Der letzte fallende Stern verbirgt den Himmel?

von Myera
KurzgeschichteTragödie / P12
Hei Misaki Kirihara
12.01.2013
12.01.2013
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Hey :) Schön einen leser hier zu sehen. Ich rechne ehrlich nicht gesagt wirklich mit einem, da das Fandom ja wirklich nur mäßig besucht ist. Aber, was soll's. Ich habe die erste Staffel gesehen und da fiel mir dieser OS ein. Er mag nicht perfekt sein, aber irgendwie gefällt er mir.
Ich kenne lediglich die erste Staffel, daher sind mir Fakten, die in der zweiten bzw. in den OVAs bekannt gegeben werden unbekannt. Heis Todesursache habe ich mir lediglich so ausgedacht und habe keine Ahnung, ob sowas in dem DTB Universum möglich wäre.

Ich habe versucht, Hei so charaktergetreu wie möglich darzustellen, aber ich denke auch, wenn man wie er stirbt, wird man ein bisschen emotionaler, zumal er ja kein vollständiger Contractor ist.

Ach ja: Das wäre noch wichtig.
Für diese FF hat Hei den Plan der Menschen, die Contractor auszurotten, nicht vereitelt, weil er Japan nicht dafür opfern wollte. Dieser OS spielt etwa eine Woche nach diesem Ereignis. Alle Contractor sind tot und lediglich Hei und Kirihara spielen hier eine Rolle. (Keine Liebesgeschichte.)

Ich würde dem Leser, der etwas findet, was unlogisch ist, dumm klingt, oder irgendwie bescheuert ist, bitten, mir das mitzuteilen. Wenn euch Schwächen an meiner Art des Schreibens oder bei der Formatierung auffallen, würde ich es gerne wissen. Ich kann mich nur verbessern, wenn mir meine Fehler gesagt werden. Und ich weiß, dass das hier weit entfernt von perfekt ist. Ich höre auch gerne Lob (Hört das nicht jeder?), aber konstruktive Kritik wäre mir deutlich lieber. Ansonsten: Ich sammle keine Reveiws. Falls es dir gefällt, du aber nichts sagen willst/kannst, ist das okay. Ich hoffe, dir hat der OS gefallen.

LG Myera








Der letzte fallende Stern verbirgt den Himmel?



Er taumelte.
  Da war nichts, was ihm im Weg lag. Die Straße war vollkommen leer, glänzte nur vom Regen der letzten Tage und dem Licht der untergehenden Sonne. Bald würde es Nacht sein. Bald würde er die Sterne sehen.
  Mit einer Hand stützte er sich an einer Hauswand ab. Er war müde. Am liebsten würde er sich gleich hinlegen, aber die Straße war nass und er wusste schließlich, dass man nicht draußen schlafen sollte.
  Als ob er nicht wüsste, dass es keinen Unterschied machte, wo er schlief.
  Er zwang sich, weiter zu gehen, egal wie sehr er taumelte und wie sehr seine Beine einzuknicken drohten. Hier war er ein zu leichtes Ziel. Er lächelte. War er das nicht überall seit der Sache mit dem Hell’s Gate? Als er statt alle Contractors zu retten davon gegangen war? Als er statt der Contractors die Menschen gerettet hatte? Das Syndikat war hinter ihm her, weil er der letzte Contractor war und er zudem noch dafür verantwortlich war, dass jede Doll und jeder Contractor im Syndikat gestorben war. Die Geheimdienste waren auch hinter ihm her. Er war der letzte von ihnen und zudem der Gefährlichste. Sowas ließ man nicht frei herum laufen.
  Und was wäre, wenn die Menschen in Japan verschont geblieben wären? Wenn es nicht so eine Katastrophe wie in Südamerika gegeben hätte? Was wäre, wenn er sich geirrt hatte?
  Die Sonne war untergegangen. Zum ersten Mal seit ein paar Tagen war der Himmel klar. Er sah den Himmel, dunkelblau und leer. Nur ein einziger Stern leuchtete aus dem Blau heraus. Es war der letzte Stern. Die anderen waren gefallen, als das Hell’s Gate sich geschlossen hatte.
  Mit einem Lachen, das ebenso gut ein Stöhnen hätte sein können, ließ er sich fallen. Seine Beine trugen ihn nicht mehr und er hätte sowieso nicht gewusst, wohin er hätte gehen sollen. Sein Rücken lehnte an der Häuserwand. Er trug nur ein weißes Hemd, und durch den dünnen Stoff fühlte er den harten Stein unangenehm kalt an seinem Rücken. Seine Jeans sog sich langsam mit Wasser voll. Es war bedeutungslos.
  Er hustete und riss sich die Maske vom Gesicht.  
  Nach dem Anfall setzte er die Maske wieder auf. Er sah auf seine Hände und bemerkte distanziert, dass sie voller Blut waren. Er wischte sie an seinem Hemd ab und wünschte sich gleich darauf, es nicht getan zu haben. Das Rot verunstaltete das Weiß.
  Warum trug er überhaupt die Maske zu dem Hemd? Normalerweise trug er seinen Mantel. Wo war der hin? Er erinnerte sich dunkel, ihn ausgezogen zu haben, als er einen Attentäter, der ihn umbringen wollte, getötet hatte. Den Mantel hatte er ausgezogen, ja, und auch versteckt. Nur die Maske hatte er aufbehalten. Das war dumm gewesen. Er war leicht zu finden mit der Maske. Unerkannt zu bleiben war wesentlich leichter, wenn man ein richtiges Gesicht hatte.  
  Vielleicht hatte er gewusst, dass es nicht mehr nötig war. Vielleicht wollte er so sterben, wie er den Großteil seines Lebens verbracht hatte: Als Black Reaper. Vielleicht war es derselbe Grund, aus dem er die Maske überhaupt aufgesetzt hatte.
  „Ich hab ihn gefunden!“
  Er sah auf, kniff die Augen zusammen, als die Straße zu wirbelnden Kreisen verschwamm. Nach ein paar Sekunden erkannte er einen Mann und ein Auto. Es hatte ein blinkendes Teil auf dem Dach. Ein Polizeiauto. Wenn er nicht so müde gewesen wäre, hätte er gelacht.  Er, der Black Reaper, erwischt von einem allerhöchstens mittelmäßigen Polizeibeamtem. Trotzdem war es ihm lieber als jemand vom Syndikat.
  Natürlich hatten sie gewusst, dass er hier war. Der Attentäter musste noch rumliegen und er hatte seine Fähigkeiten benutzt, ihn zu töten. Sein Stern musste vibriert haben. Es war ein Leichtes, ihn zu finden, vor allem, wenn man nach ihm suchte. Und sie suchten immer nach ihm.
  Er hörte Schritte. Es waren nicht viele, mindestens zwei, aber nicht mehr als vier oder fünf. Er wusste schon, wer es sein würde, bevor sie um die Ecke bog. Es war so vorhersehbar. Wer sollte es denn sonst sein als die Polizeibeamtin, die den Black Reaper jagte und mit Li befreundet war? Es war paradox. Hei lächelte.
  „Keine Bewegung!“, rief sie da auch schon, die Pistole auf ihn gerichtet. Ihre beiden Untergebenen taten das gleiche. Mit vorsichtigen Schritten kam sie näher und ihre Augen wichen nicht einen Augenblick von Hei. Hinter ihr kamen auch ihre Anhängsel näher.
  „Hände hoch!“
  Er ließ die Hände unten.
  „Ich sagte, Hände hoch!“, wiederholte sie und entsicherte die Waffe. Sie war vorsichtig, auch wenn sie wahrscheinlich ahnte, warum er hier saß und nicht weg lief. Sie wäre dumm gewesen, die Hinweise zu ignorieren: Die Alltagskleidung, dass er in der Nässe saß und natürlich das Blut auf dem weißen Hemd.
  Sie ging weiter auf ihn zu, als eine plötzliche Bewegung Heis sie zum Stehen bleiben brachte.    Vermutlich erwartete sie einen Angriff. Es knallte, als sie Pistole losging und die Kugel dich neben Heis Kopf einschlug. Er ignorierte es.
  Stattdessen riss er sich die Maske vom Gesicht und ließ sie achtlos fallen. Das Geräusch der aufprallenden Maske wurde von seinem Hustenanfall übertönt. Diesmal war es mehr Blut; es floss zwischen seinen Fingern hindurch warm und klebrig auf sein Hemd und seine Hose. Es war zu viel Blut. Bei seinem nächsten Anfall würde er wahrscheinlich sterben.
  Er konnte nicht anders, als zu lächeln.
  „Also, was willst du tun? Mich verhaften?“ Sie stand da, noch immer erstarrt, wohl weil sie es nicht richtig erfassen konnte. Wer hätte auch damit gerechnet, dass Hei einfach an irgendeiner Krankheit verreckte? Sicherlich am allerwenigstens er selbst.
  „Du bist BK 201“, stellte das rechte Anhängsel fest. Er klang überrascht. Hei stellte fest, dass er ihn kannte. Damals im Hotel hatten sie zusammen zuerst Teller abgespült, später Kirihara in einem Wäschewagen durch die Gänge geschoben, bevor er abgehauen war und dann mit Wei gekämpft hatte. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, aber er erinnerte sich an den Namen. Saito.
  Hei nickte.
  „Die ganze Zeit direkt vor unserer Nase?“, fragte Saito. „Ich hätte nie gedacht, dass es Li ist.“
  „Dass ihr nicht darauf gekommen seid, überrascht mich wirklich“, bemerkte Hei mit kratziger Stimme. Er hatte Halsschmerzen  „Allein die Tatsache, dass ich verschwunden bin und bald darauf der Black Reaper aufgetaucht ist, hätte euch zu denken geben müssen.“
   „Natürlich“, sagte Kirihara. Sie starrte ihn an, als könne sie es nicht glauben. Hei wusste, dass das Lüge war.
  „Du wusstest es doch die ganze Zeit“, meinte er schief lächelnd. Das Lächeln war eine Lüge. Wie die meisten Gesten, die er benutzte. Wie die Maske, die er trug. „Spätestens, als du im Laden versucht hast, mich festzunehmen, weil ich BK 201 ähnlich sah.“
  „Vielleicht“, erwiderte sie mit ruhiger und fester Stimme. „Dennoch werden wir dich jetzt festnehmen.“
  „Die Mühe könnt ihr euch sparen.“
  „Planst du etwa schon deine Flucht? Diesmal wird dir das nicht gelingen.“ Hei schüttelte den Kopf. Er lächelte noch.
  „Wenn ihr denkt, dass ich fliehen könnte, seid ihr dumm.“ Langsam roch er das Blut. Vorher hatte dieser nasse, reine Regengeruch es noch überdeckt, aber mittlerweile war es zu viel, um noch ignoriert zu werden. Es war ihm egal. Er hatte mehr als zehn Jahre im Blut gewatet, warum sollte da sein Tod anders sein?
  Er sah in den Himmel, sah seinen Stern, der eigentlich Pais Stern war. Er blinkte auffordernd am Himmel. Bald würde er verlöschen.

  „Was ist los? Tao, was ist los?“
  Er hielt einen Arm vor ihrer Brust. „Bleib im Haus.“
  „Was ist da los?“
  „Bleib einfach hier.“
  Er rannte los, aus dem Wohnzimmer durch den Flur nach unten und aus der Tür.
  „Was ist los? TAO!“, reif Xing von oben.
  Tao, der bald Hei heißen würde, stand vor dem Haus seiner Eltern und starrte in den Himmel. Es war Nacht. Der Himmel war klar und wolkenlos.
  Die Sterne waren verschwunden.
  „Was zur Hölle…?“
  Ein Beben verlief durch den Himmel. Der Mond verdunkelte sich und verlosch. Der Himmel begann zu blinken. Sterne, abertausende Sterne erschienen am Himmel. Hei fühlte, dass sie nicht richtig waren.
  Und er wusste instinktiv, dass er sie hasste.


  „Saito, ruf einen Krankenwagen.“
  „Aber Chefin…!“
  „Nun mach schon!“, wiederholte die Ermittlerin heftiger. Saito und das andere Anhängsel  verschwanden. Ihre Gestalten verloren sich in der Dunkelheit.
  „Das wird nichts bringen“, meinte Hei müde. Er musste schlimm aussehen, mit dem ganzen schleimigen Blut, dass auf seinen Sachen und in seinem Gesicht klebte. Dazu hatte er das letzte Mal vielleicht vor drei, vier Tagen richtig geschlafen und vor knapp vier das letzte Mal geduscht. Er war seit einer Woche auf der Flucht, und bis jetzt hatten sie ihn noch überall gefunden.
  „Sag so was nicht“, widersprach sie ihm. Hei sah sie an. Ihre Waffe zitterte. Sie hielt sie nur noch, um den Anschein zu wahren. Sie beide trugen auf ihre ganze eigene Weise Masken, auch wenn Heis nur ein paar Zentimeter entfernt auf dem Boden lag. Ihre war zwar weniger offensichtlicher, aber auch verräterischer. Er sah, wie ihre Augen feucht wurden und glitzerten. Er war überrascht. Er hätte nicht gedacht, dass sie um ihn weinen würde.
  „Aber es ist die Wahrheit“, meinte Hei. Sein Körper fühlte sich langsam nicht mehr kalt an. Eine unangenehme Hitze stieg ihm ins Gesicht. Er fühlte sich krank. „Magst du die Sterne?“
  „Die… Sterne?“ Sie wirkte überrascht und sah tatsächlich nach oben. Ein Anfängerfehler. Wenn er gewollt hätte, hätte er jetzt davon laufen können. Das einzige, was ihn daran hinderte, war die Tatsache, dass er Blut spuckte. Wie ironisch. „Es gibt doch nur noch einen… Deinen.“ Sie sah wieder zu ihm, die Augen gefüllt mit etwas, das er überraschenderweise als Trauer und Mitleid einordnete. Sie war nicht geschockt, nicht wütend, nicht verurteilend, sondern voller Mitgefühl. Natürlich musste sie schon lange gewusst haben, dass Li Hei, oder eher der Black Reaper war. Dennoch… Eine Vermutung zu haben, war eine Sache, sie bestätigt zu bekommen, eine ganz andere. Und sie war ein Mensch. Die dachten nicht rational.
  Contractors aber auch nicht immer.
  „Es ist nicht meiner“, sagte Hei und sah nun ebenfalls nach oben. Er spürte einen weiteren Hustenanfall nahen, wollte aber nicht. Er befürchtete, dass es danach vorbei sein würde. Warum es noch zu früh war, wusste er nicht. Er fühlte es. War das überhaupt möglich? Contractors fühlten weder noch hatten sie Träume. Er hatte beides.
   „Du bist der letzte Contractor. Wenn er nicht dir gehört, wem dann?“
  Hei lachte gezwungen und griff sich an die Brust. Er spürte die schnellen, unregelmäßigen Herzschläge. Es schmerzte, aber das war nichts, was er nicht schon mal ertragen hätte. Es hätte schlimmer sein können.
  „Ich bin kein Contractor… Jedenfalls nicht ganz.“ Sie ließ die Waffe sinken. Diesmal war es eindeutig Überraschung in ihren Augen. Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu. Nun stand sie nur noch etwas mehr als drei Meter entfernt.
  „Aber du hast Contractorfähigkeiten. Und du handelst wie einer.“
  „Ich bin kein Contractor“, stieß er hervor. Die Luft fühlte sich heiß an in seiner Lunge, obwohl sie kalt war wie seine weißen Hände. „Nicht mehr.“
  „Nicht mehr?“
  „Ich war es vor zehn Jahren. Als meine Schwester einer wurde. Ich habe für sie alle umgebracht. Da war ich einer. Als sie gestorben ist, wurde ich wieder zum Menschen.“ Zusammengefasst war das sein Leben. Hei hätte fast gelacht. Er war über zwanzig Jahre alt und das einzige, was er zu seinem Leben sagen konnte, war das? Es klang erbärmlich. Plötzlich bereute er es, noch nach Pais Tod (der laut Amber nie richtig statt gefunden hätte) noch weiter gemordet zu haben. Mit jedem Mord war er menschlicher geworden und seine Fähigkeiten besser. „Sie hat mir diese Fähigkeiten gegeben und das ist auch der Grund, weswegen ich jetzt hier sitze.“
  „Der Stern“, erkannte Kirihara und steckte endlich die Waffe weg. „Einer der Forscher hatte gesagt, er wäre einer Frau zugeordnet gewesen. Ich habe mich damals schon gewundert.“
  „Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat.“ Hei hustete. Er machte sich nicht die Mühe, das Blut abzuwischen. „Als das mit dem Gate passiert ist, hat sie irgendwas gemacht und alle Contractor gerettet. Dabei ist sie gestorben und hat mir ihre Fähigkeiten gegeben.“
  „Warum erzählst du mir das?“ Er zuckte mit den Schultern, was seinen Muskeln nicht gut tat. Sie schickten eine Schmerzwelle durch ihn.
  „Keine Ahnung. Schätze, ich will, dass wenigstens einer es weiß.“ Der Blick, der ihn traf, war wissend.

Sie schwiegen sich an, zwei Minuten, drei, vier, fünf, bis laute Schritte erklangen.
  „Sie kommen.“ Das Anhängsel, dessen Namen er nicht kannte, war aufgetaucht.
  „Gut.“
  „Es wird nutzlos sein“, bemerkte Hei.  Seine Stimme war nun ein heiseres Keuchen, mehr ein Flüstern. Es gefiel ihm nicht, so schwach zu sein, selbst wenn es bald keine Bedeutung mehr haben würde. Schwach sein war nichts, was er jemals gefühlt hatte. Früher hatte es keinen Grund gegeben, so etwas zu fühlen. Und nach der Erscheinung der beiden Tore hatte er trainiert, um Pai – oder Xing, wie sie früher geheißen hatte, - zu begleiten. Er hatte seine Sache gut gemacht. Er hatte sich selten verschätzt und noch seltener war er ernsthaft verletzt worden. Er war auch selten krank gewesen. Das letzte Mal war vor schätzungsweise sieben Jahren gewesen und Pai hatte auf ihn aufgepasst. Sie hatten Glück gehabt und für zwei Wochen hatten sie frei gehabt, keine Mission, keine Morde, nur sie beide und ein Haus in Südamerika. Pai hatte sich wie ein Mensch benommen und ihn unbedingt pflegen wollen, er hatte dagegen argumentiert. Sie hatte frei gehabt. Hätte Spaß haben können, für eine gewisse Weile, sich ausruhen können. Verdammt, sie war erst 13 gewesen. Es war seine Aufgabe gewesen, für sie zu sorgen.
  „Kono, leg ihm Handschellen an.“
  „Meinen Sie wirklich, dass das nötig ist?“ Der junge Mann kratzte sich unschlüssig am Kopf und sah seine Chefin an, die ihrerseits Hei anstarrte.
  „Das ist BK 201, Kono. Sie wissen, zu was er fähig ist“, sagte sie mit überraschend kalter und professioneller Stimme. Da war sie wieder, die Maske ihres Berufes, die sie dazu zwang, so zu tun, als würde sie nichts für Hei – oder eher Li – fühlen und er nur ein maskierter Killer wäre.
  „Aber-“
  „Kein Aber!“, unterbrach sie ihn heftig. „Tun Sie es. Jetzt.“ Das letzte Wort hatte sie nur gezischt. Sie klang bedrohlich genug, dass Kono es tun würde. Immerhin war sie seine Chefin.  
  Kono setzte sich in Bewegung, in einer Hand die Handschellen. Sie glitzerten im Licht der Straßenlaterne.
  Hei schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand Kono direkt vor ihm.
  „Aufstehen und umdrehen“, befahl er und biss sich danach auf die Zunge. Hei lächelte müde. Ihnen war beiden klar, dass Hei weder aufstehen noch abhauen konnte. Diese ganze Aktion war lächerlich, aber nötig. Kirihara durfte immerhin keinen Verdacht aufkommen lassen, den Mörder zu kennen. Wenn sie Glück hatte, würde sie nur degradiert werden, wenn sie Pech hatte, vielleicht sogar eingesperrt. Niemand mochte Verräter.
  Er mobilisierte seine letzten Kräfte. Spürte ein letztes Mal das Zusammenspiel seiner Muskeln. Sie arbeiteten perfekt, auch wenn es schmerzte wie nach einem Muskelkater. Erst, als er stand, versagten sie.
  Der Himmel schoss an seinen Augen vorbei. Er spürte die kalte, warme Luft um ihn herum, die sich bewegte, als seine Beine einknickten. Seine Hand kratzte über die Hauswand. Er war sich sicher, dass er Blut dran schmierte. Ein überraschtes Aufkeuchen entfuhr ihm, als sein Fall gestoppt wurde und jemand ihn hielt.
  Langsam wurde er wieder auf den Boden gelassen. Es musste Kono sein, und obwohl er wusste, dass Hei ein Massenmörder war, war er überraschend sanft. Er drehte ihn auch nicht herum und legte ihm Handschellen an. Das wäre entwürdigend gewesen, auch wenn er diese Geste wahrlich nicht verdient hatte und sie auch nicht viel nützte. Sein Tod war schon so erniedrigend gewesen; dieser Zusammenbruch eben war peinlich.
   Hei war immer irgendwie stolz auf seinen Körper gewesen. Auch wenn er es stets leugnete, gefielen ihm die Muskeln. Auch wenn er es abstritt, vorgab, die wären nur da, damit er seinen Job gut machen konnte, wusste er es eigentlich besser. Warum sonst ließ er immer das Schlüsselbein frei? Er sah gut aus und er wusste es. Dass er jetzt von dem einzigem im Stich gelassen wurde, auf das er sich immer verlassen konnte, war ein herber Schlag für seine Würde.
   Da er ja sowieso schon ganz unten war, gab er nach. Er zitterte. Die Kälte war wieder da und mit jedem Atemzug schoss ein wenig Blut aus seinem Mund. Er musste einen wirklich jämmerlichen Eindruck machen.
   „Chefin, was ist passiert?“ Er hörte Saito. Anscheinend war er wieder da. Was hatte er so lange gemacht? Vielleicht hatte er telefoniert. Hei war es eigentlich egal.
   „Ruhig, Saito.“ Er hörte ihre Schritte. Das Wasser an seiner Wange fühlte sich ekelhaft an. Es war kalt und Dreck schwamm darin. Schmerzwellen rollten durch seinen Körper. Sein Kopf hämmerte, sein Herz sprang auf und ab und stach ihm in der Brust, seine Muskeln zogen sich zusammen und Krämpfe durchzuckten ihn. Seine Zähne klapperten.
   „Bist du okay?“
   Die Frage war dumm. Er antwortete nicht und Kirihara seufzte.
   „Wann ist der Krankenwagen da?“
   „Sie meinten, in zehn Minuten.“
   „Das ist zu spät.“ Hei spürte Kiriharas kalte Finger an der Wange, die nicht im Wasser lag. Sie fühlten sich gut an. Langsam verebbte das Zittern, aber er blieb so liegen. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu bewegen.  Er sah nur den Himmel. Er war schwarz mit einem einzigen Stern, der flimmerte. Oder waren das nur seine Augen? „Hey. Du musst durchhalten, ja?“
   „Um mich hinrichten zu lassen, ja?“ Sie nahm die Finger weg. Hei wünschte sich kurz, sie hätte es nicht getan. Sie erinnerten ihn an die kalten Finger seiner Schwester, wenn sie sein Fieber mit Handauflegen gemessen hatte. Sie waren das einzige Reale in einem Fiebertraum gewesen.
   „Was ist überhaupt mit dir?“, fragte sie, die Stimme leise, als wolle sie nicht, dass er es hörte. Aber es war absolut still in der Gasse, nur von fern tönten die Sirenen.
   „Ich habe die Fähigkeiten eines Contractors, aber kein Contract Paymant“, sagte Hei. Seine Stimme war leise und er zeigte keine besonderen Emotionen. „Und das ist nicht der Sinn der Sache. Contractor sollen bezahlen. Und ich bezahle nicht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas wie das hier unvermeidlich war.“
   Kirihara ging neben ihm auf die Knie. Er drehte den Kopf ein wenig.
   „Warum hast du sie dann benutzt?“ Er stieß ein kurzes Lachen aus, das ebenso ein Schnauben hätte sein können.
   „Ich bin wahrscheinlich die am meisten gejagteste Person auf der Welt. Ich musste in der letzten Woche Leute vom MI6, von der CIA, die BND aus Deutschland, irgendein Russe, der wohl wegen seiner Schwester, die ein Contractor war, wütend war…“  Wenn er gekonnt hätte, hätte er mit den Schultern gezuckt. „Entweder ich sterbe jetzt, werde hingerichtet oder muss wieder für einen Geheimdienst arbeiten. Es wird sich nichts ändern.“
  „Natürlich ändert sich was.“
  „Was denn?“, fragte er interessiert. „Meine Aufträge? Die Leute, die ich umbringen muss?“ Kirihara wusste nichts zu erwidern und schwieg.
   Hei richtete seine Augen wieder auf den Himmel.
  „Glaubt ihr, der Himmel kommt wieder, wenn der letzte Stern endlich gefallen ist?“ Ohne sein Zutun klang seine Stimme sehnsüchtig. Er bemerkte, dass die drei von der Polizei nach oben sahen. Der letzte Stern wackelte. Man konnte es sehen. Er bewegte sich in Richtung Horizont.
  „Vielleicht“, sagte Saito, aber in seiner Stimme klang Zweifel mit.
  Hei lächelte.

Kirihara hörte Heis Husten, hörte seinen Anfall und spürte ihn neben sich erzittern, aber sie konnte den Blick nicht vom Himmel abwenden.
   Der Stern löste sich. Er nahm an Geschwindigkeit zu, bis er nicht mehr zu sehen war. Kirihara sah nach unten zu Hei. Mit einem Stich im Herzen realisierte sie, dass seine Augen offen waren, aber nichts sahen. Sein Mund war geschlossen und bildete ein Lächeln. Endlich hatte er aufgehört zu zucken. Und auch wenn er voller Blut und Wasser war, wirkte er friedlich.
   „Chefin….!“ Saito berührte sie am Arm. „Sieh nach oben!“
   Sie tat es und glaubte ihren Augen nicht.
   Der Himmel, nun vollkommen leer, löste sich auf. Eben noch dunkelblau, war er nun pechschwarz. Eine Gestalt schälte sich aus dem Dunkel heraus. Sie leuchtete hell. Kirihara hatte fast vergessen, dass es ihn gab. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ihr der Name einfiel. Mond. Der Mond leuchtete am Himmel. Und damit nicht genug: Sterne erschienen, einer nach dem anderen. Der alte Himmel war zurück und mit ihm die Sterne.
  „Du hattest Recht, Hei.“
  Hei lächelte.
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