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Die Grizzly-Jagd

von aislingde
GeschichteFreundschaft / P12
Old Shatterhand Winnetou
20.01.2013
20.01.2013
1
3.110
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
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20.01.2013 3.110
 
Titel: Die Grizzly-Jagd
Fandom: Winnetou
Autor: Aisling
Personen: Old Shatterhand, Winnetou
Kategorie: Freundschaft
Länge: 3.000 Wörter
Rating: PG12
Inhalt: Winnetou und Old Shatterhand jagen einen Grizzlybären
Kommentar: Antwort auf den Prompt ‚lesen’ von de_bingo. Passt nicht so ganz, aber es hat mich zu dieser Story inspiriert.
Beta: Liz und Trobadora – vielen lieben Dank.  



Als ich in diesem Sommer Winnetou und die Mescalero-Apachen besuchte, war die Stimmung sehr angespannt.

Viele Siedler waren in ihre Jagdgebiete eingedrungen, hatten Land eingezäunt, es für sich beansprucht und es umgepflügt. Land, das die Mescaleros benötigten, um ihre Herden zu weiden, damit sie im Winter nicht hungerten.

Winnetou stand in Albuquerque in Verhandlung mit der Regierung. Er hatte angeboten, die Siedler auf einen Teil des Stammesgebietes siedeln zu lassen, solange sie die für die Mescaleros lebenswichtigen Teile verließen. Dabei wusste er, dass dies ein Sterben auf Raten war. Jedes Jahr würden neue Siedler kommen und jedes Jahr würden die Apachen mehr Grund und Boden abtreten müssen, bis nichts mehr übrig war.

Ich konnte nichts weiter tun, als Winnetou morgens zum Saal zu begleiten, in dem verhandelt wurde, den Tag mit Zeitunglesen verbringen und ihm abends gut zuzureden, wenn er traurig und unendlich erschöpft von den Verhandlungen zurückkam.
Nach zwei Wochen war es geschafft. Die Regierung war zufrieden, dass sie den Apachen Land abgerungen hatte, ohne kämpfen zu müssen, und hatte einen langjährigen Vertrag unterschrieben. Winnetou dagegen war kreuzunglücklich. Er musste seinem Volk sagen, dass sie schon wieder Land verloren hatten und dass nur wenige Siedler das eingezäunte Land wieder hergeben mussten.

Ich selbst hatte Zweifel, ob die Regierung einen langjährigen Vertrag halten konnte. Schließlich hatte ich mit eigenen Augen gesehen, wie viele Menschen Woche für Woche in New York ankamen und hofften, in Amerika eine neue Heimat zu finden. Doch ich schwieg, um Winnetous Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben mit den Neuankömmlingen nicht zu zerstören.

Die Mescaleros waren nicht überrascht, als sie von dem Vertrag erfuhren. Sie wussten, wie viele Menschen in das Land strömten und meinten, dass nicht eingezäuntes Land herrenlos sei.

Nach drei Tagen hielt ich es im Pueblo nicht mehr aus und bat Winnetou, mit mir einen Jagdausflug zu unternehmen. Es sollte seine Stimmung heben; ich ertrug es nicht, ihn so betrübt zu sehen.

Mein Bruder schlug vor, Jagd auf einen Grizzlybären zu machen. Er hatte in Albuquerque von einem alten Tier gehört, das in der Nähe von San Felipe Pueblo Grant schon so manches Nutzvieh gerissen hatte. Zudem hatte es eine Hundehatz gegeben, die erfolglos abgebrochen worden war, weil zu viele Hunde dem wütenden Bären zum Opfer gefallen waren.

Schnell war das Nötigste zusammengepackt und wir machten uns auf den Weg.

Es dauerte einige Tage, bis wir San Felipe Pueblo Grant erreichten. Das Pueblo wird von den San-Felipe-Indianern bewohnt, die uns freundlich aufnahmen.

Während Winnetou mit dem Häuptling ‚Schwarzer Berg‘ über die Probleme mit den weißen Eindringlingen sprach, wanderte ich durchs Pueblo und erkundigte mich nach dem Grizzly.

Ich erfuhr, dass die San-Felipe-Indianer den Bären gejagt hatten, es aber nur geschafft hatten, das Tier zu vertreiben. Der Grizzly sollte sich jetzt in der Nähe des verlassenen Cochiti Pueblo aufhalten.

Cochiti Pueblo war ursprünglich – wie der Name schon sagt - von den Cochiti-Indianern bewohnt worden. Wie alt die Siedlung wirklich war, konnte niemand genau sagen, aber es gab Hinweise, dass das Pueblo schon vor einigen Jahrhunderten erbaut worden war und ähnlich alt war wie die mittelalterlichen Burgen am Rhein. Nach dem erfolgreichen Aufstand der Pueblo-Indianer im Jahre 1680 gegen die Spanier wurde dieser Ort von den Conchiti aufgebeben. Selbst nach einigen Jahrhunderten waren die Mauern immer noch so stark, dass sie in den letzten Jahren von Siedlern als Zuflucht gegen Navajo-Indianer genutzt worden waren.
Seitdem Winnetou vor einiger Zeit den Navajo-Häuptling Nitsas-ini von der friedlichen Natur der Siedler überzeugt hatte, wurde diese Zuflucht nicht mehr benötigt und das Pueblo stand leer.

So lange sich der Bär in dieser Region aufhielt, stellte er keine Gefahr mehr für die Menschen dar, doch Winnetous Jagdinstinkt war geweckt.

Nachdem wir eine Nacht bei den San-Felipe-Indianern verbracht hatten ritten wir zum Pueblo Cochiti.

Es war eine ereignislose Reise, die entlang des Rio Grande führte. Wir ritten über eine Ebene und da nur am Flussufer Bäume standen, konnten wir die Siedlung schon von weitem sehen. Die Häuser standen leer, doch die trockene Luft der Hochebene hatte alles konserviert und ich hatte das eigentümliche Gefühl, die ursprünglichen Bewohner, die den Ort vor etwa zweihundert Jahren verlassen hatten, könnten jeden Moment zurückkommen.
Da die Gebäude nur über die Dächer betreten werden konnten, schlugen wir unser Nachtlager mitten in der Siedlung im Hof eines zweistöckigen Hauses auf, da wir unsere Hengste nicht alleine lassen wollten. Ein Grizzlybär war zwar keine wirkliche Gefahr für ein angehobbeltes Tier, aber falls der Bär sich unserem Lager näherte, würden Iltschi und Hatatitla nicht nur unruhig werden, sondern die Flucht ergreifen, obwohl die Fußfesseln nur kleine Schritte erlaubten..
Weder Winnetou noch ich mochten morgens lange nach den Hengsten suchen.

Am nächsten Tag suchten wir nach Spuren des Tieres. Erst am späten Nachmittag fanden wir in einer kleinen Höhle erste Hinweise, dass der Grizzly wirklich in der Nähe war und dort vor zwei Nächten geruht hatte.

Da es schon spät war und wir das Tier nicht unnötig aufscheuchen wollten, folgten wir nicht der Fährte, sondern kehrten zum Pueblo zurück, um dort zu übernachten.
Unterwegs erlegte Winnetou einen Hasen, den wir zum Abendessen zubereiteten.

Während mein Bruder den Hasen über einer kleinen indianischen Flamme zubereitete, holte ich die Aufzeichnungen meiner letzten Reise in den Orient aus der Satteltasche.
Winnetou lechzte nach Informationen über meine Abenteuer, die ich auf den anderen Kontinenten erlebt hatte, und ich las ihm gerne aus meinen Berichten vor.
Manchmal stellte ich mir vor, wie Winnetou reagieren würde, wenn er meinen Hadschi Halef persönlich kennen lernte. So unterschiedlich sie in vielen Dingen waren, so gab es viele Dinge, die sie gemeinsam hatten, wie ihre Liebe zu Pferden.
Im Licht eines Kienspans las ich ihm noch eine ganze Weile vor.

Wir brachen am nächsten Tag früh auf, ritten zurück zu der Höhle und nahmen die Fährte des Bären auf.

Nach kurzer Zeit verließen wir die Hochebene des Rio Grande und drangen in das Gebiet der Kasha Katuwe, was „weiße Klippen“ bedeutet, ein.
Dort hinein führte ein tief eingeschnittenes Tal, in dessen mittlerem Teil an den Flanken zeltförmige Gesteinskegel stehen. Im hinteren Teil führt ein Weg durch einen Canyon und steigt auf das Plateau auf.

Genau diesen Weg hatte der Bär genommen. Doch er war nicht bis auf das Plateau hochgelaufen, sondern hatte sich in ein Seitental zurückgezogen.
Wir hobbelten die Pferde ein Stück entfernt an und schlichen uns an.

Der Wind stand günstig, so dass wir den Bären beobachten konnten. Es war ein altes und listiges Tier, mit einem dichten Fell und einer frisch vernarbten Schnauze. Das war wahrscheinlich die Folge der Hundehatz. Der Bär plünderte die Johannisbeersträucher, die reiche Frucht trugen.

Nach kurzer Zeit schlichen wir zurück zum Taleingang.

„Winnetou möchte den Bären auf die althergebrachte Weise erlegen. Mag mein Bruder mich dabei unterstützen?“
Der Gedanke, dass Winnetou nur mit einem Messer bewaffnet den Bären erlegen wollte, behagte mir gar nicht, aber ich konnte ihn gut verstehen. Denn den Grizzly zu erschießen, wäre jetzt keine Herausforderung gewesen. Nicht hier, wo wir freies Schussfeld hatten und das Tier an uns vorbei musste, um das Tal zu verlassen.
„Wie du wünschst. Was für eine Rolle hast du für mich vorgesehen?“
„Mein Bruder deckt mir den Rücken. Der Bärentöter soll dann seinem Ruf gerecht werden.“
Erleichtert atmete ich auf. Winnetou mochte auf der Jagd ein Risiko eingehen, aber wenn ich über den Kampf wachte, konnte ich eingreifen, bevor er in Lebensgefahr geriet.
„Wo willst du ihm gegenübertreten?“
Winnetou deutete auf eine kleine, felsige Lichtung, die ein wenig abschüssig war. „Das wird in diesem Tal der beste Platz sein.“
Ich nickte zustimmend. „Er ist nicht ideal, aber mein Bruder hat schon genug Bären gejagt, um zu wissen, was er tut.“
Ich dachte dabei an meinen ersten Bären. Damals war ich ein Greenhorn gewesen und hatte den Bären mit mehr Glück als Verstand erlegt. Doch die Krallen und Zähne des Tieres hatten bei mir zu Hause einen Ehrenplatz erhalten.
Da die Lichtung gleichzeitig auf dem einzigen Pfad lag, den es gab, um das Seitental zu verlassen, brauchten wir nur zu warten, bis der Bär sich an den Beeren sattgegessen hatte und wieder zum Canyon zurück lief.

Wir hatten uns auf eine längere Wartezeit eingerichtet, doch schon nach etwas weniger als einer Stunde hörten wir, dass der Grizzly auf dem Weg zurück war.

Winnetou zückte sein Messer und schlich sich an.
Ich blieb weiter oben und hielt den Bärentöter im Anschlag, denn ein Kampf gegen einen Grizzlybären wurde in wenigen Augenblicken entschieden. Entweder hatte man dann das Tier erlegt, oder das Tier war selbst zum Angriff übergegangen. Ein Mensch, nur mit einem Messer bewaffnet, war dann hoffnungslos unterlegen.

Der Wind stand günstig und der Bär wäre an meinem Bruder vorbeigetrabt, ohne ihn zu bemerken. Deswegen nahm Winnetou einen Stein und warf ihn dem Grizzly an den Schädel.

Damit erreichte er, dass das Tier stehen blieb und sich zu Winnetou umdrehte. Nicht so schnell, wie es ein Berglöwe getan hätte, sondern langsam, als ob er überlegte, warum man ihn mit Steinen bewarf.
Als er Winnetou sah, reagierte er blitzschnell. Der Bär richtete sich auf und brüllte ihn an.
Mir blieb fast das Herz stehen, als mein Bruder diesen Moment nutzte, und ganz nah an das Tier heran sprang. Gleichzeitig rammte er das Messer zwei Mal zwischen die Rippen des Tieres. Einen Augenblick später wich er wieder zurück.

Doch der letzte Schritt war unglücklich gesetzt und das Geröll unter seinen Füßen rutschte weg.
Winnetou schaffte es, sein Gleichgewicht zu halten, verlor aber wertvolle Augenblicke, die der Bär nutzte und zum Angriff überging.
Das war der Moment, in dem ich in den Kampf eingriff, denn Winnetou war dem Tier fast hilflos ausgeliefert, weil er noch in seiner Reichweite war und nicht mehr das Herz treffen konnte. Würde er den Grizzly an einer anderen Stelle treffen, würde er ihn nur reizen, dass das Tier noch aggressiver wurde.
Mein Schuss traf den Bären in die Schulter, doch er schaffte es, meinen Bruder mit einem wuchtigen Tatzenhieb zur Seite zu schleudern.
Ich schrie auf und schoss erneut. Dieses Mal stoppte es das Tier.
Winnetou rollte sich auf dem Boden außer Reichweite und sprang wieder auf. Die Klinge blitze in seiner Rechten und er schien unverletzt.
Der Bär stand still. Gab einen wimmernden Laut von sich, ließ sich auf alle Viere fallen und schwankte.

Ich lud den Bärentöter nach und wartete, ob der Bär noch einmal zum Angriff überging. Wusste ich doch, dass Grizzlybären schwerer zu töten waren, als alle anderen Tiere.

Das Schwanken wurde stärker und nach kurzer Zeit kippte der Bär um.

Winnetou hielt genau wie ich Abstand und beobachtete den gefallenen Grizzly. Erst nach einigen Minuten ging er zu ihm und hockte sich vor ihn nieder.
Als ich sah, dass er begann, das Tier abzuhäuten, ging auch ich zu dem toten Bären. „Es ist ein prächtiges Tier, mein Bruder kann stolz auf seinen Jagderfolg sein.“
„Danke, doch mein Bruder hat zu viel Sorge um mich gehabt und zu früh abgedrückt. Die Schüsse wären nicht notwendig gewesen.“

Seine Kritik verletzte mich, aber ich ersparte mir jede Antwort und betrachtete ihn. Meinem Auge entging nicht die schmale Blutspur, die an seinem linken Ohr war.
„Halt ein!“, forderte ich ihn auf und als Winnetou mich erstaunt ansah, hob ich meine Hand und berührte vorsichtig seinen Kopf.

Er zuckte zurück, doch ich hatte genug gefühlt.
„Mein Bruder hat einen harten Schlag abbekommen“, stellte ich ruhig fest. „Wenn ich nicht auf den Bären geschossen hätte, wäre dieser Treffer womöglich tödlich gewesen. Ich gehe die Pferde holen, dort ist das Verbandsmaterial.“
„Die Wunde benötigt keine Versorgung, es ist nur ein Kratzer.“ Brüsk wehrte er jede Hilfe ab.

Ich drehte mich um und ging, denn es brachte nichts, jetzt mit meinen Bruder über den Sinn und Unsinn meines Eingreifens zu reden. Winnetou würde seine Meinung nicht ändern und ich wollte das nicht mit ihm diskutieren, weil ich ebenfalls auf meinem Standpunkt beharren würde.

Deswegen lies ich mir Zeit. Gab ihm und mir Freiraum, um zur Ruhe zu kommen und nachzudenken.
So dauerte es eine gute Stunde, bis ich mit den Pferden zurückkam.

Winnetou hatte in der Zwischenzeit dem Bären das Fell abgezogen und die Tatzen ausgelöst, die es zum Abendessen geben würde.
Wortlos half ich ihm dabei, das Fell einzurollen, und hielt Iltschi fest, als er das Bündel hinter seinem Sattel befestigte. Dabei vermied er jeglichen körperlichen Kontakt, vermied es sogar, mich anzusehen, und wich mir aus. Ich ließ ihm seinen Willen.

Es war ein sehr stiller Ritt zum verlassenen Pueblo, wo wir wieder übernachten würden.
Genoss ich es sonst, manchmal tagelang kein Wort mit meinem Bruder zu wechseln, weil wir ein Geist in zwei Körpern waren, so war es jetzt anders. Es war eine schwere, belastende Stille. Und ich hatte das Gefühl, unter der Last zusammenbrechen zu müssen.

Töricht wie ich war, schwieg ich verbissen, war zu stolz, um mit meinen Bruder zu sprechen. Schließlich glaubte er, dass ich falsch gehandelt hatte, obwohl es eindeutige Beweise gab, dass er irrte.

Als wir am Pueblo ankamen und Winnetou vom Pferd sprang, blieb er einen Moment stehen, bevor er das Fellbündel herunter nahm.

Ich machte mich daran, die Pferde zu versorgen, danach gesellte ich mich zu ihm an unseren Lagerplatz, den wir inzwischen recht heimelig eingerichtet hatten.

Die Sonne stand noch hoch am Himmel, so dass ich mich nicht zum Schlafen zurückziehen konnte.  
Stattdessen nahm ich meine Aufzeichnungen und versuchte auf einer leeren Seite Winnetous Kampf gegen den Bären zu beschreiben. Ich vermochte es nicht, denn statt des Kampfes sah ich nur, wie die Tatze meinen Bruder traf und Winnetou zu Boden geschleudert wurde.
Und ich hatte seine Verletzung gar nicht versorgt! Schuldgefühle überkamen mich. Wie konnte ich ihn nur so im Stich lassen?
Gut, er hatte mir die kalte Schulter gezeigt. Aber er war mein Bruder, mein bester Freund und es wäre an mir, denn ersten Schritt zu machen.

Ich wusste doch, wie sehr Winnetou die Verhandlungen in Albuquerque zugesetzt hatten, warum musste ich jetzt darauf beharren, dass er Unrecht hatte, statt ihm beizustehen und zu helfen?

Mein Bruder bekam von meinen Selbstvorwürfen nichts mit; er hatte das Bärenfell ausgebreitet und schabte die Fleischreste von der Haut. Wenn er damit fertig war, würde er sie salzen, um sie zu konservieren, damit sie im Pueblo der Mescalero-Apachen von den Frauen weiter verarbeitet werden konnte. Er hatte mir den Rücken zugedreht und vermied es, auch nur in meine Richtung zu arbeiten.
Ich wartete, bis er fast fertig war, dann fasste ich mir ein Herz und sprach ihn an.

„Mag mein Bruder einen Moment Pause machen, damit ich die Wunde am Kopf versorgen kann?“ Ich merkte, wie unsicher meine eigene Stimme klang. Es war so ungewöhnlich, dass wir eine Meinungsverschiedenheit gehabt hatten, dass ich gar nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte.

Winnetou hielt inne und richtete sich auf. Ich hatte das Gefühl, dass er ablehnen würde, doch dann nickte er, stand auf, kam zu mir und setzte sich vor mir hin.
Er neigte den Kopf, damit ich besseren Zugang zu der Verletzung hatte.
Vorsichtig berührte ich die Wunde, doch sein dichtes, glattes Haar war blutgetränkt und hatte eine feste Kruste gebildet.
„Ich benötige warmes Wasser, um das Blut abzuwaschen. Bleib sitzen, ich kümmere mich darum.“

Er nickte zustimmend.
Während ich das Wasser aufsetzte, blickte ich verstohlen zu ihm. Mein Bruder hatte die Augen geschlossen und Linien hatten sich in seinem Gesicht eingegraben. Er wirkte älter und härter. Dabei hatte er schlicht und einfach nur Schmerzen, die er mir verheimlicht hatte.

Was waren wir beide doch für Starrköpfe – nur dass ich nicht derjenige war, der darunter leiden musste.

Es dauerte nicht lang und das Wasser war warm. Ich nahm ein Tuch, setzte mich wieder zu meinem Bruder und begann ganz vorsichtig die Kruste abzulösen, ohne zu viele von seinen seidigen Haaren abschneiden zu müssen.

Winnetou ließ es über sich ergehen, ohne einen Klagelaut von sich zu geben.
Als ich endlich die Verletzung sehen konnte, atmete ich erleichtert auf. Es war eine nicht zu tiefe Schramme, die wohl von einer Klaue des Bären herrührte. Da die Wunde stark geblutet hatte, war es unwahrscheinlich, dass sie noch verschmutzt war, aber ich ging kein Risiko ein und reinigte sie mit ein wenig Alkohol, den ich für solche Fälle mit mir führte.
Winnetou atmete tief ein, als ich mit der Behandlung fertig war.

„Das war es“, teilte ich ihm mit. „Aber da jetzt kein Schorf auf der Wunde ist, solltest du den Rest des Tages ruhen.“ Jedem anderen hätte ich mindestens eine Woche Ruhe verordnet, aber ich wusste, dass Winnetou dies niemals einhalten würde.
„Das Bärenfell“, wandte er noch ein.
„Wird von mir gesalzen, dann bereite ich zum Abendessen die Tatzen zu.“ Ich fuhr sachte mit meinen Fingern durch sein Haar. Er lehnte sich in die Berührung, wie eine Katze die man kraulte. Hier verstanden wir uns ohne Worte und ich berührte ihn weiter. Alles unter dem Vorwand, Knoten aus seinem Haar zu lösen.

Es war nicht meine Schuld gewesen, dass wir die Auseinandersetzung gehabt hatten, doch ich hätte nicht so harsch reagieren sollen, als er mir Vorwürfe machte. Statt einfach zu gehen, hätten ich ihn verzeihen und unterstützen müssen. Ich fand aber nicht die Worte, um es auszudrücken.

„Winnetou hatte Sharlih Unrecht getan. Er möge mir verzeihen.“ Ich merkte, dass es ihm nicht leicht fiel, zuzugeben, dass mein Eingreifen in den Kampf richtig gewesen war. Doch dass es ihn genau so beschäftigte wie mich, zeigte, wie ähnlich wir uns waren.

„Dir ist schon verziehen. Ich hätte auch nicht so harsch reagieren sollen, schließlich wusste ich, dass du verletzt warst.“ Ich fuhr ein letztes Mal durch die Haare. Es gab keine Knoten mehr, um einen Vorwand zu haben, ihn weiter zu berühren. „Leg dich eine Weile hin, ich kümmere mich um alles.“ Ich stand auf, um mich dem Bärenfell zu widmen.

Während ich die Haut salzte, beobachtete ich Winnetou insgeheim. Er war meinem Rat gefolgt und hatte sich auf meiner Decke ausgestreckt und die Augen geschlossen. Ob er nur ruhte oder tatsächlich eingeschlafen war, vermochte ich nicht zu erkennen.

Doch als er nach einer kurzen Weile tiefer atmete, wusste ich, dass er eingeschlafen war.
Ich ließ ihn ruhen, und als ich mit dem Salzen der Haut fertig war, setzte ich mich zu ihm und nahm meine Aufzeichnungen zur Hand.
Das Schweigen war nicht länger erdrückend, sondern ein Freund, den ich willkommen hieß.

Ende
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