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Licht

von Baggeli
GeschichteKrimi, Freundschaft / P12 / Gen
Herbert Thiel Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Kriminaloberkommissarin Nadeshda Krusenstern Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller Staatsanwältin Wilhelmine Klemm
20.01.2013
20.02.2013
26
38.782
3
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Dieses Kapitel
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20.01.2013 910
 
Titel: Licht - Kapitel 1
Prompt: Regenbogen
Genre: Angst, Drama, Freundschaft, etwas h/c
Zusammenfassung: Er nahm den Pokal in die Hand und starrte versonnen auf das Licht, das sich wirklich wundervoll in dem prismaartig geschliffenen Glasfuß der Trophäe brach. Je nachdem, wie er sie drehte, konnte er alle Farben des Regenbogens darin erkennen
Anmerkungen: Da habe ich den Regenbogen doch glatt ein zweites Mal bekommen. Das ist ein Zeichen...
Wörter: ~42.000
Warnung: Warnung: einige der juristischen Details (speziell die Zeitangaben) sind schlicht unrealistisch! Auch im Gefängnis läuft es hoffentlich nicht so ab, wie hier dargestellt.
Ich habe den Text aus dramaturgischen Gründen trotzdem so gelassen. Also: wer Wert auf absolute Korrektheit legt, der soll es bitte nicht lesen!






Seufzend fuhr Hauptkommissar Thiel sich durch die Haare und sprang aus dem Stuhl auf, in dem er kaum eine Minute gesessen hatte. Seine innere Anspannung ließ ihn schon seit Tagen nicht zur Ruhe kommen.
Er war zu früh in der Rechtsmedizin eingetroffen; fast eine halbe Stunde sogar, aber wie in letzter Zeit üblich, war er schon seit Ewigkeiten wach gewesen. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal eine Nacht ruhig geschlafen hatte.
Nach einem Kaffee hatte er es daheim nicht mehr ausgehalten und ohne groß darüber nachzudenken hatte er sich einfach auf den Weg gemacht.


Die ihm so vertrauten Kellerräume waren noch verlassen und wirkten fremd und leblos, schienen ihm viel düsterer als sonst, als würde ihnen das Licht fehlen; keiner der Mitarbeiter hatte bislang seinen Dienst angetreten. Lediglich zwei oder drei Kollegen aus dem Nachtdienst, die Thiel höchstens vom Sehen kannte, hielten sich irgendwo in dem mehrstöckigen Gebäude auf und warteten wahrscheinlich ungeduldig auf ihren Feierabend.


Ziellos und rastlos tigerte Thiel durch das Büro, ließ seine Augen durch den Raum schweifen, in dem er schon so oft ein- und ausgegangen war. Nichts war geeignet, seine Aufmerksamkeit für einen kurzen Moment zu halten; nichts war geeignet, seine kreisenden Gedanken für einen Moment zum Stillstand zu bringen.


Er hätte nicht sagen können, wie lange er so gedankenverloren umhergewandert war, bis er sich schlussendlich vor den Golfpokalen wiederfand, die auf einem Sideboard aufgereiht waren.
An einem von ihnen war sein unsteter Blick hängengeblieben; vermutlich, weil er eine große Delle hatte.
Ein recht schwerer Pokal, silbern, mit einem stilisierten Golfspieler auf dem Deckel. Oberstauffen 2008 war in den marmornen Sockel graviert; Boerne hatte damals irgendetwas vom „Besten Abschlag“ oder so gefaselt.
Thiel erinnerte sich noch sehr genau daran, wie diese so auffällige Beschädigung zustande gekommen war; vor einem guten Jahr war Boerne mit diesem Pokal niedergeschlagen worden.
Die Tatsache, dass seine Trophäe danach durch einen eindrucksvollen Makel verunziert war, hatte ihm damals definitiv mehr zugesetzt als die Beule, die er selbst bei diesem Zusammenstoß davongetragen hatte.


Der Pokal, der direkt daneben stand, war ebenfalls mit unguten Erinnerungen verbunden; der Professor hatte ihn kürzlich bei einem Turnier zum fünfzigjährigen Bestehen seines versnobten Golfclubs, des GCC Grotenburg gewonnen.
Naja, wahrscheinlich hätte er ihn wohl eher nicht gewonnen, wenn Thiel nicht mithilfe von Staatsanwältin Klemm unmittelbar vor dem entscheidenden Schlag Boernes schärfsten Kokurrenten, Dr. Alfred Bollinger, verhaftet und damit aus dem Turnier entfernt hätte.
Thiel musste heute noch darüber grinsen, mit welcher Selbstverständlichkeit Boerne diesen Sieg als seinen eigenen Verdienst angesehen hatte.
Aber besagtes Golfturnier war nur der krönende Abschluss zweier spektakulärer Tage gewesen - sie hatten damals die Spur eines Mörders durch das ganze Münsterland verfolgt, und kurz bevor es ihnen gelungen war, ihn endlich dingfest zu machen, war Thiel tatsächlich von ihm überrumpelt und in seine Gewalt gebracht worden.
Das waren wohl mit die schlimmsten Minuten seines Lebens gewesen; solche Todesangst hatte er nie zuvor ausgestanden.


Thiel schüttelte leicht den Kopf, um diese düsteren Gedanken vertreiben.
Stattdessen nahm er den Pokal in die Hand und drehte ihn ein wenig. Er war immer noch froh, dass Boerne ihn damals gewonnen hatte und nicht dieses Ekelpaket Bollinger. Hier bei Boerne… hier auf dem Schrank stand der Pokal gut. Hier gehörte er hin.


Versonnen starrte er auf das Licht, das sich wirklich wundervoll in dem prismaartig geschliffenen Glasfuß der Trophäe brach.
Je nachdem, wie er sie drehte, konnte er alle Farben des Regenbogens darin erkennen; ein dunkles Lila, das Thiel wohl für immer mit dem Kleid verbinden würde, das Susanne getragen hatte an dem Tag, an dem er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte; das Blau, das ihn als Hamburger Urgestein ans Meer erinnerte; Grün, leuchtend wie das Schilf und der Rasen auf dem Deich; strahlendes Gelb, das er wie fast jeder Mensch mit der Sonne assoziierte; und  Rot…  Rot, das sich langsam auf dem Fußboden ausbreitete; das er nicht stoppen konnte, egal wie sehr er es versuchte…

Entsetzt schnappte er aus seiner Erinnerung und stellte den Pokal so hastig zurück, als hätte er sich daran die Finger verbrannt.


In diesem Augenblick ertönte eine fragende Stimme hinter ihm: „Herr Thiel? Was machen Sie denn schon hier?“
Thiel wirbelte herum und sein Blick fiel auf die kleinwüchsige Rechtsmedizinerin, die völlig unbemerkt von ihm in das Büro getreten war. „Frau Haller! Mensch, haben Sie sich angeschlichen, ich hab‘ mich zu Tode erschreckt!“

Sein Versuch, locker zu klingen und dabei etwas zu grinsen, scheiterte kläglich; und auch sie lächelte nicht.
Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er sie schon lange nicht mehr hatte lächeln sehen; entschieden zu lange.
Bei Licht betrachtet, ziemlich genau seit der Zeit, seit der er nicht mehr ruhig schlafen konnte.

Exakt seit der Zeit, seit der Boerne nicht mehr bei ihnen war.

t.b.c.
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