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„Ich warte auf dich“

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2013
16.08.2013
90
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11.01.2013 3.477
 
Sie konnte sich nicht helfen. Bisher hatte sie gedacht gehabt, kaum etwas könne sie aus dem Konzept bringen. Immerhin hatte sie in ihrem langen Leben bereits einiges erlebt, was diesen Schluss zuließ. Sie hatte viel Freud gesehen, aber auch nicht minder Leid. Und doch, auch wenn sie sich eigentlich langsam hätte daran gewöhnt haben müssen, musste sie aufpassen nicht wieder in die Reaktion ihrer ersten Begegnung zurück zufallen.

Den Kopf hatte sie schütteln müssen und war einen Schritt zurückgewichen als Lenjas geheimer Freund in voller Größer vor ihren Augen erschien. Die Zwergin hatte sie dankenswerterweise versucht auf die etwas ungewöhnliche Bekanntschaft vorzubereiten. Aber dennoch hatte der plötzliche Anblick des Hobbits jene Reaktion bei Tauriel ausgelöst. Überrascht war sie. Ob im positiven oder negativen Sinn konnte sie nicht ausmachen.

Warum wusste sie nicht, dass ein Halbling zum Gefolge von Thorin Eichenschild gehörte? Hatte sie ihn nicht wahrgenommen oder einfach übersehen als sich ihre Wege in Imladris kreuzten? Doch selbst wenn, hätte sie einem derartig kleinem Geschöpf solche Fähigkeiten zugestanden? Heimlich und mit Magie obendrein durch die Gänge einer Feste zu wandeln, dessen König wohl auch ihn einsperren ließe, wenn jemand seiner Anwesenheit gewahr wurde? Die Elbin musste sich eingestehen, dass sie nicht viel über das friedliche Volk aus dem Auenland wusste und doch war sie schier fasziniert mit welcher Selbstverständlichkeit Bilbo den Zwergen helfen wollte.

Unermüdlich verschwand er in regelmäßigen Abständen zwischen zwei Wimpernschlägen. Wie ein eingespieltes Duo schloss Tauriel dann kurz darauf die Pforten auf, ließ ihn hinaus schlüpfen und schloss sie hinter ihm wieder. Da sie ihn leider nicht sah, musste sie hoffen, dass er bereits an ihr vorbeigegangen war. Bis auf einmal, wo die Elbin ihm fast die Tür vor den Kopf gehauen hatte, war es ihnen gelungen. Mehrmals hatte sie sich bei ihm daraufhin entschuldigt. Sie wollte ihm nicht weh tun oder durch einen schmerzhaften Ausruf ihr Versteckspiel gefährden. Doch der kleine Hobbit tat wie ein ganz Großer. Ohne einen Gräuel in der Stimme beruhigte er die Frau. So als ob er schon immer mit ihr diesen Ritus vollzog und es einfach ein dummes Missgeschick war, dass er nicht schnell genug gewesen war. Wie hätte Tauriel auch wissen sollen, wann Bilbo außer Sichtweite war, wenn sie ihn nicht sehen konnte und hörte? Sie hatten sich darauf geeinigt nicht miteinander zu sprechen, wenn wieder einmal die Pforten passiert werden sollten. Der Zufall sollte nicht dafür sorgen, dass noch jemand von ihrem Geheimnis Lunte roch. Sie hatte sich bereits schon sehr weit genug aus dem Fenster gelehnt.

Ja, Tauriel wusste, dass sie sich mit großen Schritten immer mehr zu einer Verräterin an ihrem König und ihrer Gemeinschaft machte. Sie hätte Bilbo sofort gefangen nehmen müssen als sie seiner Gewahr wurde. Doch sie hatte es nicht getan. Und dieser Grund war Lenja. Sie hatte es ihrer Freundin versprochen. Wenn sie ehrlich war, dann hätte sie niemals die Position ihrer Wächterin innehalten dürfen. Sie kannten sich nicht nur, die Freundschaft schloss ein enges Band zwischen ihnen. Und keiner ahnte etwas. Natürlich hätte allein diese Tatsache dafür gesorgt, dass die Elbin Sanktionen für ihr unaufrichtiges Verhalten hätte erwarten müssen. Auch wenn sie sie wohl nicht einfach aus dem Palast samt den Wäldern herausführen würde, weil es viel zu gefährlich und offensichtlich wäre, hatte sie sich bereits sehr weit auf das dünne Eis gewagt.

Und nun der Hobbit. Sie konnte nicht leugnen, dass sie wusste, was Bilbo auf seinen Streifzügen tat. Sie wusste, dass er die Zwerge aufsuchte, mit ihnen sprach, Nachrichten von Thorin weiterleitete und letztendlich nach Möglichkeiten für eine Flucht suchte. Und wenn sie ehrlich war, konnte sie es ihm auch nicht verübeln. Noch war sie stille Beobachterin. Doch würde der muntere Halbling nicht eines Tages einen Weg in die Freiheit für seine Freunde und sich selbst finden? Was war dann? Würde sie dann stille Mitwisserin werden? Konnte sie wirklich die Augen vor dem verschließen, was um sie herum für Pläne geschmiedet wurden? Verrat. Ja, das war es. Und doch wusste sie warum sie auch in einem solchen Fall schweigen würde. Und dieser Grund saß wieder einmal mit nachdenklicher Miene auf dem Bett und starrte zur Abwechslung nicht an die Decke, sondern auf ihre Füße.

Wenn die Zeit reif war, würde er mit ihr sprechen. So oder so ähnlich hatte Thorin Bilbo auf die geheime Nachricht geantwortet mit der sie ihn zu ihrer Liebe geschickt hatte. Was sollte Lenja nur davon halten? Sicherlich war es nicht einfach und vielleicht auch sehr umständlich über den Hobbit miteinander zu kommunizieren. Auch war es ein sehr intimes Geständnis, das sie dem Zwergenkönig gemacht hatte. Aber es entsprach doch der puren Wahrheit. Warum hatte er dann so neutral geantwortet? Es klang so nüchtern. So viel- und dennoch nichtssagend. Sie konnte Bilbo keinen Vorwurf machen. Er hatte sein Bestes versucht. Und doch hoffte sie inständig, dass der Zwerg ihre Worte auf sich wirken ließ. Er hatte Worte aus ihrem tiefsten Inneren gehört. Ein größeres Liebesgeständnis hätte sie ihm nicht bereiten können. Auch wenn die Umstände ein persönliches Gespräch momentan nicht zuließen. Und umso länger sie darüber nachdachte, hoffte sie, dass der Hobbit bald einen Weg aus der Haft finden würde. Sie sehnte sich förmlich danach endlich aus der Gefangenschaft zu entfliehen und bald darauf das Gespräch mit Thorin zu suchen. Auch wenn sie nicht wusste, was am Ende dabei herauskommen würde, wäre sie letztendlich wohl schlauer. Dann brauchte Lenja sich nicht länger in Gedanken die schönsten und leider auch schlimmsten Fälle ausmalen, wenn sie auf Thorin traf.

Sie seufzte. Bereits über zehn Tage saßen sie hier fest. Die Zwergin dank der Entführung noch ein wenig länger. Und trotz der Tatsache, dass Tauriel bei ihr war, musste Lenja aufpassen nicht in ein weiteres Loch der Lethargie zu verfallen. Es war unglaublich schwer in Einzelhaft nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Sie war Bilbo unendlich dankbar, dass er sie mit den neuesten Nachrichten der anderen Zwerge versorgte. Auch wenn es sich dabei um wenig Aufschlussreiches handelte, was eine Flucht in greifbare Nähe brachte, hatte sie dadurch das Gefühl nicht ganz mutterseelenallein zu sein. Ja, Tauriel war ihre Freundin. Doch musste dies ein Geheimnis bleiben. Und dafür mussten sie vorsichtig sein. Bereits mehrere Male mussten sie schnell auseinander fahren, wenn plötzlich der Sohn des Elbenkönigs in der Tür erschien. Wenn der wüsste, was Lenja alles über ihn gehört hatte. Aber dies machte ihre missliche Situation auch nicht besser. Gefangen blieb gefangen. Und genügend Zeit zum Kopfzerbrechen blieb der Zwergin leider auch.


**


Es klopfte an der Tür. Dies war keine Neuigkeit und doch sollte sich allein an Bilbos Gesichtsausdruck eine Neuheit bereits auf den ersten Blick ablesen können. Mit einer Mischung aus Freude, Stolz und Nachdenklichkeit erschien der Hobbit vor Lenjas und Tauriels Augen. Er war lange unterwegs gewesen und doch schien er wacher und lebendiger zu sein als noch an diesem Morgen. Fragend sahen beide Frauen ihn an. Mit einem kleinen Sprung nahm der Halbling auf einem Holzstuhl gegenüber den beiden Rothaarigen Platz, wie er es schon so oft nach seinen Erkundungsreisen getan hatte. Und doch schien irgendetwas dieses Mal anders zu sein.

Bilbo nahm einen Schluck Wasser aus dem Becher, der neben ihm auf dem Tisch stand, wischte sich schnell die Wassertropfen von den Lippen, zog noch einmal dramatisch die Luft ein bevor er endlich zu sprechen begann: „Tauriel, wir brauchen deine Hilfe. Du hast Lenja versprochen uns nicht im Wege zu stehen. Das honoriere ich sehr. Habe keine Angst. Du musst dich nicht noch weiter strafbar machen. Ich werde dich aber um eine Kleinigkeit bitten müssen. Ich brauche Informationen. Das heißt, wir brauchen Informationen.“

Die Elbin hatte eine Augenbraue hochgezogen. „Was genau möchtest du?“

„Ich brauche eine Information. Sag, die leeren Fässer, die unten in den tiefsten Kellergewölben lagern, was geschieht mit ihnen? Werden sie abtransportiert?“

„Wenn sie leer sind, werden sie durch die Schleusen des Flusses dem Verlauf nach bis nach Esgaroth geschickt. Sie werden dort von den Seemenschen in Empfang genommen. Wenn ich mich nicht täusche, sollen sie noch in dieser Nacht entfernt werden. Der König braucht Platz in seinem Weinkeller. Warum fragst du? Was willst du mit den leeren Dingern? Du willst doch nicht... nein, Bilbo! Das ist unmöglich! Das kann nicht gut gehen!“ Sie schlug sich ungläubig eine Hand vor den Mund als der Hobbit schon zur Bestätigung nickte.

„Doch, genau das will ich. Meinst du, wir werden es überleben? Durch die Schleusen und dann in den Schnellen des Flusses? Könnte es funktionieren?“

„Theoretisch... ja, theoretisch schon. Doch es ist und bleibt Wahnsinn! Du willst sie alle in Weinfässern stecken und dann in das Wasser werfen lassen? Hast du dir überhaupt überlegt, wie lange sie darin ausharren müssten? Nicht einfach ein paar Minuten, Bilbo! Wir reden hier von einem halben Tag! Einen halben Tag in einer sehr wackligen Konstruktion, wenn du mich fragst. Das ist purer Wahnsinn! Vielleicht werdet ihr es überhaupt nicht überleben. Zwerge sind keine Leichtgewichte. Auch wenn sie von der Größe her hineinpassen könnten, ihr Gewicht würde sie früher oder später in die Abgründe des Flusses reißen. Und was ist, wenn Wasser durch die Rillen dringt? Willst du dafür verantwortlich sein? Ich will nicht, dass Lenja wie eine Katze in den Fluten ersäuft! Schlag es dir aus dem Kopf, Bilbo!“ Erbost war Tauriel von ihrem Platz aufgesprungen.

„Hast du Thorin bereits davon berichtet?“, fragte die Zwergin und wunderte sich selbst ein wenig über diese Frage. Immerhin hatte ihre Freundin eben bereits den schlimmsten Fall einer solchen Flucht aufgezeigt. Und doch erschien es Lenja als einziger Ausweg.

„Ja, ich habe ihm berichtet, dass der Fluss unterirdisch durch den Palast fließt. Doch war ich mir bis eben noch nicht sicher, ob es wirklich eine Möglichkeit der Flucht darstellen kann“, antwortete der Hobbit und sah zwischen Lenja und Tauriel abwartend hin und her.

„Heute Nacht hast du gesagt?“ Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

„Lenja, nein! Schlag es dir aus dem Kopf! Ich werde dich nicht ziehen lassen! Niemals! Das ist der reinste Selbstmord! Werd doch vernünftig!“ Die Elbin hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und eine ernste Miene aufgesetzt.

„Und wenn ich dich anflehe? Tauriel, wie es aussieht, ist dies unsere einzige Möglichkeit. Bilbo hält es für einen geeigneten Fluchtweg. Ich vertraue ihm. Die Anderen vertrauen ihm. Selbst Thorin tut dies. Wir müssen es wagen. Was würdest du an unserer Stelle tun? Würdest du abwarten, wenn doch eine Möglichkeit greifbar vor deinen Augen erscheint? Nein, wenn Bilbo einen Ausweg gefunden hat, dann müssen wir es zumindest versuchen. Falls wir scheitern, dann haben wir wenigstens nicht kampflos aufgegeben.“

Die Elbin schüttelte den Kopf. „Ich kann dies nicht gut heißen. Ihr begebt euch in eine enorme Gefahr. Wenn der Versuch fehlschlägt, dann hoffe ich, dass ihr immerhin noch am Leben seid. Und wenn nicht, werde ich es mir nicht verzeihen können, dich ziehen gelassen zu haben. Überleg es dir! Ist es das wert? Willst du wirklich dein Leben riskieren? Bist du dir sicher, wofür du dies tust?“

„Ja, das bin ich. Ich tue es für mich und für niemanden sonst. Lass mich gehen, Tauriel. Wenn die Götter es wollen, sehen wir uns wieder. Und wenn nicht, dann... dann... ja, dann...“, plötzlich stockte ihr Atem.

„Dann haben wir es immerhin versucht“, flüsterte Bilbo.


**


Tauriel hatte schließlich doch klein beigegeben. Sie hatte eingesehen, dass sie sie nicht aufhalten konnte. Wie besagte ein weiser Spruch? Reisende sollte man nicht aufhalten? Auch wenn es schmerzte, sie musste ihre Entscheidung respektieren. Es war eine herzzerreißende Szene als die Elbin Lenja förmlich an ihr Herz riss, sie umarmte und kurzzeitig sogar mit den Tränen kämpfte.

Bilbo hatte von all dem nichts mitbekommen. Er war bereits auf dem Weg die Zwerge zu informieren. Durch die vielen Streifzüge wusste der Hobbit, wann Wächter in der Nähe der Gefangenen waren. Und so bereitete es ihm auch dieses Mal keine Probleme die Botschaft zu überbringen. In dieser Nacht würde die Flucht stattfinden. Er müsse nur noch die Schlüssel finden. Dass er bereits einen Generalschlüssel in Händen hielt, verschwieg er lieber. Es brauchte schließlich keiner wissen, dass er und Lenja eine Verbündete unter den Elben hatten. Dieses Geheimnis sollte vorerst noch ihre Angelegenheit bleiben. Immerhin machte es eine Flucht auch nicht besser oder schlechter, wenn Thorin wusste, dass eine Elbin ihre Finger mit im Spiel hatte und diese zudem eine heimliche Freundin der Zwergin war. Nein, wenn die Zeit dafür reif war, dann konnte man ihm und den anderen Zwergen immer noch berichten, wie sie es eigentlich geschafft hatten aus Thranduils Palast zu entfliehen. Aber momentan stand eine Flucht an. Und diese sollte gut geplant sein.


**


Wo blieb Bilbo nur? Lenja wartete bereits seit mehreren Minuten an dem Ort, den Bilbo ausfindig gemacht hatte.

Es war nicht einfach gewesen unbemerkt hierher zu gelangen. Tauriel hatte sie geführt. Das hieß eigentlich, dass die Elbin ihre Freundin in einer Decke eingewickelt und somit für neugierige Blicke getarnt hatte. Fachmännisch verschnürt, hatte Tauriel sie durch die Gänge getragen. Unter anderen Umständen hätte Lenja das gesamte Unterfangen höchst peinlich empfunden. Doch die Zeiten waren nicht dazu geeignet sich über solche Dinge aufzuregen. Immerhin war dies ein Weg nicht gesehen zu werden und möglichst heimlich quer durch den gesamten Palast hinunter in die Gewölbe zu gelangen. Glücklicherweise musste die Tarnung auch nicht nach ihrer Überzeugung ausprobiert werden, da keine anderen Elben ihren Weg kreuzten. Das meinte Tauriel jedenfalls als sie Lenja am Lagerplatz der leeren Fässer absetzte und von der Deckenkonstruktion befreite. Dass die Elbin sie ohne ein angestrengtes Ächzen tragen konnte, fiel der Zwergin erst im Nachhinein auf. Aber so die Götter es zuließen, konnte sie diesem Phänomen ein anderes Mal tiefer auf den Grund gehen. Sie hatten sich rasch voneinander verabschiedet. Und nun wartete die Zwergin hinter einem Fass versteckt auf ihre Freunde.

Das Wasser des Waldflusses floss sacht mehrere Meter unter dem Palast hindurch. Ob es sie wirklich in die Freiheit entlassen konnte? Es wirkte so sacht, so ruhig, wie es sich seinen Weg unter den halb verschlossenen Schleusen hindurch suchte. Würde Bilbo recht behalten? Konnten sie so entfliehen? Oder hatte Tauriel die Wahrheit gesprochen als sie das gesamte Unterfangen als Wahnsinn beurteilt hatte?

Nahende Schritte ließen Lenja zusammenzucken. Sie duckte sich tiefer hinter einem großen Fass. Waren das ihre Freunde oder doch Elben? Ihr Herz hämmerte wild. Sie spitzte die Ohren. Die Geräusche waren dumpf. Sie kamen immer näher. Um sich selbst nicht zu verraten, hatte sie sich den Mund zugehalten. Wer konnte schon genau sagen, ob ihr nicht ein erschrockener Ausruf über die Lippen kam, wenn plötzlich Elben im Kellergewölbe direkt vor ihren Augen auftauchten. Die Schritte kamen immer näher. Sie schloss kurz die Augen. Leise sprach sie in Gedanken zu sich selbst. Sie musste sich beruhigen. Es konnte doch noch keiner wissen, dass sie auf der Flucht waren. Oder war es ein dummer Zufall, dass nun Elben in den Keller kamen, um sich bereits um die leeren Fässer zu kümmern. Das Herz überschlug sich fast in Lenjas Brust. Jetzt nicht verzweifeln. Bilbo und die anderen würden bestimmt jeden Moment hier sein. Aber dann könnten sie doch eventuell direkt wieder in ihre Zellen verfrachtet werden, wenn es sich bei den sich nähernden Personen wirklich um Elben handelte. Mahal, steh uns bei, durchfuhr es Lenjas Gedanken.
Die Laute kamen immer näher.

„Pass auf, wo du hinläufst“, brummte da eine bekannte Stimme auf Khuzdul.

Dwalin! Den Göttern sei Dank! Dennoch mit Vorsicht bedacht, lugte die Zwergin hinter dem Fass hervor. Ja, es waren wirklich ihr Onkel und die anderen Zwerge. Dwalin hatte Kíli wie es schien angefahren, der ihm wohl auf den Fuß getreten war. Ein Schulterzucken bekam der Zwerg als Antwort.

All ihre Freunde waren da. Bilbo hatte seine Unsichtbarkeit aufgegeben, um sie in das Gewölbe zu führen. Sie sahen sehr müde und mitgenommen aus. Und doch hatten sie alle einen Funken Hoffnung in ihren Augen. Die Hoffnung aus ihrer Gefangenschaft endlich zu entfliehen. Doch ein Zwerg fehlte.

„Wo habt ihr denn Thorin gelassen?“, fragte Lenja leise und trat hinter dem Fass hervor.

Im ersten Augenblick machten ihre Freunde einen Schritt zurück. Sie waren sichtlich überrascht, die Zwergin hier zu sehen.

„Den muss ich noch holen“, meinte Bilbo leise, „aber du kannst schon einmal beginnen sie in die Fässer einzupacken. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Du musst dich beeilen. Ich weiß nicht, wann die Elben herausfinden, dass sie geflohen sind oder die leeren Fässer in den Fluss werfen. Ich beeile mich mit Thorin und ihr beeilt euch hier.“

Und schon war Bilbo verschwunden.

„Fässer? Fluss?“, fragte Bombur ängstlich.

„Ja, Fässer. Jeder von euch klettert nun in eins der leeren Fässer hier und ich schließe die Deckel. Die Elben werden noch in dieser Nacht sich ihrer hier in den Fluss entledigen. Wir nehmen ihn als Ausgang. Er führt bis in die Seestadt. Also, an die Arbeit“, sprach Lenja.

„Wollt ihr uns umbringen? Das kann doch nicht gut gehen. Wir werden alle ertrinken“, begehrte Glóin auf.

Und die anderen Zwerge nickten zustimmend.

„Wenn ihr für alle Ewigkeit in Thranduils Hallen bleiben wollt, dann kann Bilbo euch ja gern zurück in die Zellen bringen. Ich für meinen Teil werde es versuchen. Lieber sterbe ich auf dem Weg in die Freiheit zu entkommen als tatenlos hier die Wände anzustarren. Seid ihr nun Männer oder Memmen?“ Lenja wurde langsam wütend.

„Rein in die Fässer“, meinte Fíli und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter.


**



Wenig später hatte Lenja bei allen Fässern die Deckel eingelegt. Zwei Leere standen noch für sie selbst und Thorin bereit. Sie würde sich mit Bilbo eins teilen. Das hatten sie bereits im Vorfeld ausgemacht. Langsam aber sicher ging ihr Herzschlag wieder schnellere Wege. Wo blieben die beiden nur? Mussten sie nicht schon längst hier sein? Oder war etwas geschehen? Hatte Bilbo Thorin nicht befreien können?

Und dann standen sie plötzlich im Durchgang zum Weinkeller. Beide waren schnell gelaufen, denn ein jeder sog die Luft scharf ein.

„Sofort in das Fass!“, herrschte Thorin sie an.

Als sie nicht reagierte, fügte Bilbo hinzu: „Elben sind hierher unterwegs!“

Und schneller als gedacht, war Lenja in das gewiesene Fass geklettert. Thorin war ebenfalls in dem anderen verschwunden. Bilbo schloss seinen Deckel und als die Zwergin dachte, er würde nun zu ihr in das letzte offene Fass steigen, schloss er von oben die Öffnung. So schnell konnte sie nicht reagieren, wie die Dunkelheit sie plötzlich gefangen nahm.

Schritte. Da kam jemand. Sie kamen immer näher. Lenja hielt die Luft an. Waren das wirklich schon die Elben?

Dumpf konnte sie Stimmen durch das Holz wahrnehmen. Sie konnte nichts verstehen. Sie wurden immer lauter und als sie überlegte, ob dies Sindarin war, wurde ihr Fass bereits in die Höhe gehoben. Es musste so sein, denn auch wenn sie nichts sah, bewegte sich doch ihr Aufenthaltsort. Lenja schlug sich die Hände vor den Mund ,um nicht vor Schreck aufzuschreien. Hoffentlich würde niemand das Gewicht bemerken und nachschauen, warum die Fässer nicht so leicht wie vielleicht sonst waren. Und ehe sie sich an das merkwürdige Gefühl getragen zu werden gewöhnen konnte, rauschte sie auch schon wieder in die entgegengesetzte Richtung. War sie soeben in den Fluss geworfen worden?

Schmerzhaft war sie zu Boden gegangen. Sie war ziemlich tief eingedrungen, nur um kurz darauf wieder zurück gefedert zu werden. Ihren Ellbogen und den Kopf hatte sie sich am Holz gestoßen. Sie lag auf der Seite. Oder besser gesagt, das Fass indem sie sich befand. Ohne zu wissen, was nun auf sie zukam, versuchte die Zwergin zu lauschen. Waren die Elben immer noch da? Hatte man die anderen Zwerge auch in den Fluss geworfen? Oder hatte man sie aufgrund ihres höheren Gewichts erkannt? Und was war mit Bilbo? Wie wollte er denn nun entkommen, wenn er nicht bei ihr mit im Fass saß? Wie sollte es denn nun weitergehen? Wie konnte der Fluss sie nun in die Freiheit...

In Durins Namen! Sie bewegte sich. Wie, wusste sie nicht. Erst langsam und dann mit einer Schnelligkeit, die die Zwergin niemals erdacht hatte. Es wurde immer schneller. Ihr Fass drehte sich immer wieder um sich selbst. Sie wurde unsanft gegen die Ummantelung gedrückt. Immer wieder rollte sie um sich selbst und schlug mit ihren Knochen heftig gegen das Holz. Ihr wurde schlecht. Langsam aber sicher wurde ihr übel. Sie hatte es noch nie gemocht, rasant die Richtungen zu wechseln. Als Zwergling hatte sie zwar freudig aufgejauchzt, wenn Dwalin sie hochwarf, um sie kaum später in seinen Armen wieder aufzufangen. Aber damals war sie deutlich jünger und sich ohne etwas zu sehen mehrmals kurz hintereinander um die eigene Achse zu drehen, war dann doch etwas ganz anderes. Auch das Augenschließen half nicht. Es machte es weder besser noch schlechter. Ihr war speiübel. Doch sie durfte sich nicht übergeben. Fest versuchte sie gegen das Gefühl anzukämpfen. Durch die Nase ein- und ausatmen. In regelmäßigen Zügen. Eine ganz schlechte Idee. Der Geruch von gegorenen Äpfeln kroch in ihr empor. Sie schluckte mehrmals, um dem Würgreflex nicht nachgeben zu müssen.

Oh bei Mahal, womit hatte sie dies nur verdient?
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