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„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
90
211.136
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11.01.2013 4.161
 
Sie hatte Mühe ihren Schlaf zu finden. Die Ereignisse des letzten Tages hatten sie aufgewühlt. Eine kaum gekannte innere Unruhe hatte Besitz über ihren Körper ergriffen und wollte sich nicht dorthin wieder verbannen lassen, von wo sie einst gekommen war. Lenja fragte sich, wie Thorin, ihre Onkel, als auch Óin, Glóin, Dori oder Bifur als Älteste innerhalb der Gemeinschaft es bisher geschafft hatten Bilder des Schreckens zu verarbeiten. Sie alle hatten im Laufe ihres Lebens mehr Grauen und Vernichtung gesehen als wahrscheinlich einem Leben gut tun würde und doch hatte die Zwergin das Gefühl, dass sie alle das Leben liebten. Dass sie es geschafft hatten, die Bilder soweit aus ihrem Leben zu verbannen, sodass sie ihnen öffentlich jedenfalls nichts mehr anhaben konnten. Wie konnte ihre Seele dies nur überwinden, ohne im schlimmsten Falle zu resignieren? Wie konnten sie nachts die Augen schließen, ohne sich davor fürchten zu müssen im Land der Träume den erlebten und gesehenen Schmerz erneut oder noch viel stärker wieder zu begegnen?

Die Seele war das Einzige an einem Zwerg, was man als sensibel einstufen konnte, zusammen mit dem Herzen. Alles andere hatte Mahal so erschaffen, dass Repräsentanten dieser Rasse robuster erschienen als andere Lebewesen Mittelerdes. Und doch war der tiefe Kern eines Zwergs verletzbarer als Außenstehende jemals für möglich gehalten hätten. Ein Zwerg lebte für die Familie, die Gemeinschaft, andere Zwerge, die ihm wichtig waren. Sie konnten unerbittlich im Schutze ihrer Liebsten sein, wenn die Situation es verlangte und trotzdem waren sie stur im Umgang mit sich selbst. Nur die wenigsten sprachen über ihre Gefühle. Über Liebe ließ sich noch eher philosophieren, aber der Schmerz, die Trauer, die pure Verzweiflung, die einen in den Wahnsinn treiben konnten, machte der Großteil mit sich selbst aus. Allein. Still. Im Zwiegespräch mit sich selbst.

Nur Frauen schienen eine Ausnahme zu sein. Doch wann hatten Zwerginnen bisher mehr Grauen als in Form des frühen Todes ihrer Kinder oder eines Familienangehörigen erlebt? Auch die Heimatlosigkeit der einstig so stolzen Ereborzwerginnen konnte unter Schmerz verbucht werden. Aber eine Stadt, die keine Stadt mehr war? Und noch um ein Vielfaches schlimmer, der Tod auf den Schlachtfeldern? Wie viele Tote, wie viele Personen hatten sie bereits vor ihren eigenen Augen mit dem Leben ringen gesehen? Hatten sie der Zerstörung, welche verfeindete Völker über sich bringen konnten bereits ins Gesicht geschaut? Hatten sie bis zu den Knien in Blut und Verderben gestanden? Immer bereit um das eigene Leben zu kämpfen, das ihnen ihre Feinde nach dem nächsten Wimpernschlag nehmen wollten?
Lenja reichte bereits erstere Erfahrung aus, um sich unwohl und aufgewühlt zu fühlen. Wenn sie daran dachte, dass wohl kaum einer der Männer je mehr als ein paar Worte über seine Erlebnisse verloren hatte, dann wollte sie sich gar nicht vorstellen, wie schwer ihr Herz war und wie stark ihre Seele zu diesem Zeitpunkt inmitten der greifbaren Verwüstung erneut zu lodern begann. Wie auch ihre Erinnerungen an vergangene Zeiten langsam empor stiegen und zäh wie Teer an ihren Fersen klebten.

Trotz ihrer Unruhe fühlte es sich gut an in Thorins Armen zu liegen, oder vielmehr im Sitzen an ihn gelehnt zu sein. Nachdem er sie ein wenig beruhigen konnte als die Fassungslosigkeit gepaart mit der alten Trauer überhand genommen, sie die Tränen aus ihren Augen gewischt hatte, gab er ihr schließlich die Hand und zusammen suchten sie sich einen Platz für ihr Nachtlager. Mit dem Oberkörper hatte sich der Zwerg an eine Mauer gelehnt, sodass Lenja sich vor ihn setzte und sich mit dem Oberkörper an ihn schmiegen konnte. Den Kopf bettete sie an seiner Brust und auch wenn im Sitzen schlafen nicht unbedingt zu den Dingen gehörte, die ein Zwerg gern tat, war dies eine schöne Idee seinerseits. Der gleichmäßige Takt seines Herzschlages und die Wärme, welche von ihm ausging, waren Balsam auf der geschundenen Seele. Eine Decke über beide Leiber sorgte für einen weiteren Schutz gegen den frischen Wind und doch hatte die Frau Mühe ihren Schlaf zu finden. Auch wenn sie sich in seinen Armen geborgen fühlte, sorgten die unnatürliche Stille und allein der Gedanke in einer toten Stadt zu nächtigen für leichtes Kopfzerbrechen. Smaug war so nah, wenn es ihn noch gab. Und der seltsame Nebel vor Erebors Toren ließ Lenja vermuten, dass er immer noch über den Schätzen wachte.

„Schläfst du immer noch nicht?“, flüsterte Thorin tadelnd hinter ihr und riss sie damit aus ihren Gedankengängen.

„Spätestens jetzt hättest du mich sowieso aufgeweckt“, gab sie zu bedenken und fühlte sich ein wenig ertappt.

„Ich habe dir doch versprochen auf dich aufzupassen. Die Vergangenheit wird uns nicht einholen können, Lenja. Mach dir keine Gedanken. Selbst Mahal ist bei uns und hat unserem Unternehmen seinen Segen gegeben. Oder meinst du, dass wir sonst bis hierher gelangt wären, wenn er nicht auf uns Acht geben würde? Versuch ein wenig zu schlafen. Es wird alles gut. Und am Ende dieser Reise ist der Erebor, unser aller Heimat, wieder in den Händen seiner rechtmäßigen Erben.“

Der Zwerg hauchte einen Kuss auf ihren Schopf und zog die Decke über ihr noch ein wenig höher.

„Damit du nicht frierst, Flocke.“

Bei diesem Satz erschien in der Dunkelheit ein kleines Lächeln auf ihren Lippen. Er hatte Recht, sie waren bereits so weit gekommen. Ob nun ein Drache sie wirklich noch aufhalten konnte? Immerhin war Smaug auch nicht mehr der Jüngste.


**


Die Wolken hingen tief an jenem Morgen und verdeckten die Sonne droben am Himmel. Die Luft war klar und doch neigte sich der Herbst seinem Ende zu. Leichter Rauch stieg vom Wasser auf, welches Bombur im Schutze des Turmes erhitzt hatte. Wie kleine Rauchschwaden kringelten sie sich von den mitgebrachten Tonbechern aus Esgaroth empor. Vorsichtig pustete Lenja bevor sie sich die dünne Suppe an die Lippen setzte. Da sie nicht wussten, wann sie das nächste Mal etwas Reichhaltigeres in ihre Mägen bekommen sollten, wo sie das neue Lager aufschlagen konnten, hatte Thorin angeordnet bereits im Morgengrauen mehr als nur Tee und trockenes Brot zu sich zu nehmen. Zum Glück waren Hobbits genauso wie Zwerge gute Esser, sodass Bilbo sich nicht empören musste. Ohne Einwände nahm auch er einen Becher in die Hände und ging noch einmal in sich.
Sie alle wussten, wie sich ihr Anführer den heutigen Tag vorgestellt hatte. In vier Kleingruppen aufgeteilt, war ihr Ziel die geheime Eingangstür in den Einsamen Berg hinein ausfindig zu machen, wie sie Thorins alte Karte zeigte. Wie lange dies dauern würde, konnte keiner sagen. Und deshalb war die morgendliche Stärkung auch von enormer Wichtigkeit.

Lenja nahm die letzten Schlucke aus ihrem Becher. Ihr Rücken schmerzte ein wenig von der Nacht. Nicht, dass sie Thorin als Kissenersatz nicht dankbar gewesen wäre. Aber die ungewohnte Position und der wirre Schlaf, den sie letztendlich fand, hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie konnte nicht behaupten unter wahren Alpträumen gelitten zu haben. Es waren keine Bilder des Grauens, die sie in der Dunkelheit heimgesucht hatten. Und dennoch fühlte sie sich ein klein wenig gerädert. Sie war sich nicht sicher, ob sie wirklich von der Vergangenheit geträumt hatte. Doch was sicher war, war der Ort ihres Traumes. Sie träumte eindeutig vom Erebor. Es war ruhig in den Gängen gewesen durch die sie gegangen war. Niemand war ihr auf ihrem Weg begegnet. Aber dennoch fühlte sie sich keineswegs unbehaglich. Lichter brannten an den Wänden, die Flammen loderten und warfen kleine Schatten. Sie selbst schien auf der Suche nach etwas zu sein. Doch was dies war, wusste die Zwergin nicht. Ganz akribisch hatte sie einen Gang nach dem Nächsten durchschritten und ihre Suche schien wie verhext zu sein.
Was auch immer sie in ihrem Traum gesucht hat, wusste sie am Morgen nicht mehr. Aber dieses seltsame Ereignis hatte dafür gesorgt, dass sie sich nun nicht ganz auf der Höhe ihrer Kräfte fühlte. Nichtsdestotrotz musste ihre Reise nun weitergehen.


**


Sie hatten sich bereits noch in ihrem provisorischen Lager darauf geeinigt, sich nur so oft wie wirklich nötig in der direkten Nähe des Einsamen Berges laut miteinander zu verständigen. Als Alternative sollte Iglishmêk dienen, eine nur den Zwergen bekannte und in ihrer Kindheit erlernte Zeichensprache, welche selbst Gespräche über den hämmernden Klang von Amboss und Metall hinweg als Verständigungsmittel sehr gute Dienste leistete. Nur Bilbo blieb dadurch ausgeschlossen. Damit dies nicht zu unnötigen Problemen führte, wollte Lenja ihm in den wichtigsten Momenten die Aussagen der anderen übersetzen. Ob diese Idee sich bewähren würde, sollten die Freunde noch herausfinden. Sie selbst hatte weniger Probleme als beispielsweise die Jüngsten unter ihren zwergischen Freunden, da sie Iglishmêk bereits von klein auf von Dwalin erlernt hatte. Erst waren es Kleinigkeiten, um seiner Nichte heimlich auf witzige Dinge hinzuweisen, wenn Láfa oder Balin ihnen den Rücken zudrehten. Wenn sich die kleine Zwergin nach ersten Verständnisschwierigkeiten prustend auf dem Boden kringelte, wussten schließlich auch die Geschwister ihres Onkels, dass soeben Details auf Iglishmêk ausgetauscht wurden. Später half es ihnen sich zu verständigen, wenn Lenja über den Lärm in den Schmieden hinweg wissen wollte, wann denn ihr Onkel gedenke für das Abendessen heimzukehren.

Bisher war der Einzige unter ihnen Bifur gewesen, der sich nicht nur ausschließlich in Khuzdul, sondern auch auf Iglishmêk verständigte. Bilbo hatte sie oder auch Bofur öfter gefragt, was der Zwerg eigentlich gerade wieder von sich geben hatte, wenn er in sehr rascher Abfolge mit den Händen sprach. Doch nicht nur der Hobbit hatte seine Mühe dem zu folgen. Auch Fíli, Kíli und Ori hatten nicht in einer großen, intakten Zwergengemeinschaft aufwachsen können, sodass ihre Kenntnisse eher im Verstehen, und damit passiver Natur waren, als in der Anwendung dieser alten Sprache lag. Und deshalb war es auch wichtig die drei Zwerge auf die vier Gruppen aufzuteilen. Zusammen mit dem Halbling würde in jeder kleinen Gemeinschaft jeweils ein mehr oder weniger Unkundiger sein, was es somit zu verschmerzen ging.

So schlossen sie Gruppen zu immer vier und einmal fünf Personen. Bombur und Bifur würden mit ihren Vorräten am Südhang des Berges bleiben, von wo aus sie für fremde Blicke geschützt waren, aber selbst einen weiten Blick zu Erebors Pforten riskieren konnten. Falls es Smaug noch geben mochte und er sie zufällig doch ausfindig machte, würden sie im Schutze einer Einbuchtung im massiven Gestein ihr Leben vor ihm retten können. Dadurch, dass jene ein alter Späherposten war, war es von außen nicht erkennbar und verschmolz dank einer Art schützender Wand gänzlich mit dem Berg.

Dass er Lenja erlaubte der Gemeinschaft zu folgen und sie anstatt Bifurs nicht bei Bombur ließ, hatte Thorin einige Gedankenspiele gekostet. Letztendlich erschien es ihm weniger gefährlich, sie bei Balin und Dwalin sicher zu wissen als darauf zu vertrauen, dass seine Frau es im Notfall wirklich schaffen konnte, ihr eigenes und schlimmstenfalls auch Bomburs Leben mit der Klinge zu verteidigen. Auch wenn sie nicht die Unbegabteste im Umgang mit dem Metall war, fehlten ihr die Erfahrung. Somit konnte er sich eher mit dem Gedanken anfreunden, sie an den Hängen und Hochebenen des Erebors als etwas abschüssig weiter unten zu wissen. Immerhin konnte ihr unter den wachsamen Augen ihrer Onkel eindeutig weniger passieren, wenn Thorin selbst nicht mit ihr sondern Kíli, Glóin und Nori zusammen den eigenen Weg auf der Suche nach der Geheimtür bestritt.


**


Für ihren Geschmack hing ein Duft in der Luft, der ihr ganz und gar nicht zusagte. Zusammen mit Bilbo, Bofur, Dwalin und Balin machte sich Lenja auf den Weg die geheime Tür hinein in den Erebor zu suchen. Doch sie hatten ihn alle allmählich wahrgenommen. Anhand ihrer Gesichter konnte die Zwergin ablesen, dass sie nicht phantasierte. Auch Bilbo hatte nun mit zusammengezogenen Augenbrauen die Nase gerümpft. Ein beißender Geruch hing über dem Einsamen Berg. Und sein Name war Schwefel.

Trotz des über die Jahre der Verbannung immer noch bestehenden Quellursprungs des Eilends, welcher sich in einem Tosen als kleiner Wasserfall an den Hängen des Einsamen Berges hinunter züngelte und dadurch auch die Luft in seiner direkten Nähe deutlich reiner machte, wollte der Geruch nicht gänzlich abschwächen. Auch umso höher sie ihr Weg am südlichen Hang des majestätischen Berges brachte, ihre Hände unter der Kälte der Felsen und ihrer spitzen Ecken und Kanten langsam aber sicher zu brennen begannen, blieb immer noch ein wenig des derb süßlich, fauligen Geruchs in der Luft erhalten. Wenn dies nicht der beste Beweis für die Bedrohung eines in den Tiefen des massiven Gesteins lauernden Drachen war.


**


Stunde um Stunde verbrachte die Gruppe damit sich einen Weg durch die Felslandschaft zu suchen. Immer waren sie darauf bedacht einen festen Stand zu behalten, um das Risiko abzurutschen und sich schlimmstenfalls ernsthaft zu verletzen, zu mindern. Wie leichtfüßig Bilbo über die Felsen schritt und ohne Unterlass jeden noch so unwichtig erscheinenden Spalt oder Riss in den Gesteinsmauern als potentiellen Ort, welcher auf der alten Karte gezeigt wurde, betrachtete und ihn nach seinem wahren Gehalt untersuchte, ließ Lenja nicht nur staunen, sondern ebenfalls schmunzeln. Ja, der Halbling war nicht mehr wie einst. Viel mutiger und wie selbstverständlich tastete er einmal mehr eine anders als die Umgebung anmutende Maserung ab. Er hatte sich zu einem wahren Freund und Kämpfer gemausert. Und nun war es auch ihm ein Anliegen die versteckte Zwergentür in das Innere des Einsamen Berges ausfindig zu machen. Wenn er sich weiterhin unter Ihresgleichen aufhielt, würde er eines Tages noch als etwas haarloser und viel zu kurz geratener Zwerg durchgehen können. Ob sie für ihn eine geeignete, liebevolle Zwergin finden würde? Lenja schüttelte sich kurz. Nein, sie musste aufhören solchen Gedanken nach zu gehen. Es war weder der Ort noch die Zeit für solche Dinge. Auch wenn die Ruhe um sie herum sie in Sicherheit wog, blieb doch noch ein Drache am Ende ihres Weges.


**


„Es ist doch wirklich wie verhext“, gab soeben Bofur auf Iglishmêk von sich nachdem er erfolglos von seiner persönlichen Suche etwas weiter oben am Felsvorsprung wiedergekehrt war und sich mit enttäuschter Miene auf einem Felsbrocken niederließ.

„So sind eben Zwergentüren. Man findet sie nicht auf den ersten Blick. Dafür sind sie ja auch gemacht“, versuchte Balin zu kontern, doch erschien dieser Versuch ihnen allen als sehr halbherzig.

Er hatte zwar Recht, aber dass die Suche sich so gestalten würde? Sicher, es wäre fast zu einfach gewesen den geheimen Eingang auf Anhieb ausfindig zu machen. Doch auch von den anderen Gruppen hatten sie bisher keinen Erfolg vernommen. Thorin war kurz nach der Mittagszeit als die Sonne nach einem kurzen Kampf gegen die Wolkenpracht gewann und am Höchsten am Himmel stand bei ihnen erschienen, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Aber lange Gesichter verrieten ihm bereits auf dem ersten Blick, dass auch hier bisher keiner einen entscheidenden Schritt vorangekommen war.

„Warum hast selbst du kein Wissen von diesem Geheimgang? Du weißt doch sonst immer alles“, fragte nun Dwalin seinen Bruder als auch er sich resigniert neben Bombur niederließ.

„Wenn ich das wüsste“, antwortete Balin auf der zwergischen Geheimsprache und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn.


**


Am Abend waren sie allesamt zu ihrem Aufbruchsort zurückgekehrt. Sie wirkten erschöpft von der Suche. Zuerst waren sie am Morgen noch frohen Mutes aufgebrochen. Doch nun, nun schien kaum noch jemand den Mut aufbringen zu können an einen baldigen Erfolg zu glauben. Der fehlende Hoffnungsschimmer am Ende der anstrengenden Suche, der Hunger und die Kälte, welche in den Höhen des Gebirges herrschte, nagten sichtlich an ihrem einstigen Frohsinn. Bereits am Ende des ersten Tages befand sich ihr Kampfgeist und Durchhaltewille auf einem sehr geringen Niveau.

Es war wirklich wie verhext. Der geheime Eingang musste sich laut Karte doch irgendwo befinden. Dass sie da war, wollte kein Gefährte bestreiten. Nein, was hätte man denn für einen Aufwand gemacht erst eine Karte mühevoll zu gestalten und dann nur mit Unfug auszustatten. Das konnte nicht der Wahrheit entsprechen. Doch, dass selbst Thorin als Erbe Durins nichts von ihrer Existenz wusste, stimmte verdrießlich. Sie kamen sich vor als ob sie nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen suchten. Eine Suche, die bereits zum Scheitern verurteilt war. Eine Suche, die bereits am ersten Tag ihrer Existenz als Fehlschlag zu verbuchen war. Eine Suche, der die Zeit im Nacken saß. Durinstag. Die Runen sprachen von einer Tür, die sich an jenem Tag zur rechten Zeit öffnen würde. Bis zum zwergischen Jahreswechsel blieben ihnen noch zwei Tage. Erschrocken warf Lenja einen Blick gen Himmel. Der Stand des Mondes... wenn sie ihn genau betrachtete, konnten es aber auch noch vier oder fünf Tage sein. Sie war keine Expertin, was die Himmelsgestirne anging. Ihr Onkel Balin hatte zwar immer wieder versucht ihr als sie noch jung war beizubringen, wann sie welchen Mond hatten und was dies für das Leben auf Mittelerdes Boden bedeutete. Von Saat bis hin zur Wundheilung, sagte man der Mondphase einen bestimmten Wert nach. Daran konnte sie sich noch gut erinnern. Aber dauerhafte Früchte hatte der Unterricht nicht getragen. Sie konnte sich zwar am Stand der Sterne orientieren, wenn sie eine bestimmte Himmelsrichtung in der Dunkelheit einschlagen wollte, aber Mondphasen waren niemals ihr Spezialgebiet gewesen. Doch umso länger sie darüber nachdachte, umso mehr war sie sich sicher, dass bis zum Durinstag kaum mehr als noch eine Woche blieb. Wenn ihnen die Götter auf diesem schweren Weg hold sein würden, konnten sie das Rätsel der Suche vielleicht noch lösen. Aber was, wenn nicht?


**


Bildete sie sich dies ein, oder war im Laufe der Zeit immer wieder ein Rabe in ihrer Nähe aufgetaucht? Oder war es eine Krähe? Dann und wann hätte Lenja darauf wetten können, dass ein pechschwarzer Federträger kurzzeitig ein wenig abseits ihrer Suche Platz genommen und sie beobachtet hatte. Langsam zweifelte sie an ihrem Verstand. Vier Tage suchten sie nun schon diese vermaledeite Eingangstür und keiner hatte bis jetzt auch nur den vagen Anflug einer Idee, wo sie sich befinden konnte.

Der Hunger nagte zusätzlich an ihren Nerven. Thorin war unerbittlich in seinem Verhalten gewesen. Keiner durfte mehr als eine halbe Stunde Pause machen. Die Zeit saß ihnen im Nacken. Das hatte auch der Zwerg immer vor Augen und spornte sie an ohne Unterlass nach der Geheimtür zu suchen. Doch wie sollte man eine Tür finden, die nicht zum Finden in Stein gehauen wurde? Wie die Kraft und Zuversicht behalten, wenn die Kräfte schwanden? Wie Erfolge verbuchen, wenn man kaum Zeit hatte etwas Nahrhaftes, was durchaus existierte, zu sich zu nehmen, weil ein König akribisch darauf bestand, dass seinem Befehl nachzukommen war?

Zu Beginn hatte die Zwergin es noch nicht für nötig gehalten Thorin in seinem egoistischen Verhalten darauf hinzuweisen, dass auch sie alle nur Lebewesen mit normalen Kräften waren. Hätte er Wunder erwartet, hätte er vielleicht Gandalf gegen seinen Willen hierher zerren müssen. Sie hatte gehofft, dass sich diese Problematik bald von allein wieder lösen würde. Sie schob es auf seine Euphorie bis hierher gelangt zu sein und nun mit dem deutlichen Ziel vor Augen die eigenen Kräfte zu überschätzen und das Unmögliche herauszufordern. Doch nun, nach all der langen Suche mussten sie mit ihrer Energie haushalten. Machte es denn überhaupt einen Sinne sich mit Thorin über sein Verhalten zu streiten? Die gesamte Diskussion in Iglishmêk zu führen, war umständlich und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann musste sie einsehen, dass bei ihren beiden Gemütern eine geräuschlose Diskussion kaum möglich war. Wenn sie ihren Mann herausfordern würde, dann konnte dies in einer unguten Situation enden. Zwei Dickköpfe laut zankend in Khuzdul auf einem Berg unter dessen massiven Schichten ein unbedarfter Drache lag, der davon erwachen und fünfzehn Personen mit dem Tod bestrafen würde. Nein, dies war kein schönes Schicksal. Und lieber biss sie sich für den Moment noch auf ihre sonst so lose Zunge als im Übereifer ihre Freunde mit dem Leben dafür zahlen zu lassen. Inständig hoffte sie, dass Thorin wieder zur Vernunft zurückkehren würde. Irgendwann musste doch auch ihm die Energie ausgehen und er müsste einsehen, dass der eingeschlagene Weg zu nichts führen konnte. Wäre da nicht das Zeitproblem, welches ihnen im Nacken hing, gewesen.


**


Mit einem Gesichtsausdruck, welcher nichts Gutes bedeuten konnte, kam Thorin am Ende des vierten Tages den schmalen Steinweg zwischen den spitzen Felsen zu ihnen hinauf. Seine Stirn war in Falten gelegt, seine Augen waren fast eine Spur dunkler als im Normalfall und die Hände hatte er zu Fäusten geballt. Ja, der rechtmäßige König unter dem Berge schien nicht zufrieden mit dem Stand der Dinge zu sein.

„Habt ihr einen Schritt voran tun können?“, fragte er in Iglishmêk als er an Balin und Dwalin herantrat, welche unbeirrt den gesamten Tag auf der Suche nach dem geheimen Eingang gewesen waren und sich soeben eine kurze Pause in der restlichen Abendsonne gönnten.

Lenja beobachtete zusammen mit Bilbo die Szenerie. Heute war Durinstag und sie wusste, dass dies der Grund war, warum Thorin noch angespannter schien als sonst. Erst gestern Abend hatten sie sich dann doch fast gestritten als der Zwerg darauf bestand, dass die Pausen am Folgetag alle gestrichen werden sollten. Entrüstet von dieser Idee war die Frau aufgestanden, hatte ihre Sachen genommen, sich zu Bilbo gesellt und ihrem Mann die kalte Schulter gezeigt. Verständnislos hatte Thorin sie angestarrt, wollte ihr hinterher, doch wurde er im letzten Augenblick von Dwalin festgehalten. Worüber die beiden leise miteinander sprachen, wusste Lenja nicht. Aber die Miene ihres Königs hellte sich nach und nach wieder auf bevor er schließlich kurz nickte. Um weiteren Konflikten aus dem Weg zu gehen, hatte die Zwergin es vorgezogen erst bei Dunkelheit zu ihm zurückzukehren.

Ihre Decke hatte sie gegen die frischen Brisen eng um ihren Körper geschlungen und sich nicht weit von Thorin entfernt niedergelassen. Es dauerte ein wenig bis er sich schließlich zu ihr umdrehte. Mit einem Seufzen, gefolgt von einer Handbewegung deutete er an, dass sie sich auch wie in den Nächten davor gern an ihn schmiegen konnte. Um ihn ein klein wenig zu ärgern, tat Lenja erst so als ob sie sich diesen Vorschlag noch einmal durch den Kopf gehen lassen musste. Doch kaum wenige Wimpernschläge später hatte sie ein Nachsehen mit ihrem verdutzten Mann und lehnte sich mit ihrem Kopf an seine Brust.

„Wir sind so weit gekommen. Ich will nicht noch ein weiteres Jahr warten müssen bis sich die nächste Möglichkeit bietet in den Berg zu gelangen. Morgen ist Durinstag. Und was das bedeutet, brauche ich dir ja nicht zu erklären“, flüsterte er in ihr Ohr.

Und nun war der Durinstag fast vorbei und sie waren immer noch keinen entscheidenden Schritt vorangekommen. Niedergeschlagen saßen Lenja und Bilbo nebeneinander mit dem Rücken an der Felswand. Einmal mehr erschien ein schwarzer Vogel ganz in ihrer Nähe. Der Halbling hatte sie bereits schon mehrfach auf einen großen, dunklen Vogel aufmerksam gemacht, der sich dann und wann in wenig Entfernung blicken ließ. Und wie es schien, war es derselbe von einst. Ein imposantes Tier, welchem am Haupt einige Federn zu fehlen schienen, hüpfte ein wenig des Weges auf und ab. Wenn sie es sich nicht einbildete, dann beobachtete er das Gespräch auf Iglishmêk der Männer genauestens. Seine kleinen Augen huschten von Thorin zurück zum Aufenthaltsort von Bilbo und Lenja. Der Hobbit stieß die Frau neben sich seicht an und zeigte auf das Tier, welches einen kurzen Ast in den Schnabel genommen hatte und nun in ihre Richtung tapste.

Sie hatte dem Halbling bereits auf seine Fragen erklärt gehabt, dass Raben an sich kein schlechtes Omen für Zwerge waren. Die Vögel galten allgemein hin als intelligente Tiere, welche in den Erzählungen ihres Onkel Balins oder auch Óins einst sogar als verbündetes Volk Durins galten. Rabenberg hatte ihr Großvater einen Ausläufer des Erebors genannt, welcher seinen Namen wohl dank seiner gefiederten Bewohner erhalten hatte. Doch Lenja selbst konnte sich nicht erinnern jemals großartig Notiz von diesen Vögeln in ihrer Jugend genommen zu haben. Auch wenn ihnen Weisheit und Güte nachgesagt wurden, blieben sie in ihren Augen sonderbare Tiere.
Die kleinen Augen, der spitze Schnabel und das pechschwarze Gefieder erinnerten sie unweigerlich an Krähen, auch wenn beide Vogelarten nicht zu vergleichen waren. Doch sie konnte sich nicht helfen. Wenn sie einen großen, schwarzen Vogel erblickte, musste sie wie automatisch an Unheil und Tod denken. Und wenn nun ein schwarzer Vogel, ob nun Rabe oder nicht, in regelmäßigen Abständen in ihrer Nähe Platz nahm, um dort kurz zu verweilen, empfand sie dies nicht unbedingt als positives Zeichen auf der Suche nach der versteckten Zwergentür.

Das schwarze Federvieh kam immer näher. Ziemlich flink für seine Größe hüpfte es ihnen entgegen, sodass nicht nur Bilbo große Augen vor Überraschung bekam, sondern auch Lenja nicht verhindern konnte seinem Beispiel zu folgen und sich schließlich ruckartig vom Boden zu erheben als das Tier unbeirrt seinen Weg fortsetzte und kaum noch mehr als einen halben Meter von ihnen entfernt war. Mehrere Schritte waren die beiden Freunde zur linken Seite entwichen, welche dann doch geräuschvoller waren als sie vermutet hätten. Abrupt schnellten die Köpfe der anderen anwesenden Zwerge in ihre Richtung als Bilbo über Lenjas Stiefel stolperte und nur mit Mühe von ihr im letzten Moment aufgefangen werden konnte.

Doch der Rabe setzte seinen Weg fort und als er schließlich vor der steinernen Felswand angelangte, vor der bis eben noch der Halbling und die Zwergin gesessen hatten, stieß er kurz mit dem Ast in seinem Schnabel gegen den Stein und was als nächstes geschah, ließ den Anwesenden den Atem stocken.
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