Der Raureif über dem See

von Mleko
GeschichteAllgemein / P12
23.01.2013
13.08.2020
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23.01.2013 2.951
 
Alles, was sie momentan spürte, war Angst. Eine geradezu greifbare und allumfassende Angst, die ihren gesamten Körper fast vollständig lähmte; insbesondere ihre Füße, die durch die schweren Kufen ihrer Schlittschuhe ohnehin bereits ungemein an Beweglichkeit und Schnelligkeit angebüßt hatten. Dagegen wurde die winterliche Umgebung, die größtenteils unter einer einzigen Decke weißen Schnees ruhte, und selbst die kühle Brise schlichtweg aus ihre Wahrnehmung verbannt.
Es existierte einzig diese stechende Furcht und ein Knacken unter ihr, das die Angst nur noch zusätzlich schürte. Es war ein feines, jedoch mehr als gefährliches Knacken, das ihr nur zu gut zu verstehen gab, auf welch dünnem Eis sie sich wortwörtlich befand.
Denn es war der Laut der zerberstenden Eisschicht, die sich über dem See in der Nähe ihres Dorfes gebildet hatte und die ihr Bruder und sie heute aufgesucht hatten, um etwas auf ihr herumzutollen. Jedenfalls war dies ihre Absicht gewesen, bis ihr Spaß jäh ein Ende gefunden hatte. Von ihrer anfänglichen Unbeschwertheit war nichts übrig geblieben.
Vielmehr hatte sie sich in bitteren Ernst verwandelt.
Ihr Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Brust, während sie die Arme zaghaft etwas von sich gestreckt hielt, um ihre Balance zu finden.
Doch es half nichts. Auch wenn sie nicht hinuntersah, verriet das leise Knacken ihr, dass sich die Risse  immer tiefer und weiter verteilten. Das Eis würde ihr Gewicht nicht mehr lange tragen können. Sie würde unweigerlich einbrechen und ertrinken.
Mit stockender Atmung war sie gerade versucht, panisch zu ihren Füßen zu spähen, als sie sich jedoch selbst beschwor, den Blick vorwärts gerichtet zu halten; sich lediglich auf ihren Bruder zu konzentrieren, wie er ihr gesagt hatte.
Er hatte ihr versprochen, dass ihr nichts geschah, dass alles ein gutes Ende nähme, wenn sie nur an ihn glaubte. Und das tat sie. Es gab kaum Personen, denen sie mehr Vertrauen schenkte, obgleich ihr Bruder meist nur zu Streichen und Scherzen aufgelegt war.
Dies hatte sie ihm überwältigt von ihrer Furcht auch impulsiv vorgeworfen, was ihr bereits jetzt unheimlich leid tat, da die Situation ebenso für ihn nervenaufreibend und äußerst riskant war. Aber sie glaubte an ihn. Ja, Jack würde sie retten.
Erstarrt sah sie in Jacks Augen, der ihr in einiger Entfernung gegenüberstand.
Unverwandt und aufrichtig erwiderte er ihren Blick, obwohl ebenfalls in seiner Nähe unheilvolle Wunden im Eis erschienen waren, worauf er derzeit jedoch nicht sonderlich achtete. Für ihn existierten im Moment lediglich sie und er; nichts weiter.
Einzig die angespannte Linie um seinen Mund verriet etwas seine Besorgnis.
Er war sachte in die Hocke gegangen und hielt einen langen Stab aus Holz in seinen Händen umklammert, mit dessen Hilfe er sie aus der Gefahrenzone ziehen wollte.
Um an diesen zu gelangen, hatte er sich über die Schicht bewegen müssen, wobei sich ihr bröckeliger Untergrund weitere Risse zugezogen hatte. Dabei hatte Jack bereits vorsichtshalber seine eigenen Schlittschuhe ausgezogen und stand mit nackten Füßen auf dem zugefrorenen See.
Ihr zuliebe und um ihr die Furcht wenigstens ansatzweise zu nehmen, hatte er die Aktion überdies in ein Spiel verwandelt und der Lage zum Trotz sogar etwas herumgeblödelt, was ihr tatsächlich ein belustigtes Lachen entlockt hatte. (Dabei stand unfraglich fest, dass es geradezu waghalsig gewesen war, weswegen sie es ihm noch höher anrechnete. Immerhin war ihr vollkommen bewusst, in welcher bedrohlichen Gefahr sie beide schwebten.)
Nun lag es allerdings an ihr, die drei entscheidenden Schritte zu wagen, bis sie in die Reichweite des Stabes kam.
„So..und jetzt du.“, sprach Jack zuversichtlich, woraufhin sich ein hoffnungsvolles Lächeln in ihr Gesicht stahl. Ja, sie würde es schaffen.
Dieser winzige Lichtschimmer erlosch jedoch schlagartig mit ihrem Lächeln, als sie intuitiv die Augen senkte, um den Stab kurzzeitig zu betrachten. Mit dieser Bewegung rückten nämlich auch gleichzeitig abermals das Eis und ihre Füße mit der Härte eines Faustschlages zurück in ihre Wahrnehmung und bevor sie sich versah, hatte sie sie wieder fest im Griff: die blanke Furcht, die ihr förmlich die Kehle zuschnürte.
„Eins…“, übernahm Jack, an dem die Wandlung ihres Gesichts nicht spurlos vorbeigegangen war, das Zählen an ihrer statt. Offensichtlich hatte er instinktiv gespürt, dass sie dazu zurzeit nicht imstande war. Wie auf einen Befehl setzte sie daraufhin zittrig einen kleinen Schritt vorwärts, der jedoch vollkommen genügte, damit sich die weißen Ausläufer der Risse weiter ins Eis fraßen. Sogleich entrann ein erschrockenes Keuchen ihrer Kehle, das in einem erneuten Knacken unterging, der lauter und länger währte als alle bisherigen.
„Sehr gut, sehr gut!“ Zwar redete Jack weiterhin schier inbrünstig auf sie ein und mimte den reinsten Optimismus, um ihr Mut zu machen und sie in ihrem Vorhaben zu bestärken, dennoch war auch seine Stimme in den letzten Sekunden fast zu einem Flüstern abgeklungen. Dies verdeutlichte unverkennbar, dass selbst in ihm die Erkenntnis zusehends stärker an die Türen seines Bewusstseins pochte, dass ihnen allmählich die Zeit davonlief, weswegen er ihr die gekrümmte Spitze des Stabes weiter entgegenstreckte. „Zwei…“
Abermals fuhr sie, diesmal jedoch mit dem anderen Schlittschuh, einige Zentimeter weiter, innerlich hoffend, dass dadurch der Druck, der aufgrund ihres Gewichtes auf dem Eis lastete, ausgeglichen wurde. Doch vergebens. Die Schicht splitterte immer mehr und gab unter ihrer Last bereits ein wenig nach.
Dabei war sie kaum bei der Hälfte des Weges angelangt!
Einen weiteren Schritt wagte sie jedoch nicht mehr und standhalten würde dem die Eisschicht erst recht nicht. Unwillkürlich spürte sie die Angst regelrecht in sich explodieren wie eine Kanonenkugel, die selbst den kümmerlichten Rest Tapferkeit in ihr zerschmetterte.
Es war zu spät! Sie würde jeden Augenblick einbrechen! Aus dieser Entfernung würde Jack sie nie im Leben mehr retten können!
Grenzenlose Panik überfiel sie, als sie bewegungsunfähig mitverfolgen musste, wie das Wasser unterhalb des Eises bereits in Wellen geriet. Panik, der ihren sowieso unsicheren Fuß weiter ins Wanken brachte, sodass sie leicht zu straucheln begann. Verzweifelt sandte sie einen hektischen Blick zu ihrem Bruder. Scharf sog sie erneut die kalte Luft ein, sodass es sie in den Lungen stach, als sich die nächsten Ereignisse bereits überschlugen.
„Drei!“, rief Jack laut aus, dem die Beunruhigung in den letzten Momenten wie ein unangenehmes Kribbeln durch den Körper gejagt war, bevor er den Stab ruckartig vorschnellen ließ und ihn zielsicher um den Oberkörper seiner Schwester schlang.
Damit raffte er alle Kraft, die er unter den gegebenen Umstanden aufbringen konnte, zusammen und schmiss sie soweit wie möglich vom bröckelnden Eis, woraufhin er selbst ein Stück rückwärts rutschte.
Unkoordiniert wirbelte die ganze Welt um sie herum und verschwamm in einem einzigen klaren Weiß, als sie angesichts des Schwungs der Länge nach unkontrolliert über den zugefrorenen See schlitterte. Pfeifend blies ihr ein kalter Windzug um die Ohren, während sie sich zu fangen versuchte. Zwar schmerzte ihre Seite wegen des Drucks des Stabes ein wenig, doch dies war lediglich eine banale Nichtigkeit und nicht zu vergleichen mit der beflügelnden Gewissheit, die sich wohltuend in ihr ausbreitete, kaum dass sie zum Stillstand gekommen war.
Sie war in Sicherheit. Jack hatte es tatsächlich geschafft.
Verwirrt bemühte sie sich, halbwegs Orientierung und Halt auf dem glitschigen Eis zu finden, was nicht gerade ein sonderlich leichtes Unterfangen war, indem sie sich mit den Händen vorsichtig abstützte. Mit einem fragendem Blick überprüfte sie noch blitzschnell, ob die Schicht auf dieser Seite des Sees ihr standhalten würde, bevor sie ihren Kopf hochreckte und bereits von Jacks heiterem Lächeln begrüßt wurde, der ebenso zu Boden gefallen war, sich aber sichtlich schneller gefangen hatte.
Es beinhaltete solch eine Erleichterung und Freude, die eine äußerst ansteckende Wirkung auf sie ausübten, sodass sie gar nicht anders konnte, als das Lächeln zu erwidern, obgleich ihres etwas scheuer ausfiel.
Zudem durchflutete sie unwillkürlich eine angenehme Wärme, die sie glatt die ganze Angst und all den Schrecken, die ihr nur Minuten zuvor noch tief in den Knochen gesteckt hatten, vergessen ließ. All diese Befürchtungen lösten sich binnen weniger Sekunden völlig auf wie Dunstwolken, die vom Wind in alle Himmelsrichtungen geweht wurden, und hinterließen lediglich ein Gefühl des unendlichen Glücks und der Vertrautheit Jack gegenüber.
Schließlich war ihre Rettung ausnahmslos ihm zuzuschreiben.
Er hatte sein Versprechen gehalten. Wenn sie sich recht entsann, hatte man auf sein Wort bisher immer bauen können. Ungeachtet dessen, dass er ansonsten meist nur Unfug im Sinn hatte. Wie hatte sie nur jemals – sei es auch nur einen Wimpernschlag lang gewesen - daran zweifeln können, dass es ihm nicht gelänge?
Wie unglaublich dumm und kleingläubig sie doch gewesen war, verhöhnte sie sich gedanklich selbst. Doch sie würde nie wieder so wankelmütig sein. Dies hatte sie sich fest vorgenommen.
Sich geschwind aufrappelnd, vernahm sie fröhlich, wie Jack zu einem sorglosen Lachen ansetzte, was sie umso mehr in der Zuversicht bestärkte, dass sie die heikle Situation gemeistert hatten. Möglicherweise würden sie sich in einigen Jahren im Winter vor der prasselnden Feuerstelle sitzend mit vor Aufregung glänzenden Augen daran erinnern, wie sie der drohenden Gefahr tollkühn von der Schippe gesprungen waren.
Gewiss würde sich Jack stolz damit rühmen, welch kühlen Kopf er angesichts der verzwickten Lage bewahrt hatte und diese noch zusätzlich ausschmücken. Verübeln würde und könnte sie es ihm jedoch definitiv nicht. Denn er hatte ohne jeglichen Zweifel eine Heldentat begangen.
Mit einem sanftmütigen Lächeln streckte er gerade leicht seine Hand nach ihr aus, als plötzlich alle Freude mit einem Schlag aus seinem strahlenden Gesicht getilgt wurde. Ungläubig weiteten sich seine Augen, während sie ebenso von aufsteigender Furcht verzerrt wurden, sodass sie unwillkürlich um einige Nuancen dunkler wirkten. Ein knapper Laut des Entsetzens drang aus seinem Mund.
Sie selbst erkannte erst schockiert, was geschah, nachdem sich ein unheilvolles Knacken über die Eisfläche gelegt hatte, das ihr wie ein Blitz durch Mark und Bein fuhr. Zu unbekümmert in ihrem überschwänglichen Freudentaumel, hatte keiner von ihnen Notiz davon genommen, dass Jack fast an dieselbe Stelle geschlittert war, die ihr fast zum Verhängnis geworden war.
Obwohl sich alles innerhalb einiger Sekunden abspielte, erfolgte es für sie wie in Minuten, in denen sie erblickte, wie sich der eisige Untergrund unter ihrem Bruder auftat, er jeglichen Halt verlor und in dem lautlosen Gewässer versank.
„Jack!“, schrie sie ungehalten, wobei sie reflexartig den Arm nach ihm ausstreckte.
Doch der See hatte ihn bereits mit Haut und Haar verschlungen.
Mit zitternder Hand fixierte sie das große Loch, an dessen Rändern das Wasser etwas überschwappte. Jack gab es jedoch nicht mehr preis.
Stockend atmete sie ein und aus, während sich ihre Gedanken panisch überschlugen, ohne ihr dabei jedoch die Möglichkeit einzuräumen, auch nur einen Finger zu krümmen. Seltsamerweise benötigte ebenfalls die Erkenntnis erschreckend lange, um sich durch das momentan herrschende Wirrwarr in ihrem Kopf einen Weg zu bahnen. (Letztendlich zählte sie erst acht Jahre und war für so ein unvorhersehbares Ereignis keineswegs gewappnet.) Dafür war ihre Durchschlagskraft umso härter und hinterließ eine Schleuse der Verwüstung in ihrem Inneren. Kaum merklich begann sie verneinend den Kopf zu schütteln, als könnte sie sich dadurch die Wahrheit leugnen oder sie gar ungeschehen machen, bevor der nagende Kummer sie mit seinen dunklen Fängen umgarnte.
Jack war im Eiswasser eingebrochen und kam eigenständig offenbar nicht heraus.
Nein! Das konnte, durfte einfach nicht passiert sein!
„Jack!“  Damit nahm sie in ihrer Verzweiflung gedankenlos mit ihren Schlittschuhen Anlauf, um schnellstmöglich zum Loch zu fahren, damit sie ihm gegebenenfalls helfen konnte, wenn er orientierungslos unter der Oberfläche danach suchte.
Erst ein weiterer ächzender Laut des zerberstenden Eises und feine Risse unter ihren Füßen ließen sie in ihrem wahnsinnigen Vorhaben einhalten. Ängstlich betrachtete sie ihre schlotternden Beine, während in ihrem Geiste zwei unterschiedliche Parteien einen heftigen Kampf austrugen.
Sollte sie ungeachtet der intakten Eisschicht weitergehen und ebenfalls riskieren, einzubrechen, oder die Dorfbewohner alarmieren und sie um Unterstützung bitten?
„Ich hole Hilfe…Jack…halte durch…bitte…bitte.“, wimmerte sie mit tränenerstrickter Stimme, nachdem sie wohl die schwerste Entscheidung ihres Lebens gefällt hatte und flitzte gen Ufer davon. Allein auf sich gestellt, würde sie es nie schaffen. Denn sie war weder physisch noch psychisch halbwegs so stark wie ihr Bruder. Sie benötigte umgehend Hilfe.
Zielsicher raste sie über den See, bevor das Eis auf den letzten Zentimetern selbst unter ihr nachgab, sodass sie bis zu den Knöcheln einsackte. Ein spitzer Schrei verflüchtigte sich aus ihrem Mund, als sie umgebremst mit dem Gesicht voran zu Boden fiel.
Glücklicherweise federte der Schnee allerdings ihren Sturz ab.
Mit zunehmender Hysterie in jeder Bewegung hievte sie dann ihre Beine geschwind aus der Einbruchstelle, um die Schnürsenkel zu lösen. Ungewollt stockte ihr der Atem, als sie dadurch mit dem Wasser in Berührung kam. Davor hatte das bearbeitete Leder ihrer Schlittschuhe nämlich die Nässe von ihren Füßen abgehalten, sodass sie es gar nicht gespürt hatte.
Doch es war bitterkalt.
Eine eisige Kälte, die sie mit keinem Wort zu beschreiben vermochte und die gar schon eine körperliche Qual war. Und dabei war sie kaum nass. Nicht auszudenken, was für Schmerzen Jack derweil in diesem klirrendkalten Gewässer ertragen musste.
Beinahe im Sekundentakt warf sie immer wieder hastige Blicke zu Jacks Einsturzloch; in der verzweifelten Hoffnung, dass er in den nächsten Momenten vielleicht doch herausbrechen würde.
Doch das Wasser verblieb geradezu beängstigend ruhig und spiegelglatt.
Obwohl sie sich barsch ermahnte, ihre guten Vorsätze nicht gleich wieder stürmisch zu vergessen und erneut ihrer Unsicherheit zu verfallen, spürte sie dennoch, dass unwiderruflich etwas in ihrem Herzen zerbrach, als sie sich eilenden Schrittes vom See entfernte.
Barfuss hastete sie durch den Hain, wobei sie mehrere Male gefährlich strauchelte, da die hervorstehenden Wurzeln der Bäume unter der ganzen weißen Pracht schlichtweg nicht auszumachen waren. Der Schnee knirschte geräuschvoll, während sie rasch zwischen den Bäumen auf einen kleinen Pfad zusteuerte, der geradewegs zum Dorf führte.
Einen Weg, den sie bereits seit frühsten Kindheit an in und auswendig kannte und der im Winter eine förmlich magische Schönheit beherbergte.
Doch heute war er für sie nichts weiter als eine einzige Tortur, die sich bis in die Unendlichkeit zu ziehen schien. Dabei lugten die ersten Dächer mit ihren kleinen, rauchenden Schornsteinen bereits frech zwischen dem knorrigen Geäst hervor.
Der scharfe Wind stach ihr wie dutzende Nadelstiche in der Brust und brachte ihre Lunge dennoch gleichzeitig zum Brennen, weswegen sie kaum Luft bekam.
Nichtsdestotrotz wagte sie nicht, ihr Tempo einmal um ein Stück zu drosseln. Dafür hing einfach zu viel davon ab. Mit jeder Sekunde, die sie tatenlos vertrödelte, sanken Jacks Chancen, lebend aus dem See geborgen zu werden, erschreckend schnell gegen Null.
Dabei hatte ihre Mutter ihnen noch bei der Verabschiedung extra eingeschärft, vorsichtig zu sein. Ein dicker Tränenschleier sammelte sich bei diesem Gedanken in ihren Augenrändern und ließ die ihre ganze Umwelt dahinter verschwimmen, während die Stimme ihrer Mutter unaufhörlich in ihren Ohren widerhallte. Zeitgleich flammte unwillkürlich ein Bild des heutigen Nachmittages in ihrem Kopf auf.
Wie enthusiastisch und unnachgiebig sie doch an Jacks Arm gezerrt und dabei die Mahnung geflissentlich ignoriert hatte, damit er sie endlich zur Eisfläche begleitete.
Im Grunde war es von vornherein fast lediglich ihre Idee gewesen, um den tristen Alltag etwas Farbe zu verleihen. Und nun musste Jack deswegen um sein Leben bangen.
Würde er sterben?      
Stumm kullerten ihr Tränen die Wangen hinunter, bevor sie sich bemühte, ein klagevolles Schluchzen wenigstens auf eine bibbernde Lippe zu minimieren.
Ein verärgertes Zischen, das ihrer eigenen Torheit galt, drang aus ihrem Mund, nachdem sie sich die Tränen verbissen mit den Handrücken weggewischt hatte. Da war er wieder, ihr Wankelmut.
Natürlich würde Jack es schaffen! Wie er gesagt hatte: Sie musste nur an ihn glauben.
Und das tat sie doch! Er war widerspenstig und stark. Er würde überleben.
Nichtsdestotrotz war sie außerstande, den leisen und schwarzen Gedanken abzuschütteln, der sich tief in ihrem Hinterkopf festgesetzt hatte und ihr vorhielt, zu spät gehandelt zu haben. Schließlich hatte sie kostbare Augenblicke in starrer Reglosigkeit dahin ziehen lassen. Und nun war Jacks Leben dabei wie Dunst zu verpuffen.
Abermals verschwand ihr Blick hinter unzähligen Tränen, als sie plötzlich vor sich zwei Männer bemerkte, die offenkundig das Dorf anstrebten.
Jeder von ihnen trug ein schweres Geschirr auf dem Rücken gespannt, auf dem sie zusätzlich Unmengen von Holz transportierten, um damit wohl ihre Behausungen zu beheizen. Und obwohl es ihr nicht mal gegeben war, in die Gesichter der beiden zu spähen, erkannte sie die Stimmen doch auf Anhieb. Es waren Dorfbewohner. Endlich!
„Hilfe! Ich brauche unbedingt Hilfe!“, schrie sie aus Leibeskräften, insofern es ihr brechendes Stimmchen zuließ, damit sich die beiden unverzüglich zu ihr umdrehten.
Verschreckt fuhren sie tatsächlich sogleich herum und warfen verwirrte Blicke zu den Seiten, bis einer letztendlich auf sie aufmerksam wurde.
„Emma? Was ist denn-“, stammelte er entsetzt, als er selbst seine Frage im Keim erstickte, da er ihr verweintes Gesicht und ihre nackten Füße bemerkte.
Ebenfalls sein Kamerad fuhr abrupt zusammen, was jedoch nichts mit der allgemeinen Kälte gemein hatte, bevor er ihr in bemerkenswerter Geistesgegenwart entgegenlief. „Was ist vorgefallen?“
„Jack…er, er ist im See eingebrochen!“, brach Emma endgültig hemmungslos in Tränen aus und ließ all ihren Befürchtungen freien Lauf.

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Hallo!
Für alle, die diese Zeilen hier lesen: Herzlich Willkommen zu dieser Fanfiktion!
Der Einfall entstand spontan am Silvesterabend in meinem Kopf, als eine Szene zu Beginn des Filmes vor meinem geistigen Auge erschienen war. Und zwar war ich mir nicht sicher, ob ich nicht Jacks Schwester gesehen hatte, die im Dorf gestanden hatte, während Jack, als Jack Frost, an ihr vorbeigegangen war.
Dies war für mich irgendwie sehr berührend und zudem fand ich es traurig,
dass die Gestalt von Jacks Schester nur so kurz beleuchtet wurde.
Dies ist nun also das Resultat aus meinen Gedankenspielen und ich hoffe, dass es einigen gefallen wird =).  Jedoch muss ich eine Sache anmerken.
Jacks Schwester besitzt offiziell (noch) keinen Namen, aber soweit ich das mitbekommen habe, ist unter Fans ein Streit entfacht, ob sie Pippa oder Emma heißt.
Da Pippa aber offenbar der Name einer Freundin von Jamie (die neben Cupcake) sein soll und mir selbst partout kein alter, schöner Name einfallen wollte, habe ich mich für Emma entschieden. Ich finde, er passt gut.
Viel Spaß beim Lesen!

Mleko
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