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„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
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11.01.2013 4.719
 
„Bei Mahal! Thorin! Du lebst! Aber wie... wie...“, stotterte Lenja als sie im Begriff war nach und nach zu realisieren, dass ihr Mann sich nicht mehr als drei Meter von ihr entfernt auf einem einfachen Lager befand. Der Mann von dem sie bis vor einer Minute noch gedacht hatte, er sei tot.

Im Halbdunkel war ihr das provisorische Bett gar nicht aufgefallen. Zu sehr war sie von den Utensilien auf dem Tisch abgelenkt gewesen, um auch nur einen Blick weiter in die dunklere Ecke des Zeltes zu riskieren. Thorin? Ihr Mann? Am Leben? Wie auch immer dies geschehen konnte, wusste sie nicht. War es Zauberei? Träumte sie?

Doch endlich fiel der Groschen und die Starre von einst wich in wenigen Bruchteilen von Sekunden aus ihrem Körper. Wie zu einem Sprint ansetzend, machte sie einen hastigen Satz nach vorn und stürmte förmlich auf das Krankenbett zu. Ihr Herz raste, ihr Kopf war leer, alles fühlte sich gleichzeitig so wahr und doch irreal an. Sie musste zu ihm. Es herausfinden, ob sie träumte. Ihn berühren. Ihn in seine Augen schauen. Seinen Herzschlag spüren. Sich davon überzeugen, dass der Verstand ihr keinen üblen Streich spielte.

Rechts neben dem Lager ging sie in die Knie. Sie konnte nicht anders. Sie musste ihn berühren. Auch wenn ihre Finger zitterten, musste sie Thorin anfassen. Sie bebten vor Aufregung. Tränen schossen in ihre Augen. Ihr Herz stolperte als sie zart über seine Wange strich. Ganz vorsichtig fuhr sie mit den Fingerspitzen über seine Haut, weiter über seinen dunklen Bart hinunter bis zum Hals. Seine Haut war warm. Sie konnte seinen Herzschlag spüren. Ihn gleichmäßig atmen sehen. Zwei blaue Augen sahen sie ein wenig schläfrig an. Aber es war nicht derselbe Blick wie im Thronsaal. Nein, sie besaßen einen ganz anderen Glanz. Thorin war hier. Er lebte. Mehrmals musste die Zwergin schlucken. Ein Kloß hatte sich in ihrer Kehle gebildet. Völlig übermannt von ihren Gefühlen begann sie zu lachen und schüttelte doch im selben Moment ungläubig den Kopf. Tränen rannen über ihr Gesicht als sie seine linke Hand an ihrer fühlte. Der Griff war nicht fest, aber für Lenja war es bis dato der schönste Moment in ihrem Leben. Sie konnte ihr Glück noch immer nicht glauben.

„Du... lebst...“, brachte die Zwergin kaum zwischen vermehrtem Schluchzen über die Lippen. Und obwohl sie vor Freude strahlte, suchten sich dicke Tränen immer noch ihren Weg und fielen wie Regentropfen von ihrem Kinn.

Ein schwaches Lächeln schlich sich auf Thorins Lippen. „Ich kann... dich doch... nicht... allein lassen.“

„Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich jetzt fühle. Ich bin so... froh... so... unbeschreiblich glücklich... Thorin, ich habe gedacht, dich für immer verloren zu haben...“

Und einen Wimpernschlag später befanden sich ihre Lippen auf seinen. Sie musste ihn küssen. Sie konnte nicht anders. Ganz vorsichtig. Erst einmal, dann zweimal, ein drittes Mal und noch ein viertes. Nicht zu lange, nicht mit zu viel Druck. Sie wollte ihn doch nicht überfordern. Er sollte sich nicht überanstrengen. Jetzt erst realisierte die Frau, dass ihre Lippen zitterten. Erschrocken fuhr sie mit der linken Hand an ihren Mund.

„Du machst... mich... nicht... kaputt“, flüsterte Thorin und auch wenn seine Stimme noch schwach war, so konnte sie einen Schalk in seinen Augen erkennen.

Am liebsten hätte sie ihn für diesen flapsigen Kommentar einen Kniff in die Seite gegeben, aber trotz aller Freude fielen ihr die Verbände ins Auge, die sie bisher völlig ausgeblendet hatte. Schürfwunden im Gesicht ihres Mannes hatte sie zwar bereits realisiert, aber die Ausmaße von Azogs Werk wurden ihr jetzt erst bewusst. Mit offenem Mund starrte sie auf seine verbundene Brust und den rechten Arm, welcher eng an Thorins Körper bandagiert war. An vielen Stellen schimmerte das helle Leinen dunkel. Ein Zeichen des schweren Verletzungsgrades. Ihr sorgenvoller Blick schien dem Zwerg aufzufallen. Er zwang sich zu einem weiteren Lächeln bevor er über ihre Hand strich.

„Ist... schon... gut“, flüsterte er.

Hastig wischte Lenja sich die Tränen aus dem Gesicht. Sein dünnes Lächeln und seine Zuversicht steckten förmlich an. Langsam aber sicher beruhigte sich die Zwergin wieder. Auch wenn das Herz immer noch heftig in ihrer Brust klopfte, waren die Tränen fürs Erste versiegt. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Thorin lebte. Mahal hatte ein Einsehen mit ihnen gehabt. Da war sie sich ganz sicher. Sie war sprachlos vor Glück. Es gab in jenem Augenblick nichts Schöneres als die Hand ihres Mannes zu halten. Als still, ohne viele Worte, in seine Augen zu schauen. Leben in ihnen zu sehen. Die Anwesenheit des Anderen zu genießen. Die Wärme zu spüren. Das Glück nach und nach zu realisieren.

Schließlich neigte Lenja ihr Haupt zu ihm nieder, sodass sich beide Zwerge an der Stirn berührten. Sie sah, wie Thorin seine Augen schloss. Sie tat es ihm gleich. Wie einst bei ihrer Hochzeit. Ein Zeichen der Liebe. Ein Zeichen, dass sie zusammengehörten. Ein Symbol der Zuneigung. Der Beweis, dass sie dem jeweils Anderen ihr Herz geschenkt hatten.

Wie lange sie in dieser Position verweilten, konnte die Zwergin nicht sagen. Thorin zu riechen, seinen Atem in ihrem Gesicht zu spüren, seine Wärme zu fühlen – niemals hätte sie im Traum daran gedacht ihrem Mann noch einmal so nah zu sein. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Bis vor kaum noch einer Stunde hatte sie mit ihrem Schicksal als Witwe gehadert und nun war sie die glücklichste Person in ganz Mittelerde. Die Götter hatten ihr ihren Mann gelassen. Sie hatten ihnen eine gemeinsame Zukunft geschenkt. Sie lächelte als sich ihre Nasenspitzen berührten. Wenn dies doch ein ganz seltsamer Traum sein sollte, würde sie nie wieder erwachen wollen.

Ein Rascheln unweit von ihnen entfernt, riss sie aus ihrer Zweisamkeit. Mit einem Blick zum Eingang stellte sie fest, dass Balin soeben das Zelt betreten hatte. Der Zwerg strahlte über das ganze Gesicht als er seine Nichte und Thorin so vertraut vorfand. Langsam kam er näher, nahm einen Stuhl und setzte sich zu ihnen.

„Es tut mir Leid, dass wir es dir erst verschwiegen haben, Lenja. Wir wussten nicht, ob Thorin es schafft. Die Heiler kämpften wahrlich um sein Leben. Alles hing am seidenen Faden. Erst schienen ihre Versuche hoffnungslos. Kaum mehr als ein Fünkchen Leben steckte noch in seinem Körper. Wir wollten dir keine falschen Hoffnungen machen. Dein Herz sollte nicht noch einmal brechen falls er es doch nicht schaffen sollte. Aber die Götter standen auf unserer Seite. Wir müssen ihnen und den Heilern danken, dass wir noch länger etwas von unserem König haben. Auch wenn du noch schwach bist, sind sie zuversichtlich, Thorin. Mit viel Ruhe und ausreichend Schlaf wirst du bald wieder der Alte sein. Inwieweit du aber deinen Arm in Zukunft belasten kannst, wissen die Heiler nicht. Aber das sollte wohl eher ein sehr geringes Problem sein, wenn du doch lebst, nicht wahr?“

Balin wirkte sichtlich zufrieden. Lenja war es auch. Wäre da nicht noch etwas anderes. Trotz des puren Glückes, welches sie in Händen hielt, trübte doch ein weiterer Verlust ihre Stimmung. Nach der ersten Euphorie kamen ihr die schrecklichen Bilder wieder in den Sinn. Blut. Thorin. Und dann waren da noch Fíli und Kíli. Doch war dies der richtige Moment nach ihnen zu fragen? Würde es nicht eher Thorins Gesundheitszustand gefährden, wenn er wusste, dass seine beiden Neffen nicht mit dem Leben davongekommen waren? Würde sie seine Genesung mit dieser Frage riskieren? Würde er sich Vorwürfe machen sie nicht beschützt zu haben? Oder wusste er bereits, was geschehen war? Hätte er es denn nicht selbst sehen müssen als Azog ihn niedergestreckt hatte? Aber an wie viel konnte er sich überhaupt erinnern? Aber würde ein König nicht fragen, wie es um seine Gefährten stand? Hatte man ihm bereits mitgeteilt, dass die beiden Brüder es nicht geschafft hatten?

Unschlüssig ließ sie ihren Blick sinken. Sie war sich so unsicher, wie schon lange nicht mehr. Egal, was sie tun würde, alles erschien ihr falsch. Gab es überhaupt einen richtigen Moment nach Fíli und Kíli, nach ihren Neffen, zu fragen?

„Die Heiler werden wohl nichts dagegen haben, wenn du bei Thorin bleibst, Lenja. Immerhin kann Liebe ja bekanntlich Berge versetzen“, schmunzelte ihr Onkel.

Sie nickte nur und sah, wie Thorin müde blinzelte. Mit einem dünnen Lächeln strich sie ihm über die Wange bevor sie ihm einen Kuss auf die Lippen hauchte.

„Balin hat Recht. Du solltest dich ausruhen. Ich bleibe bei dir. In dieser Nacht und an allen Tagen, die noch auf diesen hier folgen werden. Ich passe auf dich auf, solange du noch nicht wieder bei Kräften bist“, flüsterte sie und sagte zu sich selbst, dass morgen auch noch ein Tag sei, um nach ihren Neffen zu fragen. Jetzt war sie erst einmal glücklich. Die Trauer würde sie noch allzu früh wieder einholen.


**


Im Sitzen schlafen, hatte Lenja noch nie gemocht. Langsam streckte sie sich als am frühen Morgen ein Heiler der Elben zu ihnen ins Zelt trat, um Thorins Wunden zu versorgte. Lange war sie letzte Nacht noch wach gewesen und hatte ihrem Mann beim Schlafen zugesehen. Doch irgendwann waren auch ihre Augen zugefallen. Die Anstrengungen des letzten Tages hatten schließlich ihren Tribut gezollt. So verließ sie nun für einen Augenblick das Lager und ging hinaus. Vielleicht war Balin oder jemand anders aus der Gemeinschaft bereits wach. So würde sie eventuell einen Gesprächspartner finden und musste nicht allein etwas frühstücken. Ihr Bauch knurrte bereits als sie zwischen ein paar vereinzelten Zelten hindurch schritt und erinnerte sie daran, dass es schon über einen Tag her war als sie das letzte Mal etwas zu sich genommen hatte. Nur wo sollte sie hier etwas finden?

Der Morgen war frisch. Sie konnte ihren Atem sehen und feiner Raureif bedeckte die Ebene zu ihren Füßen. Der Winter kam geschwind. Wenn sie noch vor Einbruch der dunklen Jahreszeit in den Erebor zurückkehren wollten, mussten dort schon bald die ersten Arbeiten übernommen werden. Das Hauptportal musste wieder hergestellt und die vielen Gänge und Behausungen auf Vordermann gebracht werden. Sie würden einiges zu tun haben bevor sich ein ganzes Volk hier wieder heimisch niederlassen konnte. Aber die schlimmsten Zeiten lagen hinter ihnen. Sie würden es schaffen. Bisher hatten sie schließlich immer einen Weg gefunden. So sollte auch dieser neue Abschnitt machbar sein, wenn sie alle zusammenhielten. Bis die einstigen Ereborzwerge aus ihrem Exil heimkehrten, dürften noch mindestens zwei bis drei Monate vergehen. Die Nachricht über Smaugs Tod und die Kunde über die Eroberung des Erebors dürften bald die Runde machen. Aber bis der erste Tross seinen Weg in die einstige Heimat fand, dürfte noch einige Zeit ins Land ziehen. Zu weit lagen selbst die Ered Luin von hier entfernt. Und diese Zeit würden sie benötigen, um einem alten Volk eine neue Heimat zu schenken.

Mit Freude stellte sie fest, dass die meisten ihrer Gefährten unweit von ihr mit anderen Zwergen aus den Eisenbergen zusammen saßen. Beschwingt setzte sich die Zwergin neben ihren Onkel Dwalin.

„Glücklich?“, fragte dieser mit einem Augenzwinkern. Doch sie wussten alle, dass dies eher eine Feststellung als einer Frage glich.

„Ja, sehr“, stimmte sie ihm zu und nahm dankend eine dünne Suppe entgegen.

So saßen sie eine Zeit lang mit Óin, Glóin, Bombur, Bofur, Bifur und Bilbo kauend zusammen. Auch nachdem sie ihr Mahl beendet hatten, sprach kaum jemand. Und wenn waren es nur belanglose Dinge. Doch auf Lenjas Seele brannte noch eine Frage, die sie endlich stellen wollte. Sie musste es tun. Wenn nicht jetzt, wann dann.

„Wo habt ihr eigentlich Fíli und Kíli hingebracht? Ich meine, nachdem sie...“, begann Lenja und brach schließlich ab als ihr die furchtbaren Bilder wieder vorm geistigen Auge erschienen.

„Ich werde dich zu ihnen führen“, meinte Dwalin.


**


Vor einem Zelt blieb ihr Onkel schließlich stehen. Erst jetzt fiel Lenja auf, dass es sich unweit von Thorins Lager befand. Sie zögerte hineinzugehen. Obwohl sie nun an ihrem Ziel war, fehlte ihr plötzlich doch der Mut sich der Wahrheit zu stellen. Zu sehen, wie ihre Neffen aufgebahrt waren. Wie sie für eine baldige Bestattung an diesem Ort warteten. Wie groß musste der Schmerz ihrer Mutter sein, wenn sie von ihrem Tod erfuhr? Würde Dís diesen Verlust überhaupt jemals überwinden können? In die alte Heimat zurückzukehren während die eigenen Kinder diesen Triumph nicht mehr miterleben konnten? Wie schafften es Eltern weiterzuleben, wenn die Götter ihnen ihre Kinder nahmen? Mahal hatte einst auch ihr Ungeborenes genommen. Und doch war dies eine ganz andere Situation. Sie hatte ihren Schatz nicht kennenlernen dürfen. Aber Dís... sie musste ihre Söhne in- und auswendig kennen. Ihren Schabernack, die Vertrautheit, wie sie nur zwischen Geschwistern existierte, das herzliche Lachen und dann doch die ruhigen Momente, wo sie plötzlich ganz still waren und ihrem Onkel in ihrem Verhalten glichen... Ihr Herz schmerzte. Auch wenn sie sie erst seit wenigen Monaten kannte, so hatten sie sie beide doch im Sturm erobert. Jeder auf seine Art und Weise. Sie hatten sie zum Verzweifeln, aber auch zum Lachen gebracht... und nun war alles vorbei... sie waren fort, an einem anderen Ort. Bei Mahal. Und bei ihrem vor vielen Jahren verstorbenen Vater... Tief atmete sie ein und aus als sie schließlich eine Hand auf der Schulter spürte.

„Komm. Ich begleite dich“, meinte Dwalin.

Zusammen traten sie ein. Zwei Pritschen befanden sich im provisorischen Raum. Ihr Herzschlag beschleunigte sich als sie feststellen musste, dass die erste leer war. Hastig schnellte ihr Kopf weiter nach rechts. Was hatte dies zu bedeuten? Und dann traf sie fast der Schlag. Wie am Ende des gestrigen Tages traute sie ihren Augen nicht. Ein lebendiger Fíli saß unweit eines erschöpften Kílis, welcher auf der anderen Pritsche lag.

„Fíli! Bei Durin! Geh sofort zurück auf deine Pritsche oder willst du doch noch deinen Tod riskieren!? Übertreib es nicht! Sonst muss ich dich noch festbinden!“ Dwalin war außer sich als er den Angesprochenen neben seinem Bruder sitzen sah anstatt sich selbst auszuruhen. Wie damals als sie Kinder waren. Immer konnte der eine nicht ohne den Anderen.

„Ihr lebt! Aber wie? Ich habe euch doch gesehen, wie ihr... ich meine... ihr wart tot!“ Lenja hatte kaum auf die Worte des Zwergen geachtet. Viel zu sehr war sie mit dem Szenario vor ihren Augen beschäftigt.

Fassungslos starrte sie ihre Neffen an. Als der Blonde sich erhob und auf sie zukam, machte sie einen Schritt nach hinten.

„Beruhige dich. Bitte. Wir können dir alles erklären. Ich habe deutlich weniger als Kíli abbekommen. Aber lass es dir erklären. Balin meinte zwar, dass es besser sei dich im Unklaren zu lassen damit du dich nur auf Thorin konzentrieren kannst. Aber wenn ich dich so ansehe, haben wir wohl eher das Gegenteil erreicht. Uns beiden ging es von Anfang an einigermaßen. Den Umständen entsprechend. Keiner von uns kämpfte länger mit dem Tod als Thorin. Sie hatten Furcht vor deiner Reaktion. Wir lebten und dein Mann schien tot. Sie wollten es dir schonend beibringen, Lenja. Nach und nach. Und doch waren die Götter schneller. Es tut mir Leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Und Kíli genauso wenig.“

„Ihr bringt mich noch alle ins Grab mit euren Ideen.“

Lenja musste sich setzen.


**


Mittlerweile konnte sie wieder lachen. So gut die Absicht ihrer Freunde auch gewesen sein mag, mit ihrem Schweigen hatten sie sie völlig aus dem Konzept gebracht und somit eher das Gegenteil ausgelöst als sie bezwecken wollten. Doch letztendlich war es auch nicht so wichtig. Sie war glücklich. Sie freute sich aus tiefsten Herzen, dass sie alle überlebt hatten. Dass sie alle wohlauf waren und sie keiner trauernden Mutter den Verlust ihrer Söhne erklären musste. Oder sich selbst Thorins Verlust schönredete. Nein, Lenja war rundum glücklich.

Das ganze Blut im Thronsaal hatte ihren Blick getrübt. Oder vielmehr hatte sie gar nicht mitbekommen, dass Beorn und Bilbo sich um die beiden Brüder sorgten. In ihrem Schmerz und der Verzweiflung hatte sie nur noch Thorin gesehen. Sie hatte nicht registriert, dass beide noch lebten. Wenn ihre Körper auch schwach waren, so schienen sie um Weiten näher am Leben als ihr Onkel. Wenn nicht noch ein großes Unglück passierte und der Wundstarrkrampf über sie hereinbrach, müsste alles gut werden. Was auch immer man unter „gut“ verstand.

Die Waffe des Orks hatte Kílis Halsschlagader um wenige Zentimeter verfehlt. Ein Druckverband des Gestaltwandlers hatte das Schlimmste verhindern können. Mit viel Ruhe sollte der Zwerg in einigen Wochen wieder bei Kräften sein. Eine lange Narbe würde wohl sein ganzes Leben an der Stelle prangen, doch Hauptsache er lebte. Und als Dwalin ihm schließlich offenbarte, dass Zwerginnen diesen Heldenbeweis mehr als zu schätzen wissen und er sich wohl kaum vor Verehrerinnen retten können würde, schlich sich ein Strahlen in Kílis Augen, welches Lenja so sehr an ihm liebte.
Was seinen älteren Bruder anging, so hatte dieser trotz seiner Aktivitäten im Zelt doch auf lange Sicht mehr von seiner Verletzung. Kein leichtes Bündel, was ihm von den Göttern auferlegt wurde. Und doch ein Schicksal, was bei Schlachten leider nicht ausblieb. Im Gefecht hatte sein Angreifer ihm zwei Finger abgetrennt. Gegen die Schmerzen halfen Kräuter. Eine hohe Dosierung. Und doch musste der Verlust von Gliedmaßen überwunden werden. Fíli würde seine Zeit brauchen. Sein ganzes Leben müsste er immer wieder aufs Neue diesen Phantomschmerz bewältigen müssen. Doch er war nicht allein. Er hatte sie alle im Rücken. Keiner würde ihn im Stich lassen. Sie würden ihm Halt geben, wenn er selbst nicht die Kraft besitzen sollte. Und dessen war er sich bewusst.

Mit so viel Glück überhäuft zu werden, machte selbst die lästigsten Arbeiten um weiten angenehmer. Auch wenn sie sich sonst niemals um Hausarbeiten riss, konnte sie sich nicht erinnern jemals zuvor so viel Freude beim Putzen entwickelt zu haben. Zusammen mit Bilbo machte sich Lenja daran die Zeichen der Schlacht aus dem Thronsaal zu wischen.

Inzwischen waren sechs Tage seit jenem Tag vergangen. Thorin und ihren Neffen ging es zusehends besser und langsam wurden sie ein wenig mäkelig. Kleine Anzeichen, dass es mit ihrer Gesundheit Berg auf ging. Wer die Kraft besaß leise zu schimpfen, der müsste bald wieder auf den Beinen sein. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Ja, auch wenn sich ihr Mann kleinlaut beschwerte, dass alles halb so schlimm sei, wie es aussehe, wusste sie, dass es ihm trotzdem gefiel, wenn sie tagsüber lange bei ihm war und die Nächte auf einer Pritsche neben ihm verbrachte. Das Funkeln in seinen Augen, wenn er sie sah, sprach auch ohne viele Worte Bände. Und sie freute sich schon jetzt auf seine Reaktion, wenn sie zusammen endlich ihre gemeinsamen Gemächer beziehen konnten. Aber noch blieb ein Berg Arbeit.

Gestern hatte sie Bard und Thranduil bereits ihren versprochenen Anteil des Schatzes übergeben. In den nächsten Tagen würden sie aufbrechen. Ihre Verletzten waren soweit wieder transportfähig. Ein Aufbruch konnte somit erfolgen. Bard hatte ihr im Gegenzug den Arkenstein übergeben. Lange hatte sie gezögert. Sie wusste nicht, ob sie Thorin vom Juwel erzählen sollte. Schließlich tat sie es doch. Immerhin gehörte das Schmuckstück in seinen Besitz. Er war sein rechtmäßiges Erbe. Auch wenn sie eine Abscheu gegen diesen Edelstein hatte, war sie ihrem Mann gegenüber verpflichtet von den neuesten Ereignissen zu berichten. Immerhin handelte sie momentan in seinem Namen. Und entgegen ihrer Befürchtungen reagierte der Zwerg alles andere als interessiert. Sein Verlangen, seine förmliche Sehnsucht dem Stein gegenüber von vor knapp einer Woche war geschwunden. War er nach all den Geschehnissen geläutert?

„Was soll ich denn mit diesem Edelstein? Du weißt, dass er bisher mehr Unglück als Freude über uns gebracht hat. Entscheide du, was mit ihm geschehen soll. Ich vertraue dir. Immerhin hast du ihn einst zum Leben erweckt. So kannst du auch über seine Zukunft richten. Ich würde alle Schätze im Berg dafür geben dich weiterhin so glücklich zu sehen. Was ist schon ein Strahlen des schönsten Juwels, wenn ich dich täglich strahlen sehen kann.“

Thorin wusste ganz genau, was er ihr sagen musste, um sie zum Schmelzen zu bringen. Dieser Schlingel! Und doch konnte sie an seinen Worten nicht zweifeln. Ihr würde etwas einfallen. Sie hatte bereits eine Idee, was mit dem Arkenstein geschehen konnte. Aber noch hatte sie alle Zeit sich über seine Zukunft klar zu werden. Es trieb sie keiner sofort eine Entscheidung zu treffen.

Dáin und Beorn hatten ihr versichert noch ein wenig beim Wiederaufbau helfen zu wollen. Und Lenja war ihnen zu Dank verpflichtet. Dáins Männer halfen ihren Freunden bei der Instandsetzung der Portale, erneuerten zusammen mit ihnen die wichtigsten Wege innerhalb des Berges und säuberten die Ebene vor Erebors Pforten von den Leichen. Sie konnten wahrlich alle helfenden Hände gebrauchen, die ihnen angeboten wurden. Mit dem Winter im Nacken mussten die Arbeiten schnell von statten gehen. Unermüdlich war Lenja dazu auf den Beinen. An vielen Stellen musste gleichzeitig gearbeitet werden, um schnelle Fortschritte erzielen zu können. Von einigen Zwergen aus den Eisenbergen erntete die Frau irritierte Blicke als sie ihren Gefährten Aufgaben übergab und diese jene ohne zu zögern erfüllten. Und doch war es Dáin, der sie für ihre Tatkraft und die Organisation lobte.

„Weißt du eigentlich, was für ein Weib du an deiner Seite hast, mein lieber Vetter? Manche meiner Männer sind kaum aus dem Staunen herausgekommen, wie sie das Kommando übernommen hat. Aber hinter jedem König muss schließlich eine starke Frau stehen, nicht wahr?“, meinte Dáin noch gestern Abend zu Thorin.

Im ersten Augenblick konnte Lenja nicht einordnen, ob der andere Zwergenkönig dies nun positiv oder negativ meinte. Immerhin kannte sie Dáin nicht und wusste somit nicht, welchem Schlag von Zwerg er angehörte. Doch dann musste sie lächeln als er meinte, glücklicherweise ebenfalls ein solches Weib zu besitzen. Andra. Königin an seiner Seite, Mutter ihrer drei Kinder und die gute Seele der Dynastie. Mit einem eigenen Willen ausgestattet. Ein wenig störrisch von Zeit zu Zeit. Aber die Frau an seiner Seite. Genauso wie Lenja stammte sie aus keiner direkten Königslinie. Dáin war sich sicher, dass die beiden Frauen sich prächtig verstehen würden. Er meinte einen Blick dafür zu besitzen. Sie wusste es nicht. Aber es tat gut zu sehen, dass sie und Thorin nicht die einzigen waren, die nicht unbedingt immer nach den Traditionen handelten.

Gerade war die Zwergin dabei die letzten Blutspritzer vom Thron zu putzen. Wie hatte sie damals als kleines Mädchen an diesem Ort vor Aufregung gebibbert. Welcher Prunk hatte ihr entgegen geschienen. Und nun herrschte hier bald ihr eigener Mann. Wie die Zeiten sich doch ändern konnten. Wie das Schicksal doch verändert werden konnte, wenn man es sich traute für seine Träume und Wünsche zu kämpfen. Sich seinen Ängsten zu stellen, um jene zu überwinden. Sie konnte nur hoffen, dass die Zukunft von nun an besser wurde als die Vergangenheit. Das hatten sie alle miteinander verdient. Bilbo, ihre zwölf Gefährten, Thorin und sie.

„Lenja? Könnte ich dich kurz sprechen?“

Die Angesprochene wurde aus ihren Gedanken gerissen.

„Tauriel. Das ist aber eine Überraschung. Ja, selbstverständlich. Entschuldige, dass ich dich nicht gehört habe. Aber ich war eben sehr in Gedanken. Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

„Ich habe mich durchgefragt. Und ein paar skeptische Blicke deiner Gefährten später war ich endlich am Ziel. Es ist wichtig. Könnten wir... könnten wir vielleicht allein reden? Unter vier Augen? Ich habe nichts gegen dich, aber... es ist...“ Tauriels Blick glitt in Bilbos Richtung.

Der Hobbit nickte verständnisvoll und begab sich hinaus.

„Ich danke dir, Bilbo. Mach einfach eine längere Pause, ja?
Was gibt es denn, Tauriel? Ich meine, ich bin froh dich endlich zu sehen und nach all dem Durcheinander mit dir zu sprechen. Bisher hatte sich ja noch keine Gelegenheit ergeben. Ich muss mich bei dir und deinem Gefährten noch bedanken. Ohne euch und euer schnelles Eingreifen hätten Thorin und seine Neffen es wohl nicht überlebt.“

„Du brauchst dich dafür nicht bedanken. Es ist doch ganz normal. Man hilft, wo man helfen kann. Und was gibt es für einen schöneren Lohn als dich glücklich zu sehen? Ich kann mich kaum daran erinnern dich jemals so schön, so strahlend gesehen zu haben, Lenja. Nur damals, kurz bevor der Erebor unter Smaugs Schreckensherrschaft fiel...“

„Aber du bist doch bestimmt nicht hierhergekommen, um mir Komplimente zu machen, oder?“, fragend sah sie ihre Freundin an. Als jene kurz den Blick senkte, fühlte sie sich in ihrer Vermutung bestätigt.

„Nein, du hast recht. Ich wollte dir sagen, dass ich noch heute gehe...“

„Wie? Heute schon? Ich dachte, Thranduil bricht erst in den nächsten Tagen auf? Hat er es sich anders überlegt?“

„Ich gehe allein. Ich gehe nicht mehr zurück in den Düsterwald. Zu viel ist geschehen...“, traurig sah Tauriel sie an und versuchte sich zu einem Lächeln durchzuringen.

„Was ist passiert? Sag doch. Was ist geschehen? Du gehst nicht mit zurück? Aber warum?“

„Du weißt doch, dass ich und Legolas...?“

Lenja nickte.

„Jedenfalls hat er mich etwas später nach dem Ende der Schlacht gefragt, was eigentlich geschehen war. Ich war plötzlich nicht mehr im Eingangsbereich gewesen und er hatte sich Sorgen gemacht. Und schließlich hatte er uns beide dann gesehen. Verständlicherweise konnte er sich darauf keinen Reim machen. Und an meiner Reaktion hat er dann gemerkt, dass wohl mehr als der pure Zufall dahinter stand. Eine ehemalige Gefangene und ihre Wächterin mitten im Einsamen Berg... ich wollte es ihm nicht mehr verschweigen. Ich wollte nicht mehr, dass dieses Geheimnis zwischen uns steht. Also habe ich ihm alles erzählt. Ich dachte, ich tue das Richtige. Immerhin bedeutet er mir sehr viel. Aber er konnte es nicht verstehen. Sofort jedenfalls nicht. Er wollte Zeit haben darüber nachzudenken. Ich hatte ihm ja erzählt, dass wir uns bereits so lange kennen. Aber meine Hilfe bei eurer Flucht hat ihm deutlich zu denken gegeben... jedenfalls wollte er ein paar Tage über alles nachdenken. Und das hat er auch getan... vor kaum einer Stunde hat er mir dann noch einmal in die Augen geschaut... trotz aller Gefühle hat er sich gegen mich entschieden... er hat kein Vertrauen mehr... zu tief sitzt der Schmerz... der Verrat... meine Hilfe für dich und deine Freunde wiegt schwer... ich habe mich gegen seinen Vater gestellt indem ich dir und ihnen zur Flucht verholfen habe... indem ich geschwiegen habe, obwohl ich eure Pläne kannte... er will mich nicht mehr sehen... auch er fühlt sich verraten... doch er hat Thranduil davon nichts erzählt... noch nicht jedenfalls... wenn ich freiwillig ginge, würde es dabei auch bleiben... und so werde ich gehen...“

„Ich wollte das nicht, Tauriel! Das musst du mir glauben! Ich wollte nicht, dass...“, begann sie doch die Elbin schüttelte nur den Kopf.

„Es ist schon gut. Ich habe mich aus Überzeugung dazu entschlossen dir zu helfen. Und nun werde ich die Konsequenzen dafür tragen. Ich ahnte, worauf ich mich einließ.“

„Und nun? Wie wird es für dich weitergehen? Wo willst du hin, wenn du nicht mehr zurück in deine Heimat kannst? Soll ich mit Thorin sprechen? Ich kann versuchen, dass du eventuell ein wenig hier bleiben kannst. Es wird nicht einfach sein ihn zu überzeugen eine Elbin hier...“

„Nein, das brauchst du nicht. Ich gehe zurück nach Imladris. Zu meiner Familie. Der Zauberer Gandalf wird mich begleiten. Er meinte, dass er hier bereits nicht mehr gebraucht wird. Alles hat sich zu seiner Zufriedenheit entwickelt. Der Krieg unter den Nachbarn wurde abgewandt. Einer glücklichen Zukunft stehe nun nichts mehr im Weg. Er ist im Moment bei deinem Mann und spricht mit ihm. Er wollte Bilbo auch offen lassen, ob er uns begleiten mag. Aber bis jetzt konnten wir ihm diese Möglichkeit wieder ins Auenland zurückzukehren noch nicht vorschlagen. Vielleicht wird auch er uns begleiten. Wir brechen heute Abend auf. Und es ist gut so, wie es ist.“

Langsam nickte Lenja. Sie wusste, dass sie Tauriel nicht umstimmen konnte. Zu schwierig gestaltete sich bereits auch nur die Vorstellung ihre Freunde würden sie, eine Elbin, wenn auch nur für den Bruchteil einer Zeit in ihrer Gemeinschaft akzeptieren. Zu viele Differenzen lagen zwischen ihren Völkern. Es konnte nicht funktionieren. Auf kurz oder lang war es zum Scheitern verurteilt.

„Aber noch ist es erst Mittag. Und ich würde mich freuen, wenn ich die restliche Zeit mit dir zusammen verbringen kann. Auch wenn dies für mich bedeutet, dass ich dir beim Putzen helfen werde“, zwinkerte Tauriel und lächelte zaghaft.

„Wir sind schon ein komisches Pärchen. Eine Zwergin und eine Elbin, befreundet, beide rothaarig und mit grünen Augen. Wir werden in die Chroniken eingehen. Man wird sich noch in vielen Jahren daran erinnern, dass eine Elbin freiwillig Erebors Thronsaal gewischt hat“, meinte Lenja als sie ihrer Freundin einen Stofffetzen in die Hand drückte.

Ein gemeinsames herzliches Lachen erfüllte den Raum. Auch wenn vor den beiden eine ungewisse Zukunft lag, war ihnen eins bewusst: aufeinander konnten sie zählen.
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