Anne Of Green Gables:  Ohne Dich

von Alphard
GeschichteAllgemein / P12 Slash
Anne Shirley/Blythe Diana Barry
13.01.2013
13.01.2013
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Ohne Dich

Anne kämpfte sich schluchzend durch den Wald von Green Gables. Sie war eine ganze Weile bachaufwärts gerannt, doch nun schwanden ihre Kräfte immer mehr. Ihre Beine waren blutig zerkratzt, zu oft war sie schon hingefallen. Da ihr permanent Tränen in den Augen standen, konnte sie ihre Umgebung nur verschwommen wahrnehmen und hatte schon etliche hervorragende Baumwurzeln übersehen.

Doch ihre schmerzenden Beine kümmerten sie nicht. Auch nicht ihre brennenden Lungen, die sie beim einatmen fast unerträglich schmerzten. Sie musste einfach weiter, immer weiter, ganz egal ob sich ihr Körper daran machte sich ihr zu widersetzen.

In ihrem Kopf kreisten die Geschehnisse von vor einer Stunde. Sie hatte Diana auf der kleinen Brücke am Bach getroffen, die genau in der Mitte des Wegs zwischen dem Haus der Barrys und der Cuthberts lag. Diana sah sehr unglücklich aus.


Anne konnte nun endlich nicht mehr, ihr zitternder Körper fiel wie ein Sack Äpfel ins Laub.

„Warum nur?...Warum?“, schluchzte sie unglücklich, „Ich hab es doch nicht mit Absicht getan!“ Sie presste sich die Hände aufs Gesicht und weinte so bitterlich, wie sie es noch nie getan hatte. Selbst als es damals hieß, Marilla und Matthew würden sie nicht bei sich aufnehmen, war sie noch lange nicht so unglücklich gewesen wie zu diesem Zeitpunkt.

„Ich habe es doch nicht mit Absicht getan! Mrs Barry…warum misstrauen Sie mir so? Ich dachte wirklich, ich hätte Diana Kirschsaft eingeschenkt…“

Nach ein paar Minuten beruhigte sie sich etwas. Sie drehte sich auf den Rücken und sah zwischen den Baumkronen hindurch zum Himmel, der sich rötlich verfärbte. Die Sonne stand schon tief, nicht mehr lange und die Nacht würde über Green Gables hereinbrechen.


„Mrs Barry…“, flüsterte sie und sah weiterhin zum Farbenspiel des Himmels, „Wie können Sie nur glauben, ich hätte Diana mit Absicht betrunken gemacht?... Kirschsaft und Johannisbeerwein lassen sich nun einmal beim einschenken schlecht unterscheiden und probiert habe ich davon leider nicht selbst…Ist es, weil ich ein Waisenkind bin? Halten Sie mich deswegen für einen schlechten Einfluss auf Ihre Tochter?“

Anne setzte sich erschöpft auf und sprach nun etwas lauter.

„Ich habe einen Fehler gemacht, ja! Aber wenn Sie mir verbieten mit Diana befreundet zu sein, dann … Dann töten Sie mich!!“


Ich werde in die Tannen geh’n
Dahin wo ich sie zuletzt geseh’n
Doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land
Und auf die Wege hinterm Waldesrand
Und der Wald, er steht so schwarz und leer
Weh mir, oh weh…
Und die Vögel singen nicht mehr


Anne kämpfte erneut mit den Tränen, doch sie hielt sie zurück. Sie stellte sich vor, dass Mrs Berry, Dianas Mutter, wie eine böse Schneekönigin auf einem großen Thron saß und auf sie herab blickte. Sie erhob sich und breitete die Arme aus, wie eine Schauspielerin auf einer Bühne, den Blick zwischen die Tannen gerichtet, wo sie sich Mrs Barry in einem schneeweißen Kleid und funkelnder Tiara im Haar vorstellte.

„Mrs Barry! Heute haben Sie mein Leben zerstört!“, begann sie, „Wissen Sie denn nicht, dass ich ohne Diana Nichts bin?! Dass ich ohne sie nicht sein kann?! Aber das ist Ihnen wohl egal! Für Sie bin ich nur das hässliche rothaarige Mädchen ohne Eltern und Manieren, dass auch noch versucht hat ihre Tochter zu vergiften, nicht wahr?!“

Tränen kullerten Anne über die Wangen, obwohl sie versucht hatte, sie zurück zu halten.

„Wenigstens hatten Sie ihr erlaubt mir Lebewohl zu sagen… Vorhin auf der kleinen Brücke. Dafür kann ich Ihnen gerade noch dankbar sein, Mrs Barry!“

Sie schluchzte und zog ein zusammengefaltetes Taschentuch aus ihrer Schürzentasche. Sie öffnete es behutsam und betrachtete die schwarze Haarsträhne, die darin eingewickelt war.

„Damit hätten Sie nicht gerechnet, nicht wahr, Mrs Barry? Ja, das ist das Haar ihrer wundervollen Tochter… Ein wunderbar ‚romantisches’ Abschiedsgeschenk… Und jetzt seien Sie nicht allzu entsetzt: Diana hat auch eine Haarsträhne von mir bekommen! Ich hatte eine Schere in meiner Schürze, weil ich gerade an meiner Patchwork-Decke gearbeitet hatte, als ich Diana plötzlich vor dem Fenster sah und zu ihr hinaus rannte. Wir haben uns die Strähnen auf der kleinen Brücke abgeschnitten… Aber natürlich ist meine nicht so schön… Meine Haare sind ja karottenrot und somit absolut hässlich…Diana hingegen hat wunderschönes Haar, sie sind fast schwarz und glänzen in der Sonne wie Seide.“


Anne ließ sich wieder ins Laub fallen. Sie hörte auf sich vorzustellen sich in einer Audienz von Mrs Berry als böse Schneekönigin zu befinden und strich mit den Fingerspitzen liebevoll über die Haarsträhne.

„Sie haben mich heute wirklich umgebracht, Mrs Barry… Denn ohne meine geliebte Diana kann ich einfach nicht leben…“


Ohne dich kann ich nicht sein
Ohne dich
Mit dir bin ich auch allein
Ohne dich
Ohne dich zähle ich die Stunden
Ohne dich
Mit dir stehen die Sekunden, lohen nicht…


Der Himmel hatte sich bereits dunkel blau verfärbt und im Wald war es nun stockfinster. Der sichelförmige Mond spendete nur wenig Licht und auch die Sterne, die Anne wunderbar klar erkennen konnte, halfen ihr nicht bei der Orientierung. Doch sie hatte keine Angst. Sie hatte nicht das Gefühl sich verlaufen zu haben, und wenn doch, dann würde sie schon irgendwann an ein angrenzendes Dorf geraten und von dort über die Wiesenwege nach Hause finden. Doch nach Hause, zu Marilla und Matthew, wollte sie nicht. Sie machten sich sicherlich große Sorgen, zumal Marilla ihr hinterher gerufen hatte, dass sie sofort zurück kommen soll, sobald sich die Sache mit Diana geklärt hatte, doch Anne war das im Moment vollkommen egal. Wie in Trance lief sie gemächlich durch den Wald, den Weg zurück, den sie glaubte, hergekommen zu sein. Sobald sie das Plätschern des Baches vernehmen würde, würde sie den Weg ohne Probleme aus dem Wald hinaus finden.

„Nein, ich gehe nicht nach Haus. Ich werde nie wieder nach Haus gehen... Ich werde mir heute Nacht das Leben nehmen, Diana. Weil ich ohne dich nämlich nicht existieren kann und will… Denn die Wahrheit ist, liebste Diana,…dass ich dich liebe! Ja, ich liebe dich aus vollstem Herzen! Ach liebste Diana… warum konnte ich nicht ein Junge werden? Das hätte mir schon so vieles im Leben leichter gemacht!“


Auf den Ästen in den Gräben
Ist es nun still und ohne Leben
Und das Atmen fällt mir ach so schwer
Weh mir, oh weh…
Und die Vögel singen nicht mehr


Auf einmal durchbrach das leise Plätschern des Baches die Stille. Anne seufzte und lief auf das Wasser zu. Als sie direkt am Ufer stand, ließ sie sich erschöpft auf die Knie fallen und betrachtete ihren schattigen Umriss im Wasser, der sich durch die schwache Strömung immer wieder verzog. Es war zu dunkel, als dass sie ihr Spiegelbild hätte erkennen können.

„Soll ich es hier tun?“, flüsterte sie erneut zu sich selbst und hielt nachdenklich ihre rechte Hand ins Wasser, „Soll ich mich in diesem eiskalten Wasser ertränken?... Wird schwierig werden, da der Bach recht flach ist, aber… Wenn man wirklich sterben will, weiß man sich zu arrangieren…“

Anne begann vom neuen an zu weinen. Sie presste ihre Hände an den Mund und betrachtete schluchzend das glänzende Wasser.

„Nein!“, schoss es ihr durch den Kopf, „Wenn ich mich ertränken will, dann sollte ich es im See des silbernen Wassers tun! Ja, in dem See direkt vor dem Haus der Barrys!“

Entschlossen richtete sich Anne wieder auf und setzte ihren Weg fort.

„Irgendwann werden die Berrys oder irgendwer sonst meine Leiche am Ufer des Sees entdecken und in ganz Green Gabels wird es heißen >Die arme Anne Shirley hat sich aus Liebe zu Diana Barry im See ihrer Eltern ertränkt!<… Oh Diana… Du wirst sicherlich sehr bestürzt über diese Nachricht sein… Aber, sag… wirst du es nicht auch ein Stück weit ‚romantisch’ finden?“


Ohne dich kann ich nicht sein
Ohne dich
Mit dir bin ich auch allein
Ohne dich
Ohne dich zähle ich die Stunden
Ohne dich
Mit dir stehen die Sekunden, lohen nicht ohne dich!
… Ohne dich…


Anne lief immer weiter. All ihre Glieder taten ihr weh. Besonders ihre Beine und Füße schmerzten. Dazu frierte sie auch noch. Hin und wieder kamen ihr die Tränen, doch sie machte sich nicht mehr die Mühe sie wegzuwischen. Sie war ganz gefangen in ihren Erinnerungen und Vorstellungen und redete immerzu mit sich selbst.

„Erinnerst du dich noch daran, wie wir uns das erste Mal begegnet sind? Es ist noch nicht allzu lange her… Es war ein ganz besonderer Augenblick! Marilla und ich wurden von Mrs Barry eingeladen und ich war so nervös… ich tat mein Bestes einen guten Eindruck bei deiner Mutter zu machen, doch ich hatte mich mal wieder bis auf die Knochen blamiert. Sie war aber so höflich mein dummes Verhalten zu ignorieren und stellte dich mir vor. Du hast gerade ein Roman gelesen, und …Ich kann es immer noch nicht glauben, wie wunderschön du ausgesehen hast! Wie eine Prinzessin hast du in diesem feinen Sessel gesessen und ein Ahornblatt als Lesezeichen in dein Buch gelegt, als du mich erblickt hast. Und dein Lächeln… Ach, Diana, was würde ich nur dafür geben noch ein letztes Mal dein Lächeln zu sehen… Im Garten hinter eurem Haus haben wir uns dann den Freundschaftsschwur geleistet! So ein feierlicher Augenblick! Ich dachte, mein Herz würde zerspringen, so glücklich war ich! Und wenn ich ganz ehrlich bin… War mir in diesem Augenblick schon bewusst, dass ich mich in dich verliebt hatte…“


Und das Atmen fällt mir ach so schwer
Weh mir oh weh
Und die Vögel singen nicht mehr


In der Ferne sah Anne die Kleine Brücke, auf der sie schon sehr oft mit Diana gestanden hatte, zuletzt am heutigen Tag um Abschied voneinander zu nehmen.

„Ich bin schon fast am Ziel angekommen.“, flüsterte sie traurig und ging auf die Brücke zu, „Ich muss nur noch diesem Weg folgen und bin schon bald am See des silbernen Wassers, meine Liebste… Und dann hat alles ein Ende!“

Sie stieg gemächlich auf die Brücke und sah noch einmal den Hügel hinauf.

„In dieser Richtung liegt das Haus der Cuthberts. Oh Matthew, Oh Marilla… Ich werde euch so vermissen! Aber ihr werdet sicherlich über mich hinweg kommen. Vielleicht nutzt ihr dann die Gelegenheit und holt euch einen Jungen zu euch, den ihr um so vieles dringender benötigt als ein Mädchen wie mich.“

Sie drehte sich wieder um und machte sich langsamen Schrittes auf den Weg zum ‚See des silbernen Wassers’, wie Anne ihn an dem Tag getauft hatte, an dem Matthew sie vom Bahnhof abgeholt und durch Green Gables kutschiert hatte.

Auf halbem Wege blieb sie stehen und blickte durch die Bäume auf eine Lichtung.

„Dort, hinter der Lichtung, befindet sich das kleine Birkenwäldchen, in dem wir oft gespielt haben…“, sie zögerte kurz, ging dann aber durch die Bäume hindurch auf die Lichtung zu.

„Bevor ich sterbe, möchte ich noch ein letztes Mal diesen wundervollen Ort sehen, meine Liebste… Versteh mich nicht falsch, ich möchte mein Dahinscheiden nicht hinauszögern! Aber ich möchte noch kurz in Erinnerungen schwelgen und mich dann von diesem Ort verabschieden. Das kannst du doch sicherlich nachvollziehen…“


Ohne dich kann ich nicht sein
Ohne dich
Mit dir bin ich auch allein
Ohne dich


Anne stand nun vor dem Birkenwäldchen und blickte mit leeren Augen zu dessen Baumkronen hinauf. „Wie ich diesen Ort doch liebe…“, hauchte sie traurig und machte sich dann darauf sich in die Mitte des Baumkreises zu stellen, den Blick weiterhin auf die Baumkronen gerichtet, die sich im Wind hin und her wiegten.

Plötzlich und völlig unerwartet wurde sie von einer Gestalt zu Boden gerissen. Anne erschrak so sehr, dass sie meinte, ich Herz hätte kurz aufgehört zu schlagen. Sie fiel unsanft ins Gras und spürte, wie sich Jemand mit ihr fallen ließ. Mit aufgerissenen Augen versuchte sie zu erkennen, wer da nun bitterlich weinend auf sie lag und sich fest in ihre Kleidung krallte.

„Wieso tust du so was nur?!“, rief diese unglückliche Person laut und Anne stellte erschrocken fest, dass es Diana war, die sie übermannt hatte.

„Diana? Was… Wieso weinst du?“, fragte Anne verdutzt und wagte es nicht sich zu rühren.

Diana musste sich erst ein wenig beruhigen, ehe sie erwidern konnte:

„Marilla ist zu uns gekommen und war ganz aufgelöst, weil du nicht mehr nach Hause gekommen bist… Ich hab mir solche Sorgen gemacht!!“

Anne lächelte traurig und strich ihrer Freundin sanft über den Kopf.

„Und dann hast du mich gesucht?“

Diana setzte sich auf und strich sich ihre Tränen aus dem Gesicht.

„Ja, das habe ich! Ich war zuerst im Wald, dann bei den Feldern, dann an unserer Schule und plötzlich wurde es dunkel und… ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen!…“, sie schluckte und sah Anne in die Augen, „Schließlich habe ich hier auf dich gewartet, denn ich wusste, du würdest nicht gehen, ohne diesem Ort Lebewohl zu sagen!“

Annes Lächeln wurde breiter und ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.

„Du kennst mich wirklich gut, Diana Berry!“

Sie umarmte schluchzend ihre Freundin, welche ebenfalls wieder zu weinen anfing.

„Anne, ich hatte solch schreckliche Angst, du könntest dir etwas antun! Gott sei Dank hast du es nicht getan!“

Anne dachte kurz nach bevor sie schwermütig antwortete:

„Bis eben wollte ich mir aber etwas antun…“

„-Nein!!“, wurde sie von Diana unterbrochen, „Das würde ich dir niemals verzeihen! Niemals, Anne, hörst du? Du darfst mich nicht alleine lassen! Niemals!!“

Diana schrie schon fast; sie war völlig aufgelöst und krallte ihre Finger in Annes Kleid, als würde sie jeden Moment weglaufen wollen.

„Aber Diana…“, flüsterte Anne verlegen, „Wieso das denn?“

Diana löste die Umarmung und legte ihre Hände auf die Schultern ihrer rothaarigen Freundin und sah dieser entschlossen in die Augen.

„Weil ich, Diana Barry, dich, Anne Shirley, über alle Maßen liebe!“

Anne seufzte und wich ihrem Blick aus. Sie spürte, dass sie errötete.

„Du glaubst gar nicht, wie sehr mich das ehrt, aber…“

„-Ich dachte mir schon, dass du mich nicht gleich verstehst.“, unterbrach Diana sie ernst und mit glockenreiner Stimme, „Lass mich dir also bitte verdeutlichen, wie ich es meine…“

Langsam näherte sie sich ihr und presste ihre Lippen auf die Annes. Ein leidenschaftlicher Kuss entfachte, und nie sollte es in Green Gables bekannt werden, dass diese zwei jungen Mädchen im Birkenwäldchen ihrer Liebe Untertan wurden und sich erneut ewige Treue schworen. Niemals wieder wollten sie ohne den Anderen auskommen müssen. Niemals wieder.


Ohne dich zähle ich die Stunden
Ohne dich
Mit dir stehen die Sekunden, lohen nicht ohne dich!
…Ohne dich…
…Ohne dich…
…Ohne dich…



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Hey Leute!
Diese Geschichte schrieb ich vor 3 Jahren und ich mag sie immernoch : )
Fans kennen Anne als sehr melodramatisch, zwanghaft "romantisch" und fantasievoll...
Ich hoffe das konnte ich gut rüberbringen.
Für mich sind Diana und Anne das ideale Paar.