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Der Raureif über dem See

von Mleko
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
23.01.2013
13.08.2020
9
63.578
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23.01.2013 5.782
 
Beruhigend knisterten die brennenden Holzscheite im Ofen, bevor sie fast unbemerkt entzweibrachen, sodass kleine Funken wie Irrlichter anmutig durch den Raum schwebten.
Da das warme Licht des Feuers die einzige Lichtquelle in der großen Stube darstellte, warf es tanzende Punkte in die Schatten, die die Dunkelheit und Kälte verscheuchten.
Ebenfalls ihr Gesicht wurde dadurch in einen zarten rötlichen Schein getaucht, sodass ihre ansonsten zurzeit beunruhigend schneeweißen Züge etwas Farbe erhielten.
Wortkarg kauerte Emma auf einem hölzernen Stuhl, der bisweilen lautstark knautschte, wenn sie sich in den wenigen Momenten doch ein Mal aus ihrer geisterartigen Starre löste.
Eine schwere Decke lag um ihre schlaff herunterhängenden Schultern, während sie die fortwährend rötlich angelaufenen Finger um einen dampfenden Becher Tee geschlossen hatte, den man lediglich ihretwegen aufgesetzt hatte. Ihre leicht gefrorenen Füße ruhten derweil in einem kleinen Becken voller wohltemperierten Wassers. Ab und an versetzte sie es in leichte Wellen, indem sie ihre Zehen sachte hob und senkte, da sie überprüfen wollte, inwiefern diese ihre alte Beweglichkeit wiedererlangt hatten.
Obwohl sie den Kopf getrübt gesenkt hatte, sodass ihr Gesicht fast vollständig hinter einem Vorhang aus Haaren verschwand, war ihr nur zu gut bewusst, dass Frau Johnson auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes ebenso auf einem Stuhl saß und sie eines kummervollen Blickes würdigte. Übel nehmen konnte sie es ihr jedoch keineswegs, schließlich musste sie wahrlich ein Bild des Elends abgeben.
Frau Johnson war eine Bekannte, die am Anfang des Dorfes hauste und zu der man sie rasch, jedoch strikt gegen ihren Willen, gebracht hatte, damit sie sich bei ihr aufwärmen konnte und sich keine größeren Erfierungen zuzog, während eine kleine Gruppe Männer sogleich überstürzt zum See aufgebrochen war. Wahrscheinlich hatte man ebenso ihre Mutter alarmiert und mitgenommen. Sie jedoch hatte man zurückgelassen; bibbernd vor Kälte, mit den Nerven am Ende und völlig unbrauchbar.
Es herrschte förmlich eine Totenstille in der Stube, in der einem nichtsdestotrotz so viele Ängste, Sorgen und Befürchtungen geradewegs entgegenschrieen, dass man schier ein Rauschen in den Ohren zu vernehmen glaubte. Frau Johnsons Kinder waren rücksichtsvoll zum Spielen herausgeschickt wurden, ohne ihnen jedoch den wahren Grund des Aufenthaltes ihres unangekündigtes Gastes zu verraten, der lediglich einige Häuser weiter lebte.
Mit ausdruckslosem Gesicht starrte Emma in ihr waberndes Spiegelbild, das sich im dunklen Tee widerspiegelte. Obwohl es ziemlich verzerrt und düster war, erkannte sie ausgezeichnet, wie leer und aufgequollen ihre Augen wirkten. Die Spuren ihrer Tränen waren noch gut sichtbar auf ihren Wangen auszumachen, während ihre Gesichtszüge fahl und eingefallen waren, was sie mit einem Schlag um einige Jahre altern ließ.
Allerdings war es unbestreitbar, dass die schrecklichen Erfahrungen des heutigen Tages sie schier gewalttätig psychisch um mindestens ein halbes Jahrzehnt vorkatapultiert hatten.
Damit hob Emma in geistesabwesender Langsamkeit ihr Gesichtsfeld und spähte hinüber zum Fenster. Die Dämmerung war schon vor einer Stunde über die Gegend hereingebrochen und hatte ein neue Kältewelle zu ihnen herübergeweht, weswegen sich an den Rändern des Glases bereits der Frost eingenistet hatte, dessen Schnörkel sich allmählich über die ganze Scheibe zogen. Wie viel Zeit seit Jacks Einbruch nun vergangen war? Einige Stunden müssen es definitiv gewesen sein.
Der herzzerreißende Gedanke an ihren Bruder, um den all ihr Sein momentan pausenlos kreiste, hinterließ einen schweren Kloß in ihrem Hals, den sie partout nicht hinunterschlucken konnte.
Plötzlich begann ebenfalls ihre Unterlippe unkontrolliert zu zittern, was sie zu unterbinden versuchte, indem sie darauf biss. Tränen stiegen ihr erneut in die Augen, weshalb sie sich schlagartig abermals ihrem Becher zuwandte, damit es Frau Johnson verborgen blieb. Verbissen kniff sie daraufhin ihre Lider zusammen, doch auch dies brachte keinerlei Linderung. Denn ständig sah sie Jacks Gesicht vor sich, kurz bevor sich der See abrupt unter seinen Füßen aufgetan und ihn hinuntergerissen hatte. Wie die Furcht das lebendige Licht seiner Augen erloschen hatte. Sie vermochte es sich nicht einmal ansatzweise auszumalen, welch unsägliche Kälte dort unten herrschen musste. Und welch allgegenwärtige Dunkelheit erst. Sicherlich hatte Jack schreckliche Angst gehabt.
Und was hatte sie unternommen, um ihm beizustehen? Nichts.
Er hatte ihr die Furcht genommen und sie vor dem qualvollen Tod im Eiswasser bewahrt, während sie vollkommen nutzlos sein Leben hatte durch ihre Hände gleiten lassen.  Krampfhaft drehte sich Emma der Magen um und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack in ihrem Gaumen, als sie sich der kompromisslosen Wahrheit stellte, dass einzig sie die Schuld trug, wenn Jack gestorben war. Wieso war ihm dies nur geschehen?
Immerhin war sie es doch gewesen, die den fatalen Fehler begangen hatte, die Dicke der Eisschicht zu überschätzen und das Unglück ausgelöst hatte. Jack war der Einzige an diesem Tag gewesen, der sich überhaupt nichts hatte zu Schulden kommen lassen; der sogar noch Mut und Willensstärke bewiesen hatte. Trotzdem war er derjenige gewesen, der eingebrochen war. Wieso nur? Dies war in keiner Weise fair! Wo blieb bloß die Gerechtigkeit?
Bestand denn überhaupt noch Hoffnung?
Verschreckt fuhr Emma zusammen, nachdem sie eine sanfte Berührung an der Schulter wahrgenommen hatte. Sofort blickte sie verstört auf und traf auf Frau Johnsons helle Augen, die sie eines anteilnahmevollen Lächelns bedachte. Sie hatte gerade den Mund einen Spalt breit geöffnet, um sanft das Wort zu erheben, als es plötzlich respektvoll an der Tür klopfte. Mit wild pochendem Herzen tauschten die beiden einen stummen Blick aus, bevor Frau Johnson den kurzen Überwurf, den sie über ihrem Kleid trug, enger um ihren Körper schlang und sich zum Eingang begab.
Eine eisige Böse zischte lauf pfeifend durch die Tür, in deren Rahmen drei Männer erschienen waren, deren Gesichter vor Anstrengung sichtlich glühten. Allerdings machte keiner von ihnen Anstalten, einzutreten, als hindere sie ein unsichtbarer Bann davor. Vielmehr verdeutlichten sie Frau Johnson mit einem höflichen Nicken, für einen Augenblick hinauszutreten.
„Selbstverständlich…“, hauchte sie angespannt, gesellte sich zu den Herren und schaute sie erwartungsvoll an, nachdem sie die Tür sachte angelegt hatte. Denn genau aus diesen drei Männern hatte die Gruppe bestanden, die sich unverzüglich zum See begeben hatte, um Jack zur Rettung zu kommen. Zwei von ihnen waren der verzweifelten Emma im Wald begegnet, als sie gerade Feuerholz ins Dorf getragen hatten. „Wie geht es Jack? Haben Sie es schaffen können?“
Betroffen senkten die drei daraufhin die Blicke und lüfteten dem Anstand und der Ehre dem Verstorbenen gegenüber entsprechend die Hüte, was Frau Johnson bereits Zeichen genug war.
„Nein…“  Voller Entsetzen legte sie sich eine Hand auf den Mund. „Wie?“
„Wissen Sie…“, setzte einer der Waldarbeiter, Herr Miles, bedrückt an und spielte mit der Krempe seines Hutes, um sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Selbst wenn wir im Augenblick des Unglücks vor Ort gewesen wären, hätten wir nur schwer etwas erreichen können. Denn das Eis wäre viel zu instabil gewesen, um auch nur einen ausgewachsenen Mann zu tragen. Zudem ist das Wasser zu dieser Jahreszeit im See immer besonders kalt und somit gefährlich. Wer einmal in solch ein Eiswasser fällt, dem raubt die Kälte jegliche Kontrolle über den eigenen Körper, gänzlich abgesehen von dem Verstand. Selbst die besten Schwimmer wären dort heute zugrunde gegangen. Der arme Jack…er muss wie ein Stein gesunken sein…“
„Etwas mehr Ehrfrucht dem Burschen gegenüber, bitte!“, schelte ihn sogleich der zweite Waltarbeiter, Herr Larios, für diesen umgangssprachlichen Ausdruck. „Er hat seine Schwester vor einem führzeitigen Ableben bewahrt. Wie ergeht es ihr überhaupt?“ Noch immer durchfuhr in ein Schauer des Mitleids, wenn er daran zurückdachte, wie Emma ihnen durch ihre Tränen bruchstückweise geschildert hatte, was am See vorgefallen war, während sie sie zu Frau Johnson gebracht hatten.
Reflexartig warf sie einen vorsichtigen Blick zurück, obwohl sie lediglich die Tür erblicken konnte, hinter der die Stube begann. „Nicht sehr gut. Aber ich kann mir kaum vorstellen, wie ich mich in ihrer Situation fühlen würde. Sie hat mein tiefstes Mitgefühl. Wie geht es dem Rest der Familie?“
„Sie wurden alle bereits in Kenntnis gesetzt.“
„Unglücklicherweise war es uns nicht einmal gegeben, den Leichnamen des Jungen zu bergen. Geschweige denn, dass wie ihn gefunden hätten. Und da der See bereits erneut beginnt, zuzufrieren, wird er zunächst auch Jacks Grab bleiben. Deswegen müssen Sie auch den Umstand entschuldigen, dass Frau -“, räusperte sich Herr Aster, obwohl wohl der größte und stärkste Mann des Dorfes, vernehmbar, dem die Tragik des Tages offensichtlich äußerst nah ging. „Sie verstehen sicherlich, warum sie nicht bei uns ist, um ihre Tochter abzuholen.“
„Solch ein Ereignis sollte keine Mutter je erleben“, war Frau Johnsons einziger Kommentar diesbezüglich, bevor sie mit bebenden Händen ihr Taschentuch zutage förderte, um sich die Tränen aus den Augenrändern zu wischen. „Ich werde es Emma sagen. Danke, dass Sie gekommen sind.“
„Keine Ursache.“, verneigten sich die drei zum Abschied, wobei man es entschieden vermied, sich einen guten Abend zu wünschen, da dies Jacks Andenken mit Füßen getreten hätte.
Gebannt hatte derweil Emma die ganze Zeit über die Tür fixiert. Zwar hatte sie lediglich ein aufgeregtes Tuscheln erreicht, dennoch genügte ihr dies vollends, um zu erschließen, welch mörderische Hiobsbotschaft sie erwartete.
Jack war gestorben; ihretwegen.
Ein ersticktes Schluchzen bahnte sich ihre Kehle hoch, während die Schulgefühle wie ein verheerender Niederschlag auf sie prasselten, sodass sie sich kaum auf den Stuhl halten konnte. Dabei hatte Frau Johnson ihr die tragische Nachricht noch nicht einmal richtig verkündet, die offensichtlich dem Irrtum erlegen war, dass sie gar nichts von dem Gespräch mitbekommen hatte.
Liebevoll berührte sie Emma am Knie, damit sie quasi dazu gezwungen wurde, ihr ins Gesicht zu blicken, nachdem sie ihren Rock leicht gerafft und sich zu ihr gekniet hatte.
Ihre Augen glitzerten vor zurückgehaltenen Tränen, die die Flammen reflektierten.
„Ich weiß es bereits!“, kam Emma ihr prompt mit verebbender Stimme zuvor, da die direkte Konfrontation momentan schlichtweg zu schmerzhaft war und sie daraufhin wahrscheinlich wie ein heulender Schlosshund zusammengebrochen wäre.
Bei dieser Antwort zogen sich Frau Johnsons Finger vor Überraschung ein wenig zusammen, bevor sie trotz dessen mit halbwegs gefasstem Ton ansetzte: „Es tut mir so Leid, Spätzchen. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Ich möchte gerne nach Hause…“ Demonstrativ stellte Emma damit den Tee ab und schnappte sich ein Tuch, das schlaff über der Lehne hing, um sich die Füße abzutrocknen.
Je schneller sie aus diesem Haus verschwand, desto besser. Der bloße Gedanke, noch länger hier zu verweilen und den Kummer still in sich hineinzufressen, erschien plötzlich unerträglich. Doch was würde sie daheim erwarten?
Wahrscheinlich bohrendes Wehklagen, eine seelisch zerrissene Mutter und ein nicht gemachtes Bett in ihrer Kammer, das auf einer Seite nun für immer verwaist bleiben würde.
Glücklicherweise ging Frau Johnson auf die ohnehin zum Scheitern verurteilte Idee, es ihr auszutreiben, gar nicht erst ein. Dafür stellte Emma verblüfft fest, dass sie auf die Wand zusteuerte, an der die Schuhe der Familie in Reih und Glied geordnet waren, und sich leicht hinunterbückte. „Aber dann werde ich dich zumindest begleiten, denn deine Mutter –“
Wie zur Salzsäule erstarrt verharrte sie unwillkürlich in ihrer Bewegung, als ihr auffiel, in welch kritische Themen sie ungestüm hineingeprescht war.
„Ist schon in Ordnung. Ich werde alleine gehen“, entschärfte Emma selbst die hochexplosive Situation, da sie sich fabelhaft vorstellen konnte, welche Seelenqualen ihre arme Mutter wegen des Verlustes ihres Sohnes gerade litt. Bestimmt war sie vor Trauer in sich zusammengebrochen, nachdem man angesichts der Kälte und des bröckelnden Eises hatte kapitulieren und Jack endgültig für tot erklären müssen. „Ich habe Ihnen bereits genügend Umstände gemacht.“
„Sag so etwas nicht! Ich werde dich begleiten.“, beharrte Frau Johnson, wie es einer Mutter entsprach, trotz dessen darauf und drehte sich geschwind zu ihr um, als sie ihrem flehenden Blick begegnete, der sie abermals innehalten ließ. Ein schwerer Seufzer brach aus ihrem Mund, bevor sie einwilligte, indem sie den Kopf stumm senkte.
„Ich danke Ihnen für alles.“ Verdrossen zwang sich Emma wenigstens zu einem gebrochenen Lächeln, als Frau Johnson unterwartet zu ihr zurückkam, sich eines ihrer Beine griff und es mit sanfter Gewalt etwas hochhielt. Erst, als sie das kalte Leder und die Sohle unter ihrem Fuß spürte, erkannte sie, dass sie ihr Schuhe anlegte.
„Das sind die Sommerschuhe meiner Tochter“, erklärte ihr Frau Johnson daraufhin, als habe sie das Erstaunen des Mädchens vernommen, nachdem sie den letzten Senkel eng geschnürt hatte. „Vielleicht sind sie ein bisschen eng, aber bis zu deiner Haustür sollten sie dich warm und trocken halten.“    
„Nochmals Danke.“, verabschiedete sich Emma mit einer höflichen Kopfverneigung, als sie letztendlich aufbruchbereit im offenen Türrahmen stand, woraufhin Frau Johnson ihr Gesicht fürsorglich in ihre Hände nahm und mit den Daumen ihre Wangenknochen entlangfuhr. „Dafür brauchst du mir nicht danken, Spätzchen. Pass gut auf dich auf, versprichst du mir das?“
Allerdings war sie lediglich zu einem mechanischen Nicken fähig, um das Versprechen zu besiegeln, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und in Richtung Dorfmitte davontrottete.
Einige Menschen boten tatsächlich der stechenden Kälte und Nacht die Stirn und hielten sich außerhalb ihrer Behausungen auf. Meist sammelten sich zu kleinen Grüppchen,  während an einigen Stellen Feuer entfacht worden waren, damit man sich überhaupt vor die Tür wagen konnte. Gewiss hatte die furchtbare Kunde von Jacks Unfall bereits die Runde gemacht, auch wenn die Leute alle darauf bedacht waren, sich möglichst normal zu verhalten.
Es herrschte geradezu ein geschwätziges Treiben, das man fast jeden Tag hier antreffen konnte, da viele Dorfbewohner die Abendstunden nutzten, um sich mit den Nachbarn auszutauschen und ein wenig zu plaudern.
Doch trotz der lauten Menschenmenge und der oberflächlich ausgelassenen Stimmung, fühlte Emma eine gähnende Stille und Einsamkeit in und um sich, die niemand von ihnen würde füllen können.
Mit gesenktem Blick beobachtete sie einen lachenden Jungen, der sorglos mit einigen anderen Kindern einem bellenden Hund hinterher stürmte und geschickt zwischen den ganzen Menschen herumflitzte. Die Jüngsten würde man sicherlicht nicht von Jacks Tod in Kenntnis setzen, sondern sie höchstens in den nächsten Tagen strengstens davon abhalten, dem See zunahe zu kommen.
Wenn sie sich dessen besann, dass sie am Morgen des heutigen Tages noch ebenso unbekümmert wie sie erwacht war, drückte eine enorme Last auf ihre Brust, die ihr Herz zu zerquetschen drohte. Heute Morgen war ihre Welt noch intakt gewesen, doch nun schien sie irreparabel in tausende Splitter zerbrochen zu sein.
Wie sollte sie gleich ihrer Mutter unter die Augen treten mit der Gewissheit, dass sie den Tod ihres Erstgeborenen zu verantworten hatte?
Wie würde sie reagieren? Würde sie ihr Vorwürfe machen?
Da ihr Vater dem Brot in die nächstgelegene Stadt hinterher gejagt und deshalb nur von Samstags- bis Sonntagabends im Dorf anzutreffen war, würde sich ihr Wiedersehen noch einige Tage lang hinziehen. Außer natürlich man hatte ihm mit der Postkutsche einen Eilbrief gesandt, um ihn zu informieren, welch tragisches Schicksal seiner Familie widerfahren war, sodass er wenigstens um einen vorgezogenen Sonnabend bitten durfte.
Erneut verspürte Emma einen weiteren Schub der Selbstanklage in sich hochzüngeln, als sich abrupt direkt vor ihr ein großer Schatten ergoss, der durch den Flammenschein wild wankte. Als sie die Augen aufwärts richtete, traf sie auf Herrn Larios, in dessen Gesicht sich Anteilnahme und Pein spiegelten. Offensichtlich hatte er sie abgepasst.
„Emma. Es tut mir so leid, dass wir ihm nicht haben helfen können.“, formten seine Lippen eher den Satz, als dass er ihn wirklich aussprach, während er sich tiefer in seinen Mantel flüchtete und seinen Hut zurechtrückte. Allerdings schüttelte die daraufhin entschieden den Kopf, denn sie kannte jeden der drei Männer gut genug, um sich völlig sicher zu sein, dass sie das Bestmögliche getan hatten, um ihren Bruder zu retten.
„Nein, Sie trifft keine Schuld...Ich…ich habe ihn nicht…finden können…“, stammelte Emma, die wegen eines aufsteigenden Wimmerns nicht einmal imstande war, einen logischen Satz zu formulieren, als sie plötzlich ein kühler Luftzug umspielte, der ihr Haar leicht zerzauste. Verwundert verengte sie etwas die Augen, nachdem sie ihr Gesichtsfeld schlagartig zur Seite gewandt und dem Wind hinterher geblickt hatte, der in Richtung des Pfades verschwunden war, der in den Wald führte.
Zwar konnte sie nicht genau erklären, was sie momentan empfand, aber diese Böe hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Es war ein äußerst seltsamer Luftzug gewesen, der keinerlei Ähnlichkeit mit dem heutigen frostigen Wind aufgewiesen hatte. Ob etwas an ihr vorbeigehuscht war? Aber ganz gleich, wie angestrengt sie sich auch bemühte, etwas zwischen den Bäumen auszumachen, dort war einfach nichts. Ziemlich sonderbar.
Was war das bloß gewesen?

Was das gewesen war? Er hatte nicht einmal den Hauch einer Ahnung, obgleich er zurzeit wohl jeglichen Preis in Kauf genommen hätte, um es zu erfahren. Mit vor Fassungslosigkeit brodelndem Kopf schritt er rücklings aus dem kleinen Dorf, in das ihn der Wind mit einer ziemlich schmerzhaften Bruchlandung getragen hatte.
Er hatte sich bester Laune erfreut und eigentlich nur die Absicht besessen, sich bei den hiesigen Menschen zu erkundigen, wo er sich genau befand, was ebenso ein Buch mit sieben Siegeln für ihn darstellte. Doch dann war etwas vorgefallen, womit er nie gerechnet hätte. Bestürzt legte er sich die rechte Hand auf die Brust, nachdem er seinen Blick ein weiteres Mal ratlos durch die Menge hatte schweifen lassen.
Der lachende Junge, der mit dem Hund herumgetollt hatte, aber auch andere Menschen, sie alle waren schlichtweg durch ihn hindurch gelaufen. Noch immer spürte er deswegen sein Herz wild schlagen, während ihn das paradoxe Gefühl, als sie durch seinen Körper getreten waren, fast erschaudern ließ. Wie war dies bloß möglich?
Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, zog er die Augenbrauen skeptisch zusammen, um die Dorfbewohner genauer zu mustern. Ob mit ihnen möglicherweise etwas nicht in Ordnung war?
Welch Stuss, verwarf er diesen impulsiven Einfall sogleich, als er argwöhnisch mitverfolgte, wie sie von Haus zu Haus schritten, sich unterhielten, sich am Feuer die Hände wärmten und lachten. Sie interagierten und benahmen sich vollkommen normal.
Doch verhieß dies dann nicht im Umkehrschluss, dass gerade er es war, der sich nicht in dieses Muster fügte?
Verunsicherung machte sich in seinem Gesicht breit, bevor er sich ein weiteres Mal die Hand auf die Brust legte und sie mit seinen Augen fixierte, als wolle er sich im wahrsten Sinne des Wortes eigenhändig davon überzeugen, dass ebenfalls er aus Fleisch und Blut bestand.
Und dies tat er doch. Er besaß ein schlagendes Herz, spürte die raue Kleidung unter seinen Fingerkuppen, vernahm das Rauschen des Windes in seinen Ohren und die Kühle des Winters. Trotz dessen hatten die Leute weder seine fragenden Rufe, noch ihm persönlich Beachtung gezollt. Sie waren durch ihn hindurch geschritten.
Buchstäblich als wäre er Luft. Als würde er gar nicht existieren.
Er ballte seine Hand leicht zur Faust, während er sie unter seinem Umhang verschwinden ließ und sich gänzlich vom Dorf abwandte.
Konnte dies der Wahrheit entsprechen? War er nicht real?
Damit warf er dennoch kurzzeitig einen zweifelnden Blick zurück, während seine Verwirrung immer weiter ausuferte. Ausgeschlossen! Wenn er nicht existieren würde, wie hätte er dann Schmerzen verspüren oder all die Wunderdinge mit seinen Händen und dem Stab ausführen können? Na gut, er räumte zumindest ein, dass diese Fähigkeiten zusammen mit dem Umstand, mit dem Wind davonfliegen zu können, allesamt nicht gerade Attribute waren, mit denen sich Menschen auszeichneten.
Ein letztes Mal sandte er sein Gesicht prüfend über die Schulter, um sicherzustellen, dass er vielleicht doch einem Irrtum erlegen war und die Leute jetzt auf ihn aufmerksam geworden waren. Allerdings hatte sich in der Szenerie kaum etwas verändert.
Der offensichtlich nimmermüde Junge jagte fortwährend den armen Hund um das ganze Dorf, einige unterhielten sich gruppenweise, während andere ihre Häuser anstrebten.
Lediglich ein kleines Mädchen mit langen braunen Haaren hatte für eine Weile ungefähr in seine Richtung gespäht, bevor sie ihre Beachtung abermals einem Mann mit Hut und Unhang geschenkt hatte, mit dem sie wohl eine Unterhaltung hielt. Aber ihr Blick hatte ihm zu Genüge verraten, dass sie ihn nicht gesehen hatte.
Es war offensichtlich wirklich unsichtbar. Aber wieso?
Erst einmal musste er einen kühlen Kopf bewahren und der Rest würde sich sicherlich gänzlich von allein ergeben, wenn er besonnen darüber nachdachte. Damit stampfte er barfüssig durch den Schnee, bis ihm die mit Raufrei überzogenen Bäume vollends die Sicht auf das Dorf raubten.
Also Schritt für Schritt, beruhigte er sich selbst und rieb sich die Stirn als hoffe er dadurch, seinem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen: Wie war er überhaupt an diesen Ort gelangt? Erschüttert hielt er plötzlich mitten in seiner Bewegung inne, während eine Eiseskälte von ihm Besitz ergriff, die jedoch nicht bedingt war durch die momentanen Außentemperaturen, die für ihn seltsamerweise kaum spürbar waren.
Er wusste gar nicht, wie es ihn in diese Gegend verschlagen hatte. Wenn er wirklich Rechenschaft vor sich ablegen sollte, so wusste er eigentlich rein gar nichts.
Nicht einmal seinen eigenen Namen. Aber wie konnte dies sein?!
Als raube ihn diese erschütternde Erkenntnis regelrecht den Gleichgewichtssinn, stützte er sich mit einer Hand an einem Baumstamm ab, als er abrupt ein frostiges Knistern vernahm.
Intuitiv schnellte sein Gesicht seitwärts, sodass er beobachten konnte, wie sich unter seinen Fingern eine weitere Schicht Raufreif wie die Ranken einer aufblühenden Pflanze um die Rinde legte. Genau, seine unglaublichen Fähigkeiten. Woher besaß er bloß diese Macht, wie ein fleischgewordener Winter, Frost und Eis aus dem Nichts zu verbreiten?
Was dachte er da? Ein fleischgewordener Winter?
Wie aus einem tiefen Traum erwachend, begriff er erst jetzt wirklich, dass er die ganze Zeit barfüssig unterwegs war und ansonsten kleidertechnisch auch alles andere als gegen eine klirrendkalte Winternacht gewappnet war. Dennoch fröstelte ihn nicht; ihm war ja nicht mal ansatzweise kalt, obwohl er die Kühle durchaus wahrnahm.
Weshalb? Wieso vermochte er dem so schier spielerisch zu trotzen?
Ein weiterer ungeklärter Punkt auf seiner imaginären Liste von Dingen, denen er unbedingt auf den Grund gehen musste. Und ihre Zahl erhöhte sich beinahe sekündlich mit jeder neuen Frage, die sich ihm aufwarf. Stockend hob und senkte sich sein Brustkorb vor Aufregung, sodass er keuchen musste, als hätte er einen halben Marathon hinter sich gebracht.
Seine flache Atmung kräuselte sich zu einem feinen Dunst und stieg in den wolkenlosen Himmel empor. Doch er war da und somit ein weiterer unleugbarer Beweis seiner Existenz.
Wer war er also?
Er brauchte unbedingt Gewissheit und dies am besten so rasch wie möglich. Doch wie konnte er diese am besten erlangen? Hilfesuchend kundschaftete sein gehetzter Blick die weiße Umgebung aus, während er mit den Fingern ungeduldig gegen den Baumstamm tippte, der immer mehr unter Frost zu leiden hatte. Zu seinem Leidwesen machte er jedoch nichts ausfindig, was er als nützlich angesehen hätte, als unwillkürlich ein feines Rauschen in sein Ohr drang. In seiner unmittelbaren Nähe musste sich ein kleiner Bach schlängeln, der noch nicht gänzlich eingefroren war. Er war bereits dabei, sich geschlagen abzuwenden, als ihn eine Idee wie ein heiterer Blitz vom Himmel traf.
In einer hektischen Bewegung drehte er sich sogleich zurück, sodass ihm einige Haarspitzen unsanft in die Augen stachen. Ein Bach?
Wenn er mithilfe des Wassers sein Spiegelbild einsehen könnte, würde ihn das möglicherweise ein handfestes Indiz auf seines Identität liefern oder bestenfalls gar noch einen Prozess in seinen Kopf auslösen, der ihm all seine Erinnerungen zurückbrächte.
Nun ja, letzteres klang vielleicht schon etwas zu utopisch, aber wenn er zumindest seinen Namen in Erfahrung bringen könnte, würde es sich fürs erste zufrieden geben.
Von diesem kleinen Hoffnungsschimmer beseelt, begab er sich auf die Suche, wobei er seinen Stab sachte auf und ab schaukeln ließ, um eine dezente Nervosität zu übertünchen.
Silbrig durchflutete das gleißende Licht des Mondes den Wald, das in hauchdünnen Fäden zwischen den kahlen Bäumen hindurchfloss und die winzigen Eispartikel zum Glitzern brachte. Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen, als sich der Wald vor ihm auftat und eine kleine Lichtung preisgab, die eher von einem Bächlein als einem Bach durchzogen wurde. Träge plätscherte ein dünnes Rinnsal zwischen winzigsten Eisschollen, die ebenso nur noch schwermütig flussabwärts zogen. Nur noch einige Stunden und der Bach würde vollkommen zufieren.
„Irgendwie war das vorhersehbar gewesen…“, prustete er matt, nachdem er sich sogar ein wenig belustig auf die Fersen gesetzt hatte, und tüftelte an einer Möglichkeit, immerhin einen kleinen Teil des Bächleins von Frost zu befreien. Bisher hatte er ja selbst mit fast jeder Berührung schließlich das komplette Gegenteil bewirkt, was in seinem Fall momentan aber nicht gerade ratsam war. Grübelnd knetete er sich das Kinn, als ihm die Lösung seines Problems wortwörtlich mit einem dumpfen Laut auf den Kopf fiel.
„Autsch!“ Mit fest zusammengebissenen Zähnen rieb er sich die pochende Stelle, während er den dreisten Übeltäter beobachtete, der einige Zentimeter durch den Schnee rollte, als wolle er einer möglichen Bestrafung entfleuchen. Dabei war der Stab im Grunde vollkommen unschuldig, schließlich hatte er den Griff unbedacht gelockert, da er noch nicht daran gewohnt war, dieses sperrige und lange Ding ständig mit sich herumzuschleppen.
Aber da er höchstwahrscheinlich ein Überträger oder gar Quelle seiner Macht war, hätte er wohl keine andere Wahl, als ihn als eine unabdingbare Verlängerung seines Armes anzusehen. Einfach würde es am Anfang sicherlich nicht werden.
Damit griff er sich grummelnd den Stab und strafte ihn eines bösen Blickes, bevor er sich am liebsten selbst eine Ohrfeige verpasst hätte. Die Ereignisse der heutigen Nacht forderten unverkennbar ihren Tribut und zogen diesen offenbar aus seinem Verstand, der hoffentlich mal bessere Tage erlebt hatte. Wie konnte er nur so blöd sein?
Obgleich der Stab möglicherweise in enger Verbindung zu seinen Fähigkeiten stand, so war er letztendlich nur ein toter Gegenstand, der von seinem Willen gesteuert wurde.
Deshalb wäre es doch eine logisch denkbare Möglichkeit, dass er damit das Eis aufschlagen konnte, wenn er den Stab den Befehl erteilte – was sich schon gedanklich ausgesprochen, ziemlich dämlich anhörte, da dem Stück Holz kein Leben innewohnte -, eben nicht alles einzufrieren.
Einen Versuch war es jedenfalls wert. Was hatte er sonst auch zu verlieren?
Rasch erhob er sich daraufhin, bevor er den Stab fest mit beiden Händen umfasste und ihn in den Bach rammte. Sofort erklang das knirschende Knacken des zerbrechenden Eises, das ihn ein kurzes Erfolgserlebnis beschwerte. Es klappte! Wenigstens eine Sache.
Wie ein Eisfischer befreite er ein ausreichendes Stück des Bachs, wobei er mit der gekrümmten Spitze des Stabes das Eis beiseite kehrte, damit es ihn nicht belästigte.
„Na dann, auf geht´s.“, nuschelte er mit einem leicht flauen Gefühl in der Magengegend und bückte seinen Oberkörper sachte vor, nachdem er sich abermals hingekniet hatte.
Samtig schimmerte die Oberfläche wie flüssiges Öl, während sich die Konturen seines Kopfes zwar etwas verwischt, aber nichtsdestotrotz gut erkennbar, im Wasser spiegelten.
Erwartungsvoll blickte er in sein eigenes jugendliches Gesicht, in dem sich Aufregung mit Unsicherheit zurzeit um die Vorherrschaft duellierten. Seine Augen waren von einer verblüffend eisblauen Farbe, die einen außergewöhnlichen Kontrast zu seiner hellen Haut und besonders zu seinen schneeweißen Haaren boten, die ihm etwas zerzaust im Gesicht hingen.
Im Grunde genommen wirkte er wie ein verlorener Junge, der sich auf dem Weg nach Hause im dichten Wald verirrt hatte und allein auf sich gestellt, nicht wieder zurückfinden würde. Zugegeben verwirrt und verloren entsprach auch tatsächlich seiner derzeitigen Gefühlslage.
Kurzum: rein äußerlich glich er einem Menschen und wiederum doch nicht.
Für einige Minuten betrachtete er vollkommen stumm sein Spiegelbild, bis er bemerkte, wie der gespannte Glanz seiner Augen allmählich bitterer Enttäuschung wich. Denn das erhoffte Resultat war in keiner Weise erfolgt. Er tappte fortwährend im Dunkeln, was seine Identität, geschweige denn seine Existenz anging.
Er sah überhaupt nichts, außer sein namenloses Ich und den Mond, der sich ebenso im Wasser reflektierte. Voll und groß thronte er über dem Nachthimmel wie ein allsehendes Auge, das gleichgültig auf die Welt hinabschaute.
„Großartig, einfach großartig!“, machte er keinen Hehl aus seinem Misserfolg, wobei er verärgert mit der Spitze des Stabes gegen den Bach schlug, woraufhin dieser auf einen Schlag von der Quelle bis zur Mündung einfror. Allerdings achtete er nicht darauf.
Mit zunehmender Mutlosigkeit schritt er verärgert zurück in den Wald, sodass sich sein Umhang hinter ihm aufbauschte, und lehnte sich mit dem Rücken gegen den nächsten Baum. Niedergeschlagen ließ er sich runtersacken. Wie einen treuen Gefährten legte er dann den Stab griffbereit neben sich, während er ein Bein anzog, um seinen Unterarm darauf zu betten. Seine Wut war mittlerweile wieder verflogen und hatte der Ungewissheit Platz gemacht, die er wie eine schwere Kette um seinen Hals spürte. Was war nur los?
Wieso erinnerte er sich denn an gar nichts? Das war doch praktisch unmöglich.
Jeder erinnerte sich doch an etwas. Wieso sollte es auf ihn nicht zutreffen?
Langsam nervlich ausgelaugt lehnte er seinen Kopf gegen die Rinde, während er die Augen schloss und tief ein- und ausatmete, um sich zu beruhigen.
Ganz ruhig! Wenn er sich entspannte und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachtete, würde er den Untiefen seines Gedächtnisses schon das eine oder andere Geständnis abringen können.
Daran musste er schlichtweg glauben. Eingehend horchte er in sich hinein und versuchte ein Ereignis ausfindig zu machen, das sich vor seinem Erwachsen am See zugetragen hatte.
Doch ganz gleich, wie stark er sich auch konzentrierte oder sich bemühte, ein Bild vor seinem geistigen Auge heraufzubeschwören, so endete er stets in einer unfassbaren Dunkelheit.
Ja, Dunkelheit. Dies war das erste, woran er sich wirklich erinnerte. Er war von einer unfassbaren Finsternis umringt gewesen. Es war kalt gewesen und er hatte Angst gehabt.
Aber dann waren all diese negativen Gefühle urplötzlich verschwunden. Wieso bloß?
Was hatte ihm diese Ängste so erfolgreich genommen?
Überrascht öffnete er wieder seine Augen und spähte zum Himmel, als das helle Mondlicht angenehm durch seine Lider gesickert war. Genau, es war der Mond gewesen, der sie verscheucht hatte. Aber weshalb hatte ihm das Mondlicht nur solch eine Ruhe geschenkt?
„Ach, das bringt doch auch nichts…“ Vollends ermüdet von den ganzen einseitigen Gedankengängen fuhr er sich schlaff über die Augen, bevor er mit einem traurigen Lächeln abermals seine Hand sorgfältig betrachtete. Hände, die mit denen der Dorfbewohner zu hundert Prozent übereinstimmten und die trotz dessen atemberaubende Fähigkeiten beherbergten, die definitiv weder Menschen noch einem gewöhnlichen Geist zugesprochen werden konnten.
War es denn zuviel von ihm verlangt? Er wollte doch lediglich herausfinden, wer er war und was er hier suchte. Wer war er bloß?
Jack Frost.
Wie von einer Biene gestochen sprang er schlagartig auf die Beine, nachdem die unbekannte Stimme ihn bis auf die Knochen erschüttert hatte.
„Wer war das?!“ Ungelenk schnappte er sich den Stab und hielt ihn drohend wie eine Waffe vor sich, obgleich überhaupt nicht feststand, dass er diesen zu einem funktionierenden Verteidigungswerkzeug umdisponieren konnte. Nichtsdestotrotz fühlte er sich mit ihm spürbar sicherer, als er sich ratlos mehrmals um die eigene Achse drehte, um den Urheber der Stimme zu entlarven. Denn diese war wie ein Echo durch den ganzen Wald gehallt und nicht eindeutig zu orten gewesen. Allerdings befand sich niemand in seiner Nähe, der ihm hätte Rede und Antwort stellen können. Der Wald war still und wirkte förmlich wie in Tiefschlaf versetzt. Seltsam, dachte er, ohne jedoch die Obacht fallen zu lassen. Dabei hätte er seine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass er eine männliche Stimme vernommen hatte.
Jack Frost.
Da! Schon wieder! Woher kam diese Stimme? Sie schien allgegenwärtig und gar keinen Ursprung zu besitzen. Zudem, was sollte ständig diese Wiederholung des Namens Jack Frost, den er zuvor noch nie vernommen hatte? Es war ihm schlichtweg schleierhaft.
Schau noch oben.
Als hätte ihn plötzlich der steinerne Blick eines Basilisken getroffen, blieb er reglos in seiner Position stehen, da ihm bewusst geworden war, dass das Echo gar nicht aus dem Wald kam, sondern vielmehr in ihm selbst verklang. „Nach oben?“,  vergewisserte er sich flüsternd, bevor er dem Befehl merkwürdigerweise Folge leistete.
Wie hypnotisiert senkte er plötzlich den Stab, während sich seine Augen überrascht weiteten, in denen sich das silberne Licht des Mondes brach, der intensiver den je durch das knorrige Geäst der Bäume leuchtete. Zudem schien es, als würde er ihn absichtlich fixieren und auf ihn hinabscheinen, um ihn den Weg zu erhellen. Konnte dies der Wahrheit entsprechen?
Hatte wahrhaftig der Mond zu ihm gesprochen?
Mittlerweile würde ihn nichts mehr wundern.
„Hast du mit mir gesprochen? Wer bist du?“, sprach er entschiedener als er im Grunde war, während sich die Skepsis in seinem Blick festigte und er diesen ein wenig verengte.
Ja, ich bin der Mann im Mond.
„Der Mann im Mond, ja? Weißt du, ich habe noch nie mit dem Mann im Mond gesprochen, nicht dass ich mich an irgendetwas anderes erinnern würde, aber…“ Vergnügt durch die außergewöhnliche Situation kratzte er sich amüsiert am Hinterkopf und brachte sogar ein schiefes Lächeln zustande, als er plötzlich hellhörig wurde.
Und ich weiß, wer du bist...
„Was?!“, setzte sein Herz regelrecht einen Schlag vor Verblüffung aus, bevor er dem Mond ernsthaft seine ungeteilte Aufmerksamkeit zollte. Außerdem hatte er sich von einem aufkommenden Wind unbewusst direkt in die Baumkrone tragen lassen, sodass der Schnee nur so hinuntergerieselt war, und hielt sich mit einer Hand und einem Bein an einem Ast fest, während er ansonsten vollkommen frei in der Luft hing. Er wagte vor Anspannung kaum zu atmen. „Du- du kennst…mich? Du weißt, woher ich komme, was ich bin, was ich hier mache?“
Du bist Jack Frost.
„Jack Frost…“, wiederholte Jack den Namen langsam, als müsse er ihn erst auf der Zunge zergehen lassen, bevor er ihm Glauben schenken würde. Das war wirklich er?
Ein undefinierbares Gefühl des Glücks durchströmte ihn angesichts dieses kleinen Fortschrittes, weswegen er eine wohltuende Wärme in seiner Brust spürte, die ihm wenigstens etwas Sicherheit schenkte. Nun würde sich dank der Hilfe des Mondes hoffentlich einiges klären. Damit sprang Jack leichtfüßig auf einen dickeren Stamm, um eine uneingeschränkte Sicht auf den Mond zu bekommen, wobei er den Stab ungeachtet in einer Hand baumeln ließ. „Weißt du, was ich hier mache? Kannst du es mir bitte sagen, Mann im Mond? Mann im Mond?...Mond?“ Doch der Mond antwortete nicht mehr, sondern hüllte sich in ein eisernes Schweigen, egal wie oft Jack auch nach ihm rief.

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Guten Tag!

Ich wollte nur schnell anmerken, dass ich wahrscheinlich nicht so schnell alles ausstellen werde. Dafür werden die Kapitel aber länger sein, da ich gerne die Abschnitte so veröffentlichen möchte, wie ich sie mir zurechtgelegt habe ^^. Also, nicht erschrecken, wenn die Kapitel plötzlich ein paar Seiten mehr haben. Und bedanken möchte ich mich herzlich bei Redbird87 für ihren Kommentar! =)
Ach ja, dass die Kapitelnamen entgegen des Titels dieser Geschichte Englisch sind, hat den Grund, dass jedes Kapitel als Titel eine Pasage aus einem einzigen Lied tragen wird, das ich beim Schreiben oft gehört habe und das meiner Meinung nach sehr gut passt. (Auflösung des Liedes gibt es am Ende der Geschichte ^^ hehe, man will es ja ein bisschen spannend machen =P)
Randnotiz zum Kapitel: Ich kann immer noch nicht recht glauben, dass Jack bei seinem Tod wirklich um die 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein soll! Ich hätte ihm 14, allerhöchstens 15 Jahre gegeben, schon allein von seinem Verhalten und äußeren Erscheinung her.
Zudem habe ich einen Geschichtsleistungskurs absolviert und kann dadruch durchaus behaupten, zu wissen, dass Jungs im Alter von 17 bis 18 Jahren zu Beginn des 18. Jahrhunderts sicherlich andere Dinge zu tun hatten als Spielen...xD
Aber das ist nur meine Meinung, falls sich jemand wundern sollte, warum er im Kapitel öfters als Junge bezeichnet wird. ^^
Bis zum nächsten Mal!
Mleko =)
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