Der Tod hat sie fast alle geschieden

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Petunia Dursley Severus Snape
28.01.2013
28.01.2013
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Der Tod hat sie fast alle geschieden



Disclaimer: Jedwede Rechte an den in meiner Geschichte vorkommenden und aus den Büchern der Harry-Potter-Reihe bekannten Charakteren und Handlungsorten liegen bei Mrs. Rowling.

Petunia
Viel bedurfte es nicht, um Petunia Dursleys Leben, das sich im wesentlichen zwischen dem Garten und der Küche ihres Eigenheimes im Ligusterweg 4 in Little Whinging, Surrey, abspielte, aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Sie war es mehr oder minder zufrieden, ihren Garten in besserem Zustande als die der Nachbarn, ihren Sohn Dudley wohlauf und ihren Gatten Vernon beruflich erfolgreich zu wissen.

Von einiger Tragweite für ihr Leben waren folglich die aufwühlenden Ereignisse des Herbstes 1981, in welchem sich das Schicksal gegen sie verschworen zu haben schien.

Ihre Eltern, die sich angeschickt hatten, eine Urlaubsreise nach Südamerika zu unternehmen, waren dort nie angekommen, weil ihr Flugzeug mit ihnen und hundertachtundsechzig weiteren Passagieren ins offene Meer gestürzt war; und damit nicht genug, war, wie Petunia abfällig dachte, ihre Schwester, die Spinnerin Lily, von ihresgleichen in die Luft gesprengt worden, ein Umstand, den sie mit allenfalls mäßigem Bedauern zur Kenntnis nahm, der aber durch das Kuckucksei, das Lily ihr ins so wohlbestellte Nest gelegt hatte, unmittelbare und um so unangenehmere Auswirkungen auf ihr eigenes Leben hatte.

Das Kuckucksei, welches mit bürgerlichem Namen Harry Potter hieß, war Lilys einjähriger Sohn und also Petuniens Neffe, der ebenso wie die Schwester ein Spinner zu werden drohte und nun ausgerechnet ihre, Petuniens, heimelige Normalität in Unordnung bringen würde, denn ihr als letzter Blutsverwandten war das zweifelhafte Privileg zuteil geworden, den Jungen in ihr Haus aufzunehmen.

Statt also Rosen zu schneiden, ihrem Sohne jeden Wunsch von den Lippen abzulesen und ihrem Manne nach vollbrachtem Tagwerke einen gedeckten Abendbrottisch zu bereiten, mußte Petunia Anfang November ihre Lieben und weniger Lieben für einige Tage verlassen und sich in ihre Heimat begeben, denn gemeinsam mit dem Advokaten der Eltern galt es, deren Nachlaß zu verwalten und Testament zu vollstrecken.

Für Petunia stand fest, daß sie sich von ihrem Elternhause, woraus ihr Erbe in der Hauptsache bestehen würde, unverzüglich trennen wollte.

Zu viele belastende Erinnerungen verband sie mit ihm und den Jahren ihrer Kindheit überhaupt, die mit der Entdeckung der abnormen Persönlichkeitszüge ihrer Schwester jäh ihre Unbeschwertheit eingebüßt und sich statt dessen in einen Kampf um Profil, Wertschätzung und Aufmerksamkeit verwandelt hatte.

Ihre Eltern hatten Lilys Abnormität goutiert, und sosehr sie sich in der Schule angestrengt und Bestnoten vor allem in Literatur und Sport erreicht hatte, sosehr hatte sich in ihr der Eindruck gefestigt, daß Mutter und Vater darin eine Selbstverständlichkeit sahen, während jedes rote oder grüne Fünkchen, das Lily zunächst kraft ihres Willens, schließlich durch Beschwörungen und vermittels ihres Zauberstabes hervorgerufen hatte, in ihnen Freude gleich der Geburt eines Kindes hervorrief.

Selbst daß Lily nach ihrem Schulabschluß in einen Krieg gezogen war, hatte den Eltern nicht die Augen für die Verderbtheit der Welt der Spinner geöffnet, und verderbt mußte eine Gesellschaft sein, in welcher in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts – in der westlichen Welt! – Krieg geführt wurde, an dem sich zu allem Überfluß auch noch Frauen beteiligten.

Nun waren sie alle weg, all die Menschen, mit denen sie die unerfüllten Jahre ihrer Kindheit und Jugend verband und die auch Zeugen hätten sein können für den dunkelsten Fleck in ihrer Biographie, nämlich ihren kläglich gescheiterten Versuch, sich der Welt der Spinner anzudienen; nicht auszudenken, ihre Bemühungen, sich einen Platz an der Sonderschule zu ergattern, wären von Erfolg gekrönt gewesen, und auch sie wäre in einen Krieg gezogen worden, anstatt den Pfad der Tugend zu beschreiten, auf dem sie sich doch so erfolgreich bewegte.

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Immerhin ₤ 20 000 hatten ihre Eltern Petunia abgesehen vom Hause hinterlassen; gleichwohl brodelte einiger Unmut in ihr ob des Umstandes, daß, gesetzt den Fall, Lily weilte noch unter den Lebenden, dieser das Haus, ihr selbst aber lediglich das Bargeld vermacht worden wäre.

Für Petunia war dieses postume Zeichen der Geringschätzung Anlaß genug, die Veräußerung des ungeliebten Elternhauses unmittelbar nach der Testamentsvollstreckung in Angriff zu nehmen, damit sie sich dessen ein für allemal entledige; zu diesem Zwecke ließ es sich allerdings nicht vermeiden, daß sie einige Tage im Hause würde verbringen müssen, bis die Modalitäten des Verkaufes mit einem von ihr beauftragten Makler abschließend geklärt waren.

Ihr war denn auch ein wenig blümerant zumute, als sie die Tür des Hauses aufschloß und zum erstenmal seit dem letzten Weihnachtsfeste das Haus betrat.

Viel verändert hatte sich nicht, seit zunächst sie, dann Lily das Haus verlassen hatte: Im Parterre befanden sich Küche, Wohnstube, Bad und der Eltern Raum, und im Obergeschoß waren ihr und Lilys Zimmer nach wie vor vorhanden.

Petunia versuchte, einen Hauch von Wehmut zu empfinden, als sie ihre Blicke durch das Erdgeschoß schweifen ließ, doch es wollte sich kein solches Gefühl in ihr regen; vielmehr empfand sie Abscheu beim Anblick der aus unterschiedlichsten Epochen stammenden Möbel, der Fotos mit den Eltern und der im Stile der Spinner gekleideten Schwester darauf und der unaufgeräumten Küche, die davon zeugte, daß es Mutter und Vater nicht einmal vor Beginn ihres „Urlaubes“ für nötig erachtet hatten, das Geschirr in den Schränken zu verstauen.

Aus dem Obergeschoß vernahm sie unversehens ein dumpfes Poltern, so als ob jemandem etwas zu Boden gefallen wäre.

„Diese vermaledeiten Landstreicher“, dachte Petunia, „haben bestimmt die Todesanzeige der Eltern gelesen und meinen nun, in aller Seelenruhe das Haus plündern zu können. Na wartet!“

Bewaffnet mit dem schärfsten Küchenmesser, das sie hatte finden können, stieg sie leise die Treppe ins Obergeschoß empor; sie gedachte sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen und, je nach Anzahl und Bedrohlichkeit des oder der Täter, die Polizei zu verständigen oder mit Hilfe ihres Messers für klare Verhältnisse zu sorgen.

Die Geräusche kamen aus Lilys Zimmer; „da wirst du nicht viel finden“, spottete Petunia innerlich, „das Wunderkind hat in seinem Zimmer nichts außer Fotos und Briefen von seinem Spinner von Gatten.“

Petunia hatte Glück; der Eindringling hatte die Tür einen Spaltbreit offen gelassen, so daß sie vorsichtig hineinspähen konnte.

Wen sie sah und vor allem, wie sie ihn sah, war nicht, was sie erwartet hatte, und Petunia wußte nicht recht, ob das nun besser oder schlimmer war.

In der Mitte von Lilys Zimmer kauerte der Snape-Junge, ausgerechnet, umgeben von den Fetzen zahlloser zerrissener Fotografien und Briefe, und an seinen Wangen und seiner Hakennase machte Petunia feuchte Stellen aus, bei denen es sich bloß um Tränen handeln konnte.

Snape
Schweren Herzens hatte Snape sich dafür entschieden, das Haus der Familie Evans aufzusuchen.

Jetzt, da Lily tot war, war für ihn eine Welt zusammengebrochen, und vorher von ihm für unlösbar erachtete Probleme waren auf einen Schlag in den Hintergrund getreten.

Er wußte nicht recht, ob es geboten war, Lilys Eltern einen Kondolenzbesuch abzustatten, aber zumindest war er mit sich übereingekommen, daß es nichts schaden könne, einen Besuch der Evans‘ von den Eindrücken und Gefühlen, die sich bei der Ansicht ihres Hauses ergeben würden, abhängig zu machen.

„He, du!“ tönte es von hinten, als Snape die Tür des Evans‘schen Hauses taxierte, und er brauchte sich nicht umzudrehen, um die schneidende Stimme dem auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnenden Nachbarn zuzuordnen, einem fürchterlichen Spießer, der Snape, seitdem er im Hause der Evans‘ verkehrte, seine zweifelhafte Herkunft mit einigem Genuß und Hohn unter die Nase gerieben und ihn mit hämischen Bemerkungen, daß er Lilys Familie wohl primär deswegen aufsuche, um sich einmal satt essen oder sich in beheizten Räumen aufhalten zu können, gequält und gedemütigt hatte.

„Falls du dir etwas Geld mit Autowaschen verdienen willst, Junge“, fuhr der unsägliche Nachbar unerbittlich fort, „muß ich dir leider sagen, daß der Zug abgefahren ist. Die Evans‘ sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, und ihre Tochter will das Haus verkaufen.“

Widersprüchliche Gefühle durchströmten Snape; einerseits hatte er nicht übel Lust, dem unverschämten Kerl vermittels eines Sectumsempra eine Lektion in Sachen anständiges Benehmen zu erteilen, wovon er im Hinblick auf seinen durch Dumbledore um einiges verbesserten Leumund und seine neue Stellung als Lehrer in Hogwarts jedoch absah.

Andererseits schockierte ihn die Tatsache, daß nicht nur Lily, sondern auch ihre Eltern vor kurzem verstorben waren – das Schicksal war der gesamten Familie ganz offenkundig nicht wohlgesinnt.

Und zum dritten erinnerte die Erwähnung der sich das Haus zu verkaufen anschickenden Tochter ihn Petuniens, Lilys Schwester, deren sein Bewußtsein sich erfolgreich entledigt hatte und die sich nun mit einem Schlage daselbst wieder einen Platz verschaffte, war sie doch angesichts des tragischen Unfalls von Lilys Eltern deren letzte Blutsverwandte, sah man von dem unglückseligen Kind Lilys und Potters ab, das durch seine schiere Existenz die dramatischen und von ihm, Snape, mit ins Rollen gebrachten Ereignisse ausgelöst hatte.

„Sieh zu, daß du verschwindest, Junge, oder ich rufe die Polizei!“ holte die Stimme des Nachbarn Snape in die Realität zurück; mit kaum verhohlenem Unmut kam er der Aufforderung scheinbar nach, nicht ohne mit einem ungesagten Wingardium Leviosa sämtliche vor dem Hause des Pedanten stehende Mülltonnen in die Horizontale zu versetzen; fluchend und Snape der Missetat bezichtigend, dem er sie freilich nicht nachzuweisen in der Lage war, machte sich der Nachbar daran, die Unordnung zu beseitigen, und seine aus diesem Grunde abgelenkte Aufmerksamkeit nutzte Snape aus, sich in den Garten des Evans‘schen Hauses zu stehlen.

Wenn schon ein Kondolieren unmöglich war, so wollte Snape sich wenigstens eine Erinnerung an seine Lily aus dem verwaisten Hause beschaffen, möglicherweise ein Foto oder ein Kleidungsstück, das Lilys Geruch absorbiert hatte und ihm zumindest die Illusion schenken würde, Lily befinde sich in seiner Nähe.

Mit Hilfe eines Alohomora war es für Snape ein leichtes, sich durch die Hintertür Zutritt zum Hause zu verschaffen, und mit einiger Wehmut wurde er der ebenso stilistisch fragwürdigen wie sympathischen Einrichtung der Wohnstube ansichtig und des Chaos‘ in der Küche und der auf dem Wohnzimmertische liegenden Bücher und Frauenzeitschriften, die unweigerlich den Eindruck vermittelten, Mrs. Evans sei nur auf einen Sprung in den Supermarkt gefahren und kehre jeden Moment wieder zurück, sich ihrer Lektüre zu widmen...

Snape mußte schlucken; die ganze Szenerie erinnerte ihn auf bedrückende Weise des Zustandes seines eigenen Elternhauses, das er vor zwei Jahren nach dem Tode des Vaters in ähnlich groteskem Zustande vorgefunden hatte; und genau wie Petunia, Tuney, wie er hämisch dachte, war er der einzige Hinterbliebene der Familie und außer dem Umstand, daß er dort seine Kindheit verbracht hatte, gab es nichts, keinen einzigen Grund, weswegen er das Haus in Spinner’s End als seine Heimat betrachten sollte.

Ob es Petunia genauso ging? Ärgerlich verscheuchte Snape den Gedanken an Lilys Schwester, dieses unfreundliche und rechthaberische Muggelweib..., nun gut, diese nicht sonderlich sympathische Frau.

Wenn ihn seine Erinnerung nicht trog, befand sich Lilys Zimmer in der oberen Etage; er hoffte, das Zimmer dort noch in einigermaßen unverändertem Zustande vorzufinden, war er doch seit einigen Jahren, seit dem fatalen Vorfalle nach den ZAG-Prüfungen, nicht mehr in diesem Hause gewesen, und immerhin hatte Lily mindestens in den vergangen zwei Jahren bei Potter gehaust.

Getrogen hatte ihn seine Erinnerung zwar nicht, doch der Anblick, der sich ihm in Lilys Zimmer bot, enttäuschte ihn maßlos und rief Wut in ihm hervor, Wut auf Potter, Wut auf Lily, Wut auf sich selbst und, der Einfachheit halber, Wut auf die ganze Welt.

Als er das letzte Mal in diesem Zimmer gewesen war, hatten an den Wänden Poster von Muggelbands und Muggel-Kinofilmen gehangen, ein paar wenige Fotos von ihm und ihr, die in den Ferien aufgenommen worden waren, und an exponierter Stelle an der Wand hatte sich ein von Snape geflochtener Kranz aus vierblättrigen Kleeblättern befunden, auf dessen Herstellung er sehr stolz gewesen war und den er Lily nach dem ersten gemeinsamen Hogwartsjahr geschenkt hatte.

Lilys Wut ihm gegenüber mußte unerbittlich gewesen sein: Sämtliche Fotos und selbstverständlich der Kranz waren verschwunden, ebenso die Muggel-Poster; an ihrer Statt war das Zimmer nun fast ausschließlich mit Fotografien von Lily und Potter, oder, schlimmer, ausschließlich von Potter tapeziert, Potter auf einem Besen, Potter hier, Potter da.

Das Schlimmste jedoch entdeckte er auf Lilys Schreibtisch: Ein Bund schwülstiger Liebesbriefe Potters, der sich laut deren Inhalt nicht entblödet hatte, jede seiner Gefühlsregungen Lily postalisch mitzuteilen und sie ständig seiner unumstößlichen Liebe zu versichern.

Nichts, wirklich nichts, das an eine gemeinsame Vergangenheit von ihm und Lily erinnert hätte, befand sich noch in diesem Raume, und Snape wurde bewußt, daß er hier nichts finden würde, das mitzunehmen sich lohnte und ihm zumindest ein wenig über den Schmerz hülfe.

Snape verfiel in Rage; seine Wut auf alles und jedes steigerte sich ins Unermeßliche, und er begann, die Bilder mit der ihm verhaßten Fratze Potters von der Wand und in Stücke zu reißen, ebenso die Briefe, deren Fetzen er auf dem Boden verteilte – und gleichzeitig, so paradox es war, breitete sich in ihm eine Trauer, ein Verlustgefühl unerhörten Ausmaßes aus, und nachdem er sein destruktives Werk vollbracht hatte, sank er, von Tränen und Schluchzern bebend, auf den mit Schnipseln übersäten Boden.

Nachdem er eine Weile reglos verharrt hatte, meinte Snape, hinter sich ein Geräusch zu vernehmen; er wandte sich um und erblickte Petunia, die ihn offensichtlich schon eine ganze Weile beobachtet hatte.

###


Nun blickten sie sich an, die beiden Entwurzelten, und eine gespenstische Stille machte sich breit.

Petunia dachte an die Sehnsüchte ihrer Kindheit, an ihren Wunsch, einmal unanständig sein zu dürfen, Magie zu beherrschen, beachtet zu werden, auch und gerade von ihm, dem Snape-Jungen.

Für einen Moment zerbrach die Hülle der Indifferenz, die sich um ihr Herz geschlungen hatte, und sie hätte ihm das sagen können, hätte mit ihm sprechen können über die Irrwege des Herzens und des Lebens, über all die Gedanken, die sie sich für gewöhnlich nicht gestattete – mit wem hätte sie sie auch teilen können? – und die auf paradoxe Weise so fest mit diesem Manne verbunden waren, der ihr mit tränenüberströmten Gesicht nun zu Füßen lag.

Und Snape hätte mit ihr reden, ein Wort der Entschuldigung für die ihr entgegenbrachte Nichtbeachtung oder gar Verachtung hervorbringen können, weil sie die einzige war, das wußte er, die ihn hätte verstehen können, denn auch sie war von Wünschen gepackt gewesen, deren Erfüllung niemals möglich war, und sie allein war als Zeuge jener unbeschwerten Kindheitstage von ihm und Lily übrig, und sosehr ihn ihre Präsenz auch bisweilen gestört hatte, so war es zweifellos nun, da der Tod sie fast alle geschieden hatte, ein unschätzbares Gut, daß noch jemand existierte, der ihn der Glückseligkeit jener Tage hätte versichern können.

Allein – keines der Worte ward ausgesprochen. Wie lange sie sich schweigend angeblickt hatten, vermochte nach der Begegnung keiner der beiden zu sagen, doch ganz sicher wußten sie, daß sie die Chance verpaßt hatten, alte Wunden zu heilen und das Herz für die Zukunft zumindest um ein Gran zu erleichtern.

Die Scham, Schwäche zu zeigen, die Angst, vom jeweils anderen in der Vergangenheit erfahrene Verletzungen noch einmal erleben zu müssen, versiegelte ihre Münder, und obgleich sie auch ein unausgesprochenes Einverständnis erzielten, so blieben Zweifel und Schmerz und ein Gefühl der Schwäche zurück.

Und so verschlossen sich beider Herzen wieder, so verdrängte Petunia nach ihrer Rückkehr nach Little Whinging mit aller Macht die Erinnerung an Snape, an ihr Elternhaus, an ihren tiefsten Wunsch und verschloß ihr Herz vor allen Träumen; so verbot sich Snape alle Gedanken an seine Kindheit, die nicht unmittelbar Lily betrafen, verbot sich, nur einen einzigen weiteren Blick auf das Evans’sche Haus zu werfen oder gar Petunia zwecks einer Aussprache aufzusuchen.

Beide fraßen sie ihren Gram und Ingrimm in sich hinein und glaubten sie, daß eine andere Möglichkeit außer Verdrängung und Härte gegen sich selbst nicht bestünde.

So dachten sie, weil sie in einem Moment beiderseitiger Schwäche es verabsäumt hatten, dieselbe als Chance zu begreifen, und ihrer Vergangenheit die Möglichkeit nicht einzuräumen gewillt waren, im Sinne einer freieren und glücklicheren Zukunft bewältigt zu werden.

Ende
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