Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
90
211.136
63
Alle Kapitel
470 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
11.01.2013 3.099
 
Sie konnte kaum genug bekommen. Sie war fast unersättlich, was dies betraf. Erst jetzt fiel ihr auf, wie sehr sie sich nach Liebe gesehnt hatte und nach allem, was dazu gehörte. Nach all den Jahren des Schmerzes und der Verzweiflung wollte sie nicht aufhören nach der vertrauten Zweisamkeit zu greifen. Wenn es nach Lenja gegangen wäre, hätte sie ihre nahe Zukunft zu gern mit Thorin zusammen im Liebesspiel verbracht. Von morgens bis abends, tagein tagaus. Solange bis es ihre Kräfte zuließen. Immerhin hatten sie auch einige Jahrzehnte nachzuholen.

Das Verlangen nach Zärtlichkeit, nach Berührungen, nach Leidenschaft, nach Liebkosungen, nach Küssen und nicht zuletzt das Begehren des anderen zu spüren und in den Augen aufblitzen zu sehen, versetzte die Zwergin in einen wahren Liebestaumel. Zum Glück war es Thorin bisher gelungen jeden ihrer Wünsche förmlich von ihrem Gesicht abzulesen. Es bereitete ihm Freude zu sehen, wie groß der Appetit seines Weibes auf ihn war und bisher konnte er diesen auch stillen. Doch er war auch nur ein Mann und kein Gott. Auf ewig konnte er bald seinen Mann nicht mehr stehen. Und so genoss er das ausklingende Liebesspiel in vollen Zügen.

Auch wenn sein Hinterteil ein wenig von der Reibung auf dem harten Boden brannte, hatte er nur Augen für das vor Freude gerötete Gesicht seiner Frau. Erschöpft war Lenja an seine Brust gesunken. Mit einem verträumten Blick sah sie ihn an, strich ihm über die Brust und suchte seine Nähe. Er schlang seine Arme um sie, hielt sie fest und versuchte in langsameren Zügen zu atmen, den normalen Takt wiederzufinden. Sie waren immer noch vereint. Es schien förmlich so als ob sich keiner vom Partner lösen wollte. Still strich Thorin Lenja über den Rücken.

„Ich glaube, wir sollten uns langsam anziehen. Es muss bereits auf den Mittag zugehen“, flüsterte er in ihr Ohr.

„Hm“, bekam er als Antwort. Doch sie machte keine Anstalten sich von ihrem Mann zu erheben. Vielmehr begann sie damit ihn zu küssen. Trotz der ausgiebigen Liebesnacht und dem Morgen danach suchte sie hungrig seine Lippen.

Thorins anfängliche Aufbruchsstimmung verflüchtigte sich zusehends. Ohne sich lang bitten zu lassen, stimmte auch er mit ein. Vielleicht sollte es ihm doch noch einmal gelingen den Hunger seines Weibes zu stillen. Immerhin konnte er ihre Hitze noch deutlich spüren. Als kleinen, zusätzlichen Überredungsversuch begann Lenja ihre Hüfte zu kreisen. Ja, wenn er es recht überlegte, konnte es ihm bei dieser Animierung seiner tot geglaubten Kräfte doch noch einmal gelingen sein Weib voller Inbrunst zu lieben. Schon bald zeigte ihre Behandlung Erfolg und Thorins Manneskraft war zurückgekehrt. Eng umschlungen, war es ihm gelungen Lenja unter sich zu drehen. In leidenschaftlichen Küssen und dem beginnenden Liebesakt versunken, merkten die beiden nicht, dass man an die Tür zur Kammer geklopft hatte und sie kurz danach geöffnet wurde.

„Das Mittagessen ist...“, begann Kíli von der Türschwelle aus und riss im nächsten Augenblick schockiert die Augen auf.

Abrupt hielt Thorin in seiner Bewegung inne, sein Kopf sowie Lenjas schnellten in die Richtung ihres Neffen, der nicht nur sprachlos, sondern auch ganz rot im Gesicht geworden war. Peinlich berührt schlang die Frau die Arme um ihre Brust.

„Ich... ich... tut mir Leid“, stammelte er und machte schließlich auf dem Absatz kehrt, die Tür fiel ins Schloss und dann hörte man rasche Schritte, die den Flur entlang liefen.

So schnell der Zaungast gekommen war, verschwand er auch wieder. Lenja und Thorin starrten immer noch auf die nun wieder geschlossene Tür. Erst langsam registrierten sie, was soeben geschehen war.

„Mir ist jetzt alles vergangen“, bemerkte der Zwerg trocken als er sich letztendlich aus ihr zurückzog, sich erhob und anschließend ihr die Hand reichte.

Dankend nahm sie die Hilfe an und stand vom kühlen Boden auf. Während Thorin die Kleidungsstücke zusammen sammelte, die sie in der letzten Nacht achtlos zu Boden geworfen hatten, schlich sich nach und nach ein Schmunzeln auf Lenjas Gesicht.

„Hoffentlich bekommt der arme Kíli nun keine Alpträume. Ich frage mich nur, was schlimmer war: du, ich oder wir beide zusammen in der Position“, lachte sie als er ihr das Kleid in die Hand drückte.

„Selbst schuld, wenn er ungefragt das Zimmer seines Onkel stürmt. Er ist alt genug, um zu wissen, dass man so etwas nicht macht. Immerhin ist er kein kleines Kind mehr“, brummte der Zwerg als er sich sein Hemd über den Kopf zog.

„Na, na. Wer ist denn da eingeschnappt? Es wird sich bestimmt schon bald wieder eine Möglichkeit ergeben dort weiter zumachen, wo wir soeben gestört wurden. Nur sollten wir deinen - nein, unseren - Neffen noch einmal deutlich machen, dass man nicht in die Kammer stolpert, wenn Tante und Onkel fleißig das Laken zerwühlen oder im vollen Eifer des Gefechts aus dem Bett gepurzelt sind...“


**


„Du hast WAS gemacht!?“ Fílis Stimme hallte ihnen bereits entgegen als sie den Flur in Richtung Küche nahmen.

Thorin hielt Lenja am Arm zurück und deutete mit einem Finger auf dem Mund darauf hin, dass ihn das Gespräch der Brüder interessierte. Also tat sie ihm den Gefallen und blieb stehen. Gemeinsam lauschten sie.

„Na... was sollte ich denn machen? Ich habe doch geklopft und da ich keine verdächtigen Geräusche aus dem Inneren gehört habe, dachte ich, die beiden schlafen noch. Also schlafen im Sinne von schlafen und nicht naja... das was sie dann doch gemacht haben...“

„Und wie haben sie reagiert?“, wollte der Ältere wissen.

„So schnell konnten sie gar nicht reagieren, wie ich wieder weg war. Mir war das so peinlich... ich meine, seinen eigenen Onkel mit der Tante beim... Fíli, können wir das Thema nicht einfach lassen? Sie zu hören ist doch etwas ganz, anderes als sie in einer solchen Situation sehen zu müssen.“

„Dich hat ja keiner dazu gezwungen in den Raum zu platzen, kleiner Bruder.“

„Ich sollte sie doch zum Mittagessen holen? Also dreh mir nun keinen Strick daraus!“

„Wie siehst du denn aus, Kíli? Ist der alte Smaug dir bereits begegnet?“, hörten sie Dwalins Stimme.

„Er hat Thorin und Lenja in voller Aktion überrascht“, kommentierte Fíli.

„Na, aber aufgeklärt bist du bereits gewesen, oder mussten sie dir Anschauungsunterricht geben?“

„Mach du dich bloß über mich lustig! Warum waren sie denn nicht so laut, wie letzte Nacht? Auch wenn ich noch nie solche Geräusche gehört habe. Bei mir hat noch nie eine so geklungen...“

„Man nennt es auch Liebe, Leidenschaft oder Sehnsucht nach dem Anderen. Du hast noch Zeit herauszufinden, was das bedeutet. Und warum denn eigentlich nicht? Dein Onkel kann bekanntlich auch Harfe spielen. Warum sollte er dann nicht wissen, wie man eine Frau „bespielen“ muss, um ihr solche Töne zu entlocken?“

Abrupte Stille herrschte plötzlich zwischen den drei Zwergen. Wusste der Jüngste unter ihnen nicht, was er auf solch eine Frage antworten sollte?

„Ob er mir Harfespielen beibringt?“, hörten sie dann schließlich Kíli ernst fragen.

Nicht nur Dwalin brach in schallendes Gelächter aus. Lenja konnte sich auf dem Gang ebenfalls das Lachen nicht mehr verkneifen. Nur Thorin legte den Kopf ein wenig schief und tadelte sein Weib mit einem halbherzigen Kopfschütteln.


**


„Wo steckt eigentlich unser Meisterdieb?“, fragte Balin in die Runde als die Zwerge an der langen Tafel in der Küche Platz genommen hatten.

„Er fühlte sich nicht gut. Hat sich wahrscheinlich ein wenig unterkühlt bei seinem Ritt auf den Fässern“, meinte Bofur als er einen Bissen Fleisch hinunter schluckte.

„Nicht unbedingt die beste Voraussetzung für unser Unternehmen, oder?“ Balin suchte Thorins Blick.

„Wir sollten uns ruhig ein paar Tage gönnen. Nach all dem, was uns in den letzten Wochen widerfahren ist, sollten wir die Gastfreundschaft in dieser Stadt zu schätzen wissen. Auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, was wir von der überschwänglichen Euphorie des Stadthalters halten sollen, so scheint es mir nicht als ob man uns noch lieber gestern als heute des Landes verweisen wollte. Vielleicht ist es nicht verkehrt ein wenig wieder zu Kräften zu kommen. Zumal wir erst einmal überlegen müssen, wie wir weiter vorzugehen gedenken. Wir haben nichts. Weder Waffen, noch Kleider, nichts zu beißen. Wir sind auf die Hilfe der Menschen angewiesen. Und deshalb werde ich ihren Stadthalter nach dem Essen einen Besuch abstatten und ihm meinen Dank für die bisherigen Leistungen übermitteln. Schauen wir, wie sehr wir ihn für unser Vorhaben gewinnen können“, sinnierte der Zwergenkönig.


**


„Darf ich eintreten?“

Lenja hatte die Tür zu Bilbos Kammer einen Spalt geöffnet und lugte vorsichtig in das Halbdunkel. Sie war sich nicht sicher, ob der Hobbit schlief oder ob er überhaupt Besuch empfangen wollte. Jeder reagiert schließlich unterschiedlich, wenn er sich nicht bei Kräften fühlt. Und wie Mitglieder dieser Rasse reagierten, wenn sie der Schnupfen oder Husten heimsuchte, wusste die Zwergin nicht. Immerhin war in dem Haus, das der Stadthalter ihnen netterweise zugewiesen hatte, genügend Platz, sodass Bilbo ein Zimmer für sich allein hatte.

Ein Rascheln deutete daraufhin, dass der Angesprochene ihre Anwesenheit wahrgenommen hatte. Ein leises Husten gefolgt von einem Niesen drang an ihre Ohren.

„Ist schon in Ordnung.“ Bilbos Stimme klang dünner als normal.

„Schau. Ich habe dir eine klare Brühe mitgebracht. Bofur meinte, du hättest dich unterkühlt. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann hat er mit seiner Vermutung gewaltig recht. Und bei Erkältung wirkt eine gute Suppe schließlich wahre Wunder. Bei euch Hobbits hoffentlich auch.“

Ein Schälchen mitsamt seinem dampfenden Inhalt hielt sie in der Hand. Sie war sich unschlüssig darüber, ob der Halbling stark genug war, die Suppe eigenständig zu löffeln oder ob er Hilfe dafür brauchte. Fragend sah sie in seine Richtung. Es war ja nicht so als ob sie noch nie einem männlichen Wesen bei einer schlimmen Erkältung beigestanden hätte. Selbst ihrem Onkel Dwalin hatte sie in jüngeren Jahren nach seinem vehementen Flehen und Schniefen löffelweise Liter von Hühnersuppe eingetrichtert. Wenn Männer krank wurden, unter Zwergen jedenfalls, entwickelten sie sich zusehends zu Kindern zurück.

Bilbos Augen waren glasig. Auch wenn das Licht in der Kammer gedämmt war, erschien ihr Gegenüber blasser als an besseren Tagen. Doch er schien ihre Unsicherheit zu merken.

„Du kannst die Schale ruhig hier abstellen. Ich glaube, ich schaffe es allein. Zwar langsam, aber Hauptsache der Inhalt kommt in meinen Magen.“ Der Hobbit versuchte zu lächeln.

„Ist in Ordnung. Ich wollte dich auch nicht bemuttern oder dir den nötigen Respekt nicht erweisen. Ich war mir eben nicht sicher, wie es dir geht.“

Bilbo zog die Nase hoch, stützte sich mit den Ellenbogen vom Bett ab und kam mit einem gequälten Gesichtsausdruck zum Sitzen. Vorsichtig nahm er das Schälchen in die Hand, pustete über den dampfenden Inhalt und begann dann langsam zu essen.

„Du kannst Bombur meinen Dank aussprechen. Die Brühe ist genau das Richtige in meiner Lage. Der Ritt auf den Fässern, die von Wasser durchtränkte Kleidung und der Wind – ich glaube, dass alles zusammen war einfach zu viel für mich. Ich hoffe, Thorin ist nicht allzu aufgebracht, dass ich euch auf der Mission bremse.“

„Mach dir darüber keine Gedanken. Auch wenn er sich vielleicht noch nicht deutlich erkenntlich gezeigt hat, ist er dir für deine Hilfe in unserer Gefangenschaft mehr als dankbar. Ohne dich hätten wir es nicht geschafft und würden bestimmt immer noch in unseren Zellen sitzen.“

„Aber ohne Tauriel wärst du nicht hier. Wenn sie nicht gewesen wäre, dann hätten wir ohne dich fliehen müssen. Nur ihr ist es zu verdanken, dass wir überhaupt entkommen konnten. Ihr und eurer Freundschaft. Sieht Thorin denn nicht auch ihren Anteil an der waghalsigen Unternehmung?“ Zwei müde Augen schauten Lenja an.

Sie atmete tief durch. Langsam schüttelte sie ihren Kopf und seufzte. „Nein, er sieht ihren Anteil nicht. Er wird ihn auch niemals wahrnehmen. Er weiß gar nicht, dass es sie überhaupt gibt.“

„Wie? Thorin weiß nichts von Tauriel?“

„Nein, er weiß nichts von ihrer Existenz.“ Sie kratzte sich verlegen am Kopf.

„Warum denn nicht? Immerhin war sie unsere Verbündete. Mit ihrer Hilfe konnten wir fliehen. Er kann doch nicht mehr behaupten, dass die Elben alle gleich sind. Ihr habt euch doch schließlich auch angefreundet, obwohl sie deine Wächterin gewesen ist, oder nicht? Dann kann er doch nicht behaupten, dass alle Elben eure Feinde sind.“

„Nein, Bilbo. Ich glaube, ich muss etwas klar stellen: Tauriel und ich, wir kennen uns schon länger.“

Verwirrt blinzelte der Hobbit. Nun war der Moment gekommen an dem sie sich endlich jemanden offenbaren konnte, was ihre heimliche Freundschaft zur Elbin anging. Der ersten Person überhaupt.


**


„So ist das also... ich habe mich bereits ein wenig gewundert, wie ihr so schnell zueinander gefunden hattet. Vielleicht wollte ich auch einfach daran glauben, dass die Götter uns eine Verbündete geschickt haben. Aber, dass ihr euch bereits auf so traurige Art und Weise kennenlerntet, hätte ich niemals für möglich gehalten.“ Müde rieb er sich die brennenden Augen.

„Soll ich dich allein lassen? Magst du ein wenig schlafen?“, fragte Lenja besorgt und hatte das Gefühl den kränkelnden Hobbit mit ihrer Geschichte gelangweilt zu haben.

„Nein, nein. Und du bist dir sicher, dass niemand etwas ahnt? Ich meine, wäre Thorin nicht froh, wenn er wüsste, dass man euch nicht nur schlecht behandelte, sondern jemand auf eurer Seite war? Und dies bereits von Anfang an?“

„Du kennst ihn nicht sehr lange. Thorin hat immer noch sehr am Verlust unserer Heimat zu knabbern. Du kannst es dir nicht vorstellen, wie schlimm es war. Verwüstung, Zerstörung, Schreie, Tote. Kinder, die ihre Eltern suchten, Eltern, die ihre Kinder im Trubel aus den Augen verloren hatten oder denen langsam bewusst wurde, dass sie sie an den Drachen verloren hatten. Es war schrecklich. Und dann sah er Thranduil mit seinem Heer. Doch die erhoffte Hilfe blieb aus. Sie drehten unverrichteter Dinge ab. Und um dem noch die Krone aufzusetzen, verlor ich unser... nein, es ist nun wirklich an der Zeit dich ein wenig ruhen zu lassen.“ Fluchtartig hatte sich Lenja vom Stuhl an Bilbos Lager erheben wollen, doch eine Hand hielt sie fest.

„Ich kann später noch ein wenig ausruhen. Was ist es? Was beschäftigt dich so sehr, dass du bereits kaum einen Tag nach eurer Hochzeit so traurig dreinschaust? Was ist damals noch geschehen? Lenja, du kannst es mir sagen. Du kannst mir vertrauen. Ich lache dich nicht aus. Ich nehme mir auch nicht das Recht heraus über etwas zu urteilen, was mich nichts angeht. Ich möchte nur dein Freund sein. Und Freunde halten zusammen, egal wie gut oder schlecht es ihnen geht.“

„Diese Worte aus deinem Mund, Bilbo. Du hast dich ganz schön gemausert, mein lieber Meisterdieb. Es fällt mir nicht leicht über damals zu sprechen. Zu viel Schmerz liegt in der Zeit vergraben. Ich hatte lange gehofft, dass ich ihn überwunden habe. Ich habe über ein ganzes Jahrhundert gebraucht, um wieder glücklich zu sein. Und kaum trat ich Thorin gegenüber, verfolgte mich der Schmerz wieder auf Schritt und Tritt. Du hast dir wahrscheinlich bereits gedacht, dass wir beide uns länger kennen müssen? Dass es eine Vorgeschichte gegeben haben musste?“

Bilbo nickte leicht.

„Es wäre ja auch zu komisch gewesen, wenn der Zwergenkönig einfach ohne mit der Wimper zu zucken ein unbedeutendes Weib mit auf die Mission nimmt. Also ein Unbedeutendes in seinen Augen. Wir waren bereits in alten Zeiten ein Paar. Ein glückliches. Er wollte mich heiraten. Der Termin stand bereits. Auch wenn ich niemals mit der Idee zufrieden war eines Tages die Königin an seiner Seite zu sein, so wollte ich doch diese Bürde auf mich nehmen. Für ihn, für unsere Liebe. Ich wollte das Risiko eingehen als Frau aus dem Volke an seiner Seite zu sein. Auch wenn mich dies eventuell noch mehr belastet hätte als ich mir damals vorstellen konnte... Ich habe jedenfalls vor Glück nicht ein, noch aus gewusst. Er liebte mich, er war so gut wie mein Gatte und obwohl ich vollkommen anders als andere Zwerginnen war, hatte er nur Augen für mich. Vielleicht reizte ihn dies besonders. Ich weiß es nicht. Ich habe ihn auch nie danach gefragt. Jedenfalls hätte unser Glück schöner nicht sein können. Thorin und die etwas verschrobene Lenja.“

„Aber er liebt dich doch nach wie vor?“

„Sachte, Bilbo. Nicht zu schnell. Unser Glück schien weiter auf der Seite von uns Liebenden zu sein. Unsere Verbindung trug schon vor dem gemeinsamen Bund Früchte. Ja, du hast richtig verstanden. Ich erwartete ein Kind. Doch dann kam Smaug und mit ihm der Schmerz.“

Verzweifelt versuchte Lenja gegen die aufsteigenden Tränen anzukämpfen.

„Ich glaube, es war die Aufregung. Die Anstrengung als ich auf der Suche nach meinem Bruder war. Oder vielleicht war es auch etwas anderes. Das Letzte, an das ich mich erinnerte, waren die Elben auf der Anhöhe zum Erebor und Thorin, wie er auf unsere desolate Situation hinzuweisen versuchte. Dann wurde alles schwarz um mich herum.“

Ihr Atem stockte. Die Bilder aus vergangener Zeit fühlten sich unheimlich real an. Eine Träne lief ihr über die rechte Wange. Hastig versuchte sie sie wegzuwischen, ihren Schmerz vor Bilbo zu verstecken. Doch dann fühlte sie seine Hand auf ihrer rechten. Mitfühlend strich er über ihren Handrücken. Ohne sich selbst unter Kontrolle zu haben, füllten sich ihre Augen abrupt mit Tränen. Er ließ sie nicht los. Er ließ sie nicht allein als sie zum Weitererzählen ansetzte.

„Ich habe das Kind verloren... du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich zu Beginn dafür verantwortlich gemacht habe... hätte ich es nicht verloren, dann hätten Thorin und ich keinen Kummer erlitten, dann hätten wir uns nicht in der puren Verzweiflung getrennt, dann wären wir einfach glücklich geblieben... ich habe Angst, Bilbo.“

Traurig sah sie in seine Richtung.

„Wovor?“, flüsterte dieser heiser.

„Davor, dass man uns erneut das Glück nehmen will. Vielleicht habe ich auch Furcht an den Ort zurückzukehren an dem ich es bereits schon einmal verloren habe. Ich wüsste nicht, was ich tun sollte, wenn Thorin etwas zustieße. Wenn der Drache wieder dafür sorgt uns zu trennen... mir ist nicht ganz wohl in die alte Heimat zurückzukehren. Dort wo alles begann, aber auch alles einmal zerbrach...“

Wie der Beginn eines Regenschauers tropften die ersten Tränen dick zu Boden.

„Es wird alles gut. Vertrau mir. Du bist nicht allein. Ich bin bei dir. Freunde sind für so etwas da. Wie in einer Ehe: wie in guten als auch in schlechten Zeiten. Und Thorin wird bestimmt ebenfalls alles dafür tun, dass man euch beide nicht mehr auseinander bringt. Gestern Abend war das erste Mal, wo ich ihn rundum zufrieden erlebt habe. Vor Glück hat er förmlich gestrahlt. Mach dir keine Gedanken, Lenja. Meine Mutter hat schon immer gesagt: Trübe Gedanken machen nur Kummer und graue Haare. Und die möchtest du doch nicht haben, oder etwa doch?“

Mit einem aufmunternden Lächeln versuchte er ihr Mut zu machen. Langsam stimmte sie ein. Er hatte recht. Damals war nicht heute. Das Schicksal von einst konnte sie nicht noch einmal einholen. Und doch wollten die dunklen Gedanken nur ganz allmählich den Rückzug antreten.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast