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MI-5/Spooks - Im Grunde meines Herzens

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
26.01.2013
28.07.2013
34
49.495
 
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26.01.2013 952
 
Ich höre seine Schritte näher kommen. Mit jeder Treppenstufe, die er mir entgegen steigt, beschleunigt sich auch mein Herzschlag. Ich weiß, dass er kommt, um mir das zu nehmen, was er längst verloren hat.
Leise klopft es an der Tür. Ich bewege mich keinen Millimeter, sondern bleibe angespannt am Küchentisch sitzen. Die Tür ist offen, ich höre das Quietschen und Knarren, als er sich Eintritt verschafft.

Wenige Sekunden später tritt er in die Küche, ich hebe meinen Blick nicht. Sein Atem geht schnell und unregelmäßig. Nervös legt er eine Waffe auf den Tisch und beginnt im Raum auf und ab zu laufen.
„Was habe ich getan?“ Er bleibt stehen und sieht mich an, das spüre ich. Aber ich bin noch immer nicht bereit ihn anzusehen.
Er setzt seinen nervösen Gang durch den Raum fort. „Wie konnte ich nur?“, stammelt er. „Warum?“
„Weil du musstest“, antworte ich trocken. Er bleibt stehen.
„Weil ich musste“, wiederholt er unsicher. „War es das wirklich wert?“
Ich zucke mit den Achseln. Es sind seine Dämonen, nicht meine. Und ich habe nicht vor sie zu meinen werden zu lassen.
Nervös nimmt er am Tisch Platz, direkt in meinem Blickfeld. Sein dunkles Haar hängt ihm wirr um den Kopf, seine durchdringenden blauen Augen wirken trüb vor Trauer und Enttäuschung. Seine Hände liegen auf der Tischplatte, die Finger ineinander verschränkt.
„Weil ich musste“, wiederholt er erneut. Sicherer. Fester. Seine Stimme klingt hart, aber trotzdem weich wie warmer Honig.
„Ja“, sage ich und sehe ihm in die Augen. „Wie ist es denn gelaufen?“
„Gut, glaube ich“, er sieht auf seine Hände, anschließend auf die Waffe vor ihm. „Sie glauben ich bin tot.“
Anerkennend nicke ich. Alles nach Plan also.
„Wie geht es weiter?“, frage ich und versuche desinteressiert zu klingen. Er weiß viel über mich, aber nur das, was ich ihn wissen lassen wollte. Wüsste er, wer ich wirklich bin, würde er mir nicht trauen. Genauso wenig wie ich ihm von Anfang an getraut habe. Er ist ein Doppelagent. Wieso bloß kommt ihm nicht in den Sinn, dass ich auch eine Doppelagentin sein könnte? Er kennt mich erst seit wenigen Wochen und vertraut mir uneingeschränkt.
Er sieht mich erstaunt an. „Hast du… wollen wir…“, er bricht ab. So durcheinander habe ich ihn noch nie erlebt.
Ich ziehe zwei Tickets aus meiner Handtasche. Zwei One-Way-Tickets nach Russland. Ich lege sie auf den Tisch, neben die Waffe.
“Ich habe uns einen Flug und ein Zimmer gebucht“, sage ich. Planung war schon immer meine Stärke. Auch damals, als mich der FSB eingestellt hat. „Unter falschem Namen natürlich“, füge ich hinzu und hole nun auch die beiden falschen Pässe aus meiner Tasche.
‚Natascha Darshavina‘ und ‚Robert Miller‘ – so heißen wir von nun an. Ich achte peinlich genau darauf, dass er den Namen in meinem Pass nicht lesen kann. Denn dann wird er wissen, dass ich Rache will. Dass auch ich nicht bin, wer ich sein sollte. Und auch nicht diejenige, der er sich anvertrauen oder der er vertrauen sollte.

Er nimmt seinen Pass in die Hand, starrt eine halbe Ewigkeit auf den Namen und das Passfoto, bevor er den Blick wieder hebt und mich ansieht.
„Warum tue ich das?“, fragt er mich.
Ich zucke mit den Achseln. „Weil sie dir Maya genommen haben“, antworte ich. Die Liebe seines Lebens, die Frau, die ihn glücklich gemacht hat. Genauso wie Oleg mich glücklich gemacht hat. Bevor er verraten und verkauft wurde. Bevor sein Leben weit vor seiner Zeit endete. Mein Herz krampft sich zusammen, wie immer, wenn ich an Oleg denke.
Er nickt. „Ja, Maya“, presst er zwischen seinen Lippen hindurch, während er sich mit einer Hand ins Haar greift. Diese Geste signalisiert so viel Verzweiflung und inneres Leid, dass ich beinahe schon Mitleid mit ihm habe. Aber er wird büßen müssen.
„Jetzt pack deine Sachen“, sage ich zu ihm. „Wir brechen in einer Viertelstunde auf.“
Ich stehe auf und will an ihm vorbeigehen, als er meinen Arm festhält. Ich sehe herunter zu ihm, er herauf zu mir.
„Danke“, beinahe flüstert er. So aufgelöst wie heute habe ich Lucas North noch nie erlebt. Der eiskalte, kalkulierte Lucas North. Am Boden, fast zerstört. Dabei weiß er nicht einmal, was ihn noch erwartet.
Ich nicke, entreiße ihm meinen Arm und gehe ins Schlafzimmer. Meine Tasche ist längst gepackt. Ich bin nervös, weil ich während des Flugs keine Waffen mit mir führen kann. Was, wenn der FSB längst weiß, dass ich auch für den MI 5 arbeite? Warum musste ich Lucas auch unbedingt überreden mit mir nach Russland zu fliehen? Wäre es nicht einfacher gewesen ihn hier an die Behörden auszuliefern?

Ich stelle meine Tasche neben der Tür ab und blicke noch einmal in die Küche. Lucas sitzt noch immer am Tisch, den Kopf auf seine Hände gestützt. Wäre er nicht derjenige, dem ich zu verdanken habe, dass ich Oleg nie wiedersehen werde, hätte ich Mitleid. Ich würde zu ihm gehen, ihn in den Arme nehmen und ihn trösten. Für den Bruchteil eines Augenblicks bin ich versucht es zu tun, bevor ich den Kopf schüttle und ihn anraune: „Lucas, beeil dich!“
Er schreckt aus seiner Position hoch, ich sehe die Angst in seinen Augen. Er hat alle Menschen verraten, die er geliebt hat. Er hat all diejenigen verraten, die ihm wichtig waren und denen er wichtig war. Dazu gehört Mut. Und eine ganze Menge Wahnsinn.

„Ich bin fertig“, sagt er. „Ich nehme nichts mit. Nichts, was mich an irgendetwas erinnern kann.“
„Gut“, sage ich. „Dann können wir ja los.“
Er lächelt mich an. „Ja, das können wir.“ Er macht einen erleichterten Ausdruck, so als ob er in eine bessere Zukunft fliehen könnte.
Es tut mir beinahe leid, dass ich ihn enttäuschen muss. Doch alles zu seiner Zeit.
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