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Blick von der anderen Seite

KurzgeschichteDrama / P12 / Gen
29.01.2013
29.01.2013
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Im Nachhinein schien für Guzmán der ganze Kampf nur einen Sekundenbruchteil gedauert zu haben. Gerade eben war die PuebloSec-Hermetikerin mit den drei Runnern zusammenstoßen, hatte ihnen alles entgegengeworfen, was sie hatte und schon war es vorbei gewesen.
War ein verdammtes Glück, dass die keine Magier dabei hatten, dachte Guzmán, während sie sich mühsam erhob und versuchte, das Zittern in ihren Knien unter Kontrolle zu bekommen. Entweder anderswo beschäftigt oder die Kameraden haben sie schon erwischt.
Über den niedergestreckten Gestalten der Shadowrunner schwebte wachsam die durchsichtige Gestalt von Tequila, Guzmáns Geistverbündeter.
„Alles in Ordnung bei dir, nena?“, fragte der Geist besorgt.
„Nur etwas erschöpft, Tequila“, erwiderte die Magierin. „Was ist mir den Runnern?“
„Tja, dem hombre hier fehlt das halbe Gesicht. Würde also sagen, der ist hinüber“, sagte Tequila, als er sich über den Ork beugte. „Aber der andere hier zuckt und flucht noch.“
Guzmán zog die Pistole aus dem Holster und kniete sich vorsichtig neben dem verletzten Norm nieder. „Keine Tricks, Chummer, dann bleibst du am Leben. Wo hat´s dich erwischt?“
„Kann meine Beine nicht mehr bewegen“, antwortete der Afroamerikaner schmerzverzerrt. „Was ist mit Rose? Die Elfe mein ich.“
„Tequila?“
Der Geist betrachtete kurz die niedergestreckte Elfe und schüttelte dann den Kopf.
„Deine Partner sind beide hinüber“, erklärte die Pueblo-Hermetikerin dem Runner. „Deine Beine habe ich vermutlich mit dem Manapfeil erwischt. Tequila, such die nächste Einheit und melde, dass ich einen verletzten Gefangene habe.“
„Schon auf dem Sprung,nena“, erwiderte der Geist und schwebte davon.
Guzmán und ihr Gefangener blieben alleine mit den beiden Leichen zurück. Während die Magierin den gelähmten Mann vorsichtshalber nach Waffen durchsuchte, verhielt er sich ruhig.
„Verdammt!“, sagte er dann unvermittelt. „Rose und ich wollten nach diesem Run heiraten!“
„Scheiße gelaufen“, erwiderte Guzmán, ohne Mitgefühl in der Stimme. „Aber vielleicht tröstet es dich, dass du und deine Chummer mindestens vier meiner Kameraden getötet haben, bevor ihr mir in die Arme gelaufen seid.“
„Berufsrisiko. Niemand muss für die verdammten Konzern-Pinkel den Söldner spielen“, sagte der Runner verächtlich.
„Sicher. Wenn wir auch nur einen Funken Selbstrespekt besäßen, würden wir alle einen ehrenhaften Beruf in den Schatten ergreifen. Beispielsweise Auftragskiller, Menschenhändler, Drogenschmuggler oder Organlegger“, sagte Guzmán sarkastisch.
Damit hatte sie einen Nerv getroffen. Der Runner richte sich ein wenig auf und starrte ihr wütend in die Augen.
„Und dein großartiger Konzern macht keine schmutzigen Geschäft, was?“
Doch Guzmán schüttelte den Kopf.
„Im Vergleich mit den meisten anderen Kons hat das Pueblo Corporate Council nur wenige Leichen im Keller, aber das ist nicht der Punkt. Wir Gardisten akzeptieren immerhin dass wir Lakaien sind, anstatt uns an diesen lächerlichen Mythos der Freiheit zu klammern, den ihr Runner so liebt.“
„Wir sind frei!“, protestierte der Runner. „Shadowrunner suchen sich ihre Auftraggeber selbst aus, während ihr Konzernsöldner jeden noch so miesen Befehl eurer Execs befolgt!“
„Aber wer beauftragt die Johnsons, deren Aufträge ihr annehmt?“, hielt Guzmán dagegen. „Woher weißt du, ob hinter deiner Mission nicht Aztechnology oder die Geisterkartelle stehen? Ob die Daten, die ihr stehlen wolltet nicht Tausende von Unschuldigen das Leben gekostet hätten?“
Der Runner senkte den Blick und schwieg.
Wenige Sekunden später kam eine Gruppe von  PuebloSec-Gardisten, geleitet von Tequila, den Gang entlang geeilt.
„Sie haben den Rest der Bande erwischt, Magier eingeschlossen“, rief der Geist triumphierend.
„Wie ist die Lage, Gefreite?“, bellte der Unteroffizier, welcher die Gruppe anführte.
„Unverändert, Sir“, antwortete Guzmán und erhob sich. „Zwei Liquidationen, ein verletzter Gefangener, keine Lebensgefahr.“
„Gute Arbeit, Gefreite“, lobte der Unteroffizier zufrieden. „Ich werde Ihre Leistung bei diesem Einsatz in meinem Bericht hervorheben. Führt den Gefangen ab, Männer!“
Als zwei Sicherheitsleute den verletzten Runner auf eine Trage hievten und fortschafften, warf dieser Guzmán einen Blick zu, in dem etwas Flehendes lag. Doch die Hermetikerin zeigte keine Reaktion darauf.  Selbst wenn sie etwas für diesen Mann tun könnte, hatte sie nicht den geringsten Anlass dazu. Wären die Dinge etwas anders gelaufen, hatte der Runner sie getötet und vermutlich keine Gewissenbisse deswegen gehabt.
„Was ist los, nena?“, riss Tequila seine Meisterin aus ihren Gedanken. „Du siehst so nachdenklich aus.“
„Nichts weiter“, erwiderte die Magierin unwillig. „Lass uns von hier verschwinden. Der Kommandant wird einen Bericht erwarten.“
Auf dem Weg nach draußen warf Guzmán noch einen letzten Blick auf die beiden toten Runner, welcher von den PuebloSec-Leuten in Leichensäcken verpackt wurden.
Sie waren gestorben, wie auch ihr überlebender Kamerad sterben würde, ohne zu wissen für wen und wofür.
Wenn eines Tages Guzmán an der Reihe wäre, würde sie wenigstens mit dem Wissen sterben, den Interessen ihres Heimatkonzerns gedient zu haben.
Und das war der einzig wahre Unterschied zwischen Shadowrunnern und Konzerngardisten.
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