Formen von Unlogik

von ametista
KurzgeschichteMystery, Freundschaft / P12
Annie Sawyer George Sands John Mitchell
18.01.2013
18.01.2013
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Kleines, ähm, Dings zur BBC-Serie Being Human, angesiedelt irgendwo in der ersten Staffel.

Bin momentan einfach süchtig nach der Serie.
Nur ein kleines Oneshötchen, unsortiert und nicht besonders aussagekräftig. Die Schuld werde ich ungefragt freddiefan in die Schuhe schieben. Da siehst du, was du angerichtet hast. Musst du jetzt halt mit einer Widmung leben, kann ich auch nicht ändern. :D

Disclaimer: Die Serie, das Setting und sämtliche vorkommenden Charaktere gehören der BBC. Kann jemand denen mal das Sorgerecht entziehen? Ich habe mir die Charaktere nur mal kurz ausgeborgt und möchte kein Geld mit ihnen verdienen sondern sie nur ein bisschen liebhaben. Die beschriebenen Ereignisse können unter Umständen von der Handlung der Serie abweichen oder sie ergänzen.

Viel Spaß beim Lesen!


~~~


Formen von Unlogik



Sie kocht Tee und er fragt sich, warum es ihn immer noch überrascht.

Nicht unbedingt die Tatsache, dass sie Tee kocht. Das hat er inzwischen mitbekommen – die Tassen, die säuberlich verteilt im Wohnzimmer stehen, sind auch schwer zu übersehen; noch schwerer zu überhören sind Georges Beschwerden darüber, die er genauso wenig ernst meint, wie er jemals Nina um ein Date bitten wird.
Es ist mehr, dass sie immer noch da ist.
Natürlich weiß er, warum sie immer noch da ist, und er weiß auch, warum sie immer noch im Haus ist. Immer diese Erbsenzählerei.

Eigentlich hat er gedacht, dass er sich das Darüber-Wundern abgewöhnt hat. Es ist ein wenig traurig, aber wahr, dass das Dasein vieles an Überraschung verliert, wenn man lange genug an einem Punkt stehen bleibt und zuschaut. Er hat zu viel gesehen – vieles, was man lieber nie gesehen haben möchte – um noch großartig verwundert von etwas zu sein. Abgestoßen, angeekelt, enttäuscht; das ja. Besonders in letzter Zeit.
Der erste Geist ist ihm recht bald begegnet, der erste Werwolf einige Monate nach seiner Verwandlung. Vermutlich kann man Geister einfach nicht vermeiden, wenn man sich im Krieg befindet. Auf dem Schlachtfeld hat fast jeder eine unvollendete Angelegenheit.
Die Menschen glauben nur, was sie sehen, er hat diese Erfahrung oft genug gemacht, aber tatsächlich ist die Situation weitaus weniger absurd, als man denken würde. Nur weil man niemanden sehen kann, heißt das nicht, dass niemand da ist.
Ein Geist in der Küche ist nichts allzu Außergewöhnliches.
Aber da ist ein Geist in seiner Küche.
Genaugenommen ist es auch Georges Küche, der zahlt genauso viel Miete wie er selbst; und noch genauer genommen ist es Owens Küche, dem gehört immerhin das Haus; und er zählt schon wieder Erbsen.

Der Kessel klappert, die Gasflamme am Herd zischelt leise und Annie plaudert fröhlich vor sich hin, erzählt irgendwas über den Postboten und Mrs. Hudson von nebenan.
Mitchell sitzt auf dem Sofa, lässt ihr Geplapper um sich herumplätschern und überlegt, warum er tatsächlich noch immer überrascht ist, dass ein sonniges (und totes) Energiebündel in der Küche Tee kocht. Der Fakt, dass Annie tot ist, ist in der Tat noch der Punkt an der Sache, der am wenigsten ungewöhnlich anmutet.
Er kommt nach Hause und sie macht die Tür auf und strahlt ihn an; und irgendwann in den letzten Wochen hat sich seine Scheu vor der Sonne wohl in Luft aufgelöst, denkt er, denn die scheint aus ihren Augen, und anstatt davor zurückzuzucken, ertappt er sich dabei, es zu genießen.
Er kann sich recht gut an die anderen Geister erinnern, die er kennen gelernt hat. Die meisten kommen irgendwann am selben Punkt an: entweder verbittern sie, oder sie stumpfen ab, werden gleichgültig. Sie bleiben gern unter sich, gehen manchmal Bekanntschaften mit Vampiren ein, er kennt einige Geister persönlich. Aber im Endeffekt hegen diese beiden Spezies kein großes Interesse aneinander. Warum sollte sich ein Vampir für einen Geist interessieren? Es ist ja kein Leben in ihm, keine menschliche Wärme, kein Blut. Und warum sollte sich ein Geist für einen Vampir interessieren – außer natürlich er hätte zufällig noch eine Angelegenheit mit einem zu klären, ehe er durch die Tür gehen kann.
Doch dann ist auf einmal Annie da – Annie, aus der so viel mehr Lebendigkeit spricht, als aus vielen tatsächlich Lebendigen.
Mitchell bezweifelt, dass schon mal ein anderer Vampir mit einem Geist zusammen gewohnt hat. Obwohl auch das nicht ganz korrekt ist, denkt der Erbsenzähler in ihm; es gab sicher schon etliche Vampire, die vorübergehend an einem heimgesuchten Ort gelebt haben. Aber wer zum Teufel würde daran denken, mit einem Geist zusammen zu wohnen?
Mit Annie zusammen zu wohnen ist eigentlich einfach. Wie mit einer charmanten, redseligen, menschlichen jungen Frau. Nur mit weniger Blut und mit mehr… nun ja, Tee.

Der Schlüssel wird ins Schloss geschoben, die Tür geht auf.
George sieht aus wie immer am Morgen nach der Vollmondnacht – erschöpft und ein bisschen heruntergekommen, mit den kleinen Blättern und Erdklumpen in seinen Haaren und dem Schmutz im Gesicht.
Er seufzt und lässt sich neben Mitchell aufs Sofa fallen. „Ich bin durch für heute“, brummt er. „Ich geh heut nirgendwo mehr hin…“
Mitchell runzelt leicht die Stirn und zieht die Nase kraus. „Schließt das die Dusche mit ein?“
Er kann sich ein leises Grinsen nicht verkneifen, als George die Augen verdreht. Der Werwolf wirkt entspannter als in den letzten Tagen, das ist immer so. Die Tage vor Vollmond sind immer ein wenig gezwungen, verkrampft. Dann ist George sogar für seine Verhältnisse außergewöhnlich paranoid und pessimistisch. Die Woche nach Vollmond ist einfach. Der Wolf ist beruhigt, er hat sich ausgetobt und George ist viel ausgeglichener.
Es ist schon interessant, dass Mitchell George inzwischen gut genug kennt, um seine Laune mit dem Mondzyklus in Verbindung zu bringen, denkt er.
Hat er jemals erwähnt, dass Vampire und Werwölfe von jeher Feinde sind?
Manchmal fragt er sich, ob es George bewusst ist, und dann kommt er gelegentlich zu dem Schluss, dass es ihn vielleicht gar nicht interessieren will. Er vermeidet es geflissentlich, sich über die geschichtlichen Ereignisse zwischen Wölfen und Vampiren auszulassen, und George hat nie nachgefragt. Natürlich muss er mitbekommen haben, dass er nicht besonders beliebt bei anderen Vampiren ist – Mitchell kann sich noch gut an den Abend erinnern, an dem er George kennen gelernt hat.
Aber aus irgendeinem Grund scheint es ihn nicht zu interessieren, wie er aus lauter Traditionsbewusstsein vielleicht zu Vampiren zu stehen hätte; und vielleicht ist der Grund auch nur, weil er eben George ist.
Mitchell hat es längst aufgegeben, in Frage zu stellen, warum er seit diesem einen Abend nicht mehr von George loskommt. Er hat versucht, ihn in ein logisches Schema zu pressen, aber George lässt sich genauso wenig logisch erklären, wie er selbst. Das macht aber nichts, weil sie beide inzwischen Wege gefunden haben, den jeweils anderen trotzdem zu verstehen. Vielleicht ist das der Trick, denkt Mitchell. Vielleicht müssen die beiden passenden Formen von Unlogik zusammenkommen, damit das Ganze in sich eine Logik bekommt.

Annie balanciert zwei Teetassen ins Wohnzimmer und drückt Mitchell und George jeweils eine in die Hand, bevor sie sich ebenfalls aufs Sofa sinken lässt.
Nicht zum ersten Mal fällt Mitchell auf, dass das Sofa drei Plätze hat, und dass, wenn nur George und er darauf sitzen, immer einer leer ist.
„Geht einer von euch heute noch einkaufen?“, will Annie wissen.
George fummelt in seinen Haaren herum und zupft einen kleinen Zweig hinter seinem Ohr hervor. „Warum?“, will er misstrauisch wissen.
„Na ja, wir könnten neuen Tee gebrauchen…“
Mitchell lehnt sich zurück, während Annie und George über ihn hinweg in eine ihrer kleinen Kabbeleien verfallen. In seinem Magen brennt ein kleines, sanftes Feuer, ein Gefühl, das neu für ihn ist. Es hat nichts zu tun mit der forcierten Genüsslichkeit, mit der er über Jahrzehnte hinweg sein Leben zu entschuldigen versucht hat, und es ist nicht zu vergleichen mit der kurzen, heißen Genugtuung, die eine Blutmahlzeit in ihm hinterlässt, bevor sich der Rausch in Wut und Schuld verwandelt. Dieses Gefühl ist wärmer, beständiger, ruhiger.
Und Mitchell weiß, womit es zusammenhängt.
Es hat mit George zu tun, dem ewigen Schwarzmaler und Weißseher, und mit Annie, die wo sie geht und steht einen sonnig-goldenen Schein versprüht. Es hat mit dem Haus zu tun, dem pinken Haus irgendwo in Totterdown, von außen unscheinbar und sicher nicht großartig verschieden von allen Häusern um ihn herum.
Aber innen, denkt Mitchell, wenn sie nur wüssten, was innen vor sich geht…
Niemand würde es verstehen. Kein Mensch, kein Werwolf… sicherlich kein Vampir. Ein Geist würde vielleicht den Kopf schütteln und die Schultern zucken. Aber im Endeffekt geht es nicht darum, einen Grund zu suchen. Wenn es für alles einen Grund geben müsste, schießt es Mitchell durch den Kopf, dann wäre er sicher der letzte, dem so etwas vergönnt wäre. Er glaubt nicht ans Schicksal. Er glaubt nur an glückliche Zufälle, und daran, dass manchmal sogar er es schafft, einen davon zu ergreifen.

Schwarz-weiß, gold und pink – vielleicht nicht die perfekteste Farbkombination der Welt. Mitchell weiß es nicht, Kunst ist nun wirklich nichts, womit er etwas anfangen kann. Aber in einem Leben, das für fast neunzig Jahre hauptsächlich von Blutrot dominiert wurde, scheinen diese Farben beinahe wie ein kleiner Regenbogen.
Mitchell sieht George und Annie an und ein leises Lächeln spielt um seine Mundwinkel, als ihm klar wird, dass er zu Hause ist.

Und jeder, der das zu bedrohen wagt, denkt er, wird es mit ihm zu tun bekommen.
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