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„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
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11.01.2013 4.403
 
Kílis klagender Schrei aus den Tiefen des Einsamen Berges hatte ihnen allen im ersten Augenblick das Blut in den Adern gefrieren lassen. So hoch und elendig, wie er war, konnte niemand daran zweifeln, dass soeben etwas ganz Furchtbares geschehen sein musste. So durch Leid und Schmerz getränkt, konnten sie sich nicht dagegen wehren mit weit aufgerissenen Augen vor Überforderung mit der eingetroffenen Situation förmlich am Boden festgewachsen zu sein. Doch dann, nachdem sich der erste Schock langsam verflüchtigte und die Fassungslosigkeit beiseite trat, realisierten die Gefährten außerhalb der Anlage, was sich soeben im Inneren abgespielt haben musste.

„Smaug“, sprach Óin das aus, was ihnen allen vor dem geistigen Auge auftauchte.

Der Drache hatte Kíli, Dwalin, Bilbo und Glóin aufgelauert. Anders konnte der herzzerreißende Schrei nicht gedeutet werden.

Jeden guten Vorsatz vergessend, dass sie sich dem Drachen einst wenn möglich still und heimlich nähern wollten, trieb die Angst um ihre Freunde im Erebor die Zwerge an, deren ereiltes Schicksal auf den schnellsten Weg aufklären zu wollen. Sie mussten herausfinden, was dazu geführt hatte, dass sie einen markerschütternden Schrei vernahmen. Sie mussten klären, wie es um ihre Freunde stand. Ob sie noch bei Gesundheit waren oder ob der Drache ihnen das Leben genommen hatte.

„Schnell! Folgt mir!“, forderte Thorin die anderen auf und wies mit entschlossener Miene in Richtung des geheimen Einganges.

Doch als Lenja zu ihm aufschließen wollte, schüttelte er den Kopf und hielt sie fest. „Du bleibst hier. Dieses Mal ist es mein voller Ernst. Ich werde dein Leben nicht riskieren. Du bleibst hier und hältst die Stellung. Wir werden mit dem Drachen schon fertig. Und in der Zwischenzeit passt du auf, dass der Eingang offen bleibt. Er ist unser letzter Ausweg, wenn es hart auf hart kommen sollte.“

„Aber... ich soll hier die Stellung halten? Allein? Ich? Was soll das? Das kann doch nicht dein Ernst sein.“ Die Zwergin war gleichzeitig erbost und verwirrt über die Aussage ihres Mannes.

„Vielleicht kann ich sonst bei Lenja bleiben? Immerhin wären wir dann zu zweit und du bräuchtest nicht befürchten, dass sie uns doch noch in den Berg folgt“, bot Ori vorsichtig an.

„Gut. Ihr beide bleibt zusammen hier oben. Haltet unseren Fluchtweg frei. Wir werden uns beeilen.“

Thorins dunkles Haar, war das Letzte, was Lenja in den alten Stollen verschwinden sah. Und dann umgab sie und Ori nur noch Stille. Totenstille.


**


Mit dem Blick fest auf die Öffnung in den Berg gerichtet, warteten sie. Ja, fast wie Tiere lauerten sie auf ihre Beute. Nur, dass in diesem Falle ihre Freunde Acht geben mussten nicht selbst Smaug zum Fraße zu fallen. Wie lange die beiden Zwerge bereits auf die Wiederkehr der anderen warteten, konnten sie nicht sagen. Doch ein Blick in ihre Gesichter verriet, dass schon viel zu viel Zeit vergangen war. Sie hatten keine Neuigkeit. Keiner war zu ihnen nach oben an das Tageslicht zurückgekehrt und hatte ihnen Meldung erstattet. Auch hörten sie nichts, was auf die Gemeinschaft hinwies. Keine widerhallenden Schritte in den dunklen Gängen. Kein aufgeregtes Stimmengewirr. Kein metallisches Scheppern von Äxten und Schwertern. Kein entschlossenes Kampfgebrüll. Kein Grollen eines Drachen. Nichts. Es schien bald so als ob der Erebor die Seelen von dreizehn Personen von einer auf die nächste Sekunde ausgelöscht hatte. Ohne einen Murks zu machen, hatten sie ihre Leben in den Tiefen der alten Festung ausgehaucht. Und weder Ori noch Lenja hatten ihnen beistehen können.

„Verdammt nochmal! Wo stecken sie denn!?“ Lenja hielt die Wartezeit nicht mehr aus und hatte zum wiederholten Male den Kopf in den dunklen Stollen gesteckt und versucht auf das noch so unscheinbarste Geräusch zu achten. Vergebens.

„Vielleicht war es auch nicht Smaug? Vielleicht ist ihnen ja etwas ganz anderes widerfahren? Ich meine, wenn es der Drache gewesen wäre, dann hätten wir ihn doch toben gehört. Spätestens als die Anderen den Vieren zur Hilfe geeilt sind, hätten wir doch etwas hören müssen. Es ist seltsam. Aber ich will nicht daran glauben, dass ihnen etwas Schlimmes widerfahren ist. Sie sind doch zu dreizehnt. Einer hätte uns doch Bescheid gegeben. Einer hätte es doch noch wieder hierher geschafft...“

Ori versuchte der Frau ein Lächeln zu schenken, doch so recht wollte ihm dies nicht gelingen. Auch wenn er derart zuversichtlich über ihre Freunde sprach, konnte man auch in seinen Zügen eine deutliche Unruhe lesen. Auch er machte sich im Stillen seine Gedanken über die Gesundheit seiner beiden Brüder. Weder er noch Lenja hatten auch nur die entfernteste Ahnung von dem, was sich in den Tiefen des Berges abgespielt haben musste. Weder nichts zu sehen noch zu hören, war bald das Schlimmste, was ihnen bisher auf dieser Reise passiert war.

„Und was machen wir, wenn sie nicht wiederkommen? Wenn der Drache sie alle ins Verderben gerissen hat? Eine Flammenglut dürfte reichen ihnen im Nu das Leben zu nehmen noch ehe sie sich versehen. Die Hitze, welche ein solches Vieh erzeugen kann...“

Niedergeschlagen setzte sich die Zwergin zu Ori auf einen Fels. Schweigend sahen sie sich an. Keiner wusste eine Antwort auf das Geschehen. Sie waren beide mit ihren Gedanken bei ihre Lieben im Einsamen Berg. Und sie fühlten sich von Minute zu Minute hilfloser.

„Und wenn wir ihnen doch folgen? Wenn wir nachschauen gehen, ob Smaug im Untergrund sein Unwesen treibt?“, kaum hatte sie diese Gedanken ausgesprochen, biss Lenja sich vor Nervosität auf die Unterlippe.

„Das können wir nicht tun. Du hast doch Thorin gehört. Es war ein Befehl.“

„Aber Smaug! Versteh doch, Ori. Wie können wir hier sitzen und Daumen drehen, während ein Lindwurm unsere Freunde und Familie abmetzelt!“

„Zwergin, in einem kann ich Euch beruhigen. Der, von dem ihr sprecht ist nicht mehr.“

Eine Stimme, die Lenja nicht kannte, hatte das Wort ergriffen. Erschrocken fuhren sie und Ori zusammen und drehten wie wild ihre Köpfe in alle Himmelsrichtungen. Sie kannten den Sprecher nicht. Und sie konnten auch niemanden erkennen, der soeben das Wort an sie gerichtet hatte. Eine raue, fast schon kratzige Stimme, die von der Tonlage bald an ein rostiges Reibeisen erinnerte, war an ihre Ohren gedrungen und doch konnte weder die Frau noch der Mann den Sprecher ausfindig machen. Es schien wie verhext.

Die Zwergin schluckte schwer und nahm allen Mut zusammen. „Wer seid Ihr? Wer richtet das Wort an mich?“

„Habt Ihr mich wirklich nicht entdeckt? Schaut genau hin. Nur weil ich auf den ersten Blick nicht wichtig erscheine, ist dies kein Grund mich zu übersehen.“

Die Stimme kam von links. Lenja drehte ihren Kopf vorsichtig in die Richtung und suchte. Sie suchte nach dem Sprecher. Doch alles, was sie fand war ein Rabe. Vorwitzig machte er mehrere kleine Sprünge auf sie zu. Die Frau legte den Kopf schief. Das Tier hat es ihr gleich. Und dann erinnerte sie sich, woher sie den Vogel bereits kannte. Es musste schon mit den dunklen Mächten zugehen, wenn dies ein Zufall war. Sie hatte ihn bereits einmal gesehen. Nein, das war nicht wahr. Mehrmals hatte er sie beobachtet als sie auf der Suche nach der Geheimtür waren. Und dann hatte er ihnen den Weg gezeigt. Derselbe große, pechschwarze Rabe von einst. Dasselbe Tier, welchem die prägnanten Federn auf dem Haupte fehlten. Sollte dies der Sprecher sein? Der, dessen Stimme sie und Ori soeben vernommen hatten?
Fragend legte sie ihren Kopf noch ein wenig schiefer. Wie in einem Spiegel machte es das gefiederte Tier ihr gleich.

„Glaubt es ruhig, Zwergin. Ich war es, der das Wort ergriff.“


**


Allmählich hatte Lenja ihren normalen Herzschlag wiedergefunden. Dass ein Vogel, ein Rabe, mit ihr sprechen würde, hätte sie in ihren kühnsten Träumen niemals für möglich gehalten. Wenn nicht bereits andere merkwürdige Umstände auf ihrer Reise gewesen wären, wäre die Ohnmacht sie vielleicht nun überkommen. So aber hatte der Felsen gereicht ihrer Überforderung wieder Herrin zu werden.

„Ihr meint also, Smaug hätte das Zeitliche gesegnet? Wie sollte das geschehen sein? Immerhin war er gestern noch sehr lebendig und hat versucht uns die Haut von den Knochen zu brennen.“

Der Rabe, Roac sein Name, tat ein paar Sprünge auf die Zwergin zu. „Ich habe Eure Freunde belauscht nachdem der Kleinste unter euch wieder aus dem Berg herausgetreten war. Er sprach von einem Wortwechsel. Wie es schien hatte der Schreckliche Wind bekommen, dass ein Dieb in seiner Schatzkammer war. In seinem Übereifer tat der Drache aber einen gewaltigen Fehler. Er erzählte Eurem Freund von seinem Panzer. Niemand würde es fertig bringen durch den Mantel aus dichten Edelsteinen hindurch eine Waffen in das Herz dieses Untiers zu bohren. Aber er war unvorsichtig. Euer Freund hatte bei seiner Flucht aus der königlichen Schatzkammer einen Blick auf den gepanzerten Bauch riskieren können. Wie es schien, war eine kleine Stelle ganz in der Nähe seines Vorderlaufs nicht geschützt. Es fiel Eurem Gefährten auf und dann ging alles Schlag auf Schlag.“

„Smaug passierte den Vordereingang und kam auf den direkten Weg hierher..." Ori schaute nicht weniger verblüfft auf das sprechende Tier als Lenja.

„So war es. Ganz recht, Zwerg. In letzter Minute seid ihr alle mit dem Leben davon gekommen. Doch der Schreckliche schien nun erst Blut geleckt zu haben. Er tobte noch einige Zeit an den Flanken des Berges bevor er dem überdrüssig wurde. Ich habe ihn beobachtet. Und plötzlich ließ er vom geheimen Eingang ab. Mit Windeseile nahm er den direkten Weg in Richtung des zerstörten Thals. Ich folgte ihm und als ich sah, wohin ihn sein Weg führte, musste ich handeln.“

„In Thal ist nichts zu holen...“, begann Lenja.

„Aber in Seestadt! In Esgaroth!“ Ori war von seinem Platz aufgesprungen.

„Wie wahr. Ihr seid ein schlauer Zwerg. Der Schreckliche schien die Menschen hinter eurem Erscheinen zu vermuten. Denn mit welcher Wut er über die Menschenstadt hereinbrach, lässt kaum einen anderen Schluss zu. Häuser gingen in Flammen auf, die Bewohner liefen um ihr Leben, Mütter schrien nach ihren Kindern und Männern. Ein schreckliches Bild, wenn Ihr mich fragt. Doch dann war da ein mutiger Gesell unter ihnen. Ein Bogenschütze. Bard ist sein Name. Dieser ließ sich am wenigsten aus der Ruhe bringen. Mehrmals hatten er und seine Kumpanen versucht das feuerspeiende Untier vom Himmel zu holen. Ohne Erfolg. Ich näherte mich dem Menschen und sprach zu ihm, wie ich nun auch zu Euch spreche. Er war ähnlich überfordert und doch traute er meinen Worten. Mit einem letzten Schuss traf er schließlich. Und mit ihm fiel der Schreckliche tot, wie eine Wildgans, vom Himmel und begrub etliche Häuser unter seinem Gewicht.“

„Ihr meint, der Drache ist tot? Smaug ist keine Gefahr mehr?“

„Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, Zwergin. Seine Schreckensherrschaft ist vorüber. Doch werden die Menschen nun eine Gutmachung fordern.“

„Was für eine Gutmachung? Womit meinen sie dies denn verdient zu haben?“

Erschrocken drehten sich Lenja und Ori in die Richtung des Einganges. Thorin war aus dem Berg zurückgekehrt und schien nicht nur bei bester Gesundheit, sondern auch wenig überrascht, dass ein Rabe zu ihnen sprach.

„Thorin, rechtmäßiger Erbe des Thrones unter dem Berge. Es freut mich Euch wohlauf zusehen. Der Drache ist tot. Aber die Menschen sehen den Grund für seinen Angriff bei Euch. Es werden Stimmen laut, dass Ihr den Schrecklichen aufgeschreckt, dass Ihr ihn bis auf das Blut gereizt habt und er als Rache für die Hilfe der Menschen ihnen Tod und Verderben brachte. Und es gibt auch solche, die glauben, dass Ihr nicht mehr seid. Sie sehen einen einsamen Berg in dem viel Gold ungeschützt daliegt.“

„So, das sehen sie? Seid Ihr Euch sicher?“

„Ich kann Euch nur mitteilen, was ich beobachtet habe, Zwergenkönig. Seestadt ist im Umbruch. Man hat bereits nach den Waldelben schicken lassen. Die Menschen werden Hilfe benötigen. Und wenn man sie ihnen verweigert, so bin ich mir sicher, dass sie sie sich letztendlich das nehmen werden, was ihnen zusteht. Jedenfalls das, was sie meinen verdient zu haben.“

„Dann sollen sie kommen. Und sie werden den Weg hierher umsonst getan haben. Sie werden sich wundern, wenn sie erhoffen den Berg einsam und verlassen vorzufinden. Euch aber verspreche ich für Eure Mühen Gold und Edelsteine. Haltet Ausschau und erstattet mir Bericht, was sich tut. Euch entlohne ich, wie es bereits in Zeiten Thrórs der Fall zwischen Eurem und meinem Volk gewesen ist.“

„Ich danke Euch, König unter dem Berge“, sprach der alte Rabe und verschwand mit mehreren Flügelschlägen.


**


Stunde um Stunde hatten sie bereits im Berg verbracht.

Nachdem der Vogel verschwunden war, hatte sich dankenswerterweise herausgestellt, dass Kílis Schrei einzig und allein einem Schwarm Fledermäuse zuzuschreiben war. Nicht sie waren der genaue Ursprung seiner Fassungslosigkeit, sondern die Tatsache, dass der junge Zwerg vor Schreck auf dem feuchten Steinboden ausrutschte und geradewegs in knöcherne Überreste einstiger Ereborzwerge landete. Obwohl er in seinem für zwergische Verhältnisse jungen Alter bereits einiges erlebt und mit dieser Mission auch über sich ergehen lassen hatte, war das Überraschungsmoment dann doch eindeutig zu viel für seine angespannten Nerven. Falscher Alarm hatte somit dafür gesorgt, dass sich seine Freunde die furchtbarsten Gedanken über seinen Verbleib machten. Kaum, dass Dwalin und Glóin den Jungspund beruhigt hatten, waren Thorin und die anderen bereits bei ihnen eingetroffen.

Doch jeder Gedanke an Lenja und Ori, die draußen auf sie warteten, hatte sich verflüchtigt als ihre Blicke das Gold in der Schatzkammer trafen. Im hellen Schein ihrer notdürftigen Fackeln schimmerte es wie Wasser. Smaragde, Opale, Rubine – auch die Edelsteine hielten sich nicht weniger in ihrer Schönheit zurück und zogen die Gefährten in ihren Bann. Wie bunte Blumen leuchteten sie ihnen zwischen der vergoldeten Wiese entgegen. Und jegliche Vorsicht war rasch vergessen. Alles, was sie sahen, waren die Schönheit und die Reinheit des Erbes eines gesamten Volkes. Nur der schwere, leicht faulige Geruch in ihren Nasen erinnerte an den Drachen, der hier noch vor wenigen Stunden ein Auge auf den Schatz gehabt hatte.

Mit einer kaum geahnten Präzision ließ Thorin seine Blicke über die Goldberge gleiten. Sein Weib am Südhang des Berges ganz vergessend, war er auf der Suche. Er musste hier doch irgendwo stecken? Er hatte doch gesehen, wie er seinem Großvater aus den Händen gerutscht war nachdem Smaug den Erebor angegriffen hatte. Wo war er also? Er konnte nicht verschwunden sein. Oder etwa doch? Akribisch fahndeten seine Blicke nach dem Königsjuwel. Nach dem Arkenstein.

Balin hatte den König schließlich aus seiner Suche gerissen. „Thorin, warst du schon bei Lenja? Nicht, dass sie und Ori sich noch die schlimmsten Gedanken machen während wir bei bester Gesundheit durch die Schatzkammer streifen.“

Und so war der Zwerg den Weg hindurch durch den alten Stollen geschritten. Er war seinem alten Freund dankbar. Ohne sich selbst zügeln zu können, waren seine ersten Gedanken bei dem alten Schmuckstück gewesen. Er schämte sich ein wenig dafür, dass sie nicht seinem Weib gegolten hatten, welches sich wahrscheinlich sehr um seine Gesundheit sorgte. Und doch, ohne es zu wollen, hatte ein Verlangen seinen Geist kurzzeitig ergriffen. Das Arkenjuwel wollte gefunden werden.

So suchte ein Teil der Gemeinschaft nicht nur den Rest des Tages aufmerksam die Schatzkammer nach dem Juwel ab. Auch in den nächsten Tagen gewährte Thorins unterschwellige Sehnsucht nach dem einstigen Besitz seines Großvaters ihnen kaum mehr Pausen als die Nachtruhe. Umso länger sie vergebens suchten, umso mehr verdüsterte sich des Zwergen Laune.
Auch wenn er eher selten aktiv bei der Suche vorstellig war, da er sich zusammen mit Dwalin, Óin, Glóin, Bofur und Bifur um die provisorische Instandsetzung des alten Haupttores kümmerte, so schien er doch unterschwellig getrieben. Getrieben auf der Suche nach einem Stein, der einst den Geist Thrórs schneller gefangen genommen hatte als ihnen allen lieb gewesen war. Als ihm selbst lieb gewesen war.


**


Seufzend ließ die Zwergin sich auf einen Felsvorsprung an einem der steinernen Balkone direkt über dem Haupttor nieder. Thorin hatte soeben erneut Informationen mit Roac ausgetauscht. Wie es schien, waren die Elben aus dem Düsterwald den Menschen aus Esgaroth in den letzten Tagen zu Hilfe geeilt. Auch ein Heer hatte Thranduil auf dem Fußweg in Richtung der Seestadt in Bewegung gesetzt. Hilfsgüter waren auf dem Flussweg vorausgeschickt worden. Und doch hatten die Zwerge bis jetzt, anders als der alte Rabe vermutet hatte, keinen Gesandten der Menschen vor ihren Toren in Empfang nehmen dürfen. Der Vogel wurde mit der Bitte auf baldige Neuigkeiten entlassen. Als sich Thorin abwandte, sah er seine Frau mit fragendem Blick in seine Richtung schauen. Seitdem bekannt war, dass der Drache nicht mehr war, hatten die beiden Liebenden kaum mehr als ein Wort miteinander gewechselt. Zu groß war seine freudige Erregung über die doch leichter als erwartete Rückkehr in die alte Heimat. Und über das Gold, was nun wieder in seinen Händen war.

„Was hast du?“, fragte er Lenja schließlich doch, obwohl er sich nicht sicher war, ob ihm ihre Antwort gefiel.

„Ich frage mich, was dich umtreibt. Du versuchst es vor mir zu verheimlichen, doch ich sehe, dass du kaum noch mehr als drei Stunden am Stück schläfst. Seit Tagen gehst du mir aus dem Weg. Seit Tagen habe ich das Gefühl, du freust dich eher auf den Stein als über die geglückte Rückkehr in unsere Heimat. Wo ist der Mann geblieben, dem ich noch vor wenigen Wochen meine Liebe geschworen habe...“, flüsterte sie traurig.

Er schluckte schwer. Tief in seinem Inneren fühlte er sich ein wenig ertappt, gab sie ihm doch das Gefühl sein Innenleben teilweise durchleuchtet zu haben. Und doch, hatte sie nicht das Recht ihm Vorhaltungen zu machen. Immerhin war er nicht nur ihr Mann, sondern auch der König.

„Mach dir nicht mehr Gedanken als nötig. Du weißt, dass viel Verantwortung auf meinen Schultern liegt. Unsere Mission ist geglückt. Der Drache ist tot und der Erebor ist wieder unser. Und ich bin der König. Es liegt nun an mir unseren Erfolg zu bewahren und gegen Feinde zu schützen. Wenn ich dann etwas übermüdet bin, liegt dies ausschließlich an meiner Verantwortung. Du musst dich daran gewöhnen. Auch in Zukunft werde ich nicht immer taufrisch aussehen“, versuchte er zu beschwichtigen und wandte sich um zu gehen.

„Was haben wir denn für Feinde? Ich sehe nirgends eine Bedrohung. Warum suchst du den Arkenstein? Thorin, sprich mit mir! Sag mir die Wahrheit! Was willst du mit dem Stein?“ Lenja hatte ihren Mann am Arm berührt und suchte seinen Blick.

Der Zwerg schüttelte nur den Kopf, nahm zärtlich, aber entschlossen die Hand von seinem Arm und ging zurück in den Erebor.


**


Hatte sie sonst immer auf Bilbo zählen können, so schien auch er nicht mehr der Hobbit zu sein, der er noch einst vor Smaugs Tod gewesen war. Viel zu still versuchte er sich soweit wie nur möglich von allen fernzuhalten. Er wirkte müde, erschöpft und in seinen Zügen lag eine Traurigkeit, die Lenja aufmerksam werden ließ. Nun auch noch ihr lieb gewonnener Freund. Als ob Thorins merkwürdiges Verhalten nicht schon gereicht hätte ihr Herz schwerer als nötig zu machen.

Der Halbling war in den letzten Sonnenstrahlen dieses vorwinterlichen Abends auf den Balkon hinaus getreten auf dem sich die Zwergin auch Stunden nach der gescheiterten Unterredung mit ihrem Mann befand. Er hatte nicht nach ihr schicken lassen und so war sie zusammen mit ihrer Verletzbarkeit einsam an der frischen Luft geblieben. Hier oben hatte der Drache keinen Schaden angerichtet, sodass sie weniger darauf achten musste, wo sie ihre Füße hinsetzte.
Und nun stand Bilbo nicht weit von ihr entfernt an der Mauer und schien ebenfalls seinen Gedanken nachzuhängen. Wie es schien, hatte er die Zwergin im Hintergrund nicht bemerkt. Leise stand die Frau auf, streckte ihre müden Glieder bevor sie an ihren Freund herantrat. Als sie ihm die Hand auf die Schulter legte, zuckte der Kleinere neben ihr kurz zusammen.

„Entschuldige, ich war ganz in Gedanken“, versuchte sich Bilbo aus der Affäre zu ziehen und zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber ich mache mir Gedanken. Erst benimmt sich Thorin ganz anders und will nicht mit mir über seine Gefühle sprechen und dann gehst du mir auch aus dem Weg. Bitte Bilbo, sprich wenigstens du mit mir. Was ist geschehen, dass du so eine Miene ziehst?“

Der Hobbit wandte seinen Blick von ihr ab und ließ ihn über das Ödland rund um den Einsamen Berg schweifen. Schließlich seufzte er. „Versprichst du mir, mich nicht zu verurteilen? Kannst du mir die Gewissheit geben, dass ich mich nicht an eurem Vertrauen zu schaffen gemacht habe?“

„Bilbo, du bist mein Freund! Ich würde dich niemals für etwas verurteilen. Hauptsache du sprichst mit mir. Wenn schon nicht mein eigener Mann, dann doch bitte du als mein Freund! Nur so kann ich dir etwas von der Last nehmen, die dir so schwer auf den Schultern lagert.“


**


„Es ist wahrscheinlich besser so. Also nicht, dass ich deine Gedanken nicht verstehen kann. Ich verstehe es nur zu gut, dass du dir Vorwürfe machst den Drachen erst auf die Idee gebracht zu haben, dass wir Hilfe aus Esgaroth hierher zurück erhalten haben. Aber ich fürchte, dass er früher oder später auch von allein auf den Gedanken gekommen wäre. Ich meine, selbst, wenn es dir nicht herausgerutscht wäre, dass du als Fassreiter unterwegs gewesen bist, wäre wohl auch der dümmste Drache nach längerer Grübelei auf die Idee gekommen, vermeintliche Verbündete in der Seestadt zu suchen. Machen wir uns doch nichts vor. Weit und breit existiert kein Leben. Da kann die Hilfe auch nur von den Menschen gekommen sein.“ Lenja versuchte Bilbo ein wenig zu trösten.

„Aber ich bin für den Tod von vielen Menschen verantwortlich! Ich! Ich allein! Ich habe mit meiner Unüberlegtheit Verderben über sie gebracht. Wenn wir dem Raben trauen können, dann sitzen sie nun ohne ein Dach über dem Kopf am Seeufer und warten auf einen raschen Tod im nahenden Winter!“

„Rede dir doch so etwas nicht ein, Bilbo! Ich habe doch versucht dir zu erklären, dass er früher oder später selbst auf die Idee gekommen wäre. Wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Das Einzige, was wir nun tun können, ist... Verdammt! Schau doch! Wir bekommen Besuch! Wir müssen Thorin holen!“


**


„Diese einfältigen Menschen! Als ob sie unserem Volk seinen gerechten Anteil von seinem berechtigten Erbe überlassen hätten, wenn der Drache uns alle getötet hätte! Wie können sie es nur wagen, uns eine Frist zu setzen und einen Teil am Erbe unseres Volkes zu fordern! Sie werden sich mit ihrem Verhalten ins eigene Fleisch schneiden! Und es interessiert mich einen Dreck, ob ein Nachfahre Girions vor meinen Pforten bettelt oder jemand anders! Kaum ist das Vieh verreckt, erscheinen hier die ersten Leichenfledderer und fordern mich, mich, den Erben über diese Hallen, auf, ihnen Gold zu übergeben!? Das ich nicht lache! Keiner wird mich, Thorin Eichenschild, dazu bekommen, dass ich buckelnd vor ihm niedergehe! Niemand! Und da kann dieser selbsternannte Drachentöter seinen Elbenfreund holen wie er will! Nicht ein Gran gibt es von mir! Forderungen stellen, obwohl sie nicht in der Position sind, welche zu stellen! Pah!“

Vor Wut bebend, schritt Thorin seinen imaginären Weg auf und ab. Lenja und Balin hatten noch versucht ihn zu beruhigen, doch nach Bards Auftritt waren sie dem Zwerg nicht mehr Herr geworden. Als ein Gesandter schließlich die Forderungen der Menschen aus Seestadt und der ihrer Verbündeten in Form der Düsterwaldelben verlas, verließen den Zwergenkönig alle guten Geister. Hastig ergriff er einen Pfeil aus Kílis Köcher, spannte ihn in den Bogen und schoss ihn schließlich durch eine Lücke in der provisorisch wiederhergestellten Eingangspforte hindurch. Der Mensch konnte den Göttern danken, dass er geistesgegenwärtig seinen Schild zog und somit sein Leben retten konnte. Eine Sekunde später und er wäre das erste Opfer von Thorins Tobsuchtsanfall gewesen.

„Lass uns bitte kurz allein“, bat Lenja schließlich ihren Onkel, was jener auch tat.

Auch wenn sie die Wut ihres Mannes bis auf wenige Ausnahmen nachvollziehen konnte, wollte sie ihr Glück versuchen und ihn wieder ein wenig ruhiger stimmen. Vorsichtig näherte sie sich ihm von hinten, atmete tief durch bevor sie ihre Arme um seinen Oberkörper schlang und ihn somit zu einer Unterbrechung seines Weges zwang. Erst schien sich Thorin aus der Umarmung winden zu wollen, ließ sie aber schließlich doch nach kurzem, halbherzigem Gerangel zu.

„Du hast ja nicht Unrecht. Aber musstest du wirklich einen Pfeil in die Richtung des armen Gesandten schicken? Ich meine, er tut doch nur seine Arbeit. Mit dieser Tat wirst du die Gemüter der Menschen und auch der ihrer Verbündeten nicht abkühlen können.“ Zärtlich strich sie mit der Hand über seine.

„Und was soll ich deiner Meinung tun? Den Plünderern Recht geben? Ihnen unverdient das Gold in den Rachen werfen? Nur über meine Leiche!“

„Das habe ich ja auch nicht gesagt. Aber hattest du nicht dem Stadthalter von Esgaroth sowieso eine Entschädigung versprochen? Du wolltest ihm doch Gold für seine Unterstützung zukommen lassen. Wenn du dann doch ein wenig mehr Edelsteine zum Beispiel obendrauf tust, wird man es dir danken. Man wird deine Großzügigkeit zu schätzen wissen. Die Menschen könnten dadurch ihre Unterkünfte wiederaufbauen und du wärst in ihren Augen ein mehr als gerechter und großzügiger König.“ Noch enger als vorher schmiegte sie ihren Oberkörper an seinen. Wie sehr hatte sie sich nach Nähe in den letzten Tagen und Nächten gesehnt gehabt.

„Man reiche ihnen den kleinen Finger und schon nehmen sie die ganze Hand. Lenja, sie werden nicht zufrieden sein. Sie werden mehr fordern. Selbst wenn die Menschen vielleicht erst einmal zufrieden gestimmt wären, du vergisst das Spitzohr. Was glaubst du, wer eigentlich hinter diesem ganzen Theater steckt? Was hat er denn mit dem Schatz und Hilfszahlungen zu tun? Genau: nichts! Oder möchte er noch, dass wir unsere Haft in seinem Kerker bezahlen? Den fürstlichen Aufenthalt, den er uns gewährt hat? Sei nicht albern, Lenja! Thranduil wird diesem Nachkommen Girions und den Stadthalter unter Kontrolle haben. Sie werden mehr fordern als ihnen zusteht und nur, weil es dieser Elb von ihnen verlangt!“

„Du hast doch diesen Bard gehört! Sie werden uns belagern! Was willst du dagegen ausrichten? Ein Elbenheer ist nicht mehr weit vom Einsamen Berg entfernt! Roac spricht von nichts anderem mehr! Thorin! Wir sind nur fünfzehn Personen! Fünfzehn! Selbst die Menschen sind ohne Frauen und Kindern mehr als wir! Bard wird morgen wiederkommen. Und auf mich macht er den Eindruck als ob er nicht von seiner Forderung abrücken wird. Wie willst du überleben, wenn sie uns belagern? Wie wollen wir etwas gegen ein ganzes Heer ausrichten können. Bitte, Thorin. Bitte, sei nicht so stur und lenke wenigstens ein wenig ein. Zeig ihnen, aus welchem Holz du gemacht bist! Zeig ihnen was für ein König du bist!“ Vor Wut und Verzweiflung hatten sich Tränen in Lenjas Augen geschlichen.

„Und wie ich ihnen zeigen werde aus welchem Holz ich geschnitten bin! Warum sollte ich mir unseren gefiederten Freund nicht zu Nutze machen? Diese Hochstapler werden noch sehen, mit wem sie sich angelegt haben!“
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