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Von Dichtern und Denkern (Goethe/Schiller) [♥]

GeschichteAllgemein / P16 Slash
23.01.2013
17.01.2014
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"Jena, 13. Juni 1794

Hochwohlgeborner Herr,
Hochzuverehrender Herr Geheimer Rath!


Ich hoffe, dass die mir zugetragene Adresse tatsächlich die Ihre ist und meine Worte Sie auf diesem Wege erreichen. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass ein Mann Ihres Rang und Namens höchstwahrscheinlich Dingen von größerer Wichtigkeit nachzugehen hat, aber sollte es auch nur die geringste Chance geben, Sie für mein bescheidenes Anliegen gewinnen zu können, so dürfte ich es mir nie verzeihen, diese nicht wahrgenommen zu haben. Ich bitte Sie deshalb meine Anmaßung zu entschuldigen und wohlwollend das folgende zu überdenken:

Beiliegendes Blatt enthält den Wunsch einer, Sie unbegränzt hochschätzenden, Gesellschaft, die Zeitschrift, von der die Rede ist, mit Ihren Beiträgen zu beehren, über deren Rang und Werth nur Eine Stimme unter uns seyn kann. Der Entschluß Euer Hochwohlgeboren, diese Unternehmung durch Ihren Beitritt zu unterstützen, wird für den glücklichen Erfolg derselben entscheidend seyn, und mit größter Bereitwilligkeit unterwerfen wir uns allen Bedingungen, unter welchen Sie uns dieselben zusagen wollen.
Hier in Jena haben sich die H.H. Fichte, Woltmann und von Humboldt zur Herausgabe dieser Zeitschrift vereinigt, und da, einer nothwendigen Einrichtung gemäß, über alle einlaufenden Manuscripte die Urtheile eines engern Ausschusses eingeholt werden sollen, so würden Ew. Hochwohlgeboren uns unendlich verpflichten, wenn Sie erlauben wollten, daß Ihnen zu Zeiten eines der eingesandten Manuscripte dürfte zur Beurtheilung vorgelegt werden. Je größer und näher der Antheil ist, dessen Sie unsre Unternehmung würdigen, desto mehr wird der Werth derselben bei demjenigen Publicum steigen, dessen Beifall uns der wichtigste ist.


Sollten Sie auch nur im Mindesten einen Reiz in unserem Anliegen erkennen können, so bitte ich Sie, mich dies wissen zu lassen, zwecks Vereinbarung eines Termins zu weiteren Besprechungen.

Hochachtungsvoll verharre ich
Euer Hochwohlgeboren
gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer

Fr. Schiller"


Ein letzten Mal las Friedrich seine Notiz, atmete dann tief durch, faltete und versiegelte sie und übergab sie mit seiner übrigen Korrespondenz dem bereits wartenden Botenjungen. "Dass du mir das nur ja nicht verlierst, das könnte die Zukunft der deutschen Literatur beeinflussen!" Und schon war der Junge mit einer gemurmelten Antwort zur Tür hinaus. Friedrich sank auf seinen Stuhl und rieb sich die Schläfe. Hoffentlich würde der geheime Rat seinem Ansinnen zumindest eine Chance geben. Er war immerhin nicht gerade dafür bekannt, die jungen revolutionären Elemente in der deutschen Dramatik besonders zu schätzen und bei ihrem ersten Zusammentreff, für das er Charlotte immer noch auf Knien dankbar war, hatte der Dichterfürst ihn kaum wahrgenommen. Ihre kurze Konversation unterkühlt zu nennen, wäre ein reiner Euphemismus gewesen. Aber immerhin verdankte Friedrich unter anderem seinem großen Vorbild die jetzige Lehrposition (und damit die Tatsache, dass er nicht mehr am Hungertuch nagte!). Einen Versuch war es wohl wert. Vor allem nach dem Spott bezüglich seiner Schwärmereien, die er sich von Gottlieb [Fichte] und Wilhelm [Humboldt] hatte anhören müssen. Aber was konnte schließlich er dafür, dass es sich bei ihrem erhofften Kollegen in spe um den hervorrragendsten und wortgewandtetsten Dichter Deutschlands, vielleicht der ganzen Welt, handelte? Hätte er nicht noch vorsichtiger formulieren sollen? Oder gerade nicht, um nicht allzu dilettantisch zu wirken? Wie auch immer ihr Vorhaben aufgenommen würde, nun war es ohnehin zu spät. Er würde auf die Antwort Goethes warten müssen. Erneut seufzte Friedrich, stand auf, zog seinen Gehrock an und trat in dem warmen Junimorgen hinaus.

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Schiller.

Friedrich von Schiller.

Natürlich!

Johann drehte den Brief in seinen Fingern, den er erhalten und erst einmal auf seinem Schreibtisch hatte liegen lassen. Er erinnerte sich an jenen Namen, hatte er nicht jenem Mann einen Sitz an der Universität Jena verschafft? Das Bild eines Knaben mit rotblondem Lockenschopf kam ihm in den Sinn, ein Rebell, ein Querdenker, jung und noch völlig ungestüm. Charlotte von Lengefeld hatte sie einst miteinander bekannt gemacht. Nun war jener Künstler nichts mehr als eine böse Erinnerung an vergangene Zeiten, an eine Art zu schreiben, wie sie Johann lästig geworden war.
Der Dichter sah auf, als sich von hinten zwei schlanke Arme um seine Schultern legten und heiße Lippen einen Kuss auf seinen Nacken hauchten. „Es ist spät, mein Herz“, säuselte die sanfte Frauenstimme Christianes, ihr schwarzes Haar kitzelte ihn auf wundervolle Weise. „Komm ins Bett.“

Er legte seine Hände auf ihre und führte sie an seinen Mund, um ihre langen, feingliedrigen Finger inniglich zu küssen. „Gleich, meine Liebe, gleich. Ich muss mich zuvor noch um diese Korrespondenz kümmern.“ Die junge Frau ließ ein leises Lachen vernehmen, welches er so unglaublich an ihrem lebensfrohen Wesen schätzte, und schüttelte ihren Lockenkopf.
„Das sagst du jedes Mal und dann schreibst du doch bis tief in die Nacht hinein.“, tadelte sie liebevoll und platzierte einen weiteren Kuss, dieses Mal jedoch auf die Lippen des Mannes, mit dem sie in 'wilder Ehe' zusammen lebte. „Mach nicht mehr so lange. Ich warte auf dich.“

Johann sah ihr nach wie sie in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer verschwand, der weiße, durchschimmernde Stoff ihres Nachtgewandes leuchtete im Halbdunkeln wie der Schein des Mondes und umspielte ihre weibliche Figur, lockte ihn an wie die Motten das Licht. Mit einem zufriedenen Seufzen auf den Lippen wandte er sich wieder seinem Brief zu.

Wo war er zuletzt stehen geblieben? Ach ja, Schiller, die Horen. Jener Mann hatte sich als nicht untalentiert herausgestellt und er gelangte nach und nach zu mehr ansehen. Goethe hatte seine Entwicklung durchaus am Randemitverfolgt, ohne ihm allerdings allzu viele Bedeutung beizumessen. Dennoch – die Möglichkeit, sich mit Anderen seiner Art auseinander zu setzen, sich darüber auszutauschen, in welcher Art jene Stücke veröffentlich werden sollten, vielleicht eine neue Renaissance der Kunst herbeizuführen... all dies erschien ihm unglaublich reizvoll. Daher griff er zu seinem Federkiel und begann, eine schnelle Antwort zu verfassen:

Weimar, 24. Juni 1794,

Ew. Wohlgeboren

eröffnen mir eine doppelt angenehme Aussicht, sowohl auf die Zeitschrift welche Sie herauszugeben gedenken, als auf die Theilnahme zu der Sie mich einladen. Ich werde mit Freuden und von ganzem Herzen von der Gesellschaft seyn.

Sollte unter meinen ungedruckten Sachen sich etwas finden das zu einer solchen Sammlung zweckmäßig wäre, so theile ich es gerne mit; gewiß aber wird eine nähere Verbindung mit so wackern Männern, als die Unternehmer sind, manches, das bei mir in’s Stocken geraten ist, wieder in einen lebhaften Gang bringen.

Schon eine sehr interessante Unterhaltung wird es werden, sich über die Grundsätze zu vereinigen, nach welchen man die eingesendeten Schriften zu prüfen hat, wie über Gehalt und Form zu wachen, um diese Zeitschrift vor andern auszuzeichnen und sie bei ihren Vorzügen wenigstens eine Reihe von Jahren zu erhalten.

Ich hoffe bald mündlich hierüber zu sprechen und empfehle mich Ihnen und Ihren geschätzten Mitarbeitern auf’s Beste.

Goethe.


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„Warum antwortet er denn nicht?“ Wütend knallte Friedrich die Morgenpost auf den Küchentisch, die wieder einmal nicht den ersehnten Brief enthalten hatte. „Wie lange, um Gottes Willen, kann der alte Mann denn brauchen, um eine Entscheidung zu fällen? Wir wohnen in derselben Stadt! Es ist ja nicht so, als ob ich ihn gebeten hätte, dem Regiment beizutreten! Und außerdem-“ Hier wurde Friedrich abrupt von seiner Frau unterbrochen, die ihn mit sanfter Gewalt zur Seite schob, die Zuckerdose aus dem Schrank hinter ihm holte und dabei mitleidig seufzte. „Du darfst dich nicht immer so aufregen, Friedrich!“

„Nicht aufregen? Charlotte, wie soll ich mich nicht aufregen, wenn die Zukunft meiner Zeitschrift von einem selbstgefälligen Müßiggänger abhängig ist, der sich nicht im Geringsten darum schert, wen er mit seiner Faulenzerei vor den Kopf stößt, “, erwiderte Friedrich aufgebracht. Dennoch ließ er sich von Charlotte auf den Küchenstuhl drücken und sich eine Tasse Kaffee servieren. Es war bereits kurz vor der Mittagsstunde, aber Friedrich neigte dazu, die Nächte bis in die frühen Morgenstunden zu ziehen und sich erst später zur Ruhe zu legen. Dass Charlotte ihm diesen fortgesetzten Lebenswandel durchgehen ließ, war einer der Gründe, warum er sie geheiratet hatte. Sie war vielleicht keine reiche Frau (er hätte durchaus vorteilhaftere Partien nötig gehabt), aber sie sah ihm vieles nach und verstand seine Grillen von Zeit zu Zeit besser als er selbst. Mit letzterem ging bei ihr die Fähigkeit einher, ihren Gatten stets ein wenig beruhigen zu können und so auch dieses Mal: „Du weißt genau, dass das nicht stimmt. Ein Mann seines Rufes und seiner Stellung ist eben vielbeschäftigt. Und zwar nicht zuletzt damit gerade die Werke zu verfassen, nach denen ein gewisser Jenaer Professor sich verzehrt, wie ein Kind nach dem Christfest!“

Sie wandte sich bei diesen Worten ab, um ihr Lächeln zu verbergen. Sie kannte die Schwärmerei ihres Mannes für den großen Dichter gut, immerhin war sie es, die beide einander vorgestellt hatte. Mitleidig dachte sie an jenes Treffen zurück, das alles andere als glücklich verlaufen war. Sie war sich sicher, dass Friedrich ein begabter Dichter war, einer der ganz Großen und dass auch Herr Geheimrat Goethe das früher oder später erkennen musste. Aber in seiner Ungeduld und seinem Temperament war er wirklich manchmal etwas kindlich und das konnte man nun von Herrn Goethe nun wirklich gar nicht behaupten.

„Das ist nicht wahr. Wahrscheinlich hat er schon seit Wochen nicht mehr geschrieben, sondern sich nur mit seiner Mätresse vergnügt. Eine Schande ist es, dass ein so angesehener Mann sich solchen Lastern hingibt.“ Dennoch klang Friedrich bereits ein wenig besänftigt.

„Nun, immerhin frönt ER nicht dem Tabak und dem Alkohol in rauen Mengen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Herr Goethe nicht vom Nachtwächter dazu ermahnt werden muss, endlich das Licht zu löschen.“, gab Charlotte zu bedenken, während sie damit begann, das Mittagessen herzurichten.

Friedrich grinste. Er genoss, trotz Ehe und Professur, das Leben in vollen Zügen und verspürte durchaus einen gewissen Stolz über seinen hart erarbeiteten Ruf als Lebemann und Schöngeist. „Und genau deshalb, braucht er für einen einfachen Brief doppelt so lange wie jeder normale Mensch!“ Er stand auf und hauchte seiner Frau einen Kuss auf die Wange. „Ich werde wohl noch einmal nach dem Postamt gehen und fragen, ob sie nicht doch etwas für mich haben. Warte nicht mit dem Essen auf mich.“

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„Nein, nein, nein!!!“ In einer wütenden Geste, wie es wahrscheinlich auch ein kleines Kind getan hätte, dessen Willen man nicht gerecht wurde, sprang der Dichter von seinem Stuhl auf und zerriss den soeben geschriebenen Vers in tausend Stücke. „Es ist zum Verzweifeln! Ich habe so viele Gedanken in meinem Kopf, so viele Ideen, Konstrukte, aber ich vermag es nicht mehr, sie zu Papier zu bringen! Es ist, als sei alles, das ich bisher geleistet habe, vergangen, das letzte Aufbäumen eines alten Mannes bevor ihn Krankheit und Zerfall dahin raffen.“
Johann ließ sich zurück auf seinen Stuhl fallen, seine Hände vergruben sich in seinem langen krausen Haar und rauften dieses in tiefer Verzweiflung. „Du gehst viel zu hart mit dir ins Gericht.“ Beschwichtigend umfingen Christianes schlanke Arme seine Schultern, doch er schlug sie nicht eben sanft fort, wollte jetzt nicht von ihren süßen Worten besänftigt werden, die ihm gerade doch nur wie blanker Hohn erschienen.
„Ich gehe noch zu milde mit mir ins Gericht, weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass meine besten Zeiten vorbei sein sollen!“ Er sprang erneut auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. „Alle wollen sie Werke wie den Werther! Er war ein Erfolg und er war gut, als ich ihn schrieb, hat er doch in den Geist der Zeit gepasst. Aber nun brauchen wir etwas Anderes! Ich bin es Leid, immer mit mir selbst, meinem stärksten Kritiker, verglichen zu werden!“
Christiane war ein wenig zurück gewichen vor dem überschäumenden Temperament ihres Liebhabers, sie kannte ihn gut genug um zu wissen, dass sie ihm in diesen Zeiten nicht helfen konnte, nur er selbst konnte sich aus seinem Tief wieder emporziehen. Sie schenkte ihm daher nur ein sanftes, einfühlsames Lächeln, als sie vorschlug: „Du solltest ein wenig ausgehen. Lass den Wind dein erhitzes Gemüt kühlen, vielleicht tut es dir gut, deinen Gedanken ein wenig Ruhe zu gönnen.“ Johann schüttelte den Kopf, als hätte sie das Albernste gesagt, das er jemals gehört hätte. „Meinen Gedanken ein wenig Ruhe gönnen? Dir mag so etwas vielleicht möglich sein, deine größte Sorge ist es, welches Kleid du heute tragen sollst und ob dessen Farbe zu einem deiner unzähligen Hüte passt! Kannst du denn überhaupt ermessen, wie ich mich fühle? Angefüllt mit all diesen Ideen, die ich doch nicht zu Papier bekomme?“
Frustiert holte er für einen Moment tief Luft und schloss die Augen, bevor er, etwas ruhiger als noch zuvor sagte: „Verzeih, ich bin wirklich nicht ich selbst. Ich sollte deinen Rat beherzigen, vielleicht wird es mich auf andere Gedanken bringen!“ Er küsste sie flüchtig, bevor er an ihr vorbeieilte.  

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„Er hat geschrieben!“ Keuchend stürmte Friedrich die Stufen zum Salon hinauf, in dem Gottlieb und Wilhelm saßen. Sie hatten sich hier zu einer kurzen Besprechung zwecks genauerer Planung ihrer Zeitschrift verabredet und Friedrich war bereits eine halbe Stunde zu spät. Aber das würden seine Freunde und Verbündeten ihm nachsehen müssen, denn wieder und wieder hatte er die wenigen Zeilen seines großen Vorbildes durchgelesen und sich gar nicht davon losreißen können.
Erst als Charlotte ihn nach einigen Ermahnungen nach der Zeit fast schon mit Gewalt vor die Tür gesetzt hatte, war er endlich aufgebrochen.
Gottlieb und Wilhelm indes schienen von dieser welterschütternden Neuigkeit lediglich milde überrascht. „Habt Ihr denn gar nichts zu sagen?“, fragte Schiller ernüchtert. „Der wohl bedeutendste Dichter unserer Nation sagt uns seine Mitarbeit zu und ihr starrt nur Löcher in die Luft?“ Wilhelm setzte seine Untertasse ab und lächelte nachsichtig. „Beruhige dich, Friedrich, und komm erst einmal wieder zu Atem. Wir wissen es bereits.“
„Ihr- woher?“ Man konnte dem jungen Dichter die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben sehen. Seine Freunde wussten wohl, dass er nicht gerade geübt im Umgang mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens war. Zwar hatten seine „Räuber“ durchaus einige Aufmerksamkeit erregt, aber als Deserteur aus dem württembergischen Regiment hatte sich der junge Schiller bedeckt halten müssen und seinen Ruhm so kaum auskosten können. Und nun hatte er seit Tagen auf Antwort von seinem großen Idol gewartet. Stundenlang hatte er ihnen mit wechselndem Tonfall in Ohren gelegen. Mal hatte er Goethe auf’s übelste beschimpft, dann wieder den literarischen Boden, auf dem der Meister ging, geküsst. Ihm die Freude an der langersehnten Antwort zu nehmen, war wirklich nicht höflich.
„Gottlieb ist mit der Wäscherin der Nachbarin der Frau Vulpius (Wilhelm ignorierte wie Friedrich bei diesem Namen das Gesicht verzog) bekannt. Sie erwähnte gestern Morgen, dass der Geheimrat sich wohl entschlossen habe, sich zu neuen Ufern vorzuwagen. Aber was schreibt er denn? Wir kennen ja auch den Wortlaut nicht.“
Friedrich zögerte kurz, begann dann aber, halbwegs versöhnt, mit zitternder Stimme vorzulesen: „Ew. Wohlgeboren eröffnen mir eine doppelt angenehme Aussicht,…“ Als er geendet hatte, blickte er auf und in die Gesichter seiner Freunde, die in Gelächter ausbrachen. Friedrich war verwirrt. Schließlich sagte Gottlieb unter Lachen: „Na, da hat der gute Herr Geheimrat aber hohe Erwartungen an eure Zusammenarbeit. Vielleicht kannst du ihm ja mit seiner…Schreibblockade helfen. Es heißt, er habe schon seit Wochen nichts Anständiges zu Papier gebracht.“
„Das ist nicht wahr! Ich bin mir sicher, dass er an etwas Großen arbeitet. Und es wird ja auch Eure Zusammenarbeit sein.“, erwiderte Schiller erbost.
„Für Jemanden, der ihn gestern am liebsten noch für seine Trägheit beim Beantworten der Korrespondenz auf’s Schaffott gebracht hätte, nimmst du ihn aber jetzt ziemlich in Schutz. Aber es stimmt ja und wir sind auch sehr erfreut, dass er zugesagt hat. Aber Goethe ist nun mal nur zu Besuch in Jena und wird bald wieder nach Weimar zurückkehren, wohin auch du bald übersiedeln willst. Was die Zusammenarbeit angeht, musst du also den Löwenanteil erledigen“, gab Gottlieb, der inzwischen wieder ernster geworden war zu Bedenken.
„Ich…“
„Was denn? Hast du etwa Angst vor deinem Dichterfürsten? Befürchtest du, die Realität könne weniger schillernd als deine Phantasie sein?“
„Ich bin kein Phantast, Wilhelm, aber gerade deshalb! Der Herr Goethe und ich sind uns bereits einmal begegnet und…nun ja, ich glaube schlichtweg nicht, dass ihm meine Person besonders angenehm ist.“ Schiller sah betreten zu Boden.
Die beiden Anderen sahen einander kurz an. Sie wussten, wie viel diese mögliche Arbeitsbeziehung ihrem Freund bedeutete. „Nun“, hob Gottlieb an, „das ist ja nun auch schon einige Jahre her. Und der Brief klingt doch nun wirklich erbaulich. Mach dir nicht so viele Gedanken, Friedrich. Der Mann ist in einer Schaffenskrise und kann sich von deinem Talent gar nicht anders als bedrängt fühlen. Am Samstag gibt die Majorin von Kalb eine Soiree. Sie ist dir doch noch…wohlgesonnen? [die hatten mal was miteinander] Bitte Goethe doch einfach dort zum ersten Treffen. Ihr könnt in ganz ungezwungener Runde das weitere Vorgehen besprechen und danach kommst du erstmal mit Wilhelm und mir ins Wallenstein, den Abend begießen.“
Schiller sah seinen Freund dankbar an. Seine Freude war seit er den Brief erhalten hatte, immer mehr der Nervosität und dem Lampenfieber gewichen, aber nun entspannte er sich ein wenig.
„In Ordnung. Ich werde sogleich alles veranlassen. Vielen Dank für eure Unterstützung.“ Als er sich zum Gehen wandte, ergriff Wilhelm das Wort: „Nur eins vergiss am Samstag nicht: Deine Werther-Ausgabe! Dann kannst du ihn um eine persönliche Widmung bitten.“
Mit feuerrotem Gesicht verließ Friedrich vom Lachen seiner Freunde begleitet das Haus und machte sich erneut auf den Weg zum Postamt.
„Jena, 23.August 1794
Hochwohlgeborner Herr,
Mit großer Freude und Dankbarkeit empfangen wir Ihre Zusage und blicken mit großen Erwartungen der Zusammenarbeit mit Ihnen entgegen.
Zur weiteren Erörterung, wie vorzugehen sei, soll unser Anliegen zu einem glücklichen Abschluss gebracht werden, erbitten wir ein persönliches Gespräch. Am kommenden Samstag wird am späten Nachmittage eine kleine Gesellschaft im Hause meiner guten Freundin Major v.K. zusammenkommen. Es wäre uns eine Ehre, auch den Herrn Geheimrat dort antreffen zu können.
Meine Freunde so wie meine Frau empfehlen sich Ihrem gütigen Andenken, und ich verharre hochachtungsvoll
Ihr
gehorsamster Diener
Fr. Schiller.“

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Johann verbrachte die Zeit in Jena damit, zu arbeiten und alte Bekannte zu besuchen. Die Arbeit jedoch viel ihm schwer, er hatte unglaublich viele Ideen, von denen er nicht sicher war, ob die Welt bereit war, sie zu lesen! Er brauchte einen Vertrauten, einen Gleichgesinnten, jemanden, mit dem er seine Gedanken teilen konnte. Daher war jener Brief für ihn äußerst willkommen. Sich dort mit dem ein oder anderen Dichter und Denker auszutauschen würde seine Gedanken mit Sicherheit wieder beflügeln! Zudem würde er jener Gastgeberin, welche eine recht angesehene Dame war und zudem noch von schöner Gestalt, durchaus gerne die Ehre geben.

Einziger Dorn in seinem Auge war noch sein junger Konkurrent, der ihm jene Briefe mit einer solchen Leidenschaft schrieb, dass selbst Goethe sich dieser nicht entziehen konnte.  Friedrich war ein junger, aufstrebender Künstler und schien derweil mehr und mehr and Popularität zu gewinnen. Die Art, wie er schrieb, wie er sich ausdrückte, imponierte Johann, obgleich jener Ton demütig war, unterwürfig.

Er hatte Friedrich nur sehr wage in Erinnerung, jener Mann erschien ihm damals farblos, uninteressant, ein Diletant. Noch ein Knabe, kaum den Kinderschuhen entwachsen, der versuchte, im Metier der Dichtkunst Fuß zu fassen. Wie viele vor ihm hatten diesen Versuch gewagt und waren gescheitert? Auch hatte er gehört, dass jener Schiller ein rechter Lebemann war, der seine Zeit gerne mit Kartenspielen verbrachte, einem Vergnügen, das Johann wahrscheinlich ebenso zuwider war wie Friedrich seine Beziehung zu Christiane Vulpius. Schnell war eine kurze, geschäftliche Antwort zurück geschrieben, in der er sein Kommen für den darauffolgenden Samstag ankündigte.  

Jenem Treffen sah Johann gelassen entgegen, er war den Ruhm mittlerweile gewöhnt, den Umgang mit anderen Menschen und er verstand es wie kein anderer, die Leute mit seinen Reden in seinen Bann zu ziehen. Schon als Knabe hatte er sich Geschichten ausgedacht, die er mit wahrer Imbrunst seinen Freunden erzählte und die nie müde wurden, seinen Kuriositäten zu lauschen. Und auch heute noch verstand er sich darauf, den Menschen zu gefallen, vor allem natürlich dem weiblichen Geschlecht. Adrett gekleidet in einen dunklen Rock mit feiner Musterung, dem Degen an der Seite und dem Hut unter dem Arm machte sich der Dichter auf den Weg zu jenem verreinbartem Treffen. Die Kutsche hielt vor einem eleganten Anwesen, dass wohl kleiner war, als es einem Major zustand, aber immer noch groß genug, um durchaus als standesgemäß betrachtet zu werden, zumal es sich hier nur um den Sommersitz der Majorin von Kalb selbst handelte.

Die Hausherrin empfing ihn persönlich, ihr hellblaues Kleid aus teurem Stoff schimmerte im Licht und umspielte ihren wohlgeformten Körper in einer Art, die Johann durchaus imponierte. „Es ist mir eine Ehre, Mademoiselle“, stellte er fest und verneigte sich galant vor ihr, während er ihre behandschuhte Hand zur Begrüßung küsste. „Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen. Mir scheint, als seid Ihr noch schöner geworden seit unserer letzten Begegnung.“

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Schiller versuchte, tief durchzuatmen und scheiterte. Seit etwa einer Viertelstunde stand er nun vor dem Spiegel seiner Ankleide und brachte es immer noch nicht zustande, seine Perücke gerade aufzusetzen. Er hatte sie extra heute Morgen noch pudern lassen. Ein Gang, bei dem sich selbstverständlich genau das im unerwartetsten Augenblick zugetragen hatte, was er seit Monaten erhofft hatte. Mitten in der Jenaer Innenstadt war er zufällig ihrem wohl bekanntesten Gast begegnet. Johann Wolfgang von Goethe, der den sonnigen Morgen nutzte, um den Wichtigen der Stadt seine Aufwartung zu machen. Friedrich hätte dieses Profil überall erkannt und so war er bereits auf halbem Wege über die Straße, als er sich dessen bewusst wurde, was er gerade zu tun im Begriff war. Goethe auf der Straße ansprechen, wie ein aufgeregtes Schulmädchen! Für den angehenden Herausgeber eines Journals absolut unpassend und unprofessionell. Was dachte er sich nur? Suchend blickte Friedrich sich auf der Straße nach einem Vorwand um, dem Geheimrat nicht zufällig begegnen zu müssen. Glücklicherweise wurde er dabei einer kleiner Gruppe junger Männer - und den dazugehörigen Mädchen ohne Zweifel – gewahr, die ihm zu folgen schien. Während Friedrich sich noch wunderte, wer diese Leute sein mochten, hatte ihn einer davon bereits angesprochen. Erst nach einem langen Gespräch über seine letzte Vorlesung, dass, als auch die Damen in die Diskussion einstiegen, schnell zu einem noch längeren Gespräch über sein „Kabale und Liebe“ wurde, konnte er sich von der Gruppe entfernen. Manchmal, und besonders wenn Goethe auch nur gedanklich anwesend war, vergaß Friedrich, dass auch er trotz seiner Jugend einige Bewunderer an der Universität und darüber hinaus hatte. Vielleicht sollte er sein Licht nicht allzu sehr unter den Scheffel stellen und ein wenig mehr Selbstvertrauen aufbringen für das Gespräch mit Goethe, von dem, nebenbei bemerkt, natürlich längst nichts mehr zu sehen war.
Leider war von diesem Selbstvertrauen am Abend nichts mehr übrig geblieben. Nachdem Friedrich einen erneuten Versuch unternommen hatte, die Perücke zu richten und wieder in den Spiegel blickte, konnte er nur noch aufseufzen. Seine angeschlagene Gesundheit und der mangelnde Schlaf hatten tiefe Ringe unter seinen Augen hinterlassen und auch sonst sah er mehr nach einem Bauerntölpel aus, der sich verkleidet hatte, als nach einem gelehrten Mann.
Mit einer entschlossenen Geste nahm er die schiefsitzende Perücke ab. Dann würde er eben ohne gehen. Er war ohnehin viel zu spät. Friedrich nahm ein schwarzes Samtband, welches glücklicherweise ganz außerordentlich gut mit seinem schwarz-samtenen Gehrock harmonierte, und band sich die rotblonden Locken im Nacken zusammen. Er nahm Mantel und Hut, verabschiedete sich von seiner Frau, die solche Veranstaltungen nicht schätzte und machte sich auf den Weg.
Als er sich dem kleinen Anwesen der von Kalbs näherte, konnte er bereits von weitem die erleuchteten Fenster sehen. Die Sommernacht war warm und schwül und Friedrich freute sich bereits auf den ersten Wein. Als er durch das Tor trat, sah er die Gastgeberin, wie sie gerade einen anderen Gast begrüßte, und blieb stehen. Zu unhöflich wäre es ihm erschienen, sich in diesem Augenblick aufzudrängen.
Während er darauf wartete, selbst an der Reihe zu sein, beobachtete er den Gast genauer und stellte erfreut fest, dass er der Grund seiner Anwesenheit war. Goethe höchstselbst war es, der da der Majorin die Hand küsste. Mehrfach. Mit Hingabe. Und noch dazu viel zu nahe stand. Was genau gesprochen wurde, konnte Friedrich nicht verstehen, aber der süßliche Tonfall sprach Bände. Das versprach ja ein heiterer Abend zu werden. Wie sollte er bloß Goethes Aufmerksamkeit gewinnen, wenn der allem nachstellte, was einen Rock trug? Und wozu schaffte man sich überhaupt eine Mätresse samt dazugehörigem Bastard an, wenn man dieser dann noch nicht einmal treu war?
Aber ehe Friedrich weiter darüber nachgrübeln konnte, hatte Goethe bereits das Haus betreten und es war nun an ihm, Charlotte seine Aufwartung zu machen.
„Charlotte, es ist mir eine große Ehre, heute Ihr Gast sein zu dürfen. Und ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Hilfe in meiner Angelegenheit.“
Charlotte (was verfolgte ihn nur immer dieser Name?) lächelte: „Guten Abend, Friedrich. Die Freude ist ganz meinerseits. Es ist lange her, dass wir beide hier zusammentrafen. Und es ist mir immer eine Freude, einem alten Freund helfen zu können, vor allem wenn diese Hilfe verspricht, so reiche Früchte zu tragen. Im Übrigen ist Er gerade ins Haus gegangen und scheint recht guter Laune zu sein. Wenn du nach dem Essen an ihn herantrittst, wird er sich bestimmt zu benehmen wissen, der alte Griesgram.“
Gemeinsam betraten sie das Haus.
Während des gesamten Abendessens hatte Friedrich nicht einen Bissen hinunterbekommen, stets dachte er an das bevorstehende Gespräch. Dann endlich, als man langsam zum Tanz überging, stand er auf, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Weinglas und trat zu dem älteren Mann, der gerade in ein Gespräch mit einigen blutjungen Mädchen vertieft war.
„Verzeihung? Herr Geheimrat von Goethe? Ich glaube, wir haben uns bereits einmal getroffen. Mein Name ist Friedrich Schiller…“

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Das Abendessen verlief, ohne dass Johann den Absender jener Briefe erblickt hätte. Zwar bemerkte er durchaus das ein oder andere Mal einen hübschen, rotblonden Schopf, er brachte diesen jedoch nicht mit Friedrich Schiller in Verbindung. Seine Erinnerung an jenen Mann war so wage, dass er ihn sich nur noch sehr fragmentarisch vorstellen konnte. Davon abgesehen hätte er es bevorzugt, mit Künstlern wie Fichte und Herder persönlich zu verkehren. Doch obgleich er während des Essens wenig Gelegenheit bekam, sich auf intellektueller Ebene zu unterhalten, so wurde er dennoch bald mit dem Abend versöhnt.
Goethe verstand es wie kein anderer, sich bei den Frauen beliebt zu machen. Mit einigen wenigen Versen, die er selbst schon als beinahe diletantisch bezeichnet hätte, hatte er in Windeseile die Aufmerksamkeit einiger junger Damen erregt, welche sich um ihn zu scharen begannen. Ein Umstand, der ihm selbst durchaus gelegen kam. Gerade hatte er eine junge Dame an seinem Arm hängen, welche jedes seiner Worte begierig in sich aufnahm und ihn aus großen, mit langen Wimpern bekränzten Augen ansah. Gerade wollte er zu einer Erwiderung ansetzen, als ihn jemand von der Seite ansprach.

Für einen Augenblick glaubte er, einer weiteren Dame gewahr zu werden, bemerkte dann aber, dass der rotblonde Haarschopf zu einem jungen Mann gehörte. Er hob instinktiv eine Augenbraue, um sein Gegenüber zu mustern, bevor er ihn höflich, wenn auch distanziert begrüßte. „Natürlich, ich bin erfreut, Sie wiederzusehen. Wenn Sie gestatten...“ Er ließ Schiller für einen Moment stehen, um sich erneut jener Gruppe von Damen zuzuwenden. Sein Tonfall, zuvor kühl und zurückhaltend, hatte nun wieder jenen warmen, scherzenden Klang, welchen er gerne in weiblicher Gesellschaft an den Tag legte. „Auch, wenn es mir schier das Herze bricht, werde ich die Damen nun verlassen müssen“, sagte er und ergriff die Hand jener blonden Schönheit, die ihm am nächsten stand, um einen Handkuss auf jenen bleichen Fingern zu platzieren. „Ich hoffe sehr auf ein baldiges Wiedersehen!“
Erst dann wandte er sich Friedrich Schiller zu, um sich mit ihm in einen ruhigeren Teil des Saales zurückzuziehen. „Ihr Brief war mir eine willkommene Zerstreuung und mit Freuden werde ich ihnen einiges Material zukommen lassen, von welchem ich glaube, dass es für die Horen geeignet sei.“

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Während Friedrich Goethe langsam durch das Gedränge hinaus in den Garten begleitet, musste er sich fast die Zunge abbeißen. Schließlich war er der Grund für Goethes Anwesenheit bei diesem Fest und nun musste dastehen wie das Kind beim Dreck, gerade so als hätte er dem Mann vor ihm ein unsittliches Angebot gemacht und nicht eine professionelle Zusammenarbeit vorgeschlagen. Es ging hier nicht darum, Goethe langweilige Nachmittage zu verkürzen, sondern die Welt durch ihrer beider Zusammenarbeit zu bereichern. Er kochte innerlich vor Wut, schluckte die bissige Antwort, die ihm auf der Zunge lag aber hinunter.
"Das freut mich zu hören. Wenn es Ihnen genehm ist, können Sie mir die Schriften ja in den nächsten Tagen mit Kommentar zukommen lassen oder persönlich vorbeikommen und mitteilen, wie damit zu verfahren sei." Friedrich gab seiner Stimme den neutralsten Tonfall, den er zustande brachte, aber seine Unsicherheit war mit Goethes herablassender Begrüßung vollkommen verflogen und so konnte er es sich nicht verkneifen, nachzusetzen: "Ich bin überrascht, dass hochwohlgeborener Herr nach unserer letzten Begegnung überhaupt dazu bereit waren, sich zur Zusammenarbeit herabzulassen. Es muss ein wahrhaft großes Werk sein, wenn Ihr so auf die Veröffentlichung drängt. Ich bitte euch inständig: Erzählt doch zumindest ein wenig, worum es sich handelt."

Erwartungsvoll blickte er Goethe an. Wenn es stimmte, was man sich erzählte und der Dichter wirklich in einer Schaffenskrise war, dann versprach seine Antwort, nun durchaus interessant zu werden.

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„Das werde ich mit größtem Vergnügen tun. Ich werde ihnen die Schriften auf dem ein oder anderen Wege zukommen lassen, sie werden wohl wissen, dass ich nur zu Besuch in Jena bin und bald nach Weimar zurückkehren werde. Dennoch werde ich veranlassen, dass sie alsbald wie möglich von mir hören“, antwortete Johann, er war überrascht, dass jener Mann dieses Mal selbstbewusster auftrat, als er ihn in Erinnerung hatte. Auch war er älter geworden, was seiner Erscheinung allerdings keinen Abbruch tat.
Dass der Autor in einer Schaffenskrise war hieß nicht, dass er nicht noch das ein oder andere unveröffentlichte Stück auf seinem Schreibtisch liegen hatte. Und aktuell schrieb er noch an einer Novellensammlung, welche sich seiner Meinung nach perfekt für jene Horen eignen würden. Nur war es fraglich, ob jener Herausgeber auch Interesse daran zeigen würde. Johann kannte dessen Einstellung zur Politik nicht und war sich unsicher, ob er hier so einfach mit ihm darüber reden konnte.

Er warf einen Blick über seine Schulter, derweil schienen sie wirklich unter sich zu sein, weshalb er mit leiserer Stimme als noch zuvor sagte: „Es handelt sich um eine Sammlung von Novellen, welche den Titel 'Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten' tragen sollen. Sie zeigt eine Gesellschaft auf, die in ihrer Funktion versagt, ausgelöst durch die Auswirkungen der französischen Revolution. Was die Pest für Boccaccios Decamerone war, das ist die Revolution für unser Vaterland.“ Der Mann musterte Schiller aufmerksam, nahm seine Züge völlig in sich auf, lauernd, wie dieser reagieren würde.

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Schiller war überrascht, dass Goethe offensichtlich tatsächlich etwas zurechtgelegt hatte. Vielleicht war er ja doch nicht ganz so weltfremd, wie befürchtet. Nun gut, er hatte von Goethes zweifelhafter Einstellung zu den politischen Entwicklungen in Frankreich gehört, aber das sollte ihm egal sein, so lange es bedeutete, dass er sich keinen neuen Lieblingsautor suchen musste, weil sein eigentlicher nichts mehr veröffentlichte. Solange es stilistisch weiter so geschliffen verpackt blieb, konnte er auch mit konservativem Gefasel leben. Und immerhin schien es halbwegs gesellschaftskritisch zu sein. Alles war besser als die selbstgefälligen Belanglosigkeiten wie „Der Triumph der Empfindsamkeit“, in der der Meister nur sich selbst feiert.
„Nun, Opfer hat sie zweifellos gefordert“, bemühte Schiller sich diplomatisch zu erwidern. „Aber von Zeit zu Zeit kann so eine Krankheit auch etwas reinigendes an sich haben. Vielleicht träfe die Cholera eher zu als die Pest, denn auch hier müssen die faulen Altbestände amputiert werden, um das Leben des Patienten zu retten. Aber es ist wohl ein Vorrecht der Bourgeoisie, dem Vergangenen nachzutrauern und allem Neuen mit Angst zu begegnen.
Jedenfalls wird sich unsere Leserschaft glücklich schätzen können, etwas aus ihrer meisterhaften Feder lesen zu dürfen. Es wäre nun doch gut, wenn man das neue Journal bald in Gang bringen könnte, und da es Ihnen vielleicht gefällt, gleich das erste Stück desselben zu eröffnen, so nehme ich mir die Freiheit, bei Ihnen anzufragen, ob Sie Ihren Roman nicht nach und nach darin erscheinen lassen wollen? Ob und wie bald Sie ihn aber auch für unser Journal bestimmen, so würden Sie mir durch Mittheilung desselben eine sehr große Gunst erzeigen.
Während er sprach, wurde Schiller klar, dass sich ihm hier womöglich tatsächlich die Gelegenheit bot, das neueste Werk seines Vorbildes noch vor jedem anderen lesen zu dürfen. Wenn schon sonst nichts, dann machte es diese Aussicht ihm leicht, die politischen Seitenhiebe Goethes zu ignorieren.

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Nun, wie es schien war sein Gegenüber durchaus ein Befürworter eines Umsturzes, der konservative Johann stand jenen Entwicklungen jedoch eher kritisch und ablehnend gegenüber. „Ich bin vollkommen überzeugt, daß irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen duch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird. Die Herrschaft des Volkes führt lediglich zu Anarchie und Chaos.“
Johann schüttelte seinen Kopf, sodass die weißen Locken der gepuderten Perücke mitwippten. „Aber wir sollten jetzt nicht über solche Unannehmlichkeiten reden. Sagt mir lieber – sind ihre Gefährte heute Abend auch hier versammelt? Die Herren Fichte und Humboldt?“
Der Mann griff zu, als einer der Bediensteten ihnen ein Tablett mit Getränken anbot und nahm einen Schluck jenen guten Weines, während er Schiller musterte. „Es wäre mir eine Ehre, jene Werke in ihren Horen zu veröffentlichen, sollten ihnen diese zusagen. Ich werde ihnen die nächsten Tage Werk und Kommentar zukommen lassen. Gestatten Sie mir die Fragen, woran sie derzeitig arbeiten?“

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Friedrich zog die Augenbraue nach oben. Er war verwundert über die fast schon versöhnlichen Worte Goethes. Wie hatte er nur jemals an der Einsicht seines Idols zweifeln können? Der Mann war schließlich nicht umsonst weit über die Grenzen des Landes für seine Werke bekannt. Erfreut antwortet Friedrich: „Da haben Herr Geheimrath wohl recht. Ich bin bereits begierig weitere Ausführungen Ihrer Weisheit lesen zu dürfen. Ich selbst arbeite momentan lediglich an einigen Rezensionen zu Matthisons Gedichten. Die Arbeit an der Universität hat mich doch sehr in Beschlag genommen und ich beschäftige mich einigen Schriften zur Philosophie Immanuel Kants, die Sie vielleicht interessieren könnten.“ Peinlich berührt blickte er zu Boden, als er nun Goethes Erwartungen auf höhere Gesellschaft zunichtemachen musste.
„Leider sind meine Freunde heute Abend verhindert. Man bat mich aber auch, in ihrem Namen Ihnen unseren herzlichsten Dank aussprechen zu dürfen. Es tut mir Leid, nur Überbringer dieser Kunde sein zu dürfen und Sie vertrösten zu müssen.
Aber sollten Sie später am Abend noch keine anderweitigen Verpflichtungen haben, dann begleiten Sie mich doch ins Gasthaus „Wallenstein“.  Die Herren Fichte und Humboldt versprachen, mich nachher dort zu treffen und wären sicher erfreut, sollten Sie sich dazu entscheiden, uns mit Ihrer Anwesenheit zu beehren.“
Friedrich war von seiner eigenen Courage überrascht, aber wie konnte er sich eine solche Gelegenheit entgehen lassen? Gespannt blickte er zu Goethe auf.

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Johann hatte die vorhergegangene Beleidigung durchaus vernommen, hatte sich aber jeglichen bissigen Kommentar verkniffen, in der Hoffnung, heute Abend noch auf Menschen zu treffen, die intellektuell auf seiner Höhe waren. Als Schiller jedoch zugab, dass er alleine hier erschienen war, sah er keinerlei Grund mehr darin, jene höfliche Fassade aufrecht zu erhalten. Zwar würden die Herren, deren Gesellschaft ihm mehr lag, diesen Abend den „Wallenstein“ aufsuchen, aber Johann war sich sicher, dass er auch zu einer anderen Stunde auf jene Männer treffen konnte, ohne ihren aufmüpfigen Mittelsmann.

Wie konnte jener junge Mann die Dreistigkeit besitzen, ihn für diesen Abend einzuladen? Glaubte er wirklich, dass er sich mit ihm in ein Gasthaus zurückziehen würde, um mit ihm zu philosphieren? Der aufkommende Ruhm musste die Sinne Friedrichs schon ziemlich zu Kopf gestiegen sein, dass er sich anmaßte, auch nur daran zu denken! Johann setzte ein beinahe eisiges Lächeln auf, als er erwiderte: „Der Vorteil der  Bourgeoisie, mein werter Herr Schiller, ist es, sich seine Gesellschaft selbst aussuchen zu können. Ich denke, wir haben uns nun lange genug unterhalten. Sie werden in den nächsten Tagen von mir hören, wenn ich ihnen die Manuscripte zusende. Leben Sie recht wohl und empfehlen mich den Ihrigen.
Mit diesen Worten deutete Johann eine eher karge Verbeugung an und ließ den Jüngeren alleine zurück, um sich wieder einer anderen, wesentlich angenehmeren Gesellschaft zuzuwenden.  

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Sprachlos und mit offenem Mund starrte Friedrich dem sich entfernenden Geheimrath nach. Damit hatte er nicht, zumindest nicht mehr, gerechnet. Zugegebenermaßen war seine Bemerkung nicht gerade freundlich gewesen, aber immerhin hatte Goethe das Thema angeschnitten und eine so heftige Reaktion hatte sie nun wirklich nicht verlangt. Unter Kollegen sollten solche Meinungsverschiedenheiten schließlich nicht gleich als Beleidigungen aufgefasst werden. Sein einziger Trost bestand darin, dass niemand die peinliche Szene beobachtet hatte. Ohne noch ein weiteres Wort mit jemanden zu wechseln verlies Schiller das Anwesen und ging zum Wallenstein, um sich den Abend nicht ganz verderben zu lassen.
Als eine Stunde später auch Wilhelm und Gottlieb dort eintrafen, hatte Friedrich bereits damit begonnen, die Erinnerung an seinen Abend in angemessenen Mengen Rotweins zu ertränken. „Meine Güte, der Abend lief wohl nicht besonders gut…“, sagte Gottlieb und zog sich einen Stuhl heran, während Wilhelm sich noch aus seinem Mantel befreite und sich zu Friedrich auf die Bank quetschte. Das „Wallenstein“ war zu dieser Uhrzeit bereits voller Menschen, die lärmten und tranken, und so mussten sich die drei jungen Männer eng an ihrem Ecktisch zusammentun, um einander verstehen zu können.
Friedrich machte eine vage Handbewegung und meinte: „Oh nein, ganz und gar nicht. Herr von und zu Goethe lässt ausrichten, dass unser Angebot auch weiterhin gefällt und er bereit ist, ein Werk zum Zustand des deutschen Volkes im Journal zu veröffentlichen…“
„Das klingt doch nicht schlecht.“, hob Gottlieb hoffnungsvoll an, doch wurde er gleich wieder von seinem Freund unterbrochen. „Das war selbstverständlich bevor er mich wissen ließ, dass er dies lediglich Eurer edlen Gesellschaft zuliebe tut und er die meinige lediglich aus logistischen Gründen in Kauf nimmt.“
Wilhelm lachte an dieser Stelle auf: „Wie hast du das denn hinbekommen? Hast du mit ihm über Politik gesprochen, Friedrich? Du HAST mit ihm über Politik gesprochen!“
Friedrich verzog das Gesicht: „Nur ganz kurz und ich war überaus höflich. Fast.“ „Kein Wunder, dass er dich nur als Botenjunge ansieht…“ Doch in diesem Augenblick schaltete Gottlieb sich wieder ein: „Lass gut sein, Wilhelm, er ist doch schon am Boden! Und Friedrich, nimm das alles nicht zu schwer. Goethe ist nun mal ein großer Künstler. Die sind sensibel. Er wird sich schon wieder einkriegen.“
„Vermutlich hast du Recht“, seufzte Friedrich und blickte auf den Grund seines leeren Weinglases.
„Natürlich hat er Recht!“, sagte Wilhelm, „Und bis dahin tun wir das einzig Richtige, um diesen Abend zu retten: Mehr Wein trinken!“

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Johann versuchte, sich seinen Abend nicht weiter vermiesen zu lassen, aber seine Hochstimmung war nach jenem Gespräch mit Friedrich Schiller im Keller angekommen. Schnell fand er seine vorherigen Bekanntschaften wieder, denen er sich erneut anschloss. Wie es schien handelte es sich um die Töchter einiger angesehener Männer in Jena, eine schöner als die Andere. Vor allem die Jüngste, welche gerade einmal das zarte Alter von achtzehn Jahren erreicht hatte, war ihm besonders ins Auge gefallen. Schnell begann er, der jungen Frau ein wenig den Hof zu machen (vergessen waren seine Mätresse und deren Sohn, welche zu Hause auf ihn warteten).
Schließlich gelang es ihm, jene Dame davon zu überzeugen, mit ihm hinaus in den Garten zu treten, wo eine angenehm kühle Nachtluft sie empfing. „Nächte wie diese sollten niemals vergehen“, schwärmte jenes Mädchen, während sie ihren Arm auf den des Dichters legte und ihren Blick zu den Sternen wandern ließ. „Ist das nicht ein wundervoller Anblick?“
„Gewiss“, antwortete Johann mit einem beinahe spitzbübischen Lächeln auf den Lippen, „Doch spreche ich ganz gewiss nicht von den Sternen...“ Eine Hand umfing die blonden Locken des Mädchens und drehte sie spielerisch um seine Finger, während er sich vorbeugte, um einen Kuss auf ihre porzelanfarbene Wange zu hauchen. Beinahe erschrocken wich sie ein wenig zurück, schob den Älteren ein wenig von sich. „Nicht! Ich bitte sie, Herr Goethe, ich kam mit ihnen hierher, um den Abend zu genießen und auch ihre Gesellschaft. Ich hoffe jedoch, dass sie mich nicht falsch verstanden haben. Sie könnten mein Vater sein!“ Da holte Johann aus und versetzte dem Mädchen eine ordentliche Backpfeiffe. „So scher dich zum Teufel, du törichtes Ding“, schimpfte er, woraufhin jene eilig zurück in das Haus rannte.
Plötzlich konnte er jemanden schallend hinter sich Lachen hören. Als er sich umwandte, erkannte er Karl Ludwig von Woltmann. „Wie mir scheint büßen sie etwas von ihrem Charme ein, mein lieber Goethe“, scherzte er und begrüßte den Anderen mit einem freundschaftlichen Handschlag. Sie waren einander schon einige Male in Jena begegnet und mittlerweile verband sie so etwas wie eine freundschaftliche Rivalität. Johann erwiderte den Gruß, bevor er verdrießlich den Kopf schüttelte. „Eine Dirne, nichts weiter“, stellte er fest, „nicht einmal die Mühe wert. Was hat sie heute Abend hierher verschlagen, Woltmann?“
Der attraktive Mann lachte leise und schmunzelte amüsiert. „Sie sind nicht der Einzige, der zu einer Soiree eingeladen wird. Aber ich hatte vor, diese nun zu verlassen. Wollen sie mich nicht begleiten? Ich wollte hinüber in den Wallenstein gehen, wo sicherlich auch einige andere Herren sein werden, die sich über ihre Gesellschaft freuen würden. Die Herren Fichte und Humboldt werden auch dort sein und es wird selbst ihnen schon zu Ohren gekommen sein, dass der junge Schiller ihre Werke vergöttert, welcher sich auch dort die Ehre gibt.“
„Dies ist in der Tat eine Neuigkeit für mich“, erwiderte Johann und schien für einen Moment zu überlegen. Er hatte die Gesellschaft Schillers ausgeschlagen, aber nun hielt ihn nichts mehr im Hause der Majorin von Kalb. Würde er an Woltmanns Seite den „Wallenstein“ aufsuchen, so konnte er immer noch sagen, dass er auf dessen Einladung gekommen war. „Einverstanden. Ich werde sie gerne in den Wallenstein begleiten...“

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„Es ist geradezu bemitleidenswert, wie er sich an junge Mädchen heranschmeißt. Der Mann muss doch auch bemerken, dass er älter wird.“ Der Wein und die Musik hatten Friedrich nach einer Weile durchaus zugesetzt und während er nun mit seinen Freunden beim Kartenspiel saß, redete er sich immer mehr in Rage. „Seine älteren Werke sind ja wirklich hervorragend. Der Werther ist ein Geniestreich, von seiner Lyrik ganz zu schweigen. Aber die Erzeugnisse, die er in letzter Zeit zusammengebracht hat, sind lächerlich. Es ist, als hätte er überhaupt kein Ziel vor Augen. Saft- und kraftlos faselt er vor sich hin, wie ein alter Mann!“
Mit diesen Worten legte Friedrich seine letzte Karte ab und spielte seine Freunde damit zum sechsten Mal in Folge Schneider. Wilhelm stöhnte auf, während Friedrich die Münzen vor ihm zusammenschob und selbstgefällig grinste. „Schon wieder. Ich verstehe nicht, wie du mit dem Händchen beim Spiel jemals Geldprobleme haben konntest. Gilt „Pech im Spiel – Glück in der Liebe“ eigentlich auch im umgekehrten Fall? Ich spiele mich hier noch um Kopf und Kragen.“
Gottlieb ignorierte seinen Freund: „Ich stimme dir da vollkommen zu. Einer der Gründe, warum ich dir zur Vorsicht riet und dich in deinem Feuereifer bremsen wollte, war mein Wissen um Goethes wankelmütiges Temperament. Aber ich dachte immer, du bewundertest Goethe so sehr? Woher der Sinneswandel?“ Wilhelm murmelte Zustimmung. Auch er war schon mit dem Dichter zusammengetroffen und hatte ihn nicht als den einfachsten Zeitgenossen in Erinnerung behalten.
Friedrich winkte ab: „Kein Sinneswandel. Ich muß lachen, wenn ich nachdenke, was ich euch von und über Goethen erzählt haben mag. Ihr habt mich wohl recht in meiner Schwäche gesehen und im Herzen über mich gelacht haben, aber mag es immer. Dieser Mensch, dieser Goethe ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich so oft, daß das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht ward sein Genie von seinem Schicksal getragen, und wie muß ich bis auf diese Minute noch kämpfen!
Ich schätze seine Werke, zumindest die frühen, aber er vergeudet nun sein Talent. Ich glaube in der Tat, er ist ein Egoist in ungewöhnlichem Grade. Obgleich ich seinen Geist von ganzem Herzen liebe und groß von ihm denke Mir, ist er dadurch verhaßt.
Bei diesen Worten versuchte Gottlieb, ihn zu unterbrechen, und auch Wilhelm schien irgendwie unwohl zu sein. Aber Friedrich ließ sich nicht beirren:
„Im Ernst, ich habe zuviel Trägheit und zuviel Stolz, einem Menschen abzuwarten, bis er sich mir entwickelt hat. - Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen!“ Immer noch wütend aber mittlerweile mit einer guten Portion Galgenhumors, sah er in die entsetzten Gesichter seiner Freunde und wartete auf ihre Erwiderung.

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Was der arme Friedrich nicht hatte ahnen können, war, dass Johann Wolfgang von Goethe genau in diesem Augenblick das Gasthaus betreten hatte, in Begleitung von Woltmann, welcher sich ein erneutes Grinsen nicht verkneifen konnte. Wie es schien hatte sein Gefährte heute wohl keinen sonderlich guten Abend erwischt, denn so wie er Schiller kannte, schwärmte dieser für gewöhnlich in den höchsten Tönen von seinem Idol. Das Schicksal schien sich heute Abend gegen den Dichter verschworen zu haben.
Johann jedoch hob lediglich eine Augenbraue und musterte das Geschehen für einen Moment, die entsetzten Gesichter jener Männer durchaus bemerkend. Denn im Gegensatz zu dem schon recht angeheiterten Friedrich, hatten diese durchaus die Anwesenheit des Erwähnten bemerkt. Mit kühler Stimme sagte er: „Wenigstens bin ich nicht darauf angewiesen, mein Geld mit Glücksspiel zu verdienen, denn obgleich Ihr mir offensichtlich jeglichen Erfolg absprecht, bin ich durchaus noch in der Lage, mich selbst zu ernähren. Davon abgesehen benötige ich nicht den Geruch fauler Äpfel, um dichten zu können.“ Er ließ sich neben Schiller auf einem freien Stuhl nieder, gefolgt von Woltmann, welcher sich ein weiteres Lachen kaum verkneifen konnte.
„Ich denke nicht, dass Friedrich es so gemeint hat, der Wein und die späte Stunde scheinen ihm seine Sinne bereits ein wenig vernebelt zu haben. Und vergessen wir das Ganze erst einmal und genießen es, einander endlich alle einmal besser kennenzulernen.“ Er bestellte für sich und Johann erst einmal einen guten Wein und setzte sich seinerseit zu der Gesellschaft. „Ich habe im Hause der Majorin von Kalb unseren verehrten Dichterkollegen Goethe getroffen und ihn eingeladen, uns doch hierher zu begleiten.“

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Nun, das war genau das, was ihm an diesem Abend noch gefehlt hatte. Friedrich spürte Panik in sich aufsteigen, als er erkannte, wem er da soeben unfreiwillig seine Meinung mitgeteilt hatte. Er setzte bereits zu einer gestammelten Beleidigung an, als er seine Freunde ansah und feststellte, dass diese zwar durchaus belustigt schienen, aber eher Goethes rotes Gesicht (War es Wut? War es Scham?) beobachteten als seines. Friedrich zwang sich, durchzuatmen. Er hatte das alles so satt. Schließlich war es nicht seine Schuld gewesen, dass Goethe seinen unschmeichelhaften Vergleich hatte mitanhören müssen. Er hatte schließlich die Einladung abgelehnt, sich in eine private Gesellschaft eingemischt und Friedrich hatte nichts gesagt, was er nicht so meinte. Die Wortwahl mochte drastisch gewesen sein, aber es war in der Tat eine seltsame Hassliebe, die ihn mit Goethe (äußerst einseitig offenbar) verband. Wenn sich diese bigotten Narren unbedingt gegen ihn stellen und alles tun wollten, um ihm Steine in den Weg zu legen, dann sollten sie das tun. Er jedenfalls würde sich nicht den Abend und sein Schaffen noch weiter von irgendwelchen Bürokraten noch weiter ruinieren lassen. Er ignorierte Woltmann schlichtweg und wandte sich Goethe zu.
„Was immer Herr Geheimrath meinen. Ich bin mir absolut sicher, dass Sie genügend Speichellecker haben, um nicht auf meine Meinung angewiesen zu sein. Im Übrigen zeugt es von geradezu erschreckender Unkenntnis des Schafskopfs, dieses als Glücksspiel zu bezeichnen. Ein hohes Maß an Strategie und Planung sind vonnöten, um dieses Spiel meistern zu können. Wenn es euch beliebt und ihr die Herausforderung nicht scheut, sind meine Freunde und ich gerne bereit, es euch bei Musik und Wein zu erklären.
Aber ich sehe schon, meine Unbesonnenheit scheint Gefühle verletzt zu haben. Vielleicht kann euch ja ein Glas auf meine Kosten für die durch meinen Scherz erlittene Beleidigung entschädigen?“ Er bedeutete dem herannahenden Schankmädchen, dass er für die Getränke aufkommen werde und begann, als ob nichts gewesen wäre, erneut die Karten an seine Freunde auszuteilen, um das nervöse Zittern seiner Hände zu verbergen.

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Zu jenem Zeitpunkt war jene Hassliebe durchaus einseitiger Natur, noch konnte sich Johann nicht im Traum vorstellen, dass Friedrich einmal sein engster Vertrauter werden sollte. Es waren Zorn und Scham zugleich, die ihn in jenem Moment aufwühlten, Zorn über die Dreistigkeit jener Worte, über die Anmaßung, dass Friedrich glaubte, er könne seine Werke beurteilen und die unterschwellige Gewissheit, dass er nicht völlig falsch damit lag. Es stimmte, seine Werke hatten an Qualität nachgelassen, er fühlte sich nicht mehr wohl mit dem, was er schrieb, er sehnte sich nach etwas Neuem, etwas Anderem. Etwas, dass die Welt der Literatur nachhaltig verändern würde! Er hatte unglaublich viele Ideen, die noch immer so gut waren wie sein 'Werther', besser noch. Aber ihm fehlte eine Muse, eine Inspiration. Er suchte den Gedankenaustausch mit einer verwandten Seele, die seine Werke kritisch hinterfragte und ihn auf den rechten Weg zurück brachte.
Dennoch konnte er sich nicht vor seinen Kollegen die Blöße geben und Friedrich erneut stehen lassen, also nickte er lediglich auf dessen Angebot hin, ihn für seine Unbesonnenheit mit einem Glas Wein zu entschädigen. „Diesen Vorschlag nehme ich dankend an. Aber den Schafskopf überlasse ich ihnen, ich halte nicht viel von Kartenspielen im allgemeinen, mögen sie nun zum Glücksspiel zählen oder nicht.“
Woltmann lehnte sich elegant zurück und musterte die beiden Männer schalkhaft, welche einander so unglaublich ähnlich waren, obgleich sie nicht unterschiedlicher hätten sein können. „So – werter Kollege, erlauben Sie mir die Frage, an was sie gerade arbeiten? Ich denke, dies brennt uns allen schon die ganze Zeit unter den Nägeln, dem großen Meister auf die Finger zu schauen.“
Von jenem Kompliment wieder ein wenig mehr besänftigt nickte Johann, als er sagte: „Ich habe Herrn Schiller eine Novellensammlung zugesichert, welche er, sofern sie ihm zusagt, in den Horen veröffentlichen darf. Derweil strebe ich nach einer Veränderung, einem anderen Stil als dem, den ich noch im Werther an den Tag gelegt habe. Ich ersehne eine Rückwendung zu den antiken Idealen, welche doch die höchsten und vollkommensten waren.“

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Friedrich entspannte sich langsam wieder. Sehr langsam. Immerhin war er nur knapp am Eklat vorbeigeschlittert. Dafür sollte er sich wohl bei allen Göttern Griechenlands [sorry der musste sein] bedanken. Goethes Ablehnung der Spieleinladung machte ihm nicht schwer zu schaffen. Er hatte ohnehin nicht wirklich damit gerechnet. Gottlieb zwinkerte ihm vertraulich zu, offenbar hatte er befürchtet, Friedrich würde die Situation eskalieren lassen. Und auch Wilhelm schien sichtlich erleichtert, dass sie ihren prominentesten Kollegen nicht innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden ihrer Zusammenarbeit wieder verloren hatten.
Friedrich war immer noch bemüht, so zu tun, als habe es sich bei dem Wortwechsel wirklich nur um die Plänkelei erwachsener Männer gehandelt, aber er hatte alle Mühe, nicht jede einzelne von Goethes Silben auf das Maß ihrer Verachtung hin zu analysieren. Der junge Dichter wollte sein Vorbild ja nicht verstimmen. Aber er wollte sich auch nicht gefallen lassen, so gänzlich von oben herab behandelt zu werden. Er war bereit, Goethe jeden ihm gebührenden Respekt und mehr zukommen zu lassen. Doch hatte er nicht zumindest ein Anrecht darauf, als der Gelehrte und halbwegs angesehene Autor behandelt zu werden, der er war, wenn schon nicht als Ebenbürtiger?
Durch seine Bemühungen hindurch möglichst entspannt zu wirken und beim Kartenspiel, das sie wieder aufgenommen hatten, seine Freunde auch weiterhin dilettantisch aussehen zu lassen, hatte er kaum auf das Gespräch geachtet, doch bei der Erwähnung Werthers konnte er es sich nicht verkneifen, einzuwerfen: „Verzeihen Sie mir, wenn ich erneut nicht Ihrer Meinung bin. Ich halte Ihren Werther noch immer für ein notwendig bahnbrechendes Meisterwerk. Dennoch, die Sehnsucht nach etwas Neuem, das Feuer, das einen um- und zum Schreiben antreibt und einen des Nachts nicht schlafen lässt, weil man so ganz erfüllt ist von der Kunst, ist auch mir nicht unbekannt. Natürlich schlägt sich diese Naturgewalt leider nur selten in so großem Genie wie dem Ihren wieder.“
Nervös trank Schiller und schluckte mit dem Wein auch noch den letzten Rest seines Stolzes hinunter. Dann fuhr er fort: „Die Antike beschäftigt euch nun also? Welche Geschichten sind es denn, die euch so faszinieren? Die Metamorphosen? Die Ilias? Ich selbst bin mit diesen aufgewachsen und solltet ihr euch dem widmen, dann kann ich es kaum erwarten, sie in so meisterhaftem Gewand sehen zu dürfen.“

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„Ich habe dem Werther niemals seine Existenz abgesprochen“, antwortete der Ältere ernsthaft und schüttelte den Kopf. „Es war gut, dass ich ihn schrieb und seine Rezeption beweist, dass er durchaus einen Zeitgeist getroffen hat. Aber so, wie sich auch die Zeiten geändert haben, in denen ich den Werther schrieb, so sollte sich auch die Literatur ändern. Ihr scheint überrascht, dass jene Sehnsucht nach etwas Neuem auch mich erfüllt?  Doch ist nicht Stillstand der Ende jeden Anfangs? Sollte man nicht immer nach Höherem streben, danach, die Grenzen des eigenen Seins zu überwinden?“
Johann mochte vielleicht nicht wie Friedrich all seine Werke in tiefster Nacht zu Papier bringen und den Tag verschlafen, aber auch er kannte das Gefühl, von der Kunst so beseelt zu sein, dass er zu nichts anderem in der Lage war, als für seinem Schreibtisch zu sitzen, den Federkiel in der Hand, und zu schreiben! Dieses Gefühl, wie im Rausch, eine Idee zu Papier zu bringen, die es vermochte einen selbst völlig zu begeistern, kannte auch er nur zu gut. Erschien er nach außen so kühl und gefasst, dass man sich jene Leidenschaft bei einem Mann wie ihm nur schwer vorstellen konnte?
„Ovids Metamorphosen sind es, die mich derweil in ihrem Bann gefangen halten, obgleich die Ilias und die Odysee nicht weniger reizvoll sind.“, gab Johann zurück. Er hatte bereits als junger Mann an der Universität jene Werke studiert und war schon damals aufs höchste fasziniert gewesen von jener Ästhetik. Die Antike stellte für ihn das Wahre, Schöne dar, welches zu erreichen sein höchstes Ziel sein sollte.

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Friedrich nickte zustimmend, während er erneut ein Spiel gewann. Vom Spielverlauf des heutigen Abends aus zu schließen, musste er sich wohl ernsthaft Gedanken um den Zustand seiner Ehe machen. Mit Wohlwollen hörte er währenddessen den Plänen Goethes zu. Vielleicht kannte der Mann ja doch noch Interessen jenseits des eigenen Bauchnabels.
„Wundervoll!“, rief Schiller aus. „Was die Metamorphosen angeht, nun, wer könnte wohl bestreiten, dass so Kunst aussieht, die die Jahrtausende überdauert. Ich selbst habe mich bisher lediglich in einigen Balladen der Ilias gewidmet, aber ich denke schon seit langem darüber nach, mich eingehender damit zu beschäftigen. Warum versuchen Sie sich nicht auch an Catull? Seine Liebeslyrik ist legendär und wird gerade auch bei der weiblichen Leserschaft wohl kaum auf Ablehnung stoßen.“
„Ich dachte immer, du seist alles, was nicht antik ist. Wie oft musste ich dir schon sagen, dass die Griechen es sind, denen wir überhaupt erst unsere Zivilisation verdanken?“, Wandte an dieser Stelle Wilhelm ein, doch Friedrich ließ sich nicht beirren. Er hatte durchaus eine Affinität zur Antike, auch wenn er sie bis jetzt eher selten zum Inhalt seiner Werke gemacht hatte. „Wilhelm, was die Sprachen angeht, mag dein Genie unübertroffen bleiben, aber dein Literaturverständnis ist und bleibt lückenhaft. Man muss nicht immer wieder dieselben Geschichten erzählen, um dieselben alten, wahren und ewigen Ideale beizubehalten. Ich verspreche dir, ich werde dich möglichst bald eines Besseren belehren.
Aber eines lässt mich doch nicht los, Herr Goethe. Wenn ihr Interesse dem Traditionellen gilt, warum dann nicht noch einmal den „Faust“ bearbeiten und vollenden? Zugegeben, die Fragmente sind beim Lesen genau das: Fragmente. Aber das Potenzial, das in ihnen steckt! Das hätten Sie schon längst tun müssen. Es ist geradezu ein Verbrechen, einen solchen Rohdiamanten verkommen zu lassen.“
Sein Interesse hatte er nun ganz dem Gespräch gewidmet, die Karten lagen vergessen auf dem Tisch und er blickte erwartungsvoll Goethe an.

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Nun war auch Johanns Interesse geweckt, hatte er jenen Mann zuvor noch als uninteressanten Diletanten abgestempelt, so zeigte er sich nun durchaus in einem anderen Licht. Er schien aufrichtig interessiert zu sein an dem, was er zu sagen hatte und seine Wortwahl gefiel ihm. Friedrich hatte noch jenen sprühenden Charme, jenes Feuer, welches nur die Jugend besitzen kann und für einen Moment schien es ihm, als würde jenes Feuer auf ihn übergreifen und ihn selbst entflammen.
„Sie sollten sich wirklich einmal genauer der Ilias zuwenden, sie ist ein Meisterwerk, welches sie sicherlich inspirieren wird! Catull? Ich hörte von seiner überragenden Lyrik, doch fand ich bisher nie die Zeit, mich ausgiebiger mit ihm zu befassen. Dies gedenke ich allerdings, auf ihren Rat hin, zu ändern. Ihre Worte klingen vielversprechend, verraten sie mir, woran sie arbeiten?“
Johann nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und sah jenen Mann offenen Blickes an, zum ersten Mal seit ihrer Begegnung schien er ihn wirklich als vollwertigen Gesprächspartner wahrzunehmen. Und obgleich er die Gesellschaft Humboldts und Fichtes zu schätzen wusste, so hatte er in diesem Augenblick nur Augen und Ohren für seinen Dichterkollegen Schiller.
„Den Faust? Meinen Sie?“ Johann runzelte die Stirn und sah ihn kritisch an. „Wahrlich, er hatte durchaus seine hellen Momente, dennoch bin ich unschlüssig, wie ich weiter mit ihm verfahren sollte. Dennoch – die Faust-Saga faszinierte mich schon als Knabe und es würde mich durchaus reizen, jenen Stoff weiter zu bearbeiten...“

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„Ganz sicher werde ich mich dem zuwenden, wenn Sie es mir empfehlen. Und Catull kann ich nur jedem wärmstens empfehlen, der ein empfindungsfähiges Herz in der Brust trägt. Ich kann mich glücklich schätzen eine ganz hervorragende, kommentierte Ausgabe mein eigen nennen zu dürfen. Ein Geschenk Wilhelms, wie ich an dieser Stelle wohl erwähnen sollte. Die Carmina sind in ihrer Einfachheit und Klarheit schlichtweg genial und suchen ihresgleichen.“
Spätestens an dieser Stelle gaben Wilhelm und Gottlieb auf. Zwar teilten sie Friedrichs Vorliebe für Literatur durchaus, aber wenn er einmal mit dem theoretisieren anfing, war er nicht mehr zu stoppen und so gelang es ihnen, Woltmann zu einem Bier und einem Spiel zu überreden, der diesem wohl nicht ganz so abgeneigt war, wie sein Begleiter.
Erst nach einigen Minuten bemerkte Friedrich, wie lange er nun schon über Catull monologisiert hatte und hielt peinlich berührt inne. „…und die Ebenmäßigkeit des Versmaßes – aber das Wissen Herr Geheimrath natürlich alles. Verzeiht, wenn ich ins Schwärmen komme.
Ich selbst strebe momentan nach geringerem Ruhm und bemühe mich, mein allzu geringes Wissen in der Philosophie zu erweitern. Noch fühle ich, dass sonst meine Werke jeder Grundlage entbehren würden. Vor allem die sentimentale und naive Dichtung interessieren mich. Jede Kunst braucht ihren ideologischen Überbau und ich hoffe, diesen eines Tages in einem Werk über die Gefahr der Macht und der Selbstgefälligkeit seine Vollendung finden zu lassen.
Aber genug von mir: Natürlich müssen Sie am Faust weiterarbeiten, da gibt es gar keinen Zweifel! Selbst in der vorläufigen Fassung stellt er selbst Marlowes „Faustus“ bereits in den Schatten. Ich bin überzeugt, Sie können daraus ein Werk machen, dass noch in hundert Jahren jeder Schüler wird lesen müssen.“
Schiller hatte längst vergessen, was um ihn herum geschah und war ganz in der Unterhaltung mit Goethe aufgegangen.

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Goethe winkte mit einem leisen Lachen ab und schüttelte den Kopf. „Ich neige gelegentlich auch dazu, mich in dieser Thematik zu verlieren“, antwortete er. „Ihre Worte klingen vielversprechend, ich hoffe doch sehr, bald Neues von ihnen zu lesen. Sollten sie jemals in die Lage kommen, eine zweite Meinung einholen zu wollen, bevor sie an eine breite Öffentlichkeit gehen, können sie mir jederzeit eines ihrer Manuscripte zukommen lassen.“
Unmerklich waren sie beide einander näher gerückt, um das Gespräch weiterhin in einer angenehmen Lautstärke fortführen zu können, nachdem ihre Gefährten nun lautstark das Kartenspiel erneut aufgenommen hatten. Erstmal fielen ihm die feinen Gesichtszüge Schillers auf, welcher ihn aus hellen Augen fasziniert ansah, ihr Gespräch schien für sie beide durchaus fesselnd zu sein.
„Ich danke ihnen sehr für diese Worte, obgleich jene Fassung nichts anderes ist als das, was sie verspricht – Fragmente. Ob er sich allerdings dazu eignet, die Jahrhunderte zu überdauern, stelle ich derweil noch in Frage.“ Er schmunzelte bestellte noch einen Wein für sich, bevor er Schiller ansah: „Ein weiteres Glas für sie? Ich denke, wir sollten auf unsere neue Verbindung anstoßen, ich freue mich bereits darauf, für die Horen mit ihnen zusammen zu arbeiten.“

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Friedrich nickte. „Ja, bitte, das ist sehr freundlich.“ Er strich die Locken zur Seite, die ihm in die Stirn gefallen waren und versuchte  zu verstehen, was er da gerade gehört hatte. Neues von ihm zu lesen? Schiller traute seinen Ohren kaum. Sollte das etwa bedeuten, dass der Meister selbst tatsächlich seine Werke gelesen hatte? Mit einem Mal wurde Friedrich mulmig zumute und alle seine Jugendsünden fielen ihm wieder ein. Aber bisher hatte Goethe nichts allzu Abfälliges über seine Schriften gesagt und das obwohl Friedrich dessen Einstellung zu seinen revolutionären Tendenzen kannte.
„Und vielen Dank für das großzügige Angebot. Ich fürchte, ich werde es bei Gelegenheit mehr in Anspruch nehmen, als Ihnen lieb sein kann.“ Friedrich fühlte sich plötzlich schwindlig und er war sich nicht sicher ob das am Wein lag oder daran, dass dieser schreckliche Abend die Erfüllung all seiner Träume zu werden schien. Endlich führte er eine echte Unterhaltung mit seinem großen Vorbild und das trotz der schlechten Startbedingungen. Wie sehr hatte er sich gewünscht, Anerkennung von Goethe zu erfahren, und auch wenn er davon noch Äonen entfernt war, so bot sich ihm hier doch die Aussicht auf ein echtes Gespräch zwischen Literaten.
Dennoch blieb er vorsichtig. Nach allem was geschehen war, fiel es ihm schwer zu glauben, dass ausgerechnet er so viel Glück haben und eine zweite Chance von Goethe erhalten sollte. „Ihre kritische Feder kann nur dazu beitragen, dass meine Werke vielleicht doch noch lesbar werden. Vielleicht wären Sie so freundlich, mir ein wenig über ihre Novellen deutscher Ausgewanderter zu berichten? Jedes Ihrer Worte kann mich nur bereichern und inspirieren.“
Friedrich strahlte vor Freude, als er nun tatsächlich an den unveröffentlichten Gedanken Goethes teilhaben durfte, und das Gespräch der Beiden setzte sich nun noch bis weit in die Nacht hinein fort. Als sich das Gasthaus allmählich leerte und nur noch vereinzelt Tische besetzt waren, beschlossen Woltmann, Humboldt und Fichte auch, den Abend zu beenden, doch waren Friedrich und Goethe noch so ins Gespräch vertieft, dass sie lediglich zu einer kleineren Sitzgruppe großer brauner Ledersessel wechselten und dort noch einige Stunden damit zubrachten, über Goethes neustes Projekt zu sprechen. Entspannt drückte Friedrich sich in die Polster und hing gebannt an den Lippen des anderen Dichters. Die Zeit verging wie im Fluge und als der Wirt die Beiden endlich aus dem Haus wies, färbte sich der Himmel im Osten bereits sanft rot.

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„Sie sollten ihr Licht nicht so unter den Scheffel stellen“, antwortete Johann, „Falsche Bescheidenheit war noch nie eine Tugend. Dennoch, zu meinem Angebot stehe ich. 'Belästigen' sie mich mit ihren Werken so viel sie wollen, es wäre mir eine Ehre, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Und vielleicht wollen sie sich im Gegenzug revanchieren, indem sie eines meiner unvollendeten Werke kritisch hinterfragen?“ Es war schwer, fähige Kritiker zu finden, die ehrlich ihre Meinung sagten und auch etwas von ihrem Fach verstanden. Johann wurde meist entweder nur verehrt oder von seinen Kritikern zerrissen, dabei wusste er ein gutes, entwickelndes Gespräch durchaus zu schätzen. Und wer konnte schon wissen, was aus dieser Zusammenarbeit so alles hervorgehen konnte? Immerhin schienen sie doch in mehr Punkten einen ähnlichen Standpunkt zu vertreten, als sie noch zuvor angenommen hatten...
Der Abend verging wie im Fluge, sodass Johann gar nicht bemerkte, dass es um sie herum immer leerer wurde. Erst, als Woltmann, Fichte und Humboldt (nicht ohne einen spitzen Kommentar des Letzteren) den „Wallenstein“ verließen und sich Goethe und Schiller auf eine bequemere Sitzgruppe niederließen, fiel ihm auf, dass sie mittlerweile alleine waren. Wie lange war es her gewesen, dass er bis in die frühen Morgenstunde in einem Gasthaus gesessen hatte und die Nacht zum Tage gemacht hatte? Wie es schien hatte sein Dichterkollege einen verjüngenden Effekt auf ihn. Und er konnte nicht leugnen, dass ihm diese Tatsache gefiel.
Es tagte bereits als sie den Wallenstein endlich verließen, noch immer in sehr heiter und von den Gesprächen aufgepeitscht. Johann begleitete Friedrich noch ein Stück des Weges, bevor sie sich verabschien mussten. „Mein lieber Schiller, würden sie mir die Ehre erweisen, mich nächsten Freitag ins Theater zu begleiten? Sie wissen sicherlich, das meine Tage in Jena gezählt sind und ich würde mich freuen, ihre Gegenwart noch einmal genießen zu können, bevor ich abreise!“

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Friedrich konnte sein Glück noch immer nicht fassen. Goethe hatte ihm angeboten, ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Goethe hatte ihn gebeten, ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wie er diese Ehre verdient hatte, wusste er noch immer nicht, aber er war mittlerweile zu freudetrunken, um eine List befürchten zu wollen. Mit Übereifer hatte er Goethe seine Kooperation zugesagt und als es schließlich soweit war, sich zu verabschieden, fiel es Friedrich schwer, seine Enttäuschung darüber zu verbergen.
Doch der ältere Mann hatte ihm zuliebe bereits einen Umweg in Kauf genommen und überhaupt hatte es Friedrich überrascht, dass dieser so lange geblieben war. Als sie stehen blieben, fuhr sich Friedrich nervös durchs Haar und begann sich möglichst formgerecht zu verabschieden, bevor Goethe ihn mit jener unerhörten Einladung unterbrach.
Zunächst glaubt – befürchtete – Friedrich, es handele sich nun doch um jenen unausweichlichen Scherz zu seiner Erniedrigung, der er schon die ganze Zeit antizipiert hatte, doch als er Goethe genauer betrachtete, merkte er, dass es ihm ernst zu sein schien. „Ich…Nächsten Freitag? Nun, überaus gerne!“ Er hatte eigentlich Charlotte seine Anwesenheit bei einer ihrer Freundinnen zugesagt, aber das würde sie wohl nachsehen müssen, immerhin war es nicht das erste Mal, dass der junge Herr Schiller Einladungen ausschlug. „Was wird denn gegeben? Und wer wird noch anwesend sein?“
Doch Goethe antwortete nur ausweichend, versicherte sich des Termins und überließ Friedrich dann endgültig seiner Müdigkeit.
Als Friedrich neben seiner Frau, die gerade im Begriffe war, sich für den Morgen anzukleiden, ins Bett sank, murmelte er glücklich „Vielleicht wird doch alles gut, Charlotte. Vielleicht bin ich doch kein ganz hoffnungsloser Fall“, und überließ sich sanften, süßen Träumen in tiefem, friedlichen Schlaf.
Bedeutend weniger friedlich jedoch war die darauffolgende Woche. Sechs gräßliche, überaus scheußliche Tage verbrachte der junge Dichter damit, sich selbst zu überzeugen, dass der hohe Herr Geheimrat ihn lediglich zum Narren gehalten habe, dann dass er es doch sehr wohl ernst gemeint habe, dann dass er zwar ernst gemeint habe, es aber nun gar nichts zu bedeuten habe, nur um sich dann Träumereien hinzugeben, was es für die Zukunft ihrer Zusammenarbeit doch bedeuten könne. Friedrich versuchte, in Erfahrung zu bringen, wer noch geladen sei, wohin man wohl gehen werde und wie sich auf diese Gelegenheit vorzubereiten sei. Aber da er zugleich unbedingt vermeiden wollte, dass irgendjemand von seinen Plänen für den Freitag erfuhr, um sich vor der immer noch über ihm schwebenden Bedrohung einer Bloßstellung zu schützen, war Friedrich sechs Tage später noch immer um keinen Deut schlauer, als an jenem weinvernebelten und glückseligen Morgen, an dem die Zeit stillgestanden und einen Raum geschaffen hatte, indem nichts außer den beiden Dichtern existiert hatte.
Wäre Charlotte nicht gewesen, Friedrich wäre bestimmt nicht zu dem Treffen erschienen. Doch seine resolute Frau, die ohnehin die Familie Schiller recht gut ohne ihren zuweilen exzentrischen Ehegatten in der Gesellschaft repräsentiert, hatte ihm, bevor sie aufgebrochen war, neben einem dunkelblauen Gehrock (der ihrer Ansicht nach, Friedrichs blaue Augen und seine roten Lockung am besten zur Geltung brachte) auch eine seiner Schriften zur Philosophie herausgelegt, die durchaus vorzeigefähig wenngleich nicht ganz perfekt war. Sie hatte ihm bereits am Mittwoch mitgeteilt, dass kein Wort seiner Ausführungen über diesen Abend ertrage und bestand nun schon allein zu ihrem eigenen Seelenfrieden darauf, dass er die Einladung nur ja annehmen solle. Und so saß Friedrich am Freitagnachmittag an seinem Schreibtisch und wartete. Wartete auf einen Abend, der, so schien es ihm, sein weiteres Schicksal entscheiden sollte.
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