz. So etwas ließ sich in der Gesellschaft nur schwer verbergen. Er kettete sie an einen Stuhl und nahm Abstand zu ihr. Ihr Duft quälte ihn. Dieser brachte ihn dazu an Dinge zu denken, die er schon vor hundert Jahren als unmöglich abgetan hatte. Er war dazu verdammt alleine zu bleiben.


„Jetzt können wir reden!“, sagte er gelassen und nahm in sicherer Entfernung zu ihr auf einen der anderen Stühle Platz.




Unruhig zehrte ich an meiner Kette. Dieser Bastard hatte mich wie ein Hund an die Kette gelegt. Ich werde ihm die Augen auskratzen, ich werde sein Fleisch kosten und dann … Meine Gedanken verfingen sich in eine ganz andere Richtung. Die sogar nichts damit zu tun hatten ihn zu töten, sondern viel mehr … Heftig sog ich die Luft in meine Lungen.


Scheinbar hatte ich mir bei dem Gerangel mit ihm kräftig den Kopf angeschlagen. Anders wollte und konnte ich mir meine mehr als verirrten Gefühle für ihn nicht erklären. Wie konnte ich das begehren, was mein größter, natürlicher Feind ist? Das war abartig. Angewidert von mir selbst schüttelte ich mich leicht.


„Ich wüsste nicht worüber. Töte mich, oder lass mich gehen!“, erwiderte ich kratzbürstig.



Er neigte leicht seinen Kopf zur Seite, ganz so als würde er auf irgendetwas lauschen. Dabei fiel ihm sein dunkles Haar in die Stirn und in mir erwachte automatisch der Impuls es ihm zur Seite zu streichen.


„Wie ist dein Name?“


Diese ungewöhnliche Frage ließ mich ihn genauer betrachten. Er hatte stechend blaue Augen. Unangenehme Augen. Jedenfalls versuchte ich mir genau das einzureden.



„Runa!“, hörte ich mich sagen.


Wann hatte ich mich dazu entschlossen ihm das zu verraten? Aus halbgeschlossenen Augen musterte ich ihn von oben bis unten. Er trug klassisch schwarz. Schwarz eignete sich gut um bei Nacht nicht aufzufallen.


„Ich bin Malachar!“ Drang es an mein Ohr.


Welch ungewöhnlicher Name. Mir war schon aufgrund seiner Stärke klar, dass er alt war. Sein Name schien meine Vermutung nur noch zu unterstreichen. Er war wieder aufgestanden und lief nun unruhig auf und ab. Ich beobachtete ihn dabei. Es erinnerte mich an das Bild einer Raubkatze im Käfig.


In der Nacht eingeschlossen im Haus zu bleiben und nicht draußen herum stromern zu können, machte ihm offensichtlich zu schaffen, dass war etwas was ich gut nachvollziehen konnte. Ich liebte die Nacht, den Wald und natürlich die Jagd. So in meine Gedanken versunken übersah ich, wie er sich auf mich stürzte.


„Was ist es nur?“





Woran lag es nur? Mit ihr in diesem engen Raum eingesperrt zu sein, machte ihm zusehends zu schaffen. Dabei konnte er nicht sagen ob er sie beißen, töten oder lieben wollte. Letzteres brachte entschieden sein Blut in Wallung. Malachar hatte schon davon gehört. Selbst Lucian und Viktors Tochter waren davon nicht gefeit gewesen, aber im Grunde hielt er es eigentlich für schlicht unmöglich.



Zwei unterschiedliche Spezies, dass passte einfach nicht zusammen und sollte auch nicht zusammenkommen. Warum nur fand er sie, je länger er sie betrachtete, zunehmend attraktiver? Aber das war es nicht allein. Ihre permanent patzigen Antworten reizten ihn bis aufs Äußerste und, obwohl er über eine unglaubliche Selbstbeherrschung verfügte, schmolz diese gerade wie Schnee im Sonnenlicht.


Dicht hatte er sich über sie gebeugt. Seine Hände hatte er links und rechts von ihr auf ihrem Sessel abgestützt. Sie hatte warme, braune Augen mit denen sie ihn finster anblickte. Runa zeigte, ob ihrer Situation, keinerlei Furcht. Ihr Mund war einladend geöffnet und einmal mehr ertappte er sich bei dem Gedanken wie es sich wohl anfühlte sie zu küssen.



Entschlossen machte er sich daran genau das herauszufinden. Vermutlich würde sie ihm dafür die Zunge abbeißen. Aber es passierte nicht. Als er seine Lippen auf die ihre presste, spürte er zuerst heftigen Widerstand. Sie versuchte sich ihm mit aller Macht zu entziehen, doch plötzlich hielt sie still und nicht nur das. Sie begann seinen Kuss zu erwidern.



Damit hatte er nicht gerechnet, aber er hatte auch nicht geplant sie zu küssen. Die Süße ihres Mundes war aber auch zu verlockend gewesen und nun wo er von ihr gekostet hatte, wollte er noch viel mehr. Entsetzt über sich selbst, wich er vor ihr zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt.


Aus sicherem Abstand starrte er sie an. Es war blond. Ihr Haar fiel ihr wirr ins Gesicht. Das war er gewesen. Er hatte seine Hand darin vergraben gehabt, als er sie küsste. Automatisch glitt sein Blick auf ihre Lippen.


Erneut spürte er den starken Drang ihre weichen Lippen unter den seinigen zu fühlen. Starr wich er noch weiter zurück. Aus der Ferne warf er ihr den Schlüssel für ihre Ketten zu.


„Geh! Verschwinde und sieh zu das du nie mehr hier her zurückkommst!“, befahl er ihr und verließ den Raum.



Malachar brauchte dringend Abstand zu ihr und vor allem musste er sich abkühlen. Wann hatte er zum letzten Mal einen warmen, weichen Körper unter sich gespürt? Es kam ihm so vor, als wäre das über hundert Jahre her.




Mit dem Schlüssel in der Hand, saß ich vollkommen durcheinander da. Er hat mich geküsst und es war … unglaublich gewesen. Ein Vampir. Ausgerechnet ein Vampir musste mich so küssen. Langsam kam wieder Leben in mich und so löste ich hastig die Kette, die mich hielt. Ich war frei und konnte gehen. Warum war ich also noch hier?



Malachar war fort. Vielleicht lauerte er vor der Tür um es zu Ende zu bringen. Vampire waren böse, falsche Kreaturen. Jedenfalls hatte mich das Viktor gelehrt. Man konnte ihnen nicht trauen und wenn man es tat, wurde man getötet. Wachsam schlich ich zur Tür. Vorsichtig öffnete ich diese und sah um die Ecke. Der Flur war leer. Von ihm keine Spur. Ich lief den Gang entlang und wünschte mir dabei mich erinnern zu können welcher Weg nach draußen führte.



Ein kalter Luftzug erreichte mich. Egal woher dieser kam, er brachte mich todsicher zum Ausgang. Ich folgte der Brise und befand mich schon bald außerhalb der verfallenen Burg. Mein Blick ging zurück, die Stufen hinab. Er war ein Vampir und für mich der letzte Mann für den ich mich interessieren sollte, aber ich tat es trotzdem.


Es war etwas an ihm, dass mich an mich erinnerte. Vielleicht verband uns die gleiche Traurigkeit über unser Schicksal. Ich lief schnell auf die Bäume zu und lehnte mich an einen Stamm. Für einen kleinen Moment gestattete ich es mir meine Augen zu schließen. Malachar hätte mich töten können. Jeder andere hätte es, ohne zu zögern, getan. Aber ich war am Leben und frei.


Vielleicht war der Kuss für ihn auch mehr gewesen? Dieser Gedanke brachte mein Herz zum schneller Schlagen.



„Ich küsse normalerweise keinen Werwolf!“


Seine Stimme ließ mich meine Augen weit aufreißen.



„Ich küsse auch keine Vampire!“, erwiderte ich leise.



Ich konnte ihn nicht sehen, er lehnte auf der anderen Seite des Baumes. Lucian liebte Sonja. Irgendwann einmal hatte er mir diese Geschichte erzählt. Sie war die Tochter von Viktor und ein Vampir gewesen. Viktor hatte sie für diese Liebe in die Sonne geschickt.



„Erzählst du mir deine Geschichte?“ Seine Frage war mehr eine Bitte, der ich nachkam. Zuerst stockend, dann immer schneller sprach ich über mein Leben und vertraute ihm meine Geschichte an. Malachar unterbrach mich kein einziges Mal, sondern wartete bis ich fertig war.




„Ich kenne dich!“, sagte er plötzlich.


Er hatte ihr Gesicht vergessen, aber ihre Geschichte nicht. Sie war die Frau gewesen, die Viktor um das Leben ihrer Mutter angefleht hatte.



„Viktor hat dich betrogen!“, stellte er trocken fest.


„Ja!“, kam es schlicht von ihr.


„In so was war er gut.“, erwiderte er leise.



„Was hat er dir angetan?“ Ihre Frage überraschte ihn. Mit irgendetwas musste er sich verraten haben. Malachar berichtete ihr von seiner ersten Begegnung mit Viktor.



„Er hat dich genauso betrogen wie mich!“, sagte sie voller Mitgefühl.



Unbemerkt von ihm war sie um den Baumstamm herumgekommen. Er fühlte ihre Hände auf seinen Wangen und in seinem Haar. Es schien als müsste sie ihn berühren. Plötzlich stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Malachar schloss die Augen und ließ es geschehen. Genoss es einfach. Nach schier einer Ewigkeit löste sie sich wieder von ihm.



„Ich musste es einfach wissen!“, sagte sie zu ihm. Leicht irritiert sah er auf sie herab.



„Was?“



Unwillkürlich begann sie zu lächeln. Gott, sie war wunderschön und für einen Moment vergaß er alles. Vor allem was sie gesagt hatte.




„Ich denke, wir können nicht länger darüber hinwegsehen!“ Ihre Worte ergaben für ihn keinen Sinn.



„Eigentlich wollte ich mich, vor langer, langer Zeit, für den richtigen Mann aufsparen. Tja, nachdem ich zum Werwolf wurde, hatte sich das erledigt. Ich wusste nur eins. Niemals ein Vampir! Die sind das Letzte!“



Unbewusst nahm Malachar eine starre Haltung an. Sie hatte nur mit ihm gespielt, während er … Er hatte Gefühle für sie.



„Heißt das ich habe den Test bestanden?“, fragte er leicht zynisch.



„Test?“, hakte sie unverständlich nach.



„Nun ja über irgendetwas scheinst du dich gerade sehr zu freuen. Ich kann es nicht sein, dass hast du mehr als deutlich gemacht!“ Er hasste es, aber konnte es nicht ganz vermeiden, dass seine Stimme leicht verbittert klang. Sanft legte sie ihre Hände auf seine Brust und sah hoch zu ihm.



„Warum hast du mich nicht getötet?“, fragte sie ihn.






Ich hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. Niemals hatte ich vor mein Herz zu verlieren, aber schleichend war es heute Nacht doch irgendwie passiert. Er war kein Prinz und bestimmt nicht der Mann den ich mir ausgesucht hätte. Vor nicht einmal einer Stunde spielte ich noch mit dem Gedanken ihn noch zu töten.



Jetzt würde ich es nicht einmal mehr ertragen ihn leiden zu sehen. Malachar, ein Vampir und genauso wie bei mir war Viktor daran Schuld das er war, was er war. Meine Hände lagen noch immer auf seiner Brust. Nur meinem Blick wich er bei meiner Frage aus.



„Ich töte nicht sinnlos!“, erwiderte er schroff.



Das war eine Lüge. Wenn ein Vampir einen Werwolf tötete, oder umgekehrt, war das niemals sinnlos, sondern bedeutete das man sich mit einem Gegner weniger herumschlagen musste.



„Ich könnte dein Herz mit einem Schlag durchbohren.“, begann ich. „Mein Verstand rät mir genau das zu tun, aber …“ Bewusst ließ ich diesen Satz in der Luft hängen.


Malachar konnte nicht anders, er musste mich ansehen. Musste herausfinden, was mich zurückhielt ihm Leid zu zufügen.



„Mein Herz will das du lebst!“ Nun war es heraus.



Fast rechnete ich damit von ihm schadenfrohes Gelächter als Antwort zu erhalten, aber es kam nicht. Stattdessen umfingen mich seine Arme.


„Komisch, mein Herz will dasselbe!“, sagte er und küsste mich.



Von nun an waren wir in Gefahr. Für beide Spezies waren wir zu Verrätern geworden. Eine Vergebung dafür gab es nicht. Wenn jemand herausfand, dass wir zusammen waren, erwartete uns der sichere Tod. Aber das war es verdammt noch mal wert!
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