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„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
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11.01.2013 9.892
 
Lichter leuchteten ganz in der Nähe des zerstörten Thals. Wie kleine, gefallene Sterne schimmerten sie ihnen leicht rötlich in der Dunkelheit entgegen. Ein kühler Ostwind wehte über die Ländereien, welche den Erebor umgaben. Der Winter näherte sich geschwind und trug die Stimmen der Menschen und Elben zu ihnen herüber. Unwillkürlich zog Lenja ihre Decke enger um die Schultern als sie zusammen mit Dwalin über dem Hauptportal des Einsamen Berges Wache hielt.

Bard, der Drachentöter, war an jenem Tag bereits das dritte Mal an das Haupttor getreten und hatte seine Forderungen wiederholt. Dieses Mal wurde er jedoch auch von mehreren Waldelben begleitet. Ihr König, Thranduil, war ebenfalls an seiner Seite, doch sein Erscheinen schien die ohnehin eingefahrene Situation nicht zu entschärfen. Vielmehr sorgte es eher dafür, dass Thorin sich in seinem Handeln bestärkt sah und sich noch vehementer gegen Unterhandlungen weigerte. Ob dies überhaupt möglich war, konnten weder seine Frau noch ihre Freunde sagen.

Jeder hart erkämpfte Versuch ihren König zu kleinen Eingeständnissen zu bewegen, prallte an ihm ab. Ein Heer vor den Toren bereitete auch ihnen baldigen Kummer. Zuerst stand die Mehrheit der Gefährten eindeutig hinter Thorins Entscheidung. Sie waren bis hierhergekommen, hatten ihre Heimat zurückerobert und wollten ihren Erfolg mit niemandem teilen. Jedem stand ein Teil des Schatzes zu und somit waren sie sich selbst die Nächsten. Was die Menschen aus Seestadt anging, konnte man über Hilfszahlungen nachdenken. Man hatte sie schließlich einst freundlich empfangen als ihre eigene Not mit am größten gewesen war. Und doch stieß ihnen allen die Art und Weise säuerlich auf mit der Smaugs Bezwinger vorstellig geworden war. In ihren Augen war es schlicht ergreifend frech einem König derartige Forderungen zu unterbreiten. Und dabei interessierte es sie herzlich wenig, ob Bard nun ein Nachfahre Girions aus Thal war oder nicht. Zumal die Vermutung nahe lag, dass er darauf vertraut hatte, dass den Zwergen samt ihrem Hobbit ein furchtbares Ende durch Smaugs Hand widerfahren war. Dies deckte sich eindeutig mit Roacs Beobachtungen, die er ihnen detailreich weitergeleitet hatte. Raffgier hatte er den Menschen aus Esgaroth unterstellt. Und die Zwerge hatten keine Probleme dies zu ihrem eigenen Bild über sie hinzuzufügen. Reibungslos schloss sich das Gesamtbild. Auch den Elben unterstellten sie nicht weniger Gelüste nach den feinen Edelsteinen, galt ihr Herrscher doch als Kenner und Liebhaber edler Kristalle.

Strauchdiebe, Leichenfledderer hatte nicht nur Thorin sie betitelt. Die Freude über Smaugs Tod wurde schneller von einem anderen Problem abgelöst als ihnen lieb und recht gewesen war. Noch besaßen sie Vorräte. Doch was sollten sie machen, wenn sie nach und nach knapper wurden? Wenn die Menschen und Elben vor ihren Pforten nicht abrückten und sie belagerten bis sie klein beigaben? Bis ihnen das viele Gold zum Verhängnis geworden war?

Vier Tage war es bereits her seitdem Bard das erste Mal vorstellig geworden war. Und die ersten Zweifel, die sich an Thorins Entscheidung eingeschlichen hatten, verflüchtigten sich zusehends als dem König unter dem Berge ein Wunder gelingen sollte. Noch am selben Abend, kaum wenige Stunden nach der Aufforderung der Menschen, hatte Thorin Roac schließlich ausfindig machen können. Kampflos wollte der König sich nicht ergeben. Und so ließ er noch zur selben Stunde Nachricht in die Eisenberge schicken. Einer von Roacs Gefährten war auf dem Weg zu Thorins Vetter Dáin Eisenfuß. Es zeichnete sich ab, dass schlimmstenfalls eine andauernde Belagerung drohte und die Verwandten aus den nahen Bergen schienen ihre letzte Hoffnung. Die Hoffnung weder verhungern noch sich kampflos ergeben zu müssen. Das hart erkämpfte Gold doch noch wieder verlieren zu müssen.

„Die Lichter wirken gespenstisch, findest du nicht auch?“, fragte Lenja als sie neben Dwalin stand und Ausschau hielt.

„Gespenstisch? Wie kommst du denn auf diese Idee, Kurze?“

„Erst beherrscht der Tod diesen Berg und alles, was ihn umgibt. Und kaum ist er verschwunden, kehrt ein neuer Tod an seine Stelle. Wie die Gier und Verzweiflung doch ungeahnte Kräfte in Bewegung setzen kann.“ Sie seufzte und lehnte ihren Kopf an die Schulter ihres Onkels.

„Wie läuft es eigentlich zwischen dir und Thorin? Haben sich die Wogen wieder ein wenig glätten können? Immerhin habt ihr beide nicht den glücklichsten Eindruck auf Balin und mich gemacht seitdem sicher war, dass der Drache nicht mehr ist. Und normalerweise hätte er ja zusammen mit dir die Wache übernehmen können. Aber wer weiß, was ihr beide dann anstelle getan hättet, hm?“

„Deinen Schalk in Mahals Ohren, Dwalin. Wie man es nimmt. Nun spukt nicht mehr der Arkenstein in seinem Geist. Es ist die Wut über die Menschen und ihre Verbündeten, die ihn umtreibt. Was mir lieber ist, kann ich dir nicht sagen. Was aber sicher ist, ist, dass ich versuche ihm momentan ein wenig aus dem Weg zu gehen. Ich hoffe, dass die Zeit ihn die richtigen Entscheidungen treffen lässt, dass er den richtigen Weg für uns findet. Aber das soll er wenn möglich allein herausfinden. Weißt du, ich habe versucht mit ihm zu reden, ihn zu beruhigen und ihn umzustimmen vielleicht ein wenig einzulenken. Und doch habe ich ihn nur noch mehr provoziert. Ich habe das Gefühl gegen eine Mauer anzulaufen. Ich weiß tief in meinem Inneren, dass er mir nicht wehtun will und doch tut er es mit seinem sturen und rigorosen Verhalten. Das bisschen Gold bei unserem Schatz, der in den Tiefen schlummert... Es schmerzt mich zu sehen, dass das Ende unserer Mission ganz anders gekommen ist als gedacht. Sicher, niemand konnte dies ahnen. Aber vielleicht ist es an der Zeit ein wenig umzudenken. Ich würde einiges dafür geben Gandalf bei uns zu wissen. Vielleicht hätte der Zauberer eine Idee die Wogen für alle Parteien vertretbar zu glätten. Und doch sind wir weiterhin auf uns allein gestellt...“

„Hör bloß mit diesem Zauberer auf! Auf den ist doch kein Verlass. Erst ist er da, dann lässt er uns wieder allein und wenn es ihm gefällt, kommt er wieder. Dann doch lieber ein Heer unserer Verwandten aus den Eisenbergen im Rücken als einen wankelmütigen Zauberer in den eigenen Reihen. Lenja, du musst Thorin vertrauen! Er weiß schon, was er tut. Er gibt alles für unseren Schutz. Du wirst sehen, dass er Recht behält. Schau, da ist Roac. Was gibt es Neues, alter Knabe? Hat dein Volk Neuigkeiten für unseren König?“


**


Schweigend standen sie nebeneinander und betrachteten die Lichter am Horizont. Roac hatte gute Neuigkeiten für Thorin parat gehabt. Dáin kam mit seinem Heer zügig voran. Den Hilferuf seines Vetters hatte er nicht ignoriert und ein ganzes Heer binnen weniger Stunden in Bewegung gesetzt. Einen halben Tagesmarsch waren sie noch vom Erebor entfernt. Thorins Miene hatte sich schlagartig erhellt. Hilfe war auf dem Vormarsch zu ihnen. Die Forderungen der Menschen und Elben würden schon bald ein Ende haben. Spätestens am Abend des darauffolgenden Tages.
Dwalin hatte Lenja und Thorin allein auf dem Ausguck zurückgelassen. Der König hatte wie es schien ein paar persönliche Worte für sein Weib, sodass ihr Onkel sie bereitwillig verließ.

„Worüber denkst du nach?“, fragte der Zwerg schließlich seine Begleiterin und betrachtete sie von der Seite.

„Über einiges. Über hier, über dort – einfach über alles, was seit Smaugs Tod geschehen ist. Über das wenig glückliche Ende unserer Reise...“

„Du weißt aber, dass zu viel Nachdenken schlimme Folgen mit sich bringt?“

Mit hochgezogener Augenbraue, sah sie ihn fragend an. „Und wie sehen die aus?“

Mit dem Anflug eines dünnen Lächelns deutete Thorin auf eine lose Strähne, welche ihm in der Stirn hing. „Grau. Du wirst grau wie ein Esel. Lass es dir gesagt sein: Wer zu viel nachdenkt und ständig nach den besten Lösungen für seine Probleme sucht, wird eines Tages ziemlich grau aussehen. Und dann ist es zu spät.“

Auch sie musste sich einem kleinen Schmunzeln geschlagen geben. „So so, dann riskiere ich also grau zu werden. Aber vielleicht passe ich dann optisch eher zu dir.“

„Ganz bestimmt“, stimmte ihr Mann Lenja zu und strich zärtlich mit seiner linken Hand über den Handrücken seiner Frau.
„Verzeih.“

„Wofür?“, fragte jene sichtlich überrascht. Sie hatte mit allem gerechnet, aber keinesfalls mit einer Entschuldigung. Sofern dies der Beginn einer solchen sein sollte.

„Verzeih mir dafür, wie ich manchmal bin. Ich weiß nicht, ob du verstehen kannst, was die Forderungen für mich bedeuten. Viel zu viel Verantwortung liegt auf diesem Berg, den ich mir nun nicht mehr aus den Händen reißen lasse. Da bleibt nicht immer Platz und Zeit für Liebe und Zweisamkeit. Für nette Worte. Die Hoffnungen eines ganzen Volkes liegen auf unserem Unternehmen. Wir haben es geschafft und nun wollen die Götter uns prüfen, wie mir scheint. Dass du dabei ein wenig zu kurz gekommen bist, war nicht beabsichtigt. Auch wenn ich versuchen möchte, es in Zukunft besser zu machen, weiß ich nicht, ob es mir immer gelingen wird. Gibst du mir vielleicht noch einmal die Möglichkeit mich zu beweisen? Vielleicht schaffen wir es auch zusammen. Immerhin bist du die Frau, die ich an meiner Seite haben möchte.“

Sacht strich sein Daumen über ihren Handrücken. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken als sie ihm schließlich in die Augen sah, welche im fahlen Mondlicht, wie helle Sterne glitzerten.

„Ändern kann ich dich nicht, Thorin. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte dich ein wenig in eine bestimmte Richtung schubsen, aber dann frage ich mich, ob du mir anders überhaupt gefallen würdest. Ein bisschen weniger impulsiv könnte ich mir dich zeitweise doch vorstellen. Wenn die Pferde mit dir durchgehen, bist du manchmal unausstehlich. Erst ist es dieser verdammte Stein, dann sind es die Menschen und Elben, welche das Fass zum Überlauf bringen. Ich kann nur erahnen, wie es ist König zu sein. Ich habe den größten Respekt vor dir und der Last, die du trägst. Und doch wünschte ich mir, dass diese Bürde nicht mehr allzu oft zwischen uns steht. Wenn ich dich nicht lieben würde, hätte ich nicht ohne zu zögern einem gemeinsamen Bund zugestimmt. Nur manchmal ist es ein wenig schwer dich bedingungslos zu lieben. Aber vielleicht wendet sich nun das Blatt, wenn Dáin und sein Heer erst einmal hier sind:“ Beherzt hob sie ihre Hand vom Sockel, um seine in ihrer zu betten.

Wieder ließen sie schweigend ihre Blicke auf die Lichter am Horizont schweifen. Thorins warme Hand in ihrer eigenen ließ Lenjas Herz höher schlagen. Wie sehr hatte sie sich nach kleinen, liebevollen Gesten in den letzten Tagen gesehnt. Dass jene zu kurz kommen würden, konnte sie verstehen. Immerhin schien sich vor den Toren Erebors ein bewaffneter Konflikt zusammen zu brauen. Und doch, obwohl sie noch nicht aus dieser misslichen Lage gerettet waren, fühlte sie sich das erste Mal seit langem wohl. Sie fühlte sich für diesen Moment geborgen. Geliebt und geachtet von dem Mann, der ihre erste und einzige Liebe gewesen war.

„Lenja?“, hörte sie Thorin neben sich fragen.

„Hm?“

„Es gibt eine Sache, über die ich noch mit dir sprechen wollte. Die mir sehr am Herzen liegt.“ Er hatte die Hand aus ihrer gelöst und strich ihr spielerisch eine rote Strähne zurück hinter das Ohr. Wie die Zeit doch auch ihr Haar wieder länger und satter erscheinen ließ.

„Was gibt es, dass dir auf der Seele brennt?“

„Kannst du mir etwas versprechen? Es ist wirklich sehr wichtig.“

„Es kommt ganz darauf an, was es ist, Thorin.“ Gespannt sah sie ihren Mann an und fragte sich, wovor er sich ein wenig zu drücken schien.

Der Zwerg nickte, holte kurz tief Luft bevor er weitersprach. „Versprich mir bitte, dass du dich in Sicherheit bringst. Versprich mir, dass du an dich denkst und den Berg verlässt sobald wir angegriffen werden. Ich meine, falls wir doch noch angegriffen werden sollten. Falls unsere Belagerer von der Gier gepackt werden. Ich möchte dich in Sicherheit wissen, wenn hier der Kampf tobt. Versprich mir bitte, den geheimen Gang wieder hinauszunehmen. Versteck dich in den Felsen. Versuch in die Eisenberge zu gelangen. Nur bitte, bring dich in Sicherheit falls sie uns angreifen. Ich möchte dein Leben nicht riskieren.“

Ernst sah er die Frau neben sich an. Als diese nach kurzer Bedenkzeit nickte, schien auch er sich ein wenig zu entspannen.


**


Die Nacht lag über dem Einsamen Berg. Bis auf Dori und Nori, die von Lenja und schließlich Thorin die Wache übernommen hatten, versuchte der Rest der Gemeinschaft seinen verdienten Schlaf zu finden. Sie hatten alle in der letzten Zeit wenig Ruhe gekostet und umso wichtiger war es wenigstens während der Nacht die Energiereserven aufzufüllen. Stille herrschte in den Tiefen des Erebors. Der Schlaf der Gerechten hatte Einzug gehalten. Doch eine Person schien sich dem gehörig zu verweigern. Etwas trieb Bilbo um und er wusste auch, was es war. Nicht der Zustand belagert zu werden, sondern vielmehr das Geheimnis, welches er sprichwörtlich mit sich trug, sorgte für eine stetig präsente Unruhe. Wenn Bard nicht gekommen wäre, das erste Mal, wo der Drachentöter sich gezeigt hatte, hätte der Hobbit Lenja berichten können, was eigentlich auf seiner Seele brannte. Das Gefühl seine Freunde betrogen zu haben, Thorin hinter das Licht zu führen.

Aber leider hatte sich keine Situation mehr ergeben, in der er das vertraute Gespräch hätte suchen können. Er hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst. Die Götter hatten es ihm nicht erlaubt Lenja noch einmal abseits von neugierigen Ohren zu sprechen. Und nun schien er sich keinen Ausweg mehr zu wissen. Er konnte das Gefühl nicht mehr verdrängen. Auf der einen Seite war es Furcht seine Freunde hinter das Licht geführt zu haben, aber auf der anderen Seite musste er doch etwas unternehmen. Gerade aus dem Grund, weil sie seine Freunde waren. Weil ihm ihr Schicksal nicht gleichgültig war. Und diese Gedanken allein mit sich selbst auszumachen, wollte ihm bald nicht mehr gelingen.

So kam es, dass er in dieser Nacht kein Auge zutat. Eine frische Brise wehte ihm entgegen als er hinaus in die Dunkelheit trat. Er hatte mitbekommen, wie Bofur und Glóin darüber sprachen, dass es weiter oben, nordwestlich des Hauptportals, einen breiten Riss in der Fassade der Haupthalle gab. Smaug hatte wohl bei seiner jahrelangen Schreckensherrschaft diesen Schaden verursacht, welcher sich nicht ohne Weiteres aufgrund fehlender Hilfsmittel schließen ließ. In ihren Augen stellte er keine Gefahr da. Viel zu schmal waren seine Ausmaße. Für einen Zwerg vielleicht. Aber für einen Hobbit?

Das mit Raureif bedeckte Gras knirschte bei jedem Schritt, den er tat. Nun gab es kein Zurück mehr. Ungesehen war er dank seines Ringes durch das Loch entschlüpft und so würde er auch sein Ziel erreichen. Wenn er vor dem Morgengrauen wieder zurück war, würde wohl niemand von seinem Verschwinden Lunte riechen. Er hatte den Entschluss gefasst. Auch wenn sein Herz einen schnelleren Rhythmus begonnen hatte und er sich sicher war, dass dieser Zustand noch zunehmen sollte, wollte er an seiner Entscheidung festhalten. Er musste es einfach tun. Er musste handeln.

War der Weg vor Erebors Pforten beim Hinweg bereits schon so lang gewesen? War es ihm nicht aufgefallen, dass der Weg sich derart in die Länge zog? Er hatte bereits gut die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht und doch hatte er das Gefühl, dass seine Beine bei jedem Schritt schwerer wurden. Unwillkürlich schloss er kurz die Augen. Nein, er musste seine Mission zu Ende bringen. Er musste zu Ende führen, was er begonnen hatte.
Die Lichter, welche einst wie kleine Punkte ausgesehen hatten, wurden immer heller. Das Stimmengewirr aus dem Lager hallte ihm zwischen den Plateaus entgegen. Die einstige Stadt Thal hatte ihren Namen nicht umsonst erhalten. Und doch schien hier wieder Leben eingekehrt zu sein. Vorübergehend und nicht unbedingt mit den freundschaftlichsten Absichten. Aber hier hoffte Bilbo etwas erreichen zu können. Für sich und gleichzeitig auch für seine Freunde. Für seinen und ihren Seelenfrieden.

Umso näher er trat, umso öfter drangen Gesprächsfetzen an sein Ohr. Die Menschen und Elben kampierten zumeist offen auf der Ebene in direkter Nähe zur verfallenen Stadt. Wenige Zelte säumten seinen Weg. Wenn überhaupt boten sie den Belagerern Schutz von oben. Doch niemand nahm Notiz von ihm. Der Ring erfüllte seine Aufgabe.

Sie sprachen über ihre Ängste. Viele hatten mindestens einen Familienangehörigen, der von Smaugs Erscheinen in Mitleidenschaft gezogen worden war. Nicht unbedingt viele Tote hatten sie zu beklagen. Jeder Tote war sicherlich einer zu viel. Aber im Vergleich zur einstigen Stadt Thal waren sie in der Regel größtenteils mit dem Leben davongekommen. Dennoch, viel schlimmer fiel die durch den Angriff hervorgerufene Obdachlosigkeit ins Gewicht. Ein Drittel der Häuser waren unbewohnbar, zerstört oder Einsturz gefährdet und der Winter stand vor der Tür. Niemand konnte so schnell die Kosten für die Reparaturen aufbringen. Niemand besaß derartige Rücklagen, um im Nu die nötigen Auslagen bereitzustellen. Und während viele Familienväter nun hier in den Ebenen vorm Einsamen Berg ihr Glück versuchten, waren ihre Frauen zusammen mit den Kindern und Greisen daheim geblieben. Wie lange sie dort noch ohne die fehlenden Mittel ausharren konnten, vermochte keiner zu sagen. Thranduil hatte ihnen Hilfe in Form von Kleidung, Decken und anderen Alltagsgegenständen kaum nach Bekanntwerden von Smaugs Tod auf dem Flussweg zugesandt. Der Fluss war vermutlich durch den Kadaver des Drachens für die nächste Zeit in Mitleidenschaft gezogen worden. Seewasser musste abgekocht werden. Heiler halfen den Überlebenden rasch zu genesen. Und bei den Menschen herrschte neben Dankbarkeit für ihre Verbündeten Zorn gegen die Verursacher dieses Unglücks, gegen die Zwerge um Thorin Eichenschild. Wenn es sein musste, würden sie auch mit Gewalt ihre Belange durchsetzen. Doch den meisten schien eher an einer schnellen und friedlichen Lösung der miserablen Situation zu liegen. Zu viel Leid war ihnen bereits widerfahren. Niemand wollte sein Leben riskieren. Erst sollten alle friedlichen Mittel ausgeschöpft werden. So erschien es jedenfalls Bilbo als er das eine oder andere Gespräch belauschte. Aber er musste weiter. Weiter auf seiner Suche.


**


Der Morgen war frisch als Lenja erwachte. In der letzten Nacht hatte sie das erste Mal seit mehreren Tagen wieder an Thorins Brust gelehnt verbracht. Nicht nur die Wärme, die von ihm ausging, ließ sie tiefer als gewöhnlich schlafen. Auch der Umstand nun einen kurzen, aber so wichtigen Moment in Zweisamkeit verbracht zu haben, ließ ihre vorherrschende Unruhe und zuweilen Verzweiflung über die Belagerung für den Moment leicht verblassen. Ihre müden Glieder streckend, stellte sie mit Freude fest, dass Bombur bereits auf den Beinen war und das karge, aber dennoch ausreichende Frühstück schnell Gestalt annahm. Ihr Mann war nicht mehr an ihrer Seite. Jedoch hatte die Zwergin eine Ahnung, wo dieser sich aufhalten konnte. Ihr Weg führte sie mehrere Treppen und dunkle Gänge hinauf.

Thorin stand wie vermutet zusammen mit Balin auf dem steinernen Balkon, welcher sich direkt über dem Eingangsportal befand. Beide hatten sich soeben von Roac verabschiedet als die Frau eintraf. Mit nachdenklichen Mienen schauten die zwei Männer dem alten Raben hinterher. Lenjas Anwesenheit schienen sie noch nicht gewahr geworden zu sein. Unbedarft kam sie näher.

„Auch ich bin mir nicht sicher, was dies zu bedeuten hat. Die Spatzen pfeifen es von allen Dächern?“, hörte sie ihren Onkel sagen.

„Immerhin kommt Dáin noch ein wenig schneller voran als gedacht. Wen auch immer sich die Menschen und das Elbenpack als Hilfe geholt haben, ich lasse mich nicht vom Weg abbringen. Wir können es schaffen Balin, wenn...“, der Zwerg unterbrach sich schlagartig als er seine Frau im offenen Durchgang stehen sah.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte Balin, um die abrupte Stille zu überbrücken.

„Ja... aber worüber sprecht ihr? Ich wollte euch nicht unterbrechen“, begann sie und legte die Stirn leicht in Falten.

„Ach nichts, mein Kind. Lasst uns erst einmal ein wenig Frühstück zu uns nehmen. Wir brauchen unsere Kraft“, schlug der Zwerg vor und schob seine Nichte sowie deren Mann vor sich in den Berg hinein.


**


Hatten am frühen Morgen noch vereinzelt Sonnenstrahlen den Boden geküsst, zogen nach und nach dicke Wolken auf. Von ersten weißen Schäfchenwolken droben am Himmel waren sie im Laufe der Stunden bis in den Nachmittag hinein immer dunkler geworden. Es fehlte nicht mehr viel und sie hatten bald ein tiefes Grau erreicht.

Bis jetzt hatte weder Bard noch Thranduil sich wieder in der Nähe des Haupttores gezeigt. Niemand war an diesem heutigen Tag zu ihnen herüber geschickt worden. Wenn die vereinzelten Stimmen nicht gewesen wären, die der zunehmende Wind zu ihnen herüber wehte, hätten die Gefährten annehmen können allein zu sein. Doch das waren sie nicht. Warum bis jetzt aber niemand seine Forderungen wiederholt hatte, wollte Lenja nicht begreifbar sein. Jeden Tag waren sie hier gewesen. Jeden Tag hatten sie ihre Forderungen wiederholt. Jeden Tag hatten sie sie eingefordert und jeden Tag hatte Thorin sie unwirsch wieder weggeschickt. Waren sie es bereits überdrüssig? Hatten sie etwa erkannt, dass sie Verhandlungen mit einem sturen Zwergenkönig nicht weiterführten und zum Scheitern verurteilt gewesen waren? War diese Ruhe nun die Konsequenz aus seinem Verhalten? Aushungern? Belagern bis sie aufgaben und sich den Forderungen fügten? Bis sie zu schwach waren, um weiterhin Stand zu halten? Um sich rigoros zu wehren?
Sie konnte sich einfach keinen Reim daraus machen. Und ihre Freunde ebenso wenig.

Sie alle wirkten verwundert, hatte Bard ihnen doch eine Frist bis zum heutigen Tag gesetzt gehabt einzulenken und ihre Schuld zu begleichen. Es wirkte absonderlich, nun in Frieden gelassen zu werden. Niemand konnte sich diese Ruhe erklären und so recht wollten sie sie auch nicht glauben. Etwas daran stank bis zum Himmel. An einen plötzlichen Sinneswandel wollte keiner glauben. Nein, dies passte so gar nicht zum Bild, welches sie sich bisher von den Menschen und deren Verbündeten machen konnten. Nur was zu dieser vermeintlichen Stille geführt hatte, konnte sich niemand erklären. Und so hieß es abwarten. Abwarten und darauf vertrauen, dass ein göttlicher Wink ihnen die Lösung zeigte.

In einem immer dunkleren Blau zogen die Wolken am Horizont auf. Das Lager in der Nähe des alten Thals wurde in dunkle Schatten gehüllt. Ein paar Drosseln und Spatzen, welche sich nach Smaugs Tod wieder in der Nähe des Einsamen Berges sehen lassen hatten, waren seit mehreren Stunden verstummt. Erst jetzt fiel es ihr auf. Bis zum Mittag hatte eine vorwitzige Drossel den alten Balkon auf der Suche nach Futter abgesucht. Kleine Fliegen, die sich in den letzten Sonnenstrahlen aufwärmen wollten, waren nicht schnell genug ihrem Schicksal entkommen. Doch nun, nun war sie hier oben allein. Und es war noch ruhiger als ohnehin. Selbst Roac hatte sich seit mehreren Stunden schon nicht mehr blicken lassen. Es war merkwürdig. Vielleicht hielt der alte Rabe nicht viel von einem sich zusammenbrauenden Unwetter?

Lenja seufzte. Wie lange sollte diese Situation noch andauern? Wie lange würden sie hier noch ausharren müssen mit einer Bedrohung vor der Nase? Am Morgen hatte Roac Bericht erstattet, dass Dáin zum frühen Nachmittag eintreffen müsste, wenn er den Aussagen seiner Raben glauben durfte. Bald sollte es also soweit sein. Mit einem Zwergenheer vor Augen würde die Belagerung wohl nicht mehr allzu lange andauern und die Gier der Menschen und Elben dürfte fürs Erste ins Stocken geraten. Eine seltsame Stille lag über dem Tal zu Erebors Füßen. Der Wind hatte gedreht, sodass das Stimmengewirr der Belagerer nicht mehr an ihre Ohren drang.

„Ist er immer noch nicht wieder zurück? Wo steckt dieser Rabe nur, wenn man Neuigkeiten wünscht?“

Thorin war soeben das vierte Mal innerhalb einer Stunde aus dem Berg herausgetreten und sah sich fragend nach dem Tier um.

„Wenn er gekommen wäre, hätte ich dich sofort gerufen“, entgegnete Lenja und ging ein paar Schritte gegen die aufkommende Kälte in ihren Füßen.

„Was machst du überhaupt hier oben allein? Sollten Óin und Glóin nicht hier Wache schieben?“

„Sie sind ein Stück weiter links. Sie befinden sich am nächsten Ausguck. Keine Angst, Thorin. Bisher hat sich niemand gerührt. Das Einzige, was sich bewegt sind die dunklen Wolken über uns. Sie werden immer dichter. Schau, dort hinten am Horizont. So dunkel, wie sie nun sind. Fast schwarz, wie die Nacht. Und der Wind hat gedreht. Aber bisher konnte ich nichts Auffälliges erkennen.“

„Dáin müsste bald hier eintreffen. Doch wenn der Wind gedreht hat, dann sollten weder wir noch die dort unten etwas von seinem Kommen mitbekommen. Ungesehen wird sein Heer hier erscheinen können. Dies könnte uns einen Vorteil ermöglichen. Immerhin würde sein Erscheinen für eine Überraschung sorgen können, die es in sich hat. Allein seine Präsenz könnte dafür sorgen die dreisten Forderungen im Keim zu ersticken. Nur sollte er langsam hier...“

„THORIN! THORIN!“ Balins Stimme drang aus dem Berges Inneren zu ihnen herauf.

Erschrocken wandten sich der Angesprochene und Lenja in die Richtung des Einganges als auch schon ihr Onkel erschien. Doch er war nicht allein.

„Gandalf!?“, kam es zeitgleich aus beider Münder.

„Was tust du hier? Und wie bist du überhaupt ungesehen in den Berg gelangt?“ Thorin wirkte kurzzeitig verwirrt.

„Ich hatte ein wenig Unterstützung. Bilbo war so freundlich mich zusammen mit der Hilfe der anderen durch das Haupttor eintreten zu lassen. Er wusste, dass ich nicht weit von euch war. Und doch bleibt uns nun weder die Zeit noch die Möglichkeit langer Erklärungen.“

„Bilbo? Woher?“, fragte nun Lenja verblüfft als der Hobbit nun auch etwas zögerlich hinter dem Zauberer hervor trat.

„Es tut nichts zur Sache. Er wollte euch helfen und hat letzte Nacht etwas sehr Heldenhaftes getan. Er hat die Verhandlungen in Thorins Namen begonnen. Doch für den Moment ist dies nicht von Belang.“

„Verhandlungen in meinem Namen begonnen? Ich glaube, ich verstehe nicht ganz.“ Mit einer Mischung aus Unbeherrschtheit und Verwirrung sah der Zwerg von Gandalf zu Bilbo und wieder zurück.

„Er hat euren Belagern einen Pfand übergeben. Aber das interessiert nun auch nicht mehr, denn...“

„Was für einen Pfand!?“

„Thorin, hör zu. Ich musste handeln. Ich wollte nicht zusehen, wie ihr in euer Verderben lauft. Ich wollte euch schützen und wusste mir keine andere Lösung als ihnen etwas anzubieten. Etwas sehr Kostbares, wie mir scheint...“

„Was? Du hast ihnen WAS angeboten!?“ Thorins Gesichtsfarbe hatte mehrmals ihre Farbe geändert.

„Den Arkenstein“, flüsterte Bilbo und sah schließlich weg als der stechende, fassungslose Blick des Königs auf ihm niederging.

„Das hast du nicht getan... das konntest du gar nicht tun... weil... weil niemand den Stein bisher gefunden hatte... keiner hatte ihn zu Gesicht bekommen... niemand... NEIN! Sag mir nicht, dass das wahr ist! Du hast ihn gefunden!? NEIN! VERRÄTER! ELENDER VERRÄTER!“

„Bleib wo du bist! Es geht hier nicht mehr um Verrat oder derlei Nichtigkeiten. Großes Unheil braut sich seit mehreren Stunden am Horizont zusammen. Und damit meine ich nicht deinen Vetter aus den Eisenbergen. Eine Bedrohung ist auf dem Vormarsch, die weder ihr, noch die Menschen aus Seestadt oder die Waldelben bemerkt habt“, sprach Gandalf bestimmend und trat zwischen den Zwerg und Bilbo.

„Was willst du damit sagen?“, fauchte Thorin eher als dass er fragte. Die Wut über Bilbos Vorgehen stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben und er schien wenig erfreut zu sein, dass der Zauberer den Hobbit in Schutz nahm.

„Aasgeier! Verfluchte Aasgeier!" Roac war wie aus dem Nichts erschienen und unterbrach die bisherige Unterhaltung.

Alle Köpfe drehten sich zu ihm.

„Seht doch nur! Habt Ihr es denn nicht bemerkt? Bereits in den frühen Morgenstunden habe ich es Euch gesagt. Nicht nur die Spatzen pfeifen den Tod des Drachen von den Dächern. Jeder will nun einen Teil des Schatzes. Doch fürchte ich, dass jene dort die nahenden Gestalten nicht allein bezwingen können“, fuhr der Rabe fort.

„Dáin! Da sind die Zwerge aus den Eisenbergen“, sprach Balin und sah gebannt hinunter in die Ebene vor den Toren.

Wie wahr. Durch den Stand des Windes hatten sie nicht mitbekommen, wie sich die Zwerge aus dem nahen Gebirge in ihren schweren, klirrenden Eisenhosen näherten. Erleichterung machte sich bei den Zwergen droben auf dem Ausguck breit. Óin und Glóin liefen ihnen von ihrem Ausguck entgegen.

„Habt ihr sie bereits gesehen?“, fragte der Rothaarige.

„Sie werden euch keine Hilfe sein, denn...“ Doch weiter kam Gandalf nicht.

Der Wind hatte gedreht und mit sich brachte er ein furchtbares Geräusch. Lenjas Nackenhaare stellten sich auf. Ein ohrenbetäubendes Krächzen drang geschwind näher. Jetzt wurde ihr endlich bewusst, was Roac mit „Aasgeiern“ meinte. Mehrere Schwärme Krähen waren über den westlichen Ausläufern des Gebirges aufgetaucht und hüllten den ohnehin dunklen Himmel in ein sattes Schwarz.

„Was in Mahals Namen?“, flüsterte Thorin.

Und dann überkam alle Anwesenheit ein ungutes Gefühl. Ein dumpfes Geräusch kam von Sekunde zu Sekunde näher. Ebenfalls aus derselben Richtung aus der einst die Krähen gekommen waren, vernahmen sie es. Lenja konnte sich nicht erinnern jemals zuvor etwas Vergleichbares gehört zu haben. Ein Geräusch als ob jemand... Nein, das konnte nicht sein. Nicht nur jemand, sondern mehrere Personen müssten... aber konnte das überhaupt sein?

„Kriegstrommeln. Sie sind bereits schon viel näher als gedacht. Schnell! Eint euch! Nun ist es an der Zeit den Hass zu überwinden und gemeinsam Schulter an Schulter zu kämpfen! Zwerge, Menschen, Elben und ein Hobbit!“

Gandalf schien als Einziger zu wissen, wovon er sprach. Doch dann bei einem dröhnenden Laut, der Lenja an einen Hornruf erinnerte, verzogen sich die Gesichter aller männlichen Zwerge in ihrer Nähe.

„Mögen die Götter uns beistehen“, sprach Balin.


**


Lenja konnte sich nicht daran erinnern jemals zuvor in ihrem Leben etwas Vergleichbares gesehen zu haben. Kaum war der dröhnende Ruf verebbt, liefen nicht nur alle anderen Zwerge die Treppen und Flure zu ihnen auf den Balkon empor. Auf dem Hang, über den kurz zuvor hunderte von Krähen gekommen waren, erschienen plötzlich Gestalten, deren Kommen niemand erwartet hätte. Schon viel zu lange waren sie aus den Gedanken der Gefährten verdrängt gewesen. Und nun schien die Vergangenheit sie wieder einzuholen. Wie von einem Schwarm Insekten eingehüllt, färbte sich das Plateau schwarz. Kein bisschen des kargen Grüns schimmerte zwischen den Ankömmlingen hindurch. Das Unheil von dem Gandalf sprach, war da. Und es kam auf Wargen. Ohne lange zu zögern, preschten die ersten Orks die Hänge hinunter in Richtung der einstigen Belagerer. Bewegung und Tumult war bereits aus dieser Entfernung zu erkennen. Ein neuer, viel stärkerer Feind war nun auf der Fläche erschienen. Und mit diesem waren eindeutig keine Gespräche zu führen.


**


Schwerfällig lief sie die dunklen Korridore entlang. Mehrmals musste sie ihre Geschwindigkeit ein wenig drosseln, um nicht über den teilweise in Mitleidenschaft gezogenen Boden in ihrer Hast zu stolpern. Ihre Schritte halten von den Wänden wieder und das Herz in ihrer Brust hämmerte wild. Ihre Atmung hatte sich um einiges beschleunigt und langsam aber sicher begann jeder Luftzug leicht zu schmerzen. Ein Stechen in ihrem Zwerchfell erinnerte sie daran, dass sie momentan falsch ein- und ausatmete und doch wusste sie sich nicht davor zu schützen. Sie musste es in Kauf nehmen. Sie hatte es Thorin versprochen. Und ein Versprechen durfte nicht gebrochen werden. Sie musste entkommen. Sich verstecken. Den geheimen Weg hinaus in die Freiheit nehmen und versuchen sich ungesehen in Sicherheit zu bringen. Weg von diesem Ort, wo nun der Tod seine Schwingen ausgebreitet hatte. Ein letztes Mal musste sie noch um die Ecke biegen. Dann hatte sie den alten Stollen erreicht. So oft, wie sie diesen Weg bereits in den letzten Tagen gegangen war, konnte sie sich nicht täuschen. Sie hatte ihr Ziel gleich erreicht.

Nervös biss sie sich auf die Unterlippe. Sie hatte immer noch das Gefühl Thorins Lippen zu spüren und den süßen Geschmack der Verzweiflung zu schmecken. Hastig, aber dennoch voller Liebe und Verlangen hatte er sie noch ein letztes Mal geküsst. Ein letztes Mal wurde sie von seinem Bart gekitzelt. Ein letztes Mal waren sie Mann und Frau. Und dann wies er sie an zu gehen. Um ihr Leben zu laufen. Sich nicht umzudrehen. Ihr eigenes Leben zu schützen mit der Hoffnung ihn bald wieder in ihre Arme zu schließen. Tränen der Verzweiflung waren in ihre Augen getreten, doch sie hatte sie tapfer weg geblinzelt. Sie musste stark sein. Wenn nicht für sich selbst, dann für ihn. Damit er wusste, dass sie in Sicherheit war. Damit er sich auf den plötzlichen Kampf konzentrieren konnte und nicht ununterbrochen an ihr Verbleiben dachte. Sie war es ihrer Liebe schuldig.

Nun hatte sie endlich den Stollen erreicht. Das Ziel war zum Greifen nahe. Nichts konnte sie mehr hindern. Obwohl sie bereits in den oberen Bereichen des Erebors angelangt war, konnte sie eindeutige Geräusche der unten geführten Kämpfe vernehmen. Ob das Portal bereits gefallen war, vermochte sie nicht zu sagen. Doch es war unbestreitbar, dass das Grölen, welches bereits an ihre Ohren drang keinesfalls Gutes bedeuten konnte. Hastig lief sie ans Ende des Pfades. Das leichte Kurzschwert, welches ihr Thorin noch zu aller Vorsicht in die Hände gedrückt hatte, legte sie kurzzeitig beiseite. Sie brauchte ihre beiden Hände. Das Kettenhemd über ihrer Brust bereitete ihr bereits genügend Schwierigkeiten sich einigermaßen rasch zu bewegen. Immerhin hatte es etwas Gutes gehabt, dass Thorin bereits seit mehreren Tagen darauf bestand, dass alle seine Gefährten zumindest den Teil eines Schutzes zur Vorsicht gegen die Menschen und Elben trugen. Leise dankte sie ihrem Mann für dessen Voraussicht. So war sie immerhin ohne große Umschweife hierher gelangt und einigermaßen für potentielle Gefahren gewappnet.

Hastig tastete Lenja nach dem Schloss. Den Schlüssel fest in der rechten Hand fühlte sie mit ihrer Linken nach der kleinen Öffnung. Die Tür war kalt. Wo hatte sich das Loch nur befunden? Es musste hier doch irgendwo sein... Da war es! Ein lautes Rumpeln aus den Tiefen des Erebors schallte zu ihr herauf. Geschrei folgte ihm auf dem Fuße. Ihr Herz begann zu rasen. Sie musste sich beeilen. Eilig steckte sie den Schlüssel hinein und drehte ihn. Ein Knacken. Ein Zweites. Und schließlich ein Drittes. Nun musste sie nur noch ordentlich an der Tür ziehen und konnte dem Unheil entfliehen. Mit beiden Händen zog sie am Knauf, wie sie es schon so oft in den vergangenen Tagen getan hatte. Die Tür gab keinen Millimeter nach. Ihre ohnehin schnelle Atmung beschleunigte sich nochmals. Leise zählte sie bis drei, um es ein erneutes Mal zu probieren. Vergebens. Das konnte nicht wahr sein. Sie war zu aufgeregt. Sie musste sich einfach ein wenig beruhigen und es erneut versuchen. Die Tür würde sofort aufgehen. Es war alles gut. Die Nervosität spielte ihr einen Streich. Sie musste nur kurz durchatmen und konnte jeden Moment in die Freiheit entschlüpfen. So zog sie erneut an der Tür, lehnte sich rücklings dagegen, versuchte so Gegendruck zu erzeugen und doch blieb sie verschlossen. Metallisches Klirren gepaart mit lautem Gebrüll drang an ihre Ohren. Es schallte durch die Dunkelheit zu ihr herauf. Sie konnte nicht erkennen, ob es sich um Khuzdul handelte. Sie ahnte nur, was sich unten abspielen musste. Schreie, markerschütternde Schreie, hallten durch die Korridore. Ihre Finger und ihre Unterlippe begannen vor Schrecken zu beben. Nochmals musste sie es versuchen. Sie durfte nicht scheitern. Sie konnte nicht scheitern.


**


Schweiß rann ihm von der Stirn über die Schläfen. Behände schwang er sein Schwert. Die Orks hatten soeben das Hauptportal gestürmt. Sie hatten den provisorischen Schutz nach erstem Widerstand doch niederringen können. Ein schrecklicher Vorbote hatte sich zu ihnen durchgekämpft während Elben als auch Menschen zusammen mit Dáins Truppen ihr Bestes gaben der Masse der Angreifer Stand zu halten. Und doch hatte es eine Vorhut geschafft in den Erebor zu gelangen. Es waren nicht sehr viele. Aber dennoch genügte es ihn und seine Gefährten zu beschäftigen. Mit Dwalin an seiner Seite hatte er bereits fünf Orks niedergestreckt. Das unaufhörliche Klirren der Schwerter und Äxte nahm er bald kaum noch wahr. Es war nicht die erste Schlacht an der er teilnahm. Und doch war sie anders. Sie war hier. Hier in seinem Berg. Sie kam überraschend. Sie hatten kaum Zeit sich in Gedanken darauf vorzubereiten. Sie mussten handeln. Sie mussten kämpfen. Und jeder wusste, was auf dem Spiel stand. Nicht nur das eigene Leben, sondern auch das ihrer Freunde. Und auch der Verlust der kaum zurück gewonnenen Heimat.

Blut spritzte Thorin abermals ins Gesicht. Aber es war nicht seins. Ein kurzer Blick zu seinen Neffen verriet ihm, dass sie sich wacker schlugen. Für beide war es die erste Schlacht in ihrem Leben. Er hatte sie schützen wollen, aber sie waren erwachsen. Sie waren Männer. Thronfolger. Und hätte er sie zusammen mit Lenja wegschicken wollen, hätten sie sich ihm mit größter Wahrscheinlichkeit widersetzt. Er musste es akzeptieren. Doch es blieb ihm keine Möglichkeit ihr Leben zu schützen. Viel zu viele Angreifer säumten ihren Weg. Er wusste, wo Fíli und Kíli kämpften. Er hatte ihnen von klein auf eingebläut nicht weit von ihm zu sein. Immer in seiner Nähe damit er im Notfall doch noch eingreifen konnte. Und dennoch musste er sich auf seinen eigenen Gegner konzentrieren. Auch wenn ihm das Herz bis zum Hals schlug, die Anstrengung in seinen Muskeln saß, blieb ihm nichts anderes übrig als weiterzumachen.

Mit lautem Getöse bahnte sich eine weitere Gruppe von Orks ihren Weg durch die kämpfenden Truppen aus Zwergen, Elben und Menschen draußen vor dem Haupttor. Durch den plötzlichen Angriff konnten jene ihre Reihen nicht formieren. Ein heilloses Durcheinander war eingetreten. Hauptsache man erkannte noch Feind und Freud. Kaum war ein Gegner zu Boden gegangen, trat ein Nächster an seine Stelle. Thorin parierte einen Schlag des Orks, der mit seiner schweren Keule auf den Zwerg einschlug. Mit ganzer Kraft stemmte er sich gegen die Wucht, drehte sich gekonnt und versuchte sein eigenes Glück von der Seite. Einmal. Zweimal. Dreimal. Letztendlich beim sechsten Mal hatte er sein Ziel erreicht. Mit einem letzten Stoß seines Schwertes hatte der Angreifer sein Leben zu des Zwergen Füßen ausgehaucht. Doch es blieb ihm keine Zeit zu verschnaufen. Die sich bereits ankündigende Gruppe von Angreifern schoss schnell in Richtung des Portals auf. Dicht auf ihren Fersen folgte ihnen jedoch dieses Mal ein kleiner Tross von Waldelben. Manchen gelang ein Treffer mit ihrem Bogen, sodass die Angreifer noch vor dem Tor mit dem Tod bestraft wurden. Aber nicht viele konnten so aufgehalten werden. Weitere Elben liefen ihnen mit gezogenen Waffen hinterher. Über leblose Körper und zwischen sich bekriegenden Kontrahenten führte sie ihr Weg. Wie es schien, wollten sie den verbliebenen Zwergen um Thorin Eichenschild im Berg bei ihrem Kampf unterstützen.
Und während er dieses Mal Rücken an Rücken mit Fíli kämpfte, schlich sich ein dünnes Lächeln auf seine Lippen. Sein Weib war entkommen. Ihr Leben war gerettet worden. Und allein dieser Gedanke versetzte Berge.


**


Verzweifelt war sie zu Boden gesunken. Mit dem Rücken an der kalten Felswand heruntergerutscht. Ihr Gesicht hatte sie in den Händen gebettet. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Die Tür hatte sich nach mehrmaligen Versuchen immer noch nicht geöffnet. Schmerzensschreie, klirrendes Metall, Gebrüll – die Geräusche aus dem Untergrund sorgten für den Rest. Ihr ganzer Körper zitterte. Sie wusste nicht weiter. Eins war jedoch sicher: sie konnte nicht zurück. Nicht bei diesem Getöse. Nicht bei dem Kampf, der unten ausgefochten wurde. Sie wäre ihren Freunden keine Hilfe. Sie wäre ihnen eher eine Last. Ihr plötzliches Erscheinen würde wohl nicht zuletzt bei Thorin eine nicht einschätzbare Gefahr bürgen. Sie war sich bald sicher, dass sie ihm auf jeden Fall ablenken und damit gefährden würde. Nein, dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Nichts lag ihr ferner als ihren eigenen Mann zu gefährden. Im Normalfall konnte sie einigermaßen sicher ein Schwert führen. Aber in einer Schlacht?

An jeder Ecke dürfte eine Gefahr lauern. An jeder Ecke dürfte der Tod auf sie warten. Spätestens jetzt musste sie sich eingestehen, dass ihre Kindheitsträume von einst diesen schaurigen Hintergrund niemals überleben würden. Es war alles immer viel einfacher gesagt als getan. Und ganz tief in ihrem Inneren war sie sich sicher, dass sie die Schlacht niemals allein auf sich allein gestellt unbeschadet überleben würde. Ihr fehlte die Erfahrung. Ihr fehlte die Kraft. Und letztendlich fehlte ihr im Moment noch etwas anderes: ein Kämpferherz. Allein in der Dunkelheit. Bei jedem Schmerzensschrei zusammen zu zucken und die Götter anzuflehen, dass soeben niemand ihrer Lieben zu Schaden gekommen war, wirkte sich nicht positiv auf ihren Kampfgeist aus. Das Rumoren aus den Tiefen sorgte für die schrecklichsten Szenarien vor ihrem inneren Auge. Ihre Unterlippe bebte erneut. Nur dieses Mal konnte sie die ersten Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie saß in der Falle. Und was noch viel schlimmer erschien, war die Ungewissheit. Die Ungewissheit nicht zu wissen, was sich unten abspielte, ob der Berg noch zu retten war und wie es ihm ging. Wie es um Thorin stand.


**


Er musste es sich eingestehen: die Elben konnten kämpfen. Niemals hätte er ihnen ein solches Talent zugetraut. Manche schlugen um sich wie Berserker, andere kämpften graziös. Doch es war nicht an der Zeit ihnen seinen Tribut zu zollen oder ihre Technik zu bewundern. Es würde sich noch eine Zeit finden, wo er ihnen seinen Respekt und seine Anerkennung aussprechen konnte. Noch war es zu früh sich in Sicherheit zu wiegen. Vor den Toren herrschte immer noch ein heilloses Durcheinander. Pfeile zurrten teilweise durch die Luft, aber in der Regel beschränkte sich der Kampf auf das harte Eisen. Auf die scharfe Klinge von Schwertern und Äxten. Wie viele Tote, ob Menschen, Elben, Zwerge oder Orks, vorm und im Berg lagen, konnte er nicht einschätzen. Einige Male war er bereits mit seinen schweren Stiefeln an einen leblosen Körper gestoßen. Bis jetzt handelte es sich den Göttern sei Dank ausschließlich um Orks und Elben. Keiner seiner Freunde war unter ihnen gewesen. Aber er durfte nicht nachgeben. Sie alle durften nicht nachgeben. Trotz leichter Schnitte an seinen Unterarmen war er unermüdlich. Den Berg sollte niemand bekommen. Und wenn es eines der letzten Dinge war, die er noch in seinem Leben tat.

Thorin nahm kaum etwas um sich herum wahr. Immer suchten seine Augen nach neuen Angreifern. Immer war er darauf bedacht ihnen einen Schritt voraus zu sein. Den Moment zu nutzen. Sie schneller niederzustrecken. Ihnen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Ihnen schneller das Leben zu nehmen, um das eigene zu schützen. Erneut setzte er den tödlichen Stich. Wann diese Schlacht ein Ende finden würde, vermochte er nicht zu sagen. In der Enge der Vorhalle wurde ohne Unterlass gekämpft. Selbst Gandalf hatte seine Waffe gezückt. Er war nicht minder zimperlich als die Zwerge oder Elben. Ein rascher Blick durch das Tor bestätigte dem Zwerg, dass auch draußen die Schlacht noch im vollen Gange war. Ein Ende schien nicht absehbar. Wie viele Orks den Weg hierher gefunden hatten, wusste er nicht. Doch ihre Anzahl war enorm. Nicht unbedingt aussichtslos für die erzwungenen Verbündeten. Aber er konnte es nicht im Keim ersticken. Unwillkürlich schweiften seine Gedanken kurzzeitig an eine andere Schlacht zurück. An die Schlacht von Azanulbizar. Jenem schrecklichen Ort, wo einst ein unerbittlicher Kampf geherrscht hatte. Wo er dem Tod näher gewesen als ihm damals lieb war. An Azog. Heute sollte es nicht so enden. Heute würden sie, seine Freunde und er, zusammen mit den anderen Völkern den Orks auf direktem Weg den Gar ausmachen. Heute war ihr Tag. Heute sollte das Schicksal auf ihrer Seite sein.


**


Sie musste sich zusammenreißen. Es würde nichts bringen, wenn sie hier oben mit verweinten Augen saß. Auch wenn sie nichts für ihre Freunde ausrichten konnte, würde ihr schweres Herz ihnen auch nicht weiterhelfen. Das Einzige, was ihr blieb, war zu beten. Mahal um seinen Schutz für sie alle zu bitten. Den Personen, die sie in ihr Herz geschlossen hatte, seinen Schutz im Kampfe zu spenden. Sie vor den Gefahren in Schutz zu hüllen. Sie alle unbeschadet überleben zu lassen. Ihren Mann zu führen und sein Leben zu sichern.

Sie hatte sich bald an die Geräusche aus dem Untergrund gewöhnt. Die grausamen Schreie. Das klirrende Metall. Wie konnte so etwas nur zur Normalität für ihre Ohren werden? Sie zuckte nicht mehr zusammen, wenn sie die Klänge erreichten. Sie zitterte nicht mehr so schlimm wie Espenlaub als sie sie vernahm. Doch was sie nicht unter Kontrolle hatte, waren die Bilder, die vor ihrem geistigen Auge entstanden. Szenarien, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließen. Bilder von Tod und Leid. Von Blut und leblosen Körpern. Von der Möglichkeit, dass nun auch ihre Gefährten unter den Opfern dieser bestialischen Schlacht waren. Dass Thorin unter den Toten war. Für den letzten Gedanken hätte sie sich am liebsten geohrfeigt. Sie durfte nicht daran denken. Nein! Das durfte sie nicht. Sie musste an ihn und die anderen glauben. An ihren Sieg. An ihr Durchhaltevermögen. An ihren Erfolg.

Doch wenn es das letzte Mal gewesen sein sollte, dass sie ihrem Mann in seine blauen Augen sah? Dass sie ihn das letzte Mal geküsst hatte? Dass sie ihn das letzte Mal so dicht an ihrem eigenen Körper gespürt hatte? Dass letzte Mal seine Stimme vernommen und ihn auf ein Letztes berührt hatte?

Sich nähernde Schritte rissen sie aus ihren trüben Gedanken. Sollten das schon die ersten Orks sein? Wollte man ihr bereits nun auch ans Leder?

Das Herz hämmerte wild in ihrer Brust als sie das Kurzschwert zur Hand nahm. Schwer schluckte sie. Sie war bereit. Ob nun zum Kampf oder zum Scheitern, vermochte sie nicht zu sagen. Aber sie wollte sich nicht ohne weiteres geschlagen geben.


**


Er wischte sich Blut aus dem Gesicht. Wieder einmal war er schneller als der Ork zu seinen Füßen gewesen. Obwohl auch er nun um einige kleine Wunden reicher war, hatte er sein Leben wahren können. Doch die Nachhut weiterer Orks schien nicht lange auf sich warten zu lassen. Soeben hatte er noch einen kurzen Blick auf seine beiden Neffen erhaschen können. Sie schlugen sich wacker. Hier und dort hatten auch sie kleinere Verletzungen, Schnittwunden, zu verbuchen. Aber das war alles kein Grund zur Besorgnis. Ein Zwerg war zäh. Ein Zwerg war stark. Einen Zwerg konnte so schnell nichts in die Knie zwingen.

Und dann stockte ihm der Atem. Hätte er es nicht wissen müssen? Hätte er nicht gewappnet sein müssen? Er hätte es doch ahnen müssen, wer hinter dem ganzen Angriff steckte. Wer ihm ans Leder wollte. Wer nichts lieber hätte als ihn vor den eigenen Augen beim Verbluten zuzusehen.
Der bleiche Ork stand in der Portalsöffnung. Ein grässliches Lachen. Eine siegessichere Fratze. Nun standen sie sich wieder gegenüber. Nun sollte es zu Ende gebracht werden, was einst vor so vielen Jahren begonnen hatte. Einer würde diesen Kampf dieses Mal nicht mehr überleben. Azog oder Thorin.


**


Der Angreifer konnte nicht mehr weit entfernt sein. Bald war er bei ihr. Die Schritte kamen eilig näher. Sie lauerte in der Dunkelheit. Sie musste einen entscheidenden Schlag setzen. Sie musste ihr Leben retten. Ihr Mund war trocken. Ihr Herz hämmerte. Mit einem gezielten Stoß schob sie das Schwert der sich nähernden Person entgegen. Jetzt hieß es das eigene Leben zu sichern.

„Was soll der Quatsch?“, fluchte eine aufgeregte Stimme in der Dunkelheit als sie die Schwertspitze bald an ihrem eigenen Oberkörper spürte.


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Er wusste nicht mehr, wie er hierher geraten war. Sie hatten sich einen unerbittlichen Kampf geleistet. Keiner wollte als Verlierer vom Feld gehen. Niemand wollte heute klein beigeben. Beide trachteten dem Anderen nach dem Leben. Und im Eifer des Gefechts waren sie von der Eingangshalle hierher gelangt. Ohne Pausen hatten sie sich bekriegt. Azog hatte seine schwere Keule geschwungen. Thorin hatte ihm mit dem Schwert Widerstand geleistet. Beide hatten sich mehrmals Schnittwunden zugefügt. Eine große prangte bereits an des Zwergen Arm. Sie brannte, aber sie schmerzte kaum. Sein Körper war voller Adrenalin. Er durfte sich nun keine Schwäche erlauben. Er musste sein Weg zu Ende führen.

Wieder einmal holte Azog zum Sprung aus. Doch Thorin war schneller. Im rechten Moment hatte er dem Ork ausweichen können. Der Weg war somit frei für einen eigenen Hieb. Mit einem grässlichen Schrei deutete vieles darauf hin, dass der Schlag nicht seine Wirkung verpasst hatte. Blut rann dem bleichen Ork vom Rücken. Es tropfte auf den feinen Steinboden. Direkt vor den Thron. Vor jenen Thron auf dem einst Thrór saß. Der letzte König unter dem Berge.


**


Mit allem hatte sie gerechnet. Aber nicht mit der Person, die ihr plötzlich vor den Augen erschien. Tauriel. Es waren Tauriels Schritte, die sie in der Dunkelheit vernommen hatte. Ihre Freundin. Die Freundin, von der niemand etwas ahnte. Doch von der einer wusste: Bilbo.

Der Hobbit hatte sich kaum nach dem Erscheinen der Orks den Ring an den Finger gesteckt. Er hatte im Stillen gewartet. Er wusste, dass er seinen Freunden keine Hilfe war. Und als das Portal fiel, war er hinausgelaufen. Er hatte den langen Pfad erklommen und auf sie gewartet. Doch die Zwergin kam nicht. Er hatte direkt vor der Geheimtür gewartet. Aber es war vergebens. Sie hätte noch nicht entkommen sein können. Er hatte immerhin alles nach ihr draußen abgesucht. Und dann hatte er ein ungutes Gefühl bekommen. Was, wenn der Zwergin etwas zugestoßen war? Wenn ihr etwas widerfahren war? Wenn sie etwas hinderte in die Freiheit zu entschlüpfen?
So war er auf direktem Weg zurückgeeilt. Er wusste nicht, was er tun sollte. Wie er ihr helfen konnte. Doch er musste zurück in den Berg. Er musste sie suchen. Und wie durch den Wink der Götter hatte der Halbling Tauriel erblickt, wie sie in der Haupthalle zusammen mit Elben und der Gemeinschaft einen erbitterten Kampf gegen die Angreifer führte. Das war seine Chance! Kaum, nachdem sie einen Ork niedergestreckte, hatte er kurzzeitig den Ring vom Finger gezogen und sich ihr zu erkennen gegeben. Er hatte ihr berichtet, was geschehen war. Und ohne zu zögern, war sie ihm gefolgt. Bis hierher. Bis in den dunklen Stollen hinein.

„Die Tür bewegt sich keinen Millimeter“, schimpfte die Elbin als auch sie ihr Glück am Tunnelende versuchte.

„Das ist das, was ich dir gesagt habe. Nur was machen wir jetzt? Wir können nicht hinunter. Dort unten in den Tiefen tobt der Tod, wenn ich deinen und Bilbos Ausführungen glauben darf.“

„Es gibt hier jedenfalls keinen Ausweg. Wir müssen gehen, Lenja. Wir müssen kämpfen! Wenn wir hier oben bleiben, sind wir auf Dauer auch nicht geschützt. Du hast Recht. Unten herrscht der Tod. Aber wer sagt uns, dass der Berg nicht fällt? Niemand kann uns die Gewissheit geben, dass die Orks bezwungen werden. Niemand kann uns garantieren, dass wir mit dem Leben davonkommen, wenn wir hierbleiben.“

„Und wenn wir sterben? Wenn wir angegriffen werden? Wenn die Orks uns auflauern? Ich bin keine Kriegerin, Tauriel! Ich bin nicht wie du! Ich habe keine Erfahrung im Kampf.“

„Und doch bist du nicht allein. Erinnerst du dich nicht daran, was ich dir einst vor vielen Monaten in Imladris versprochen habe? Ich lasse dich nicht wieder allein, wenn du meine Hilfe brauchst. Und nun komm. Wir kämpfen Seite an Seite. Du und ich." Tauriel reichte ihr eine Hand.


**


Sein Atem ging schwer. Die Haare hingen ihm schweißnass im Gesicht. Bis jetzt herrschte ein ausgeglichener Kampf. Niemand wollte aufgeben. Keiner konnte aufgeben. Thorin sah nur noch ihn. Azog. Mittlerweile waren auch Fíli und Kíli näher an den Thron herangekommen. Beide kämpften mit erheblichen Blessuren gegen ihre eigenen Angreifer. Sie waren allein. Alle drei abgeschirmt von ihren Freunden. Doch ihr Onkel besaß keine Zeit sich um ihr Heil zu sorgen. Sein eigenes Leben stand auf dem Spiel. Sein eigener Gegner wartete nur auf den Moment ihn niederzustrecken.

Wieder prallten Schwert und Keule aufeinander. Wieder war es ein Geduldsspiel. Wieder war es die Frage, wer letztendlich mehr Kraft besaß. Wer vielleicht auch die bessere Technik besaß, um im richtigen Moment den entscheidenden Schlag zu setzen. Wer den Kampf für sich entscheiden konnte.

Und dann hallte ein Schrei im Saal wieder. Von Schmerzen durchzogen. Es schnürte ihm den Hals zu. Sein Herzschlag machte einen Aussetzer. Er brauchte sich nicht umdrehen, um sich zu vergewissern, wer dort soeben aufgeschrien hatte. Es war Kíli. Er hörte, wie ein Gewicht zu Boden fiel. Er hörte das grässliche Lachen eines Orks. Doch er konnte seinem jüngsten Neffen nicht helfen. Azog würde sich diese Gelegenheit zu Nutze machen. Thorin konnte nur darauf vertrauen, dass Fíli sich um seinen Bruder kümmerte. Dass er ihm beistand und ihn verteidigte.

Schließlich tat er mehrere Schritte rückwärts, um mehr Platz zwischen sich und seinen Angreifer zu bringen. Doch ein erneuter Schrei ließ ihn unachtsam werden. Erschrocken fuhr er dieses Mal mit seinem Kopf herum. Die beiden Angreifer seiner Neffen lagen regungslos am Boden und doch stimmte etwas nicht mit dem Bild. Nicht nur die Orks schienen ihr Leben ausgehaucht zu haben. Er riss die Augen auf. Bei Mahal! Nein, das durfte nicht sein! Er sah, wie sein ältester Neffe über den Jüngeren gebeugt war. Blut lief in Strömen von Fílis linker Hand. Er wirkte schwach. Fest hatte der Blonde seinen Bruder in den Arm genommen. Doch dieser schien sich nicht zu rühren. Die Augen geschlossen. Der Körper leblos. Schlapp. Eine große Wunde klaffte an Kílis Hals. Sie war so dunkelrot, dass er sie selbst bis hierher sehen konnte. Wie angewurzelt stand Thorin da. Rührte sich nicht. Konnte seinen Blick nicht abwenden. Und dann spürte er einen unvorstellbaren Schmerz. Doch dieses Mal traf es ihn. Er schrie.

In seiner Unachtsamkeit hatte er Azog für einen kurzen Moment ausgeblendet. Und dies sollte ihm nun zum Verhängnis werden. Mehrere Eisenstreben von der Orkkeule bohrten sich durch seine rechte Schulter. Sie bahnten sich ihren Weg mit voller Wucht durch die Ösen des Kettenhemds. Thorin keuchte und ging in die Knie. Mit derselben Kraft wie zuvor riss der bleiche Ork seine Waffe aus dem Fleisch heraus. Sie waren unaufhaltsam durch den Körper gegangen. Sie hatten seinem Arm die Kraft entrissen. Das Schwert fiel dem Zwerg ohne eingreifen zu können scheppernd auf den Boden. Er konnte es nicht halten. Es war ihm gegen seinen Willen aus der Hand geglitten.

Mit einem triumphierenden Lächeln auf den schmalen Lippen holte der Ork erneut mit seiner Waffe aus. Thorin schloss seine Augen. Er konnte nichts mehr ausrichten. Er musste sich Azog geschlagen geben. Er hatte gewonnen. Er hatte ihm nichts mehr entgegen zu setzen. Das Einzige, was ihm diesen Moment erträglich machte, war die Gewissheit, dass Lenja entkommen war. Dass sie mit dem Leben davongekommen war. Seine Liebe hatte überlebt und musste nun sein Ende nicht mit ansehen. Mit ihrem Bild vor den Augen würde er den Tod antreten. Und ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen als die Wucht des Schlags ihm an der Brust traf, ihn mehrere Meter durch die Luft schleuderte und er schließlich mit dem Kopf unweit des Throns auf den Boden aufschlug. Lenja würde weiterleben.


**


Azog beugte sich über den schwachen Körper des Zwergenkönigs. Noch war Leben in ihm. Aber lange würde es nicht mehr dauern bis er tot war. Was für ein Moment. Thorin war so gut wie tot. Nochmals holte der Ork mit seiner Keule aus, um dem Spektakel nun ein Ende zu bereiten.

Ein Schrei! Ein gellender Schrei drang durch den Thronsaal. Schmerzhaft. Voller Fassungslosigkeit. Trauer. Ein Schrei, wie er nur von Liebenden ausgestoßen werden kann. Der nur vom Verlust ausgelöst wird.

In seiner Bewegung innehaltend, sah Azog in die Richtung des Ursprungs. In einer Tür rechts unweit neben ihm standen zwei Personen. Ein Elb und ein Zwerg. Beide rothaarig. Der Zwerg hatte sich Halt suchend an den Elb geklammert.
Er hatte einen von ihnen bereits einmal gesehen. Den Zwerg. Oder sollte er eher die Zwergin sagen? In jener Nacht als er bereits vor mehreren Monaten Thorin Eichenschild fast das Leben geraubt hatte. Und nun sollte es endlich soweit sein. Keiner konnte ihn mehr aufhalten. Ein grausiges Lächeln erschien auf seinen Lippen. Die beiden würde er auch noch holen, wenn der Zwerg vor ihm erst einmal Geschichte wäre. Weitere Schreie der Frau würden ihm diese Tat nur noch mehr versüßen.

Doch bevor er die Keule erneut gegen den Zwergenkönig richten konnte, traf ihn sprichwörtlich der Schlag. Ein Pfeil durchbohrte seinen Schlagarm. Ein weiterer folgte. Er drehte sich wütend nach rechts, wo er den Übeltäter vermutete. Die Elbin hatte ihren Bogen gespannt. Doch als er vom Zwerg abließ und näher an sie herantreten wollte, surrte ihm von links ein Pfeil in die Flanke. Erschrocken drehte er seinen Kopf. Ein blonder Elb war erschienen, hatte seinen Bogen erneut gespannt und schon flog ein zweites Geschoss aus derselben Richtung. Im letzten Moment konnte Azog diesen abwenden. Jedoch bohrte sich ein weiterer von rechts den Weg in sein Fleisch. Dieses Spiel schien dem Ork absolut nicht zu gefallen. Wütend hob er seine Keule, um sich dem Blonden zu nähern. Doch dieser war nicht allein. Als jener sich wegduckte, hinterließ er genügend Platz für einen Gegner auf Augenhöhe. Ein schwarzer Bär preschte Azog entgegen, schmiss sich auf den bleichen Ork und brachte das zu Ende, was keiner bisher geschafft hatte.


**


Blut. Überall sah sie nur Blut. Sie hatte Fílis und Kílis leblose Körper als erstes gesehen. Kaum war sie zusammen mit Tauriel und dem unsichtbaren Bilbo in der Tür erschienen, sah sie nichts mehr als Tod. Überall. Die beiden Brüder, ihre Neffen, lagen zusammen gesunken Arm in Arm. Keiner rührte sich. Keiner lachte mehr, wie sie es immer taten. Sie waren verstummt.

Der Schmerz über diese Entdeckung hatte ihre Kehle zugeschnürt. Sie wollte schreien. Doch sie konnte es nicht. Sie wollte loslaufen. Doch sie war wie angewurzelt.

Und dann erfasste sie eine weitere Erkenntnis mit einem Schlag. Thorin lag in seinem eigenen Blut. Azog stand über ihn gebeugt. Wie einst. Wie in jener Nacht als sie durch das Nebelgebirge gekommen waren. Doch dieses Mal war die Hilfe fast zu spät. Dieses Mal war niemand hier gewesen, der das Leben des Zwergenkönigs schützen konnte.

Heiß liefen ihr die Tränen über das Gesicht. Seine Blutungen wollte sie mit Stofffetzen abbinden. Sie hatte sich ihr Oberteil verrissen. Sie musste ihm am Leben halten. Er durfte nicht sterben. Er musste kämpfen. Sie musste alles versuchen, um ihm am Leben zu halten. Er durfte nicht gehen. Er musste bei ihr bleiben.
Legolas und Tauriel waren losgeeilt, um Hilfe zu holen. Ein Heiler musste her. Und das schnell.

Sie zitterte. Ihre Unterlippe bebte. Sie hatte alle offenen Wunden so gut es ging mit einem Druckverband zum Versiegen gezwungen. Aber es hörte nicht auf. Es lief. Es tropfte von seinem Leib auf den glatten Boden. Auf den Knien hatte sie seinen Kopf gebettet. Sie hatte gesehen, dass dann und wann kurzzeitig seine Lider flatterten als sie seine Blutungen zu stillen versuchte. Sie hatte sein schmerzverzerrtes Gesicht gesehen, wenn sie auf die Wunden drückte. Und nun setzte sie all ihre Hoffnungen auf das Erscheinen eines Heilers. Irgendwer musste Thorin doch helfen können.

Ohne es zu merken, tränkten sich ihre Hosenbeine in seinem Blut. Doch dafür hatte sie keinen Blick. Sie sah nur noch ihn. Ihre Liebe. Dem Tode näher als dem Leben. Schwach ging seine Atmung. Sein Puls war flach. Behutsam strich sie ihm über die Stirn. Flüsterte immer wieder seinen Namen. Zitterte vor Verzweiflung und Kummer am ganzen Körper. Hielt seinen Kopf auf ihrem Schoß gebettet. Rief verzweifelt Mahal an, ihnen doch endlich mit dem Wink des Schicksals zu helfen während ihre Tränen brennend heiß sich ihren Weg über das Gesicht suchten. Ohne es verhindern zu können, fielen die ersten Tropfen von ihrem Kinn auf Thorins ausdrucksloses Gesicht. Vorsichtig strich sie sie weg. Und ihr Herz überschlug sich als er langsam die Augen öffnete.

„Len...ja“, flüsterte er schwach und unter Schmerzen erschien ein dünnes Lächeln auf seinen Lippen.

Viel heftiger als zuvor rannen ihre Tränen über das Gesicht. „Streng dich nicht an, Thorin. Ich bin bei dir. Alles wird gut. Der Heiler ist bereits auf dem Weg. Er muss jeden Moment hier eintreffen. Du wirst sehen. Dir wird geholfen. Es wird alles wieder gut. Ich bin bei dir.“

Ihre Hände verkrampften sich als sie ihrem Mann vorsichtig eine Strähne aus dem Gesicht streichen wollte.

„Mir... ist... kalt... so... furcht... bar... kalt...“

„Es wird alles gut, Thorin. Der Heiler kommt gleich. Du wirst wieder gesund. Ich verspreche es dir. Nur bitte, lass mich nicht allein! Du musst kämpfen, Thorin! Bitte!“

Zwei blaue Augen sahen sie müde an. „Du... weinst...“

„Ich schaffe es nicht ohne dich“, schluchzte sie und wurde von ihren Tränen geschüttelt.

„Nicht... wei... nen... Len...ja... ich... lie... be... dich... doch...“

Und dann waren seine Augen wieder geschlossen. Sein Kopf war schlaff auf ihrem Schoß zurückgefallen.

Ein Schrei durchzog die gesamten Hallen unter dem Berge. Ein Schrei, wie ihn nur jemand ausrufen kann, dem soeben das Herz entzwei gerissen wurde.
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