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„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
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11.01.2013 5.717
 
So recht konnte sie es sich selbst nicht erklären. Seit ein paar Wochen war Lenja sehr oft müde, ohne einen direkten Grund für diesen Zustand festmachen zu können. Sie schlief mehr als ausreichend. Und die Schmiedearbeit an Thorins und ihrer Krone war zwar geistig anstrengender als körperlich, aber sollte dies wirklich die Ursache ihrer Müdigkeit sein? Vielleicht war sie es einfach nicht mehr gewohnt stundenlang sitzend auf einem Schemel zu verbringen oder wahlweise stehend vor einer Werkbank ihrer Arbeit nachzugehen. Vor über einem halben Jahr hatte sie ihre eigene Arbeitsstube verlassen. Da war es eventuell auch einfach nur die logische Konsequenz nun ein wenig ausgelaugter von der Arbeit zu sein. Inständig hoffte sie, dass dies nur eine kurze Begleiterscheinung sein würde. Die beschwerliche Reise zurück zum Erebor saß ihr noch in den Knochen. Vielleicht war es auch einfach die Gesamtkombination aus allem. Anstrengungen aus Reise, Arbeit und der alten und neuen Heimat. Oder vielleicht lag es auch einfach nur am Licht in ihrer provisorischen Arbeitsstube? Auch wenn sie anfangs ihre Schwierigkeiten mit einem Leben in einer Menschenstadt hatte, war die Helligkeit in Lenjas und Áris gemeinsamer Stube um einiges besser gewesen als hier in den Tiefen des Erebors.

Leise seufzte die Zwergin. Beim Gedanken an ihren Bruder machte ihr Herz einen Sprung. Er und Mjöll fehlten ihr. Sie wusste nicht, ob die beiden bereits die frohe Kunde vernommen hatten. Sie wusste nicht, wie lange die Nachricht über Smaugs Tod und Thorins beginnender Herrschaft brauchte um ihre Lieben zu erreichen. Und selbst wenn. Ári würde andere Probleme haben als über eine Rückkehr an den Ort seiner Kindheit nachzudenken. Immerhin musste er bereits Vater sein. Sie hoffte es inständig. Sie hatte oft während der Reise über ihn nachgedacht. Er war der Grund gewesen überhaupt an diesem Unternehmen teilzunehmen. Über das Kind hatte sie sich ihren Kopf zerbrochen, welches in Mjölls Bauch heranwuchs. Leise hatte sie Mahal darum gebeten alle drei in seinen Schutz zu betten. Und deshalb ging Lenja auch davon aus, dass ihre Schwägerin ein gesundes Zwergenkind zur Welt gebracht hatte. Es müsste mittlerweile seine Eltern munter auf Trab halten. Außerdem brauchte sich Ári bestimmt nicht über eine schlechte Auftragslage beschweren. Ihre Schmiede lief seit über 50 Jahren sehr gut. Nun musste er zwar eine kleine Familie ernähren, aber das sollte ihm mit dieser Grundlage im Rücken ohne weiteres gelingen. Nein, der Platz ihres Bruders lag nicht in diesem Berg. Er lag an jenem Ort, wo er fast sein ganzes Leben verbracht hatte. Wo er seine große Liebe gefunden hatte. Und sie freute sich für sein kleines Glück.

Sie konnte sich noch gut an den Moment erinnern als Mjöll ihr von der Schwangerschaft erzählte. Gestrahlt hatte sie. Man konnte ihr damals das pure Glück ansehen. Mjöll war noch schöner geworden. Sie hatte eine Aura um sich, die nicht nur Ári ein breites Lächeln auf die Lippen zaubern konnte. Auch Lenja konnte nicht verschweigen, dass diese Freude über ein neues Leben nicht spurlos an ihr vorüber ging. Bereits vor der frohen Kunde hatte sie die ersten Anzeichen für eine mögliche Schwangerschaft bei ihrer Schwägerin wahrgenommen. Eine gewisse morgendliche Übelkeit. Leichte beginnende Stimmungsschwankungen. Ein anderes Essverhalten als sonst. Müdigkeit. Ári hatte sich fragend an seine Schwester gewandt. Er hatte die schlimme Befürchtung gehabt, dass seine Frau an einer unentdeckten Krankheit litt. Doch als Lenja ihn fragte, wann Mjöll das letzte Mal geblutet habe, fiel bei ihm der Groschen. Und mit ihrer Vermutung hatte sie recht behalten. Ihr Bruder wurde Vater.

Plötzlich begannen sich Lenjas Gedanken förmlich zu überschlagen. Müdigkeit, Appetitlosigkeit und leichte Unlust konnte sie ebenfalls nicht abstreiten. Aber bisher hatte sie gedacht, dass diese Dinge alle eng miteinander zusammenhingen. Eins bedingte schließlich das andere. Wie sollte sie das Lager mit ihrem Mann teilen, wenn sie sich abends vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten konnte? So genoss sie viel lieber seine Anwesenheit und die Streicheleinheiten mit denen er sie anstelle bedachte. Auch wenn Thorin sich bis jetzt nicht über diesen Entzug von körperlicher Liebe beschwert hatte, verspürte Lenja überhaupt kein Verlangen nach Beischlaf. Sie hatte noch nicht einmal daran gedacht, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Aber, wann hatte sie das letzte Mal ihren Zyklus bekommen? Fieberhaft rechnete Lenja nach. Bei Mahal! Langsam dämmerte es ihr. Sie war überfällig. Bereits fast drei Wochen. Das konnte doch nicht sein. Noch einmal ging sie in sich und rechnete. Nein, das Ergebnis blieb das Gleiche. Sie hatte ihre Blutung nicht bekommen. Warum war ihr das denn nicht bereits aufgefallen? Hatte die Arbeit sie so sehr in Beschlag genommen, dass sie die normalsten Signale ihres Körpers nicht mehr wahrnahm? Mit einem Lächeln auf den Lippen schüttelte sie kurz den Kopf. Leben wuchs in ihr heran? Ein Kind? Hatte sie die Anzeichen richtig gedeutet? Sie war ein wenig überfordert. Noch einmal ging sie in sich. Sie hatte ihren Zyklus nicht bekommen und sie verhielt sich ein wenig anders als sonst. Auch wenn sie bisher von einer heftigen Übelkeit verschont geblieben war, kam sie zu keinem anderen Ergebnis. Sie musste schwanger sein! Mit einem verträumten Lächeln glitt ihre rechte Hand über den Bauch. Sollte es wirklich so sein? Kurz schloss sie ihre Augen. Warum war es ihr nicht schon eher aufgefallen? Wie hatte sie so blind sein können?

Natürlich hatten sie und Thorin es einfach riskiert schwanger zu werden. Sie hatten zwar nicht mehr seit Esgaroth über die Möglichkeit eine Familie zu gründen gesprochen. Aber allein die Tatsache, dass sie ungeschützt das Lager miteinander teilten, sprach eine eindeutige Sprache. Sie hatten es darauf angelegt. Auch wenn der Winter und die dicke Schneeschicht vor Erebors Toren einen Sud gegen ungewollte Schwangerschaften zurzeit unmöglich machten, so hätte es andere Möglichkeiten gegeben sich zu schützen. Vielleicht war es so auch am Schönsten gewesen. Sie hatten beide nicht fieberhaft versucht ein Kind zu zeugen. Sie hatten ohne Druck die gemeinsame Liebe genossen. Und nun sollte sie bereits Früchte tragen. Auch wenn Lenja immer noch ein wenig überfordert mit der neuen Erkenntnis war, freute sie sich wie schon lange nicht mehr. Nur das Glück über das Leben ihres Mannes hatte bisher ihr Herz in einem ähnlichen Freudentanz klopfen lassen. Sie war schwanger.


**


„Hast du einen Moment Zeit?“ Etwas zögerlich trat Lenja in das Arbeitszimmer ihres Mannes ein als jener kurz von einem Pergament zu ihr aufblickte.

„Sicher. Balin wollte gleich noch einmal wiederkommen. Aber im Moment habe ich kurz Zeit. Was gibt es denn wichtiges, dass du mich hier besuchen kommst?“, fragend sah Thorin die Zwergin an als sich jene mit einem kleinen Schmunzeln näherte.

Sie wusste nicht, wie sie es ihm am besten sagen sollte. Sie musste einfach intuitiv handeln. Ihr Herz klopfte wild. Ihr gesamter Körper kribbelte. Fühlte sich so das pure Glück an?

„Mir ist etwas ganz Wichtiges aufgefallen“, begann sie und stand immer noch ein wenig unschlüssig vor Thorin, der sie von oben bis unten musterte.

„Willst du dich nicht setzen? Du machst mich ein wenig nervös, wenn du dort auf der Stelle hin und her tippelst.“

Dankend ließ sich die Frau auf dem Schoß ihres Mannes nieder, wie sie es schon oft getan hatte. Abwartend blickte er sie an. Er schien nicht zu wissen, was sie ihm erzählen wollte. Zumal sie eigentlich noch ein paar Stunden bis zum gemeinsamen Abendessen hätte warten können. Aber sie konnte nicht solange stillsitzen und ihre Erkenntnis für sich behalten. Kurz holte Lenja noch einmal Luft bevor sie nach Thorins Hand griff, diese kurz in ihrer eigenen bettete und ihrem Mann tief in seine Augen schaute als sie sie auf ihrem Bauch platzierte. Sie wusste nicht, ob er diese Geste auch ohne Worte verstehen würde.

Fragend hob der Zwerg eine Augenbraue. Doch dann entspannte sich sein Gesichtsausdruck wieder als er sah, wie Lenja kurz auflachte.

„Du wirst Vater. Ich bekomme ein Kind“, flüsterte sie überglücklich.

Mit einem Strahlen in den Augen strich Thorin ihr über den flachen Bauch. Fasziniert blickte er zwischen ihrem Bauch und ihrem Gesicht hin und her. Es schien bald so als ob auch er ein wenig Zeit brauchte, um zu realisieren, welche Neuigkeit soeben verkündet wurde.

„Und ich dachte schon, du würdest es nie herausfinden.“, schmunzelte er und gab ihr einen Kuss auf den Mund.

„Wie? Ich verstehe nicht ganz?“

„Es wäre doch schlimm, wenn ein König nicht rechnen kann, nicht wahr? Ich war mir nur nicht sicher, ob ich die Zeichen falsch deute. Du hast dich ein wenig anders verhalten als sonst. Nicht viel. Aber immerhin ausreichend genug, um mich stutzig zu machen. Auch wenn wir beide in den letzten zwei Wochen eher aneinander geschmiegt als in wilder Liebe vereint unsere Nächte verbracht haben, ist mir doch aufgefallen, dass du nicht geblutet hast. Zwar bin ich nicht so deutlich auf diesem Gebiet als Mann bewandert, aber für mich war es das erste Zeichen, dass vielleicht etwas unterwegs ist.“

Lachend lehnte Lenja ihre Stirn gegen Thorins. Wie hatte sie so blind sein können? Selbst ihrem Mann war das kleine Wunder noch eher aufgefallen als ihr selbst.

„Freust du dich?“, wollte sie wissen.

„Ich bin überglücklich, Lenja. Wir haben einen kleinen Zwerg im Feuer der Liebe geschmiedet“, flüsterte er an ihre Lippen und das Strahlen in seinen Augen wurde von Minute zu Minute intensiver, „Ich erwarte eine ganz große Familie.“


**


Einige Wochen behielten Lenja und Thorin ihr kleines Geheimnis noch für sich. Nicht nur, weil sie beide das Wissen um die Schwangerschaft für sich im Stillen genießen wollten, sondern auch aufgrund der traurigen Vergangenheit. Solange der Bauch noch keine eindeutige Wölbung bekam, sollte es auch keinem der Gefährten auffallen.

Die Vorsicht über den einstigen Verlust, auch wenn er bereits über ein ganzes Jahrhundert her gewesen war, saß beiden noch immer in den Knochen. Auch wenn es keiner von ihnen deutlich sagte, schwang neben der Freude auch eine gewisse Furcht mit. Die Ungewissheit über den weiteren Verlauf der Schwangerschaft. Ihre große Vorfreude auf ein Kind war schon einmal im Nu erstickt worden. Obwohl es nun keinen Drachen mehr gab, der ihnen dieses gemeinsame Glück nehmen konnte, erschien ihnen der einzig richtige Weg jedoch im Abwarten. Sie wollten nicht noch einmal enttäuscht werden. Und Lenja wollte nicht enttäuschen. Sie wollte abwarten, was passierte.

Sie freute sich auf das Kind. Aber nach der ersten Euphorie war die Vergangenheit in Form von Ernüchterung aufgetaucht. Sie hatte Angst sich gänzlich auf die Schwangerschaft einzulassen. In einem Moment freute sie sich und strahlte dies auch nach außen hin aus. Im Nächsten nahmen ihre trüben Gedanken wieder Überhand und ließen die alten Erinnerungen an die Oberfläche treten. Der Schmerz. Der Verlust. Die Trauer. Und die Trennung von Thorin. Es war nicht einfach für sie und ihren Mann dieses Geheimnis für sich zu hüten. Aber auch nicht, damit im Stillen umzugehen. Als werdende Eltern waren sie überglücklich. Am liebsten hätten sie ganz Mittelerde von dieser Neuigkeit berichtet. Aber als Paar, das bereits ein Kind im frühen Stadium verloren hatte, wussten sie auch um dieses Risiko.

Lenjas Bauch aber wuchs unbeirrt. Und als sich die erste sichtbare Wölbung Ende des Winters zeigte, waren auch ihre letzten Bedenken weggewischt. Mit jeder Woche ohne Vorkommnisse begann sie sich langsam zu entspannen. Die ersten drei Monate waren die gefährlichsten, hatte ihr Rimma einst gesagt gehabt. Immerhin war Glóins Frau als Hebamme vom Fach. Und Lenja wollte daran glauben. Sie wollte sich endlich zurücklehnen und ihren wachsenden Bauch genießen können. Das Lächeln kehrte dauerhafter auf ihr Gesicht zurück. Sie hatte das Gefühl jeden Tag aufs Neue einen kleinen Kampf gegen den immer enger werdenden Hosenbund ausfechten zu müssen. Und es machte sie stolz. Ein schöneres Zeichen als die kleine Wölbung am Bauch gab es nicht. Auch wenn sie noch ein wenig auf die ersten Bewegungen ihres Kindes warten musste, konnte sie die Hand kaum noch von der kleinen Rundung nehmen. Unterbewusst schlich sich auch während der Schmiedearbeit immer wieder eine Hand in diese Richtung. Und wenn sie sich dabei ertappte, wie sie sich davon überzeugte, dass alles bei bester Ordnung war, strahlte sie über das ganze Gesicht. Von Tag zu Tag wurde sie glücklicher. Der Moment war gekommen ihre Freunde auch an diesem Glück teilhaben zu lassen.

Mit stolzgeschwellter Brust hatte Thorin ihren Gefährten noch am selben Abend des Tages verkündet, dass Lenja ein Kind erwartete. Es ließ sich auch nicht mehr leugnen. Am Morgen war die Zwergin freiwillig auf das aus Esgaroth stammende Kleid umgestiegen als der Knopf am Bund ihrer Hose gewaltig drückte. Mit einem neckischen Unterton hatte Thorin sie bedacht gehabt und sogleich mit einer ihrer Stimmungsschwankungen Bekanntschaft gemacht. Aber er hatte den Anflug von Freude gemischt mit Freudentränen gut gemeistert. Eine überglückliche Lenja mit dicken Krokodilstränen hatte ihn im ersten Moment ein wenig verschreckt. Umso länger er jedoch darüber nachdachte, umso schöner fand er ihren Anblick. Durch die Umstellung ihres Körpers war sie vielleicht ein wenig weinerlich, aber dennoch wahrlich glücklich.
Mit tosendem Applaus hatte die Gemeinschaft die Neuigkeit aufgefasst. Mit Bier wurde darauf angestoßen, dass ein Kind in rund einem halben Jahr das Licht der Welt erblicken würde. Auf den ersten Zwergling, der nach Smaugs Schreckensherrschaft in diesem Berg gezeugt wurde, wie Dwalin mit einem Augenzwinkern bemerkte. Die Männer meinten es an diesem Abend zu gut mit ihren Glückwünschen für das baldige Elternpaar. Und auch Thorin hatte wohl das eine berühmte Bier zu viel getrunken. Sein leidiger Gesichtsausdruck am nächsten Morgen ließ jedenfalls darauf schließen. Nein, ihr Mann war nicht mehr gut im Training was durchzechte Nächte anging. Nicht wie damals als sie sich an Dwalins Geburtstag in der Schänke kennenlernten.

Langsam schmolz draußen vor den Toren der Schnee. Lenja war ein wahres Winterkind. Sie liebte die Kälte und den weißen Zauber. Aber sie freute sich umso mehr auf den nahenden Frühling. Balin hatte in Thorins Namen Nachricht in die Ered Luin geschickt als die Schlacht geschlagen war. Und Roac hatte ihnen vor zwei Tagen berichtet, dass mehrere hundert Zwerge zu Fuß, mit Viehwagen oder auch reitend zu ihnen auf den Weg waren. Schon bald würden sie in diesem Berg nicht mehr die Ruhe haben, die sie jetzt umgab. Aber sie freute sich auf die Zukunft. Auf das Leben, welches hier sehr bald einziehen durfte. Und ihre Freunde schienen auch in Aufruhr zu sein. Sie alle waren in Vorfreude ihre Lieben wiederzusehen.
Das beste Beispiel dafür war Glóin. Er hoffte, dass Rimma und Gimli unter den nahenden Verwandten waren. Von Weib und Sohn so lange getrennt zu sein, hatte doch deutlichere Spuren hinterlassen als er jemals zugeben würde. Ein wenig unruhig sah man ihn in den letzten Stunden immer wieder in Richtung des Hauptportals gehen oder abwartend auf der Empore über jenem Ausschau halten.
Aber auch Fíli und Kíli wirkten leicht nervös. Lenja vermutete, dass dies mit der baldigen Begegnung mit Dís zusammenhängen musste, aber ihre Neffen stritten alles ab. Auf ihre Frage bekam die Zwergin lediglich zu hören, dass ihnen die Langeweile und Stille in diesem Berg gehörig auf das Gemüt schlugen. Aber sie glaubte ihnen nicht. Selbst Thorin wirkte ein wenig anders als ihm durch Roacs Beobachtung bewusst wurde, wer bald in seine Hallen eintreten würde. Und wenn Lenja ehrlich zu sich selbst war, war auch ihr ein wenig anders. Auf der einen Seite freute sie sich auf die bekannten Gesichter. Auf der anderen Seite hoffte sie an Thorins Seite akzeptiert zu werden. In den letzten neun Monaten der Reise und der Zeit danach war viel geschehen. Nicht nur in ihrer Gemeinschaft, sondern auch in den Ered Luin. Ein verheirateter König und noch baldiger Familienvater dazu war vielleicht ein wenig zu viel der frohen Kunde. Aber sie konnte nichts anderes tun als abwarten und schauen, was geschah.


**


„Wenn du mich und deinen Sohn noch einmal so lange allein lässt, dann brauchst du gar nicht wieder zu kommen! Hast du mich verstanden? Auch wenn unser Junior sich alle Mühe gegeben hat mich in deiner Abwesenheit auf Trab zu halten, lasse ich dich in der nächsten Zeit nicht mehr aus den Augen. Auch wenn Gimli bereits erwachsen ist, heißt das noch lange nicht, dass du als sein Vater einfach für fast ein gesamtes Jahr verschwinden kannst. Glóin, du hast immer noch Verantwortung für den Jungen! Er braucht ein männliches Vorbild! Und wie soll er mir nicht über Tische und Bänke gehen, wenn weder du noch irgendein anderer vorzeigbarer Zwerg in der Nähe ist zu dem er aufschauen kann? Ich spreche mit dir, Glóin!“

Der angesprochene Zwerg hatte sich das Wiedersehen mit seinem Weib wahrscheinlich anders vorgestellt. Unter den zum Großteil belustigten Blicken der Gemeinschaft stand eine viel kleinere Zwergin vor ihrem Mann und ließ nach einer kurzen, aber stürmischen Umarmung der angestauten Wut freien Lauf. Etwas weiter hinter ihr stand der gemeinsame Sohn und war von der Szenerie ebenfalls nicht begeistert. Seine Gesichtsfarbe war bald in einem ähnlichen Rot wie seine Haare. Sein Onkel Óin hatte sich neben ihn gestellt und ihm aufmunternd auf den Rücken geklopft. Beide wussten, dass Rimma und Glóin sich heiß und innig liebten. Dieser Gefühlsausbruch war der beste Beweis dafür. Aber kein Kind mochte es, wenn die Eltern sich in aller Öffentlichkeit so benahmen. Glóin versuchte verzweifelt bei seinem Weib zu Wort zu kommen. Doch so recht wollte ihm es nicht gelingen. Mit störrischer Miene schüttelte Rimma schließlich den Kopf und ließ ihren eigenen Mann links liegen, um sich vor Thorin zu verbeugen und Lenja im Anschluss mit einem begeisterten Ausruf zu ihrem Umstand zu gratulieren und sie in die Arme zu schließen. Ihr Sohn Gimli blickte nur verwirrt zwischen seiner Mutter und der anderen Zwergin hin und her.

„Ich habe es doch gewusst. Die Zeit heilt alle Wunden! Und dann gleich so gut. Na, wenn das nicht das schönste Zeichen für eine wunderbare Zukunft ist. Ich schätze Anfang vierter Monat. So von dem, was ich hier durch den Stoff erahnen kann...“

„Der Kennerblick“, flüsterte Óin seinem Neffen zu.

„Ja, immerhin bin ich von Fach. Und ich freue mich, dass es hier bald einiges für mich zu tun gibt. Vielleicht kommen noch andere Zwerge auf den Geschmack. Das wäre so schön. Eine neue Generation, glückliche Paare – der Erebor wird wieder erstrahlen. Wenn wir Zwerge nicht nur so ein faules Volk wären. Schau mich nicht so an, Dwalin! Wann bist du denn auf die Idee gekommen, dir ein hübsches Weib zu suchen oder gefunden zu werden? Hm? Bindungsunfähig und nur keine Verantwortung übernehmen wollen. Da bist du nicht der Einzige. Was ist denn daran so schwer sich einen Partner zu suchen und dann gemeinsam Kinder in die Welt zu setzen? Eines Tages sterben wir noch alle aus, weil keiner Lust darauf hat Nachwuchs groß zu ziehen. Aber liebend gern die Laken gemeinsam zerwühlen. Ja, das können wir Zwerge...“

„Mutter...“

„Was ist denn Gimli-Schatz? Siehst du denn nicht, dass ich mich unterhalte?“

„Übertreibst du es nicht ein bisschen? Mir wird das langsam ein bisschen peinlich...“

„Peinlich!? Ich und peinlich!? Mein lieber Sohn, was meinst du denn wann, wo und wie du entstanden bist, hm? Bestimmt nicht, weil dein Vater und ich uns zu lange in die Augen geschaut haben. Wohl eher, weil...“

„War Rimma eigentlich schon immer so gesprächig? Oder kommt es mir nach all der Zeit nur so vor?“, fragte Lenja vorsichtig ihre Schwägerin als sie nur noch den Hinterkopf der blonden Zwergin sahen wie sie ihre beiden Männer vor sich her scheuchte.

Dís hatte zusammen mit ihren Söhnen bei Thorin und ihr gestanden und jedes einzelne Wort der Hebamme gelauscht.

„Ich glaube, es ist wohl eher die Freude, dass alles gut verlaufen ist. Hier bei euch und auch bei unserem Weg hierher. Sie lag mir monatelang in den Ohren. Sie hatte Angst um Glóin. Und ich konnte sie sehr gut verstehen. Mir erging es auch nicht anders. Nur hatte ich gleich drei Männer auf lange Reise geschickt. Und ich sehe es genauso wie Rimma: wenn ihr beiden euch noch einmal auf so eine waghalsige Unternehmung begeben wollt, dann sperre ich euch ein. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Nächte ich wach gelegen und gehofft habe, dass alles gut wird, dass ihr am Leben seid.“

„Und was ist mit Onkel? Der darf das wohl? Einfach wegbleiben?“ Kíli hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

„Euer Onkel muss das mit eurer Tante klären. Aber ich glaube nicht, dass er so schnell wieder weg möchte nachdem sie sich endlich wiedergefunden haben und nun auch noch ein kleines Schätzchen unterwegs ist.“ Dís' Augen besaßen das gleiche Blau wie Thorins.


**


„Was wird das, wenn es fertig ist?“ Belustigt schaute Thorin zu Lenja auf, die sich auf seinem Schoß gesetzt hatte und ihn dadurch eines Abends von der Arbeit abhielt.

„Kannst du nicht einfach deine Arbeit für heute beenden und mit mir kommen?“, flüsterte sie in sein Ohr während sie sich an ihn schmiegte.

„Um was zu tun?“, flüsterte er zurück und musste sich ein Lächeln verkneifen als sie trotzig die Unterlippe vorschob und mit seinem Haar spielte.

„Es ist schlimm, Thorin. Mein ganzer Körper kribbelt bereits seit mehreren Tagen. Ich war schon bei Rimma und habe mich erkundigt, ob das normal ist. Meine Gedanken an dich und deinen... Sie hat nur genickt und mir auch gesagt, was dagegen hilft. Aber dafür brauche ich dich.“ Mit dem Zeigefinger strich Lenja über Thorins Brust.

„Und was kann ich dagegen tun?“ Fragend sah er seine Frau an.

„Mich berühren und mich lieben. Rimma meinte, wir können uns glücklich schätzen, dass mein Appetit auf dich wiederkommt. Und ich würde zu gern mit dir zusammen nun in unsere Kammer gehen und gucken, ob das Kribbeln anhält oder ob du es noch schöner machen kannst.“


**


Mit dem Frühling erblühte nicht nur die Umgebung um den Erebor zu neuem Leben. Auch der Berg selbst war nun wieder gut bewohnt. Dreihundert Zwerge waren aus den Ered Luin und den Eisenbergen zurück in die alte Heimat gekehrt. Es war schön zu sehen, wie das Leben heimkehrte. Der Alltag nahm sie schnell gefangen. Es blieben noch einige Reparaturarbeiten zu erledigen. Die Minenschächte wurden nach und nach erneuert, die Wege ausgebessert und wenn der Ansturm der vielen Rückkehrer so weiterging, konnte schon in wenigen Monaten weiter in den Berg hinein für neue Unterkünfte gegraben werden. Der Erebor blühte auf. Und Lenja bereitete es große Freude zu sehen, wie er mit neuem Leben erstrahlte. Genauso wie sie selbst.

Thorin hatte ihre plötzliche Lust auf körperliche Liebe und Zärtlichkeit mit einem Augenzwinkern als Frühlingsgefühle abgetan, obwohl er ahnte, dass diese Schwankungen wohl stark mit der Schwangerschaft zusammenhingen. Doch er liebte es Lenja ein wenig zu necken und fragte sie manchmal, wie sie sich überhaupt auf die Fertigstellung der Kronen konzentrieren könne, wenn sie doch bestimmt in ihrer Werkstube in Gedanken der letzten Liebesnacht nachhing. Entnervt hatte sie nur die Augen verdreht und ihm mitgeteilt, dass er sich bloß nichts auf seine Liebhaberqualitäten einbilden musste. Es sei schlicht die stärkere Durchblutung ihres Unterleibs, welche sie öfter als sonst erzittern ließ. Aber beide konnten nicht verschweigen, dass sie sich trotz aller Stimmungsschwankungen und heftigen Liebesnächte sehr auf das Kind freuten, welches in Lenjas Bauch heranwuchs. Mit leuchtenden Augen betrachtete sich die Zwergin nur zu gern nackt im Spiegel. Jetzt, im sechsten Monat, konnte sie nicht nur die stattliche Rundung begutachten, sondern auch kleine Erschütterungen wahrnehmen, wenn der Schatz in ihrem Schoss sich bewegte. Sie war sich erst nicht sicher gewesen als sie das erste Mal eine Bewegung in ihrem Bauch verspürte. Aber dann als sie sich auf die Stelle konzentrierte, tat ihr das Baby den Gefallen und ließ seine Mutter vor purem Glück erstrahlen. Immerhin war sie nicht in eine Unterredung zwischen Thorin und Bard geplatzt als sie die Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes aufriss. Überglücklich war sie zu ihm geeilt und hatte ihm von dem kurz vorher erlebten kleinen Wunder berichtet. Auch wenn der kleine Schatz in ihrem Bauch ein wenig auf die nächste Bewegung warten ließ und sich rar machte, konnte sie sehen, wie Thorins Augen ein wenig feucht glitzerten als sie Tage später zusammen im Bett lagen und das Kind in ihrem Bauch förmlich Purzelbäume zu schlagen schien.

Manchmal dachte sie an Bilbo und Tauriel. Sie hoffte, dass es ihnen gut ging. Sie hatte noch keine Nachricht von ihnen erhalten. Aber sie hätte so gern ihr Glück mit ihren Freunden geteilt. Lenja ging es so gut wie noch nie in ihrem Leben zuvor. Selbst die einfachsten Dinge erschienen ihr seit ihrer Schwangerschaft als wunderbar. Erst neulich hatte sie Stunden damit verbracht die Blütenpracht auf den Feldern rings um den Erebor zu betrachten. Die Farben strahlten mit einer Intensität, die sie noch nie zuvor hatte wahrnehmen können. Und auch die Gerüche wirkten plötzlich so intensiv, wie nie zuvor.
Nachdem sie die beiden Kronen für die Zeremonie im nächsten Monat fertig gestellt hatte, wusste sie nichts mit ihrer Freizeit anzufangen. Thorin hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie keine dauerhafte Aufgabe übernehmen sollte. In ihrem Umstand hatte er ihr verboten sich körperlich anzustrengen. Und somit verbrachte Lenja die meiste Zeit nun an der frischen Luft. Aber nie allein. Sehr oft wurde sie von Dís oder Rimma begleitet. Aber wenn sie nicht nur auf einen kurzen Spaziergang aus war, war Dwalin sehr oft ihr Begleiter. Bis jetzt hatte sich der Zwerg noch nicht beschwert seine schwangere Nichte zu hüten, wenn ihr Mann keine Zeit fand bei ihr zu sein. Vielleicht genoss auch er ein wenig die Ruhe nach den letzten anstrengenden Monaten. Zumal es eindeutig Schlimmeres gab als Lenja zu begleiten. Immerhin waren Onkel und Nichte schon immer ein Herz und eine Seele gewesen. Auch wenn Dwalin darauf achten musste, dass Lenja mit wachsendem Bauch nicht schneller wurde, hatten die beiden ihren Spaß. Manchmal schwelgten sie einfach in der Vergangenheit und lachten über die alten Geschichten. So glücklich wie einst konnten sie nun auch wieder werden. Wenn nicht sogar noch ein bisschen mehr.

Auch heute saßen sie zusammen nicht unweit der alten Verkehrsstraße zwischen Thal und dem Einsamen Berg auf einem Felsen. Gerade war Dwalin dabei über die möglichen Vor- und Nachteile eines Mädchens und eines Jungens zu philosophieren. Immer zog er den direkten Vergleich zu Lenja und Ári. Manchmal auch zu sich selbst und seinen beiden älteren Geschwistern.

„Aber wenn das Kind dann doch eher Thorins Gemüt bekommt, ob Mädchen oder Junge ist jetzt erst einmal uninteressant, habt ihr bestimmt auch genug zu tun. Auch wenn dein Gatte so ruhig nach außen wirkt, ist das alles antrainiert. Du weißt selbst, wie unbeherrscht er manchmal sein kann. Also kleiner Racker, du darfst alles werden nur nicht das geballte Gemüt deiner Eltern in dich aufnehmen. Dann geht alles über Tische und Bänke. So viele Diener können sie gar nicht beschäftigen, um dich dann still zu bekommen. Also: überleg dir das mit der Ähnlichkeit genau.“

„Und du meinst jetzt, dass mein Kind auf dich hört? Haben Ári und ich das jemals getan? Vor Balin haben wir so gut wie immer unsere Köpfe eingezogen. Aber mit dir, Onkel Dwalin, war es viel schöner ausgiebig zu raufen.“

„Muss ich dich jetzt wieder Kurze nennen damit du deinen Schalk ablegst?“

„Lenja? Bist du das?“
Eine helle Stimme riss die beiden Zwerge aus ihrem kleinen Wortgefecht.

Ein blondes Zwergenmädchen stand fragend vor ihnen und schaute die Frau mit großen Augen an. Die schulterlangen Haare waren in zwei Zöpfe geflochten und das blaue Kleidchen hatte auch schon bessere Tage gesehen. Grüne Flecken am Saum deuteten darauf hin, dass seine Trägerin entweder bereits seit längerer Zeit ihre Kleidung nicht gewechselt hatte oder sehr gern auch ein wenig abseits des Weges ihr Unwesen trieb. Und Lenja wusste, dass eher letzteres der Fall war.

„Jóna! Was machst du denn hier? Bist du ganz allein? Wo ist denn deine Mama?!“ Die Frau hatte sich von ihrem Platz erhoben und sich vor dem Mädchen nieder gekniet.

„Mama ist nicht weit weg. Ich bin also gar nicht allein. Ich wollte einfach ein wenig vorlaufen. Siehst du dahinten? Den Wagen mit den zwei Ponys davor? Da kommen sie schon. Ári hat extra für die Reise die beiden Tiere gekauft. Ich habe sie Pünktchen und Sternschnuppe genannt. Ich glaube, es sind zwei Mädchen. Siehst du die beiden da? Eins hat schwarze Punkte und eins ganz helle.“ Das Zwergenmädchen strahlte über beide Ohren.

„Ári?“

„Ja. Mama, Mjöll, das Baby, Ári und ich sind bereits seit fast drei Monaten unterwegs. Ich weiß nicht, was Monate sind. Aber es hat ganz lange gedauert. Als wir los sind, hat noch ein wenig Schnee gelegen. Aber nun haben wir dich gefunden. Hast du wirklich gegen einen Drachen gekämpft? Ganz allein? Warum hast du mich denn nicht mitgenommen? Ich hätte dir doch geholfen. Und wer ist das da? Und warum siehst du so anders aus? Ich habe dich noch nie in einem Kleid gesehen. Halt. Doch. Bei Áris Hochzeit. War der da hinter dir nicht auch dabei? Und warum bist du so rund? Hast du zu viel gegessen? Oder ist das genauso wie bei Mjöll? Bekommst du auch ein Baby?“

Lenja konnte nicht anders. Sie musste Jóna in den Arm nehmen und fest an sich drücken. Die Sonne strahlte an diesem Tag mit dem kleinen Zwergenmädchen um die Wette. So viele Fragen auf einmal. Das war Jóna, wie sie leibt und lebte. Die bald zehnjährige Tochter einer Schneiderin aus der Nachbarschaft. Das einzige Zwergenkind in ihrer alten Stadt. Und nun stand der kleine Wirbelwind hier direkt vor ihr. Vor den Pforten des Erebors.

„Komm. Wir müssen ihnen zeigen, dass ich dich gefunden habe. Sie werden ganz große Augen machen. Und Ári freut sich bestimmt ganz doll dich zu sehen. Und das Baby musst du auch noch kennenlernen. Manchmal plärrt es ganz laut. Aber ich habe es ganz lieb. Lenja, komm.“

Mit Jóna an der Hand ging sie dem kleinen Wagen entgegen. Dwalin folgte ihnen mit etwas Abstand. Sie waren kaum noch hundert Meter von den Ponys entfernt als das kleine Mädchen sich losriss und ihnen entgegen eilte.

„Ich habe sie gefunden! Schaut doch! Ich habe Lenja gefunden!“, rief sie voller Freude.

Die Frau konnte nur mit einem Lächeln auf den Lippen den Kopf schütteln. Wie hatte sie die letzten Monate nur ohne die Lebensfreude dieser kleinen Dame ausgehalten? Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr ihr das blonde Mädchen gefehlt hatte.

„Ah, dann wirst du also doch eine große Kriegerin. Du kannst ja ganz hervorragend Fährten lesen, was?“, hörte sie eine bekannte Stimme antworten.

Ári hielt die Zügel der Ponys in Händen und ließ den Wagen anhalten, um die drei Ankömmlinge willkommen zu heißen.

„Ich habe es euch doch gesagt. Ich finde sie“, flötete Jóna und tanzte aufgeregt um ihre Mutter und Mjöll herum, die ein kleines Bündel in Armen hielt. Jónas Mutter versuchte vergebens ihre Tochter ein wenig wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die dunkelblonde Jódis hatte es nicht immer einfach mit dem kleinen Wirbelwind. Ganz allein ohne den Vater ihrer Tochter. Doch heute freute sie sich ebenfalls viel zu sehr, um ihr Mädchen ernsthaft zur Raison rufen zu wollen. Auch Ári hatte nun den Wagen verlassen und freute sich sichtlich seine Schwester wieder in die Armen schließen zu dürfen.

Mit Tränen in den Augen hielt sie ihren Bruder an sich gedrückt. Viel zu lange hatte sie auf diesen Moment warten müssen. Ihr Herz überschlug sich bald vor Freude. Sie konnte ihr Glück kaum glauben. Ári war hier. Er war hier bei ihr.

„Ich glaube, die Überraschung ist uns gelungen, meine Damen. Du darfst dich bei Mjöll und Jódis bedanken. Ich wollte noch warten bis wir zurück in die Heimat kehren. Aber ich brauche dir ja nicht zu sagen, dass ich nicht weit komme, wenn die beiden sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Balin hatte uns eine Nachricht geschickt. Die Kunde erreichte uns kaum zwei Monate nach Mjölls Niederkunft. Ich dachte ja, dass sie sich von den Strapazen der Geburt noch ein wenig ausruhen wollte. Immerhin hatte sie mich ja davon abgehalten Thorin einst zu folgen. Aber du kennst ja mein Weib.“

Mit einem bösen Blick bedachte die soeben Gemeinte ihren Mann. Dass dieser nicht ganz ernst gemeint war, wussten alle.

„Ach, und bevor ich es vergesse. Darf ich vorstellen: Mæva, die hübscheste Windelträgerin unter Mittelerdes Sonne“, sprach Ári mit stolzgeschwellter Brust und nahm das kleine Bündel strahlend von seiner Frau entgegen.

Gut in einem dicken Leinen gehüllt, schlummerte ein kleines Zwergenmädchen. Die Haare, die unter dem weichen Stoff hervor lugten, waren fein und dunkel. Unwillkürlich musste sie an Ári denken. An den kleinen Körper, den sie vor so vielen Jahren einst in Armen hielt. Ihren eigenen Bruder. Und nun sah sie in das tief entspannte Gesicht ihrer Nichte. Die Ähnlichkeit war unverkennbar. Selbst die kleine Stupsnase hatte sie von ihrem Vater geerbt.

„So ein schönes Kind. Sie sieht dir sehr ähnlich, Ári“, bemerkte Lenja, ohne den Blick vom Baby abwenden zu können.

„Aber wie ich sehe, wart auch ihr nicht ganz untätig. Balin schrieb uns zwar, dass du und Thorin, dass ihr euch wiederentdeckt habt. Aber mit der kleinen Kugel konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht rechnen. Der Winter war wohl kalt im Erebor, was Lenjalinchen?“

„Pass auf, wie du mit mir sprichst. Immerhin habe ich den direkten Draht nach oben. Wenn das der König hört, wie du mit seinem Weib sprichst“, lachte sie auf.

„Ich vergaß. Mein Schwager ist ja König. Dann wollen wir Thorin nicht mehr länger warten lassen. Immerhin muss die kleine Mæva auch noch ihren Onkel kennenlernen. Der kleine Vetter oder die kleine Base lässt sich ja noch einige Monate Zeit.“


Die Frauen hatten sich entschieden den Rest des Weges zu Fuß zu bestreiten. Nur Jóna wollte lieber wieder auf dem Wagen Platz nehmen. Das Baby hielt sie gekonnt in den Armen. Wie eine große Schwester, obwohl sie eher eine große Freundin werden konnte.
Dwalin gesellte sich zu seinem Neffen. Und als die beiden Männer das Gespann langsam wieder in Gang setzten, konnten die drei Frauen folgendes Gespräch teilweise belauschen:

„Versprich mir eins, Dwalin. Lass mich nie wieder mit vier Weibern allein eine solche Reise tätigen. Auch wenn eine von ihnen noch nicht sprechen kann und höchstens schreit, wenn sie unzufrieden ist, muss das nicht noch einmal sein. Ich weiß gar nicht, wie Lenja eure Reise hierher überlebt hat... dreizehn Kerle...“

„Mit dem Hobbit und dem Zauberer waren wir fünfzehn Kerle..."

„Wird Lenja eigentlich genauso rund werden, wie Mjöll? Wenn ja, meinst du, dass wir ihr auch einen Humpen auf den Bauch stellen können? Mæva hat unser Späßchen bestimmt auch gefallen gehabt als sie noch in Mjölls Bauch war, oder Mæva? Immerhin hast du nicht getreten oder geboxt als wir mit deiner Mama Schabernack getrieben haben...“
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