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Klotho, die dritte Schicksalsschwester

von Yin Yang
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Gannicus OC (Own Character)
13.01.2013
28.06.2021
14
52.712
8
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19.02.2021 3.939
 
Hey,

Hier also mein dritter Teil der Geschichte um Helena.
Es ist an den Serienteil Vengeance angelehnt.
Da es eine Überarbeitung meines Textes ist, der schon etwas länger existiert, hoffe ich das es für alle die die erste Variante kennen, genauso gut, oder vielleicht auch besser ist. Und für alle die ihn zum ersten Mal lesen, hoffe ich das er euch gefällt.

Liebe Grüße, Yin Yang



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Überarbeitete Version

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1. Was ist Schicksal?



Das Wasser rauschte durch die Zisternen. Der Dreck an den Wänden, der stinkende, beißende Geruch in der Nase und die knurrenden, leeren Mägen zeigten den Tiefpunkt.
Die entflohenen Sklaven des Hauses Batiatus mussten sich verstecken, denn wenn die Römer sie finden sollten, würde niemand von ihnen überleben. Daher hofften sie in den Katakomben der Stadt sicher zu sein. Doch eine Gruppe musste nicht von außen angegriffen werden, um zu zerbrechen. Ein Spalt zwischen den Männern würde den gleichen Effekt haben. Die Gruppe zerbrach und die Leidtragenden würden, wie schon zuvor, die Frauen, die Verletzten und Kranken sein. Die, die sich nicht alleine helfen und verteidigen konnten.
So wie Helena. Sie war eine kleine Frau, besaß keine körperliche Kraft und könnte sich nicht gegen einen Feind wehren. Die Medica wusste dass sie auf die Männer, die ehemaligen Gladiatoren, angewiesen war. Genauso wie die anderen Sklavinnen. Doch die Gruppe begann sich langsam aufzulösen. Die einen Männer folgten Crixus, die anderen Spartacus. Alle anderen Menschen, die hofften Freiheit zu erlangen, versuchten keinem der beiden Gruppen zu folgen und mussten es am Ende doch.
Die Frauen konnten kein Schwert führen, keine Überfälle tätigen, Römern Geld oder Nahrung stehlen. Sie standen also genau da, wo sie vorher schon waren, gezwungen sich zu entscheiden, weil sie abhängig waren. Und so saßen die Sklavinnen wieder am Wasser und taten das, was sie auch schon zuvor im Haus Batiatus Taten - waschen, kochen, essen bereiten und sich den Launen der Männer aussetzen.
Viel hatte sich nicht geändert. Willkür ging jetzt nicht mehr von einem römischen Dominus aus, sondern von den ehemaligen Gladiatoren. Sie bestimmten wer Essen bekam und wer es wert war, beschützt zu werden.
Die griechische Heilerin saß oft an der Wand gelehnt und sah dem Treiben zu. Die Frauen versuchten alle zu versorgen und die Männer verschwendeten keinen einzigen Gedanken daran.
Sie beobachtete den Gallier. Crixus war vielleicht ein starker Mann und Kämpfer, aber niemals ein Anführer. Sein Augenmerk lag nur auf den Männern und dem Tod von Römern. Spartacus allerdings stand ihm in nichts nach.
Als Sklaven mussten sie sich nie Gedanken über Essen, Wasser, Kleidung oder Gesundheit machen. Der Dominus entschied und sie mussten nur folgen. Doch jetzt waren sie es, die entschieden, doch sie taten es nicht gut. Die Menschen litten Hunger, starben an Verletzungen, welche nicht geheilt werden konnten, weil die Mittel dazu fehlten oder sie verreckten an dreckigem Wasser, das getrunken werden musste. Hier unten würden sie einer nach dem anderen sterben.
Helena dachte an die Klippe im Ludus und ärgerte sich, dass sie nicht doch gesprungen war. Denn wenn das die einzige Freiheit war, die sie noch bekommen konnte, dann würde sie freiwillig und ohne zögern ins Schattenreich eintreten…


„Wir brauchen aber Essen und keine weiteren Waffen“, sagte Aurelia leise.
Spartacus blieb neben ihr stehen und sah sie von oben herab an. Natürlich brauchten sie Nahrung, aber so einfach war das nicht. Sie waren entflohene Sklaven des römischen Reiches, sie bekamen nirgendwo Nahrung, außer sie stahlen es. Und er versuchte alles, um Essen zu besorgen.
„Mehr trugen die Römer nicht bei sich“, seufzte er.
Mira trat ebenfalls neben ihn.
„Die Kutsche war voll Waffen, Schwerter und Schilde, aber keine Nahrung“, murrte er ernüchternd.
„Wie sollen wir die Menschen ernähren. Die Schwächeren sterben und die Männer werden dann auch nichts mehr zu essen bekommen“, flüsterte sie, damit nur wenige von der Notlage erfuhren.
Aber eigentlich war das unsinnig, denn jeder erkannte, dass es kein Essen mehr gab. Spartacus Blick fiel auf die andere Seite der Zisterne. Dort hinten in der Ecke sah er die Medica oft sitzen. Er wusste, dass sie schon seit Tagen weder aß noch trank. Ihr Leben hatte sie anderen gewidmet und jetzt konnte er ihr das nicht zurückgeben. Er wäre es ihr schuldig, so oft sie ihn schon vor dem Tot bewahrt hatte. Aber eine Heilerin in eine Gruppe Sterbender zu setzen und das ohne Heilmittel, der Gladiator konnte sich vorstellen, was für ein Gefühl das für die mitfühlende Medica sein musste. Doch er konnte nicht helfen, weder ihr noch den anderen Sklaven. Und das nicht weil er nicht wollte, sondern weil er schlichtweg nicht konnte.
„Immer noch nicht?“, fragte er.
Miras Blick folgte dem des Mannes und auch sie erblickte die kleine Gestalt an der Wand zusammen gesunken.
„Nein, sie weigert sich weiterhin.“


Helena sah den Blick der beiden, doch ihr Entschluss stand fest. Wenn sie nicht essen würde, konnte die sowieso schon knappe Nahrung an jemand anderen gehen. Denn eine Medica ohne Heilkräuter oder Verbände war nutzlos. Sie konnte nicht durch ihren guten Willen Wunden heilen. Sollte jemand ihr Essen bekommen, der Hunger hatte und dann mehr als sie beitragen konnte.
So ließ sie ihren Kopf wieder sinken. Sie saß in einer hinteren Ecke der Zisterne, bewegungslos, antriebslos. Ihre Freiheit war nur eine andere Art von Sklaverei geworden. Ashur war noch immer am Leben. Duro war bei dem Angriff auf die Villa gefallen. Und zu allem Überfluss hatte auch Drago sie verlassen.
Auctus, Barcas, Pietro, ihre Brüder im Herzen waren alle tot.
Sie hatte nichts mehr. Ihr Herz empfand einfach nichts mehr. Es war tot, kalt und zerbrochen. Es gab einfach nichts mehr, für das es sich zu leben lohnte, nicht mal die Aussicht auf Freiheit konnte sie noch ermutigen. Denn das, hier unten, versteckt wie Ratten in der Zisterne, war keine Freiheit.

Spartacus sah zu der Frau, die einsam und verlassen in der Ecke saß. Er war ein Krieger, ein Kämpfer, dafür gemacht zu töten und Blut zu vergießen, nicht dafür um Frauenherzen zum Schlagen zu bringen. Er wusste also nicht, was er tun sollte, aber eine Medica zu haben war immer von Vorteil. Sie also einfach sterben zu lassen wäre sinnlos. Wie aber sollte er, der nur ein Schwert schwingen konnte, sie, eine Frau die Leben rettete, überzeugen?...



Helena sah vieles, während die Tage vorüber zogen. Die wahre Natur der Männer, die zuvor als Gladiatoren gezwungen waren sich zusammen zu reißen. Die Charaktere der Frauen, die als Sklavinnen keinen Ton ungefragt von sich geben durften. Der Wille des einen und der Unwille des anderen. Und das niemand nachgeben wollte, egal wie schlimm die Situation noch werden würde.
Jeder von ihnen sah nur das Jetzt, nicht was morgen kommen würde. Oder was passieren würde, wenn die Menschen hier unten anfingen, wie die Fliegen zu sterben. Es war wie Sklaverei. Einer gab Befehle, die anderen befolgten sie ohne zu hinterfragen.
Crixus und Spartacus waren die Beiden, die jetzt anführten. Doch keiner von beiden sah das ganze Bild. Die Männer bekamen ihre Ration, weil sie diese im Kampf brauchten. Die Frauen die wuschen, sauber machten oder kochten, die hatten das nachsehen. Doch sie hatten keine Wahl, wie schon als Sklaven, mussten sie sich fügen, um zu überleben. Denn alleine und ohne die Gladiatoren hatten sie keine Chance gegen die Römer, die auf der Suche nach ihnen waren. Würden die Römer sie finden, wäre ihr Leben zu Ende.
Aurelia schien das ganze verstanden zu haben, denn sie wollte zu ihrem Sohn zurück. Zurück in die Arme ihrer Familie, in der Hoffnung das niemand sie mit Spartacus in Verbindung brachte. Helena wusste nicht ob es der Frau gelänge, aber ihren Sohn wieder zu sehen, wenn auch nur kurz, wäre besser als hier unten einsam zu verrecken. Und so stand die kleine Medica auf.
„Ich wünsche dir alles Glück der Welt und das die Götter dich und deinen Sohn schützen mögen“, sagte sie leise, als sie neben Varros Frau stehen blieb.
„Und ich würde es genießen, wenn du mich irgendwann besuchen würdest. Ich würde gerne meinem Sohn die Frau vorstellen, die für das Seelenheil seines Vaters gesorgt hat und eine Freundin seiner Mutter ist“, antwortete diese.
„Geh und nimm deinen Sohn in die Arme“, meinte die Heilerin nur und lächelte Aurelia an.
Die blonde Griechin sah der Frau nach, die sich in die Hände ihrer Familie begeben wollte. Sie hatte einen Grund zu leben, ihren kleinen Sohn, das Kind, welches sie ausgetragen hatte und mehr liebte, als sich selber. Das war Hoffnung, nicht nur der Gedanke an ein Überleben im Abfluss der Stadt…



Die Tage verstrichen. Die Gladiatoren überfielen Kutschen, erbeuteten Schwert, Schild und Speer und stahlen Gold. Doch Nahrung und medizinische Versorgung brachten sie nur selten bis gar nicht mit. So wuchs die Not, in der sich die entflohenen Sklaven des ehemaligen Hauses Batiatus befanden. Und doch dachte Spartacus zwischen den halb verhungerten und kranken Menschen nur an Blut und Tot. Denn Glaber kam nach Capua, er und eine ganze Legion an römischen Soldaten. Und als gäbe es keine andere schwerwiegende Entscheidung zu treffen, fällte er nur eine. Glaber sollte sterben.
„Das ist unser Schicksal“, sagte Spartacus.
„Glaubst du wirklich die Götter würden dir die Erlaubnis geben andere Menschen in den Tot zu schicken, nur weil du Rache willst? Das ist kein Schicksal, das ist Willkür.“
Spartacus sah sich um. Die sonst so gottgleiche, schöne Griechin stand mit dreckigen Haaren und zerrissenem Kleid vor ihm.
„Wir müssen uns wehren. Wir müssen den Römer zeigen, dass kein Mensch es verdient hat als Sklave gehalten zu werden“, entgegnete er ihr.
Der Thraker nahm an, dass es genau das sei, was auch die Medica glaubte. Doch diese sah dies anscheinend anders.
„Sklaven tun alles, um nicht durch die Hand ihrer Herren sterben zu müssen. Und jetzt sieh hin“, forderte sie ihn auf und zeigte auf die Menschen, die seit Wochen hin unten in Dreck und Dunkelheit saßen „Wessen Hand führt hier?“
Seine Augen glitten über all die Menschen und endeten im azurblau von Helenas Augen.
„Sie sind freie Leute, ich zwinge sie zu nichts. Jedem steht es frei zu gehen.“
„Zu gehen? Wie weit glaubst du denn, würde jemand wie ich kommen, ohne deinen Schutz? Ich hab also keine Wahl. Ich muss hier bleiben, denn es ist besser hier durch deine nichts tuende Hand langsam zu verhungern, als da draußen grausam von Römer ermordet zu werden. Und jetzt sag mir, wieso ist dein Schicksal gewichtiger als meines, dass der Frauen hier, oder der Kranken und Schwachen? Wieso unterstützt sie niemand?“
Spartacus sah die kleine Frau an. Vielleicht sollte er sie einfach rauswerfen? Sie brachte ständig seine Vorhaben und Gedanken durcheinander. Die kleine blonde Griechin konnte sich einem in die Seele brennen. Er hasste es manchmal, wenn sie auch nur den Mund aufmachte. Er hatte einen guten Plan und sie brachte ihn dazu, diesen zu überdenken. Wieso war diese Frau dazu in der Lage, einen Mann so schnell umdenken zu lassen?
„Ich habe gesehen, wie Glaber in die Stadt einritt, aber mit mehr Männern als ihr bekämpfen könntet. Also wäre Rückzug daher die beste Wahl. Vor allem für die, die sich nicht allein verteidigen können.“
Spartacus und auch Helena wandten sich um und erblickten Drago. Er war zurückgekommen. Helena schob sich an den Thraker vorbei und fiel dem Neuankömmling in die Arme.
Dragos Arm legte sich um die kleine Frau. Er hatte ihre Worte gehört und sah es ähnlich. Die vielen Frauen, die Verletzen und Kranken, sie würden von den Römern niedergemetzelt, ohne sich wehren zu können. Spartacus hätte das sehen und bedenken müssen.
„Ich flehe dich an, bitte lass mich nicht mit diesem Mann hier zurück“, flüsterte die Medica.
Er sah zu ihr runter. Gerne würde er der jungen Frau helfen wollen, doch er war sein ganzes Leben lang Gladiator gewesen und konnte jetzt nicht damit aufhören. Er konnte einfach nicht, denn das war sein Schicksal. Doch im Gegensatz zu Spartacus zog er niemand anderen als sich selber damit hinein.
„Die Römer sind zu zahlreich, sie werden euch alle abschlachten“, sagte er und sah zu Spartacus auf.
„Dann bleib bei uns. Hilf uns.“, bat der Thraker um die Hilfe des erfahrenen Kämpfers.
„Morgen wird Glaber eine Rede halten. Nutze die Gelegenheit“, gab er ihm den einzigen Tipp, den er ihm geben konnte.
Dann wollte er wieder gehen, doch Helenas Hände ließen ihn nicht weit kommen.
„Du darfst nicht gehen. Die werden uns in den Tot führen. Keiner von denen hat auch nur eine Ahnung davon, was er tut. Bitte Drago, wir brauchen jemanden der führen kann, wo die sich nur streiten“, flehte Helena leise.
„Ich habe Spartacus darum gebeten auf dich aufzupassen. Er wird dich beschützen. Und auch wenn er vielleicht nicht der Ehrenhafteste ist, wird er sein Versprechen halten“, sagte Drago.
Seine Hand hob sich und er legte seine Finger an ihre Wange. Sie hatte es nicht verdient, aber um ehrlich zu sein, hatte das hier unten niemand verdient. Spartacus sollte sein Versprechen wahr machen und die Menschen hier in die Freiheit führen. Sie hier unten, in der Gosse zu verstecken, würde nicht ewig gut gehen können. Vor allem aber weil die Menschen irgendwann aufeinander losgehen würden, weil sie hier eingezwängt waren. Andere würden an Hunger sterben und wieder andere an dreckigem Wasser. Und der Rest würde von Krankheit und den Römern niedergestreckt werden.
Drago ließ seine Hand sinken. Er sah in die azurblauen Augen der jungen Frau. So schön stellte er sich sie in ihrer Heimat vor. Eine blonde Frau zwischen prachtvollen Blumenwiesen und griechischen Olivenbäumen. Und doch saß sie jetzt hier im Abwasser einer römischen Stadt. Aber es gab Millionen von Menschen wie Helena. Keine Frau hatte es verdient versklavt und als Hure gehalten zu werden. Kein Mann sollte gezwungen werden, um sein Leben zu kämpfen. Doch die Welt war anders, schlimmer. So verließ Drago seine ehemaligen Brüder und Schwestern wieder…



Es war Abend, es wurde dunkel und in die Zisterne drang nur noch sehr wenig Licht. Später würde es Mondlicht geben, das durch ein paar Schlitze und Öffnungen bis nach unten vordrang. Spartacus hatte Zeit und wollte diese nutzen, um die griechische Frau auf seine Seite zu ziehen. Denn er wusste, dass es einige Frauen ihr langsam gleich taten. Eine Hand voll Frauen hatten sich geweigert, weiter für Männer zu kochen, die ihnen Befehle gaben. Also suchte er nach der blonden Frau und hoffte, dass sie sich von ihm überreden lassen würde, sich doch mit seiner Sache anzufreunden. Denn wenn er ehrlich zu sich selber war, brauchte hier jeder jeden. Die Frauen brauchten den Schutz der Gladiatoren und diese brauchten die Pflege der Frauen. Keiner von beiden würde ohne den anderen überleben.
„Du glaubst an die Götter. Müsstest du dann nicht auch daran glauben, dass alles was passiert, von ihnen so bestimmt wurde? Das es Schicksal ist?“, fragte der Thraker und setzte sich neben die kleine Frau.
Sie saß in einer der Ecken, weit hinten in der Zisterne. Neben ihr lag eine ältere Frau, diese sah blass aus. Helena saß daneben und hielt ihre Hand, während diese schlief.
„Ich glaube an die Götterschwestern, doch noch nie hab ich davon gehört dass sie das Schicksal eines einzelnen über das anderer gestellt hätten… Dein Schicksal wird meines sein und leider auch das von Ura“, sagte sie und sah zu der Frau neben sich, dessen Hand sie noch immer hielt.
„Dein Schicksal wird sie töten“, hörte Spartacus sie leise sagen „Und mich irgendwann auch. Und das obwohl du mir die Freiheit versprochen hast und nicht den Tod.“
Ihre schönen meerblauen Augen die jeden Mann träumen lassen konnten, starrten ihn verzweifelt an. Sie hatte recht, er wusste das. Sie konnte nicht alleine aus der Stadt fliehen, die Römer würden sie töten noch bevor sie die Außengrenze von Capua erreicht hätte. Genauso, wie jede andere Frau hier unten.
Sein Blick fiel auf die ältere Frau. Er erkannte sie, sie hatte bei Batiatus in der Küche gearbeitete. Sie war ihnen gefolgt, weil sie gehofft hatte, den Rest ihres Lebens in ihrer Heimat leben zu können. Doch jetzt würde sie hier unten sterben und war nicht mal aus Capua herausgekommen.
„Vielleicht ist unsere Prüfung noch nicht zu Ende. Vielleicht müssen wir leiden und es uns so verdienen zu leben“, dachte er vor sich hin.
Es war gar nicht so sehr an sie gereichtet, eher an sich selber. Er musste es so sehen, er würde leiden, damit niemand anderes es nicht mehr tun müsste. Damit seiner Frau Gerechtigkeit widerfahren würde.
Sein Blick fiel wieder auf Ura. Wer würde für sie leiden?
Seine Augen hoben sich. Wer würde für die Griechin leiden? Sie hatten niemanden, nur ihn, nur die ehemaligen Gladiatoren die nur an Rache dachten, nicht an ein Leben für diese Frauen.
„Gib mir diese letzte Gelegenheit Glaber zu töten. Danach verspreche ich euch, dass wir hier fortgehen. Wasser, Nahrung, Unterkunft. Ich werde mit den Männern alles versuchen, euch das zu geben“, versprach er der Medica.
Sie sah ihn an und seufzte dann nur. Ihr Kopf lehnte sich hinten an die Steinmauer und sie sah hoch an die Decke
„Schade das man hier keine Sterne sieht. Diese sind die Schrift der Götter und wenn man vermag sie zu lesen, könnte man erraten, was sie einen mitteilen wollen“, seufzte ihre heisere Stimme.
Sonst klang sie so zart, klangvoll und schön anzuhören, doch seit sie hier unten festsaßen wurde ihre Stimme immer heißerer und rauer.
„Du willst Sterne sehen? Dazu kann ich dir verhelfen“, sagte er und stand auf.
Er reichte der griechischen Frau die Hand und zog sie auf die Beine. Er brauchte sie nach draußen, zu einem Eingang der Zisterne die wenig Aufmerksamkeit genoss, da sie außerhalb der Stadt lag.
Helena trat ins Freie, sie spürte den kühlen Wind und sah den Sterne klar und ohne Wolken am Himmel stehen. Die Luft war klar und nur wenig Gestank aus der Stadt war zu riechen. Sie atmete tief durch und schloss für einige Sekunden die Augen, um einfach nur zu genießen.
Spartacus stand am Eingang der Zisterne und beobachtete die junge Frau. Es schien wie eine Erleichterung für die Medica zu sein, nicht mehr in der stickigen Atmosphäre in der Gosse sitzen zu müssen. Als der starke, selbstbewusste Krieger zusah, wie die Frau die frische Luft genoss, seufzte er innerlich. Sie hatte recht, genau das hatte er ihr und allen anderen Sklaven versprochen. Freiheit!
„Was sagen die Sterne?“, fragte er in die Mondnacht hinein.
Die Griechin sah hoch in den Himmel. Sie drehte sich und studierte die Sterne. Sie war nie sehr gut darin, aber ein wenig hatte sie über die Schrift der Götter gelernt. Wie damals, als sie Blut und Tot gesehen hatte, aber auch Regen. Und alles davon trat ein. Die Sterne jetzt, sagen fast ähnliches aus.
„Die Sterne zeigen eine Prüfung, aber auch Blut, Leid und sehr viel Schmerz.“
Spartacus trat neben sie.
„Dann bitte ich dich mir dabei zu helfen. Blut kann ich vergießen und Leid unter den Römer hervorrufen, doch Schmerz kannst nur du lindern.“
„In Moment kann ich gar nichts tun. Denn eine Medica ist nur so gut, wie die Ausrüstung, welche ihr zur Verfügung stehen. Ohne Nadel und Faden kann ich keine Wunden nähen und ohne Kräuter keine Krankheiten heilen“, antwortete sie ehrlich.
„Vertrau mir, dann sorge ich dafür, dass du alles bekommst, was du für den Kampf gegen Schmerz und Tot brauchst“, meinte der Thraker verlässlich.
Denn genauso meinte er das auch. Er wollte nicht für den Tod Unschuldiger verantwortlich sein. Genau diese wollte er aber vor den Römer beschützen, das hatte er ihnen versprochen.
„Ich hab Drago versprochen, dich heil aus der Stadt zu bringen und auf dich aufzupassen. Ich werde mein Versprechen halten. Ich werde es gegenüber allen Menschen halten, die in der Zisterne sind. Alle werden frei sein und selbst entscheiden können. Denn das ist unser aller Schicksal“, nickte er und würde alles dafür tun.
„Das Schicksal können wir nicht entscheiden. Wir können nur leben und hoffen das es uns gewogen ist“, sagte Helena, sah hoch in den Himmel und genoss die kühle Luft…



Es kam anders als Spartacus es sich erhofft hatte, denn der Mordversuch an Glaber gelang nicht. Dieser stand auf dem Marktplatz, hielt eine Rede vor den Menschen und doch lebte er jetzt immer noch. Seine Wachen waren zu zahlreich gewesen, genauso wie es Drago gesagt hatte. Der Mann, der seine Frau und ihn versklavt und somit ihren Tod verursacht hatte, lebte immer noch weiter.
Er konnte kaum klar denken, doch blieb die Medica vor ihm stehen. Sie konnte er jetzt nicht auch noch ertragen. Er hatte ihr Zeit gewidmet, sollte sie sich damit zufrieden geben. Jetzt gab es andere, wichtigere Dinge zu regeln.
„Aurelia verlang nach dir“, sagte sie und sah zu ihm hoch.
Er hatte die Frau gehen lassen, weil sie zu ihrem Sohn zurück wollte. Jetzt hatte man sie gefunden, halbtot. Erst verschuldete er den Tod ihres Ehemannes, Varros. Jetzt den ihren. Er hatte die ganze Familie ausgelöscht.
„Sag ihr einfach, was sie hören will, denn es wird das Letzte sein, das sie vernehmen wird. Ihre Verletzungen sind zu stark, als dass ich sie hier unten retten könnte“, hielt die Heilerin den Arm des Mannes fest.
Der Thraker nickte, er verstand. Doch es war nichts was Aurelia von ihm wollte, es war etwas was er ihr versprechen musste. Er sollte niemals in die Nähe ihres Sohnes kommen. Zu sehr hatte sie Angst davor, dass er auch ihn das Leben kosten würde. Und dann glitt die Frau ins Schattenreich. Sie starb in Spartacus Armen, genauso wie es ihr Mann getan hatte.
Er brachte wirklich den Tot.
„Die Römer werden dafür mit Blut bezahlen. Wir werden sie niedermetzeln“, knurrte Agron.
Spartacus stand auf. Helena dagegen kniete sich zu der toten Aurelia runter. Sie strich ihr Haar zurück und wischte ihr mit einem Lappen das Blut von den Lippen.
„Gib mir eine Münze“, sagte sie und sah zu Spartacus hoch.
Sie hob ihre Hand.
„Glaubst du es ist Zeit um einkaufen zu gehen?“, knurrte er.
Was würde sie gerade dafür tun, um ihm Kräuter unterzumischen, damit er Blut und keinen Hass spuckte. Sie stand auf und stellte sich dem Mann entgegen.
„Du bringst den Tod, du solltest ihn auch bezahlen“, sagte sie ganz klar und deutlich.
Sie starrte ihn so direkt an, dass dem Mann anders wurde. Er könnte sie mit einem Schlag töten, er könnte sie rauswerfen und den Römern überlassen, doch dann hatte er keine kleine Stimme, die ihn zum Umdenken bringen würde.
Er zog eine Münze hervor und legte sie der Griechin in die Hand. Sein Blick senkte sich, als die Frau sich wieder zu der Toten kniete. Vorsichtig legte sie die Münze in Aurelias Mund und schloss in wieder.
„Varro war Römer, Aurelia also auch. Wir sollten sie nach römischer Tradition verbrennen“, sagte sie und hob sofort die Hand, als Spartacus etwas sagen wollte.
Sie ahnte was es war.
„Ich weiß dass eine Verbrennung unmöglich ist. Dann sollten wir sie wenigstens begraben.“, flüsterte sie und ihre Hand strich seicht über die Wange der toten Aurelia.
Dann sah sie zu Spartacus hoch und hoffte dass er die Wichtigkeit solcher Traditionen verstand.
„Dazu haben wir keine Zeit“, mischte sich Crixus ein, der aus dem Schatten getreten war.
„Aus der Erde heraus geboren, am Ende der Erde zurück gegeben. Nicht römisch, aber ich denke das Aurelia auch mit einem griechischen Begräbnis einverstanden wäre. Oder würdest du es wollen, dass wir deine Leiche einfach für die Geier liegen lassen“, fragte sie den Gallier.
Dass er es sich wagte, ihr etwas vorschreiben zu wollen. Er wäre der Letzte, auf den sie hören würde.
„Es tut uns leid, aber Crixus hat Recht. Dafür ist keine Zeit“, meinte Spartacus, auch wenn er der griechischen Medica diese Begräbnis gerne gestattet hätte.
Für Varro…
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