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„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
90
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11.01.2013 2.356
 
Hatte er sie denn jemals zuvor in ihrem Leben so erlebt? Sie so verzweifelt gesehen? Gebrochen? Zitternd? Außer sich? Von einem Moment auf den nächsten panisch, schreiend, still und so schwach, dass sie sich allein kaum noch auf den Beinen halten konnte? Nein, das hatte er nicht. Selbst damals nicht als sie ihre alte Heimat verloren hatten. Als sie mitten in der Nacht mit Ári zusammen die Gemeinschaft verließ. Wenn er damals bereits gedacht hatte, dass es kaum noch schlimmer ging, so sollte er sich nun getäuscht haben. Ihr Herz war am Tag ihres größten Verlustes gebrochen, doch die Wut hatte sie am Leben gehalten. Doch nun? Wie sollte es jetzt weitergehen?

Sein Blick glitt nach links. Zusammengekauert lag sie neben ihm. Seinen mit Schnittwunden übersäten Arm hielt sie fest. Wie damals als sie noch ein kleines Mädchen war. Als sie sich in seine Kammer schlich, wenn sie schlecht geträumt hatte. Bei ihrem Onkel war sie in Sicherheit. Er würde sich schon um alle Ungeheuer kümmern, die ihr nach dem Leben trachteten. Doch nun?
Er hatte sie nicht beschützen können. Er hatte nicht aufgepasst. Erst viel zu spät hatte er Thorin, Fíli und Kíli folgen können. Im Tumult und Durcheinander der klirrenden Waffen hatte er erst sein Leben schützen müssen bevor er seinen Freunden hinterhereilen konnte. Was sollte er denn tun? Wenn er könnte, würde er die Zeit zurückdrehen. Seine Freunde retten. Sie mit seinem Leben beschützen. Sie vor ihrem grausigen Schicksal bewahren.

Dwalin atmete tief durch. Was nützte die Heimat, wenn sie doch verloren hatten? Was nützte all das Gold, wenn drei unter ihnen nicht... er konnte den Gedanken nicht beenden. Es schmerzte. Er hatte bereits viel Leid in seinem Leben gesehen. Der Tod war sein ständiger Begleiter auf dem Schlachtfeld. Und doch war jeder Tote einer zu viel. Aber dieser Kummer... Freunde zu verlieren... das pure Entsetzen in den Augen seiner Nichte zu sehen... den Schmerz in den Gesichtern der Anderen als Thorin und seine Neffen von Beorn aus dem Berg hinausgetragen wurden... wie selbst Bard und Thranduil ihnen ihren Tribut zollten... wie Dáin sein Haupt senkte... nein, auch Dwalin war nicht aus Stein. So viele Erinnerungen, die er mit ihnen verband. Gute und weniger gute Zeiten hatten sie durchgestanden. Doch niemals hatten sie sich allein gelassen oder aus den Augen verloren. Seite an Seite war ihr Kredo gewesen. Doch nun?

Der Zwerg war froh, dass Lenja endlich ein wenig Ruhe fand. Ein Heiler der Elben hatte ihr ein Kraut verabreicht, welches sie erst ruhiger werden ließ und mit dessen Hilfe sie letztendlich auch den Schlaf fand. Doch konnte er jemals dieses Bild vergessen? Mehrere Schreie hatte er durch die Flure hallen hören. Aber der letzte war ihm durch Mark und Bein gegangen. Im Blut hatte sie gesessen, unweit von Fílis und Kílis leblosen Körpern. Ihre Hände hatten sich an Thorins Kragen verkrampft gehabt, außer sich vor Schmerz hatte sie immer wieder Thorins Namen geschrien, ihre Augen waren rot geweint und doch konnte er keine Träne mehr auf ihrem Gesicht erkennen als er sie schließlich von ihrem Mann losbekommen hatte. Kraftlos war Lenja nach wenigen Schritten zu Boden gegangen. Er wusste nicht, wie viel seine Nichte überhaupt noch wahrnahm. Auf Bilbo und Beorn hatte sie nicht reagiert als beide versuchten sie von Thorin loszubekommen. Als er sie schließlich mit ein wenig Gewalt aus ihrer Starre löste, hatte sie immerhin mit dem Kopf geschüttelt und wild um sich geschlagen. Mit starrem Blick hatte sie gesehen, wie der Körper ihrer Liebe hinausgetragen wurde. Dann war sie zusammengebrochen.

Auch wenn ihre Schlafposition ihn sehr an ihre Kindheit erinnerte, lag dort neben ihm nicht mehr die gleiche Lenja wie noch heute Morgen. Selbst im Schlaf wirkten ihre Züge plötzlich ungewohnt hart. Insgeheim liebte er es, wenn seine Nichte fröhlich war, lauthals lachte oder einfach mit strahlenden Augen zu ihm hinüber schaute. So glücklich wie noch vor wenigen Wochen hatte er sie sich immer gewünscht. Sie war erwachsen geworden und doch hatte sie sich etwas von ihrer kindlichen Gelassenheit bewahren können. Und endlich war sie glücklich. Endlich hatte sie ihren alten Glanz in den Augen zurückerhalten. Doch nun? Würde sie jemals wieder lachen können?


**


Im ersten Augenblick wusste Lenja nicht, wo sie sich befand. Erst langsam kamen die Erinnerungen wieder und als ihr bewusst wurde, dass das, was sie plötzlich vor dem inneren Auge noch einmal durchlebte der Realität entsprach, fuhr sie schlagartig zusammen und setzte sich auf. Erschrocken sah sie sich hastig um. Ihr Herzschlag verlangsamte sich spürbar als sie Dwalin neben sich wahrnahm, der ihr beruhigend über den Rücken strich. Doch auch wenn die Ungewissheit blieb, wie sie an diesen Ort gelangt war, fühlte sie sich für den kurzen Moment ein wenig besser. Trotz allem.

Die Schlacht war vorbei. Jedenfalls erschien es ihr so, denn sie konnte keinen Hinweis finden, der das Gegenteil sprach. Beide Zwerge saßen auf massiven Holzkisten vor den Toren Erebors. Die Luft war frisch. Die Sonne bereits im Zuge unterzugehen. Keine Kampfgeräusche drangen mehr an ihr Ohr. Das Einzige, was sie hörte, waren viele Stimmen. Manche waren voller Leid, andere voller Hoffnung. In mehreren hundert Metern von ihrem Aufenthaltsort entfernt, sah sie Rauchschwaden gen Himmel ziehen. Mehrere Feuer loderten und hüllten die Luft in einen unangenehmen Geruch. Leicht süßlich drang er in ihre Nase, was ihr übel aufstieß.

„Es wird gleich wieder besser, Kurze. Mancherorts haben sie begonnen die Leichen zusammenzutragen und zu verbrennen. Also die der Orks. Die Menschen und Elben werden ihren Gefallenen die letzte Ehre auf heimischen Grund erweisen. Dáin wird es ebenfalls genauso mit seinen Leuten machen“, begann Dwalin.

„Und wir? Wie machen wir es?“, flüsterte die Zwergin und sah ihren Onkel traurig an.

„Die Götter werden uns den richtigen Weg weisen, wenn die Zeit gekommen ist." Mit seiner Hand fuhr er ihr über den Rücken.

„Und die Anderen? Wie geht es... ihnen?“

„Sie haben es alle überlebt. Alle haben sie Schnittwunden, Prellungen, Blutergüsse. Aber nichts, wo man sich Sorgen machen muss. Balins Nase ist gebrochen und Ori ist wohl im Gefecht ungünstig aufgetreten, sodass er sich das Fußgelenk gebrochen hat. Aber auch die beiden werden davon nicht sterben... verdammt! Es tut mir Leid, Lenja! Hör nicht auf meine Worte... ich wollte nicht...“

Schlagartig hatte sich die Frau bei den letzten Worten verkrampft. Sie wusste, dass Dwalin es nicht getan hatte, um ihr weh zu tun und doch brannte jeder Gedanke an Thorin und seine Neffen auf ihrer Seele.

„Ich weiß“, flüsterte sie deshalb und griff nach der Hand ihres Onkels als die ersten Tränen sich in ihren Augen sammelten.

Schweigend saßen sie nebeneinander. Beide hingen still ihren Gedanken nach bis Balin aus einem der naheliegenden Zelte auf das Zweiergespann zu trat.

„Kommst du, Lenja? Ich muss mit dir sprechen. Es ist wichtig“, begann der Zwerg und auch in seinen Zügen lag eine ähnliche Schwere, wie die Frau sie in ihrem Herzen spürte.

Fragend sah Dwalin seinen Bruder an. Doch als dieser den Kopf schüttelte, entspannte der Jüngere sich wieder und nickte seiner Nichte aufmunternd zu als jene langsam aufstand und unsicher zu ihrem Onkel trat, ohne zu wissen, was nun auf sie zukam. Ihr Herz begann zu rasen als sie nebeneinander her schritten.


**


„Ich will nicht lange drumherum reden, Lenja. Bilbo hat uns berichtet, was passiert ist. Warum du immer noch im Berg warst. Du hast mit eigenen Augen gesehen, was mit Thorin und den zwei Jungs geschehen ist. Die Erben Durins können nicht entscheiden... viele Menschen, Elben und Zwerge haben in dieser Schlacht ihr Leben verloren. Auch Beorn hat sein Leben riskiert als er uns zur Hilfe geeilt ist. Die Nachricht von Smaugs Tod hat sie alle hierher gebracht. Und die Orks hat er ebenfalls hierher gelockt. Mittlerweile wissen wir, was Roac meinte, als er sagte, dass es von den Dächern gepfiffen wird. Und doch waren wir beim Kampf gegen die Bedrohung nicht allein. Sie hat uns alle zusammengeschweißt.“

Fragend sah Lenja ihren Onkel an. Worauf wollte er hinaus?

„Wir sind uns alle sicher, dass Thorin es so gewollt hätte. Ich habe mit den Anderen gesprochen. Sie haben sich dafür ausgesprochen, dass du nun entscheidest. Dass du an seiner Stelle sprichst. Dass du mit Dáin, Bard, Thranduil und Beorn sprichst. Ihnen unseren Dank aussprichst. Thorin kann es nicht, Fíli und Kíli ebenso wenig...“ Balins Stimme brach.

„Ich verstehe nicht ganz...“

„Du bist seine Frau. Du wärst Königin gewesen, wenn das Schicksal...“

„Balin! Sein Blut ist noch nicht einmal kalt! Ich war bei ihm als... Und da verlangst du von mir, dass ich jetzt mit gekrönten Häuptern, dem Anführer der Menschen aus Seestadt und Beorn rede? Ich weiß nicht, ob es wirklich der beste Moment dafür ist... und hast du einmal nachgedacht? Ich bin eine Frau! Als ob sie auf mich gewartet hätten! Beorn einmal ausgenommen. Aber die anderen drei? Du weißt selbst, wie wir im Düsterwald behandelt wurden!“

„Sprich mit ihnen. Wenn du es nicht für dich tust, dann tu es für Thorin. Er hat an dich geglaubt. Tu es für ihn. Tu es für den Frieden.“

Mehrere Minuten dachte sie nach. Sie ließ ihren Blick über das Lager der Zwerge aus den Eisenbergen schweifen bevor sie schließlich zaghaft nickte.


**


Vier Männer, die mehr oder minder auf ihr Erscheinen warteten, hatte sie schon lange nicht mehr erlebt. Das letzte Mal mussten es ihre Onkel, Ári und Thorin gewesen sein als... nein, sie schüttelte sich ein wenig beim Gedanken an glücklichere Zeiten. Sie musste stark sein. Wenn nicht jetzt, wann dann.

Ohne große Umschweife begann sie das Gespräch. Nicht länger als nötig wollte sie in diesem Zelt verweilen. Die Anwesenheit Beorns machte es zwar ein wenig erträglicher, da sie den Gestaltwandler sehr mochte. Aber mit Thranduil und Bard verband sie weniger schöne Erfahrungen.

„Ich bin zu Euch gekommen, um Euch als Witwe des Königs unter dem Berg unseren Dank auszudrücken... Ohne ein schnelles Eingreifen Eurer Truppen und Eurerseits wären nicht nur wir, sondern auch der Berg verloren gewesen. Wie mir berichtet wurde, sind in Euren Reihen viele Tote zu beklagen. Für ihre Familien werden wir Euch eine Summe zukommen lassen. Genauso für die Invaliden als auch für die Zerstörung, die Smaug in Esgaroth angerichtet hat, werden wir aufkommen. Eure Hilfe wird entlohnt werden. Ich werde mich persönlich darum kümmern. Die Zahlungen werden Euch auf dem schnellsten Weg erreichen. Und doch bitte ich Euch darum, Verständnis für meine Situation aufzubringen. Nach diesem Verlust fehlen die Kräfte sofort Gold und Edelsteine zusammenzupacken. Aber Ihr habt mein Wort. In den nächsten Tagen werden wir unsere Schuld begleichen.“

Es fiel Lenja schwer so emotionslos wie nur möglich zu sprechen. Die Gedanken an den Grund für dieses Erscheinen konnte sie nicht ausblenden. Viel zu tief saßen die Wunden der letzten Stunden. Und doch musste sie es tun. Sie musste das tun, was sonst Thorin oder seine Erben getan hätten.

Beorn und Dáin nickten kurz bevor sie an Lenja herantraten, ihr versöhnlich auf die Schulter klopften und das Zelt verließen. Bard schien zu zögern bevor auch er nickte und seinen Weg unbeirrt an ihr vorbei an die kalte Abendluft nahm. Nur Thranduil und sie blieben zurück.
Die Anwesenheit des Elbenkönigs missfiel ihr. Sie fühlte sich nach den Geschehnissen in seinem Palast unwohl in seiner Nähe und wollte diesen Zustand auch nicht länger als nötig über sich ergehen lassen. Also machte sie ohne weitere Worte auf dem Absatz kehrt und wandte sich um zum Gehen.

„Manchmal braucht es Zeit, um die Welt mit anderen Augen zu betrachten“, hörte sie eine bekannte Stimme plötzlich hinter sich.

Schlagartig drehte sie sich zum König um.

„Erst die Zeit lässt uns unsere Fehler erkennen und deutlicher sehen. Auch Könige entscheiden nicht immer richtig“, sprach Thranduil weiter.

Lenja wusste nicht, was er von ihr wollte. Sprachlos über seine Worte schüttelte sie nur den Kopf. Wollte er sie nach allem, was geschehen war, provozieren? Von welchen Fehlern sprach er? Von Thorins? Von seiner Sturheit? Was wollte er denn? Ihr Mann war tot!

„So hoffe ich, dass auch Elben mit dieser Fähigkeit ausgestattet sind und ihre eigenen Fehler sehen“, antwortete sie scharf bevor sie verletzt durch seine Worte aus dem Zelt eilte.

Leise für sich konnte er ihren Wunsch bejahen. Auch wenn er es öffentlich niemals zugeben würde, hatte auch er Fehler gemacht. Und Thranduil war sich dessen bewusst.


**


Kaum war Lenja aus dem Zelt getreten, hörte sie hastige Schritte. Jemand kam in der Dunkelheit auf sie zugelaufen.

„Lenja! Lenja! Du musst sofort mitkommen! Schnell!“ Bofur war sichtlich aufgeregt als er mit einer Laterne in der Hand, die sein Gesicht erhellte, vor ihr stand.

„Bofur, mir ist im Moment nicht nach Aufregung. Du weißt, was geschehen ist... mir geht es nicht gut... ich glaube, ich wäre jetzt lieber allein... allein mit mir und meinen Gedanken...“ Sie wandte sich um, wurde aber am Arm festgehalten.

„Du kommst jetzt mit! Keine Widerrede! Es ist wirklich sehr wichtig!“


**


Vor einem Zelt hatte der Zwerg sie allein gelassen. Sie sollte hineingehen. Allein. Was dies zu bedeuten hatte, wusste sie nicht. Aber es schien Bofur ernst zu sein. Mit einem kleinen Schubs hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass kein Weg an diesem Ort vorbeiführte. Sie sollte in das Zelt treten.

Ein kleines Licht erhellte den provisorischen Raum als sie eintrat. Fragend sah sie sich um. Sie konnte nichts erkennen, was Bofur ein solches Spektakel vollführen ließ. Langsam trat sie näher an einen Tisch. Mehrere Utensilien lagen auf ihm verteilt, eine kleine Schüssel mit Wasser konnte sie ebenfalls erkennen. Mehrere Leinen lagen daneben. Sie waren hell und schienen unbenutzt im Gegensatz zu jenen, die... ein Husten ließ Lenja zusammenfahren. Ein kläglicher Laut. Sie war nicht allein. Erschrocken drehte sie sich auf der Stelle um. Ihre Knie wurden weich. Ihr Atem stockte. Im letzten Moment war es ihr noch gelungen sich am Tisch festzuhalten. Sie konnte nicht glauben, was sie dort im Halbdunkel sah. Oder besser wen sie dort erblickte. Mit offenen Mund und einem rasenden Herzen stand sie wie angewurzelt da. Sie konnte nicht glauben, was sie sah. Sie hatte das Gefühl Gespenster zu sehen. Sie schluckte schwer. Ihr Mund war trocken. Sie schloss die Augen und blinzelte mehrmals. Und doch, das Bild blieb dasselbe. Das konnte doch nicht wahr sein!

„Thorin“, flüsterte sie ungläubig.
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